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Full text of "Geschichte der Aufhebung der Leibeigenschaft und Hörigkeit in Europa bis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts"

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UND 



HÖRIGKEIT II EUROPA 



BIS 



UM DIE MITTE DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS. 



VON 



SAMUEL SUGENHEIM. 

// 



Eine von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1860 
gekrönte preisschrift. 



Motto: The politkal stalp of a counlry will powerfully affecl its 
agriculture. Security and liberly at a moderate price are. 
essenlial to Ihe prospority of agricullure, even niore so tban 
lo (hat of nianufactures or commerce. 

London, Encyclopaediä of agriculture p, 207 
third Edit. London 1835). 



ST. PETERSBURG 18(51. 

Gommissionäre der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften: 
in St. Petersburg in Riga in Leipzig 

Eggers et Comp., Samuel Schmidt, Leopold Voss. 

Preis; 2 Rbl. 10 Kop. = 2 Thlr. 10 Ngr. 



ftrfetd tu Soviel Dfiltt 






Gedruckt auf Verfügung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 

fm December 1861. 

K. Vesselofski, 
beständiger Secretär. 






/// 



INHALTS-UBERSICHT. 



Einleitung S. 1— 18 

Erstes Buch: Spanien und Portugal 19 — 78 

Erstes Kapitel 19— 36 

Wohlthätiger Einfluss der Eroberung der pyrenäischen Halbinsel 
durch die Saracenen auf das Loos der Bauern; frühzeitige Umwand- 
lung der Leibeigenschaft in milde Hörigkeit und Erbpacht durch die 
Fueros; Ausnahmen in Aragonien und Catalonien und ihre Gründe. 
Zweites Kapitel 36 — 59 

Wesentliche Verschlimmerung der Lage der Agrikultur-Bevölke- 
rung Spaniens im XVI und ihr Zunehmen bis zum Anfange des 
XVIII Jahrhunderts; Ursachen und Wirkungen dieser Rückschritte 
für den Staat, die Landwirthschaft und die Grundbesitzer. 
Drittes Kapitel 60— 78 

Reformbemühungen der spanischen Bourbonen während des 
XVIII Jahrhunderts, ihr Scheitern au dem Widerstände des Adels 
und der Geistlichkeit und dessen Folgen. Neubildung eines freien, 
obwol nur theilweise auch grundbesitzenden Bauernstandes durch 
die Revolution des XIX Jahrhunderts und deren Eiufluss auf den 
Staat und die Landwirthschaft; Portugals bäuerliche Zustände seit 
dem Ausgange des Mittelalters bis zur Gegenwart. 

Zweites Buch: Frankreich 79 — 187 

Erstes Kapitel 79 — 107 

Wohlthätige Einwirkung des Feudalismus auf die Lage der Leib- 
eigenen, deren Ursachen und Folgen für den Staat und die Boden- 
kultur. Pflichten und Leistungen der französischen Bauern im stren- 
gen, noch durch Nichts gemilderten Feudalzustande. 
Zweites Kapitel 107—142 

Einfluss der Kreuzzüge, der Geistlichkeit und der Bürgerschaften 
auf die Lage des Bauernstandes. Bedeutung und Umfang der Freilas- 
sungen im zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Sinn und Charak- 
teristik der oft vorbehallenen seltsamen und lächerlichen Obliegen- 
heiten der Freigelassenen. Mannigfache Abstufungen des durch die 
Freilassungen entstandenen halbfreien Bauernstandes. Dorfrechte; 
Politik der Capetinger hinsichtlich der Agrikultur-Bevölkerung; die 
Bürger des Königs. Massenhafte Freilassungen seit dem Ende des 
dreizehnten Jahrhunderts, schlechter Fortgang derselben seit der 
Mitte des vierzehnten und dessen Ursachen. Denkwürdige Bekennt- 
nisse französischer Seigneurs. Einfluss der Erstarkung der Königs- 
macht, Ludwigs XI und der Parlamente auf die Lage des Landvolkes. 
Drittes Kapitel 142 — 162 

Zustände der Agrikultur-Bevölkerung vom Anfange des sechzehn- 
ten Jahrhunderts bis zur Regierung Ludwigs XIV, und ihre Lage 
während dieser. Die Grands Jours der Auvergne vom J. 1665. Cha- 
rakteristik der Verhältnisse des Landvolkes zur Zeit der Thronbe-, 



IV 

Steigung Ludwigs XVI. Reformversuche dieses Monarchen; Scheitern 
derselben an dem Widerstände des Adels, der Klerisei und der Par- 
lamente. Turgots denkwürdige Aeusserungen über die Frohnden und 
prophetische Mahnungen. 

Viertes Kapitel 162 — 187 

Erhebuug des Landmannes zum völlig freien Grundbesitzer 
durch die Revolution v. 1789; verspätetes Reifen ihrer Früchte 
für den Bauer durch das beklagenswerthe, aber unvermeidliche Ver- 
kennen der Gränzlinie zwischen dem Gebrauche und dem Miss- 
brauche der Freiheit; der Brand der Paläste ergreift auch 
die Hütten. Das Maximum und die Assignaten; permanente Hun- 
gersnoth im freien Frankreich Grösse der Opfer, die Napoleon I 
von diesem, und namentlich von seinem Landvolke heischte. Rasches 
Verwinden derselben; statistische Vergleichung der Bevölkerungs-, 
Finanz- und Creditverhältnisse der französischen Monarchie im XVIII 
und im XIX Jahrhundert. Einfluss der Freiheit der Arbeit und des 
Eigenthums, so wie der Neubildung eines bäuerlichen Mittelstandes 
auf den Staat und die Landwirtschaft. Lage des französischen Adels 
vor der grossen Umwälzung von 1789 und in der Gegenwart; sein 
reeller Gewinn durch die Consequenzen jener 

Drittes Buch: Italien 188 — 271 

Erstes Kapitel 188 — 207 

Der italienischen Republiken Einwirkuug auf die Verhältnisse des 
Landvolkes; die Masnaderii. Umwandlung der Erb- in Zeitpächter, 
deren Gründe und Wirkungeu. Zusammenlegen der Grundstücke am 
frühesten in Parma. Aufhebung der Leibeigenschaft wie der per- 
sönlichen Hörigkeit in den Freistaaten Wälschlands, am frühesten 
in Bologna, Treviso und Florenz, deren Ursachen und Moda- 
litäten. Wesentliche Verschlimmerung der Lage der Agrikultur-Be- 
völkerung Hesperiens seit der Hegemonie der spanischen Linie 
des Hauses Habs bürg auf der Halbinsel; Entstehung und rasche 
Ausbreitung der Fideicommisse. 

Zweites Kapitel 207 — 220 

Lage der ländlichen Bevölkerung der Lombardei und Tosca- 
na's unter den spanischen Statthaltern und den Mediceern. Grosse 
Verdienste der Dynastie Habsburg-Lothringen um den Bauern- 
stand dieser Provinzen; eben so weise, als einfache Mittel Marien 
Theresiens und Peter Leopolds zur Hebung der Landwirtschaft. Der 
mailändische Kataster und die lombardische Gemeinde-Verfassung 
und deren Wirkungen. Abschaffung der Frohnden und Fideicom- 
misse, Umwandlung der Zeit- in Erbpächter in Toscana. Blühender 
Zustand dieses Grossherzogthums in der Lombardei gegen Ausgang 
des achtzehnten Jahrhunderts. 

Drittes Kapitel 221-247 

Die Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung des Königreichs 
beider Sicilien im frühen Mittelalter und unter der Herrschaft der 
Normannen und Hohenstaufen Bedeutende Verschlimmerung ihrer 
Lage unter den Angiovinen und Aragonescn, deren Ursachen und 
Folgen. Die spanischen Viceköuige Neapels und Siciliens und die 
Verhältnisse der Agrikultur-Bevölkerung dieser Länder in ihren Ta- 
gen. Erfolglosigkeit der Reform versuche der Bourbonen und deren 
Gründe. Schauderhafte Lage des Bauernstandes der sicilischen Mo- 
narchie noch gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Die damali- 
gen und früheren bäuerlichen Zustände im Kirchenstaate, im 
Königreiche und namentlich auf der Insel Sardinien. 

Viertes Kapitel • 247 — 271 

Einwirkung der französischen Revolution v. 1789 auf die 
Verhältnisse der Agrikultur-Bevölkerung Wälschlands und nament- 



lieh Neapels. Die Reformen der Napoleonideu; die gleichzeitigen ein- 
schläglichen Vorgänge auf der Insel Sicilien. Die Restauration der 
• alten Herrscher nach dem Sturze Napoleons I, deren Folgen für den 
Landmann und die Landwirthschaft. Verfügungen der beiden Ferdi- 
nande und Franz I zur Verbesserung der Lage der ländlichen Bevöl- 
kerung Siciliens und deren Resultate; ein auf die italienischen Für- 
sten besonders anwendbarer Ausspruch des Grafen St. Germain. Die 
gegenwärtigen Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung Hesperiens; 
das System der Zeitpacht und seine Wirkungen. Ungeheuerer politi- 
scher Fehler der meisten Regenten der Halbinsel; dessen Ursache 
und Folgen. Die bäuerlichen Zustände im Königreiche und beson- 
ders der Insel Sardinien vom Sturze Napoleons I bis zur Jetztzeit; 
Karl Alberts Reformen. 

Viertes Buch: Grossbritannien und Irland 272 — 349 

Erstes Kapitel 272 — 295 

Frühzeitige Entstehung eines freien ländlichen Mittelstandes in 
England aus Anlass der Eroberung desselben durch die Normanneu; 
die Sokemanen ; die Bogenschützen. Wesentlicher Unterschied zwi- 
schen dem Feudal-System Albions und dem des Continents uud da- 
her rührende Stärke der Köuigsmacht bis zur Magna Charta; Entste- 
hung des Unterhauses. Einfluss dieser Verhältnisse auf die Lage der 
leibeigenen und hörigen Bevölkerung Englands; frühzeitige Beschrän- 
kung der Gewalt der Leib- und Grundherren durch die Gerichtsyer- 
fassung und die Amerciameuts. Antheil der britischen Geistlichkeit 
an den Freilassungen; massenhafte Umwandlung der Leibeigenen in 
Copyholders seit Heinrich III. Freie ländliche Arbeiter seit Eduard III; 
der Aufstand vom J. 1381; dessen Ursachen und Verlauf. 
Zweites Kapitel 295 — 322 

Einwirkung der euglisch-französischen und der Rosen-Kriege 
auf das Geschick der Agrikultur-Bevölkerung. Deren Lage am Ende 
des Mittelalters. Die ersten Tudors, die Reformation und das Landvolk. 
Erlöschen und völliges Obsoletwerden der Leibeigenschaft und 
Hörigkeit, die in England noch zur Stunde durch kein Ge- 
setz aufgehoben sind. Die vier Klassen der ländlichen Bevölke- 
rung seit dem Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts. Einflusslosig- 
keit der Stürme des siebzehnten auf deren Verhältnisse wie auf die 
des Grundbesitzers. Um so bedeutendere Einwirkung des achtzehn- 
ten und des folgenden auf letztere; deren Gründe. Die verschiedenen 
Klassen der Farmers. Britannien das Mutterland der rationellen Land- 
wirtschaft und warum? Das Verhältniss zwischen den Besitzern und 
den Bearbeitern des Bodens verglichen mit dem in den Reichen des 
Continents. Albions fortwährend steigende Grösse als Agrikultuj- 
Staat trotz der geringen Gunst des Klima und der ungeheueren Be- " 
lastung der Landwirtschaft; die Armentaxe. Ablösung der Zehuten. 
Umwandlung der Copyholders in Freeholders. Abschaffung der briti- 
schen Kornzölle im J. 1849, deren Einfluss auf die Grundbesitzer 
und die Landwirthschaft. 
Drittes Kapitel 322—349 

Schottlands bürgerliche Zustände im Mittelalter uud nach der er- 
folgten Union mit England; Fletchers merkwürdiger Vorschlag; die 
Patrimonial-Gerichtsbarkeit des schottischen Adels. Einwirkung der 
Schlacht bei Culloden auf Caledoniens ländliche Bevölkerung: die 
legislativen Massnahmen von 1747—1752 und deren Einfluss auf 
die Landwirthschaft. Jämmerlicher Zustand dieser wie des Landvolkes 
überhaupt noch um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts; seitdem 
erfolgte Metamorphose derselben und der Agrikultur-Bevölkerung; 
ungeheuerer dem Adel daraus erwachsener Gewinn. Ir- 
lands Bauernstand im Mittelalter; schmähliche Politik der britischen 
Monarchen; das Statut von Kilkenuy. Die Reformation; die Gonfisca- 



VI 

tionen; die Popery-Laws von 1703 — 1709 und deren Folgen; die 
Whiteboys. Die Union und die Emancipation der Katholiken; geringer 
Einfluss beider auf die Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung und 
dessen Gründe. Die Ternybegs; die bäuerlichen Proletarier Irlands; 
der Absenteeismus und die Ejectments; Folgen dieser Verhältnisse 
für die Landwirtschaft und die Grundbesitzer. Mächtiger Umschwung 
der Dinge seit dem J. 1849 durch die Renewable Leasehold Conver- 
sion und die Incumbered Estates Acte. 

Fünftes Buch: Deutschland, einschliesslich der ausserdeutschen 
Länder der österreichischen und der preussischen 

Monarchie 350—499 

Erstes Kapitel 350—375 

Einwirkung der deutschen Städte, der niederländischen Kolonien 
und der belangreichen Auswanderungen deutscher Bauern auf die 
Zustände der Agrikultur-Beyölkerung Germaniens; deren Lage in 
den beiden^letzten Jahrhunderten des Mittelalters. Wesentliche Ver- 
schlimmerung derselben durch die Einführung des römischen Rechts; 
eigentliche Ursachen und Bedeutung des grossen Bauernkrieges y. 
1525. Gestaltung der Verhältnisse nach demselben; des dreissigjäh- 
rigen Krieges überaus giftiger, lange nachwirkender Einfluss auf das 
Loos der ländlichen Bevölkerung. Charakteristik der innern Politik 
der deutschen Fürsten von der Mitte des siebzehnten bis zur Mitte 
des achtzehnten Jahrhunderts und deren Folgen für den Landmann. 

Zweites Kapitel 376 — 408 

Die ersten Anschritte zum Bessern in Preussen unter den Kö- 
nigen Friedrich I und Friedrich Wilhelm I; des Letztern gutgemeinte, 
aber unverständig ausgeführte Massnahmen und daher rührendes 
geringfügiges Resultat derselben. Friedrichs des Grossen Be- 
mühungen im Interesse des Landvolkes und der Landwirthschaft und 
deren Ergebnisse; die königlichen Beamten; merkwürdige Denk- 
schrift des pommer'schen Adels. Marien Theresiens Vorkehrun- 
gen zur Verbesserung der Lage des Landvolkes: die Robot- und Ur- 
barial-Patente ; der Bauernaufstand in Böhmen im J. 1775. Zustäude 
der Agrikultur-Bevölkerung Ungarns im Mittelalter und bis zur 
Regierung Marien Theresiens; der Letztern Urbarial- Ordnung und 
deren Resultate. Aufhebuug der Leibeigenschaft durch Kaiser 
Joseph II; Gründe des Misslingens dieses Versuchs. Die Vorgänge 
in Ungarn in seinen letzten Lebenstagen und unter Kaiser Leopold II 
und deren Rückwirkung auf die Bauern-Angelegenheit in den übri- 
gen Provinzen der österreichischen Monarchie. Des Adels Triumph 
mit alleiniger Ausnahme des gali zischen. Des polnischen Land- 
volkes Verhältnisse im Mittelalter und bis zur ersten Theilung des 
Sarmatenreiches. Friedrichs des Grossen und Kaiser Josephs II Mass- 
nahmen zur Verbesserung des Looses der Bauern ihrer polnischen 
Erwerbungen. Gründe Leopolds II und seines Nachfolgers zur Beibe- 
haltung des josephinischen Systems in Galizien. Die übrigen deut- 
schen fürstlichen Reformers der bäuerlichen Zustände in der zweiten 
Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts; Gesammt-Ergebniss der dies- 
fälligen Bestrebungen. 

Drittes Kapitel 409 — 444 

Einwirkung der französischen Revolution von 1789 und 
des Rheinbundes auf die Verhältnisse des deutschen T dndvolkes; 
die dasselbe betreffende Gesetzgebung des Königreichs Westphalen 
und der übrigen Rheinbundstaaten. Preussens bäuerliche Zustände 
vom Tode Friedrichs des Grossen bis zur Katastrophe von 1806; 
Friedrich Wilhelms III edle Entschlüsse und Reformen vor 
dieser. Erweiterte und beschleunigte Ausführung derselben nach 
dieser- die Edicte v. 9. Okt. 1807 und 14. Sept. 1811 und deren 



VII 

Einfluss auf Preusseus Wiedergeburt. Bedeutung der veränderten 
Lage der ländlichen Bevölkerung dieses Staates für das übrige 
Deutschland; wunderliches Bunterlei der bäuerlichen Zustände Ger- 
maniens nach dem Sturze Napoleons I. Adel und Landvolk in Süd- 
deutschland; die süddeutschen Verfassungen von 1818 — 1820; 
die Bauernfrage in Baden und Würtemberg. Mecklenburgs 
bäuerliche Verhältnisse vor und seit dein dreissigjährigen Kriege bis 
zur Aufhebung der Leibeigenschaft im J. 1820. Wertlosigkeit der- 
selben und ihre Gründe; Zustände der Agrikultur-Bevölkerung dieses 
Landes nach ihrer seinsollenden Emancipation bis zur Gegenwart, 
und deren Folgen für den Staat und die Landwirtschaft. Contrastim 
Oldenburg'schen, dessen Ursachen und Resultate. 

Viertes Kapitel 444 — 464 

Hannovers, Sachsens und Kurhessens bäuerliche Zustände 
von 1815 — 1830. Einfluss der Juli -Revolution auf dieselben wie 
auf die der süddeutschen Mittelstaaten. Ablösungsgesetze und 
deren gemeinsamer wesentlicher Maugel. Widerstand der Aristokratie 
und namentlich der Standesherren unter Mithülfe des Bundestages 
gegen dieselben und dessen Folgen. Das Sturmjahr 1848, seine Ein- 
wirkung auf die Ablösungsfrage und die Ablösungsgesetze. Der Gang 
der Dinge in den deutschen Kleinstaaten. 

Fünftes Kapitel . . , 464—483 

Preussens Junkerthum und Bauernstand von 1811 — 1815. 
Friedrich Wilhelms III retrograde Tendenz; die Declaration v. 29. 
Mai 1816 und die Ablösungsordnungen seit 1821. Fortdauer der Pa- 
trimonial-Gewalt des Adels, deren Bedeutung und Einfluss auf das 
Ablösungswerk; dessen Stand in den JJ. 1838 und 1848. Der Sturm 
des letztern Jahres und dessen Ergebnisse. Des österreichischen 
Kaiserstaates bäuerliche Verhältnisse von 1792 — 1848; Theorie und 
Praxis inUngarn und Siebenbürgen; Bekenntnisse böhmi- 
scher undungarischerEdelleute hinsichtlich der Frohn- 
dienste; Graf von Ostein und seine Erfahrungen. Folgendes Stabi- 
litätsprincips der Regierung für die Grundherren; merkwürdige Ge- 
ständnisse des mährischen Landtags vom J. 1847. Die Revolution 
von 1848 und deren Resultate 

Sechstes Kapitel 483 — 499 

Vergleichende Charakteristik der deutschen Ablösung^ gesetze, 
ihrer Vorzüge und Mängel; die Rentenbanken. 
Sechstes Buch: Skandinavien einschliesslich der deutschen Her- 
zogthümer der dänischen Monarchie, die Schweiz, 
die Niederlande und Belgien 500 — 543 

Erstes Kapitel 500—513 

Die Sklaverei im heidnischen Skandinavien; grosser Einfluss 
der christlichen Kirche auf deren Beseitigung; ihre gesetzliche 
Aufhebung in Schweden, ihr Obsoletwerden in Dänemark und 
Norwegen. Ursachen der Erhaltung eines freien Bauernstandes in 
diesem Lande wie in Schweden und deren bedeutender Einfluss auf 
des Letztern langjährige Hegemonie im Norden und europäische 
Grossmacht- Stellung. Völlig verschiedene Gestaltung der Verhältnisse 
der Agrikultur-Bevölkerung in Dänemark in den letzten Jahrhunder- 
ten des Mittelalters und deren Gründe. Krone, Adel und Bauer im 
Dänenreiche bis zum .Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts; dama- 
lige Lage der ländlichen Bevölkerung desselben und der deut- 
schen Herzogthümer. 

Zweites Kapitel 513 — 529 

König Christians IV fruchtlose Versuche zur Aufhebung der Leib- 
eigenschaft. Friedrichs IV völlig illusorische Verfügung dieser; das 
Schollband und seine successive Verschärfung. Erfreulicher Gegen- 



VIII 

salz in den deutschen Herzogtümern; liier ^eseheheu die 
ersten Anschritte zur Beseitigung der Leibeigenschaft vom Adel. 
Merkwürdige Druckschrift des Grafen Hans vou Rantzau. Verdienste 
der holsteiu-gottorfischen Regierung und König Friedrichs VI um 
Verbesserung der Lage des Bauernstandes; denkwürdige Aeusserung 
des Letztern als 19jähriger Prinzregent. Aufhebung des Schollbandes 
und übrige damit zusammenhängende Verfügungen in Dänemark. 
Allgemeine Aufhebung der Leibeigenschaft in den deutschen Her- 
zogthümern; weise Vorkehrungen zur Erhaltung der Bauern auf 
ihren Höfen; die Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung Lauen- 
burg s. Rasche Zunahme der bäuerlichen Grundeigenthümer im Dä- 
nenreiche; Verdienste seiner Proyinzialstände um Beseitigung der 
letzten Reste der frühern Unfreiheit des Laudvolkes Merkwürdiger 
und fast unglaublicher Aufschwung der Landwirtschaft seit der 
Emancipation desselben. 

Drittes Kapitel 529 — 543 

Eigenthümliche Gestaltung der bäuerlichen Verhältnisse in der 
Schweiz. Rühmlicher frühzeitiger Vorgang Berns in Lösung der 
Fesseln der Agrikultur-Bevölkerung. Zürichs Nachfolge in der 
Reformationszeit. Hässlicher Gegensatz der Kantone Basel und 
Solothurn. Die Bauern in den «gemeinen Herrschaften» und in 
den geistlichen Gebieten. Verspätete und umschränkte Concessionen 
der Oligarchen Solothurns und Basels in den JJ. 1785 und 1790. 
Endliche allgemeine Beseitigung der Unfreiheit des Landvolkes 
durch die Helvetische Republik im J 1798; thörichte Ablösungsge- 
setze dieser, und deren Ersetzung durch zwar billigere aber oft an 
dem entgegengesetzten Fehler laborirende in der Mediationszeit 
Langsamer Fortgang des Ablösungsgeschäfts in den meisten Kanto- 
nen; rühmliche Ausnahme des Kantons Waadt und deren Ursache. 
Frühzeitiges Obsoletwerden der Leibeigenschaft und Hörigkeit 
in den Niederlanden und Belgien, mit Ausnahme weniger 
Provinzen; arger Rückschritt iu den belgischen unter spanischer 
' Herrschaft. Glückliche Lage der Bauern im Gebiete der niederländi- 
schen Republik; Marien Theresiens grosse Verdienste urj Belgiens 
Landvolk und Landwirtbschaft. 



EINLEITUNG. 



Graf Boulainvilliers und andere französische Schriftsteller des vori- 
gen Jahrhunderts haben die Entstehung und allgemeine Verbrei- 
tung der Leibeigenschaft im romanisch -germanischen Europa vor- 
nehmlich vom Rechte der Eroberung, in der Hauptsache davon hergelei- 
tet, dass die deutschen Stämme, welche auf den Trümmern des von ihnen 
zerbröckelten römischen Westreiches neue Staaten gründeten, die vorge- 
fundenen Bewohner ihres Grundbesitzes beraubt und zu Sklaven gemacht 
hätten; sonach waren diese die Vorfahren der Bürger und Bauern, jene 
die Stammväter des Adels 1 ). Wie glaubwürdig diese Meinung oberfläch- 
licher Betrachtung sich nun auch darstellen mag, so unhistorisch und ganz 
unbegründet erscheint sie doch bei näherer Prüfung. Denn wir wissen 
jetzt durch die neuesten verdienstlichen Ermittlungen zumal deutscher und 
französischer Gelehrten 2 ) , dass jene weltstürmenden Söhne Germaniens (mit 
alleiniger Ausnahme der Vandalen in Afrika) ihrer uralten Sitte gemäss 3 ), 
theils wie z. B. die Burgunder und Westgothen, zwei Drittel alles Grund- 
besitzes in den eroberten Landschaften für sich nahmen, und das übrige 
den unterworfenen Römern Hessen; theils, wie die Heruler und Ostgo- 
then, mit einem Drittel sich begnügten. Und von dem historisch wich- 



1 ) «Es war übrigens,» bemerkt sehr richtig Mob.], Gesch. u. Literatur d. Staatswissen- 
schaften, Bd. HI, S. 39. (Erlangen 1855 — 58. 3 Bde.) «nicht etwa blosser Standeshoch- 
muth, welcher ihm (Boulainvilliers) dieses beleidigende und die Bevölkerung Frankreichs 
in zwei Stämme yon sehr ungleicher Ehre und Berechtigung spaltende System eingab ; 
sondern es lag ein staatliches Gefühl, w r o nicht ein bestimmter Gedanke zu Grunde. Es 
sollte nämlich dadurch gegen die unbeschränkte königliche Herrschaft und die von der- 
selben immer weiter getriebene Beseitigung der politischen Rechte des Adels mittelbarer 
Weise eine Verwahrung eingelegt werden.» 

2 ) Besonders durch die von Gaupp: Die germanischen Ansiedlungen und Landthei- 
lungen in den Provinzen des römischen Westreiches (Breslau 1844); Laboulaye, Hist. du 
Droit de propriete fonciere en Occident (Paris, 1839), Pardessus, Loi salique (Ebend. 1843) 
und Lehuerou, Hist. des Institutions Merovingiennes (Ebend. 1843). 

3 ) Lehuerou a. a 0. p. 267. 

Sugenheini, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 1 



tigsten jener Erobererstämme, von den Franken, ist es ausser Zweifel f ), 
dass derselbe gar keine Theilung mit den eingebornen bisherigen Privat- 
besitzern von Grund und Boden vornahm, sondern nur den Theil dessel- 
ben sich aneignete, der bislang die Domainen der römischen Imperatoren 
gebildet, ihren Beamten und Soldaten, den durch den Krieg vertilgten 
oder ausgewanderten Familien gehört hatte. Einmal, weil schon dieser 
herrenlos gewordene Theil des eroberten Landes zur vollständigen Be- 
friedigung aller Gefährten König Chlodwigs ausreichte; dann, und vor- 
nehmlich, weil dieser zu einsichtig war, um seine Franken, die kaum 
den zehnten Theil der unterworfenen eingebornen Bevölkerung ausmachten, 
über das ganze weite Land zu zerstreuen 2 ). Denn nur wenn sie auf be- 
ziehungsweise engem Räume in Masse vereint blieben, konnten sie unter 
solchen Verhältnissen hoffen, dauernd die Rolle des herrschenden Vol- 
kes zu spielen; dass das Reich der Franken nicht, gleich so manch' an- 
deren der neugegründeten germanischen Staaten, schon nach kurzem Be- 
stände aus der Reihe derselben Avieder verschwand, dürfte gutentheils die- 
ser staatsklugen Mässigung seines Stifters zu danken sein. 

Nicht minder bodenlos erweist sich die Behauptung, die germani- 
schen Staatengründer hätten die bisherigen Bewohner der eroberten Pro- 
vinzen sammt und sonders zu Sklaven gemacht. Wol mag derjenige, in- 
dessen doch immer nur sehr kleine Theil derselben, der mit den Waffen 
in der Hand ergriffen wurde, oder gegen die neuen Gebieter des Landes 
nachmals sich hie und da zu empören wagte, der demgemäss als kriegs- 
gefangen betrachtet und nach altdeutschem Kriegsrecht behandelt wurde, 
von diesem Loose betroffen worden sein. Aber die grosse Masse jener 
Bevölkerungen, welche unter die Botmässigkeit der Eroberer sich geduldig 
schmiegte, blieb frei und hatte nach den Zeugnissen 3 ) der glaubwürdigsten 
Zeitgenossen im Ganzen so sehr Ursache mit ihrem Schicksale, mit dem 
Wechsel der Herrschaft zufrieden zu sein, dass viele Eingeborne die 
«Barbaren« herbei riefen, oder aus den noch römischen Gebieten in Ge- 



1 ) Zwar hält Gaupp a. a. 0. S. 416 es für «sehr wahrscheinlich,» dass auch die 
Franken eine Theilung mit den Proyinzialen Torgenommen, bleibt jedoch jede thatsäch- 
liche Begründung dieser Ansicht schuldig, weshalb ich der entgegenstehenden Behaup- 
tung Lehuerou's p. 268 sq., Laboulaye's p. 252 und Pardessus' p. 534 sq. um so unbe- 
denklicher beipflichte, da die von ihnen angeführten Gründe einleuchtend genug sind, 
und auch deutsche Forscher wie Mittermaier, Warnkönig und Roth (Gesch. d. Beneficial- 
wesens, S. 67 f., Erlangen 1850) dieser Meinung beitraten und sie zum Theil noch wei- 
ter motiyirten. 

2 ) Nach der treffenden Bemerkung Mannerts, Gesch. d. alten Deutschen, besonders 
d. Franken I, 108. 

3 ) Zusammengestellt bei Gaupp S. 70 und Lehuerou, Hist. des Institutions Merovin- 
giennes pp. 131. 251 sqq. 



genden flohen, die diesen unterthan geworden. Auch weiss man, dass 
letztere jenen, den sogenannten Römern, nach wie vor nach ihren bis- 
herigen Gesetzen, d. h. nach dem römischen Rechte, zu leben erlaubten, 
und ihnen meist sogar die Wahl Hessen, ob sie bei Geschäften oder 
Streitigkeiten unter einander nach dem genannten oder nach dem Ge- 
setze ihrer neuen Herren gerichtet Averden wollten, und ebenso, dass die 
Unterworfenen von letzteren sehr oft mit bedeutenden Aemtern betraut 
worden sind 1 ). 

Es ist nicht eben schwer, die Gründe aufzufinden, welche die ger- 
manischen Eroberer bestimmten, die Bevölkerungen der gewonnenen 
Länder so milde zu behandeln. Das Hauptmotiv mag wol darin zu su- 
chen sein, dass die Zahl der deutschen Staatengründer zu der ihrer 
neuen Unterthanen überall in einem ähnlichen Missverhältnisse stand, wie 
das eben berührte der Franken zu der eingeborenen Bevölkerung Galliens 
war. So zählten z. B. die Ostgothen zur Zeit, wo sie über Italien mit 
Sicilien, über Rhätien, Noricum, Dalmatien, Istrien, Liburnien, Panno- 
nien und einen Theil Frankreichs herrschten, nicht mehr als 200,000 
streitbare Männer 2 ). Zweitens ist es zwischen den verschiedenen deut- 
schen Völkerschaften selbst, die das Reich der weströmischen Cäsaren 
zertrümmerten, gar bald nach ihrer Besitznahme der errungenen Provin- 
zen zu heftigen und häufigen Kämpfen gekommen, weil jene, je näher 
sie diese kennen lernten, auch von dem wachsenden Verlangen ergriffen 
wurden, deren noch mehrere zu erwerben; jeder Volksstamm glaubte, 
er sei bei der Theilung des römischen Riesenleibes zu kurz gekommen. 
Wollten nun die einander bekriegenden Söhne Germaniens verhüten, dass 
der drohende neidische Bruderstamm in den unterworfenen, an Zahl ihnen 
so überlegenen Eingebornen bereitwillige Bundesgenossen finde; wollten sie 
verhüten, dass diese die günstige Stunde, wo der Kampf gegen einen ge- 
fährlichen äussern Feind die Kräfte ihrer neuen Gebieter ganz in An- 
spruch nahm, dazu benützen möchten, der Botmässigkeit derselben sich 
zu entschlagen, so war vor Allem erforderlich, den Besiegten die Herr- 
schaft der Sieger erträglich, nicht verhasst zu machen. Drittens nöthigte 



1 ) Zumal von deu Franken, bei welchen les Romains exercerent souvent les fonctions 
de ducs, de comtes, d'ambassadeurs, et'furent decores du titre de leudes, ä cöte des 
Francs. Freilich fast mehr von den Umständen dazu gezwungen, als um sie zu ehren: on 
se servit d'eux, on ne youlait pas les honorer. Les rois, surtout dans les premiers temps, 
leur donnerent des Offices que la rudesse et l'ignorance des Francs n'auroient pu remplir. 
Naudet, de Fetat des personnes en France sous les Rois de la premiere race: Memoires 
de l'Institut, Acad. des Inscript. et Belles-Lettres T. VIII, pp. 496. 502. Vergl. noch Roth, 
Gesch. des Beneficialwesens S. 82. 

2 ) Meiners, Gesch. d. Ungleichheit der Stände I, 62. 

* 



hierzu auch der Umstand, dass den neuen Herren des Landes die ein- 
heimischen, gleichsam acclimatisirten Land- und Hauswirthe unentbehr- 
lich waren. Je tüchtiger nämlich die erobernden Kriegerhorden das 
Schwert zu führen, die Provinzen zu verwüsten verstanden, desto we- 
niger wussten sie mit dem Anbau des ihnen ganz unbekannten Bodens 
umzugehen. Eben darum begegnen wir auch im spätem Mittelalter, in 
den Zeiten der Kreuzzüge, einem ganz gleichen Verfahren der Franzosen, 
Deutschen und Italiener, die in Palästina und in den Provinzen des by- 
zantinischen Kaiserthums neue abendländische Reiche gründeten, wie 
denn z. B. die tapferen französischen Ritter, die im Beginne des drei- 
zehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden Moreas einen neuen 
occidentalischen Staat errichteten, über das eroberte Land 1 ) ebenso ver- 
fügten und seine BeAvohner ebenso behandelten, wie ihre Väter über 
sieben Jahrhunderte früher mit Gallien und dessen Eingebornen gethan. 
Kein Zweifel mithin, das schwere Gebreste fast allgemeiner Knechtschaft 
der zahlreichsten und unentbehrlichsten Klasse ihrer Bevölkerungen, an 
welchem die von den Germanen auf den Trümmern des römischen West- 
reiches neu errichteten Staaten so lange litten, ist nicht die giftige Frucht 
der Eroberung des erstem durch jene gewesen. Und in der That ent- 
floss es ganz anderen Quellen, deren unbefangene Betrachtung zu dem 
überraschenden Resultate führt, dass nicht die Nachkommenschaft der un- 
terworfenen Römer, der Besiegten, sondern die der deutschen Staaten- 
gründer, der Sieger, die bei weitem überwiegende Mehrheit der Leibei- 
genen bildete, trotzdem dass die Germanen in allen Provinzen des zer- 
bröckelten Römerreiches mit den Ländereien, die sie sich dort aneigne- 
ten, auch eine Masse von Sklaven, deren seitherige Bebauer, überkommen 
hatten. Denn in allen Theilen des römischen Kaiserthums gab es be- 
kanntlich eine so ungeheuere Menge Leibeigener, dass schon der berühmte 
Rechtsgelehrte Ulpian (f 228) dem damaligen Beherrscher desselben, 
Alexander Severus, die Wiedereinführung der ausser Uebung gekomme- 
nen auszeichnenden Tracht der Sklaven deshalb widerrieth, weil diese 



x ) Bezüglich desselben bestimmte ein im J. 1206 zwischen den französischen Erobe- 
rern und den Moraiten abgeschlossener Vertrag, dass: les terres (Domainen) imperiales 
furent mises avant tout dans les mains des Framjais; puis dans les lieux propres ä fouder 
de grands fiefs, propres ä assurer la soumission du pays, on fit reserye de quelques do- 
maines, que sacrifierent les proprietaires grecs afin de pouvoir conserver le reste de leurs 
biens. ... II fut stipule de plus, qu'on payerait au chef franc les memes impots, et qu'on 
ferait le meme Service auquel on etait tenu jusque-lä envers Tempereur de Constan- 
tinople. A ces conditions ils (die Moraiten) furent maintenus dans leurs proprietes con- 
formement au rang et aux Mens de chacun d'eux. Buchon, Hist. des conquetes et de l'eta- 
blissement des Francis dans les etats de l'ancienne Grece T. I, p. 59 (Paris 4846). 



5 

hierdurch ihr numerisches Uebergewicht gar zu leicht gewahren und zu 
gefährlichen Anschlägen verleitet werden könnten; auch weiss man, dass 
z. B. 'die Bevölkerung Galliens zur Zeit seiner Eroberung durch die 
Franken zu zwei Drittheilen aus Sklaven bestand '). 

Die erste Quelle des reichen Zuwachses, den diese beklagenswerthe 
Menschenklasse in den neueuropäischen Reichen, aus den Reihen ihrer 
Gründer selbst, bereits in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters er- 
hielt, ist darin zu suchen, dass, wie bei den anderen Nationen des Alter- 
thums, so auch bei den alten Germanen schon das strenge Gesetz galt, 
welches mit gewaffneter Hand ergriffene Feinde, Kriegsgefangene, 
denen man das Leben schenkte, zum völligen Eigenthum ihrer Besieger, 
total abhängig von deren Willkühr machte. Die zwischen den verschie- 
denen deutschen Völkern selbst, wie oben berührt, in den ersten Jahr- 
hunderten nach Zertrümmerung der weströmischen Monarchie häufig ent- 
brannten Kämpfe, die nicht seltenen Bürgerkriege, wie z. B. die der 
Theilkönige der Angelsachsen und Franken in den Tagen der Heptarchie 
und der Merowinger, die öfteren Empörungen der Unterthanen eines die- 
ser Fürsten zum Vortheile eines andern, führten, in Anwendung des be- 
regten strengen altdeutschen Kriegsrechtes, die jedesmal Ueberwundenen, 
eine Menge ursprünglich freier Germanen, in die Knechtschaft ihrer 
Ueberwinder. 

ZAveitens war Verlust der Freiheit schon bei den alten Deutschen 
die gesetzliche Strafe mancher Verbrechen und Vergehen; sogar 
Schuldner, die ihre Gläubiger nicht zu befriedigen vermochten, so wie 
die, deren Habe nicht ausreichte zur Bezahlung ihnen auferlegter Geld- 
bussen, verfielen in Knechtschaft, die allerdings, beiläufig bemerkt, bei 
jenen einen ungleich mildern Charakter trug, als bei den meisten Natio- 
nen des Alterthumes, und zumal bei den Römern. Diese betrachteten und 
behandelten ihre Sklaven bekanntlich nur als Vierfüssler, würdigten sie 
darum keines Wortes, sondern nur der Verständigung durch Zeichen, 
gaben altersschwache und kranke dem Hungertode preis, und verhängten 
um der leichtesten Vergehen willen die grausamsten Züchtigungen, ein 
martervolles Lebensende über jene Unglücklichen 2 ). Ganz anders, viel 



1 ) Renee, Condition des Esclayes dans la Gaule sous l'Empire romain: L'Investigateur, 
Journal de rinstitut historique T. I, p. 194 sq. (Paris 1834); überhaupt ein sehr beleh- 
render Aufsatz. 

2 ) Laboulaye p. 428 sq. Renee a. a. 0. p. 200: Si l'esclave tousse ou eternue, s'il 
hesite ä comprendre au moindre signe du maitre, il est chätie. 11 suffit d'un mouvement 
de colere et d'un mot pour qu'ü soü fustige jusqu'ä la mort^mis en croix, livre aux betes, 
precipite ou etrangle. Pour un vase casse, il est jete vivant dans les piscines, et devore 
par les lamproies. Ces poissons aiusi nourris en deyiendront plus delicats. 



6 

menschlicher wurden letztere von den rauhen Söhnen Germaniens schon 
in ihren Urwäldern behandelt. Bei diesen war ihr Verhältniss faktisch 
nichts weniger als ein sklavisches; zu häuslichen Verrichtungen, die bei 
den Deutschen damals schon, wie auch heut' zu Tage noch, häufiger als 
bei anderen Nationen Frau und Kinder besorgten, wurden sie nicht ver- 
wendet, sondern jeder wohnte auf seinem eigenen Hofe und hatte dem 
Herrn, von welchem er ihn erhalten, nur eine bestimmte Abgabe an Ge- 
treide, Vieh oder Kleidern zu entrichten; Schläge oder sonstige Misshand- 
lungen kamen selten vor; man sieht, es war eine dem römischen Kolonat 
sehr ähnliche Stellung, für welche Tacitus ') vielleicht nur deshalb des 
Wortes servus sich bediente, weil er von den Deutschen selbst, die dafür 
keinen andern römischen Ausdruck kennen mochten, es gehört hatte. Da 
nun die Gesetze, welche diese bald nach ihrer Ansiedelung in den Pro- 
vinzen des römischen Westreiches sich gaben, um die Heftigkeit der 
Leidenschaften 2 ) in den vielen siegestrunkenen, übermüthigen und des- 
halb auch händelsüchtigen Glücksrittern zu zügeln, den Betrag der Geld- 
bussen ausserordentlich steigerten, wie auch die Zahl der Missethaten, 
die mit Verlust der Freiheit geahndet wurden, bedeutend vermehrten, so 
ward auch hierdurch, und vornehmlich durch die hieraus häufig resulti- 
rende Unfähigkeit, jene zu erlegen, im Laufe der Jahre eine ganz erheb- 
liche Vergrösserung der Zahl der in Knechte verwandelten ursprünglich 
freien Söhne Germaniens herbeigeführt. Die bei weitem belangreichste 
aber unstreitig doch nur dadurch, dass mit diesen gesetzlichen Ursa- 
chen des Verlustes der Freiheit (welchen als dritte die, in der alten 
Heimath öfters vorgekommene, durch Spiel jetzt wol nur noch selten 
sich anreihen mochte, weil die reicher gewordenen Deutschen jetzt meh- 
rere- und andere Einsätze als ihre eigene Person besassen) frühzeitig 
schon leider nur zu erfolgreiche Versuche von verschiedenen Seiten zu- 
sammentrafen, durch Gewalt und List die Knechtschaft unter den ger- 
manischen Eroberern zu verbreiten, so wie verhängnissvolle, jenen 
ungemein förderlich gewordene Mängel der Kirchen- und Staats- 
verfassung. 



x ) Nach Birnbaums (die rechtliche Natur d. Zehnten, S. 121, Bonn 1834) scharfsin- 
niger Vermuthung. 

2 ) Die man am richtigsten würdigen lernt, si Ton considere. combien les yoies de 
fait etoient frequentes chez une nation oü les hommes de la plus haute condition se bat- 
toient et s'entre-tuoient ä la moindre dispute, et dans les lois de laquelle on yoit des 
titres entiers sur les meurtres qui avoient lieu dans les repas, sur les hommes assembles 
pour assaillir quelqu'un dans sa maison, et les dispositions sans nombre contre les larcins 
ou les toIs accompagnes de violence. Naudet a. a. 0. p. 565. Freilich nur in Beziehung 
auf die Franken; es findet aber nicht minder Anwendung auf die übrigen Erobererstämme. 



Der grösste Theil der Schuld lastet zweifellos auf dem, aus verdien- 
ten Kriegshauptleuten, den Würdenträgern, Günstlingen und der sonsti- 
gen Umgebung der neuen Könige nach und nach entstandenen Adel, 
der frühzeitig schon anfing, dem Eigenthum wie der Person der kleinen 
Gemeinfreien nachzustellen, ersteres unter den nichtigsten Vorwänden, 
oder durch offene Gewalt an sich zu reissen, und die seitherigen Besitzer 
hierdurch am wirksamsten zu nöthigen, ein bald mehr bald minder drü- 
ckendes Abhängigkeits-Verhältniss sich gefallen zu lassen, um jenes ganz 
oder theilweise zurückzuerhalten, um ferner ihren Lebensunterhalt zu ge- 
winnen. Mit nicht geringerer Lüsternheit, wenn schon mit weniger ge- 
waltsamen, aber eben deshalb um so gefährlicheren, weil ihren Zweck 
leichter erreichenden Mitteln verfolgte auch der Klerus gleichzeitig das- 
selbe Ziel. Die Religion, die dieser den Völkern des Mittelalters lehrte, 
war bekanntlich eine überwiegend äusserliche und vornehmlich darauf 
berechnet, der Herrsch- und Habsucht der Geistlichkeit grösstmöglichen 
Vorschub zu leisten. Darum schilderte sie denn auch den heiligen Ur- 
quell aller Dinge als einen überaus strengen Herrn und Gebieter ab, 
ausgestattet so ziemlich mit allen Schwächen und Leidenschaften der 
Erdengötter, namentlich aber mit der reizbarsten Empfindlichkeit, grossem 
Rachedurst und noch grösserer Habgier, indem Reue, Busse und Besse- 
rung nicht allein hinreichten, den Weltenvater zu versöhnen, es dazu viel- 
mehr, sogar von Kindern 1 ), wirklicher Opfer zeitlicher Güter bedürfe, 
die allein vollkommne Genugthuung dem höchsten Wesen zu geben ver- 
möchten. Diese an dessen Statt anzunehmen, sie nach seinem Willen 
und zu seiner Ehre zu verwenden, ward als der vornehmste Beruf der 
Klerisei, deren Stellung sonach als die der Vermittlerin zwischen Gott 
und den sündhaften Menschenkindern, sie als die Nachfolgerin Christi 
bezeichnet, ausgerüstet mit der unumschränktesten Gewalt über das dies- 



!) Wie man z. B. aus zwei merkwürdigen bei Muratori, Antiquitates Italicae med. 
aevi T. V, p. 619 sq. abgedruckten Urkunden entnimmt. In der einen Tom Jahre 794 
heisst es: Manifestum est mihi Adaldo infantulo filio b. m. Waltperti, quia dum forte 
aegritudo praeoecupatus videre, et me ad mortis periculo tendere yidere considerantes, me 
Dei omnipotentis misericordia pro redemptione anime mee, seeundum constitutionem 
sanete memorie Luitprand Bege, offero Deo et tibi Ecclesie beatissimi Sancti Martini in- 
fra haue Lucauam orbem fundato ubi domus Episcoporum esse yidetur, id est Casa ayita- 
tionis mee quem habere videor in loco Arme Casa ipsa cum fundamento etc. 

Und in der andern v. J. 1000: — ego infantulus infra etate nomine Gaiferio — pro 
mea anima dum a magna aegritudine deprehensus sum et in Lex nostra Longobardo- 
rum continet, ut si euiueumque ante decem et octo annos ebenerit aegritudo, et se bide- 
rit ad mortis periculum tendere, licentiam haberet de rebus suis pro anima sua in Sanctis 
locis causa pietatis, yel in Sinedochio judicare quod voluerit, et quod judicaberit pro 
anima sua, stabilem permaneret. — Das Merkwürdigste ist freilich, dass es im Mittel- 
alter sogar weltliche Gesetze gab, die solche Schenkungen zuliessen. 



8 

wie über das jenseitige Wohl der Sterblichen. Deshalb könnten von die- 
sen des höchsten Richters Zorn und furchtbare Ahndung der von ihnen 
hienieden begangenen Verbrechen und Missethaten durch Nichts wirksa- 
mer beschworen und abgewendet, überhaupt des ewigen Heils Verdienste 
im gegenwärtigen Leben durch Nichts sicherer erworben werden, als 
durch Ueberweisung ihrer zeitlichen Güter wie auch ihrer Personen 
an die heil. Kirche. Indem man letzterer die persönliche Freiheit opfere, 
zu ihr in ein Abhangigkeitsverha'ltniss trete, vertausche man ja eigentlich 
nur die schnöde, zu so vielen Lastern führende irdische Ungebundenheit 
mit dem süssen Joche Christi, welches doch zweifellos mehr adle als je- 
der irdische Rang 1 ). 

Nichts natürlicher, als dass bei der überwältigenden Furcht vor den 
Strafen des Himmels zumal die vielen kleinen Gemeinfreien, die ein böses 
Gewissen und nur geringes Vermögen, nach ihrer, oder vielmehr nach 
der Meinung ihrer Seelenvögte, nicht genug besassen, um ihre Rechnung 
mit dem Himmel mit der nach der göttlichen Sündentaxe erforderlichen 
Menge Aecker, Wiesen u. s. w. , oder in baarer Münze auszugleichen, 
gerne die Lehre benützten, dass auch ihre Person an Zahlungsstatt an- 
genommen werde. Daher vornehmlich, neben der Ueberweisung einer 
ungeheuren, kaum glaublichen Menge 2 ) weltlicher Besitzungen an die 



1 ) Diese Lehre der mittelalterlichen Geistlichkeit findet sich am klarsten ausgespro- 
chen in eiuer französischen Urkunde 7. J. 1079, bei Du Gange, Glossarium T. IV, p. 677 
der neuesten Ausgabe (Paris 1840) yon Henschel : Cum sit omni carnali ingenuitate 
generosius extremum qnodcumque Dei servitium, scilicet quod terrena nobilitas 
mullos plerumque vitiorum servos facit, servitus vero Christi nobiles virtutibus red- 
dit, nemo autem sani capitis virtutibus vitia comparaverit, claret pro certo eum esse 
generosiorem, qui se Dei servitio praebuerit proniorem. Quod ego Raynaldus intelligens, 
justumque esse vera ratione perpendens, cum me ab avis et atavis naturaliter liberum 
conditio humana protulerit, nullius necessitatis penitus occasione cogente, spontanea mea 
vohmtate me ipsum, meosque, si quos mihi dederit, successionis liberos, in servitium 
trado S. Trinitatis et fratrum hujus loci reputans me ab hac die inante, sicut ttnum 
quempiam de servis eorum, ad faciendum de me et rebus meis quidquid eis saiya justitiae 
lege placuerit. Et ne quis putet, timoris causa, vel cupiditatis adquirendi aliquid transi- 
torium me istud agere, sciat et credat me id primum ac potissimum pro salute animae 
meae facere ; deinde quod circa eos a puero nutritus omnia pene habeo apud eos, et per 
eos conquirens, justius mihi esse videtur, ut ipsi habeant quam alius quispiam. 

2 ) Man wird sich von dieser eine Vorstellung machen können, wenn man erfährt, 
dass das im Jahre 650 gestiftete Kloster Fontenelle schon im Jahre 788 über 4,000 Mansi 
besass; dass die Abtei Saint-Germain- des Pres bereits zu Anfang des neunten Jahrhunderts 
einen Grundbesitz von 8,000 Mansi hatte, dessen Flächeninhalt von Guerard, einem der 
tüchtigsten mittelalterlichen Forscher, auf 429,987 heutiger französischer Hectaren , und 
jährliches Erträgniss auf eine Million Francs heutiger Währung berechnet worden ist. 
Ein anderes französisches Kloster, Luxeuil, nannte damals gar 15,000 Mansi sein Eigenthum ; 
mindestens ebenso gross war zu der Zeit der Grundbesitz der Abteien St. Denis und 
St, Martin zu Tours, so dass die Behauptung: bereits zu Anfang des achten Jahrhunderts 



9 

Kirche, auch die massenhafte Umwandlung 1 ) ursprünglich freier Männer, 
ihrer Angehörigen und Nachkommen in Leibeigene oder Hörige der Klöster 
und sonstigen geistlichen Genossenschaften. Da die Liebe zum Eigen- 
thume und zur Freiheit sich indessen doch gar oft stärker erwies, als die 
Furcht vor den vorgespiegelten Qualen des Fegfeuers und der Hölle, erfanden 
schlaue Priester frühzeitig, im Anfange des sechsten Jahrhunderts schon, ein 
Auskunftsmittel, welches den Laien die Möglichkeit bot, der sühnenden 
Kraft, der grossen Verdienstlichkeit der Uebenveisung weltlicher Güter 
und ihrer Besitzer an die heilige Kirche theilhaftig zu werden, ohne gleich 
in eine drückende Abhängigkeit treten, oder den Kindern den Bettelstab 
als väterliches Erbe hinterlassen zu müssen. Es wurde den frommen oder 
bussfertigen Seelen und ihren nächsten, oft auch ihren Nachkommen bis 
in 's dritte und vierte Geschlecht nur eine ganz leichte, wenig lästige Ab- 
hängigkeit zugemuthet, und gestattet, gegen eine sehr massige jährliche 
Geld- oder Natural-Abgabe im Besitze und in deF Nutzniessung der über- 
tragenen Immobilien zu bleiben, welche erst nach dem Tode der in der 
Vertragsurkunde genannten Personen den geistlichen Herren eigenthüm- 
lich anheimfallen sollten. Wenn die alsdann lebenden Enkel oder Uren- 
kel des ursprünglichen Contrahenten nicht ganz besitzlos, zu Bettlern wer- 
den wollten, mussten sie sich glücklich preisen, das Eigenthum ihrer 
Väter fortan als leibeigene Bauern bewirtschaften zu dürfen. Diese Pre- 
careien, wie sie in der Sprache des Mittelalters hiessen, hat man da- 
durch noch verführerischer zu machen gewusst, dass jenen, die sie einzu- 
gehen sich bereit erklärten, auch noch Güter der Kirche zum lebensläng- 
lichen Genüsse unter der Bedingung überlassen wurden, dass nach ihrem 
oder dem Tode ihrer genannten Sprösslinge Alles jener anheim fallen 
sollte; sie sind eben darum wie dem Uebergange einer Masse weltlicher 
Besitzungen an den Klerus, so auch der Umwandlung vieler, besonders 
kleiner Gemeinfreien in Leibeigene desselben ungemein förderlich ge- 
worden. 

Noch traurigere Folgen für diese hatten indessen die verzehrende 
Kriegsverfassung und die heillose Beamtenwirthschaft in den auf 
den Trümmern des römischen Westreiches entstandenen neuen Staaten. 



sei ein Drittheil alles Grundbesitzes in Frankreich Eigenthum der Kirche gewesen, 
keineswegs übertrieben erscheint. Lehuerou, Hist. des Institutions Carolingiennes p. 539 
(Paris 1843). Roth, Gesch. d. Beneficialwesens S. 251 f. 

l ) Ein Beispiel, fielen ähnlichen entnommen, möge diese veranschaulichen. Das St. 
Ambrosiuskloster zu Mailand vermehrte nur in der von Kaiser Lothar I im J. 835 ihm be- 
schenkten Villa Limonta innerhalb der nächsten fünfzig Jahre die Zahl seiner Leibeigenen 
wenigstens um das Dreifache! (Fumagalli), Delle Antichitä Longobard.-Milanes & T I 
p. 342 (Milano 1792. 4 Tom. 4). 



_J0__ 

Auf Karl dem Grossen, jenem Monarchen, der so unvergleichlich 
gross gewesen, dass alle Geschichtschreiber, sie mögen die Könige lieben 
oder hassen, das Menschengeschlecht ehren oder verachten, wie aus 
einem Munde seine Grösse anerkennen, und dass ein jeder ihn nach sei- 
nem Sinne findet und lobt, lastet dennoch unläugbar die Schuld, mehr 
als irgend ein anderer Herrscher des Mittelalters zum Untergange der 
kleinen Gemeinfreien, d. h. des freien Bauernstandes, in Deutschland, 
Frankreich und Italien durch die von ihm zu einem grausamen, überaus 
verzehrenden Drucke gesteigerte Heerbanns - Pflichtigkeit beigetragen zu 
haben. Karl, der mit den Kräften seiner Völker und Länder überhaupt 
wie ein rücksichtsloser Gutsherr mit denen seiner Hörigen und Höfe 
schaltete, dehnte jene nämlich, um zur Ausführung seiner weitaussehen- 
den, die Weltherrschaft erstrebenden Entwürfe, stets die erforderliche 
Anzahl streitbarer Männer zu seiner unumschränkten Verfügung zu haben, 
auf alle, bis in die untersten Schichten der freien Grundbesitzer seiner 
Monarchie aus. Jeder freie Mann, der vier Mansen (Höfe) besass, musste 
selbst in's Feld rücken; wer deren drei besass, sich mit Einem vereinigen, 
der nur einen Mansus im Vermögen hatte; Einer von ihnen in den 
Krieg ziehen und der Andere nach Massgabe seines Besitzes zu dessen 
Ausrüstung beitragen u. s. w. Wer ausblieb oder durch Bestechung der 
Beamten diesem verzehrenden Zwangsdienste zu entrinnen suchte, musste 
eine ungeheuere, nur von den Wenigsten erschwingliche Geldstrafe erle- 
gen, oder auf Haus und Hof verzichten, und mit Weib und Kind durch 
harte Frohnarbeit auf den Domainen Karls jene abverdienen. Daneben 
überwies dieser, um seine Beamten gegen alle etwaige Anwandlungen 
des Mitgefühls zu stählen, ihnen den dritten Theil der fraglichen Straf- 
gelder '). 

Durch solch' rücksichtslosen Despotismus wurden die meisten kleinen 
Landeigentümer, für welche der alljährlich an sie ergehende Aufruf zum 
Heerbanne nichts Anderes als ein Ruf zum Tode in fernem unbekanntem 
Lande war, in die traurige Lage versetzt, das theuere Erbtheil der Väter, 
ihre persönliche Unabhängigkeit und freien Grundbesitz, als glänzende 
Bürde mit steigendem Widerwillen betrachten zu müssen. Zogen sie 
selbst alle Jahre zu Felde, so gerieth ihre Wirthschaft in Verfall; mussten 
sie, allein oder in Gemeinschaft mit Anderen, einen Mann ausrüsten, so 
versanken sie in Schulden; blieben sie aus, so wurden sie durch die 
schweren Geldbussen, durch Auspfändung und Abführung auf Karls Güter 



l ) Hüllmann, Geschichte des Ursprungs der Stände in Deutschland,IS. 197 f (der ersten 
Ausgabe). Ilse, Geschichte des deutschen Steuerwesens 1, S. 5 f. (Giessen 1844.)Lehuerou, 
Hist. des Institutions Carolingiennes p. 432 sq. 



11 

zu Grunde gerichtet. Was blieb ihnen da anders übrig, als das peinliche 
Opfer ihrer persönlichen Freiheit zu bringen, der Geistlichkeit und dem 
Adel sich in die Arme zu werfen, um des Schutzes eines diesen Ständen 
gewährten Vorrechtes theilhaftig zu werden? Jedem Bischöfe oder Abte 
war es nämlich gestattet, zwei kriegstüchtige Laien behufs der nöthigsten 
Dienstleistungen seines Haushaltes daheim zu behalten, vom Kriegszuge 
zu entbinden; jeder Graf besass gar für vier Wehrpflichtige dies Privile- 
gium. Das war der Rettungshafen 1 ), in welchen der verzweifelnde kleine 
Landeigenthümer sich flüchtete; er entsagte der Freiheit und seinem bis- 
herigen selbstständigen Grundbesitze, trat letztern einem geistlichen oder 
weltlichen Grossen ab, und empfing solchen von ihm als ein bald mit 
mehr, bald mit minder drückenden Leistungen und Verbindlichkeiten be- 
lastetes Hintersassengut zurück, wogegen derselbe seinen neuen Hörigen 
von dem aussaugenden Kriegsdienste befreiete. 

Allzu vortheilhaft Avaren dergleichen Uebereinkünfte , diese legalen 
Selbstmorde der kleinen Freien, Avie ein berühmter Historiker (Gibbon) 
sie nennt, den herrsch- und vergrösserungssüchtigen Magnaten, zu schmei- 
chelhaft ihrer Eitelkeit, um sie nicht zu reizen, neben dem berührten er- 
laubten nicht auch noch andere unerlaubte Mittel zu dem fraglichen Be- 
hufe anzuwenden. Damit die Widerstandskraft der kleinen Gemeinfreien 
gegen die angedeuteten Folgen der karolingischen Heerbannsgesetze noch 
rascher breche, als dies im natürlichen Laufe der Dinge erfolgt sein 
würde, begnügten sich nämlich die Grafen und übrigen Beamten Karls 
des Grossen nicht damit, jene, die gegen das erwähnte Auskunftsmittel 
einen gar zu hartnäckigen Abscheu offenbarten, häufiger als es das Ge- 
setz vorschrieb und mit übermässiger Strenge selbst dann in's Feld zu 
treiben, wenn die Kleinheit ihres Grundbesitzes sie von der persönlichen 
Theilnahme am Kriegszuge entband, sondern sie suchten sie auch durch 
ganz gesetzwidrige Pfändungen 2 ) und häufige Ladungen vor ihre oft weit 
entfernten Gerichtsstätten in Armuth und Elend zu stürzen, und hierdurch 
zu dem fraglichen Entschlüsse der Verzweiflung zu treiben. Ebenso mussten 



*) Stelle aus dem Polyptique de l'abbe Irmion bei Naudet a. a. 0. p. 567: Isti homines 
fuerunt liberi et iugenui, sed, quod militiam regis non valebant exercere, tradiderunt 
alodos suos Sancto-Germano. 

2 ) Lotharii I Imperat. Leges ap. Muratori, Scriptor. Rer. Halicar. T. I, Pars II, p. 146: 
Similiter coiicedere volumus cuuctis liberis personis, ut nullus Judex publicus, seu Ministri 
publici eas res, in quibus non est licitum pignorare, contra legem audeant pignorare, 
scilicet in tribus, quia audivimus multa damna, et affectiones propter hoc Populum 
nostrum sustinuisse. Neque cogantur ad placita venire praeter tria in anno, sicut in Ca- 
pitulari continetur. 

HludoYici I Imper. Capital. Wormat. a. 829. c. 5: Pertz, Monumenta German. Hist. 
T. III (Leg. I), p. 354. 



12 

die zur Erhaltung der Wege, Brücken so wie noch zu manch' anderen 
Zwecken 1 ) den Gemeinfreien in den karolingischen Reichen obliegenden 
öffentlichen Lasten und Leistungen jenen Drängern dazu dienen, durch un- 
massige willkührliche Steigerung derselben das fragliche Resultat zu er- 
zielen. Und wenn dergleichen gesetzliche Vorwände nicht anwendbar 
oder nicht von dem erwünschten Erfolge gekrönt waren, verschmähte 
man es auch nicht, anfänglich erbetene und aus bornirter, kurzsichtiger 
Gutmüthigkeit gewährte Gefälligkeiten und Dienste nach und nach in 
schuldige Leistungen zu verwandeln, und schamlos zu missbrauchen 2 ), 
bis die Geplagten, wenn sie nicht von Haus und Hof fliehen wollten, was 
auch öfters vorkam, dem fraglichen Verlangen ihrer Dränger willfahrten. 
Konnten diese ihren ausersehenen Opfern aber durch solche und ähnliche 
Mittel nicht beikommen, dann brachen sie unbedenklich die Gelegenheit 
vom Zaune, und setzten ihnen mit brutalen Gewaltthaten so lange zu, bis 
sie sich ihrem Willen fügten. Das Empörendste war jedoch, dass all' diese 
schändlichen Ränke, bösen Kniffe und Vergewaltigungen nicht minder 
von den Bischöfen, Aebten und anderen Kirchenmännern als von den 
weltlichen Beamten Karls des Grossen zu dem in Rede stehenden Be- 
hufe angewendet worden sind 3 ), dass jene sich mit diesen zur gemeinsa- 
men Unterdrückung der kleinen Landeigenthümer verständigten. Dass die 
Menge der Letzteren, die während der Regierung des genannten Monar- 



1) Laboulaye p. 465. Lehuerou, Hist. des Tnstitutions Carolingiennes p. 476 sq. 

2 ) Caroli Magni Capitular. Lougobard. a. 803 c. 17: Pertz, Monumenta T. III, p. 411: 
Audrrimus etiam, quod juniores comitum vel aliqui ministri rei publice sive etiam 
nonnulli fortiores vassi comitum aliquas redibutiones, Tel collectiones, quidam per pa- 
stum, quidam etiam sine pasto, quasi deprecando exigere soleant, similiter quoque ope- 
ras, collectiones fruguum, arare, sementare, runcare, caricare, secare, Tel cetera, is similia, 

a populo per easdem Tel alias machinationes exigere consueTerunt in quibusdam 

locis in tantum inde populus oppressus est, ut multi ferre non valentes per fuga a 
dominis vel patronibus suis lapsi sunt, et terre ipse in solitudinem redacte sunt. 

3 ) Caroli Magni Capitul. de Expedit. Exercitali a. 811. Pertz, Monumenta T. HI, 
p. 168 : Quod pauperes se reclamant eorpoliatos esse de eorum proprietate. Et hoc aequa- 
liter clamant super episcopos et abbates et eorum adTOcatos, et super comites et eorum 
centenarios. Dicunt etiam, quod quicumque proprium suum episcopo , abbati, Tel comiti, 
aut judici, Tel centenario dare noluerit, occasiones quaerunt super illum pauperum, 
quomodo eum condempnare possint, et illum semper in hostem faciant ire, usque 
dum pauper factus, volens nolens suum proprium tradat aut vendat; alii vero qui 
traditum habent, absque ullius inquietudine dornt resideant. 

Caroli Magni Capitula Longobard. a. 813. c. 16: Ebendas. T. III, p. 193: Ut nee 
episcopi, nee abbates, nee comites, nee Ticarii etc. nullusque omnino sub mali occasione 
vel malo ingenio res pauperorum vel minus potentum nee emere, nee vi tollere au- 
deat, sed quisquis ex eis aliquid comparare Toluerit, in publico coram idoneis testibus et 
cum rationibus hoc faciat. Ubicumque autem aliquid inTentum fuerit factum, hoc omnino 
emendetur per jussionem nostram. 



18 

chen diesen Nachstellungen der weltlichen und geistlichen Magnaten er- 
lag, ungemein gross gewesen, wird von einem sehr glaubwürdigen Zeit- 
genossen 1 ) ausdrücklich bezeugt. 

Aber noch weit schlimmere Tage für die kleinen Gemeinfreien ka- 
men, als unter den theils schwachen, theils unfähigen und fast unaufhör- 
lich sich bekriegenden Nachfolgern Karls des Grossen das Lehnswesen 
sich immer mächtiger entfaltete und nur zu bald die Alleinherrschaft im 
gesammten Staatsleben errang. Die uralte Sitte der germanischen Häupt- 
linge (Gefolgsherren), jene tapferen Krieger, die sich ihnen anfänglich zu 
vorübergehenden Streif- und Raubzügen, später als ständige Gefährten 
zugesellten, durch Ueberweisung von Theilen ihres Erbgutes auch durch 
das Band des Eigennutzes noch inniger an sich zu fesseln, ist auch von 
den, zur Königswürde emporgestiegenen Anführern der deutschen Stämme, 
die auf den Trümmern des zerbröckelten römischen Westreiches neue 
Staaten gründeten, beibehalten und allmählig auf Alle ausgedehnt worden, 
die theils zu Kriegs- theils zu Friedenszwecken sich ihrem Dienste wid- 
meten. So lange die Könige stark genug waren, diesen Militär- Hof- 
und Civilbeamten die ihnen an Gehaltes Statt überlassenen, diese Besol- 
dungs-Gütcr im Falle der Unzufriedenheit mit denselben auch wieder ent- 
ziehen zu können, war in den Monarchen für die grosse Masse des Vol- 
kes doch immer eine bedeutsame, wenn auch nicht eben leicht zu er- 
reichende, Schutzwehr gegen die erwähnten Ränke und Gewalttaten der 
weltlichen und geistlichen Grossen vorhanden. Als aber, vornehmlich 
aus Anlass der beständigen Theilungen der karolingischen Reiche und 
der ewigen Kriege zwischen ihren Beherrschern, letztere immer mehr 
in Ohnmacht versanken und damit diese Fähigkeit einbüssten, es viel- 
mehr, um die Treue ihrer Beamten und Vasallen, ihrer Hauptstützen, 
gegen die Verlockungen der Gegner zu stählen, geschehen lassen muss- 
ten, dass jene nach und nach die Erblichkeit ihrer Lehn-, ihrer Be- 
soldungsgüter und hierdurch den thatsächlichen Uebergang aller Macht 
und Herrschaft von den Staatshäuptern auf sie selbst durchsetzten, ver- 
schwand für die kleinen Gemeinfreien jeder Schutz gegen die Nach- 
stellungen ihrer alten und schlimmsten Feindin, gegen die neue, das ge- 
sammte Öffentliche Leben mit steigender Gewalt beherrschende erbliche 
Lehnsaristokratie. 



l ) Thegan. de gest. Ludov. Pii cap. 43: Eodem tempore (a. 814) Ludovicus misit lega- 
tos suos supra omnia regna inquirere et investigare si alicui aliqua injustitia perpetrata 
esset . . . Qui egressi invenerunt innumeram multitudinem oppressorum, aut ablutione 
patrimonii, aut exspoliatione tibertalis, quod iniqui ministri, comites et loco positi per 
malum ingenium exercebant. Omuia supradictus princeps — patrimouia oppressis reddi- 
dit, injuste ad serntium inclinatos absohit. 



In einer Zeit, wo die Träger der Krone aller Kraft und nur zu bald 
auch alles Ansehens entbehrten, wo herrschte, wer reich, tapfer, grausam 
und treulos war, wo ein Theil der Staatsbürger allen Gehorsam gegen 
das Gesetz und der andere fast jeden Begriff der Herrschaft desselben 
immer mehr verlernte, ist selbstverständlich das Bedürfniss des Schutzes 
das gebieterischste gewesen, welches der Schwache empfand. Wenn die 
einzeln stehenden, gewöhnlich auf weitem Räume zerstreut wohnenden 
und darum jedes gegenseitigen Rückhaltes um so mehr entbehrenden 
kleinen Gemeinfreien von rohen Gewaltmenschen ihre Saaten täglich zer- 
treten, ihre Scheunen geleert, sich selbst und die Ihrigen misshandelt 
sahen, ohne die entfernteste Aussicht auf irgend welche Abhülfe von Seiten 
der ganz kraftlosen Staatshäupter, musste ihnen da zuletzt nicht jedes 
Mittel, einem solchen, auf die Dauer ja ganz unerträglichen Zustande der 
Dinge ein Ende zu machen, wenigstens Sicherheit ihrer Personen und 
ihres Lebensunterhaltes zu gewinnen, willkommen sein? Und sie er- 
griffen das einzige sich ihnen darbietende jetzt mit ungleich geringerer 
Bedenklichkeit als früher, da die steigende Allgemeinheit, mit welcher 
das Feudal wesen das gesammte Staatsleben durchdrang, auch auf ihre 
Begriffe von Ehre und Glück einen tiefgreifenden, wachsenden Einfluss 
übte. 

Seitdem durch den Feudalismus der Dienst eines Höhern oder Reichern 
faktisch zur einzigen Quelle der Macht, des Ansehens und Besitzes und 
dadurch auch der Ehre im Staate geworden, schrumpfte die altgermani- 
sche hohe Meinung von der Ehre der Freiheit und des selbstständigen 
Grundeigentums immer mehr zusammen. Hatte vordem der kleine Ge- 
meinfreie, der als sein eigener Herr auf seiner Väter Grund und Boden 
sass, der in den Versammlungen der Volksgemeinden und selbst bei 
manchen Verhandlungen der Reichstage stimmberechtigt 1 ), dem Staats- 
oberhaupte im Wesentlichen aber nur zum Heerdienste verpflichtet war, 
sich edler gedünkt 2 ), als ein Herzog oder Graf, weil dieser Königs die - 
ner war, so musste eine derartige stolze abgeschlossene Stellung nur zu 
schnell ihres Reizes entkleidet werden, seitdem die ehemaligen Königs- 
diener thatsächlich zu Herren ihrer seinsollenden Gebieter, zu den ei- 
gentlichen Gewalthabern im Staate emporgestiegen waren, und mit der 
zunehmenden Seltenheit der erwähnten Versammlungen jene altgermani- 
sche Ehre immer unfruchtbarer und nur zu bald selbst unwirksam zur 
Abwehr auch nur der täglich höher schwellenden Noth eines sorgenerfüllten 

1 ) Göhrum, Geschichtl. Darstellung der Lehre yon der Ebenbürtigkeit Bd. I, S. 51 
(Tübingen 1846. 2 Bde. 8). 

2 ) Göhrura a. a. 0. Bd. I, S. 58. 



15 



Daseins sich erwies. Die Ehre, die Nichts einbringt und denen, die sich 
ihrem Kultus widmen, bloss Dornenkronen flicht, ist sogar in unseren 
Tagen nicht nach dem Geschmacke des grossen Haufens, und konnte das 
noch viel weniger in jener rohen, bildungs- und gesetzlosen, in einer Zeit 
sein, wo, wie gesagt, das Bedürfniss des Schutzes gegen zahlreiche 
Dränger so überwältigend sich geltend machte, jede andere Rücksicht ver- 
stummen Hess. 

Und die, in welchen selbst unter solchen Verhältnissen die alte 
Liebe zur Freiheit und zum selbstständigen Grundbesitze sich mächtiger 
erwies, als die Sehnsucht nach einem ruhigen Leben und gesicherten 
Auskommen, sind durch die besonders seit der Mitte des neunten Jahr- 
hunderts so häufigen Hungerjahre und die wiederholten Einfälle ge- 
waltiger äusserer Feinde, der Normannen, Saracenen und Ungarn 
nur zu bald genöthigt worden, dem Vorgange ihrer minder starkmüthigen 
Standesgenossen zu folgen. Was schon in den Tagen der Merowinger, 
wenn Hungcrsnoth das Land heimsuchte, Öfters vorgekommen, dass näm- 
lich arme Freie, um nur ihr Dasein zu fristen, die Knechte, die Hörigen 
derjenigen wurden, die sie zu ernähren vermochten l ) 3 ist häufiger noch 
in den hier in Rede stehenden Zeiten in den karolingischen Reichen ge- 
schehen 2 ), und anderwärts, wie namentlich in England, noch in der 
zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts 3 ). Da es der Städte beziehungs- 
weise nur wenige gab, die aus schlechten Hütten bestehenden Dörfer aber 
auch nicht den Schimmer eines Schutzes gegen die, bekanntlich von den 
empörendsten Unmenschlichkeiten begleiteten, Raubzüge der genannten 
fremden Horden gewährten, was blieb da den, diesen hülflos preisgege- 
benen kleinen Gemeinfreien anders übrig, als hinter den Mauern und 
Wällen der Burgen, der Kirchen und Klöster ein schirmendes Obdach 
zu suchen? 

Aber die Besitzer derselben gewährten nur jenen, die zu beschützen 
ihr eigenes Interesse erheischte, die Wohlthat eines solchen Asyls. Folglich 
mussten die, welche desselben so dringend benöthigt waren, zu jedem 
dafür geforderten Opfer sich bequemen. Das bestand aber, da die Schutz- 
bedürftigen meist nichts Anderes zu bieten vermochten, in der Regel da- 



*) Gregor. Turoueus. Hist. Eccles. Francor. 1. VII, c. 45, T. II, p 64 (der Ausg. 
von Guadet et Taranne, Paris 1836 — 38. 2 yoIs. 8): Magna hoc anno faines paene Gallias 
totas oppressit . . . Subdebant se pauperes servitio, ut qiiantulumcamque de alimento 
porrigerent. 

z ) Caroli Cahi Edict. Pisteuse a. 864, c. 34: Walter, Corpus Juris German. antiqui 
T. III, p. 154. 

3 ) Kemble, die Sachsen in England Bd. I, S. 160 (d. deutsch. Uebersetz. v. Brandes. 
Leipzig 1853. 2 Bde.). 



16 

rin, dass sie sich und ihr Besitzthum fortan der Oberherrlichkeit ihres 
Beschirmers unterwarfen, jenes von diesem bald unter mehr, bald unter 
minder drückenden Bedingungen zu Lehn empfingen. Waren diese an- 
fänglich aber auch noch so milde, ihre persönliche Abhängigkeit noch so 
wenig fühlbar, so steigerte sich doch, und zumal in dem schrecklichsten 
Jahrhundert, welches Deutschland, Frankreich, Italien und noch einige 
andere Länder unseres Erdtheils je erlebt, in dem von der Mitte des 
neunten bis zur Mitte des zehnten Seculums reichenden, der Druck des 
neuen Joches mit reissender Schnelligkeit. Die Schutzbedürftigen, über- 
haupt nur sehr selten im Stande 1 ), die ursprünglichen Bedingungen 
des im Drange der Noth eingegangenen Abhängigkeits- Verhältnisses ge- 
gen ihre seinsollenden Beschirmer lange aufrecht zu erhalten, sind das 
am wenigsten in jenen unglückseligen Tagen gewesen, wo der Schwache 
dem Starken gegenüber ja völlig schutzlos, der Willkühr desselben total 
preisgegeben war. Wer da einmal einem Gewalthaber nur die Handhabe 
eines Fingers gereicht, konnte mit Gewissheit voraussehen, dass er in 
nicht allzuferner Zukunft mit Haut und Haar ihm gehören, bis zur unter- 
sten Stufe der Knechtschaft hinabgedrückt sein würde. 

Einige vielerzählte Vorgänge aus der Urgeschichte des Hauses Habs- 
burg veranschaulichen sprechender, als es sonst geschehen könnte, diese 
traurige Wahrheit. Graf Guntram der Reiche, der um 's J. 940 zu Woh- 
len, im heutigen Aargau, hausete, war von mehreren freien Männern 
zum Schirmherrn erkoren, und ihm dafür die Entrichtung eines bestimm- 
ten massigen jährlichen Zinses zugesichert worden. Es dauerte nicht 
lange, und der Graf bat diese seine Schützlinge um die Gefälligkeit einiger 
Hülüeistungen bei Erntearbeiten und dergl.; ehe die Allzudienstwilligen es 
sich aber versahen, verwandelte er die ursprüngliche Gefälligkeit in eine 
Pflicht, muthete er ihnen auch die Entrichtung von Zinshühnern zu. 
Die bei dem Burgunderkönige Konrad erhobene Klage jener blieb völlig 
unbeachtet, und hatte darum nur zur Folge, dass Guntram alle Scheu 



x ) Sehr instruktiv hierüber ist eine bei Muratori, Scriptor. Rer. Ital. T. I, Pars II, 
p. 398 abgedruckte Urkunde vom J. 854, einen Streit zwischen dem St. Yinceuzkloster 
zu Volturno und einigen Hörigen desselben betreffend. Diese behaupteten nämlich: non 
est veritas, quod nos, aut parentes nostri serTi fuissemus Sancti Yincentii, sicut iste Gu- 
nibertus Praepositus, et Adelpertus quaerunt, pro quia nos et parentes nostri semper li- 
beri fuimus; nam nos per defensionis causam fuimus liberi homines commendati in ipso 
Monasterio, non pro servi. 

Aus den Verhandlungen ergibt sich, dass dies auch ganz der Wahrheit gemäss sein 
mochte, dass die schlauen Mönche aber auf dem Schleichwege der Ernennung der Recla- 
manten zu Aufsehern ihrer Leibeigenen gar bald das Mittel gefunden, sie selbst diesen 
gleichzustellen und als solche zu behandeln. 



17 

verlor, und seinen Schutzbefohlenen fortan Leistungen aufbürdete, die 
ihnen bis dahin selbst dem Namen nach unbekannt gewesen. Nicht besser 
machte es, ums J. 973, Guntrams Sohn und Nachfolger Lanzelin mit eini- 
gen freien Männern im benachbarten Muri, die sich in seinen Schutz be- 
geben. Diejenigen Bewohner dieses Fleckens, die ihn nicht zum Schirmer 
haben wollten, drangsalirte er so lange, bis sie dem Vorgange jener 
folgten; wer nicht alle Lasten willig trug, die er ihnen aufbürdete, wurde 
von Haus und Hof verjagt, und ein Versuch der Geplünderten, ihr Eigen- 
thum zurückzuerlangen, mit Leichtigkeit unterdrückt. Ein Theil von ihnen 
floh in die Fremde und starb dort im Elend; der andere daheim geblie- 
bene versank, gleich den erwähnten Wohlenern, in Leibeigenschaft, oder 
mindestens in ein dieser sehr nahe kommendes Verhä'ltniss 1 ). Der Bauern- 
aufstand, der um diese Zeit, im J. 992, im benachbarten Thurgau aus- 
brach, ist allem Anscheine nach 2 ) auch nichts Anderes als eine Empö- 
rung einst freier Landleute gewesen, die in gleicher Weise von den er- 
kornen Schirmherren immer mehr unterdrückt und zuletzt als Knechte 
behandelt worden. Er endete, wie alle Bauern-Rebellionen des Mittelal- 
ters, mit dem Triumphe des waffengeübtern und besser geführten Adels, 
und schlug die Besiegten in noch unleidlichere Fesseln. 

Das sind die Wurzeln des Upasbaumes der Knechtschaft der zahl- 
reichsten und noth wendigsten Klasse der Bevölkerung in den meisten und 
bedeutendsten Ländern unseres Erdtheiles gewesen. Man sieht, die Väter 
derer, die durch so viele Jahrhunderte unter dem eisernen Joche theils 
der Leibeigenschaft 3 ), theils unter dem, oft nicht viel weniger aufrei- 
benden der Hörigkeit schmachteten, waren in ihrer bei weitem über- 
wiegenden Mehrheit ursprünglich freie Germanen, die gleichberechtigten 
Standesgenossen der Ahnen der nachmaligen Tyrannen ihrer Sprösslinge, 
und keineswegs die durch das Recht der Eroberung der Willkühr der 



1 ) Joh. v. Müller, Gesch. schweizer. Eidgenosselisch. I, 260 f. Maimert, Gesch. der 
alten Deutschen II, 528. 

2 ) Pupikofer, Gesch. d. Thurgaus (Zürich 1828—30. 2 Bde. 8) I, 84 f. Hottinger und 
Schwab, die Schweiz in ihren Ritterburgen und Bergschlössern (Bern, Chur und Leipzig 
1839. 3 Bde 8)11, 116 f. 

3 ) Unter dieser wird hier, und wo im Folgenden vom Mittelalter die Rede ist ; immer 
die völlige persönliche Unfreiheit, d. h. jener Zustand verstanden, in dem der 
Mensch lediglich als Sache betrachtet uud behandelt wird, unter Hörigkeit aber jenes 
Verhältniss der unvollkommnen Freiheit, der Halb- oder Mittelfreiheit, in welchem er 
eine Mischart von Person und Sache, eine wenigstens in einigen wesentlichen Bezie- 
hungen vom Rechte geschützte Persönlichkeit ist. Das Mehr oder Minder dieses Rechts- 
schutzes begründete die in den romanischen und germanischen Staaten sich ergebenden 
gar mannichfachen Abstufungen der Hörigkeit, von deren wesentlichsten, so weit sie hier 
in Betracht zu ziehen sind, in späteren Ausführungen die Rede sein wird. 

So gen he im, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 2 



18 

deutschen Staatengründer preisgegebenen Römer. Welch' ungeheurer 
Arbeit einer langen Reihe von Jahrhunderten es bedurfte, bis es der 
europäischen Menschheit glückte, die giftigen Wirkungen jenes Stammes 
nur zu schwächen, bis es ihr glückte, ihn zu unterhöhlen und endlich zu 
fällen; was diese Riesenarbeit förderte und Avas sie hemmte, wo? und 
warum? sie hier am frühesten ihr Ziel erreichte und dort am längsten 
währte; welchen Einfluss das geübt auf die Wohlfahrt und Machtent- 
wicklung der Staaten — dies Alles zu zeigen ist die vornehmste Auf- 
gabe der folgenden Ausführungen. 



ERSTES BUCH. 

SPANIEN UND PORTUGAL 



ERSTES KAPITEL. 

Viel merkwürdiger noch als die Erscheinung, dass auf der pyrenäi- 
schen Halbinsel die Lage des Bauernstandes weit früher als in den ande- 
ren europäischen Staaten eine nicht unerhebliche Wendung zum Bessern 
nahm, ist die Quelle, der sie entfloss — es war die Eroberung dieses 
Landes durch die Araber zu Anfang des achten Jahrhunderts (711). 
Es ist unbestreitbare Thatsache, dass diese die christliche Bevölkerung 
der unterworfenen Städte wie des platten Landes mit ungewöhnlicher, 
mit grösserer Milde behandelten, als die germanischen Staatengründer die 
der gewonnenen römischen Provinzen; nicht nur behielt jene 1 ) gegen 
massige Abgaben, ihr Eigenthum und in den meisten Fällen ihren eige- 
nen Gerichtsstand, sondern blieb auch im ungestörten Besitze ihrer Kir- 
chen und unbeirrt in der Ausübung ihres Glaubens. Weniger der Duld- 
samkeit, welche die ersten Nachfolger Mahomeds auszeichnete, als der 
staatsklugen Absicht, die grosse Masse der Eingebornen in ihren alten 
Wohnsitzen fest-, von der Auswanderung abzuhalten, mag dies Verfahren 
der Saracenen entstammt sein. Und es erreichte auch so sehr seinen 
Zweck, dass namentlich die bei weitem überwiegende Mehrheit des Land- 
volkes es vorzog, in den lachenden Gefilden, welche die Väter bewohnt, 
unter maurischer Herrschaft, die bekanntlich Spaniens Glanz- und 
Blüthenperiode bildete, fortzuleben, als sich den Glaubensbrüdern an- 
zuschliessen, welche in die unwirthliche Abgeschiedenheit der Gebirge 
Asturiens geflüchtet und dort die Keime der später entstehenden neuen 
christlichen Reiche Iberiens pflanzten. 



l ) Lembke und Schäfer, Gesch. y. Spaüien I, 310. II,. 115 ff. 



20 



Die Lage dieser, ihre Selbstständigkeit wahrenden, Ueberbleihsel der 
einstigen Gebieter der ganzen Halbinsel war aber zumal in den beiden 
ersten Jahrhunderten nach Zertrümmerung der westgothischen Monarchie 
zu reich an Trübsal, Entbehrungen und Bedrängnissen, um nicht auch 
hier die gewöhnliche Wirkung grosser und namentlich lange dauernder 
allgemeiner Leiden und Uebel hervorzubringen, nämlich den willkühr- 
lichen Unterschied der Stände in Vergessenheit zu versenken, Alle so 
ziemlich gleich zu machen durch die gleiche Noth. Denn was hatte der 
Westgothe vom höchsten Adel, der einstige Besitzer ausgedehnter Län- 
dereien und vieler Sklaven jetzt voraus vor dem Letzten dieser, der mit 
ihm eine vor den Saracenen sichernde Zufluchtsstätte gesucht hinter den 
von der Natur selbst befestigten steilen Gebirgen des Nordens? Gleich 
dem einstigen Knecht musste auch dessen gewesener Herr jetzt des Le- 
bens nothdürftigen Unterhalt mühsam erringen, meist mit dem Schwerte 
in der Hand den überlegenen Glaubensfeinden abkämpfen. Mehr als Rang 
und alle künstlichen Auszeichnungen galten unter solchen Verhältnissen 
persönliche Tapferkeit und Kraft. Diese, nicht jene, bestimmten nunmehr 
des Menschen Werth und Bedeutung. 

Aber noch ein zweites, nicht weniger gebieterisches Motiv nöthigte 
Adel und Geistlichkeit zur Milde gegen die unterste Klasse derer, die 
mit ihnen sich geflüchtet in die rauhe Felsenwiege der später wiederer- 
standenen christlichen Reiche der Halbinsel. Ihre Hoffnung auf bessere 
Tage, auf ein dereinstiges siegreiches Vordringen gegen die Söhne des 
Islam beruhete doch vornehmlich auf der Erwartung, dass die grosse 
Mehrzahl ihrer unter der Herrschaft der Letzteren zurückgebliebenen 
Glaubensbrüder nach und nach sich derselben entziehen, zu ihnen entrin- 
nen und hierdurch im Laufe der Jahre ein Gleichgewicht der Macht wie- 
derhergestellt werden würde. Wie dringend aber auch der mächtige An- 
trieb des Religionshasses dazu aufforderte, durfte man glauben, dass na- 
mentlich unter dem Landvolke sogar Viele sich beeilen würden, Andalu- 
siens entzückenden Himmel, des Tajo sonnige Gelände mit den unwirk- 
lichen Felsen Asturiens zu vertauschen, wenn der neuen Ankömmlinge 
dort neben all' den Mühsalen eines äusserst beschwerlichen, kampferfüll- 
ten Daseins auch noch die Befürchtung geharrt hätte, über kurz oder lang 
der alten Knechtschaft mit all' ihren Schrecknissen wieder zu verfallen, 
die in der Monarchie der Westgothen ihr Loos gewesen? Dazu kam 
drittens, dass in den auf den Trümmern der Letztern nach und nach 
entstandenen neuen Staaten auch kein so grosses Bedürfniss christli- 
cher Leibeigenen vorhanden war, als in den anderen abendländischen 
Reichen, weil die durch mehrere Jahrhunderte fortwogenden Kämpfe mit 



21 

den Bekennern des Propheten genug der maurischen 1 ) lieferten. Denn 
wie bei diesen war auch bei den Christen Sklaverei das gewöhnliche 
Loos der Kriegsgefangenen, so wie der fortgeschleppten Bewohner der 
verheerten Städte und Länderstriche. 

Aus diesen Gründen ist, trotz dem dass das Gesetzbuch der West- 
gothen noch über ein halbes Jahrtausend, in manchen Gegenden Spaniens 
sogar bis um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts 2 ), im Uebrigen die 
legislative Norm, wie überhaupt die Grundlage des gesammten bürger- 
lichen Zustandes gebildet, die von ihm sanctionirte persönliche Unfrei- 
heit, Leibeigenschaft ungleich seltener als anderwärts das Loos des 
christlichen Landmannes in den meisten neuen christlichen Reichen 
Iberiens gewesen. Und wenn es ihn auch traf, gestaltete es sich doch 
viel erträglicher 3 ), wie weiland unter den Westgothen. 



1 ) Dass die grosse Mehrheit der Leibeigenen der christlichen Staaten der Halbinsel 
in den hier in Rede stehenden Tagen dieses Ursprungs, Ungläubige gewesen, darf um 
so füglicher behauptet werden, da die Urkunden der Zeit das öfters ausdrücklich hervor- 
heben. So heisst es z. B. in einer v. J. 1042: Damus autem Servos istos de Tribu Ismaeli- 
tarum Gredo cum Filiis suis, Bidia, Felix, Pirius cum quinque filiis. Und in einer andern 
v. J. 1076: Damus adhuc Mauros, qui a nobis fuerimt captivati, nominibus Mutarsafe, 
cum familiis suis, et Falafe, et uxorem suam nomine Vagam cum filiis suis. Damus etiam 
vacas quinquaginta etc. Espana Sagrada (Madrid 1754 — 1836. 46 Bde. 4. Verfasser dieses 
Hauptwerkes für spanische Kirchen-, Profan- und Literatur-Geschichte sind Florez, Risco, 
Merino und Canal), T. XXXVIII, pp. 293. 327. — Und selbst diese maurischen Sklaven 
wurden von den spanischen Christen im Ganzen milde behandelt, und öfters der Freiheit 
zurückgegeben, wenn sie zur Annahme der christlichen Religion sich verstanden. Masdeu, 
Historia critica de Espana y de Cultura espanola (Madrid 1783— 1805. 20 Bde. 4.), T. 
XIII, p. 43. — Nicht unerwähnt mag bleiben, dass in Spanien eine ziemliche Menge der- 
gleichen nichtchristlicher, nämlich türkischer und Neger-Sklaven noch gegen Ausgang 
des siebzehnten Jahrhunderts angetroffen wurde, wie man aus der Reisebeschreibung der 
Gräfin von Aulnoy v. J. 1679 ersieht. Auswahl kleiner Reisebeschreibungen uud anderer 
statist.-geogr. Nachrichten IX, 121 (Leipzig 1784—95. 22 Bde.). 

2 ) Llorente, Noticias historicas de las tres Provincias Vascongadas (Madrid, 1806 — 8. 
5 T. 4.) T. II, p. 188: Las leyes de los Godos — fueron el ünico codigo legisiativo 
espanol por muchos siglos, y en algunas partes hasta las cortes de Alcalä del ano mil tre- 
scientos quarenta y ocho. 

3 ) Wie man schon aus den gelegentlichen urkundlichen Erwähnungen der Leistungen 
der Leibeigenen entnimmt. So bestimmte z. B. Graf Pinolo in der erwähnten Urk. v. J. 
1042 dass die mittelst derselben dem von ihm gestifteten Kloster San Juan de Corias ge- 
schenkten christlichen Servi semper in septimana laborent duos dies, quäle opus injun- 
xerit eis Abbas Coriensis, sub expensis hujus Monasterii, et alios quatuor dies laborent 
quod voluerint. Esp. Sagr. XXXVIII, 293. — Der sprechendste Beweis der Richtigkeit 
obiger Behauptung dürfte jedoch aus der Thatsache resultiren, dass in der hier in Rede 
stehenden Zeit bei den spanischen Christen gar kein Verbrechen oder Vergehen mit dem 
Verluste der Freiheit bestraft wurde, sondern alle mit dem Tode, Körperverstümmelungen 
oder, und am häufigsten, mit Geldbussen, trotzdem dass das Gesetzbuch der Westgothen 
doch in mehreren Fällen die Freiheitsstrafe verhängte (Lembke und Schäfer I, 179. II, 489 
f.), woraus denn erstens folgt, dass das Loos der Leibeigenen faktisch kein so trauriges 



2% 

Freilich, wie eben angedeutet, nicht in allen Provinzen der Halb- 
insel; das hat die fränkische Eroberung einiger derselben verschul- 
det. Durch die Siege Karls des Grossen und seines Sohnes König Lud- 
wigs von Aquitanien über die Moslemen war bekanntlich das Land von 
den Westpyrenäen bis zum Ebro, Catalonien und ein bedeutendes Stück 
Aragoniens, unter dem Namen der spanischen Mark, unter die Herr- 
schaft der Franken gekommen, und wie überall, so hatten diese auch 
hier nichts Eiligeres zu thun, als dem neugewonnenen Bestandteile ihres 
Reiches, ihre Verfassung und gesellschaftlichen Einrichtungen zu oe- 
troyiren. Dennoch ist die dazu gehörende Leibeigenschaft in diesen Ge- 
genden in ihrem ganzen Umfange und ihrer ganzen Härte nicht sogleich 
gesetzlich, sondern erst im Laufe der Jahre durch Usurpation und 
Missbrauch eingeführt worden, weil, wie in allen T heilen der Halbinsel, 
so auch hier das Bedürfniss rüstiger Hände zum Wiederanbau des durch 
die Kämpfe zwischen Christen und Saracenen verwüsteten, oder gar in 
Einöde verwandelten Landes sich so gebieterisch geltend machte, dass 
schon Karl der Grosse durch lockende Zugeständnisse neue Ansiedler 
herbei zu ziehen suchte. Namentlich aus den unter maurischer Gebieter- 
schaft stehenden spanischen Provinzen; allen von dort kommenden Ein- 
wanderern gewährte er den ungestörten zinsfreien Besitz der von ihnen 
kultivirten Ländereien, und sein Nachfolger Ludwig der Fromme fügte 
(I.Jan. 815) die ausdrückliche Versicherung hinzu, dass sie als vollkom- 
men freie Männer betrachtet und behandelt werden sollten. Wenn aber 
schon die genannten beiden Kaiser nicht im Stande waren, die neuen 
Ankömmlinge ') gegen die Nachstellungen, gegen vielfache Bedrückungen 
und Gewaltthaten ihrer mit der Verwaltung der spanischen Mark be- 
traueten Grafen und sonstigen Beamten ausreichend zu schützen, wird 
leicht zu ermessen sein, um wie viel weniger das den späteren Karolin- 
gern gelingen mochte. Darum begegnen wir auch hier, zumal se.it der 
Mitte des neunten Jahrhunderts, demselben unerquicklichen Schauspiele, 
welches in den übrigen Bestandteilen der zerfallenden Karolingerreiche 
uns entgegentritt, dass nämlich eine fortwährend steigende Anzahl jener 
aus dem maurischen Spanien eingewanderten gesetzlich freien Grundei- 
gentümer von den, im blutigen Gewirre* dieser Zeiten sich zu selbst- 



gewesen sein muss, um mittelst Androhung desselben besonders abschreckend wirken zu 
können; dann, dass man deren Vermehrung nicht wünschte. 

L ) Wie man aus den wiederholten Klagen derselben ersieht, welcher sowol Karls d. 
Grossen Praeceptum pro Hispanis v, 2. April 842, wie auch die beiden Verordnungen sei- 
nes Nachfolgers v. 1. Jan. 815 und 10. Febr. 816: Walter, Corp. Juris German. autiqui II, 
pp, 255. 290. 307 sqq. als sie veranlassender Motive gedenken. 



23 



ständigen Herren emporschwingenden, bisherigen Statthaltern und Heer- 
führern der fränkischen Monarchen, von den Grafen von Barcelona, Ge- 
rona, Ampurias, Urgel u. s. w., wie auch von ihren reicheren und mäch- 
tigeren Standesgenossen selbst durch Gewalt, List und all' die schlechten 
anderwärts angewandten Mittel gezwungen wurde, ihrer Unabhängigkeit 
zu entsagen, und in nicht selten raschen Uebergängen von einer Stufe 
der Knechtschaft bis zur andern und endlich bis zur untersten, persön- 
licher Leibeigenschaft und völliger Haus-Sklaverei, herabzusinken. Doch 
ist die Zahl der diesem traurigen Geschicke Verfallenen in der spanischen 
Mark früher, als in den übrigen einst zur Monarchie Karls des Grossen 
gehörenden Provinzen, durch das auch von den genannten neuen souverai- 
nen Fürsten derselben tief empfundene Bedürfniss hin und wieder einiger- 
massen gemindert worden, den in ihren fort wogenden Kämpfen mit den 
Saracenen wiederholt verödeten Schauplätzen derselben neue Ansiedler 
zu gewinnen. So suchte z. B. Graf Wifred I von Barcelona, der sein 
Haus mittelst der ihm erworbenen ] ) Markgrafenwürde der spanischen 
Mark so Avie des, zum Lohne seiner gegen die Moslemen bewiesenen 
Tapferkeit 2 ), ihm zugestandenen erblichen Besitzes der fraglichen Graf- 
schaft zum mächtigsten dieser Provinz erhob, als er zum Schutze dersel- 
ben namentlich gegen die Einfälle der Ungläubigen bei Cardona eine feste 
Burg errichtete 3 ), zum Wiederanbau des weit und breit umher verwü- 
steten Landes rüstige Hände dadurch herbeizuziehen, dass er allen im 
Bereiche jener sich niederlassenden, oder dorthin flüchtenden Leibeigenen, 
und selbst groben Verbrechern, volle Freiheit und Sicherheit ihres Ei- 
gentumes geAvährleistete 4 ). 

In den übrigen mit dem Frankenreiche in keinem Zusammenhange 
stehenden, daher des starken Rückhaltes an demselben, wie überhaupt 



1 ) Wann? ist nicht zu ermitteln, und nur so viel sicher, dass Wifred 1 seit d. J. 865 
sie besass. Vergl. Masdeu, Historia critica de Espana T. XV. p. 139. 

2 ) Gesta Comit. Barcin. c. 2: De Marca, Marca Hispanica (Paris 1688 Fol.) p. 340. 

3 ) Das muss spätestens im Beginne des zehnten Jahrhuuderts geschehen sein, da Wi- 
fred 1, der im J. 906 noch unter den Lebenden weilte, im Januar 907 erweislich aus de- 
ren Reihen geschieden war. Marca Hispan. p. 838. Villanueya, Viage literario ä las Igle- 
sias de Espana T. AI, p. 262 (Madrid und Valencia, 1803—1821. 10 Bde.). 

4 ) Besage der Bestäligungsurkunde des Grafen Borrell \on Barcelona v. J. 986 bei 
Villanueva, Viage VIII, 276 sq. Quia quaudo in primis, heisst es in derselben, construut 
avius meus Wifredus comis et marchio bone memorie, et edificayit istum castrum Cardona, 
cum suis terminibus, precepit in suo precepto et suo Terbo . . . memorialem, ut omnes 
gentes, omnes abitatores. qui ibidem stare veniebant, aut cum illorum bona ad hec curre- 
bant, et hie yiyere yolebant, jure quieto tenuissent et possedissent perpetualiter. . . . Et 
si servus aut ancilla venisset int er eos, aut aliquis omo cum alienam uxorem autspon- 
sa, aut aliquis falsator vel criminosus, securus stelisset inter omnes alios abitatores 
.sine aliqua <lubitatione. 



24 

des auswärtigen Menschenzuflusses und jeder sonstigen Unterstützung ent- 
behrenden christlichen Staaten der Halbinsel befanden sich in den ersten 
Jahrhunderten nach ihrer Entstehung Land und Leute gewissermassen 
im Urzustände, und wurden durch die fortwogenden langwierigen und 
blutigen Kämpfe mit den Saracenen wiederholt in denselben zurückge- 
worfen. Denn diese, ihrer Natur nach gegenseitige Vernichtungskriege, 
verwandelten in der Regel ') die Provinzen, die ihre Schauplätze wurden, 
in Wüsteneien, deren bisherige BeAvohner entweder durch das Schwert 
der Feinde fielen, oder, wie oben berührt, von denselben als Sklaven 
weggeschleppt wurden. Darum überkam das Land, welches die Christen 
nach und nach den Moslemen entrissen, denselben gewöhnlich so durch- 
aus verödet und verwildert, dass der Boden dort in der Regel nicht bes- 
ser als der ganz rohe, noch nie von Menschenhänden bearbeitete erschien, 
weshalb auch in Urkunden von dem «jungfräulichen» und von dem 
«Entjungfern» desselben öfters die Rede ist 2 ). Was nützten den christ- 
lichen Königen und ihren tapferen Rittern die eroberten weiten, unter dem 
eisernen Tritt des Krieges in Wüsteneien verwandelten, Landstrecken 
aber, wenn sie der zum Wiederanbau derselben erforderlichen, fleissigen 
Hände entbehrten? Deshalb kannte man, wie gesagt, kaum eine dringen- 
dere Sorge als die, diese zu beschaffen, sie herbeizuziehen; wie gebiete- 
risch sie sich geltend machte, erhellt am sprechendsten aus dem in meh- 
reren Theilen der Halbinsel, wie namentlich in Castilien und Portugal, 
noch bis gegen Ausgang des Mittelalters geltenden Rechte des «todten 
Feuers», welches Jeden, der irgendwo den rohen oder verwilderten Bo- 
den umgerodet, das darauf wuchernde Gesträuch und Unkraut abgeschnit- 
ten, verbrannt und ihn dann angebaut hatte, zu dessen legalem Besitzer 
machte, und sogar dem sonstigen frühern Eigenthümer desselben verbot, 
ihn daraus zu vertreiben 3 ). Sehr natürlich mithin, dass man diejenigen, 



1 ) Wie mau nicht allein aus den Chroniken, sondern auch aus vielen Urkunden je- 
ner Tage ersieht. So erzählt z. B. eine vom Jahr 1023: Espana Sagrada XXXVI, ipend. 
XIV p. XXIX : — irruerunt gens Sarracenorum — super omnem proyinciam occidentalem 
(Königr. Leon) ad devorandam terram, et omnes in gladio percutere, captivos ducere; sie 
dedit illis insidiator noster antiquissimus serpens victoria, et proiecere civitates in terra, 
destruxerunt parietes, et nos posuerunt in conculcatione: civitates dimiserunt in pavi- 
rnento; capita hominum truneaverunt, in gladio percutere, ut non civem, non vicus, non 
Castellis eis non remansit ab ejus devastatione ; verum in ipsa conculcatione captivas 
duxerunt haue suprataxatas in terram suam. 

2 ) Wie z. B. noch in portugiesischen Dokumenten aus den Jahren 1283 — 1345. 
Santa Rosa de Viterho (der portugiesische Du Cange), Elucidario das Palavras, Termos, e 
Frases, que em Portugal antiguamente se usaräo e que hoje se ignoräo (Lisboa 1798—99. 
2 Bde. Fol. u. 1 Supplem. v. 62 besond. paginirt. Seiten), Suppl. p. 40. 

3 ) Ayala, Cronicas de los Reyes de Castilla D. Pedro, Enrique II, Juan I y Enrique 111 



25 



deren man so sehr bedurfte, mittelst Zusicherung eines besseren Looses, 
als ihnen anderwärts blühete, anzulocken suchte; dass man ihnen also vor 
Allem den ungehinderten Erwerb und den freien Genuss der Früchte ih- 
res Fleisses gewährleistete, und sie durch Bewilligung eines grössern 
Masses von Freiheit, als sie sonst zu finden vermochten, und wichtiger 
Vorrechte zu erhö'heter Thätigkeit anzuspornen sich bestrebte. Stand doch, 
wie in manchen Urkunden jener Tage 1 ) ganz naiv und rückhaltlos be- 
kannt wird, sehr zu fürchten, dass man den beregten Zweck völlig ver- 
fehlen werde, wenn man in der Hinsicht sich weniger liberal zeigte! 

Hieraus erwuchs die ganz eigenthümliche , von der in den meisten 
anderen europäischen Ländern so sehr abweichende Gestaltung der bäuer- 
lichen Verhältnisse in der grossen Mehrheit der christlichen Staaten 
der iberischen Halbinsel während der übrigen nach der Eroberung dieser 
durch die Saracenen verflossenen Jahrhunderte des Mittelalters. Freihei- 
ten und Vorrechte, die anderwärts, und bedeutend später, nur den Städte- 
bewohnern eingeräumt wurden, sind hier frühzeitig schon der Bevölke- 
rung des platten Landes zugestanden worden, woher es denn auch rührt, 
dass die Verfassung der städtischen und bäuerlichen Gemeinden in Spa- 
nien und Portugal in vielen, und nicht selten in den meisten Beziehun- 
gen übereinstimmten, dass zwischen dem sogenannten dritten und vierten 
Stand hier schon zu einer Zeit thalsächlich kein grosser Unterschied sich 
offenbarte, wo man anderwärts noch gar keinen vierten kannte; sind beide 
doch durch dasselbe Bedürfniss ziemlich gleichzeitig geschaffen worden! 
Der gewöhnliche Gang der Dinge in dem hier in Rede stehenden Betreff 
war, dass die den Moslemen durch das Schwert der Christen nach und 
nach entrissenen Landstrecken von den Fürsten dieser theils für sich be- 
halten, theils an ihre Grossen, Feldhauptleute und Soldaten, wie auch 



z. J. 1390, T. 1I 7 p. 335 (d. Ausg. v. Llaguuo Amirola, Madrid 1779 — 80. 2 TT. 4). 
Santa Rosa de Viterbo I, p. 470. 

l ) Wie z. B. in einem Diplome König Alfonsos VI ron Castilien v. J. 1099, mittelst 
welchem er dem von ihm neu gegründeten Orte Miranda de Ebro den Fuero Ton Logrono 
uud noch andere Freiheiten verleiht: Coleccion de Documentos concern. ä las Provincias 
Vascongadas (Madrid 1829 — 1833. 6 Bde. 4.; eine der wichtigsten Urkundeu-Sammlungen 
f. spanische Gesch. Vergl. Salva, Catal. de Livres Espagnoles relat. ä l'Hist. p. 23. Paris 
1843) T. V (der den besondern Titel führt: Coleccion de Privilegios, Franquezas y 
Fueros conced. a yarios Pueblos y Corpos de la Corona de Castilla), p. 50 sq. — Garsias 
Comes et D. Urraca Comitissa uxor sua, heisst es dort, cum assensu et nostra conces- 
sione popularunt Lucronium; qua populatione completa, dederunt mihi consilium quod po- 
pulärem Miranda, et omnibus qui ibi yoluissent populäre, darem legem et forum per quem 
potuissent morari ibi, ne malo dominio et mala Servitute sint appremiati taliter quod 
dimittant popuhim, et ita factum nostrum esset vamim: et Nos> videndo quod istud 
consilium erat bonum, dedimus eis legem et forum, et fecimus istam Carlam populatori- 
bus de Miranda. 



26 

an die Geistlichkeit als Lehen unter der Bedingung ausgethan wurden, 
die gesetzlichen Kriegsdienste davon zu leisten und für ihren Anbau zu 
sorgen. Um die dazu benöthigten Hände möglichst bald zu gewinnen, 
verstand sich der königliche, adelige oder geistliche Grundherr zum Ab- 
schlüsse eines, für beide Theile gleich verbindlichen, Vertrages mit den 
Ansiedlern, kraft dessen er diesen den von ihnen zu cultivirenden Boden 
mit bald grösseren, bald kleineren Gerechtsamen, gegen gewisse, durch 
jenen festgesetzte, Leistungen und Abgaben überliess. Diese Verträge 
zwischen den Bevölkerern, Ortsbegründern (Popladores) und den neuen 
Anbauern bilden die älteste Gattung der spanischen Fueros (portugie- 
sisch: Foraes); sie, die Orts- und Dorfrechte sind, im Gegensatze zu den 
bezüglichen Verhältnissen anderer Länder, bedeutend älter als die ei- 
gentlichen Stadtrechte (Fueros municipales); denn während das älteste, 
uns von diesen überkommene das der Stadt Leon v. J. 1020 ist, ken- 
nen wir im Fuero von Branosera einen solchen Bevölkerungsvertrag 
(Carta puebla) schon v. J. 824 1 ). 

Neben den erwähnten drei Arten der Gründung ländlicher Gemein- 
den durch den König, den Adel oder die Geistlichkeit gab es auf der 
pyrenäischen Halbinsel aber noch eine vierte. Es pflegte hier nämlich 
nicht selten zu geschehen, dass die den Mauren durch das Glück der 
Schlachten neuerdings abgerungenen grossen Strecken wüsten Landes 
mehrere Bewohner eines schon bevölkerten Ortes zur Auswanderung 
veranlassten, um auf den fraglichen Ländereien sich niederzulassen und 
sie zu bebauen. Solchen aus eigenem Antriebe, ohne vorgängige Ein- 
ladung des königlichen oder sonstigen Grundeigentümers, sich melden- 
den Ansiedlern Avurde nun, um deren viele herbeizuziehen, das Vorrecht 
eingeräumt, zur Abwehr der -stets zu besorgenden Angriffe der Mosle- 
men einen ihr Vertrauen geniessenden Burgbesitzer zum Schirmherrn 
(Benefactor) sich selbst frei wählen zu dürfen; der Erkorne wurde da- 
mit auch ihr Grundherr, d. h. er bezog, gleichsam zur Vergeltung für 
den berührten Schutz, die bei der Wahl vereinbarten Grundgefälle und 
übrigen Leistungen. Dergleichen Ortschaften oder Gemeinden hiessen 
dann Benefactorias, woraus später, nach der glaubwürdigsten Meinung, 
das verdorbene Wort Behetria entstand, während Andere dasselbe von 
dem Baskischen: Bere tiria (unabhängige Gemeinde oder Stadt) her- 
leiten. Solcher Behetrias gab es drei Arten; die erste und bevorzugteste 
(Behetrias de mar ä mar) waren die, deren Einwohner sich ihren Bene- 
factor von einem Meere zum andern, d. h. innerhalb der Halbinsel er- 



l ) Schäfer, Geschichte von Spanien 11, 420. 



27 

kiesen durften; die zweite Gattung (Behetrias de linage) bildeten die, 
welche sich verpflichtet hatten, stets einen der männlichen Nachkommen 
ihres ursprünglich erkornen Schutz- und Grundherrn zu dessen Nachfol- 
ger zu erkiesen, und die dritte (Behetrias de naturaleza) endlich jene, 
die gehalten waren, denselben immer aus den Eingebornen der gemein- 
schaftlichen Stammprovinz zu küren 1 ). Da der Benefactor zudem nicht 
befugt war, seine Rechte einem Andern eigenmächtig abzutreten oder zu 
übertragen, wird es keiner weitern Darlegung bedürfen, wie sehr bevor- 
zugt die Insassen solcher Behetrias waren, deren es zumal in Castilien 
noch in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts viele gab ), die 
sich am längsten jedoch in Portugal, bis gegen Ausgang des sechzehn- 
ten 3 ), erhielten. 

Gleich den Einwohnern der Behetrias wurde nun auch denen der 
erwähnten anderen drei Gattungen bäuerlicher Gemeinden, — sie Mes- 
sen Realengos, wenn der König selbst ihr unmittelbarer Grundherr, So- 
lariegos, wenn ein Edelmann, und Abadengos, wenn ein Kloster oder 
eine sonstige geistliche Körperschaft das war , — *) als vornehmstes 
Anlockungsmittel durch die fraglichen Fueros vor Allem das Geschenk 
vollkommner persönlicher Freiheit gemacht 5 ). Gar manche Fürsten 
und Ortsbegründer, wie namentlich König Sancho I von Portugal (1185 
— 1211), verirrten sich in ihrem Eifer, die zum Wiederanbau des ver- 
wüsteten Landes erforderlichen rüstigen Hände möglichst schnell zu ge- 
winnen, nicht selten eben so weit, wie der oben erwähnte Graf Wifred I 
von Barcelona; sie sicherten nicht allein den Leibeigenen, sondern selbst 



1 ) Das Beste über die Behetrias ist noch heute die Abhandlung Figueiredo's (Me- 
moria para dar huma idea jusia do que eräo as Behetrias, e em que difleriäo dos Coutos 
e Honras) in den Memorias de Literatura Portugueza , publ. pela real Acad. das Sciencias 
de Lisboa (Das. 1792 — 1814. 8 Bde. 4) T T, p. 98 sq. Vergl. ausserdem noch: Znaz- 
naiar. Ensayo histor.-critico sobre Ja Legislation de Navarra (San Sebastian, 1827. 2 
TT. 4) T. I, p. 205 sq. und Masdeu, Hist.^de Espana X11I, p. 76. 

2 ) Ayala, Cronicas (cf. S. 24, Anm. 3) T. I, p. 50. 

3 ) Santa Rosa de Yiterbo, Elucidar. I, p. 191. 

4 ) Mitunter bestanden diese Terschiedenen Arten der Grundherrschaft in einem und 
demselben Orte nebeneinander. Manche Ortschaften waren halb Behetria, halb Abadengo, 
oder zur Hälfte Solariego, und zur andern Realengo; Riano, im Bisthum Burgos, war zu- 
gleich Realengo, Abadengo, Solariego und Behetria. Schäfer, 11. 513. 

5 ) Fuero König Alfonsos IX v. Castilien für Arganzpn v J. 1191: Angef. Coleccion 
de Documentos concern. ä las Proyiucias Vascongadas, T. V. p. 114: Omnis infanzon 
dires aut pauper, qui ibi populaverit, sit liber et ingenuus ab omni jngo servitutis, et ha- 
beat haereditatem suam liberam et ingenuam. — Fuero König Alfonsos IX ron Leon für 
Aguiar t. J. 1228. Ebetidas. V, 153: — manumitto, sive quito omnes de terra de Aguiar 
tarn masculos quam foeminas a Servitute qua mihi subjeeti erant, eos ab omni Servitute 
poenitus liberans et absolvens, concedens etiam eis ut sint benefactriae de mari 
us que ad mare. 



28 

groben Verbrechern 1 ), die sich in dem betreffenden Orte niederlassen 
würden, vollkommene Freiheit und Straflosigkeit zu. Ein Rückführungs- 
oder Rückforderungsrecht wurde den bisherigen Gebietern entflohener 
Leibeigenen oder Grundholden in den in Rede stehenden Fueros darum 
auch in der Regel ausdrücklich abgesprochen 2 ); es war eine seltene 
Ausnahme, wenn die von Nagera 3 ), aus dem Anfange des eilften Jahr- 
hunderts, bestätigt und niedergeschrieben im J. 1076 von Castiliens Kö- 
nig Alfonso VI, jenen die beregte Befugniss innerhalb Jahr und Tag 
vorbehielt, und noch seltener war die von dem eben genannten Monar- 
chen seiner vielgeliebten bischöflichen Kirche von Oviedo (1085), und 
auch nur unter Bedingungen der Gegenseitigkeit, gewährte Vergünsti- 
gung 4 ), flüchtige Leibeigene zu jeder Zeit zurückfordern und selbst mit 
Gewalt in die frühere Knechtschaft zurückführen zu dürfen. 

Daneben wurde diesen ländlichen Gemeinden, gleich den städtischen, 
durch die Fueros in der Regel auch das wichtige Recht der Selbster- 
nennung ihrer Beamten, und zumal der richterlichen verliehen, 
die Unabhängigkeit der Letzteren namentlich so eifersüchtig gewahrt, 
dass die Fueros nicht selten ausdrücklich vorschrieben, der Ausspruch 
des Richters dürfe nie im Angesicht und in Gegenwart des Ortsherrn 
erfolgen 5 ). Der von den neuen Ansiedlern urbar gemachte und bebauete 
Boden ward ihnen zwar nicht eigenthümlich, aber doch zu erblichem 
Besitze überlassen; sie waren mithin die Erbpächter ihrer Grundher- 
ren, die ihnen gewöhnlich auch das Recht der Wiederveräusserung der 
betreffenden Ländereien, natürlich mit denselben Obliegenheiten, mit 
welchen sie selbst solche besassen, wie nicht minder das einräumten, 
deren noch so viele anzukaufen, als sie vermochten 6 ). Von den drückend- 



1 ) Santa Rosa de Viterbo I, p. 190. 

2 ) Santa Rosa de Viterbo II, p. 200. 

3 ) Abgedruckt bei Zuaznavar a. a. O. I, p. 297 sq. 

4 ) Et si servos de Lagneyo per totas Asturias aut in aliqua alia terra, qui de eadem 
valle fuerunt, inveneritis, per ?im reducite eos ad vestrum servitium, et si post istam in- 
cartationem ser?us Regis, vel cujus übet hominis intraverit iu ipsum valiem pacifice eum 
reddatis domino suo. Espana Sagrada T. XXXVIII, p. 332. 

5 ) Schäfer, Gesch. v. Spanien II, 474. 

6 ) Fuero K. Alfonsos VI y. Castilien für Miranda de Ebro y. J. 1099. Angef. Colec- 
cio de Docum. Vascongad. T. V, p. 54: Et quilibet populator qui tenuerit haereditatem 
suam pro anno et die sine mala voce, habeat liberam et quietam, et alii qui comparave- 
rint, habeant eam liberam et quietam ad forum de Miranda. 

Angef. Fuero K. Alfonsos IX t. Castilien für Arganzon v. J. 1191: Ebendas. T. V, 
p. 114: Habeatis licentiam comparandi haereditates in tota mea'terra, ubi comparare 
potueritis. Et habeatis illam liberam et ingenuam. 

Fuero Bischofs Manrique t. Leon für Villafrontin j. J. 1201: Espana Sagrada T. 
XXX VI. Apend. Urk. LX: — damus ad populaudum per subscriptos foros Villam, quae di- 



29 



sten und verhasstesten sowol der aus der Leibeigenschaft, wie auch 
aus dem Hörigkeits- und Lehnsverhältnisse {liessenden Steuern und Lei- 
stungen wurden ferner die Einwohner solcher neugegründeten Orte mit- 
telst der ihnen verliehenen Fueros befreit, wie z. B. von dem sogenann- 
ten Besthaupte 1 ) oder Todfalle (in Spanien und Portugal gewöhnlich 
Luctuosa oder Loitosa genannt), jener Abgabe des besten Stück Viehes 
oder sonstigen werthvollsten beweglichen Gegenstandes aus dem Nach- 
lasse eines Grundsassen, der wir im Folgenden fast in allen Ländern 
der Christenheit, in manchen noch bis gegen Ausgang des achtzehnten 
Jahrhunderts, begegnen werden. Auch das unsittlichste und empörend- 
ste der leib- und grundherrlichen Rechte, welches anderwärts, wie na- 
mentlich in Frankreich und Deutschland noch so lange fortbestand, das 
berüchtigte Recht der ersten Nacht (Jus primae noctis), ist auf der 
iberischen Halbinsel mit, im Folgenden zu erwähnender, Ausnahme ei- 
ner einzigen Provinz, nie in Uebung gewesen; der Bauernstand dersel- 
ben blieb selbst von jeder, anderwärts für den Erlass dieser Schmach 
entrichteten Abgabe stets befreit 2 ). Oefters wurde er mittelst der ihm 
verliehenen Fueros 3 ) auch von dem so verderblichen, in anderen Staaten 
noch bis tief in das achtzehnte Jahrhundert fortwuchernden, Vorkaufs- 
rechte der Grundherrschaft emancipirt; nämlich von jener Verpflichtung, 
dieser oder ihren Angehörigen sein Getreide, sein Vieh u. s. w. zuerst 



citur Villafrontiu triginta scilicet et sex hominibus (so klein waren gar häufig die An- 
fänge der ländlichen Gemeinden , der Flecken und Dörfer auf der pyrenäischen Halbin- 
sel). . . . Quicumque necessitate compulsus praestimonium suum vendere voluerit, ven- 
dat tali homini, per quem damnum eidem Villae non eveniat, et qui per se solum popu- 
let, et faciat totum forum et sit vasallus S. Marie (d. h. des Bischofs v. Leon) sine alio 
domino; omnes enim in eadem Villa commorantes debent esse vasalli S. Mariae sine alio 
domino. 

1 ) Angef. Fuero für Miranda de Ebro v. J. 1099: Angef. Coleccion de Docum. Vase. 
T. V, p. 54: Nee habeant supra se forum malum de sajonia. — nee dent morturam. — 
Fuero K. Ferdinands II v. Leon für die, dem Domkapitel v. Iria gehörige, Villa Iria Fla- 
via del Padron v J. 1164. Ebendas. T. V, p. 65 > — nee fonsadaria dent, nee luctuosam 
aliquant persolvant. 

Angef. Fuero für Arganzon v. J. 1191. Ebendas. V, p. 114: Et uullus senior, 
neque alius homo inquirat vobis pro ista haereditate morturam neque ulla debüa. 

2 ) Santa Rosa de Viterbo, Elucidario T. II, p. 189. 

3 ) Angef. Fuero K. Ferdinands II von Leon für die Villa Iria Flavia del Padron v. J. 
1164: Coleccion de Docum. V, p. 64: — omnes bonas consuetudines quae per parentes 
et avos nostros, seu etiam per Archiepiscopos et praelatos vestros in villa vestra — plan- 

tatae sint, sicut in scriptis vestris continetur, confirmamus Inter haec specialiter et 

expresse mandamus, quod dominus villae vestrae non audeat de qualibet ven- 

ditione per violentiam aliquid rapere, vel ut sibi vilius vendatur, quam commune praetium 
postulat, quae circa hoc facere volumus in pane et carnibus, et in omni fruetu et pisci- 
bus, et in cera, et in liquo atque universaliter in eunetis quae ad esum et potum depor- 
tata sunt sive apportentur ad villam, sive in ipsa villa vendenda serventur. 



30 

und um einen von ihr wiJlkührlich bestimmten, weit geringern Preis, als 
der ordentliche Marktpreis war, überlassen zu müssen, und von der da- 
mit zusammenhängenden, weder im Orte vorhandene oder dahin ver- 
brachte Victualien noch sonstige Lebensbedürfnisse für sich anzukaufen, 
wenn der Grundherr auf solche refleetirte. Freilich ist die in Rede ste- 
hende Verbindlichkeit der Grundsassen in den ihnen gewährten Fueros 
mitunter auch ausdrücklich vorbehalten worden, am häufigsten und mit 
den lästigsten Einschränkungen in Portugal 1 ). 

Wie oben erwähnt, wurden die den Moslemen nach und nach ab- 
gerungenen Landstrecken von den christlichen Staatshäuptern an ihre 
weltlichen und geistlichen Grossen lehnsweise unter der Hauptbedingung 
ausgethan, die gesetzlichen Kriegsdienste davon zu leisten. Sehr natür- 
lich mithin, dass dies auch die Obliegenheit gewesen, zu welcher, wie 
von den Königen selbst, so auch von den adeligen und geistlichen Grund- 
herren wiederum diejenigen vor Allem verpflichtet wurden, die sich auf 
den fraglichen Ländereien ansiedelten, und um so natürlicher in einem 
Lande, welches mehrere Jahrhunderte hindurch der blutgedüngte Schau- 
platz steter^ Kämpfe mit den Glaubensfeinden, wo die Verbindlichkeit 
Aller, zur Abwehr dieser nach Vermögen beizutragen, ein so tief und 
allgemein empfundenes Bedürfniss war, dass selbst der am meisten be- 
vorrechtete Stand, die Priesterschaft, wenn auch der persönlichen Kriegs- 
dienste auf dem Gnadenwege sonst oft enthoben, zu diesen doch bei al- 
len Heerzügen gegen die Ungläubigen verpflichtet blieb 2 ). Daher war 
der Kriegsdienst, sowol zum blossen Streif- wie zum eigentlichen Feld- 
zuge, die erste und wesentlichste Verbindlichkeit, welche allen waffen- 
fähigen Ortseingesessenen mittelst der Fueros auferlegt wurde. Sie griff 
so tief ein in das ganze Gemeindewesen, dass sie selbst Rang und Gel- 
tung der Ortsbewohner bestimmte. Denn die, welche zu Pferde in's 
Feld rückten (die Caballeros), waren die Ersten in der Gemeinde, von 
den meisten Abgaben befreit, welche die Milizen zu Fusse (die Peones) 



1 ) Wie man unter andern aus den Satzungen des portugiesischen Bischofs von Viseu 
für die Gemeinde Se v. J 4251 bei Santa Rosa de Viterbo 1, 445 ersieht. Et omnes qui 
voluerint vendere, heisst es in denselben, primitus ; quam aliis, Yendant nobis; et si nos 
comparare noluerimus, vendant talibus, qui sint nostri homines, et qui nobis faciaut nos- 
trum forum, et qui dent nobis nostram vendam, secundum consuetudinem terrae. Et non 
Yendant hominibus de Ordine, neque Militibus, neque alii Ecclesie, praeter nostram. 

2 ) Amaral in den Memorias da Acadeinia Real das Sciencias de Lisboa (das. 1797 — 
1839. 12 Bde.) T. VI, P. 2, p. 33: Era este (Portugal, es gilt aber selbstverständlich 
von Spanien nicht minder) hum campo de batalha quasi continua: todosos que podiäo pe- 
gar em armas corriäo ä guerra, näo so seculares, mas ecclesiasticos: e ainda quando os 
Reis dispensaräo estes de hirem com eile em hoste, näo se extendia a dispensa ao caso, 
em que se hia contra Mouros. 



31 



zu entrichten hatten, und sonst auch, namentlich vor Gericht, mannichfach 
bevorzugt 1 ). Die Versäumniss dieser Pflicht musste mit einer Geldbusse 
gesühnt werden, deren Bezug zu den unveräusserlichen Vorrechten des 
Staatsoberhauptes gehörte; später, zumal seit dem Beginne des dreizehn- 
ten Jahrhunderts , wo das Bedürfniss solch' allgemeiner persönlicher 
Kriegsdienste sich minder gebieterisch geltend machte, sind solche von 
den Königen sehr oft gegen eine bestimmte Abgabe erlassen worden 2 ). 

Im Uebrigen waren sowol die persönlichen wie die dingli- 
chen Leistungen, zu Avelchen die bäuerlichen Gemeinden mittelst ihrer 
Fueros verpflichtet wurden, im Vergleiche mit denen des Landmannes 
in anderen Staaten, im Ganzen massig, am massigsten, wenn der König 
selbst ihr unmittelbarer Grundherr war, in den Realengos also. In die- 
sen hatten sie im ganzen Jahre nur selten mehr als drei oder vier Tage 
lang Frohndienste zu leisten 3 ), während in den Abadengos und Sola- 
riegos, geistlichen oder adeligen Grundherrschaften unterworfenen Ge- 
meinden , diesen wol jeden Monat ein Tag lang gefrohndet werden 
musste; immer war der Grundherr aber gehalten, die Fröhner in genau 
bestimmter Weise ausreichend und anständig zu verköstigen 4 ). Diese 
gemessenen Frohndienste, — eine Wohlthat, die dem Bauer in den 
meisten übrigen Reichen der Christenheit erst viel später zu Theil wurde, — 



1 ) Santa Rosa de Viterbo I, 253 sq. 

2 ) Llorente, Noticias histor. de las tres Provincias Vascongadas II, 154. Santa Rosa 
de Viterbo I, 475 sq. Du Cange, Glossar. T. III, pp. 381. 383. Ed. Henschel. 

3 ) K. Alfonsos VIII v. Castilien Fuero für Pampliega' v. J. 1209. Coleccion de Do- 
cum. Vascongad. V, 126 sq.: — dono itaque vobis et concedo forum de Muneo quod est 
istud. Non detis ullo Seniori qui super vos fuerit nee fonsadera, nee faciatis Uli ullum 
servitium absque voluntate vestra nisi tres dies in anno ad laborandum; duos scilicetin 
arare et alterum in podare : et senior ejusdem villae det eis expensam panis vino et 
carne. 

4 ) Sehr unterrichtend hierüber, wie über die bäuerlichen Leistungen überhaupt ist 
der angeführte Fuero Bischofs Manrique von Leon für Villafrontin v. J. 1201, weshalb 
die wesentlichsten seiner betreffenden Bestimmungen hier ausgehoben werden mögen: 
Espana Sagrada T. XXXVI, Apend. Urk. LX: Dabit itaque unusquisque populatorum 
ejusdem Villae praeposito singulis annis in festo S. Martini dimidium morabitinum pro 
enforcione , et duodeeim operas per anniim, unam scilicet singulis mensibus, prout 
villicus disposuerit, et minister domus providebit eis in illa die in hieme in paue triticeo 
et vino bono in mane; in sero, in pane, in vino et legumine; in aestate in pane triticeo, 
bono vino et legumine, in mane ; in meridic, in pane et vino, in sero in pane, vino et 
legumine, et debent facere bonam laborem et sine fraude. Procurabunt etiam Episcopum 
splendide, et eos qui cum eo erunt una die, uno quoque anno iidem populatores, si ad- 
venerit in ipsa Villa, et reeipient in domibus suis bestias suas cum hominibus suis, et 
Canonicorum ibidem quandocumque advenerint, dabunt et praeposito singulis annis bo- 
num arietem bidentem, et decem gallinas bonas, unum haedum, vel unum lectonem bo- 
num, et viginti panes bonos de tritico, et tres cantaras boni vini, et sex eminas hordei, 
et singulos panes bonos de tritico in natiritate Domini cum singulis bonis gallinis. 



82 

bestanden am häufigsten in Feldarbeiten, Frohnfuhren oder Frohngän- 
gen 1 ), letztere das sehr gewöhnliehe Ersatzmittel der fehlenden Posten 
und öffentlichen Boten, Öfters aber auch in Obliegenheiten anderer Art, 
wie namentlich in Jagd-, Fischerei- und Bau-Frohnden. Die Letzteren, 
die zu den drückendsten und verhasstesten gehörten, hingen mit der eben 
erwähnten allgemeinen Kriegspflicht zusammen, waren gewissermassen 
ein Ausfluss derselben; sie lasteten darum auch nicht auf dem Land- 
manne allein, der Städter musste sie mit ihm tragen, weil solche zum 
allgemeinen Nutzen gefordert wurden, zum Aufbau, zur Erhaltung und 
Ausbesserung der Burg oder sonstigen Festungswerke nämlich, die fast 
jeder grössere oder kleinere Ort, zum Schutze gegen die stets drohenden 
Einfälle der Saracenen besass. Nachdem aber die Furcht vor diesen in 
Folge des, durch die Schlacht in den Ebenen von Tolosa endlich (1212) 
dauernd entschiedenen Uebergewichtes der christlichen Waffen über die 
Mauren, bedeutend abgenommen hatte, war es sehr gewöhnlich, dass 
jene Burgfrohnden mittelst eines bestimmten in der Regel sehr massigen 
jährlichen Geldbeitrages 2 ) zu dem fraglichen Behufe abgelöst werden 
konnten. 

Unter den dinglichen Obliegenheiten des Landmannes stand die 
Pflicht oben an, seinem königlichen, geistlichen oder adeligen Grundherrn 
und dem Gefolge desselben, eine bestimmte Quantität Lebensmittel, so wie 
Herberge und Futter für die Pferde, gewöhnlich auf einen Tag im Jahre 3 ) zu 
liefern, wenn er in die Flecken und Dörfer kam, was in der Regel, vornehm- 
lich zur Verwaltung und Handhabung der Justiz, einmal im Jahre geschah. 
Diese, auf der iberischen Halbinsel am häufigsten Jantar 4 ) (oder Yan- 
tar, in Aragonien Gena) genannte, Verpflichtung theilte der Bauer übri- 



1 ) Santa Rosa de Viterbo I, 241. 

2 ) Urk. des Bischofs Nuno Alvarez von Leon v. J. 4242: Espana Sagrada T. XXXVI, 
Apend. Urk. LXVII: — facemos ä tal pleito, e ä tal convenencia con nos nostros omes, 
e con nostros vasallos de Val Madrigal de tales Lugares, — de Galegos, de Vega etc. — , 

que cada unu ome de los quantos ennas devandichas Villas moran, que foreros son 

de cada unu dos soldos Leoneses ä la fiesta de omnium Sanctorum cada un anno, pora 
facer el Castiello de Castrotierra, que ye de nuestra Eglesia. El qua! Castiello estos de- 
vandichos omes erant tenudos per foro de fazelo cada que cais, e refacer cada que fu- 
sen xamados pora facero he pora refacerlo, he dando ellos estos dos soldos devandichos, 
seer quitos del labor del deyandicho Castello, que nunqua altras cosas po lo labor del de- 
vandicho Castiello les sean demandadas. He esto facemos por prot de los omes devan- 
dichos, que y er an muchu agravidos del foro que havian de facer e de refacer el Ca- 
stiello, e por prot de nuestra Eglisia. Ea el Castiello sera meyor fecho e refecho, e ä las 
devandichas Villas seran meyor pouladas. 

3 ) Yergl. Anmerk. 4 auf S. 34. 

4 ) Am wahrscheinlichsten von dem lateinischen jentare (frühstücken). Du Gange, 
Glossar, h. v. T. III, p. 746 Ed. Henschel. 



gens mit allen Ständen derselben, selbst den Geistlichen, \velche sowol 
dem Könige wie ihren kirchlichen Vorgesetzten gegenüber dieselbe Ver- 
bindlichkeit hatten , in natürlicher Folge des allgemeinen Mangels an 
Herbergen. Wegen der Missbräuche, welche besonders die unteren Be- 
amten sich zu Schulden kommen Hessen, ward auch diese Natural -Lei- 
stung frühzeitig in eine fixe Geldabgabe verwandelt, besonders denjeni- 
gen Gemeinden, deren unmittelbarer Grundherr der König war 1 ). Ebenso 
verhielt es sich mit einer andern, zumal in Portugal gebräuchlichen, Na- 
tural-Prästation, mit der Verpflichtung der Bauern nämlich, ihrem Grund- 
herrn eine gewisse Quantität Eisen zum Hufbeschlag zu liefern; auch sie 
wurde, namentlich seit dem dreizehnten Jahrhundert, sehr häufig mit 
Geld abgelöst 2 ). Aus diesem, auch sonst noch mehrfach wahrzuneh- 
menden, vorherrschenden Bestreben des Landmannes der iberischen 
Halbinsel, sich seiner persönlichen und dinglichen Obliegenheiten mit- 
telst einer Geldabgabe zu entledigen, — besonders bevorzugte Gemein- 
den setzten es, zumal wenn der König ihr Grundherr war, gleich An- 
fangs durch, dass sie mit einer fixen Haus- und Grundsteuer belastet 
wurden, dagegen von allen, oder doch den meisten ihren Standesgenos- 
sen sonst auferlegten Leistungen verschont blieben 3 ), — erhellt die er- 
freuliche Thatsache, dass er mit Münze gut versehen, also wohlhabend 
gewesen sein muss. 

Kein Zweifel, dass er dies vornehmlich seinen Fueros verdankte, 
dem weit erträglichem Loose, als das seiner Brüder in den anderen eu- 
ropäischen Staaten war, welches dieselben ihm bereiteten. Da es gegen 
Ausgang des dreizehnten Jahrhunderts wol nur äusserst wenige bäuerliche 



1 ) Fuero K. Alfonsos VI y. Castilieu für Mirauda de Ebro ?. J. 1099: Coleccion de 
Docum. Vascong. V, 56: Et omnes populatores pectent Regi viginti quatuor morabetinos 
in anno pro prandio, yeniendo ad villam; et si yenerit Regina cum eo, pectent triginta 
solidos, et si plus custaverit prandium, solvat Rex : et in anno, quo Rex non yenerit ad 
yillam, populatores nihil solvant, et isti populatores nee pectent prandium lufanti aut ln- 
fantae: nee domino qui mandayerit villam sub Regia potestate non pectent nisi quinque 
solidos, aut unum, aut duo, aut tres quilibet populator pro casis et haereditatibus quae 
habuerint, post Pascha Resurrectionis. 

2 ) Santa Rosa de Viterbo I, 444 sq. 

3 ) Fuero K. Alfonsos VI für Miranda de Ebro 7. J. 1099: Colecc. de Docum. V, 55: 
Et omnes populatores qui habuerint casas, de qualibet dent duos solidos domino qui 
mandayerit yillam sub regia potestate quolibet anno, post Pascha Resurrectionis; et si ha- 
buerint casas et haereditatem (sonstige Grundstücke), pectent tres solidos; et si habue- 
rint haereditatem sine casa, pectent unum solidum. 

Fuero K. Alfonsos IX y. Castilien für Arganzon y J. 1491: Ebendas. V, 115: Liberi 
ingenui semper maneatis, reddendo mihi et successoribus meis in unoquoque anno in die 
Pentecostes de unaquaque domo duodeeim denarios. Et nisi cum bona voluntate vestra 
feceritis, nullum aliud servilium facialis. 

Sugenheim, Gesch. d. Anfh. d. Leibeig. 3 



34 

Gemeinden gab, die nicht ihre Fueros hatten, so kann, da, wie oben er- 
wähnt, das Geschenk der persönlichen Freiheit stets das erste durch sie 
gewährte war, schon deshalb füglich angenommen werden, dass die Um- 
wandlung der früheren christlichen Leibeigenen in mit Milde 
behandelte Hörige und Erbpächter mittelst der Fueros damals fast 
in allen christlichen Staaten der Halbinsel vollendet war. Freilich nicht 
in allen; denn in den Theilen Iberiens, die weiland fränkischer Herr- 
schaft unterworfen gewesen, in dem, aus der oben (S. 22) erwähnten 
spanischen Mark nachmals entstandenen, Fürstenthume Catalonien und 
einem beträchtlichen Stücke Aragoniens, — welch' beide Länder seit 
dem J. 1137 unter einem Regentenstamme, den bisherigen Beherrschern 
des erstgenannten vereinigt waren, — war, wie bereits im Vorherge- 
henden berührt worden, die Leibeigenschaft des christlichen Landmannes 
nicht nur weit strenger und härter wie im übrigen Spanien, sondern sie 
hat dort auch viel länger, bis gegen Ausgang des Mittelalters fortbestan- 
den. Wie sehr man auch geneigt sein möchte, die Versicherung eines ara- 
gonischen Schriftstellers des dreizehnten Jahrhunderts, VidalVde Canellas, 
Bischofs von Huesca 1 ): in seinem Vaterlande habe es leibeigene Bauern 
gegeben, die der Willkühr ihrer Gebieter gegenüber jedes Schutzes so 
völlig entbehrt, dass sie von den Erben dieser allenfalls auch mit dem 
Schwerte ungeahndet zerstückt, unter sich hätten vertheilt werden dür- 
fen, für oratorische Uebertreibung zu halten, so wenig erscheint sie doch 
als solche, wenn man erfährt, dass selbst manche Könige Aragoniens 2 ) 
in den von ihnen zur Aufrechthaltung des Landfriedens gegebe- 
nen Gesetzen ihrem übermächtigen Adel förmlich die Befugniss einräu- 
men mussten, seine Leibeigenen ungeahndet nach Belieben berauben und 
misshandeln zu dürfen! Oder wenn man Kenntniss nimmt von der lan- 
gen Reihe testamentarischer Entschädigungen, mittelst welcher einzelne 
dieser kleinen Tyrannen 3 ), Angesichts des Todes von Reue und Furcht 
vor der Verantwortung im Jenseits ergriffen, die während ihres Lebens 



x ) Bei Biancas, Commentar. Rer. Aragon.: Schott, Hispan. illustrat. T. III, p. 729: 
Villani collaterii tarn crudeli erant subditi servituti, ut etiam inter filios dominorum suo- 
rum ducerentur gladio dividendi. 

2 ) Wie z. B. K. Pedro II in seinen Landfriedensgesetzen v. J. 4202 bei De Marca, 
Marca Hispamca p. 4394: D. Petrus Rex, heisst es dort wörtlich, etiam constituit nrviola- 
biliter quod si domini suos rusticos male tractaverint, yel sua eis abstulerint, tarn ea quae 
sunt in pace et treuga, quam alia, nullo modo teneantur Domino Regi in aliquo, nisi 
sint de feudo Domini Regis Tel religiosorum locorum. Das wurde noch im J. 4384 selbst 
tou den zu Saragossa versammelten Cortes bestätigt! Brauchitsch, Gesch. d. span. Rechts 
(Berlin 4852) S. 409. 

3 ) Wie z. B. Graf Guinard von Roussillon in seinem Testamente v. J. 1473 bei De 
Marca a. a. 0. p. 4360 sq. 



35 

an ihren unglücklichen Bauern verübten Frevel zu sühnen suchten. Am 
traurigsten war aber die Lage dieser in Catalonien; hier waren sie nicht 
nur mit Frohndiensten und Steuern jeder Art überbürdet , sondern auch 
der Entrichtung des verhassten Besthauptes wie dem grundherrlichen 
Vorkaufsrechte, und ihre Frauen und Töchter selbst der empörenden 
Gerechtsame der ersten Nacht, und zwar in einer anderwärts kaum 
gekannten Ausdehnung 1 ) , unterworfen. 

Der harte, in keiner Weise gemilderte Druck, unter welchem sie so 
lange schmachteten, trieb endlich, im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts, 
die verzweifelnden catalanischen Landleute zu wiederholten Aufständen. 
Sehr wahrscheinlich, dass diese, wie anderwärts, ihr Loos nur noch ver- 
schlimmert haben würden, wenn nicht, zu ihrem Glücke, die^ königliche 
Gewalt im letzten Drittel des genannten Jahrhunderts sich endlich der 
Ohnmacht entrungen hätte, welche sie seit dem Beginne des vorherge- 
henden einem übermüthigen Adel gegenüber gefesselt. Isabella und Fer- 
dinand der Katholische, die Beherrscher der durch ihren Ehebund ver- 
einten Reiche Castilien und Aragonien und seit der Eroberung Granadas 
(1492) ganz Spaniens, vollbrachten mit Hülfe ihres grossen Ministers 
Ximenez und der opferbereiten Städte das beregte schwierige Werk mit 
dem glänzendsten Erfolge, und noch ehe dieser als völlig gesichert be- 
trachtet werden konnte, liess König Ferdinand es sich sehr angelegen 
sein, die gewonnene gebietendere Stellung zur Erleichterung des Looses 
seiner catalanischen Bauern zu benützen. Bereits im J. 1483 nahm er, 
auf deren flehendliche Bitten 2 ), die ehedem gescheiterten Versuche ei- 

L ) Worüber der gleich zu erwähnende Schiedsspruch Ferdinands des Katholischen vom 
J. 1486 sich mit entsetzlicher Deutlichkeit ausdrückt. Item, sentenciam arbitram, e decla- 
ram que les dits senyors non pugan prendre per didas per sos fills, ö altres qualsevols 
creaturas les mullers dels dits pagesos, de remenga, ab paga ni sens paga, menys de lur 
voluntat; ni tampoc pugan la primera nit que lo pages prend muller dormir ab ella, ö en 
senyal de senyoria, la nit de las bodas, apres que la muller sera colgada en lo lit, pasar 
sobre aquell, sobre la dita muller; ni pugan los dits senyors de la filla ö fill de pages, ab paga, 
nisens paga servirse dells sens sa voluntat. Sempere, Betrachtungen über d. Ursachen d. 
Grösse u. d. Verfalls d. spanisch. Monarchie I, S. 246 (d. deutsch. Hebers, t. Schäfer, 
Darmstadt 1828, 2 Bde.), wo auch die übrigen auf die abgeschafften leibherrlichen Rechte 
bezüglichen Stellen dieser Urkunde v. J. 1486, nicht aber die Bedingungen ihrer Ab- 
schaffung abgedruckt sind. 

2 ) Qurita, Anales de la Corona de Aragon (Qaragoga 1610, 7 Bde. Fol.) T. IV, p. 
326 — 327, z. J. 1483. . . Por el nombre bien se dexa entender, que devian ser de mucha 
gravezza aquellas, que llamavan malas costumbres : pues no se podian eximir dellas, sino 
rescatando se, y redimiert do se como esclavos: y de aquella redemcion, dixeron en Cata- 
luna remenga. . . . Hizieron en este tiempo grande instancia, que el Rey los librasse de 
tanta sugecion y de la servidumbre de los malos usos en que estayan : diziendo, que no 
se suffrian entre infieles: que eran muy graves, y intolerabiles, y muy indignos, que se 
padeciessen por Chrislianos ; como lo avia proveydo el Rey D. Alonso por su seuteucia 
(die also unausgeführt geblieben). 



niger seiner Vorgänger wieder auf, zwischen jenen und ihren Gebietern 
eine gütliche Vereinbarung herbeizuführen. Es bedurfte aber dreijähriger 
Unterhandlungen und der Nachhülfe eines wiederholten Aufstandes der 
wüthenden Landleute, der bedenklich zu werden drohete, um die hart- 
köpfigen Barone Cataloniens endlich zum Nachgeben zu vermögen. Ein 
von König Ferdinand (21. April i486), selbst jetzt noch fast mehr dik- 
tirtes als vermitteltes, Uebereinkommen gestattete den catalanischen Bau- 
ern die Ablösung ihrer Eigenhörigkeit, so wie aller grundherrlichen 
Zwangsrechte, Frohnden u. s. w. mittelst der massigen Jahressteuer von 
60 barcelonischen Sueldos, die auch capitalisirt werden konnte, stellte 
sie fortan unter den Schutz des Staatsoberhauptes 1 ), und vollendete da- 
mit die Aufhebung der Leibeigenschaft so wie der strengen Hörig- 
keit des Landvolkes in ganz Spanien. 



ZWEITES KAPITEL. 

Aber kaum ein halbes Jahrhundert später fing die in diesem Lande 
im Allgemeinen, im Vergleiche mit andern Staaten, so bevorzugte Lage 
des Bauernstandes während des Mittelalters sich wesentlich zu verschlim- 
mern an. Damit hatte es folgende Bewandtniss: Bekanntlich wurde Fer- 
dinands des Katholischen Enkel und (1516) Nachfolger auf dem spani- 
schen Throne, König Karl I, von einem masslosen Ehrgeize beherrscht, 
der nach nichts Geringerem, als nach dem Principate in Europa, nach 
einer Universal-Monarchie strebte. Es ist unschwer zu ermessen, wie 
peinlich einen solchen Charakter die gleich an der Schwelle seiner kö- 
niglichen Waltimg gemachte Erfahrung berührte, dass seine Gewalt in 



x ) Qurita T. IV, p. 346: — fuessen (die Bauern) obligados — a dar y pagar por 
cada uno sessenta sueldos Barceloneses, o otro tanto censo, quauto moDtassen los sessenta 
sueldos a razon de veynte mil por mil; y se pagasse en cada un ano, desde el dia de la 
publication desta seutencia; y este censo se impuso sobre los vassallos, y sus tierras ; 
que estayan obligados a los malos usos; declarando, que se pudiesse quitar por 
ellos aquel censo a razon de yeynte mil por mil. Con esto se revoco el de- 
recho y facultad, que los senores pretendian tener de maltratar a estos Tassallos: 
declarando, que si usassen della, pudiessen los Tassallos tener recurso al Rey, y a sus 
officiales: y delante dellos los senores fuessen tenidos por causa de maltratamiento a com- 
parecer, y hazer cumplimiento de justicia criminal, o civil ; no quitando por esta causa a 
los senores la jurisdicion civil, sobre aquellos vassallos, si la tuviessen. Avian de prestar 
estos vassallos sacramento y homenage reconociendo, que tenian las tierras, y casas por 
los senores; pero sin cargo de rescate personal, ni de losotros malos usos: y por este re- 
coDocimiento, no se les pudiesse imponer servidumbre alguna. 



37 

Spanien selbst noch von sehr lästigen Schranken eingeengt wurde. Denn 
als er damals (1519) zum Nachfolger auch seines andern Grossvaters, 
Kaiser Maximilians I, auf dem deutschen Throne erkoren wurde, wider- 
setzten sich die Spanier, und namentlich die Städte, der iVnnahme dieser, 
wie sie ganz richtig urtheilten, mehr glänzenden als reelle Vortheile ge- 
währenden, Würde und der durch sie bedingten Entfernung ihres Mo- 
narchen aus der Halbinsel mit ungemeiner Energie, wozu sie allerdings 
auch berechtigt waren. Eines der alten Grundgesetze Castiliens untersagte 
nämlich 1 ) den Beherrschern desselben jede Entfernung aus dem Reiche 
ohne Zustimmung der Stände. Und als Karl V, auf die Vorstellungen 
dieser keine Rücksicht nehmend, dennoch (Mai 1520) nach Deutschland 
absegelte, griffen die bedeutendsten Städte des Reiches zu den Waffen, 
wählten zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten eine Junta, die den 
neuen Kaiser zur unverzüglichen Rückkehr nach Spanien (20. Oktober 
1520) aufforderte, und ihm ziemlich peremtorisch die sehr verletzenden 
Bedingungen notificirte, unter welchen man gesonnen sei, zum Gehorsam 
zurückzukehren. Obwol dieser Aufstand der Comuneros eine stark 
ausgesprochene Tendenz auch gegen den Adel hatte, — in der Stadt 
und Provinz Valencia z. B. wurde dieser misshandelt, beraubt und ver- 
trieben, — blieb derselbe doch eine geraume Weile müssiger Zuschauer 
der Ereignisse, weil auch er Karl V gram war wegen dessen Bevorzu- 
gung der Niederländer. Als die Städte aber, aufgebläht durch die ihnen 
günstige Wendung der Dinge, ganz unzweideutig die Absicht verriethen 2 ), 
die früher in den Besitz der Granden übergegangenen königlichen Domai- 
nen, die seit nahezu zwei Jahrhunderten den Zankapfel zwischen den 
beiden Ständen bildeten, zurückzufordern, und nöthigenfalls wol auch mit 
Gewalt ihnen zu entreissen, da griffen die Grossen zum Schwerte; mit 
ihrer Hülfe errangen Karls V Statthalter den entscheidenden Sieg bei 
Villalar (23. April 1521), der dem Aufstande der Comuneros, aber 
auch der bisherigen sehr einflussreichen Stellung des Bürgerstandes auf 
der Halbinsel ein Ende machte. Denn Karl V, obwol er gegen die Re- 
bellen mit weiser Milde verfuhr, sie mit nur wenigen Ausnahmen begna- 
digte, benutzte ihr Vergehen doch als willkommnen Vorwand die Städte 
fortan jeder politischen Geltung zu entkleiden, und damit das grösste Hin- 
derniss zu beseitigen, welches sich der jetzt, selbst in öffentlichen Acten 8 ), 



1 ) Marina, Theorie des Cortes, trad. de l'Espagnol p. Fleury (Paris 1822. 2 vols.) 
11, 292. 

2 ) Raumer, Gesch. Europas I, 156. 

3 ) Wie z. B. in seinem Ehevertrage mit der portugiesischen Prinzessin Isabella v. J. 
1526. Marina a. a. II, 185. 



38 

von ihm ganz unzweideutig ausgesprochenen Absicht entgegenstemmte, 
an die bescfnvornen alten Grundgesetze Spaniens sich nicht mehr zu 
kehren, hier fürder keinen andern Willen als den seinigen gelten zu las- 
sen. Die durch den Tag von Villalar noch bedeutend erweiterte Kluft 
zwischen den Granden und den Städten erleichterte ungemein das Ge- 
lingen von Karls V Plan: die Cortes, diese bislang so gebietenden, so 
mächtigen Reichsstände, zur blossen Scheinexistenz, zum Avürdigen Sei- 
tenstücke der berüchtigten deutschen Postulaten-Landtage herabzudrücken. 
Von der dem Monarchen unbedingt ergebenen Geistlichkeit so wenig wie 
von dem Adel unterstützt, von diesem nicht, weil sie zu erbittert und zu 
stolz waren, sich um seinen Beistand zu bewerben^, müheten sich die 
Bürgerschaften allein, und darum fruchtlos ab, ihre und der Cortes ver- 
fassungsmässige Rechte gegen des Kaisers kühne Griffe aufrecht zu er- 
halten. Noch ehe dieser seine vielen Kronen mit der Klostereinsamkeit 
von Yuste vertauschte (1556), gab es in Spanien, in dem bis dahin con- 
stitutionellsten Staate Europens, weder mehr ständische, noch bürger- 
liche Freiheit; Alles musste sich hier willenlos schmiegen unter das Joch 
des eisernsten Despotismus. 

Obwol im Folgenden noch gar manche eindringliche Bestätigungen 
der alten Erfahrung von dem giftigen Einflüsse des Letztern auf die Bo- 
denkultur, diese vornehmste Quelle des Wohlstandes und der Macht der 
Staaten, sich uns darbieten werden, verkündet doch die Vergangenheit 
keiner andern europäischen Monarchie mit solch' überzeugender Kraft 
wie die der spanischen die nie genug zu beherzigenden Lehren: dass 
die Regierungsart, die staatlichen und gesellschaftlichen 
Einrichtungen die Landwirtschaft noch mächtiger influiren 
als den Handel und die Industrie, ja noch mächtiger als selbst 
Klima und Bodenbeschaffenheit es vermögen; dass jene nicht 
in den von der Natur am meisten begünstigten, sondern in den 
am besten regierten Reichen zur grössten Blüthe gediehen; 
dass unter allen Geissein, welche die Agrikultur, wie die Industrie, heim- 
suchen können, nach der treffenden Bemerkung eines sehr sachkundigen 
Franzosen 1 ), die einer schlechten, unverständigen Regierung 
die furchtbarste ist. 

Unter der constitutionellen der mittelalterlichen Monarchen Spaniens 
waltete in diesem Lande, wie oben (S. 25) berührt worden, eben kein 



l ) Leonce de Lavergne in der Revue des deux Mondes, 1853, Avril, p. 239: I/agri- 
culture, comme Findustrie, a besoin avant tout de securite et de liberte ; de tous les fleaux 
qui peuvent l'accabler, il n'en est pas de plus mortel qu'un mauvais gouvernement. Les 
revolutions et les guerres laissent du repit; le mauvais gouvernement n'en laisse pas. 



sehr bedeutender Unterschied zwischen den städtischen und bäuerlichen 
Gemeinden, indem ein beträchtlicher Theil der Rechte und Freiheiten, 
die jenen gewährt wurden, mittelst der ihnen verliehenen Fueros auch 
letzteren eingeräumt worden sind. Daher kam es denn auch, dass wir, 
seit dem Ausgange des zwölften Jahrhunderts, Abgeordnete von Flecken 
und Dörfern sehr oft neben den Deputirten der Städte in den Versamm- 
lungen der Gortes erscheinen sehen 1 ). Daher kam es ferner, dass in den 
Bündnissen, die Spaniens Städte im Mittelalter zur Erhaltung und Wah- 
rung ihrer Gerechtsame, gegen etwaige Eingriffe des Staatsoberhauptes 
sowol wie des Adels abschlössen, Öfters auch Flecken und Dörfer aufge- 
nommen wurden, wie z. B. in dem Bunde, zu welchem die Städte von 
Leon und Galicien zu Medina del Campo im J. 1284», zu dem beregten 
Behufe, sich vereinten 2 ). An dem Aufstande der Comuneros hatte das 
Landvolk sich nun sehr lebhaft betheiligt; das bei Villalar geschlagene 
Heer der Junta bestand grossentheils aus Bauern. Doch war es nicht so- 
wol das, was die Niederlage der Städte für diese zu einem unermess- 
lichen Unglück, so unsäglich verhängnissvoll machte, als vielmehr der 
Umstand, dass Kaiser Karl V und seine Nachfolger auf dem spanischen 
Throne, um die einzige Klasse ihrer Unterthanen, auf welche sie doch 
immer noch gewichtige Rücksichten zu nehmen hatten, den Adel, mit 
seiner thatsächlichen Ausschliessung von der Leitung der Staatsgeschäfte 
und dem verzehrenden Willkühr-Regimente, welches sie im Reiche führ- 
ten, zu versöhnen, den Granden eine diesem nur zu ähnliche tyrannische 
Waltung ihren Grundsassen gegenüber gestatteten. Wie die Rechte der 
Cortes, die Fueros der Städte von den Königen mit Füssen getreten wur- 
den, eben so durfte der Adel die Fueros seiner Bauern als bedeutungs- 
lose Pergamente behandeln. 

Als dessen unseligste, beklagenswertheste Folge erscheint der Um- 
sturz der oben (S. 28) erwähnten innern demokratischen Verfassung 
wie der städtischen, so auch der bäuerlichen Gemeinden der Halbinsel. 
Gleich wie die spanischen Habsburger den Städten und zu den Krondo- 
mainen zählenden Landgemeinden das durch deren Fueros ihnen gewährte 
uralte freie Wahlrecht ihrer Communalbeamten und Richter entzogen, die 
Ernennung derselben fortan sich selbst zulegten, damit einen einträglichen 
Handel trieben, oder diese Stellen begünstigten Familien erblich verlie- 
hen, so durfte auch der Adel in den ihm gehörenden Flecken und Dör- 
fern der Monarchie den Gemeindegliedern dies verbriefte bisherige freie 



!) Marina I ; 121. 137. II, 28. 273. Sempere, Gesch. der Cortes, Kap. IX (deutsch in 
den europäischen Annalen, 1816, Bd. III, S. 63). 
2 ) Sempere a. a. 0. Bd. III, S. 76 f. 



40 

Wahlrecht entreissen, die Ernennung der Richter und übrigen Beamten 
des Orts usurpiren, solche fortan ausschliesslich nach Willkühr und Lau- 
nen vornehmen. Selbstverständlich hatte diese, während des sechzehnten 
Jahrhunderts in ganz Spanien, mit beziehungsweise nur wenigen Aus- 
nahmen, vollendete Einführung der grundherrlichen, der Patrimo- 
nial- Gerichts barkeit für die bäuerlichen Gemeinden dieselben schlim- 
men, und nicht selten noch schlimmere Folgen wie die angedeuteten, 
welche die gleiche Neuerung in den Städten begleiteten, und eben so 
selbstverständlich beeilten sich die geistlichen Grundherren, Bischöfe, 
Aebte u. s. w. in der hier in Rede stehenden Beziehung dem Vorgange 
der weltlichen zu folgen 1 ). Was Wunder daher, dass die zwei Jahrhun- 
derte von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des achtzehnten Secu- 
lums die traurigsten Zeiten gewesen sind, die das spanische Landvolk je 
erlebt? Des frühern Selbstschutzes wie jeder wirksamen Vertretung sei- 
nen immer übermüthiger werdenden, grossen und kleinen Tyrannen ge- 
genüber beraubt, der schrankenlosen Willkühr derselben völlig preisge- 
geben, versank Spaniens Bauernstand immer tiefer in den Morast des 
Elends. 

Vornehmlich zwei dem Adel gewährte Privilegien haben dazu ganz 
ausserordentlich, fast mehr noch als der berührte Umsturz seiner Fueros 
beigetragen, nämlich die der Majorate und der Mesta 2 ). Obwol die 
grosse Masse des Landvolkes der Halbinsel am Ausgange des Mittelalters 
noch aus dem bestand, was die Gesammtheit desselben, wie oben (S. 28) 
erwähnt, ursprünglich geAvesen — aus erblichen Pächtern, gab es hier 
damals doch schon eine nicht unbedeutende Anzahl kleiner bäuerlicher 
Grundeigenthümer. Denn wie der Adel die argen GeldnÖthen, die 
Hülfsbedürftigkeit der Könige und zumal der Beherrscher Castiliens, dazu 
missbraucht hatte, den grössten Theil der Domainen der Letztern sich 
anzueignen, so hatten auch gar viele Insassen der Realengos, — unter 
welchen es namentlich reiche Bauern, Leute gab, die ein Vermögen 
von 50 bis 100,000 Maravedis und wol noch darüber besassen 3 ), — 
diese Gunst der Verhältnisse dazu benützt, die von ihnen bislang als 
Nutzniesser angebauten Ländereien von ihren königlichen Grundherren 



1 ) Marina I, 138. Toreno, Gesch. d. Aufstandes, Befreiungskrieges u. d. Revolution 
in Spanien IV, 348 (d. deutsch. Uebers. Leipzig 1836, 5 Bde.). 

2 ) Dem Folgenden liegen, wenn nicht auf andere Quellen verwiesen wird, durchweg 
zu Grunde: Weiss, L/Espagne depuis le regne de Philippe IT jusqu'ä Favenement des 
Bourbons (Paris 1844, 2 vols.) und Sempere's angef. Betrachtungen I, 169 f. 

3 ) Schäfer, über Spaniens Finanz- und Steuerwesen: Schlosser und Bercht, Archi? f. 
Gesch und Literatur Bd. IV, S. 96, 



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käuflich als freies Eigenthum zu erwerben. Auf diesen schönen vielver- 
heissenden Keim eines durchaus unabhängigen, kräftigen, auf seinem ei- 
genen Grund und Boden angesessenen Bauernstandes fiel nun schon im 
Beginne des sechzehnten Jahrhunderts der Mehlthau eines überaus ver- 
hängnissvollen Missgriffes Ferdinands des Katholischen. Um den mit 
seiner energischen Waltung sehr unzufriedenen und immer schwieriger 
werdenden Adel zu beschwichtigen, verlieh nämlich dieser Monarch dem- 
selben in der Versammlung der Cortes zu Toro (1505) das Recht, Ma- 
jorate, — ■ in Deutschland, Italien und anderwärts Fideicommisse ge- 
genannt, — zu stiften und zwar mit dem Verbote der Veräusserung. 
Nun war die Gründung solcher in Spanien zwar schon früher vorgekom- 
men; bereits im letzten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts hatte König 
Alfonso X von Castilien dem Grafen von Aguilar die Errichtung eines 
Majorats erlaubt, und auch von seinen Nachfolgern war einzelnen, beson- 
ders verdienten oder begünstigten Granden-Familien die gleiche Befugniss 
eingeräumt worden. Das blieb aber immer bloss kraft specieller Privile- 
gien gestattete Ausnahme, die erst ') durch Ferdinands des Katholischen 
fragliches Zugeständniss allgemeine Uebung, nur zu bald zur förmlichen 
Leidenschaft des ohnehin so stolzen und eitlen spanischen Adels wurde. 

Jeder, der zu diesem gehörte, oder mittelst eines ausgewirkten Adels- 
briefes sich in seine Reihen drängte, suchte durch Stiftung eines Majorats den 
Glanz seines Namens zu sichern. Die hierdurch erzeugte ungeheuerliche Ver- 
mehrung der adeligen Majorate ist für Spanien aber schon deshalb ein ganz 
besonderes Unglück gewesen, weil ohnehin ein so sehr grosser Theil seines 
Grund und Bodens bereits in todter Hand, in der der Geistlichkeit nämlich, 
aufgehäuft war, und die Gründung und Ausstattung von Klöstern auch wäh- 
rend des XVI. und XVII. Jahrhunderts, nach dem tonangebenden Vorgange 
des Hofes, die unheilvolle Mode der Vornehmen und Reichen blieb. Die An- 
wendung des einzigen und zugleich auch des wirksamsten Mittels, diese 
Ansammlung eines so bedeutenden Theiles des Grundbesitzes, also des 
Landesvermögens, in Händen, die weder selbst arbeiteten, noch dem 
Staate steuerpflichtig waren, für diesen minder verderblich zu machen: 
nämlich den, wie berührt, bereits begonnenen Uebergang des von der 
Klerisei noch nicht verschlungenen Theiles von Grund und Boden an eine 
möglichst grosse Anzahl producirender und steuerpflichtiger Hände thun- 



x ) Hierin folge ich der Angabe Sempere's a. a. ; Weiss adoptirte die abweichende 
desselben Schriftstellers in seiner über zwanzig Jahre früher (1805) erschienenen Gesch. 
der Majorate, die Sempere selbst aber nachmals als irrig erkannt haben muss, weil er sie 
sonst in seinen Betrachtungen einfach wiederholt und nicht stillschweigend berichtigt ha- 
beu würde. 



liehst zu fördern, wurde nun durch die beregte Stiftung und enorme Ver- 
mehrung der Majorate der Regierung entzogen. Denn der Adel veräus- 
serte und durfte aus Anlass derselben nicht nur von seinem Grundbesitze 
Nichts mehr an den arbeitsfähigen und arbeitslustigen Landmann veräus- 
sern, sondern suchte jenen auch aus Standesinteresse und Eitelkeit zu 
vermehren, was, wie die Verhältnisse nun einmal lagen, vornehmlich da- 
durch geschah •), dass er die Bedrängnisse der von einer fortwährend 
steigenden Steuervvucht zu Boden gedrückten kleinen bäuerlichen Eigen- 
tümer dazu benützte, diesen ihr Besitzthum, und meist um einen Spott- 
preis, abzudrücken. 

Nicht wenig gefördert wurde diese Vertilgung eines schon in viel- 
versprechender Bildung begriffenen, freien, auf eigenem Grund und Boden 
sesshaften Bauernstandes in Spanien durch die M est a. In den mehrhun- 
dertjährigen unaufhörlichen Kämpfen zwischen Christen und Mauren hatte 
sich in den Gränzprovinzen der Halbinsel, — und das sind während des 
Mittelalters fast alle Landschaften derselben nach und nach gewesen; so 
z. B. bis zur Eroberung Toledos durch König Alfonso VI (1085) Leon 
und Alt-Castilien, — die Sitte gebildet, einen grossen Theil der Felder 
und Weinberge in Weideplätze zahlreicher Heerden von Schafen, der 
Lieblingsthiere der Spanier, umzuwandeln. Denn da man täglich des 
Einfalles eines Feindes gewärtig sein musste, der jene zu verwüsten und 
die Ernte zu verbrennen pflegte, war es sehr natürlich, dass man Grund 
und Boden lieber zur Ernährung der genannten werthvollen Vierfüssler 
benützte, die bei Annäherung der Saracenen leicht in Sicherheit gebracht 
werden konnten, wenn kein Graben, keine Umhegung ihr schnelles Fort- 
schaffen hinderte, weshalb die Anlegung derselben auch untersagt wurde. 
In Folge der aus Anlass solcher häufigen unfreiwilligen Wanderungen 
bald gemachten Erfahrung, dass durch den steten Wechsel der Luft und 
Nahrungsmittel, wie das Fleisch der wilden Thiere schmackhafter, so 
auch die Bekleidung der zahmen besser werde, bedeckten sich bald die 
mittleren und südlichen Provinzen der Halbinsel mit grossen Heerden 
wandernder Schafe (Merinos, Trashumantes), die im Sommer auf den 
grasreichen Bergen von Leon, Burgos, Toledo, Cuenca u. s. w. weideten, 
und von dort im Beginne des Herbstes, gewöhnlich in Haufen von 10,000 



x ) Hierauf zunächst zielt ohne Zweifel Navarretes spitze Frage : Quantas casas de la- 
bradores se auran deshecho para solo labrarse una, y fundarse un mayorazgo de algun Mi- 
nistro? obwol er vorsichtig hinzufügt: Yo no lose, ni lo afirmo; pero voime con lo que 
dixo el Obispo de Zamora, que ut suas construant, paupemm domos evertunt. Navarrete 
(königl. Kaplan und Sekretair) Conservacion de Monarquias, discursos politicos p. 155 
(Madrid 1626, Fol. überhaupt sehr belehrend über Spaniens damalige innere Zustände), 



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Stück, nach den südlichen Provinzen Estremadura, Andalusien u. s. w. zo- 
gen, um solche im April wieder mit jenen zu vertauschen. Die Mischung und 
Vereinigung dieser Wanderheerden zu dem fraglichen Behufe wurde Mesta 
genannt, und dieser Name im Laufe der Jahre auch auf das ihren Besitzern 
verliehene Recht übertragen, die Thiere auf ihren regelmässigen Wande- 
rungen überall längs des Weges in den Brachfeldern weiden zu lassen. 
Da es zugleich aus dem berührten Grunde, verboten blieb, auch das an- 
gebauete Land durch Gräben oder Umzäunungen vor dem Besuche der 
Merinos zu schützen, wird leicht zu ermessen sein, zu welch' argem 
Missbrauche das führte. 

Nachdem nun der Herrschaft der Mauren in Spanien zu Grabe ge- 
läutet, alle Theile desselben unter einem christlichen Herrscher vereinigt 
worden, wäre es hohe Zeit gewesen, diese, zumal wegen des fraglichen 
Verbotes auf den Bauer wie auf die Bodenkultur so ungemein verderblich 
wirkende, alte Sitte zu reformiren, in Einklang zu bringen mit den durch- 
aus veränderten Verhältnissen. Aber Spaniens Unstern wollte, dass seine 
Staatshäupter nicht nur selbst Besitzer sehr bedeutender Merinos-Heerden 1 ) 
waren, sondern auch von den nach ihren Weideplätzen wandernden Thie- 
ren, an eigenen Zollstätten, eine beträchtliche Abgabe, ein sogenanntes 
Schutzgeld 2 ) erhoben, und deshalb zu einer Aenderung in der hier in 
Rede stehenden Hinsicht sehr wenig geneigt waren. Selbst die dringend- 
sten Vorstellungen und flehendlichsten Bitten konnten weder Karl V und 
Philipp II noch ihre Nachfolger zur Aufhebung des alten Verbotes ver- 
mögen, auch nur die urbaren Felder mittelst Umzäunungen oder in ande- 
rer Weise gegen die verzehrenden Abstecher der, besonders damals in's 
Ungeheuerliche sich vermehrenden 3 ), Wanderschafe zu schützen, weil 
die gute Sache der Essfreiheit dieser nicht nur von den spanischen Gran- 
den, sondern auch von dem Klerus mit ungemeiner Energie vertreten 
wurde. Es hatte sich nämlich bereits im Beginne der Regierung Phi- 
lipps II, wenn nicht schon früher, eine zumeist aus Granden, Bischöfen 
und Klostervorständen 4 ) bestehende Gesellschaft grosser Heerdenbesitzer 



*) Die letzte, aus 40,000 Stück bestehende, Heerde der Krone soll yon Philipp dem 
Zweiten oder dem Dritten einst in grosser Geldnoth an den Marquis Ton Iturbieta verkauft 
worden sein. Hannover. Magazin, i765, S. 244. 

2 ) Schlosser und Bercht, Archiv IV, 93. 

3 ) In Neu-Castilien allein gab es im XVI. Jahrhundert über sechs Millionen Stück 
Merinos. Revue des deux Mondes 1850, Fevrier p. 404. 

4 ) Wie denn die Klöster auch noch in viel späterer Zeit zu den bedeutendsten Heer- 
denbesitzern Spaniens zählten. So gehörten z. B. im J. 1778 dem berühmten St. Lorenzo- 
Kloster zu Escorial 30,000 Merinos und eben so viele jedem der beiden Klöster El-Paular 
und Guadaloupe. Volkmann, Neueste Reisen durch Spanien Bd. I, S. 29 (Leipzig 1785, 
2 Bde.). 



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zur gemeinsamen Ausbeutung des Privilegiums der Mesta gebildet, und 
es, wie man aus ihren in jenen Tagen 1 ) veröffentlichten Statuten ersieht, 
durchgesetzt, dass sie unabhängig erklärt wurde von allen, selbst 
den höchsten weltlichen und geistlichen Behörden des Rei- 
ches, ihre eigenen Gesetze und ihre eigenen Tribunale besass, vor wel- 
chen allein sie und ihre Diener belangt werden konnten. Die ehr- 
bare Compagnie war mithin stets Richter in eigener Sache, und es war 
nur zu natürlich, dass ihre Beamten und Schäfer bald zu einer fast noch 
grössern Plage des Landmannes erwuchsen, als die Heerden selbst, von 
ihm mehr gefürchtet wurden, als Räuber und Diebe, da ihr Uebermuth, 
ihre Anmassungen und Gewalttaten gar keine Gränzen kannten, weil sie 
ja allemal nur bei Gerichten verklagt werden konnten, die immer ihnen, 
den eigenen Dienern, Recht gaben. Vergebens würden wir die Geschichte 
des Monopols selbst in den Staaten, wo es am meisten beschützt worden 
ist, durchforschen, um etwas aufzufinden, was sich mit dieser monströsen 
Usurpation, mit dieser grössten Geissei vergleichen Hesse, der die Land- 
wirtschaft jemals irgend wo unterworfen gewesen 2 ). 

Es gewährt eine traurige Genugtuung, zu betrachten, wie schnell, 
wie furchtbar und abschreckend die Folgen solch' verblendeter Unter- 
drückung der zahlreichsten und unentbehrlichsten, weil am meisten ar- 
beitenden Volksklasse, des Bauernstandes, zu Nutz und Frommen faulen- 
zender Mönche und eines gleich arbeitscheuen hochmüthigen Adels selbst 
so gewaltige Potentaten, wie weiland die spanischen Habsburger trafen. 
Bekanntlich bildete die Monarchie dieser zur Zeit der Thronbesteigung 
Philipps II (1556) die mächtigste der Christenheit; denn nebst den ver- 
einten spanischen Reichen gehorchten dem genannten Könige auch noch 
Neapel und Sicilien, die Insel Sardinien, die Lombardei, und die acht- 
zehn niederländischen Provinzen, wozu später (1580) auch noch Portu- 
gal kam, standen zu seiner Verfügung die ungeheueren Reichthümer der 
entdeckten neuen Welt. Und nicht minder bekannt ist, dass dieser Länder- 
Krösus bereits in den ersten Decennien 3 ) und während seiner ganzen Waltung 
mit grosser und stets wachsender Geldnoth zu ringen hatte, die ihn zwang, 
selbst zu den ihm peinlichsten Auskunftsmitteln 4 ) seine Zuflucht zunehmen; 



x ) Im J. 1586 unter dem Titel: Libro de los Privilegios y leyes del Consejo de la 
Mesta general. 

2 ) — la mesta, partout ou eile a apparu, a faxt le desert. Revue des deux Mondes. 
1850, Fevr. p. 404. 

3 ) Schon im J. 1575 schrieb er eigenhändig seinem Schatzmeister Garnica: dass er 
amAbend nicht wisse, wovon eram folgendenMorgen leben werde! Sempere, Betracht. 1,227. 

4 ) "Wozu bei einem Fanatiker wie Philipp II vor Allem die bittere Notwendigkeit 
zählte, selbst einen Theil der Kirchengüter, der Grundbesitzungen des Klerus, wenn auch 



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dass er wiederholt Banqueroute machte und die von ihm beherrschten Länder 
im Zustande des traurigsten Verfalles hinterliess, der sich fortwährend 
steigerte, und in der zweiten Hälfte der Regierung Karls II (16 6 5 — 1700), 
des Letzten und Einfältigsten dieser spanischen Habsburger, in einen ent- 
schiedenen Marasmus ausgeartet war. Allerdings haben die vielen Kriege, 
die Philipp II und seine beiden nächsten Nachfolger führten, die unsin- 
nige Verschwendung des Hofes und die noch unsinnigere, wenn schon 
durch sie selbst provocirte 1 ), Vertreibung der Moriskos (1609), so Avie 
das abgeschmackte Finanz- und Colonialsystem dieser Herrscher zu dem 
Ruine ihrer Monarchie viel, sehr viel beigetragen. Aber all' diese Mo- 
mente hätten selbst in ihrem Zusammentreffen nimmer so furchtbar zer- 
störend, so tödtlich wirken können, wenn Spanien nicht auch gleichzeitig 
an der verzehrenden innern Krankheit einer fortwährenden und lange 
dauernden systematischen Ungeheuern Knechtung und Aussaugung des 
Bürger- und besonders des Bauernstandes gelitten hätte, die in diesen 
beiden wichtigsten Volksklassen alle Thatkraft lähmte, ihnen die Lust zu 
jeder Anstrengung, zu jeglichem Aufschwünge benahm, da ihre Errun- 
genschaft nicht sowol ihnen selbst, als vielmehr denen zu Gute gekom- 
men wäre, die sie nur als Schwämme betrachteten und benützten. Auch 
Frankreich hat während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts 



mit Zustimmung des Pabstes, einzuziehen und zu verkaufen, da er hierüber noch gegen 
das Ende seines Lebens Gewissensbisse empfand. Espana Sagrada T. XXXIX, p. 131: 
pusieron Felipe II — en la dura necesidad de Tender algunas jurisdicciones del Estado 

Eclesiastico, para io que pidio licencia ä la Santa Sede. Concediosele, y con este 

motivo faltaron ä la Iglesia de Oviedo los Concejos de Langreo, Llanero, las Regueras, 
Tudela, Quirös, Olloniego, y otros, y asimismo Yarioscotos, en que el Cabildo tenia perpe- 

tua jurisdiccion Felipe 11 en la clausula de suo codicilo, otorgado a 23 de Agosto 

1597 — mandaba se buscase forma de restituir a las Iglesias los bienes, y vasallos que 
compelidos de la necesidad, y con facultad Pontificia, setomaron, y vendieron. 

l ) Wie man jetzt aus den, von dem Marquis von La Grange veröffentlichten Memoi- 
ren und Briefwechsel des Duc de la Force (Paris 1843, 4 Bde.) und den von Berger de 
Xivrey edirten Lettres missiv. de Henri IV weiss. Aus Letzteren (T. II, p. 284) erfährt 
man, dass dieser, noch ehe er König von Frankreich war, bereits im J. 1587, mit den 
Moriskos in Verbindung trat, um sie zu einem Aufstande gegen seinen Todfeind Philipp II 
zu vermögen, und aus den beregten Denkwürdigkeiten des damaligen französischen Gou- 
verneurs von Bearn und Navarra (I, 217. 339 ff.), dass die Moriskos im J. 1602 dem in 
Rede stehenden Bourbon den Antrag einer allgemeinen Empörung gegen Philipp III mach- 
ten und 100,000 Krieger gegen diesen in's Feld zu stellen versprachen, wenn Frankreich 
ihnen kriegserfahrne Anführer und Waffen liefere. Die zwischen diesem und den Moris- 
kos durch mehrere Jahre fortgesetzten Verhandlungen waren bereits zu dem Ueberein- 
kommen gediehen, dass diese mit 80,000 Streitern einen Aufstand versuchen, drei Städte, 
darunter einen Seehafen, dem Franzosenkönige überliefern, und ihm 120.000 Dukaten 
zahlen sollten, wogegen letzterer ihre Unternehmung nach Vermögen zu fördern versprach, als 
Philipp III, durch Verrath hiervon unterrichtet, der Ausführung dieses Planes durch die Ver- 
treibung aller Moriskos aus Spanien zuvorkam. Vergl. des Verfassers Frankreichs Einfluss auf, 
u. Beziehungen zu Deutschland von 1517—1789, Bd. I, S. 549 f. (Stuttg. 1845—56. 2 Bde.). 



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gar viele Kriege geführt, und zumal die schlimmsten von allen, langwie- 
rige Religions- und Bürgerkriege, durchgemacht; auch Frankreichs Staats- 
kräfte sind damals oft genug von einem üppigen und verschwenderischen 
Hofe vergeudet, auch Frankreich ist durch verblendeten Fanatismus, durch 
den Widerruf des Edictes von Nantes (1685), einer ungefähr gleich 
grossen 1 ) Anzahl seiner nützlichsten Bürger beraubt worden, ohne des- 
halb in den lange dauernden Marasmus Spaniens zu versinken, trotzdem, 
dass ihm die Gold- und Silberbergwerke, und noch so manch' andere be- 
deutende Hülfsmittel fehlten, die diesem zu Gebote standen. 

Es würde höchst ungerecht sein, der Verschiedenheit des, von jeher 
von Ausländern meist sehr schief beurtheilten 2 ), Volkscharakters, der 
angeblichen naturwüchsigen Trägheit der Spanier jenes traurige Geschick 
ihres Vaterlandes auch nur theilweise beizumessen. Denn wie die Na- 
tionen überhaupt nur das Resultat ihrer Regierungen und ihrer Religio- 
nen, der beiden auf die Dauer unwiderstehlichen Faktoren sind, welche 
die Ausbildung und Anwendung ihrer materiellen wie geistigen Kräfte 
bestimmen, so ist der an der Bevölkerung der iberischen Halbinsel seit 
der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts so auffallend hervortretende Man- 
gel an Energie und Arbeitslust keineswegs 8 ) ein bleibendes, ihr ange- 



1 ) Die Menge der yon Philipp III aus Spanien yertriebenen Moriskos wird von gut 
unterrichteten Zeitgenossen auf 8 bis 900,000 Seelen angegeben (Fontenay-Mareuil, Atta- 
che der im J. 4612 nach Madrid abgeschickten französischen Gesandtschaft, Meinoires bei 
Petitot, Collect, des Memoir. T. L, p. 192) und betrug nach der höchsten Schätzung, 
nach der von Llorente (Gesch. d. span. Inquisition III, 517, d. deutsch. Uebersetz. v.Höck), 
nicht über eine Million Köpfe. Und auf 7 bis 800,000 schätzt Sismondi, Hist. des Francis 
XXV, 522 die Zahl der aus Frankreich, in Folge der fraglichen Massregel Ludwigs XIV, 
emigrirten und dort umgekommenen Hugenotten, welche Angabe noch eher als zu niedrig 
denn als zu hoch gegriffen erscheinen dürfte, wenn man erwägt, dass nach authentischen 
Ermittelungen aus der Normandie allein 184,000, und aus der einzigen Diöcese Saintes 
100,000 Hugenotten auswanderten. Schmidt, Gesch. v. Frankreich IV, 454. 

2 ) Wie Willkomm, Zwei Jahre in Spanien und Portugal Bd. I, S. 144 (Dresd. u. Leipz. 
1847. 3 Bde.) sehr richtig bemerkt. «Keinem Lande und Volke», äussert derselbe, «ist 
es in dieser Hinsicht wol schlimmer ergangen als Spanien und seinen Bewohnern, über 
welche die übrigen Völker Europas weit erhaben zu sein vermeinen, obgleich selbst die 
aufgeklärtesten und civilisirtesten Nationen viel, sehr viel von den armen Spaniern ler- 
nen könnten, die man so geringschätzt, seitdem Spanien aufgehört hat, die Beherrscherin 
der Welt zu sein». 

3 ) Wie schon der Franzose Bourgoing (Neue Reise durch Spanien Bd. II, S. 10. Jena 
17g9 — 1808. 4 Bde.) und der patriotische, aber für seine Landsleute doch keineswegs 
blind eingenommene Minano (Diccionario geogr.-estadistico de Espana y Portugal. T. 
IV, p. 28. Madrid 1826. 11 Bde. 4) übereinstimmend hervorhoben. Pero se enganan, be- 
merkt letzterer, pro cierto los que creen, que este estado de atraso depende de nuestro 
caracter inactiyo y descuidado. Los estrangeros, que con tanta ligereza tachan al espanol 
de perezoso, estan muy distantes de haber obseryado con atencion ä los habitantes de las 
proyincias y seguidoles en sus asperos trabajos, ya en las montanas casi inaccesibles de 



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bornes, sondern vielmehr temporär anerzogenes, man möchte sagen 
aufgedrungenes Gebrechen gewesen. Ein Volk, welches über sieben 
Jahrhunderte lang um den heimischen Boden kämpfte, wie die Spanier, 
welches aus Einöden Paradiese schuf, einen neuen Welttheil entdeckte 
und sich unterthänig machte, fast während eines Jahrhunderts das Prin- 
cipat in Europa behauptete, dessen Krieger noch in den Tagen seines 
Verfalles zu den tapfersten und gefürchtetsten, dessen Matrosen selbst 
damals zu den tüchtigsten der Christenheit zählten, kann unmöglich von 
Haus aus ein faules sein. Auch ist es selbst zu einer Zeit, wo alle Welt, 
selbst ihre eigenen Schriftsteller und Dichter die Spanier der Faulheit 
anklagte 1 ), weil man sie nicht viel arbeiten sah, von sachkundigen, tie- 
ferblickenden Beurtheilern 2 ) hervorgehoben worden , wie wenig dieses 
Laster ursprünglich in ihrem Charakter liege; dass sie vielmehr immer 
in Handlung sein würden, wenn sie dem Zuge ihres eben so lebhaften 
als stolzen Natureis folgten; dass ihre angeborne Massigkeit, ihre so 
vielfach bewährte Geduld und Ausdauer im Ertragen von Beschwerden 
und Gefahren nicht gestatteten, sie eines Lasters zu beschuldigen, wel- 
ches nur die Frucht der Feigheit und Verweichlichung sei. Und eine 
gleich zu erwähnende sehr bezeichnende Thatsache wird diese Behaup- 
tung noch weiter begründen. Wol aber sind die Spanier durch ihre 
eben so tyrannischen als, mit Ausnahme Kaiser Karls V, unfähigen Re- 
genten aus dem Hause Habsburg faul gemacht 3 ), so zu sagen, zur 
Faulheit gezwungen worden. Diese haben nämlich hinsichtlich ihrer 
dasselbe Verbrechen begangen, welches die Spanier ihrer Seits an den 
Bewohnern der neuen Welt verübten. Wie letztere von jenen physisch 
und moralisch zu Grunde gerichtet wurden, nur um sie leichter beherr- 



Cataluna, Asturias y Galicia, ya eu los vericuetos de Guipüzcoa, Vizcaya y Navarra, ya eu 
los pantanos de Valencia y ya en las ardientes llanadas de Andalucia y Estremadura. Los 
hombres que arrostran esos duros trabajos por im mezquino jornal estan rauy lejos de 
merecer el epiteto de perezosos. 

1 ) Dunlop, Memoirs of Spam duriugthe reigns of Philipp IV and Charles II (Edinburgh 
1834. 2 toIs.) I, 17 sq. 

2 ) Testament politique du Cardinal Alberoni p. 17 (trad. de lTtal., Lausanne 1753). 

3 ) Das hat Niemand unbefangener anerkannt, als der vielgereiste Bulgarin : Erinne- 
aus Spanien, in Oldekops St. Petersburg Zeitschrift Bd. III, S. 116. «Die Trägheit», be- 
merkt dieser, «ist die Haupteigenschaft des Spaniers, daher hat auch deren Schwester, die 
Armuth, hier ihren Thron aufgeschlagen. Vergebens schreibt man dies dem Klima zu; 
das südliche Frankreich und die südamerikanischen Kolonien beweisen das Gegentheil. 
In der Verwaltung sind die Quellen dieses Uebels zu suchen. Die Gleich- 
gültigkeit der Herrscher gegen die Fortschritte des Ackerbaues und der Industrie, drü- 
ckende Monopole und Habsucht der Gebieter ersticken die Thätigkeit und Arbeitsliebe. 
Wer gereist hat, und die Ursachen des Reichthums und der Armuth der Völker verglich, 
der wird mit mir diese Wahrheit eingestehen». 



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sehen zu können, so haben auch Philipp II und seine Nachfolger, um in 
ungestörter Ruhe die Wonne zu gemessen, Alles in schweigendem Ge- 
horsam unter ihrem Scepter gebeugt, sich selbst von ihren Unterthanen 
eine unnatürliche Vergötterung gewidmet zu sehen, kein Bedenken getra- 
gen, in Spanien einen Zustand der Dinge zu begründen und aufrecht zu 
erhalten, der jedes, auch das regsamste Volk faul machen musste, 
weil er überall der Thatigkeit des Bürgers und Landmannes nur tödtende 
Hindernisse bereitete, diesen Trägern des Staates jeden Spielraum zu 
ihnen selbst nützlicher Verwerthung ihrer Kräfte, und damit auch alle 
Lust zum Gebrauche derselben, weil sogar die Hoffnung raubte, selbst 
durch deren grösste Anspannung ein elendes Dasein in ein menschen- 
würdiges umwandeln zu können. Diese Ueberzeugung eines durch den 
verblendeten Despotismus seiner Regenten arm und elend gewordenen 
Volkes hat nur zu schnell auch diese selbst und ihren Staat arm und 
elend 1 ) gemacht, ist die Hauptpelle der fortwährenden, in so er- 
schreckendem Masse zunehmenden Entvölkerung Spaniens, der ei- 
gentlichen Todeswunde der stolzen Monarchie Philipps II gewesen. 

Als derselbe Spaniens Thron bestieg, zählte dieses Land eine Be- 
völkerung von ungefähr zehn und einer halben Million Einwohner, die 
gegen den Ausgang seiner Regierung, im J. 1594, auf 8,206,791, 
und am Ende der Karls II (1702) gar auf 5,700,000 Seelen zusam- 
mengeschrumpft war 2 ). Nichts würde irriger sein 3 ), als die Meinung, 
dieses Resultat der Herrschaft Habsburgs auf der Halbinsel sei vornehm- 
lich durch die Vertreibung der Moriskos und die Anziehungskraft Ame- 
rikas , Neapels und ihrer übrigen auswärtigen Besitzungen auf die Spa- 
nier herbeigeführt worden. Denn einmal sind die Folgen der fraglichen 
Grausamkeit für die Halbinsel vom Parteihasse A ), zumal vom religiösen, 



*) In welchem Grade das der spanische Staat unter Karl II gewesen, dürfte am präg- 
nantesten aus der kaum glaublichen, aber unwidersprechlich bewiesenen , Thatsache er- 
hellen, dass damals in Madrid ganz ernstlich davon die Rede war, die Monarchie da- 
durch zu retten, dass man die Leitung des Kriegs- und Seewesens so wie die der Fi- 
nanzen den Kathedralkirchen von Toledo, Sevilla und Malaga anvertraue, 
und zwar der Erstgenannten, weil sie gerade im Mittelpunkte von Spanien sich befinde, 
der Zweiten, weil sie in der Nähe beider Meere, also sehr vortheilhaft zur Besorgung der 
Marine -Angelegenheiten, und der Dritten, weil sie am mittelländischen Meere, mithin 
überaus günstig zur Bewahrung und Vertheidigung der Küsten liege. Sempere, Betrach- 
tungen II, 168 f. 

2 ) Sempere I, 191. Weiss II, 43. Mignet, Negociat. relat. ä la succession d'Espagne 
I, Introd. p. XXXI. 

3 ) Wie schon im angef. politisch. Testamente Alberonis p. 33 bemerkt wurde. 

4 ) Nach Voltaires Vorgang, der für die meisten , und zumal englischen Schriftsteller 
massgebend gewesen ist. Gute Bemerkungen hierüber bei (Bosse), Essai sur THist. de 
l'economie polit. des peuples modernes 1, 169 (Paris et Lond. 1818. 2 TT.). 



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sehr übertrieben worden, wie aus der später zu erwähnenden Thatsache 
erhellt, dass gerade die Provinz, die durch jene die meisten ihrer Be- 
wohner verlor, durch diese Einbusse auf die Dauer doch nicht so un- 
heilbar zerrüttet wurde, wie man gemeinhin vorgibt. Dann rührte 1 ) die 
zahlreiche Emigration der Kinder Iberiens in ferne, in fremde Länder 
zweifellos weit Aveniger von der Anziehungskraft dieser, als von der be- 
rührten Abstossungs kraft der einheimischen Verhältnisse her. Mit wel- 
cher Liebe die Spanier an der Heimath hingen, wie willig sie selbst den 
schwersten Arbeiten sich unterzogen, um dort des Lebens Unterhalt zu 
gewinnen, davon zeugt am sprechendsten die wenig bekannte, aber von 
zuverlässiger Hand 2 ) berichtete Thatsache, dass im siebzehnten Jahrhun- 
dert und selbst noch in den ersten Decennien des achtzehnten beständig 
in Spanien viele Menschen sich freiwillig zu dem Dienste auf den Ga- 
leeren, also dazu erboten, selbst die Behandlung grober Verbrecher zu 
erdulden, nur um daheim ihr Dasein zu fristen und nicht zur Auswan- 
derung genöthigt zu werden! Was Wunder auch? Sprach doch noch im 
J. 1739 der sehr sachkundige und hochverdiente Benediktinermönch 
Feyjoö (seiner Wirksamkeit, wenn auch nicht seinen Leistungen nach 
Spaniens Lessing) es öffentlich aus 3 ): das Loos der Bauern seines Va- 
terlandes sei härter als das der Galeerensträflinge! Hierzu kömmt nun 
noch, dass, wenn die Begierde, in der neuen Welt, in Italien und 
anderwärts ihr Glück zu versuchen, in ihnen mächtiger, als die Liebe 
zum Geburtslande, wenn sie der vornehmste Hebel ihrer massenhaften 
Auswanderung gewesen wäre, diese in der ersten Hälfte des sech- 
zehnten Jahrhunderts, zur Zeit am stärksten hatte sein müssen, wo 
der Reiz der Neuheit und die übertriebensten Vorstellungen von dem 
jungen Eldorado am verführerischsten lockten. Nun fällt aber, wie aus 
den vorstehenden Zahlen erhellt, jene schreckhafte Abnahme der Be- 
völkerung Spaniens in die Regierungszeit Philipps II und das siebzehnte 
Jahrhundert, in Tage also, wo Amerika schon ziemlich ausgebeutet 
war und bei weitem nicht mehr so verlockend winkte. Und ein nicht 



x ) Wie schon Navarrete (Febr. 1619) in der Dedication seiner oben erwähnten Schrift: 
Conservacion de Monarquias p. 2, mit anerkennungswerthem Freimuth hervorhob: — la 
despoblacion, äussert derselbe, y falta de gente es la major que se ha visto, ni oido en 
estos Reynos, despues que los progeuitores de V. Magestad comeugaron ä reynar en el- 

los, y la causa della nace de las demasiadas cargas y tribnlos impuestos so- 

bre los vasallos de F. Magestad, los quales, viendo que no los pueden soportar, es 
fuerpa que ayan de desamparar sus hijos y mugeres, y sus casas, por no morir de 
hambre en ellas, y irse ä las tierras, donde esperan poderse sustentar. 

2 ) Ustariz bei Dohm, Materialien f. Statistik und neuere Staatengesch. I, 441 (Lemgo 
1777. 5 Bde.). 

3) Sybel, Histor. Zeitschrift, 1859, Bd. II, SS. 121. 145. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 4 



50 

minder sprechender Beweis der Richtigkeit der hier ausgesprochenen 
Ansicht dürfte aus dem Umstände resultiren, dass von den vielen Fran- 
zosen , Italienern und sonstigen Fremden, die nach Spanien kamen ; 
um dort ihr Glück zu versuchen, Geld zu erwerben, nur sehr wenige 
sich daselbst dauernd niederliessen, die grosse Masse derselben aber, 
nach erreichter Absicht, der Halbinsel alsbald wieder den Rücken 
kehrte '). In der Unwirthlichkeit dieser , in ihrem abschreckenden 
Klima konnte doch die Ursache der befremdenden, sich fort und fort 
Aviederholenden Erscheinung nicht zu suchen sein? Also in den dorti- 
gen öffentlichen Verhältnissen und der ihnen entstammenden Furcht, 
bei längerem Aufenthalte im Lande das Gewonnene ganz oder theil- 
weise wieder einzubüssen, die freilich auch nur zu gegründet war, 
Angesichts der Mittel, deren die Regierung zur vorübergehenden Ab- 
hülfe ihrer ewigen Geldbedrängnisse sich bediente. Unter diesen standen 
z. B. oben an 2 ): Erhöhung des Werthes der Kupfermünze um das Dop- 
pelte, ja einmal gar um das Vier- und Fünffache, was zur unausbleibli- 
chen Folge hatte, dass Spanien, namentlich von den Holländern, mit 
Kupfergeld überschwemmt und das Silber dort so selten wurde, dass 
man es selbst am Hofe mit 4-0 Procent Aufgeld bezahlte, und in ganz 
Castilien bisweilen kein Silberreal aufzutreiben war, trotzdem, dass die 
Silberflotten jährlich zehn bis zwölf Millionen aus Amerika brachten; 
Nichtbezahlung der Staatsgläubiger; Wegnahme der aus Indien an Pri- 
vatleute eintreffenden Barren und Baarsummen gegen Schatzbons, die 
natürlich nur in den sehr seltenen Fällen eingelöst wurden, wann der 
Schatz mit Münze versehen war; ungeheuere Steigerung aller Ver- 
brauchssteuern, wie denn z. B. einmal die Abgabe vom Pfunde Fleisch 
von einem Maravedi auf deren sieben erhöhet wurde, und eine zuneh- 
mende unmässige Belastung des Handels, der Industrie und des Acker- 
baues. - 

Sehr natürlich mithin, dass die fragliche erschreckende Abnahme 
der Volkszahl Spaniens auch vornehmlich auf die, diesen Erwerbszwei- 
gen gewidmeten Klassen sich erstreckte. Am auffallendsten und in der 
kürzesten Zeit erfolgte sie jedoch unter den Landleuten. So wurde z. 
B. im Jahre 1600 eine Zählung der Bauern im Bisthume Salamanca 
veranstaltet, welche deren 8,384 mit 11,745 Gespann Ochsen ergab; 
als man sie im J. 1619 wieder zählte, fand man nicht mehr als 4,1 3 5 
Bauern mit 4,822 Gespann Ochsen; also eine Abnahme um mehr als 



1 ) Dunlop, Memoirs I, 20. 

2 ) Gourrille, Mem. bei Petitot, Collect, des Memoir. T. LH p. 410. Sempere, Betracht. 
II, 24 f. Ranke, Fürsten u. Völker v. Süd-Europa I, 392 f. 



51 

die Hälfte in kaum zwanzig Jahren. Um dieselbe Zeit war von den 
mehr als 4-00 Dörfern, die das einstige Königreich Granada, der Garten 
Spaniens, vermöge seiner Produktenfülle eines der reichsten Länder der 
Welt, etwa ein Jahrhundert früher zählte, über ein Drittel völlig ver- 
schwunden, indem deren nur noch 260 vorhanden waren 1 ). Als Spa- 
nien im J. 1663 2 ) eine Armee von 15,000 Mann gegen Portugal aus- 
rüstete, erkannte man selbst am madrider Hofe die Notwendigkeit 
an, diese zum bei weitem grössten Theile aus Italienern, Deutschen und 
Wallonen anzuwerben, weil man die im Lande selbst noch vorhandenen 
kräftigen Arme weit nöthiger zur Bestellung der Felder, als zum Kampfe 
gegen die Portugiesen habe 3 ). Was Wunder auch? Reisete man doch 
damals durch die von der Natur gesegnetsten Gefilde Spaniens , ohne in 
einem Umkreise von bis fünf bis sechs Meilen nur ein bestelltes Feld, 
ein Haus zu gewahren! In der Provinz Segovia gab es sogar einen 
Landstrich von vierundzwanzig Meilen im Umfange, der durchaus 
menschenleer war, und davon den Namen der grossen Wüste bis in den 
Anfang dieses Jahrhunderts beibehalten hat, und in Sevillas reizender 
Umgegend war im J. 1680, wie König Karl II nachgewiesen ward, 
nur noch der zwanzigste Theil des Landes angebaut, der noch im J. 
1630 kultivirt wurde! In Estremadura war die Bevölkerung gar auf 
184 Köpfe auf die spanische Quadratmeile herabgesunken! 4 ) 

Diese letztere Thatsache gibt wol den sprechendsten Beweis von 
dem überaus bedeutenden Einflüsse, den das oben erwähnte Privile- 
gium der Mesta auf diese entsetzliche Abnahme zumal der ländlichen 
Bevölkerung Spaniens übte. Denn Estremadura. welches zur Zeit der 
Römer, Gothen und Mauren zu den blühendsten und wohlhabendsten 
Provinzen der Halbinsel zählte 5 ), welches noch jetzt überall Spuren 
einer verschwundenen weiland ausserordentlich zahlreichen Population 
zeigt, woselbst aber noch im ersten Viertel des laufenden Jahrhunderts 6 ) 



1 ) Ranke I, 417. Sempere II, 38. 

2 ) Schon ein halbes Jahrhundert früher (1612) bemerkte der Spanien aus eigener 
Anschauung genau kennende Franzose Fontenay-Mareuil (vergl. oben S. 46 Aum. i): — 
de fait les anciens roys de Castille faisoient de leurs seuls pays de plus grandes armees 
qu'on n'en pourroit faire aujourd'hui de toute l'Espagne ensemble. Petitot, Collect, des 
Memoires T. L, p. 192. 

3 ) Mignet, Negociat. relat. ä la succession d'Espagne I, 315. 

4 ) Weiss 11, 43 sq. Dohm, Materialien I, 434. 

5 ) Willkomm, Die Halbinsel der Pyrenäen S. 309 (Leipzig 1855). Roon (jetzig, preussi- 
scher Kriegsminister), Die iberische Halbinsel S. 38 (Berlin 1839). 

6 ) Minano, Diccionar. geogr.-estad. de Espana y Portugal T. IV, p. 101. 



52 

nicht mehr als 357 Seelen auf der spanischen Quadratmeile lebten, 
könnte, bei der ungemeinen Fruchtbarkeit seines Bodens, wenn derselbe 
gehörig angebaut würde, leicht das Fünffache auch der letztern Men- 
schenzahl, ja den dritten Theil der GesammtbevÖlkerung ganz Spaniens 
ernähren 1 ). Da die Pächter desselben ihn aber noch bis gegen Ende 
des achtzehnten Jahrhunderts als Weideplatz für vier Millionen Stück 
Schafe benützen lassen mussten, war Estremadura während mehrerer 
Menschenalter genöthigt einen beträchtlichen Theil seines Getreidebe- 
darfs selbst bei solch' dünner Bevölkerung jährlich hinzu zu kaufen. 

Mit der angedeuteten unfreiwilligen Umwandlung des herrlichen 
Bodens dieser Provinz in Viehweiden hatte es folgende Bewandtniss. 
Von der oben (S. 43 f.) erwähnten Compagnie der Mesta war schon in 
der ersten Zeit nach ihrer Bildung, also im sechzehnten Jahrhundert, 
mit Estremadura ein Vertrag abgeschlossen worden, durch welchen sie 
das Recht erhielt, gegen eine Vergütung von sechs Realen für jedes 
Schaf ihre Ungeheuern Heerden während des ganzen Winters in der ge- 
nannten Provinz weiden zu lassen. Da die ehrsame Gesellschaft so 
pfiffig gewesen, in den beregten Contract die Bestimmung aufnehmen zu 
lassen, derselbe solle solange unabänderlich und unauflöslich sein, 
so lange das stipulirte Weidegeld pünktlich bezahlt werde, so hatte sie 
es ganz in ihrer Hand, denselben in einen immerwährenden dadurch 
umzuwandeln, dass sie die fragliche Bedingung stets genau erfüllte, was 
denn auch geschah, und zur Folge hatte, dass Estremaduras prächtiger 
Boden über zwei Jahrhunderte lang gegen ein Spottgeld, grösstentheils 
nur zur Ernährung jener Vierfüssler verwendet werden durfte 2 ). Denn 
der Einfluss der, wie wir wissen, aus den angesehendsten Granden und 
Prälaten bestehenden , Mesta-Compagnie war in Madrid so gewaltig, 
dass alle Bemühungen der Weidenbesitzer Estremaduras, von dem in 
Rede stehenden unseligen Vertrage loszukommen, oder auch nur eine 
dem im Laufe der Zeit gesunkenen Geldwerthe entsprechende Erhöhung 
der Weidegebühr zu erlangen, bis in das letzte Drittel des achtzehnten 
Jahrhunderts, wie wir im Folgenden erfahren werden, durchaus frucht- 
los blieben. 

Noch einer andern Thatsache, die nicht minder von dem sehr we- 



1 ) Minano IV, 100: En un estado de prosperidad podria esta sola provincia mantener 
uua tercera parte de la poblacion de Espana. Su suelo es fertilisimo, y los numerosos rios 
que la cruzan en todas direcciones, le proporcionan una fecundidad prodigiosa, que seria 
el origen de su inmensa riqueza, si los hombres se aproiechasen de estos dones de la 
naturaleza, en vez de dejar reducido el terreno casi por todas partes para servir de pasto 
al ganado. 

2 ) Volkmann, Neueste Reisen durch Spanien I, 217. 418. 



53 

«entliehen Antheile zeugt, den die leidige Mesta an der Entvölkerung 
Spaniens hatte, muss hier gedacht werden. Die Provinz Valencia, 
welche durch die Vertreibung der, den bei weitem grössten Theil ihrer 
Einwohner bildenden 1 ), Moriskos im J. 1609 entsetzlich menschenleer, 
ja fast zur Einöde geworden, zählte im J. 1718 doch wieder 318,850 
Seelen, trotzdem, dass gerade diese Provinz der Erhebung des Hauses 
Bourbon auf den spanischen Thron sich am hartnäckigsten widersetzte 
und deshalb auch durch den nach König Karls II Hintritt ausgebrochenen 
Erbfolgekrieg furchtbar mitgenommen worden. Im J. 1761 war Valen- 
cias Volkszahl auf 604,612, im J. 1768 auf 716,886 und im J. 1795 
gar auf 932,150 2 ) Köpfe, also fast auf das Doppelte dessen gestiegen, 
was sie vor der Verjagung der Moriskos betrug; denn damals zählte Va- 
lencia nicht mehr als 486,860 Einwohner 3 ). Dieser sprechende Be- 
weis, dass die Expulsion der fraglichen Nachkommen der mehrhundert- 
jährigen Beherrscher Spaniens an dessen dauernder und während des 
siebzehnten Jahrhunderts fortwährend zunehmender Entvölkerung doch 
keinen so wesentlichen Antheil hatte, wie man gemeinhin glaubt, wird nun 
von sachkundigen Beurtheilern 4 ) vornehmlich dem Umstände beigemes- 
sen, dass Valencia zu denjenigen spanischen Provinzen gehörte, die der 
so verderblichen Wanderung der Merinos, dem unseligen Mesta-Privile- 
gium nicht unterworfen waren. 

Da die spanischen Habsburger, wie berührt, auch nur zur Einschrän- 
kung desselben eben so wenig vermocht werden konnten, wie zur Be- 
granzung des mit den Majoraten getriebenen Missbrauches und der entsetzli- 
chen, von den Majorats- und geistlichen Grundherrn, so wie den königlichen 
Beamten, den Bauern gegenüber geübten Willkührherrschaft, blieben auch 
alle angewandten Palliativmittel, um der schreckhaften Abnahme der Po- 
pulation zu wehren, durchaus erfolglos. Jene sind zu charakteristisch für 
die wachsenden Besorgnisse, welche das fragliche traurige Resultat in 
Madrid weckte, um. ihrer nicht mit einigen Worten zu gedenken. Bereits 
in den J. 1621 — 1622 wurden, da man in der Erleichterung und Be- 
günstigung der Ehen das wirksamste Arcanum gegen das beregte schwere 
Gebreste des Staates zu finden hoffte, alle Neuverheiratheten auf vier 
Jahre von sämmtlichen Abgaben und Staatslasten befreit, und einem Va- 



1 ) Wie man aus der au König Heinrich IV von Frankreich im J. 1602 gerichteten 
Denkschrift der Moriskos bei La Force, Memoires I, 342 sq. ersieht. 

2 ) Fischer, Gemälde von Valencia I, 13 (Leipzig 1803, 3 Bde.). Hormayr, Archiv für 
Geogr., Historie u. s. w. Jahrg. 1812, S. 195. 

3) Weiss II ; 42. 

4 ) Zach, Ällgem. Geograph. Ephemeridon l, 387. 



^4 

ter von sechs Söhnen ward diese Vergünstigung sogar auf seine ganze 
Lebenszeit gewährt. Selbst ohne Einwilligung ihrer Eltern oder Vor- 
münder wurde Minderjährigen zu heirathen erlaubt, und vom Hochzeits- 
tage an der Besitz ihres eigenen, so wie des Vermögens der Frau ein- 
geräumt, wie auch allen verehelichten Spaniern, bei Strafe der Confis- 
cation ihrer ganzen Habe, verboten, mit ihrer Familie ohne specielle Er- 
laubniss des Königs die Halbinsel zu verlassen. In den volkreichsten 
Städten dieser, in Madrid, Sevilla und Granada ward die häusliche Nie- 
derlassung oder auch nur der längere Aufenthalt, unter Androhung schwe- 
rer Strafen für die Uebertreter, nur in den Fällen der äussersten Not- 
wendigkeit gestattet; selbst Bewerbern um ein weltliches oder geistliches 
Amt nur auf einen Monat erlaubt, in der Hauptstadt zu weilen. Gleich- 
zeitig wurden von König Philipp IV jährlich nicht unbedeutende Summen 
bestimmt zur Aussteuer armer Mädchen, und alle Fremden dringend zur 
Ansiedlung in Spanien eingeladen, unter Zusicherung immerwährender 
Abgabenfreiheit für Künstler, Handwerker und Bauern 1 ). 

Wie hätten aber diese und ähnliche Massnahmen von irgend wel- 
chem Erfolge begleitet sein können! Uebersahen sie es doch völlig, dass 
Spaniens wachsende Entvölkerung keinesAvegs von der Schwierigkeit her- 
rührte, eine Familie zu gründen, sondern vielmehr von der, sie zu er- 
halten, wie bereits in jenen Tagen Manche richtig erkannten, und des- 
halb dem Könige riethen 2 ), es doch lieber, als mit solchen, voraussicht- 
lich wirkungslosen, Palliativen einmal mit der Abschaffung, oder minde- 
stens Beschränkung der Majorate zu versuchen. 

Wie gross, wie augenfällig muss doch der im Vorhergehenden an- 
gedeutete Antheil dieser Letzteren an dem Ruin des spanischen Bauern- 
standes und damit auch an der Entvölkerung der Halbinsel gewesen sein, 
wenn schon damals Männer, deren übrige Rath schlage sie zur Genüge 
als Anfänger in der Staats- und Volkswirtschaft erscheinen lassen, den 
giftigen Einfluss jener so klar erkannten? Es ist darum von sachkundigen 
Beurtheilern 3 ) auch mit vollem Recht und ohne alle Uebertreibung be- 
hauptet worden, dass die Majorate für Spanien dieselben Folgen gehabt, 
wie die Latifundien für Italien in den Zeiten der römischen Kaiser. Wie 
in den Tagen Trajans und seiner Nachfolger, damals als eine beziehungs- 
weise kleine Anzahl römischer Senatoren-Geschlechter fast allen Grund 
und Boden Wälschlands eigenthümlich besass, diese Halbinsel nicht 
mehr im Stande war, ihre Bewohner zu ernähren, und daher einen be- 



1 ) Dunlop, Memoirs I, 49 sq. 

2 ) Dunlop, I, 52. 

3 ) Weiss II, 53 sq., dem auch die folg. Angaben fast durchgängig entnommen sind 



55 



deutenden Theil ihres Getreidebedarfs aus Afrika beziehen musste, so 
auch Spanien während des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, 
zur Zeit, wo manche seiner Granden auf ihren Gütern 30,000 Fami- 
lien Unterthanen, d. h. Pächter zählten, wo z. B. fast ganz Andalu- 
sien den Herzogen von Infantado, Medina de Rioseco, Escalona und Os- 
suna gehörte, deren Ersterer aus seinen Grundbesitzungen eine Jahres- 
rente von 90,000 Dukaten zog. Des Herzogs von Escalona jährliche 
Revenuen aus seinem Territorialbesitz betrugen 100,000, und die der 
beiden anderen Herzoge 130,000 Dukaten; ja die Majorate der Herzoge 
von Medina-Coeli und Medina-Sidonia in den Provinzen Toledo und Gra- 
nada warfen gar ein Jahreseinkommen von 150,000 Dukaten ab, wie 
jämmerlich angebaut die sie bildenden «Staaten» (Estados, wie sie da- 
mals ganz treiTend genannt wurden) auch immer waren. Denn die in 
Madrid lebenden jeweiligen Besitzer derselben überliessen deren Bewirt- 
schaftung Intendanten, Verwaltern und Pächtern, und aus bornirtem Hoch- 
muth 1 ) fast ohne alle Controle; selbstverständlich wetteiferten diese darin, 
jene nach Vermögen zu betrügen und das ihnen anvertrauete fremde 
Eigenthum gräulich zu verwahrlosen. Sehr natürlich mithin, dass Spanien, 
trotz seines unvergleichlichen Bodens, dessen so wie des Klimas unendliche 
Verschiedenartigkeit den erfolgreichsten Anbau aller europäischen und 
vieler ausseräuropäischen Kulturgewächse erlaubt 2 ), nicht einmal die dünne 
Bevölkerung, die es im siebzehnten Jahrhundert und in dem ersten Drittel 
des achtzehnten besass, mehr zu ernähren vermochte, und einen beträcht- 
lichen Theil 3 ) seines Kornbedarfs vom Auslande beziehen musste. Es ist 
ermittelt worden 4 ), dass Spanien noch zu einer Zeit, wo bereits eine, 
wenn auch nicht eben bedeutende Wendung zum Bessern eingetreten war, 
in den achtzehn Jahren 1756 bis einschliesslich 1773 für 115,078,375 
Francs Brodfrüchte aus der Fremde bezogen hat. 



1 ) «Die Haushaltung der hiesigen Grossen», erzählt die Gräfin \. Aulnoy in ihrer 
Reisebeschreibung v. J. 1679, «ist unbeschreiblich nachlässig. Viele kommen nie in ihre 
Staaten (so nennen sie ihre Landgüter, Städtchen und Schlösser), sondern bringen ihr Le- 
ben in Madrid zu, und verlassen sich auf ihre Beamten, die ihnen nur solche Berichte ab- 
statten, wie sie für ihr eigenes Interesse die vorth eilhaftesten sind. Sie geben sich 
nicht einmal die Mühe, sich zu erkundigen, ob ihre Berichte wahr oder 
falsch sind; dies wäre wirthschaftlich , mithin unter ihrer Würde.» Aus- 
wahl klein. Reisebeschreib, u. andr. statist.-geogr. Nachricht. Bd. IX, S. 80. 

2 ) Willkomm, Die Halbiusel der Pyrenäen S. 540. 

3 ) Nach der Versicherung der Frau v. Aulnoy v. J. 1679 (a. a. 0. S. 165) damals so- 
gar den grössten Theil. 

4 ) Weiss II, 54. «Das Land gebraucht,» wird noch in Volkmanns neuest. Reisen durch 
Spanien (im letzten Viertel d. XVIII Jahrhdrts.) Bd. I, S. 74 berichtet, «jährlich für 15 
Millionen Piaster an ausländischen Manufakturwaaren, Getraide, Fischen etc. diese bezahlt 
es mit 5 Millionen an inländischen Produkten, Wein, Wolle. Früchte, und die übrigen 



56 



Nichts zeugt sprechender von der Richtigkeit der Behauptung: dass 
keineswegs seine angeblich angeborne Trägheit den Ruin des spanischen 
Bauernstandes herbeigeführt habe, dass dieser, der ihm entstammende 
tiefe Verfall des Ackerbaues und die damit zusammenhängende Entvölke- 
rung der Halbinsel vielmehr vornehmlich das Werk der Mesta und der 
durch die Majorate herbeigeführten Anhäufung des weltlichen Grundbe- 
sitzes in beziehungsweise wenigen Händen gewesen, als die Thatsache, 
dass gerade die von der Natur am stiefmütterlichsten behandelten Land- 
striche Spaniens, die aber von diesen beiden liebeln befreit blieben, zu 
den bestangebauten, wohlhabendsten und bevölkertsten Theilen dessel- 
ben zählten und zählen — die baskischen Provinzen nämlich. Die 
unbeugsame Freiheitsliebe ihrer, weder von den Gothen noch von 
den Arabern je unterjochten, ursprünglich ganz unabhängige Demo- 
kratien bildenden, BeAVohner hatte selbst dem finstern, rücksichts- 
losen Despotismus Philipps II und seiner Nachfolger so viel Respekt 
eingeflösst, dass er sich an ihre Fueros nicht wagte. Die Basken, meist 
Bauern, waren auch die einzigen, die in dem allgemeinen Schiffbruche 
der Municipal- und örtlichen Fueros im XVI Jahrhundert die ihrigen un- 
versehrt bewahrten, und damals, so wie auch später blieben, was sie bis 
dahin gewesen, fast durchgängig massig begüterte Freisassen, Eigen- 
tümer des Bodens, den ihre Hände bebauten, weil in ihrer Mitte das 
Feudalwesen niemals Wurzel fassen konnte 1 ), weil sie eben so wenig einen 
privilegirten Adel, wie prassende Mönche duldeten, — folglich auch 
keine Mesta und keine Ansammlung exorbitanten Grundbesitzes in 
einer Hand kannten. Undankbar, felsig und äusserst mühsam zu be- 
stellen ist grösstenteils der Boden dieser Lande, und doch so treff- 
lich angebaut, dass dort auch im achtzehnten Jahrhundert über tau- 
send Menschen auf der spanischen Quadratmeile lebten; eine Bevölke- 
rung, wie sie damals in ganz Spanien nur in Madrid angetroffen wurde, 
deren volle Bedeutung man dann erst erkennt, wenn man sie mit der 
oben (S. 51) erwähnten des üppigen, von der Natur so gesegneten 
Landstriches Estremadura vergleicht. Und eine ähnliche Erscheinung 
tritt uns noch in drei anderen von der Natur ebenfalls am wenigsten be- 
günstigten Provinzen der Halbinsel entgegen — in Asturien, Gali- 
cien und Catalonien. Ihr felsiger und dürftiger, oft kaum zollhoch mit 
Dammerde bedeckter Boden 2 ) macht dessen Kultur äusserst mühsam, 

10 Millionen mit dem baaren Gelde, das jährlich aus Amerika kommt, und ohngefähr so 
viel beträgt, folglich muss das Land arm bleiben.» 

») Willkomm a. a. 0. S. 353. Roon ; Die iber. Halbins. S. 160 f. 

2 ) Der in Catalonien die eigenlhümliehe, den unverdrossenen Fleiss seiner Bewohner 
treulich charakterisirende. Sitte veranlasste, dass hier Kinder, alle Männer und Weiber auf 



57 



und selbst bei der grössten Thätigkeit kann hier nicht so viel Brodfrucht 
gewonnen werden, als die Consumtion erfordert. Dennoch fanden auf- 
merksame Beobachter schon in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahr- 
hunderts, zu einer Zeit also, wo im übrigen Spanien der landwirtschaft- 
liche Betrieb noch graulich vernachlässigt wurde, die genannten Provin- 
zen ungleich besser angebauet, wie überhaupt in einem blühendem Zu- 
stande als die gesegnetsten Striche der Halbinsel, und die Ursache dieses 
auffallenden Unterschiedes in den Thatsachen '), dass es in Catalonien 
weit weniger, und besonders nicht so streng geschlossene Majorate als 
in den andern Provinzen und meist Erbpächter mit leidlichen, nicht 
drückenden Kontrakten gab. in Asturien und Galicien aber der Grundbe- 
sitz besser vertheilt war, als in den übrigen Gegenden Iberiens. Es hatte 
sich hier nämlich unter allen Stürmen der Zeit eine nicht unbeträchtliche 
Anzahl freier Landleute erhalten, die den von ihren Händen cultivirten 
Boden e ige nthüm lieh und hierin den mächtigsten Sporn besassen, je- 
des Fleckchen Erde eifrig auszunützen. 

Nicht minder lehrreich ist zu betrachten, von welchen Folgen das vor- 
nehmlich durch die Majorate bewirkte, fast durchgängige Herabdrücken 
des Landmannes zum blossen Zeitpächter in den übrigen Provinzen 
Spaniens, und die damit so enge zusammenhängende fortwährende Ab- 
nahme ihrer Bevölkerung für die Majorats- und Grundherren selbst 
begleitet gewesen. Es war unter diesen, um den argen Betrügereien ihrer 
Verwalter vorzubeugen, Sitte, ihren gesammten Grundbesitz in einigen 
oder mehreren Parzellen grossen Pächtern, Spekulanten, gewöhnlich auf 
Lebenszeit zu überlassen, die ihnen davon eine bestimmte Jahresrente zu 
entrichten hatten, und dagegen in den Genuss aller Befugnisse des Eigen- 
thümers traten. Selbstverständlich waren diese Oberpächter nicht die Be- 
bauer der übernommenen Ländereien, sondern darauf angewiesen, sie an 
kleinere, an Unterpächter auszuthun, Avelche die eigentlichen Bewirth- 
schafter derselben \bildeten. Da nun zur Zeit der allgemeinen Einführung 
der Majorate in Spanien, in der ersten Hälfte des XVI Jahrhunderts, 
dessen Bevölkerung noch ziemlich dicht war, es mithin genug Be- 
werber um die zu verpachtenden Grundstücke gab, wurden von den in 
Rede stehenden Spekulanten, die natürlich nur darauf bedacht waren aus 



den Strassen in kleinen Körben den Dünger sammelten, den die sie passierenden Pferde 
und Maulthiere fallen liessen, und auf die Berge trugen. Townsend, Reise durch Spanien 
in den Jahren 1786 und 1787, Bd. I, S. 80 (der deutsch. Uebersetz. v. Volkmann, Leipzig 
1792, 2 Bde.). 

*) Dalrymple, Reisen durch Spanien und Portugal S. 110 (a. d. Engl., Leipzig 1778). 
Townsend a. a. 0. Bd. IL S. 422 f. 



58 

dem berührten Vertrage den grössten Nutzen für sich zu ziehen, sehr 
oneröse Bedingungen gestellt, und auf ihre Unterpächter, neben einem 
möglichst hohen Pachtzins, nicht nur alle Staatslasten, sondern selbst 
solche Feudal- und grundherrliche Obliegenheiten neuerdings ge- 
wälzt, die schon längst legal abgeschafft worden. So hatte z. B. ein be- 
reits von Ferdinand und Isabellen der Katholischen im J. 14-92 erlasse- 
nes Gesetz dem spanischen Adel die Befugniss entzogen, seinen Pächtern 
die Errichtung von Wirthshäusern und öffentlichen Belustigungsörtern 
ohne zuvor eingeholte, und natürlich nicht umsonst ertheilte, Erlaubniss 
des Grundherrn zu verbieten. Dennoch stand dieser Missbrauch der 
Bann- oder Zwangsposaden, d. h. dass die Reisenden nur in den von 
den Gutsherren concessionirten Herbergen einkehren, die Landleute nur in 
den von ihnen privilegirten Schenken sich belustigen durften, — daher 
die noch bis in unsere Tage berüchtigte erbärmliche Beschaffenheit bei- 
der, — im siebzehnten Jahrhundert in ganz Spanien wieder in voller 
Blüthe, und in vielen Gegenden desselben, gleich dem der Bann- oder 
Zwangsöfen, d. h. dass die Bauern ihr Brod nur in den, von dem Grund- 
herrn oder dessen Oberpächter concessionirten Oefen backen durften, 
noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts. Die natürliche Folge solch' 
systematischer Aussaugung der kleinen Pächter, von welcher mithin die 
Grundherren selbst nicht den geringsten Vortheil hatten, durch die gros- 
sen, die Oberpiächter, war, dass jene, wie oben angedeutet, selbst inmit- 
ten der lachendsten Gefilde und bei dem grössten Fleisse in der drückend- 
sten Armuth, gar oft im tiefsten Elend lebten '). Und kaum wird es der 
ausdrücklichen Erwähnung bedürfen, dass da, wo die Majorate statt in 
den Händen von Oberpächtern in denen von Verwaltern sich befanden, 
letztere nur an die Stelle jener traten, der Bauer sonach nicht der Quä- 
ler ledig, sondern nur anderen, und bisweilen noch schlimmeren, preis- 
gegeben war. 

Als nun in Folge dieser und der übrigen, im Vorhergehenden er- 
wähnten, auf der Agrikultur-Bevölkerung so schwer lastenden Uebelstände 
letztere immer mehr zusammenschwand, und bald das umgekehrte Ver- 
hältniss eintrat, dass nämlich nicht die Pachtgüter, sondern die Pächter 
immer seltener und gesuchter wurden 2 ), da sahen die grossen Grundbe- 



1 ) Weiss II, 55. Prescott, Gesch. der Regierung Ferdinands und Isabellens d. Katho- 
lischenll, 6 13 (a.d. Engl. Leipzig 1842). Gaspari u.A.Handb. d. Erdbeschreib.Abth.il, Bd. III, 
S. 256. Fischer, Gemälde von Valencia II, 92 f. Volkmann, Neueste Reisen durch Spanien 11,7. 

2 ) Schon im J. 4594 klagten die Cortes: Wie niedrig auch der Pacht gestellt werde, 
so könne doch kein Pächter sich halten; er verlasse entweder Haus und Hof und fliehe 
aus dem Reiche, oder er nehme Schulden halber seinen steten Aufenthalt im Gefängnisse. 
Ranke, Fürsten und Völker von Süd-Europa I, 412. 



J>9 

sitzer sich genöthigt, zu den verzweifeltsten Mitteln zu greifen, um der, 
aus der steigenden Entwertung ihrer Ländereien auch unvermeidlich re- 
sultirenden, immer empfindlicher werdenden Schmälerung ihrer Einkünfte 
zu steuern. So suchten sie z. B. in der menschenleeren Provinz Estre- 
madura, und selbst in Andalusien, die benöthigten Hände zum Anbau 
ihrer verödeten Felder dadurch zu gewinnen, dass sie, oder ihre Ober- 
pächter, den kleinen Pächtern die Befugniss einräumten, trotz des unter- 
zeichneten Vertrages nach der Ernte eine neue Abschätzung des betref- 
fenden Grundstückes und darauf hin eine Verringerung des Pachtzinses 
zu verlangen, ungeachtet die Erfahrung bald gemacht war, dass die aus 
den übrigen Pächtern der Provinz gewählten Experten fast immer zum 
Vortheile ihres Kollegen entschieden. Oder, die stolzen Granden Hessen 
sich die gesetzliche Bestimmung gefallen, dass die Pächter wegen lässi- 
ger Entrichtung des Pachtzinses nicht gerichtlich verfolgt, und selbst dann, 
wenn sie diesen gar nicht bezahlten, erst nach vorgängiger einjähriger 
Kündigung vom Gute gejagt werden durften! Dass selbst solche Zuge- 
ständnisse so wenig wie die lockenden Belohnungen, mittelst welcher die 
Staatsgewalt den fraglichen Bemühungen der Grundherren zu Hülfe kam, 
— so sicherte z. B. König Philipp III im J. 1610 Allen, die sich dem 
Ackerbau widmen würden, den Adel (bei den stolzen Spaniern kein klei- 
nes Anziehungsmittel!) und ewige Befreiung von Kriegsdiensten zu, — 
der fortwährenden Abnahme zumal der ländlichen Bevölkerung zu steuern 
vermochten, zeugt wohl am sprechendsten von der trostlosen Lage dieser. 
Daher kam es denn, dass viele Grundherren, die in Spanien weder Päch- 
ter noch die benöthigten Feldarbeiter finden konnten, letztere endlich 
nothgedrungen aus Guienne und anderen südfranzösischen Provinzen all- 
jährlich kommen lassen mussten, wenn anders ihre Ländereien nicht völ- 
lig brach liegen sollten. Dies besonders in der zweiten Hälfte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts sehr tief empfundene Bedürfniss, — damals kamen 
behufs Bestellung der Felder und Einheimsen ihrer Früchte alljährlich 
etwa 70,000 Franzosen nach Spanien, die diesem Lande jedes Jahr an 
acht Millionen Livres kosteten, — hat noch bis über die Mitte des fol- 
genden Seculums, wenn auch nicht in solcher Ausdehnung, sich fortdau- 
ernd geltend gemacht 1 ). 



l ) Goumlle, Memoires bei Petitot T. LH, p. 412. Testament polit. du Cardmal 
ilberoni p. 27. Dohm, Materialien für Statistik und neuere Staatengescb. I, 422 f. Volk- 
mann, Neueste Reisen durch Spanien 1, 73. 



60 



DRITTES KAPITEL. 

Kein Zweifel, dass die sehr verdienstvollen und eifrigen Bemühungen 
der Nachfolger der Habsburger, Spanien dem grauenvollen Zustande zu 
entreissen, in welchem sie es überkommen hatten, bei den grossen na- 
türlichen Hülfsquellen desselben von raschem und durchgreifendem Erfolge 
gekrönt worden waren, wenn die Bourbons eben so viel Muth und Energie 
als guten Willen und Einsicht auf den spanischen Thron mitgebracht hätten, 
wenn ihren ruhmwürdigen Bestrebungen von den bevorrechteten Klassen, 
Adel und Geistlichkeit, nicht solch' verblendeter, hartnäckiger Wi- 
derstand entgegengesetzt worden Aväre. Denn ungeachtet manch' grober 
Missgriffe im Einzelnen, wie denn z. B. König Ferdinand VI, erschreckt 
durch die von seinem Vater Philipp V hinterlassene Schuldenmasse von 
fünf und vierzig Millionen Piaster, seine Thronbesteigung (1746) mit ei- 
nem Staatsbankerott inaugurirte 1 ), und dadurch dem kaum wiedererweck- 
ten Credite seines Reiches eine neue tödtliche Wunde schlug, erkannten 
und wählten die Bourbonen im Ganzen doch sehr gut die zu Spaniens 
Wiedergeburt erforderlichen und wirksamsten Mittel. Aber leider! fehl- 
ten ihnen der, Reformatoren so nöthige, Muth und die Festigkeit, dieser 
Einsicht gemäss überall vorzugehen, den Starrsinn des Adels und der 
Geistlichkeit mit ehrfurchtgebietender Energie zu brechen. 

Besonders auffallend tritt uns diese Wahrnehmung in dem entgegen, 
was sie zur Hebung des so entsetzlich darniederliegenden Ackerbaues 
und zur Verbesserung der Lage des Landvolkes versuchten. Schon 
von Philipp V und Ferdinand VI ist zu dem Behufe einiges recht Aner- 
kennungswerthe geschehen, wie z. B. die Gründung von Kornmagazinen 
in mehr als fünftausend Städten und Flecken, von Pfandhäusern, nament- 
lich zu Vorschüssen an Bauern. Das waren aber doch immer nur Ne- 
bendinge, die durchaus keinen Ersatz dafür gewähren konnten, dass es 
den spanischen Bourbonen so gänzlich an dem Muthe gebrach, die Be- 



x ) «Er setzte eine Commission yon Bischöfen, Ministem und Rechtsgelehrten nieder 
und legte ihr die sonderbare Frage yct: ob ein König verbunden sei, die Schul- 
den seines Vorfahren zu bezahlen ? Wer sollte es glauben dass die Mehrheit der 
Stimmen sie mit Nein entschied; unter dem Yorwande: dass der Staat ein Erbgut sei, 
wovon der Monarch nur die Nutzniessung und der letztere nur für die von ihm selbst 
eingegangenen Verbindlichkeiten zu haften habe. Wiewol Billigkeit, Vernunft und Politik 
sich um die Wette gegen einen solchen Ausspruch empörten, so beruhigte er doch das 
Gewissen des Monarchen, der nun das für Recht ansah, was im Grunde ein Banquerot 
war. Die Zahlung der Reichsschulden wurde gänzlich aufgehoben. ■» Bourgoing, Reise durch 
Spanien I, 244 (a d. Französ v. Kayser, Bertuch und Fischer. Jena 1789 — 4808. k Bde.). 



61 

seitigung der Haupthindernisse der Wiederbelebung des Landbaues 
mit dem unerlässlichen Ernst und Nachdrucke zu erstreben. Wir wissen, 
dass diese in der Mesta, den Majoraten und in der Recht- und 
Schutzlosigkeit der Bauern, der kleinen Pachter, der Willkühr der 
grossen Grundherren, ihrer Richter, Beamten oder Ober-Pachter ge- 
genüber zu suchen waren. Nun war König Karl III (1759 — 1788), 
ein Fürst von hellem Kopf, schneller Fassungskraft und dem trefflichsten 
Herzen, der Beste der spanischen Bourbonen, aus dem eine bessere Er- 
ziehung leicht einen zweiten Heinrich IV hätte machen können 1 ), durch 
die vielen bitteren Beschwerden und Klagen, mit welchen er fast aus 
allen Theilen der Monarchie 2 ) wegen der Mesta bestürmt wurde, bewo- 
gen worden, seinen Minister, den um Spanien so hoch verdienten Grafen 
Campomanes, zu beauftragen, wenigstens wegen Linderung dieser furcht- 
baren Geissei der Landwirtschaft mit der sie besitzenden Gompagnie in 
Unterhandlung zu treten. Diese, wie wir uns erinnern, aus den ersten 
Granden und Prälaten des Reiches bestehend, wählte ein recht pfiffig er- 
sonnenes und wirksames Mittel um dem Könige alle Lust zu durchgrei- 
fendem Einschreiten zu benehmen. Sie behauptete nämlich 3 ), wenn 
schon ohne den mindesten Beweis, das Mesta-Privilegium gründe sich 
auf ein Gesetz, welches zur Zeit Kaiser Karls V von den Cortes gegeben 
worden, daher ohne Berufung dieser, wie auch der Heerdenbesitzer Zu- 
stimmung nicht aufgehoben werden könne. Gegen den Zusammentritt 
der völlig in Vergessenheit gerathenen Reichsstände hegte der König 
aber, obwol nur Despot, kein Tyrann, einen unüberwindlichen Wider- 
willen, und Hess sich deshalb durch den fraglichen Kniff des Adels und 
der Priester von weiterem energischen Vorgehen im Allgemeinen und in 



*) So urtheilt über ihn ein sehr unbefangener und glaubwürdiger Zeilgenosse, Mr. 
Harris (späterer Lord Malmesbury), der damalige britische Legations-Secretair an seinem 
Hofe. Tagebücher und Briefwechsel desselben, deutsch v. Kretzschmar Bd. I, S. 40 
(Grimma 1848, 3 Bde.). 

2 ) Advirtio que misamados vasallos no se hallaban en estado de sufrir los gastos y 
vexaciones que se les ocasionaban con las visitas y residencias de Mesta . . . estabau los 
Pueblos en la mas infeliz constitucion y pobreza; heisst es im Eingange der Verordnung 
König Karls v. 17. Febr. 1782: Sanchez, Coleccion de Pragmaticas, Cedulas y otras Provi- 
dentias gener. en el Reynado del Seiior D. Carlos III, p. 420 (tercera Edic. Madrid 1803. 
4). Die herzbrechendsten Klagen liefen aus der, durch die Mesta, wie oben (S. 52) er- 
wähnt, zu Grunde gerichteten Provinz Estremadura ein, welche nicht allein an Karl III, 
sondern auch (im J. 1771) an den hohen Rath von Castilien sich mit den dringendsten Vor- 
stellungen wandte, um von den wandernden Schafheerden befreit zu werden. Raumer, Eu- 
ropa v. Ende des siebenjähr, bis z. Ende des amerikanischen Krieges (1763—1783) Bd. I, 
S. 100. 

3 ) Wie man aus dem bei Raumer a. a. O. excerpirten Gesandschaftsberichte v. 23. Mai 
1771 erfährt. 



62 

der Hauptsache abschrecken. Nur einigen der schreiendsten in den Tri- 
bunalen der Mesta 1 ) eingerissenen Missbräuche und Prellereien setzte 
er gegen das Ende seiner Regierung 2 ) ein Ziel, und nur der durch die 
Mesta am ärgsten mitgenommenen Provinz Estremadura gewährte er eine 
theilweise Abhülfe. Karl III liess nämlich (1784) den oben (S. 52) er- 
wähnten, seit zwei Jahrhunderten bestehenden, unseligen Vertrag zwi- 
schen jener und der Mesta-Compagnie durch den Rath von Castilien da- 
hin modificiren, dass den Wiesenbesitzern Estremaduras, im Hinblicke 
auf den seitdem so sehr gesunkenen Werth des Geldes, das Recht zuer- 
kannt wurde, eine höhere als die alte Weidegebühr von sechs Realen 
für jedes Schaf zu verlangen, und falls die fragliche Gesellschaft deren 
Bewilligung verweigern sollte (was übrigens nicht geschah), ihre Wiesen 
anderen, und zwar den Meistbietenden jährlich zu überlassen 3 ). Eine 
allgemeine, wenn auch beziehungsweise nur kleine Einschränkung der 
verderblichen Mesta ist erst von Karls III Nachfolger, von Karl IV ver- 
fügt worden. Dieser gestattete nämlich (1789) die Umzäunung 4 ) der 
Baumstücke, Gärten und Weinberge, und schränkte die Weidefreiheit 
der Schafheerden auf ihrer Hin- und Rückreise auf das Terrain ein, 
welches sich innerhalb vierzig Ruthen rechts und links der Heerstrasse 
befand. 

Und noch weniger geschah gegen die Majorate, zur Abhülfe der 
ihnen entstammenden Uebel, trotzdem dass alle einsichtigen Spanier wie 
Ausländer in der Verdammung jener übereinstimmten. So mass z. B. 
der am Hofe Karls III beglaubigte französische Gesandte d'Ossun 5 ) die 
damalige äusserste Armuth des Volkes in beiden Castilien und Andalu- 
sien hauptsächlich der Anhäufung des Grundbesitzes in den Händen so 
Weniger bei, und hob ganz richtig hervor, dass dem argen Missstande 
leicht abgeholfen werden könne, wenn man den Leuten Land gegen ei- 
nen billigen nach Massgabe der Fruchtbarkeit abgestuften Zins überliesse, 
dass die Eigenthümer des Grund und Bodens selbst hierdurch ja nicht 
verlieren, sondern nur gewinnen würden. Aber so gross und unbe- 
siegbar war der verblendete Widerwille der spanischen Granden gegen 
Alles, was einer Reform nur ähnlich sah, dass dergleichen Ansinnen von 
ihnen stets die unbedingteste Zurückweisung erfuhren. Sie zogen, zu 
nicht geringer Verwunderung aller urteilsfähigen Ausländer 6 ), die alt- 

1 ) Vergl. oben S. 44. 

2 ) Mittelst der angeführten Verordnung t. 17. Febr. 1782. Sanchez 1. c. p. 420—426. 

3 ) Volkmann, Neueste Reisen durch Spanien I, 418. Sanchez a. a. 0. p. 610 sq. 

4 ) Vergl. oben S. 43. 

6 ) In einem bei Raumer a. a. 0. I, 100 — 101 excerpirten Berichte y. 12. Mai 1766. 
6 ) «Es lässt sich sehr schwer bestimmen,» bemerkt unter andern der Brite Townsend 



63 

herkömmliche jämmerlichste Bewirtschaftung ihrer ungeheueren Be- 
sitzungen, die gewohnten furchtbarsten Betrügereien ihrer Legion von Be- 
amten und Dienern und den hierdurch, so wie durch ihre oft ganz un- 
sinnige Verschwendung 1 ) erzeugten anhaltenden Kampf mit Schulden der 
Zulassung verhasster Neuerungen vor! Was Wunder daher, dass die 
«Staaten» dieses starrköpfigen Adels am Ende des achtzehnten Jahrhun- 
derts noch so ziemlich denselben Anblick boten, wie im Beginne des 
siebzehnten? Man entnimmt das unter andern aus der Schilderung, die 
ein geistreicher Franzose 2 ), der Spanien in den J. 1782 — 1793 wie- 
derholt bereiste und sehr genau kennen lernte, von der Beschaffenheit 



(Reise durch Spanien in den Jahren 1786 und 1787 Bd I, S. 455) «wie hoch sich die 
Einkünfte dieser grossen Herrn bei einer guten Einrichtung ihrer Güter belaufen würden. 
Was müssten so wichtige Besitzungen als die vom Herzoge Ton Alba, die bei jetziger Ver- 
waltung 80,000 Pf. Sterl. im Jahr eintragen, alsdann abwerfen, im Fall man sie unter 
wohlhabende Pächter vertheilte? Wenn der Herzog schon jetzt so grosse Einkünfte ge- 
messt, da für seine Rechnung gepflügt, gesäet, geerndtet und gedroschen, gegessen und 
getrunken wird, wie hoch Hessen sie sich alsdenn erst hinantreibeu, wenn jeder Zollbreit 
Landes genutzt, und was dadurch gewonnen mit kluger Oekonomie wieder ausgege- 
ben würde? Bei so weitläufigen klug verwalteten Ländereien könnte er mit einem 
Glänze leben, der den meisten Regenten Europens wenig nachgäbe. Statt dessen wer- 
den die Grossen des Reiches fast von ihren Bedienten aufgezehrt, und 
stecken meistentheils in Schulden: sie fühlen ihre Armuth, leben sehr 
eingezogen, und wagen es fast nie ihren Freunden eine Mahlzeit zu ge- 
ben.» Und ein anderer Engländer, der die Halbinsel im J. 1774 besuchte, äussert hier- 
mit übereinstimmend: oEs ist kaum möglich zu errathen, wie diese Leute ein so erstau- 
nendes Vermögen verschwenden können, als viele besitzen: aber am Hofe sich aufhalten, 
nie ihre Güter besuchen, und es überhaupt unter ihrer Würde achten, ihre Sachen zu 
untersuchen, oder sich nur darnach zu erkundigen, macht ihre Verwalter reich und sie 
arm. Ueberdem werden sie von Pferden, Mauleseln, Bedienten und Aufwärtern aufgefres- 
sen. Man hat mir gesagt, dass der Herzog von Infantado für Aufwärter und Pensionen 
jährlich 12,000 Pfund ausgäbe.» Dalrymple, Reisen durch Spanien und Portugal S. 53. 

*) Von dieser erzählt Dalrymple a. a. O. S. 52 folgendes Pröbchen: «Der Vorgänger 
des jetzigen Herzogs von Mediua Coeli hatte bei dem Tode seines Vaters jährlich 84,000 
Pfund Einkünfte und sechs Millionen harte Thaler baar Geld. In fünf und zwanzig 
Jahren hatte er das Geld verschwendet, und von seinen Gütern so viel er 
konnte, verpfändet.» 

2 ) Bourgoing, Reise durch Spanien II, 216: «Zehn Stunden lang ritt ich blos 
durch die Staaten des Herzogthums Medina-Sidonia; sie bestanden aber auf meinem Wege 
in nichts als in Feldern und Triften. Da war nirgends eine einzige Spur zu finden, die 
eine Wohnung des gemeinsten Insassen angekündigt hätte; nirgends ein Obst- oder Kü- 
chengarten, nirgends ein Graben, nirgends ein Ziegelstein. Der grosse Eigenthümer schien 
hier gleich dem Löwen in den AVäldern zu herrschen, der mit seinem Gebrülle alles, was 
sich ihm nähern könnte, verscheucht. Jener wie dieser herrscht über Einöden. Anstatt 
menschlicher Wohnungen stiess ich auf sieben bis acht Heerden von Hornvieh und einige 
Stuten. Man glaubt, wenn man diese Thiere hier auf einem so Ungeheuern, unabsehbaren 
und unbegrenzten Felde ohne Joch und Zügel nach Belieben herumirren sieht, in die er- 
sten Zeiten der Welt versetzt zu sein, in welchen die Thiere mit den Menschen die Herr- 
schaft der Erde theilten, überall ihr Eigenthum fanden und niemand angehörten.» 



64 

der mitten in Andalusien, im Garten Iberiens, gelegenen «Staaten» des 
Herzogs von Medina-Sidonia entwirft. Da Karl der Dritte aus der anlässlich 
seiner Versuche zur Einschränkung der Mesta gemachten Erfahrung un- 
schwer voraussehen konnte, dass die Granden allen Reformen hinsicht- 
lich der Majorate mit Verweisung auf das Gesetz von Toro 1 ) und die 
zu seiner Abänderung nöthige Berufung der Cortes begegnen würden, so 
vermied er selbst den kleinsten diesfälligen Anschrift, und erst sein Sohn 
Karl IV entschloss sich zu einem solchen, indem er Stiftung neuer Ma- 
jorate im Allgemeinen untersagte, aber selbst dies nur mit Zulassung 
mannichfacher leicht herbeizuführender Ausnahmsfälle 2 ). 

Damit stand es nun auch vollkommen im Einklänge, dass zum Schutze 
des Landvolkes gegen die Willkühr der grossen Grundherren, selbst von 
Karl III nur sehr wenig geschah. Diese pflegten unter seiner Regierung, 
um die Bauern in der unbedingtesten Abhängigkeit von ihrer Gnade zu 
erhalten, die Pachtverträge nur auf drei, höchstens fünf Jahre abzu- 
schliessen 3 ), so dass schon wegen solcher allzu kurzer Dauer derselben 
an irgend welche, wenn auch noch so nöthige Verbesserung des Bodens 
durch die, welche ihn bebaueten, nicht zu denken war. Allein gegen den 
letztern Missbrauch und seine angedeuteten gar zu augenfälligen schlim- 
men Folgen schritt König Karl III ein, jedoch erst gegen das Ende sei- 
nes Lebens. Er untersagte nämlich (1785) die willkührliche Verjagung 
derjenigen Bauern, die als fleissige Landwirthe sich erwiesen und mit 
Entrichtung des Zinses nicht im Rückstande geblieben, nach abgelaufener 
Pachtzeit, verbot zugleich 4 ) die willkührliche Erhöhung des Zinses und 



1 ) Vergl. oben S. 41. 

2 ) Que des de ahora, heisst es in der betreffenden Verordnung Karls IV v. 14. Mai 
1789, abgedruckt bei Sanchez, Coleccion de todas las Pragmaticas, Cedulas y otras Pro- 
yidencias publ. en el Reynado del Senor D. Carlos IV (Madrid 1794 — 1804 zuzügl. d. 
Supplera. 3 Bde. 4) T. I, p. 29, en adelante no se puedan faindar Majorazgos, aunque seapor 
via de agregacion ö de mejora de tercio y quinto, 6 por los que no tengan herederos 
forzosos, ni prohibir perpetuamente la enagenacion de bienes raices 6 estables, por me- 
dios directos ö indirectos, sin preceder liaencia mia, ö de los Reyes mis sucesores, la 
quäl se concedera ä consulta de la Camara, precediendo conocimiento de si el Mayorazgo 
ö mejora llega, o excede como deberä ser a tres mil ducados de renta; si la familia 
del fundador por su situacion puede aspirar ä esta distincion para emplearse en las 
carreras Militär ö Politica con utilidad del Estado, y si el todo o la mayor parte de 
los bienes cousiste en raices, lo que se deberä moderar, disponiendo que las dotaciones 
perpetuas se hagan y sitüen principalmenle sobre efectos de redito fijo, como censos, ju- 
ros, efectos de Villa, acciones de Banco, ü. otros semejantes, de modo que quede libre la 
circulaciou de bienes estables para evitar su perdida ö deterioraciou, y solo se permita lo 
contrario en alguna parte muy necesaria, d de mucha utilidad publica. 

3 ) Bourgoing II, 217. 

4 ) Townsend, Reise durch Spanien I, 366. 



65 

verpflichtete die Grimdherren zum Ersatz des, durch Sachverständige er- 
mittelten, Betrages der von dem Pächter während der Pachtzeit vorge- 
nommenen notwendigen Verbesserungen bei seinem eventuellen Abzug 
vom Gute am Ende derselben. Was konnte aber solch' vereinzelte An- 
ordnung dem spanischen Bauer viel frommen, da derselbe sowol in Civil- wie 
in Criminalsachen der Patrimonial-Gerichtsbarkeit, d. h. der Willkühr der 
Grundherren, ihrer Richter und Beamten faktisch doch nach wie vor schutz- 
los preisgegeben blieb 1 )? Denn es fehlte Karl dem Dritten der Muth, die 
den Städten schon im J. 17 66 erzeigte Wohlthat : den vom Könige ernannten 
Gerichts- und Municipalbeamten, die ihre Stellen meist längst erblich 
besassen, fortan überwachende, mit ausgedehnten Vollmachten versehene 
Deputirte und Syndici aus der Mitte der Bürgerschaft zugesellen zu dürfen 2 ), 
auch auf die bäuerlichen Gemeinden auszudehnen. Da kann es nun freilich 
nicht befremden, wenn Aus- wie Inländer, welche die Zustände des spani- 
schen Landvolkes am Ausgange des vorigen und im Beginne des laufenden 
Jahrhunderts erforschten, in den gesegnetsten Provinzen des Reiches 
nichts als «elende in Trümmer verfallende Dörfer, und unfläthige, halb- 
nackte und halbverhungerte Menschen 3 )» fanden. 

Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass Spaniens Adel, in- 
dem er die von den Vätern ererbten Privilegien gegen die Reformbemü- 



1 ) Da an Abhülfe auf dem Wege des Processes nur äusserst selten zu denken war. 
Warum? erklären die nachstehenden akteumässigen Bemerkungen Baumgartens in Sy- 
bels historischer Zeitschrift, 1859, Bd. II, S. 153 : «Es kam viel öfter vor, dass ein Grund- 
herr 30, 40 Jahre lang einen Process hinzuziehen, das endliche Urtheil für sich zu be- 
stechen, oder, wenn es gegen ihn lautete, die Vollstreckung zu vereiteln wusste. In der 
Regel wagten nur grosse und wohlhabende Gemeinden (der Einzelne also gar nicht), 
die Hülfe der Justiz anzurufen, da alle Processe dieser Art nicht nur sehr langwierig, son- 
dern auch sehr kostspielig waren. So begann 1790 der Ort Navalperal einen Process ge- 
gen seinen Grundherrn, konnte erst lange nicht erreichen, dass derselbe zur Vorlage sei- 
ner Rechtstitel angehalten wurde, dann nicht, dass das vom Finanzrath gefällte Urtheil zur 
Ausführung kam: erst acht Jahre nach dem Schluss des Processes setzten die Klagen des 
Intendanten, wie sehr das Finanzinteresse des Staats durch diese rechtswidrige Beschädi- 
gung der Gemeinde verkürzt werde, die Vollstreckung des TJrtheils durch. Während die 
jährliche Entschädigung des Grundherrn 40,000 Rs. betrug, hatte der Process 120,000 Rs. 
gekostet.» — Ebendas. S. 155 wird noch erwähnt, das der Flecken Fontiveros an 37 welt- 
liche und 43 geistliche Grundherren jährlich 5,114 Fanegas Weizen und Gerste zu ent- 
richten hatte, während seine ganze Jahresernte damals (1803) nur etwas über 6,000 Fa- 
negas betrug! 

2 ) Sanchez, Coleccion de Pragmaiicas de Carlos III p. 44 sq. Toreno, Gesch. d. Aufst. 
Befreiungskr. u. d. Revolution in Spanien IV, 348. 

3 ) Uebereinstimmende Aeusserungen des Briten Townsend (Reise, Bd. II, SS. 5 28 u. 
an mehreren anderen Stellen) und des edeln, am 27. Nov. 1811 verstorbenen spanischen 
Patrioten Jovellanos (nach Huber eigentlich Jove Llanos) in seiner bekannten Satire : 
Pan y Toros (Brod u. Stiergefechte), in deutsch. Uebersetzung abgedruckt in den europäi- 
schen Annalen, 1816, Bd. II, S. 198 f. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d Leibeig, 5 



68 

hungen der Bourbons mit solchem Starrsinne festhielt, formell, vom un- 
tergeordneten privatrechtlichen Standpunkte der Betrachtung aus, voll- 
kommen in seinem Rechte erscheint, aber auch nicht minder, dass er von 
einem kläglichen Irrthume befangen war, wenn erwähnte, hierdurch auf 
die Dauer seinem wahren Vortheile gemäss zu verfahren; wenn er wähnte, 
der auf jenen untergeordneten Standpunkt anwendbare Massstab sei der 
richtige, sei ungefährlich auch für die grossen Verhältnisse des Staats- 
lebens. Wie wir aus dem Vorhergehenden uns erinnern, hatten haupt- 
sächlich die übermässige Begünstigung, die ausschweifenden Vorrechte 
des Adels und der Geistlichkeit, die anhaltende Unterdrückung und Aus- 
saugung des Bürger- und namentlich des Bauernstandes den spanischen 
Staat so krank gemacht, so tief herunter gebracht. Es war darum kein 
kleines Verdienst der Bourbonen, das eben so richtig wie schnell erkannt 
und den Entschluss gefasst zu haben, auf dem milden, nicht besonders 
schmerzlichen Wege allmähliger Reform ihm die so sehr benöthigte 
Gesundheit wieder zu verschaffen. Aber Adel und Geistlichkeit, in die- 
sem so wohlwollenden wie klugen Streben einsichtiger Aerzte nur un- 
berechtigte Eingriffe nach Volksgunst lüsterner Herrscher erblickend, 
hielten mit unbeugsamem Starrsinn den berührten privatrechtlichen Stand- 
punkt fest, die ewige Fortdauer dessen begehrend, was ihnen von diesem 
aus als ihr unantastbares altherkömmliches Recht erschien, obwol es 
doch, bei Lichte besehen, nichts Anderes als eine erst in den Tagen Kai- 
ser Karls V und seines Nachfolgers eingerissene, weil vom Throne aus 
geduldete und begünstigte, Usurpation gegen den viel älteren, und Jahr- 
hunderte lang geltenden gesetzlichen Zustand war. 

Dieser engherzige, kurzsichtige Unverstand, der es gänzlich igno- 
rirte, dass ein Staatswesen einer, beziehungsweise doch immer nur klei- 
nen, Anzahl Privilegirter zu Liebe unmöglich immer krank bleiben kann, 
hatte nun in Spanien dieselben unvermeidlichen, notwendigen Folgen, 
die eine solche Verblendung noch überall gehabt hat, und haben wird, 
wo die Bemühungen weiser und wohlwollender Fürsten, den erkannten 
unabweislichen Bedürfnissen des Staates, den begründeten Anforderungen 
der Gesammtheit gerecht zu werden, an dem thörichten, unpatriotischen 
Widerstände bevorrechteter Klassen scheiterten. Wie Frankreich, weil 
hier vor dem J. 1789 zwar auch, aber bei weitem nicht tief genug refor- 
mirt wurde, mittelst langwieriger entsetzlicher Revolutionsstürme die be- 
nöthigte staatliche Gesundheit zu erringen hatte, so musste auch Spanien, 
weil hier die Reformbemühungen der Bourbons im achtzehnten Jahr- 
hundert aus dem beregten Grunde meist nur auf der Oberfläche blieben, 
nicht so lief eindringen konnten, als zu des Landes Genesung erforder- 



67 

lieh gewesen wäre, im neunzehnten Jahrhundert auf dem furchtbaren, 
blutigen Wege der Revolution und des Bürgerkrieges die Ausstos- 
sung der alten, in seinem Staatskörper aufgehäuften Krankheitsstoffe er- 
mühen. Denn das ist der eigentliche Inhalt, der tiefere Sinn der vielen 
Umwälzungen, welche die schöne Halbinsel über ein Menschenalter hin- 
durch bis in unsere Tage herab heimgesucht haben, die eben deshalb 
selbst dann unvermeidlich geAvesen sein würden, wenn im spanischen 
Volke auch nicht durch seinen Heldenkampf gegen Napoleons I sündigen 
Uebermuth das Bewusstsein seiner Kraft und seines Rechtes so mächtig 
aufgestachelt worden wäre. Alle geschichtliche Erfahrung lehrt nämlich, 
dass in den Massen, selbst wenn sie noch so verdummt und versunken 
erscheinen, ein unverwüstliches Gefühl ihres Schwergewichtes lebt, dass 
es selbst in den, wenn auch an noch so sklavischem Gehorsam lange ge- 
wöhnten über kurz oder lang, aber unfehlbar, mit unwiderstehlicher Ge- 
walt zum Durchbruche kommt, wenn ihrem natürlichen und berechtigten 
Triebe nach Erlösung von schweren, nicht länger zu ertragenden Uebeln 
Befriedigung auf dem Wege der Reform fort und fort hartnäckig ver- 
weigert wird. Wie sehr muss doch der Menschenfreund wünschen, dass 
die hieraus resultirende ernste Mahnung in allen Ländern wohl und recht- 
zeitig beherzigt werden möchte, die sich in einer ähnlichen Lage befinden! 
Man weiss, wie schmerzlich Spaniens Adel und Geistlichkeit ihren 
verblendeten hartnäckigen Widerstand gegen die Reformbestrebungen der 
Bourbonen des achtzehnten Jahrhunderts büssen mussten, wie unermess- 
lich viel an Gerechtsamen und Besitz sie verloren, weil ihnen der kluge 
Patriotismus fehlte, zur rechten Zeit, beziehungsweise Weniges frei- 
willig zu opfern. Spanien aber zeigt eine fast wunderbare Entwicklung, 
eine überraschend Avachsende Blüthe, seitdem es aus seinen langwierigen 
Revolutionsstürmen und Bürgerkriegen die wichtige, überaus Averthvolle 
Errungenschaft der Wiederenveckung, der Neubildung eines selbststän- 
digen Bürger-, eines freien und zum Theil auch grundbesitzen- 
den Bauernstandes davon getragen hat. Letztere mit eben so viel 
Umsicht Avie Energie begründet zu haben durch Beseitigung der grössten 
Hindernisse, die sich ihr bislang entgegen gestemmt hatten, zählt zu den 
Avesentlichsten Verdiensten der im äussersten Winkel spanischer Erde, auf 
der Insel Leon bei Cadiz, durch drei Jahre (24. Sept. 1810 — 14. Sept. 
1813) so ruhmvoll Avirkenden 1 ) Schöpfer der Constitution vom 19. Merz 
1812. Noch ehe diese, welche bekanntlich die Grundlage der Neuge- 
staltung Spaniens bildet, die demokratische Verfassung Avie der städti- 



l ) «Wenn wir», bemerkt hinsichtlich dieser yielgeschmäheten und vieherkannten 



68 

sehen so auch der ländlichen Gemeinden Iberiens im Mittelalter da- 
durch (Art. 309 u. folg.) wiederherstelte, dass sie die Verwaltung der 
Einen wie der Anderen fortan wieder in die Hände von aus der freien 
Wahl ihrer Mitglieder hervorgegangenen Beamten legte, hatte ein Decret 
dieser constituirenden Cortes (v. 6. Aug. 1811) die erforderliche vorgän- 
gige Aufhebung aller guts-, grund- und lehnsherrlichen Ge- 
richtsbarkeit und Rechte verfügt, welchem sich noch zwei er- 
gänzende Beschlüsse v. 26. Mai und 29. Juli 1813 anreiheten *). Hand 
in Hand ging hiermit die Abschaffung der Majorate, welche, obwol 
mit einigen Beschränkungen, in der von Joseph Napoleon, oder vielmehr 
von seinem kaiserlichen Bruder, den Spaniern (6. Juli 1808) octroyirten 
ephemeren Verfassungsurkunde 2 ) bereits angeordnet, aber vollendet und' 
besiegelt wurde erst durch die Decrete der späteren Cortes v. 27. Sept. 
1820 und 19. Juni 1821 8 ). Die Erlösung des Landmannes von seiner 
grössten mehrhundertjährigen Plage, von der Mesta, erfolgte durch das 
Decret der constituirenden Cortes v. 6. Juni 1813, welches allen Be- 
sitzern oder Pächtern von Ländereien fortan erlaubte, ihre Felder, Wie- 
sen u. s. w. gegen jegliche fremde Benützung, also auch gegen die Wan- 
derschafe, ausreichend zu schützen. Gleichzeitig wurde die Umwandlung 
der spanischen Bauern aus Zeitpächtern, was sie bislang meist gewesen, 
in Erbpächter durch die Verordnung angebahnt, die alle Pachtverträge 
auch für die Erben der contrahirenden Theile verbindlich machte 4 ). Seit- 
dem ist die Lage der spanischen Pächter ihren Grundherren gegenüber 
eine wesentlich andere, eine wesentlich bessere geworden, woran aller- 
dings auch einige spätere Reformen erheblichen Antheil hatten, wie na- 
mentlich das Gesetz, welches die bislang gestattete sofortige Vertrei- 
bung lässiger Zahler vom Pachtgute fortan untersagte, und den Eigen- 



Cortes sehr richtig Baumgarten in Sybels histor. Zeitschrift, 1859, Bd. 11, S. 174, «diese 
Versammlung mit dem Massstabe englischer oder deutscher Bildung messen, wenn wir sie 
nach den politischen Erfahrungen, welche uns heute zur Verfügung stehen, kritisiren, so 
werden wir sie nicht entschieden genug verurtheilen können. Legen wir aber, und das 
allein ist historische Gerechtigkeit, den Massstab der spanischen Vergangenheit, der spa- 
nischen Bildung und spanischen Zustände an ihre Thaten, so müssen wir ihr den Preis 
zuerkennen, dass sie an Patriotismus, an politischer Einsicht und praktischem Geschick 
hoch über alle die Gewalten hervorragte, welche vor ihr versucht hatten, die spanische 
Nation durch den Sturm dieses beispiellosen Krieges zu führen. Die Cortes von Cadiz 
Avaren das Beste und Tüchtigste, was Spanien damals hervorzubringen vermochte.» 

1 ) Archives diplomat. p. l'Hist. de Teinps et des Etats, T. 111 pp. 144. 149 (Stuttg. 
und Tüb. 1821—26. 6 Bde.). 

2 ) Pölitz, Die europäischen Verfassungen seit d. J. 1789 bis auf d. neueste Zeit II, 
261 H.eipz. 1832—47. 4 Bde.). 

3 ) Angef. Archives diplomat. HI, 210. 30ä. 

-*) Toreno, Gesch. d. Aufstandes, Befrei ungskr. u. d. Revolut. in Spanien V, 34'+. 



69 



thiimer verpflichtete, ein Jahr, in einigen Provinzen zwei Jahre vorher 
zu kündigen. Der Hebung der Landwirtschaft Avard ferner die Bestim- 
mung noch sehr förderlich, dass alle Pächter für von ihnen beAverkstel- 
ligte neue Anpflanzungen zehnjährige Abgabenfreiheit gemessen sollten. 

Freilich sind diese Anordnungen, gleich den übrigen Schöpfungen 
der Cortes, von der Aviederholten Restauration der alten Zustände durch 
Ferdinand VII fast wieder gänzlich umgestossen Avorden. Aber der end- 
liche dauernde Triumph der liberalen Ideen und Principien in Spanien 
nach dem Tode dieses vollendetsten Heuchlers und perfidesten Tyrannen, 
den es je gegeben '), hat hier auch die fraglichen wohlthatigen Neue- 
rungen Avieder zur Geltung gebracht. Es giebt ZAvar noch immer Wan- 
derschafe, Avenn schon in bei weitem geringerer Anzahl, und eine ge- 
schlossene Gesellschaft grosser Heerdenbesitzer in Spanien, aber ohne 
die Privilegien, die sie ehedem zur grössten Geissei der LandAvirthschaft 
machten. In der Association der Heerdenbesitzer führt die Königin selbst 
den Vorsitz, und in allen Provinzen, durch Avelche die Merinos ziehen 
oder avo sie ihre bezahlten Weideplätze haben, wachen vom Staate 
bestellte Procuradores fiscales darüber, dass jene die vorgeschriebene 
Marschroute genau einhalten, Avie auch über die Vollziehung der zAvischen 
der fraglichen Gesellschaft und den Eigenthümern der Weideplätze über 
deren Benützung abgeschlossenen Verträge. 

Von dem allergrössten, von dem segensreichsten Einflüsse auf die 
Neubildung eines unabhängigen und zum Theil auch grundbesitzenden 
Bauernstandes in Spanien sind daneben die von den Schöpfern der Con- 
stitution v. J. 1812 verfügte Veräusserung aller zu den Krondomainen 
so Avie den Stadtgemeinden gehörenden unangebaueten Ländereien an 
Private 2 ) (Jan. 1813) und die erst in unseren Tagen erfolgten Einzie- 
hungen der Klostergüter Avie auch der Besitzungen der Welt- 
geistlichkeit gewesen. Der spanische Premier Mendizabal ist zur 
Confiscation der Klostergüter (1835 — 1836) bekanntlich zunächst durch 
die Absicht veranlasst Avorden, den Mönchen, den vornehmsten Stützen 
des Kronprätendenten Don Kariös, die Mittel zu benehmen, diesem An- 
hänger zu werben, und sein Heer zu besolden; auch ist es bei der Aus- 
führung dieser Massregel eben so Avenig Avie bei der, von den Cortes 
Aviederholt (Juli 183 7 und Sept. 1841) decretirten und von Espartero 
(1842) vollstreckten Einziehung des Grundbesitzes der weltlichen Kleri- 



x ) Wie Willkomm, Zwei Jahre in Spanien und Portugal Bd. I. S. 201 Ferdinand den 
Siebenten mit Recht nennt. 
2 ) Toreno V, 156 f. 



70 

sei zum Säuberlichsten hergegangen, vielmehr gar Manches vorgefallen, 
was schwerlich zu rechtfertigen sein dürfte. Aber auf die Festigung der 
politischen und socialen Wiedergeburt Spaniens, wie auch auf die baldige 
Beendigung seines Bürgerkrieges haben die fraglichen kühnen Griffe über- 
aus erspriesslich eingewirkt. Einmal, weil sie ungeheuere Bodenreichthü- 
mer, die seither in für den Staat todterHand angehäuft und nur dazu miss- 
braucht worden waren, den Bruderkrieg seiner Angehörigen zu nähren, in 
eine grosse Menge arbeitender und steuerpflichtiger Hände brachten; 
dann weil sie hierdurch nicht allein den auf der Halbinsel im Ganzen bislang 
nur noch schwach vertretenen Stand der kleinen Grundeigenthümer, 
sondern auch die Anhänger der Umgestaltung Spaniens eben so ansehnlich 
wie rasch vermehrten. Denn jeder Erwerber der, zu Nationalgütern erklär- 
ten und zum Vortheile des Staates verkauften, geistlichen Besitzungen hatte 
fortan das lebhafteste Interesse an der Consolidation der neuen Zustände, 
da die Wiederherstellung der alten ihn selbst mit den empfindlichsten 
Einbussen bedrohete durch den alsdann sicher zu erwartenden Widerruf 
der Secularisation der Kirchengüter. Diese wurden vornehmlich von 
Landleuten acquirirt, welche mit Begierde die dargebotene willkommne 
Gelegenheit zu vortheilhaften Ankäufen, die ergriffen, aus Pächtern 
sich in Grundeigentümer zu verwandeln, woher denn auch die hohen 
Preise rührten, welche für die veräusserten Nationalgüter erzielt wurden, 
trotz dem dass deren Erwerbung nicht ohne Gefahr war. Denn schon in 
den Jahren 1820 — 1823 waren von den Gortes viele Kirchengüter einge- 
zogen und veräussert, diese Verkäufe aber nach der Restauration Ferdi- 
nands VII (1823) wieder annullirt und die Acquirenten der bezahlten 
Summen ohne Weiteres verlustig erklärt worden. Und dennoch wurden 
z. B. bis Ende Mai 1843 für 154,097 Nationalgüter, deren Taxe 
1,998 Millionen 474,694 Realen betrug, nicht Aveniger als 4,933 
Millionen 160,160 Realen erlöst 1 )! 

Diese totale Umwandlung der Öffentlichen Verhältnisse Spaniens, 
und zumal der des dortigen Landvolkes und Grundbesitzes, ist indessen 
noch zu neu, die statistischen Nachrichten aus der vom Sturm der Revo- 
lution und des Bürgerkrieges so lange durchwühlten Halbinsel sind noch 
zu ungenau und dürftig, um die wohlthätigen Folgen derselben in den 
verschiedenen hier in Betracht zu ziehenden Hinsichten im Einzelnen au- 
thentisch nachweisen zu können. Aber schon das Wenige, was in eini- 
gen Beziehungen im Allgemeinen sicher ermittelt worden, genügt, um 



l ) Ausland, 1840, S. 1067. Weimarisch, geoeal.-histor.-statistisch. Almanach, 1845, 
S. 809. 



71 

die oben berührte Thatsache zweifellos festzustellen, die nämlich, dass 
Spanien in einem wahrhaft grossartigen, besonders materiellen, Auf- 
schwünge begriffen und zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft be- 
rechtigt ist. Am sprechendsten zeugt hiervon die überraschend schnelle 
Zunahme seiner Bevölkerung, trotz der bedeutenden Menschenopfer, die 
erst der Independenz-, dann der vieljährige Bürgerkrieg und verheerende 
Seuchen *) verschlangen. Spanien, welches, wie wir aus dem Vorherge- 
henden 2 ) uns erinnern, im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts kaum 
noch sechs Millionen Bewohner zählte, hatte deren, zuzüglich der 429,147 
Seelen der balearischen und kanarischen Inseln, im J. 1833 wieder 
12,087,991, die sich, immer einschliesslich der genannten Eilande, 
im J. 1849 auf 14,216,219, im J. 1857 aber auf 16,301,851 Köpfe 
vermehrt hatten 3 ). Ferner erzeugte Spanien, welches noch im Beginne 
des neunzehnten Jahrhunderts den fünften Theil 4 ) seines jährlichen 
Bedarfs an Brodfrüchten von ausAvärts beziehen musste, und noch 
in dem der zwanziger Jahre des laufenden Seculums sich genöthigt 
sah, selbst bei einer durchgängigen Mittelernte eine ganz ansehnliche 
Quantität derselben, etwa eine Million Fanegas, d. h. ungefähr 
50,000 Wispel, jährlich vom Auslande zu beziehen 3 ), bereits im Jahre 
1850 nicht nur genug Getreide für seine so ungemein gestiegene 
Bevölkerung, sondern war auch im Stande, davon nicht unbedeutend 
auszuführen, wie z. B. nach England 42,550 Fanegas Gerste, 80,399 
Fanegas Weizen und 80,868 Fanegas Mais, und nach Cuba 2,256,070 
Arrobas (Viertelcentner) Weizenmehl 6 ). Auch das, nach der vor- 
vorhergegangenen langjährigen berüchtigten gräulichen Finanzwirthschaft 
wol kaum je mehr gehoffte merkwürdige Vertrauen, welches sämmtliche 
Börsen Europas der spanischen Monarchie jetzt, nach der Consolidation 
ihrer Wiedergeburt, in wachsendem Masse bezeigen, am sprechendsten 
ausgedrückt in dem überall anhaltenden Steigen des Courses der spani- 
schen Staatspapiere, zeugt prägnanter als es die ausführlichsten Detail- 
Schilderungen vermöchten, von dem ungeheueren Gewinne, den Spanien 
aus seiner politischen und socialen Neugestaltung davongetragen. 



1 ) So raffte z. B. das gelbe Fieber in den Jahren 1798—1804 über eine Million 
Menschen weg, und in unseren Tagen richtete die Cholera wiederholt, zuletzt im J. ■1854, 
bedeutende Verheerungen an. Willkomm, Die Halbinsel d. Pyrenäen S. 499. 

2 ) Vergl. oben S. 48. 

3 ) Willkomm a. a. 0. S. 499 und Hübner, Statist. Tafel für 1858. 

4 ) Moreau de Jonnes, Statislique de Espagne pp. i02. 118 (Paris 1834). 

5 ) Gaspari, Hassel u. Ä. Handbuch der Erdbeschreib. Abtheil. II, Bd. III, S. 36 Neue 
allgem. geogr. u. statist. Ephemeriden Bd. XII, S. 123. 

6 ) (Brockhaus) Die Gegenwart Bd. IX, S. 502. 



72 

Seines Schwesterlandes, Portugals Unstern wollte, dass den Män- 
nern, die sich das immer grosse Verdienst erwarben, seine politische 
Umwandlung dauernd begründet zu haben, die Einsicht fehlte, wie diese 
einem so durchaus verrotteten und todtkranken Staate, wie der portugie- 
sische noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts war, die benöthigte 
Gesundheit nur dann zurückgeben könne, wenn sie mit einer so durch- 
greifenden socialen, wie sie in Spanien bewerkstelligt ward, Hand in 
Hand gehe. Die Verhältnisse des Grundbesitzes und des Bauern- 
standes, die wir hier allein zu betrachten haben, hatten seit dem Aus- 
gange des Mittelalters in Portugal sich ganz analog den spanischen ent- 
wickelt. Auch hier wurden die alten Freiheiten und Ortsrechte (Foraes) 
der Landgemeinden immer rücksichtsloser mit Füssen getreten, da der 
Landmann, obwol längst nicht mehr leibeigen, von den Königen der 
Willkühr des Adels und der Geistlichkeit, in deren Hand der weitaus 
grösste Theil alles Grundbesitzes sich angehäuft fand, ganz schutzlos 
preisgegeben 1 ) und in dessen Folge bald fast durchgängig zum blossen, 
mit Lasten aller Art überbürdeten und gewöhnlich nur auf kurze Termine 
angesiedelten Zeitpächter, häufig gar nur zum blossen Taglöhner herab- 
gexlrückt war 2 ), der nach Launen weggejagt werden konnte; auch hier 
wucherten die im Laufe des XVI und XVII Jahrhunderts ebenfalls enorm 
sich vermehrenden 3 ) Majorate und dieMesta (welch' letztere nament- 
lich für Alem-Tejo, Lusitaniens grösste Provinz, dieselben Nachtheile mit 
sich führte, wie für das spanische Estremadura 4 ), in gleich giftiger Weise 
wie in Spanien. Nichts natürlicher, als dass dieselben Ursachen auch 
dieselben Wirkungen hervorbrachten, die sich am empfindlichsten in der 
rapiden Abnahme der Population so wie in dem gräulichen Verfalle der 
Agrikultur äusserten. Lusitaniens Bevölkerung hatte gegen Ende des 
fünfzehnten Jahrhunderts aus etwa zwei Millionen Seelen bestanden, im 
J. 1636 zählte dieses Land aber höchstens noch 1,100,000 Bewohner 5 ). 
Es fehlte ihm damals so sehr an Händen, und den vorhandenen so sehr 
an Lust 6 ) auch nur zum notdürftigsten Anbau seines Bodens, dass weit 

1 ) Schäfer, Gesch. y. Portugal III, 37. V, 387. 

2 ) Minutoli (preussischer Generalconsul), Portugal u. seine Colonien im J. 1854 
Bd.' II, S. 385 (Stuttg. u. Augsb. 4855. 2 Bde.). 

3 ) Balbi, Essai statistique sur le Royaume de Portugal I, 238 (Paris 4822. 2 toIs.). 

4 ) Roon, Die iberische Halbinsel S. 39. Willkomm a. a. 0. S. 486, welch' letzterer 
bemerkt, dass man noch jetzt in dem spärlich bevölkerten Alem-Tejo oft einen ganzen Tag 
reisen könne, ohne ein einziges Haus, geschweige denn eine Ortschaft anzutreffen. 

5 ) Balbi a. a. 0. I, 486 sq. 

6 ) « Der Landmann arbeitete im Schweisse seines Angesichts doch nur für seinen 
Grundherrn und konnte sich nicht über die bitterste Armuth erheben. Da wurde er gleich- 
gültiger gegen die Arbeiten selbst, begnügte sich mit der ärmlichsten Hütte, und erfreute 
sich ganz heruntergekommen in stoischer Zufriedenheit an der Ueberzeugung, keine Abga- 



73 



über die Hälfte desselben brach lag, und wol noch mehr brach gelegen 
haben würde, wenn nicht aus Guinea eingeführte Sklaven und Mulatten 
ausgeholfen hätten. Ein einsichtiger Portugiese, Severim de Faria, der 
im J. 1625 schrieb, gewahrte in der berührten unbeschränkten Befugniss 
der Grundeigenthümer, ihre Pächter nach Belieben zu verabschieden, auch 
wenn sie die Ländereien gut bewirtschaftet und den Zins pünktlich bezahlt, 
mit Recht eine der vornehmsten Ursachen dieser traurigen Erscheinung'). 
Durch König Joseph (1750 — 177 7) und seinen verdienten Minister 
Pombal geschah zwar Verschiedenes zur Verbesserung der Lage des 
Landmannes, zur Hebung des Ackerbaues. Dieser, der im dreizehnten 
und vierzehnten Jahrhundert in Portugal, unter dem Schutze weiser Ge- 
setze, so kräftig blühete, dass dasselbe, trotz seiner ungleich zahlreichern 
Bevölkerung, nicht nur genug Brodfrüchte für den eigenen Bedarf erzeugte, 
sondern auch grosse Quantitäten Getreide nach Spanien, Deutschland 
und Flandern verkaufen konnte 2 ), lag noch beim Regierungsantritt des 
genannten Monarchen so gräulich darnieder, dass die Gesammternte Por- 
tugals, eines von der Natur so begünstigten Landes, dass dort noch 
2,000 Fuss über dem Meere der Kirschbaum in den ersten Merzwochen 
blüht, nicht einmal zur Ernährung von 300,000 Menschen aus- 
reichte! 3 ) Aber mit König Josephs und Pombals bezüglichen Reformen 
hatte es theils dieselbe, theils noch eine schummere Bewandtniss wie 
mit den gleichartigen Bemühungen der spanischen Bourbons dieser Zeit; 
sie blieben entweder auf der Oberfläche, griffen den alten Krebsschaden 
nicht an der Wurzel, sondern nur in seinen Nebenästen an, oder waren 
gar arge Verkehrtheiten, wahre Giftproben mit einem Todtkranken 4 ). 
Sehr natürlich mithin, dass sie keinen irgend erheblichen Erfolg hatten, 
der auch dem rühmlichen, schon tiefer greifenden Versuche der Königin 
Maria I, die Bauern wenigstens gegen die argen, von den weltlichen und 
geistlichen Grundherren mit ihrer Patrimonial-Gerichtsbarkeit getriebenen 

ben an eleu Staat zu zahlen, und fast eben so wenig an den Grundherrn zu entrichten, weil 
er in der That nichts besass, wovon er etwaige Verpflichtungen erfüllen konnte,» Schu- 
bert, Handbuch d. allgem. Staatskunde v. Europa, Bd. I. Theil III, S. 336. 
^Schäferin, 31—32. 

2 ) Minutoli a. a. 0. II, 382. Du Chatelet, Yoyage en Portugal 1, 253. II, 136 (Paris 
1798. 2 yoIs.). 

3 ) Schäfer V, 389. 

4 ) Ein artiges Pröbchen davon erzählt Du Chatelet in seiner angeführten Reisebe- 
schreibung v. J. 1777 Bd. 11, S. 43: N'etoit-ce pas condamner le laboureur ä l'oisivete et 
ä la misere? Ort ertit remedier ä cet inconvenient, en auymentant la t aille du malheu- 
reux habitant des campagnes. On esperoit par-lä le forcer au travail, comme au seul 
moyen de le mettre en etat de payer ce surcroit d'imposition: qu'en arrka-t-il? Une 
grande quanüte de terres resterent en friche; beaueoup de proprietaires furent ruines; et 
le fisc, trompe dans son avidite, pergut moins encore qu'auparavant. 



74 

Missbräuche zu schützen, nicht zu Theil geworden ist. Denn das von ihr 
zu dem Behufe (19. Juli 1790) erlassene Gesetz 1 ) gedieh wegen des 
passiven Widerstandes des Adels und Klerus thatsächlich gar nicht zur 
Vollziehung, so dass noch in den beiden ersten Decennien des laufenden 
Jahrhunderts die Lage des portugiesischen Landvolkes eben so trostlos, 
und dessen Abhängigkeit von der Willkühr seiner Grundherren, die meist 
auch seine Gerichtsherrn geblieben 2 ), noch eben so gross, wie ehedem, 
für die Letzteren selbst und die Landwirthschaft dies freilich aber auch 
von denselben schlimmen Folgen, wie in früheren Tagen begleitet war 3 ). 
Nur in den wenigen Gegenden Portugals, wo es den Bauern gelungen, 
Grundbesitzer zu werden, wo es wenige Majorate und einen weniger 
hochmüthigen und tyrannischen Adel gab, waren jene eben so wohl- 
habend wie fleissig, war die Agrikultur eine vorzügliche 4 ). 



1 ) Schäfer V, 601 f. 

2 ) Carne, Le Portugal au XIX siecle: Revue des deux Mondes, 1837, Juillet, p. 86. 

3 ) Lüder, Ueber die Industrie und Kultur der Portugiesen S. 136 f. (Berlin 1808): 
«Die Unwissenheit und der Stolz dieses Adels ist gleich grenzenlos. Er verachtet die Bau- 
ern. Er ist im Besitz von Privilegien, die ihm alles gestatten, und deren .Anzahl nicht ab-, 
sondern zunahm. Der Bauer ist nicht ein leibeigenes Vieh, aber er steht diesem so nahe 
als möglich. Er soll auch nur kniend mit seinem gnädigen Gebieter sprechen. Den Bauer 
auf alle Art und bei jeder Gelegenheit es fühlen zu lassen, welch ein verächtliches Wesen 
er sei; die Pacht bis aufs Höchste, bis zum Unerschwinglichen hinauf zu schrauben, und 
mit Austand, das heisst in der Haupt- oder wenigstens in einer Provinzial-Stadt, im Schosse 
des Müssiggangs und der Laster, mit Pfaffen und gnädigen Herren und Damen, mit einem 
Schwärme von Domestiken und Maulthieren den Schweiss und das Blut des Landmaunes 
zu verzehren — das sieht der Adel Portugals als seinen hohen Beruf an; und der Bsuer 
dankt dem Himmel, wenn sein strenger Gebieter ihn nicht auch noch unter dem nichts- 
würdigsten Vorwande zu dem Gerichtsherrn schleppt, und mit Hülfe der heiligen Justiz 
ihn rein ausplündert und einkerkern lässt. Der Edelmann kann hier nur seine Rente ver- 
zehren, und der Pächter und Bauer kann nichts anderes sein, als ein armes, unwissendes, 
träges Geschöpf, das sein Joch fortschleppt, so lange eine eiserne Notwendigkeit es ge- 
bietet .... eben desswegen ist die Landwirthschaft so kläglich, und jede Verbesserung 
in derselben ist unmöglich, da das Kapital nicht vermehrt werden kann. Der Bauer und 
Pächter ist arm, und muss es bleiben. Ebenso arm sind die Güterbesitzer, so aus- 
gedehnt ihre Besitzungen auch sind; und wenn diese einzig von ihren Pächtern und Bau- 
ern ziehen, so muss, verewigt sich die Armuth dieser, auch die Armuth jener sich ver- 
ewigen. Alle, der Edelmann wie der Bauer sind Bettler.» — Mit dieser Schilde- 
rung stimmt die welche Balbi I, 236 sq. vierzehn Jahre später (1822) entwarf, im Wesent : 
liehen vollkommen überein. 

4 ) Lüder a. a. 0. S. 139: «Einzig unter derjenigen Klasse der portugiesichen Bauern, 
welche Grundeigentümer und freie Menschen sind, trifft man Wohlhabenheit an. Entre 
Douro e Minho, wo es nur wenige grosse Güter gibt, und der Adel wohl zahlreich, aber 
nicht reich an Besitzungen ist, hat die stärkste Bevölkerung, und zeichnet sich durch den 
Fleiss seiner Bewohner auf das vortheilhafteste aus, und durch eine Agrikultur, die ganz 
vorzüglich ist. Eben so sind auch die Ackerleute in dem höhern Alemtejo im Rufe wegen 
ihres Reichthums, und auch diese sind Grundeigenthümer; sie besitzen beträchtlich grosse 
Ländereien und einen fruchtbaren Boden.» 



Die vieljährigen Revolutionsstürme, welche seitdem über dieses 
Land hingefegt, haben zwar Manches gebessert, aber doch noch lange 
nicht die ihm nöthige durchgreifende Aenderung der fraglichen Missver- 
hältnisse herbeigeführt, da sowol die Cortes, wie Dom Pedro der Ein- 
sicht entbehrten, dass Lusitaniens Regeneration so lange Stückwerk blei- 
ben müsse, so lange sie nicht mit rücksichtsloser Energie von unten auf 
begonnen werde, dass deshalb vor Allem die Lage des Bauernstandes 
gründlich reformirt werden, dass, wie gesagt, mit der politischen die so- 
ciale Umgestaltung sich paaren müsse. Zwar hat Dom Pedro das seit 
Jahrhunderten ganz despotisch regierte Land in eine constitutionelle Mo- 
narchie umgeschaffen, die Mönchsklöster (1834) aufgehoben, deren Gü- 
ter eingezogen, und zum Staatsgut erklärt, und noch manch' andere 
dankenswerthe Verbesserungen durchgeführt. Aber aus allzu grosser 
Rücksichtnahme auf den Weltklerus und aus Furcht vor dem, Dom Mi- 
guel unbedingt ergebenen 1 ) Adel unterliess er es, den Bauer aus seiner 
altherkömmlichen Abhängigkeit von diesen privilegirten Klassen zu be- 
freien, bewies er denselben überhaupt eine eben so thörichte, wie schlecht- 
vergoltene Schonung. Indem die von ihm den Portugiesen (29. April 
1826) verliehene Verfassung den Erbadel und dessen Vorrechte garan- 
tirte 2 ), wurde dieser dadurch als bevorzugte und streng geschiedene Kaste, 
wurde namentlich das so verderbliche Institut der Majorate 3 ) aufrecht 
erhalten, welche ihm den unveräusserlichen Besitz eines so grossen 



*) Par im coutraste qui caracterise ä lui seul la Situation des esprits et des interets 
dans les deux royaumes de la peuiusule, Paristocratie ralliee, en Espagne, ä la cause d'Isa- 
belle II, appuya presque tout entiere, eu Portugal, l'avenement de Don Miguel. Carne a. a. 
0. p. 103. 

2 ) Pölitz, Europäische Verfassungen seit 1789, Bd. II, S. 340. Minutoli I, 109. 

3 ) Den fortdauernden giftigen Einfluss dieser auf den Landmann und die Landwirth- 
schaft Lusitaniens schildert trefflich Minutoli II, 442: «Die Unveräusserlichkeit der ge- 
schlossenen und Majoratsgüter hat ihre nachtheiligen Folgen sattsam gezeigt. Die Unmög- 
lichkeit der Gesammtbestellung beim Mangel ausreichenden Betriebskapitals, u. die Schaa- 
ren von besitzlosen Familien, welche in der Nähe solcher grossen Güter, auf den Ver- 
dienst eines spärlichen Tagelohns angewiesen, lediglich um die dürftige Existenzkämpfen, 
und weder durch Fleiss u. Anstrengungen noch durch sonstige Verwerthung ihrer Arbeits- 
kräfte darauf hoffen können, ihre Lage verbessert zu sehen, einen Hausstand zu begrün- 
den, ihre Kinder zu erziehen. Die zahllosen ausgesetzten auf Staats- u. Commu- 
nalkosten erzogenen Kinder sind die natürlichen Folgen dieser socialen 
Zustände. Da die Majoratsherren ihre Besitzungen nicht selbst bewohnen, so vermeiden 
ihre Wirthschafter besondere Anstrengungen u. Ausgaben zu Meliorationen, sie lassen den 
alten schleppenden Wirthschaftsgang so fortbestehen, u. sie haben weder das Milgefühl 
noch die Mittel, um die Noth der arbeitenden Klassen durch zweckmässige Beschäftigung 
auf Kosten der Besitzer zu vermindern. Denn natürlich wird unter den Wirthschaftsbeam- 
ten derjenige der beste sein, der die Gutseinnahmen möglichst wenig durch Wirthschafts- 
ausgaben zu schmälern weiss.» 



Theiles alles Grund und Bodens, und hauptsächlich hierdurch überwie- 
genden Einfluss nicht allein auf das Landvolk, sondern noch immer sehr 
bedeutenden sogar auf den Bürgerstand') sichert. Die Majorate existiren 
noch heutigen Tages in Portugal, und zwar in der Art, dass sie hier iü 
Ermangelung männlicher Descendenz auf die Frauen übergehen 2 ). Diese 
Rücksichtnahme vergalt Portugals Adel damit, dass er in der Pairskam- 
mer dem Gesetze wegen Verkaufs der National-, d. h. der eingezogenen 
Klostergüter sich lange und nachdrücklich widersetzte, dessen Ausfüh- 
rung überhaupt in jedmöglicher Weise behinderte und erschwerte und 
hierdurch Grosses dazu beitrug, dass jener für den Staatsschatz bei wei- 
tem nicht so ergiebig ausfiel, als man erwartet hatte. Und auch die 
Weltgeistlichkeit, die noch jetzt 18,000 Köpfe stark ist 3 ), wurde da- 
durch, dass Dom Pedro ihren grossen Grundbesitz unangetastet Hess, 
keineswegs ihm und seiner Nachkommenschaft geneigt gemacht, keines- 
wegs abgehalten, im Stillen für Dom Miguel zu wirken, das Landvolk, 
auf welches sie noch immer überaus grossen Einfluss besitzt, zu seinen 
Gunsten zu bearbeiten. Daher vornehmlich der Bauern so verblendete, 
noch immer fortdauernde Anhänglichkeit an den Prätendenten, und des- 
sen bis in die letzten Jahre bewährte Fähigkeit, den Frieden des Landes 
zu stören. 

Gutentheils wegen dieses im Wesentlichen ungebrochenen, fortwähren- 
den grossen Einflusses des Adels und der Geistlichkeit auf das Landvolk 
haben auch die in der neuesten Zeit in Portugal getroffenen Vorkehrungen 
zur Befreiung seines Bodens von den alten Feudallasten, zur Umwand- 
lung der bisherigen Pächter und Tagelöhner in einen selbstständigen 
grundbesitzenden Bauernstand bis jetzt im Ganzen nur geringen Er- 
folg gehabt. Die in den J. 1835 — 1848 wiederholt erlassenen Gesetze 
zur Ablösung der Grundrenten sind, theils wegen der Hindernisse, welche 
Adel und Klerus ihrer Vollziehung entgegen wälzten, theils wegen der Armuth 
der Landleute, — denn die unendlich grosse Mehrheit der portugiesischen 
Bauern ist ohne Kapital und auch ohne Credit 4 ), in den meisten Provinzen 
von ihrer Ausführung noch sehr Aveit entfernt. Eben darum, und weil die 
Regierung es versäumte, dieser Mittellosigkeit der Agrikultur-Bevölkerung 



1 ) Dans les classes moyennes elles — memes — le respect aristocratique n'est pas 
moins intact qu'au sein des masses. La Yieille noblesse portugaise exerce encore sur la 
Bourgeoisie le patroüage accepte et l'ascendant du vieux patriciat. D'Alaux, Le Portugal en 
1850: Revue des deux Mondes, 1850, Aoüt p. 508. 

2 ) Prinz Löwenstein, Ausflug von Lissabon nach Andalusien im Frühjahr 1845 S. 11 
(Dresden und Leipzig 1846). 

3 ) Die Gegenwart IX, 506. 

4 ) Prinz Löwenstein a. a. 0. S. 268. Willkomm a. a. 0. S. 454. 



77 

in der erforderlichen Weise unter die Arme zu greifen, ist letztere auch so 
wenig im Stande gewesen, von den ihr später (1853) gewährten Erleich- 
terungen behufs ihrer Erhebung zu Grundeigenthümern (Klosterguts- 
pächter konnten z. B. durch Erlegung des lßfachen Jahrespachtzinses Be- 
sitzer der von ihnen bislang bebaueten Grundstücke werden 1 ) einen umfas- 
sendem Gebrauch zu machen. Daher rührt es denn, dass noch heutigen 
Tages die immense Majorität des portugiesischen Landvolkes aus Zeit- 
pächtern, und zwar meist mit kurzen Contracten 2 ), und Tagelöhnern 
besteht. Nun ist allerdings nicht in Abrede zu stellen, dass trotz dem 
der Ackerbau gegen früher sich gehoben hat, da dies schon aus dem 
zunehmenden Heruntergehen der Preise der Rohprodukte, wie auch aus 
der Thatsache erhellt, dass die Einfuhr an Reis, Brodfrucht und Kartof- 
feln — (den grö'ssten Theil seines Bedarfs an letzteren hat Portugal 
noch bis zum J. 1837 vom Auslande bezogen; damals wurde von den 
Cortes, um die Anpflanzung dieser Knollenfrucht im Lande zu fördern, 
deren Einfuhr verboten) — gegen ehedem 3 ) auf ein Minimum herabge- 
sunken, die Ausfuhr an Oel, Zwiebeln und Südfrüchten dagegen im Zu- 
nehmen begriffen ist. Aber trotz dem finden sachkundige unbefangene 
Beurtheiler 4 ), dass die Agrikultur in Portugal im Ganzen noch immer 
überaus vernachlässigt, wie auch, dass dies Land noch immer, «im Ver- 
hältniss zu den ungeheuren Hülfsquellen, die es in sich selbst besitzt ) 
und die nur Betriebsamkeit, Geld und verständige Leitung brauchen, um 
ergiebig zu werden, nur spärlich bevölkert ist.« 6 ). Und in der That re- 
sultirt aus dem seit mehr als dreissig Jahren fast immer gleich gebliebenen 
Stande der Bevölkerung Lusitaniens (es zählte im J. 1822 3,443,447, / 
im J. 1841: 3,412,500, im J. 1851: 3,471,199 und im J. 1856 nicht über 
3,500,000 Seelen), der in diesem Zeiträume so- bedeutend vermehrten 
Einwohnerzahl Spaniens gegenüber, und noch aus manch' anderen un- 



!) Miiiuloli I, 143 f. II, 385. 

2 ) Miiiuloli 11, 447. 

3 ) Noch gegen Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts musste Portugal Tom Auslande, 
ungerechnet der betreffenden Einfuhr aus seinen eigenen Colonien, im Durchschnitte 
jährlich zwischen 70 und 80,000 Mojos, d. h. für sieben bis acht Millionen Francs, Ge- 
treide beziehen. Balbi I, 146. Sprengel und Forster, Neue Beiträge z. Länder- und Völ- 
kerkunde VII, 25—30 (Leipz. 1790—93. 13 Bde.). 

4 ) Wie namentlich Minutoli I, 63 f. II, 379. 439 und Prinz Löwenstein, welch' letz- 
terer sich S. 269 des Ausrufes nicht enthalten kann: «Armes Land, in welchem die 
jetzige Nachlässigkeit gegen sonst ein Fortschritt genannt wird!» 

5 ) D'Alaux, hiermit übereinstimmend, nennt a. a. O. p. 519 Portugal un pays dont les 
ressources agricoles depassent trois ou quatre fois les besoius. 

6 ) Worte des Briten Kingston: Lusilanian Sketches, deutsch: Portugiesische Land- 
und Seebilder (üresd. u. Leipz 1846, 2 Bde.) v. Lindau Bd. I, S. 7. 



78 

trüglichen Anzeichen, wie z. B. aus seiner traurigen Finanzlage 1 ), klär- 
lich, wie überaus bedeutend dieses Staates Entwicklung dadurch ge- 
hemmt wurde, dass die im Nachbarlande bereits durchgeführte sociale 
Neugestaltung besonders hinsichtlich der Verhältnisse des Grundbesitzes 
und des Landvolkes, trotz aller politischen Umwälzungen, die es erlitten, 
dort noch nicht bewerkstelligt ist. Denn in Portugal waltet noch immer 
ein beständiger Kampf zwischen den politischen Richtungen und Syste- 
men, die ganz libewl, und den socialen, die es nicht sind. 



M Minutoli I, 128 f. 



ZWEITES BUCH. 

FRANKREICH. 



ERSTES KAPITEL 1 ). 

Es ist eine in den Jahrbüchern der Menschheit sich uns wiederholt 
darbietende, eben so merkwürdige wie trostreiche Wahrnehmung, dass 



l ) Von den über die Geschichte des Bauernstandes in ^Frankreich in der neuesten 
Zeit erschienenen Werken sind, merkwürdig genug, die beiden die besten, die au dem 
entgegengesetzten Fehler leiden. Das eine, von Darest de la Chavanne (HTst. des classes 
agricoles en France depuis St. Louis jusqu'ä Louis XVI. Paris 1854), trübt das Verdienst 
bedeutenden wissenschaftlichen Gehaltes und guter Auseinandersetzung einzelner Ent- 
wicklungen und Verhältnisse durch eine doch gar zu rosenrothe und darum verfehlte Auf- 
fassung der Gesammtlage des Landvolkes in der Feudalperiode; denn nach der Meinung 
seines Verfassers hätten Adel und Geistlichkeit damals keine angelegentlichere Sorge ge- 
kannt, als die Väter ihrer Bauern zu sein, und rastlos an deren Emancipation gearbeitet! 
Das steht doch in gar zu auffallendem Widerspruche mit unb-estreitbaren Thatsachen; es 
wird im Folgenden dargethan werden, mit welch' schneckenartiger Langsamkeit, die schon 
allein hinreichen dürfte des Verfassers Behauptung zu widerlegen, diese travail perseve- 
rant du moyen äge an der emancipation des populations rurales, und in welch' engen Grän- 
zen sie sogar bis zur Regierung Ludwigs des Sechzehnten fortschritt. Das andere von 
Bonnemere (Hist. des Paysans depuis la fin du moyen äge jusqu'ä nos jours, 4200 — 4850. 
Paris 4856. 2 Bde. welch' curioser Gedanke schon, das Ende des Mittelalters in d. J. 
4200 zu verlegen!) ist reicher an interessanten Details, aber voll blinden leidenschaftli- 
chen Hasses gegen Adel und Klerus, und übertreibt daher in entgegenstehender Richtung. 
Und eben deshalb ist auch ein Gebrechen das Gemeinsame beider Schriften — ein fast 
durchgängiges Verkennen der tiefer liegenden Motive, der eigentlichen, der entschei- 
denden Antriebe der von ihnen besprochenen Erscheinungen. Der Schrift des bekannten 
Ultramontanen Veuillot: Le droit du seigneurau moyen äge, Paris 4854, werde hier nur 
um des charakteristischen Mittels willen erwähnt, dessen sich derselbe bedient, wenn 
er die zweifellosesten, aber ihm widerwärtigen Dinge kurz und frisch wegläugnen will. 
Er versichert alsdann, wie z. B. bezüglich des berüchtigten Rechtes der ersten Nacht, er 
habe monatelang sue sang et eau, ohne einen Beweis dafür zu finden, folglich gebe es 
auch keinen! 



80 

Erscheinungen, die nur Keime des Todes und Verderbens in sich zu tra- 
gen das Ansehen haben, bei näherer Betrachtung ein ungeahntes Moment 
der Versöhnung, gleichsam ein Aequivalent des Unheils enthüllen, welches 
sie angerichtet. Es ist oben in der Einleitung gezeigt worden, wie viel 
das seit dem Tode Karls des Grossen sich immer mächtiger entfaltende, 
und bald Fundament, Mittelpunkt und beherrschendes Princip des ge- 
sammten Staatslebens bildende Lehnswesen dazu beigetragen hat, dass 
die wenige Menschenalter zuvor noch ganz beträchtliche Zahl der Ge- 
meinfreien, d. h. der nicht adeligen, unabhängigen kleinen Grundei- 
gentümer, in allen karolingischen Reichen so rasch zusammen- und end- 
lich beinahe völlig verschwand. Für diesen so bedeutenden, ja überwie- 
genden Theil der Schuld, welchen das Feudalsystem an der Vertilgung 
des Standes trägt, der Jahrhunderte hindurch die Grundlage der Gesell- 
schaft in allen, auf den Trümmern der weströmischen Monarchie ent- 
standenen, germanischen Staaten gebildet, hat dasselbe letzteren eine, 
nicht immer nach Gebühr gewürdigte, belangreiche Entschädigung durch 
die sehr wesentlichen Verbesserungen gewährt, die es in der Lage 
der grossen Masse der ländlichen Bevölkerung herbeiführte. 

Diese bestand damals theils aus den Nachkommen der, aus den uns 
bekannten Gründen, schon früher in Knechtschaft versunkenen germani- 
schen Eroberer, theils der gleichem Schicksale im Laufe der Zeit verfall- 
nen eingebornen Romanen, theils aus dem Nachwüchse der von jenen 
aus der alten Heimath mitgebrachten, oder in der neuen vorgefundenen 
Leibeigenen. Der bedeutende Unterschied in der Lebensstellung und 
Behandlung, welche sowol die alten Volksgesetze der germanischen Stäm- 
me, wie die karolingische Legislation zwischen diesen verschiedenen 
Klassen der Unfreien machten, war in der Anarchie, welche um die 
Mitte des neunten Jahrhunderts in Frankreich einriss und während eini- 
ger Menschenalter hier herrschend blieb, thatsächlich völlig aufgehoben 
worden. Denn gleich der königlichen Autorität, die nur zu oft selbst der 
unbedeutendste Ritter ohne Scheu frech verhöhnte 1 ), wurden auch die 
von ihr ausgegangenen oder ausgehenden Gesetze 2 ) von der neuen Macht 

1 ) Aimon. Monach. Floriac. de Miracul. S. Bened. ad a. 923 : Bouquet, Recueil des 
Historiens des^aules et de la France T. IX ; p. 139: Illud Praedium quidam miles ad suos 
usus rapuit: uec petenti Abbau Tel fratribus in jus venire Toluit. Querimonia ad se per- 
lata, jubet Rex pervasorem ab hac cessare temeritatis pertinacia: qui vocem quidem 
jubentis audivit.sed adsensum parendi accommodare distulit. RenuntiaturPrincipi, illum 
non solum perv;tsa retentare, verum etiam convivium ex substantiis Monachorum seu 
incolarum in proxima silva sibi parare. 

2 ) Schon im J. 877 klagte der berühmte Erzbischof Hincmar v. Rheims (Bouquet IX, 
p. 256): pax et consilium, et justitia et Judicium locum in isto regno nou habuerunt. . . , 
justitia et Judicium quasi emortua apud nos sunt. 



81 

mit steigender Rücksichtslosigkeit in den Staub getreten, welche bald 
zur dominirenden des gesammten Staatslebens sich empor rang — von 
dem Feudalismus nämlich. Es wäre ein schwer zu begreifendes und 
noch schwerer zu motivirendes Wunder gewesen, wenn die gewalttäti- 
gen Herzoge. Grafen und sonstigen grösseren und kleineren Machthaber, 
die der Krone ein Stück Land, ein Recht nach dem andern entrissen, 
die damals sogar vor dem einflussreichsten Stande, vor der Geistlichkeit 
und ihren Bannstrahlen. so geringe Ehrfurcht, so wenig Scheu hegten, 
dass sie die angesehensten Prälaten ihrer Besitzungen und Gerechtsame 
beraubten '), — wessen selbst 2 ) Hugo Capet, der Stifter des dritten fran- 
zösischen Königsgeschlechtes, und sein Vater, Hugo der Grosse, sich 
mehrfach schuldig machten, — die nie und nirgends ein anderes Gesetz 
kannten, als das der rohen Stärke, auf die missachtetste Klasse der Be- 
völkerung mehr Rücksicht genommen haben sollten, als auf die Könige 
und selbst den Klerus, grösseres Bedenken getragen haben sollten, die 
Rechte jener mit Füssen zu treten, als die der Staatshäupter und der 
Kirche. Kein Zweifel mithin, dass alle durch die verschiedenen Entste- 



! ) Urk. Kaiser Karls des Dicken v. J. 886: Bouquet IX, p. 345: — Geylo — Lingo- 
nensis Ecclesie Antistes — excellenlie noslre innotuit, qualiter quam plurime res. pos- 
sessiones et Abbatie, que Ecclesie sue — antiquilus juste — delegata fuerant, quorundam 
Principum tyrannica sacrilegaque temeritale, atque praesumtione — subtracle fuis- 
sent. Urk. König Karls des Einfältigen v. Frankreich v. J. 919: Butkens, Trophees du 
duche de Brabant T. I, Preuv. p. 15 (La Haye 1724. 3 vols. Fol.): Rutgerus Trevirensis 
Eccles. Archiepiscopus saepe plangendo adiit Celsitudinem nostram, dicens, quod Abbatia 
S. Serratii, quae est constructa in Trajecto, quam dedit per suum praeceptum Treureusi 
ecclesiae Arnulphus Rex ; sed violentia Rogenern Comitis et filii ejus Gisberti a Trevi- 
rensi ecclesia jam olim esset injuste ablata. 

2 ) Urkunde Hugo Capets v. J. 975: Sammarthan, Gallia Christiana T. VIII, Tnstr. p. 
486 (Paris. 1715 — 1857. 14 Bde. Fol.): adiit praesentiam nostram quidam episcopus Au- 
relianensis ecclesiae, nomine Arnulphus, — reclamans quamdam terram, quae olim lucu- 
lenta cupiditate a loco sibi nutn Dei commissa fuerat abstracto (der Herzog vermeidet 
zu sagen, dass er selbst der Räuber gewesen; es ergiebt sich aber aus dem Folgenden); 
et nunc eam quidam miles noster Hugo e nostra manu videbaliir teuere in benefici- 
um. Cujus petitionem ratam dijudicantes — reddimus eidern ecclesiae — quamdam abba- 
tium in honore S. Johannis prope muros civitatis, cum omnibus ad se pertinentibus. 

Urk. König Philips I von Frankreich, für die Abtei St. Germain-des-Pres v. J. 1061 : 
Ebendas. T. VIT, Iustr. p. 34: accidit tempore Hugonis dncis, qui Magnus cognomina- 
batur (starb 956), ut ipse dux, sicut alias ecclesias attenuaveral multis praediis, ita 
quoque hanc ecclesiam mutilaret ablatione multarum possessionum. Unde inter alia 
praefalam villam Cumbis coeuobio S. Vincentii et Germanii detraxit, eamque dedit in bene- 
ficio cuidam Hilduino nomine comiti de Monte, qui vocatus Desiderius. Qui cum diuturno 
tempore vivens vita decessisset, iterum Hugo dux, qui eam ecclesiam SS. injuste abstule- 
ral, in proprios usus sibi vindicavit, et post ejus obitum Hugo rex filius ejus, dum ad- 
vixil, simililer eam tenuit. 

Sugenheiin, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 6 



82 

hungsgrimde und Abstufungen der Knechtschaft bedingten rechtlichen 
Unterscheidungen in der Lage der Unfreien und Hörigen während der 
in Frankreich in der beregten Zeit waltenden graulichen Anarchie völlig 
verwischt wurden, dass die Gesammtheit des Landvolkes, mit beziehungs- 
weise nur höchst unbedeutenden Ausnahmen, damals in völlige Leib- 
eigenschaft versank, dass der den Launen seines Herrn ganz schutzlos 
preisgegebene Bauer thatsächlich nur noch als Sache galt. 

Aber zu seinem Glücke beruhete das Lebensprincip der neuen furcht- 
baren Macht, die ihm dieses traurige Loos bereitete, in der Erblich- 
keit der usurpirten Würden, des usurpirten Territorialbesitzes. Die 
grossen Lehnsträger der französischen Könige, die während des neunten 
und zehnten Jahrhunderts keine angelegentlichere Sorge kannten, als den 
Fortgenuss der errungenen Machtstellung, des angemassten Landbesitzes 
auch ihren Söhnen und Enkeln zu sichern, würden trotz ihrem festen 
Zusammenhalten den Nachfolgern Karls des Grossen gegenüber, wenig 
Aussicht besessen haben, den Letzteren die Anerkennung der Gerechtig- 
keit ihrer Forderung abzutrotzen, wenn sie sich nicht bereit gezeigt hät- 
ten, die Erblichkeit des Lehnbesitzes, die sie für sich selbst begehrten, 
auch Anderen zu gewähren, nämlich ihren eigenen, ihren Unter- Vasal- 
len. Es würde den westfränkischen Karolingern nicht eben schwer ge- 
worden sein, an diesen die geAvichtigsten Helfer gegen jene zu finden, 
wenn letztere ihnen versagt hätten, was sie von den Staatshäuptern für 
sich selbst verlangten. Die Aufforderung, die Treue ihrer Lehnsträger 
gegen die Lockungen dieser in jedmöglicher Weise zu stählen, Avurde 
für die Vasallen der Krone aber um so gebieterischer durch die bald 
gemachte Erfahrung, dass die von Karl dem Kahlen im Vertrage von 
Kiersy (14. Juni 877) gegebene ausdrückliche und feierliche Anerken- 
nung der Erblichkeit der Lehen und Aemter seine Nachfolger von Ver- 
suchen nicht abhielt, diesem Principe entgegenzuhandeln, dies wichtige 
Zugeständniss Avenigstens in den einzelnen Fällen rückgängig zu machen, 
avo die Umstände das zu gestatten schienen. So strebte z. B. König 
LudAvig IV nach der von ihm (943) verfügten 1 ) Hinrichtung des Grafen 
Heribert II von Vermandois und Champagne dessen fünf Söhnen sämmt- 
liche Besitzungen des Verstorbenen zu entreissen, und nur die nach- 
drückliche Unterstützung ihres mächtigen Ohms mütterlicher Seits, Hu- 
gos des Grossen, Herzogs von Francien, nöthigte den genannten Mo- 
narchen, von der schon mit entschiedenem Erfolg begonnenen Ausfüh- 



l ) Wie Colliette, Memoires p. seiT. ä l'Hist. de la Proviiice du \ ; ermandois T. I, p 
4ä7 sq. (Cambrai 4771, 3 vols. 4.) nachgewiesen hat. 



83 

rung dieses Vorhabens abzustehen 1 ). Sehr natürlich mithin, dass die 
bereits im erwähnten Vertrage von Kiersy ausgesprochene unvermeidliche 
Consequenz des Princips, auf dem ihre eigene Macht und Herrlichkeit 
beruhete, die Erblichkeit der Lehen auch ihrer Aftervasallen, von den 
grossen Lehnsträgern der Krone auch diesen Letzteren zugestanden 
werden musste, überall auch sehr bald zugestanden wurde. 

Diese innere Notwendigkeit des Erblichkeits-Princips des Feudalis- 
mus, dieser langsamen Schöpfung einiger Jahrhunderte, erstreckte ihre 
Wirkungen nun bald auf alle Klassen, selbst bis in die untersten Kreise der 
Gesellschaft. Die Aftervasallen der königlichen Lehnsträger hatten nämlich 
ihrer Seits wieder Lehnsleute, und so ging es herab bis zur letzten Sprosse 
der Lehnsleiter, bis zu dem Leibeigenen, der von seinem Herrn ein 
Stück Landes lehnweise empfangen, um davon seinen und der Seinigen 
Lebensunterhalt zu bestreiten. In all' diesen Schichten des grossen Lehn- 
staates, in welchen sich die gesammte weiland vom entgegengesetzten, 
vom Allodialsystem, beherrschte Monarchie der Franken noch vor Ab- 
lauf des zehnten Jahrhunderts aufgelöst, regte sich sehr bald das Verlan- 
gen nach Erblichkeit des Lehnbesitzes, und da durchgehends die Macht 
der Lehnsherren auf der Treue ihrer Vasallen beruhete, jeder Lehns- 
träger auch wieder Lehnsherr war, machte sich dies Verlangen so 
ziemlich überall mit gleicher Bnwiderstehlichkeit geltend. 

Es wird nicht überflüssig sein, diesen Gang der Dinge an einem 
concreten Beispiele zu veranschaulichen. Der Herzog von Burgund, 
der seit dem J. 877, in Folge des Vertrages von Kiersy dies Land als 
erbliches Lehn der westfränkischen Karolinger besass, hatte unter ande- 
ren auch den Grafen von Vergi zum Vasallen, der ihm für diese Graf- 
schaft, mit welcher der Herzog ihn belehnt hatte, ebenso zur Treue und 
zur Stellung einer gewissen Anzahl Kriegsleute im Falle des Bedürfnisses 
verpflichtet war, wie der Herzog dem Könige. Die Kriegshülfe die der 
Graf dem Herzog schuldete, konnte er aber nur dadurch leisten, dass er 
über die erforderliche Anzahl streitbarer ritterlicher Mannen jeder Zeit 
zu verfügen vermochte. Er hatte darum Stücke seiner Grafschaft als 
Unter- oder Vicegrafschaften an seine jüngeren Söhne oder sonstige 
Verwandte mit denselben Bedingungen als Lehne wieder ausgethan. un- 
ter welchen ihm seine Grafschaft von Burgunds Herzog übertragen wor- 
den. Diese Vicegrafen hatten es nun ebenso gemacht, indem sie ihren 
Territorialbesitz in Baronien, grössere Herrschaften, zerlegt und lehn- 



l ) Baugier, Memoires histor. de la province de Champagne 1, 83 sq. (Chalons 1721. 
2 toIs.) Colliette I, 479. 494 sq. 



weise wieder ausgethan, und die Lehnsträger dieser Baronien waren 
ihrem Beispiele gefolgt, indem sie letztere in einfache Ritterlehne (im 
französischen Lehnrecht später Fiefs de Haubert ') genannt) zerlegt, de- 
ren Träger für die ihnen als Lehne eingeräumten befestigten Häuser, oft 
auch nur blosse Thürme, und eine hinzugefügte Anzahl Hufen Landes 
den Baronen ebenfalls zur Treue und zum persönlichen Kriegsdienste mit 
der erforderlichen Rüstung verpflichtet waren. Auf all' diese Rangstufen 
der Feudal-Hierarchie äusserte nun die angedeutete, im Vertrage von 
Kiersy enthaltene Bestimmung: dass die den Vasallen der Krone bewil- 
ligte Erblichkeit des Lehnbesitzes von diesen auch ihren Aftervasallen 
zugestanden werden sollte, die unvermeidliche Rückwirkung, dass diese 
Einräumung von dem Grafen von Vergi seinen Vicegrafen ebenso wenig, 
wie ihm selbst von Burgunds Herzog versagt werden konnte, ebenso we- 
nig wie von den Vicegrafen ihren Baronen, und von diesen ihren Rittern, 
da die fragliche Vorschrift, zumal in einer Zeit, wo Gesetze und Ver- 
träge meist mit dem Schwerte interpretirt wurden, vieldeutig und über- 
aus dehnbar war. Denn der Graf von Vergi würde, wenn er seinen 
Vicegrafen ein Recht hätte vorenthalten wollen, welches ihm selbst vom 
Herzoge von Burgund gewährt werden musste, jene sämmtlich gegen 
sich in Waffen gerufen, dadurch die Grundlagen seiner Macht untergra- 
ben, sich der Fähigkeit beraubt haben, dem burgundischen Fürsten ge- 
genüber die Hauptbedingung zu erfüllen, unter welcher er seine Graf- 
schaft von' ihm zu Lehn trug. Und die rachsüchtige Absicht, solche Con- 
flicte im Schoosse des Feudalismus hervorzurufen, mag Karl dem Kahlen 
vorgeschwebt haben, als er der ihm abgetrotzten in Rede stehenden hoch- 
wichtigen Concession, die ihn doch thatsächlich der Souverainetät ent- 
kleidete, die fragliche, von den Kronvasallen gewiss nicht erbetene, Be- 
stimmung beifügte. 

Sehr zu bezweifeln möchte aber sein, ob diese ihre beregte wohl- 
thätige Rückwirkung auch auf das unbewehrte, seit langer Zeit in den 
Staub getretene Landvolk erstreckt haben würde 2 ), wenn für die ge- 



1 ) Lauriere, Glossaire du droit francois I, 471 (Paris 1704. 2 TT. 4.). Du Cange, 
Glossar, y. Feudum Loricae und Militare. 

2 ) Hierin weiche ich von dem scharfsinnigen Forscher Guerard ab, der sich das 
Verdienst erworben, auf die hier in Rede stehende Revolution in den Verhältnissen des 
französischen Bauernstandes in seinen Prolegomenen zum ersten Bande des von ihm edir- 
ten Cartulaire de l'Abbaye de Saint-Pere de Chartres (Bd. 1 der, zur Collect, de Docum. 
ined. sur l'Hist. de France gehörigeu, Collect, des Cartulaires de France) zuerst aufmerk- 
sam gemacht, und in dem lichtvollen Aufsatze: De la formation de l'etat social, polit. et 
administratif de la France in der Bibliotheque de l'Ecole des Charles Sei*. III, T. II (1854), 
p. 17 sq. sie noch etwas anschaulicher entwickelt zu haben. Aber die tiefer liegenden 



85 

sammte französische Lehns-Aristokratie nicht noch anderweitige, über- 
aus triftige Motive vorhanden gewesen wären, auch ihre Leibeigenen an 
den Vortheilen des Erblichkeits-Princips Theil nehmen zu lassen. Das 
vornehmste und entschiedendste derselben war unstreitig Frankreichs 
furchtbare Entvölkerung. Wie zu allen Zeiten und in allen Ländern, 
wo die Machthaber dem Wahne gehuldigt, dass das leichteste und nächst- 
liegende Mittel, den Bauer möglichst auszubeuten, ihn nämlich mit Lei- 
stungen und Steuern aller Art zu überbürden, ihn zum Lastthier zu er- 
niedrigen und als solches zu behandeln, auch ein unschädliches sei, 
hatten die oben berührte steigende Pressung und Misshandlung des Land- 
volkes seit dem Tode Karls des Grossen auch in Frankreich die gewöhn- 
liche Folge jenes verhängnissvollen Irrthums gehabt. Die, durch dieses 
Monarchen unaufhörliche Kriegszüge ohnehin schon stark gelichtete, Be- 
völkerung des platten Landes war mit reissender Schnelligkeit zusam- 
mengeschwunden 1 ), seitdem sie von seinen Nachfolgern der Willkühr, 
den Bedrückungen der weltlichen und geistlichen Aristokratie sich so 
völlig preisgegeben sah. 

Von dieser entsetzlichen Abnahme der Einwohnerzahl des westfrän- 
kischen Karolingerstaates zeugt, nach der treffenden Bemerkung eines 
neuern scharfsichtigen Historikers 2 ), Nichts sprechender als der so durch- 
aus unzulängliche Widerstand, Avelchen dieser den Einfällen der Nor- 
mannen zu leisten vermochte. Wenn die Enkel Karls des Grossen diesen 
kühnen Seeräubern gegenüber sich so ohnmächtig fühlten, dass sie solche 
weit häufiger durch lehnweise Ueberlassung bedeutender Landstriche und 
Städte, oder durch ungeheuere Geldopfer, als durch die Schärfe des 



Gründe der yon ihm signalisirten Erscheinung sind Guerard eben so entgangen, wie die 
weitreichende Wirkung der fraglichen Vorschrift bezüglich der Aftervasallen im Vertrage 
von Kiersy. Seine Behauptung (Prolegom. p. XLI): — pendant le desordre d'oü sortit tri- 
omphant le regime feodal, le serf soutint contre son maitre la lutte soutenue par le vassal 
contre son seigneur, et par les seigneurs contre le Roi. Le succes fut le meme de part et 
d'autre ; l'usurpation des tenures serviles accompagua celle des tenures liberales et ... . 
il fut aussi difficile de deposseder un serf de son mause, qu'un seigneur de son benefice, 
ist entschieden irrig. Denn die Leichtigkeit, mit welcher selbst die im Folgenden zu er- 
wähnenden Aufstände der Bauern in der Normandie, Bretagne und anderwärts von der 
Feudal-Aristokratie niedergeschlagen wurden, beweist klärlich, wie wenig jene auch da, 
wo sie massenhaft dieser entgegentraten, auszurichten vermochten. Wie hätten da nun 
die einzelnen, gar nicht oder nur schlecht bewehrten, in den Waffen wenig geübten 
Leibeigenen ihren ritterlichen Herren den erblichen Besitz des von ibnen angebaueten 
Landes abzutrotzen fähig, stark genug sein sollen, denselben gegen den Willen der 
Letzteren zu usurpiren, wenn diese nicht aus den hier entwickelten Gründen, mit so^ 
thauer Neuerung einverstanden gewesen wären? 

1 ) Martin, Hist. de France 11, 273. 

2 ) Sismondi's, Hist. des Frangais 11J, 279. 



86 



Schwertes sich vom Halse zu schaffen suchten; wenn wir jene Nordlän- 
der ohne Hindernisse in alle Theile Frankreichs, von dessen Nordspitze 
bis in den tiefsten Süden 1 ) mehrmals vordringen, wenn wir sie die be- 
deutendsten Städte desselben widerstandslos einnehmen 2 ), wenu wir fer- 
ner sehen, wie ganz heimisch sie sich in Gallien fühlten 3 ), wie sie auf 
ihren Raubzügen einzeln oder in ganz kleinen Banden, um dem Vergnü- 
gen der Jagd zu fröhnen, sich furchtlos in die Wälder eines feindlichen, 
von ihnen so gräulich misshandelten Landes wagten, also auch einzeln 
oder in sehr kleiner Gesellschaft von der Bevölkerung des Letztern nichts 
zu besorgen hatten, so erhellt hieraus klärlich genug, dass diese da- 
mals überaus dünn gewesen sein muss. Es geht das aber noch aus 
einer andern Thatsache unwidersprechlich hervor. Die grossen Geld- 
summen, durch die man zeitweilig Ruhe vor den Normännern erkaufte, 
mussten nämlich nicht sowol von den Königen, als vielmehr grössten- 
teils 7 *) von der Klasse der Bewohner aufgebracht und erlegt werden, 
die damals noch die zahlungsfähigste war — von der Geistlichkeit 
nämlich. Nun würde diese, die doch zu der Zeit den grössten Einfluss 
auf Hoch und Nieder besass, welcher das deshalb am leichtesten gewe- 
sen wäre, schon aus Eigennutz, um sich diese wiederholten ungeheueren 5 ) 



1 ) Lezardiere, Theorie des Lois politiques de la Monarchie Franchise lll, 411 sq. 
(Paris 1844. 4 toIs.) Vaissette et Vic, Hist. generale de Languedoc 1, 543. 560 sqq. (Paris 
4730—45. 5 TT. Fol.) 

2 ) So berichtet z. B. ein in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts lebender 
Benediktinerabt: crescit innumerabilis numerus Northraannorum . . . capiuntur quascum- 
que adeunt civitates, nemine resistente: capiuntur Burdegalensium, Petrocorium atque To- 
losa civitas etc. Vaissette et Yic a. a. 0. T. I, p. 751. Vergl. noch den lehrreichen Extract 
aus dem Cartulaire de Bigorre bei Monlezun, Hist. de la Gascogne T. VI (Urkundenband), 
p. 310 sq. (Auch 1846 — 50. 6 vols et Supplement). 

3 ) Unterschieden sie sich doch nach ihren Standquartieren in den Flüssen in Summe-, 
Seine- und Loire-Dänen. Roth, Gesch. d. Beneficialwesens S. 415. 

4 ) Wie man aus der Urk. t. J. 877 bei Walter, Corp. Jur. German. antiqui III, p. 206, 
den Annal. Bertin. und den übrigen französichen Jahrbüchern besonders aus der Zeit yon 
858 — 887 und der folgenden Anmerkung entnimmt. 

5 ) Bereits im J. 881 klagte die apud Sanctam Macram yersammelte Synode: exactio- 
nes ad Nortmannos — redemptio et tributum non sohim pauperes homines, sed et 
Ecclesias qnondam divites jam evacuatas haient. Bouquet, Recueil des Historiens des 
Gaules et de la France T. IX, p. 307. Dass das nichts weniger als rhetorische Floskel 
gewesen, erhellt schon aus den Ton Roth a. a. 0. S. 415 zusammengestellten Beispielen. 
So mussten im J. 858 zur Auslösung des gefangenen Abtes Ludwig von St. Denis und 
seiues Bruders 685 Pfund Gold und 3,250 Pfund Silber, im J. 860 den Somme-Dänen, 
um die Seine-Dänen zu verjagen, 3,000 Pfund Silber und das Jahr darauf wieder 5,000 
Pfund erlegt, und im J. 866 die Seine-Dänen mit 4,000 Pfund Silber abgekauft werden, 
also in nur acht Jahren eine Ausgabe Ton mehr als zehn Millionen Francs heutiger 
Währung. 



87 



pecuniäreri Opfer zu ersparen, sicherlich bald da bald dort ein allgemei- 
nes, ein Massen-Aufgebot gegen jene räuberischen Fremdlinge hervorge- 
rufen haben, wenn das Material zu einem solchen überhaupt vorhanden 
gewesen wäre. Aber eben weil dies fehlte, weil es nicht gelingen wollte, 
die über weite Landstrecken zerstreute ungemein dünne Bevölkerung 
massenhaft zu vereinen, ist von solchen früher, wie z. B. noch im J. 
859 '), wol vorgekommenen, Massen-Erhebungen seit dem letzten Vier- 
tel des neunten Jahrhunderts nirgends mehr die Rede. 

Wie unbedeutend die volkswirtschaftlichen Einsichten der französi- 
schen Grossen jener Tage auch immer sein mochten, so viel begriffen 
sie denn doch sehr bald, dass sie die dringendste Aufforderung besassen, 
dieser, durch die Verheerung und Raubzüge der Normänner natürlich 
nicht wenig gesteigerten, rapiden Abnahme der Einwohnerzahl ihrer Ter- 
ritorien nach Kräften zu steuern. Wenn Manche von ihnen, wie z. B. 
im J. 938 Graf Alain IV von Vannes und Nantes 2 ), selbst des oben 
(S. 27) erwähnten, auf der pyrenäischen Halbinsel damals gebräuch- 
lichsten Bevölkerungsmittels sich zu bedienen nöthig erachteten, nämlich 
den Leibeigenen, die sich in ihrem Gebiete ansiedeln würden, die Frei- 
heit zuzusichern, wie auch Vertretung und Schutz gegen das Rückforde- 
rungsrecht ihrer seitherigen Herren, so war es eben nur zu natürlich, 
dass Andere, die kein so dringendes Repopulations-Bedürfniss empfanden, 
oder nicht mächtig genug waren, um dies, wegen der angedeuteten Con- 
flicte, immer sehr bedenkliche Mittel anwenden zu dürfen, doch durch 
ein anderes, sehr nahe liegendes und ganz unverfängliches denselben 
Zweck zu erreichen suchten. Es bestand einfach in der Ausdehnung des 
Erblichkeits-Princips der Lehns-Hierarchie auch auf die Leibeigenen, in- 
dem man ihnen nämlich die Ländereien, von welchen sie bislang nur den 
zeitweiligen, widerruflichen Niessbrauch gehabt, fortan zum erblichen 
Pachtbesitze einräumte, sie zu Erbpächtern, zur untersten Sprosse der 
grossen Leiter des Lehnstaates machte. 

Dazu forderten zweitens auch die vielen Jahre des Miss Wach- 
ses und die Hungersnoth, welche sie in ihrem Gefolge hatten, ge- 
bieterisch genug auf. Von dem Zeiträume von der Mitte des achten bis 
zur Mitte des elften Jahrhunderts verzeichnen die Annalisten der ver- 
schiedenen Länder, welche weiland die Monarchie Karls des Grossen 
gebildet, die volle Hälfte 3 ), und von den 7.3 Jahren von 987 — 1060 



1 ) Autial. Berlin, zu dies. J. Langebeck, Scriptor. Rer. Dauicar. 1,551. 

2 ) öaru. Gesch. d. Bretagne 1. 91 (deutsch v. Schubert, Leipzig 1831 2 Bde.). 

3 ) Nämlich von 779 bis 1026 nicht weniger als 144 Jahre Bechstein und Brückner, 



88 

gar achtundvierzig ') als Pest- oder, und gar oft als Pest- und Hunger- 
jahre ; von denen manche, wie namentlich die, welche Frankreich und 
Deutschland in den Jahren 896 — 97, 1003 — 1008, und Gallien ins- 
besondere in den J. 1030 — 1033 heimsuchten, eine so furchtbare Noth 
erzeugten, dass Menschen wie Raubthiere einander anfielen, mordeten 
und verzehrten 2 ). In solchen öfters wiederkehrenden bösen Tagen war 
die, doch dem Herrn obliegende, Erhaltung der Leibeigenen eine so arge 
Bürde, dass man wol drei derselben für ein Pferd hingab 3 ), d. h. für 
den zwölften Theil ihres sonstigen Werthes 4 ). Da aber Käufer, oder 
Tauschfreunde, wenn man sie suchte, eben nicht immer zu finden waren, 
so gab es für die Besitzer von Leibeigenen, welche sich ihrer lästigen 
Alimentationspflicht zu entziehen wünschten ohne jenen die Freiheit zu 
schenken, hierzu eben kein anderes Mittel, als jenen Grund und Boden 
zu erblichem Besitze mit dem Bedinge zu überweisen, davon ihren Un- 
terhalt zu bestreiten und die vereinbarten Steuern und sonstigen Leistun- 
gen zu entrichten. 

Zu dieser Concession drängten drittens auch die Bauernauf- 
stände, welche seit dem Ausgange des zehnten Jahrhunderts in ver- 
schiedenen Theilen Frankreichs bald nacheinander ausbrachen, wie in 
der Normandie (997), Bretagne (1024) und Burguad (1032). Die 



histor.-slatisl. Taschenbuch f. Thüringen und Franken, 1844. S 219. Dazu kommen nun 
noch die J. 1030—1033, 1035 und 1045—46. 

1 ) Michelet, Hist. de France II, 303. 

2 ) Fuerunt etiam nounulli quos viciualium egestas ad vescenditm hnmanas carnes 
impulif, et fwmicidio miserum vitam critdeliter exüjere insliyavil, berichtet ein Zeit- 
genosse der in Frankreich in den J. 1030 — 1033 wüthenden Hungersuoth bei Mabillon, 
Acta Sanctor. ord. S. Benedict. Saecul. III, T. 1, p. 373 (Paris. 1668. 9 Bde. Fol.). Vergl. noch 
(Perreciot), De ] 'etat civil des personnes et de la condition des terres dans les Gaules des 
les temps celtiques jusqu'ä la redaction des coutumes T.I, p. 149 sq. (En Suisse [Besangon] 
1786. 2vols. 4 wie immer im Folgenden). Ein treffliches, mit einem wichtigen Urkunden- 
buche ausgestattetes Werk, noch jetzt eines der besten über diesen Gegenstand und da- 
rum auch mit Recht in unseren Tagen neu aufgelegt: Paris 1845, 3 vols. 8. Nähere 
Nachrichteu über seinen Verfasser (Parlaments-Advokat zu Besangon t 12. Februar 1798) 
in den Memoires et Documents inedits p. serv. ä l'Hist. de la Franche-Comte 111, 43 sq. 
(Besangon 1838 — 44. 3 vols. 8.) und in der Biographie nouvelle des Contemporains (von 
Arnault, Jay u. A.) XVI, 165 sq. 

3 ) Urk. v. J. 1031 bei Chevalier, Memoires bistor. sur la Tille et seigneurie de Poli- 
gny (Lons-le-Saulnier 1767. 2 TT. 4.) I, p. 314: Ego Odo et uxor mea Adelburgis — duas 
ancillas, matrem et filiam, unum quoque servum — vendimus et accipimus de supra- 
dictis Monachis unum Ca all um et aliud pretium sicut iuter nos convenit. — Mit (lei- 
den so unvortheilhafteu Tausch erklärenden Bemerkung: Facta est ista coiwenientia a. D. 
1031. In ipso quoque anno gravissima famis totam pene Galliam vastayit, ita ut plurimi 
hominum terram comederenl. 

4 ) Le prix dun esclave fut communement equivalent ä celui de quatre chevaux. 
Perreciot a a. O. I, 151. 



89 



Chronisten jener Tage gedenken ihrer zwar nur obenhin, und gehen zu- 
mal über die Beweggründe der Rebellen flüchtig weg, aber schon das 
Wenige, was wir glaubwürdig davon erfahren, genügt, um die Ueber- 
zeugung zu begründen, dass eben 1 ) kein besonderer, gerade damals bis 
zur Unleidlichkeit gesteigerter Druck ihrer Gebieter jene zum Aufruhr 
reizte. Es war vielmehr, wie wir von den normannischen Landleuten 
wenigstens mit Sicherheit erfahren, und darum wol auch von den ande- 
ren, ihrem Beispiele folgenden, unbedenklich annehmen dürfen, die Be- 
gierde von den mit neidischem Auge betrachteten Vorrechten des Adels 
mindestens auch Etwas zu erringen. Da wird nun wol nicht bezweifelt 
werden dürfen, dass es vor Allem das Verlangen nach gesichertem, nach 
ebenfalls erblichem Besitz des Grund und Bodens, den sie im Schweisse 
ihres Angesichts bebauten, gewesen, wonach jenen gelüstete. Zwar wur- 
den die Bauern überall ohne sonderliche Mühe zu Paaren getrieben 2 ) 
und so grausam bestraft 8 ), dass man wol darauf rechnen konnte, die Lust 
zu ähnlichen Versuchen werde ihnen auf lange hinaus benommen sein. 
Aber wegen der Gefahr und Verluste, mit welchen die Wiederholung 
derselben den Adel selbst bedrohete, fanden die Einsichtigeren dieses 
Standes es dennoch gerathen, dem in Rede stehenden so natürlichen 
Verlangen ihrer Leibeigenen zu willfahren. Es darf das wol unbedenk- 
lich aus der Thatsache gefolgert werden, dass namentlich die Normandie 
zu jenen Provinzen Frankreichs zählte ''), in welchen die fragliche Re- 
form der bäuerlichen Verhältnisse am frühesten zur Ausführung kam. 

Wie fast alle Umgestaltungen der öffentlichen Zustände Galliens in 
der zweiten Hälfte des Mittelalters 5 ) erfolgte sie indessen nicht auf ein- 



1 ) Wie schon Sismondi, Hist. des Frangais IV, p. Hl bemerkte. Zumal unter der 
Regierung Herzog Richards 1, nach dessen in der Nacht vom 20. auf den 24. NoTember 
996 (Mabillon, Annal. Ordin. S. Benedict. T. IV, p. 105, was ich hervorhebe, weil selbst 
Lappenberg, Gesch. v. England II, 33 Richards I Sterbejahr und Todestag nicht mit Si- 
cherheit anzugeben weiss) erfolgtem Hintritt die Verschwörung der Bauern der Normandie 
begann, erfreueten sich diese einer ungleich bessern Behandlung als ihre Standesgenossen 
im übrigeu Frankreich. 

2 ) Quoniam, wie von den bretagnischen ausdrücklich bemerkt wird, sine duce et sine 
consilio venerant in praelium. Monach. anonym. Ruyens., Vita S. Gildae No. 37 : Mabillon, 
Acta Sanctor. Ordin. S. Bened. Saecul. I, p. 149. 

3 ) Besonders die der Normandie, trotz dem sie an thatsächlichen Vergehungen sich 
hatten am wenigsten zu Schulden kommen lassen. Goube, Hist. du duche de Normandie 
I, 134 sq. (Rouen 1815. 3 vols. 8.) Raumer, Histor. Taschenbuch, 1834, S. 316 f. 

4 ) Bibliotheque de FEcole des Charles Ser. 111, T. III, p. 394. 

5 ) Depuis le onzieme jusqu'au quartorzieme siecle, bemerkt Fräulein von Lezar- 
diere (denn Verfasser dieses grundgelehrten, wenn schon sehr weitschweifigen und mit- 
unter auch etwas coufusen und von Vorurtheilen nicht freien Buches ist, wie man aus 
dein Vöibericht des Herausgebers der zweiten Aullage desselben: Paris 1844 [die erste 



90 



mal, durch ein allgemein geltendes Gesetz, sondern nur nach und nach 
mittelst ganz specieller Vergünstigungen und Uebereinkünfte zwischen 
den Seigneurs und ihren Leibeigenen, und eben deshalb auch so über- 
aus langsam, dass sie die zwei Jahrhunderte vom Beginne des zehnten 
bis zu dem des zwölften Seculums brauchte, um nur im grössern Theile 1 ) 
Frankreichs durchzudringen. Am frühesten mag es da geschehen sein, 
wo die Lage der Unfreien während des Mittelalters überhaupt die gün- 
stigste war, in den geistlichen Territorien 2 ) so wie im unmittelbaren 
Hausgebiete des neuen Königsgeschlechtes der Capetinger. Wenigstens 
lasst sich urkundlich nachweisen, dass der Bischof von Paris schon ge- 
gen Ausgang des zehnten Jahrhunderts Grundstücke selbst an Frauen 
zu erblichem Pachtbesitze, und zwar mit der eingeräumten Befugniss 
ausgethan, sich ihre Rechtsnachfolger nach Belieben wählen zu dürfen 3 ); 
dass ein in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts in Chartres leben- 
der Mönch von dieser Umwandlung der bäuerlichen Verhältnisse als von 
einer in seiner Gegend längst vollzogenen Sache spricht 4 ). 

Was diese erste, die Grundlage aller späteren bildende Verbesse- 
rung in der Lage des französischen Bauernstandes so bedeutsam machte, 



erschien 1791] erfährt, ein im J. 1754 auf einem Schlosse in Poitou gebornes und im 
J. 1835 verstorbenes Edel-Fräulein, über welches im Annuaire departemental der Societe 
d'emulation de la Vendee, 1856, p. 177 sq. sich ausführlichere Nachrichten finden), Theo- 
rie des lois politiques de la Monarchie fraugaise III, 85, il ne se forma point de lois gene- 
rales, et les coutumes non ecrites prirent la place des codes ecrits Les Conventions 
spontanees du seigneur et de ses jusliciables, dans chaque grand fief (und auch in dem 
kleinsten), formerent les coutumes particulieres de ce fief; coutumes qui furent lois pour 
tous ceux qui s'y trouverent enclaves, quand elles porterent sur des objets que la coutume 
generale n'avait pas fixes. 

1 ) Zwar meint Guerard (Biblioth. de FEcole des Chartes Ser. 111, T. II, p. 18), dass 
dies ungefähr in dem genannten Zeitraum in ganz Frankreich geschehen. Das ist aber 
entschieden irrig, da gar viele, zum Theil im Folgenden erwähnte, Thatsachen und Ur- 
kunden damit im Widerspruche stehen. 

2 ) Dass unter der Herrschaft der Kirche die Unfreien sich am wohlsten befanden, 
dürfte am überzeugendsten aus der Thatsache erhellen, dass on les voit souvent compa- 
raitre eux-memes en justice, afin d'y prouver par le jugement de Dieu, quils appartiennent 
ä uu monastere plutöt qu'ä un seigneur laique, et meine donner leurs biens pour obte- 
nir ce changement de maitre. Marchegay in der Biblioth. de l'Ecole des Chartes Ser. IV, 
T. II (1856), p. 409. 

3 ) Urk. Bischof Rainalds v. Paris v. J. 992: Sammarthau, Gallia Christiana T. VII, 
lnstrum. p. 24: cuidam feminae cui vocabulum est Oda, quandam terram consisteutem in 
pago Volcassino ex Andresiaca potestate, videlicet dimidium maus um cum suis appenditiis, 
terris cultis et incultis, una cum assensu canonicorum nostrorum jure censuali concessi- 
mus, litteras manus firmitatis exinde ei fieri jussimus, eo vero ordine ut quandiu supra-" 
dicta mulier Oda cum filia sua Ermengarde unüsque earnm haeres quem cumque deyerinl 
advixerit, omnia supradicta secure teneant et possideant. 

4 ) Guerard, Cartul. de Saint-Pere de Chartres, Prolegom. p. XLI1. 



m 

war der gewichtige Umstand, dass durch sie die Leibeigenschaft (ser- 
vitude) in Hörigkeit (servage) umgewandelt, dass eine Menschenklasse, 
die bislang faktisch nur als Sache betrachtet und behandelt wurde, 
durch sie zu einer Mischart von Sache 1 ) und Person, zu einer wenn 
auch nicht in allen, doch in einigen sehr wesentlichen Beziehun- 
gen vom Rechte geschützten Persönlichkeit erhoben, dass durch 
sie die schlimmste Gattung der Knechtschaft, die Haus-Sklaverei, be- 
seitigt ward. Wenn es nachmals, unter veränderten Verhältnissen, auf 
einer höhern Stufe staatlicher und gesellschaftlicher Entwicklung, von 
den Serfs oder Villa ins, wie diese Hörigen am häufigsten genannt 
wurden 2 ), als schweres Unglück empfunden ward, dass sie an das Stück 
Erde, welches sie bebaueten, an die Scholle Gefesselte waren ; so ist es 
doch in jenem Jünglingsalter der französischen Menschheit iür sie ein 
grosses Glück gewesen, das zu Averden. Einmal weil durch des Leib- 
eigenen Erhebung zum Erbpächter ihm ein bleibender Besitz ge- 
sichert, wie auch die werthvolle Befugniss eingeräumt ward 3 ), denselben. 



1 ) Denn auch der zum Erbpächter avancirte Leibeigene blieb iu dem Sinne Sache, 
dass wer ihn tödtete, seinem Herrn dafür eine gewisse Vergütung zahlen musste, und dass 
die, des Nähern gleich zu erwähnenden, ihm aufgebürdeten lerschiedenen Abgaben und 
sonstigen Leistungen auch das Eigentumsrecht verschiedener Herren bilden konnten. 
Daher denn auch die noch in viel späterer, als in der hier in Rede stehenden Zeit vorkom- 
mende Absonderlichkeit, dass ein Serf mehreren Herren gehörte, d. h. dass er zu den ihm 
obliegenden Steuern und sonstigen Leistungen nicht einem Seigneur, sondern mehreren 
Seigueurs zu aliquoten Theileu verpflichtet war. So schenkte z. B. noch im J. i27i die 
edle Dame Praxede von Montresor der Abtei Pontlevoy quartam partem habens in quo- 

dam homine de corpore, videlicet in Stephauo diclo Bourgeil transferendo ex nunc 

in dicios abbatem et conventum et ipsorum monasterium, per traditionem presentis in- 
strumenti, dominium, proprietatem et possessionem et. omne jus quod habebat et habere 
patebat in predicto homine et in filiis ant filtabus ipsius et nlterioribns ab ipsis desecn- 
dentibns, non tarn proereatis sed etiam proereandis, nee non et in bonis ipsorum mo- 
bilium presentibus et futuris ; nichil nisi sibi retinens in predictis, preter partem suam 
quatuor denariorum et unius oboli annui census et preter parlem suam terragiorum terra- 
rum dicti Stephani, quam partem dictorum census et terragii idem Stephanus dicte Pra- 
xedi et eius heredibus tenebitur solvere sicut prius. Bulletin de la societe de THist. de 
France T. I (Paris 1834), Docum. histor. App. p. 16t sq. Vergl. noch Monteil, Traue de 
materiaux manuscrits de divers genres d'histoire T. II, p. 321 (Paris 1836. 2 vols.) 

2 ) Von den lateinischen Benennungen: Servi, Villani, welch' letzterer Name wahr- 
scheinlicher yon Villa, als von vilis herstammt; doch ist in den Urkunden der hier in 
Rede stehenden Zeit auch Rusticus eine oft vorkommende Bezeichnung des Hörigen 
Vergl. Du Cange, Glossar, v. Rustici und Villani und die folgende Anmerk. 

3 ) Urk. v. J. 1114: Quantin, Cartulaire general de LYoune T. I, p. 229 (Auxerre 
1854. 4.): Si aliquis rnstiens terram illain quam snb ea (sc. Domina Gilla, vidua) tenet, 
monachis Ulis dare aut vendere vellet, ipsi per omnia hoc placet: illud idem et de pratis 
quae rustici ejus tenent, laudavit. Urk. ca. v. J. 1135: Ebendas. p. 305: Emerunt mona- 

chi quemdam molendinum a quibusdam rusticis hereditario eum jure possiden- 

tibusy quod et ipsum laudaverunt praedicü milites (deren Grundherreu). 



92 

natürlich mit Zustimmung der Grundherrschaft, verkaufen oder auch sonst 
veräussern zu dürfen. Denn weil der, bis dahin durch Nichts gezügelten, 
Willkühr seines Gebieters damit überhaupt schon eine, die Schranke näm- 
lich gesetzt wurde, dass dieser seine Person allein fortan nicht mehr 
nach Belieben verkaufen, verschenken oder ihn von einem Grundstücke auf 
das andere versetzen durfte, sondern dass er 1 ) immer nur mit dem Lande, 
an welches er und seine Nachkommenschaft ein erbliches Pachtrecht 
besassen, veräussert, von demselben nicht mehr nach Laune vertrieben 
werden konnte. Wer vom Seigneur, wenn dieser sich seines Besitzes 
entäusserte, den Grund und Boden, auf welchem er sass, auch immer 
eigenthümlich erwarb, musste ihn, so lange er die Pachtbedingungen er- 
füllte, als Pächter desselben sich gefallen lassen. Endlich war auch die 
Schranke, welche die fragliche Umwandlung der Willkühr des Grund- 
herrn zog, doch viel stärker und wirksamer, als man auf den ersten An- 
blick glauben möchte. Wie schon berührt, wurde der Leibeigene durch 
seine Erhebung zum Erbpächter, wenn auch nur als unterste Staffel der 
grossen Leiter des Lehnstaates eingefügt; wie die Herzoge von der Norman- 
die und von Burgund ihre reichen Länder als Lehne der Capetinger, wie 
all' die Fürsten und Dynasten, die damals in Frankreich herrschten, ihre 
Gebiete als Lehne der Krone oder eines andern Hochstehenden inne 
hatten, so besass auch der Erbpächter den Acker welchen er bebaute, 
als Lehn 2 ), als erbliches Lehn seines Grundherrn 7*Nun gab es aber 
in der hier in Rede stehenden zweiten Hälfte des Mittelalters, wegen der 
Allgemeinheit, mit welcher sie das ganze öffentliche Leben durchdrangen 
und beherrschten, keine heiligeren, keine höher und universeller geach- 
teten Gesetze, als eben die Lehnsgesetze. Der roheste Gewaltmensch, 
der mit keckem Frevelmuthe den Geboten, selbst den so gefürchteten 
Bannstrahlen der Kirche trotzte, verging sich nicht leicht gegen die 
Satzungen des Lehnrechts, weil er wusste, dass dies die grösste Sünde 
in den Augen all' seiner Standesgenossen sein würde. Und eben darum 
war der Schutz, den der Bauer durch diese Einreihung in den Lehnstaat 
erwarb, der wirksamste, den er damals überhaupt erlangen konnte. 



1 ) Lezardiere III, 448 sq. 

2 ) La censive est un benefice d'un ordre inferieur, tenu par des personnes plus ou 
moins engages dans la servitude et Charge tant de cens ou redevances de diverses espe- 
ces, que de Services connus plus tard sous le nom de coryees. Guerard, Prolegomeu. z. 
Cart. de Saint-Pere de Chartres p. XXIV. — Daher auch die mitunter vorkommende Be- 
zeichnung der bäuerlichen Grundstücke mit dem feudalen Ausdrucke: Tenementum, Te- 
nure, wie z. B. in einer Urkunde v. J. 1100 bei Quantin 1. c. 1, 201: servis suis cum 
tenemenlis eorum. 



93 



Freilich musste er ihn um einen enormen Preis, nämlich durch 
Uebernahme so ungeheuerer Abgaben und Leistungen der verschieden- 
sten Art erkaufen, dass es begreiflich genug wird, wie die Meinung: 
das Geschick des Landvolkes in der Feudalperiode sei das traurigste ihm 
in der Christenheit je beschiedene gewesen, sich so sehr verbreiten 
konnte, obwol sie doch, wie eben gezeigt worden, ganz irrig ist. Es 
erscheint um so angemessener, die Lage des französischen Land- 
mannes im strengen, noch durch Nichts gemilderten F'eudalzustande 
d. h. in jenem Zustande, in welchem er, der absoluten Leibeigenschaft be- 
reits entronnen, zur untersten Sprosse der grossen Lehnsleiter sich empor- 
geschwungen hatte, in ihren Hauptzügen hier darzulegen, da solche mit 
der seiner Standesgenossen im übrigen romanisch-germanischen Europa 
während der Herrschaft dieses Zustandes nur zu sehr übereinstimmt (selbst 
die hie und da vorkommenden im Ganzen geringfügigen Abweichungen 
erstrecken sich mehr auf die Namen als auf die Sacjien), und hierdurch 
manche Wiederholungen vermieden werden können. Auch würde es 
ohne nähere Kenntniss der so mannichfaltigen und überaus festen Bande, 
mit welchen der Feudalismus den Bauer umstrickte, sich schwer begrei- 
fen lassen, weshalb es diesem solch' unsägliche Mühe kostete, auch nur 
eines T heiles derselben sich zu entledigen; weshalb er selbst dazu 
mehrerer Jahrhunderte bedurfte; Aveshalb er seine völlige Befreiung von 
denselben in Frankreich auf dem Wege" der Reform nie zu erlangen 
vermochte. 

Die in Rede stehenden Abgaben und Leistungen waren dreifacher 
Natur. Erstens persönliche, aus der angebornen fortdauernden Un- 
freiheit fliessende; zweitens dingliche (Reallasten), für die Benützung 
des Grund und Bodens wie auch als Anerkennung des Eigentumsrechtes 
des Gutsherrn zu entrichtende, und drittens lehnrechtliche Dienste 
und Verpflichtungen, solche, die dem Bauer in seiner Eigenschaft 
als Inhaber eines Lehns, als Vasall und Schützling seines Grundherrn, 
für den von letzterem ihm gewährten Schutz in seinem Lehnbesitze ob- 
lagen. Letztere jedoch nicht ihm allein; indem Alle, selbst Geistliche, 
sehr ähnliche zu tragen hatten, die im Mittelalter in einem Vasallen- und 
Schutzverhältnisse zu einem Dritten standen. 

Da war zuvörderst der Kopfzins, als äusseres Zeichen der fort- 
dauernden strengen Hörigkeit; er betrug in der Regel vier Denare 1 ) im 
Jahre, und für Frauen öfters nur die Hälfte. Auch die, in der Regel 



T ) Wie schon nach einer von Du Gange, Glossar. v. Capitale angeführten Urkunde v. 
J. 897. Die Kopfzinspflichtigen (Capatici) wurden darum, wie derselbe bemerkt, auch hau- 



94 

am Weihuachtsfeste, dem Grundherrn von jeder Feuerstelle darzubrin- 
gende, und darum Rauchhuhn genannte, Henne war') eine persön- 
liche Abgabe. Die bedeutendsten aller, dem Erbpächter obliegenden 
persönlichen Leistungen waren jedoch die Frohnden 2 ) (Corvees), trotz 
dem jener vor dem Leibeigenen den grossen Vortheil voraus hatte, dass 
er stets gemessene, d. h. ein für allemal feststehende, und nicht von 
dem Herrn willkührlich bestimmte diesem schuldete. Denn selbst in den 
Fallen und in jenen Provinzen Frankreichs, wo dem Belieben des Sei- 
gneurs in der Hinsicht eigentlich gar keine Schranke entgegenstand, 
herrschte doch allgemein der Gebrauch, — und dieser galt im Mittelal- 
ter so viel, und mitunter wol noch mehr als Gesetz und Vertrag, — 
nicht mehr als zwölf Tage im Jahre Frohndienste zu verlangen, und 
zwar in der Art, dass sie von dem Pflichtigen im Laufe eines Monats 
nie mehr als drei Tage lang begehrt werden durften 3 ). Am häufigsten, 
und zumal da, wo der König oder eine geistliche Anstalt die Gutsherr- 
schaft war, wechselte die Anzahl der Arbeitstage im Jahre zwischen drei 
und sechs, betrug öfters auch bloss zwei, oder gar nur einen Tag wäh- 
rend des ganzen Jahres. Zumeist bestanden diese Dienste in auf den 
Feldbau bezüglichen, und zwar waren sie am häufigsten persönlich oder 
mit Zug- und Lastvieh, Öfters jedoch auch aus beiden Arten gemischt zu 
leisten, daneben aber auch in der Verpflichtung zum Boten laufen, in 
der, die Gräben, Brücken und Mauern des Herrnschlosses, die Land- 
strassen auszubessern und zu reinigen, wie noch in verschiedenen ande- 
ren Obliegenheiten Wenn auch in manchen Gegenden 7 *) die Seigneurs, 

fig homiues quatuor numerorum, oder de quatuor nummis genannt. Vergl. Guerard a. a. 
0. p. XL1X. und Grappin, Dissertation sur l'origine de Ja Mainmorte dans les Provinces 
du premier Royaume de Bourgogne p. 124 sq. (Besan^on 1779. Gekrönte Preisschrift). 

l ) Quoique, bemerkt Pastoret in der Vorrede zum XVIII. Bande p. Vll der Ordonnan- 
ces des Rois de France (Paris 1723—1849. 21 Bde. und 2 Bde. Register. Fol.) sa deno- 
mination (poule de coutume) ne Tannonce pas. Les diverses coutumes qui Fetablissent lui 
donnent toutes ce caractere. Elle etoit due par tout serf ayant feu et lieu dans la seigneurie. 
Si plusieurs n'avoient qu'un seul feu, une seule poule etoit due ; si nou Ton en devoit 
aulaut qu'il y avoit de feux separes. 

'■■) Die früheste Erwähnung derselben als einer dem Pächter eines Stück Landes ob- 
liegenden Verpflichtung in frauzösischeu Urkunden der Feudalzeit dürfte wol die in einem 
Diplome v. J. 960 sein, welches Du Cange, Gloss. y. Corvatae anführt. 

3 ) Pastoret in d. Preface zu T. XVI der Ordonnances p. CX1V. Henrion de Pansey, 
Dissertations feodales I, p. 484 (Paris 1789. 2 Bde. 4.). Ant. Loysel, Institutes coutumieres 
T. IL p. 253 (Ed. Dupin et Laboulaye. Paris 1846. 2 vols.). 

4 ) Wie Fräulein von Lezardiere T. IV. p 270 sq. nachgewiesen hat. Doch siebt das- 
selbe die hier in Rede stehenden Feudalzustände des Landvolkes, die ßannrechte, Frohnden 
u s. w. im Allgemeinen in einem gar zu rosenrothen Lichte, und bethätigt namentlich in 
der Beuriheilung dieser Verhältnisse (f. IV, p. 60 sq.) ihren oben (S. 89 Anmerk. '5) ge- 
rügten Mangel an Unbefangenheit. 



95 

wie in Spanien, sich dazu verstanden, die Fröhner und deren Thiere, so 
lange sie solche benützten, zu verköstigen, so herrschte doch 1 ) im weit- 
aus grössten Theile Frankreichs die entgegengesetzte Uebung; die Frohn- 
ptiichtigen mussten nicht allein sich und ihre Vierfiissler ernähren, son- 
dern auch mit den erforderlichen Gerätschaften sich selbst versehen. 

Unter den dinglichen Lasten des Erbpächters stand der Grund- 
zins (terrae census) oben an. Er bildete 2 ) das eigentliche Pachtgeld, 
und wurde, wegen der im Mittelalter so häufigen Schwankungen des 
Werthes der Münzen, weit seltener in diesen, als in Bodenerzeugnissen 
und Vieh entrichtet. Der Champart (Campi pars), wie diese Abgabe ge- 
wöhnlich hiess, wenn sie in Früchten entrichtet wurde, bestand, wie 
schon bei den Leibeigenen der karolingischen Periode, zumeist in der 
vollen Hälfte des Ertrages, woher auch die usuelle Benennung Halb ler 
(Medietarius 3 ), woraus später das französische Metayer entstand) für 
Pächter rührt. Dieser hatte, wenn der Champart weniger als die Hälfte 
betrug, gewöhnlich noch eine Zubusse an Pferdefüllen, Frischlingen, 
Schafen und dergleichen zu leisten. Die bedeutendsten und beschwerlich- 
sten dinglichen Lasten, welchen die Grundherren gleich bei Verleihung 
des betreffenden Gutes 4 ) ihre Erbpächter ferner zu unterwerfen pflegten, 
bestanden in den Zwangs- und Bannrechten (Bannalites), die, in der 
karolingischen Zeit noch unbekannt, in der Feudalperiode in allen Thei- 
len Frankreichs als ganz gewöhnliche Gerechtsame aller Seigneurs, selbst 
der kleinsten, erscheinen 5 ). Da war zuvörderst der Mühlenbann, 
nämlich die den Grundsassen auferlegte Verpflichtung, ihr Getreide nur 
auf der dem Gutsherrn gehörigen, oder von ihm, dem dazu Alleinberech- 
tigten, concessionirten Mühle, mochte diese von ihrer Wohnung auch 
noch so weit entfernt sein 6 ), mahlen zu lassen, woraus selbstverständlich 
folgt, dass sie das auch nicht zu Hause selbst thun durften. Dieselbe 
Bewandtniss hatte es mit den Bannöfen'), Bannkeltern, Bannschir- 



1 ) Ordonnances T. XVIII Pref. p V. Henr. de Pansey I, 485 sq. Loysel II, 255. 

2 ) Bibliotheque de l'Ecole des Chartes Ser. IV T. IV (1858) p. 439. 

3 ) Du Lange weist s. h. v. das öftere Vorkommen dieser Benennung schon in Urkun- 
den aus dem Anfange des elften Jahrhunderts nach. 

4 ) Henr. de Pansey, Diss. feodal. 1, 175. 

5 ) Schaffner, Gesch. d. Rechtsverfassung Frankreichs III, 340. 

6 ) Im Anfange des elften Jahrhunderts beklagte sich Bischof Fulbert von Chartres bei 
dem Herzoge der Normandie darüber, dass die Grundholden eines seiner Dörfer genöthigt 
würden, ihr Getreide auf einer fünf Meilen von ihrem Wohnorte entfernten Mühle mah- 
len zu lassen. Le Grand d'Aussy, Hist. de la vie priree des Francis T. I, p. 70 (Paris 
1782. 3yo1s.). 

7 ) Die Abtei Saint-Riquier besass schon im neunten Jahrhundert zwölf Baunöfen, 



96 

nen, Bannschenken, Bannschmieden. Auch der Bannwein, nämlich 
die dem Seigneur während einer bestimmten Zeit, gewöhnlich während ei- 
nes Monats oder sechs Wochen, ausschliesslich reservirte Befugniss, Wein 
zu verzapfen 1 ), gehört hierher; eben so das Grutrecht (Droit de Grute), 
welches die brauenden Pächter verpflichtete, ihr Malz nur vom Gutsherrn 
zu kaufen. Vieler Orten gab es auch Bannstiere, Banneber 2 ) und 
sogar Bann fische 3 ), letztere in dem Privilegium des Herrn bestehend, 
dass gewisse, und zumal die feineren Fischsorten nur für ihn gefangen 
werden durften. Um der Uebertretung dieser Zwangsrechte, die gewöhn- 
lich mit Gonfiscation oder Pfändung geahndet ward, um so leichter steu- 
ern zu können, pflegten die Seigneurs nicht selten das Recht der Ver- 
folgung der Straffälligen auch auf fremdes Gebiet durch förmliche Ver- 
träge sich gegenseitig zuzusichern. 

Die bedeutendsten und drückendsten waren aber die lehnrechtli- 
chen Leistungen und Pflichten der Erbpächter. Oben an unter diesen 
stand ihre Verbindlichkeit zum Kriegsdienste 4 ), zugleich der spre- 
chendste Beweis, dass das Verhältniss zu ihrem Grundherrn wesentlich 
als ein feudales galt, dass sie, wie wiederholt bemerkt worden, als Glie- 
der, wenn schon als die untersten, des grossen Lehnstaates betrachtet 
wurden. Wie nämlich die Vasallen der Krone dem Könige, wie jeder 
Lehnsträger seinem Lehnsherrn vor Allem zum Waffendienste verpflich- 
tet war, so ist auch der hörige Hintersasse seinem Grundherrn dazu ver- 
bunden gewesen. Schon in den ältesten uns überkommenen Gewohnheits- 



Le Grand d'Aussy a. a. 0. I, 69. Es dürfte das wol die früheste bekannt gewordene Er- 
wähnung derselben sein. 

1 ) Le Grand d'Aussy T. II, p. 354: Le droit de vendre ä pot etant, ainsi que celui de 
tenir taverne, un des plus lucralifs, surtout lorsqu'on le possedait exclusiyement, ce fut 
un de ceux dont les Seigneurs deyinrent le plus jaloux. Ils s'en emparerent en une infi- 
nite d'endroits. Cependant les Vassaux ne furent pas totalement depouilles du leur. Mais 
le Seigneur commengait par publier son ban; c'est-ä-dire, qu'il faisait annoncer sa vente 
par un Crieur public; ensuite ü la tenait ouverte exclusivement, et seul, pendant quelque 
tems; et ce n'etait qu'apres ce tems ecoule que les autres pouvaient ouvrir la leur. Eucore 
fallait-il son aveu. Tel est le droit qu'on appella droit de ban-vin. 

2 ) On devoit aussi en beaucouj) de lieux se servir de ses tanreaux (nämlich du 

seigneur) et de ses yerrats pour la reproduction des animaux de la meme espece. Les 
seigneurs pretendoient meme qu'en yertu de ce droit eux seuls pouvoient avoir un taureau 
dans l'etendue de leur seigneurie. Une somme determinee etoit prise par eux ou par leurs 
fermiers, pour chaque yache amenee ä Tanimal, ä ce qu'on appeloit le taureau banier. 
Pastoret: Ordonnances T. XVIII, Preface p. XXIII. 

3 ) Franci Pisces genannt. So z. B.: Dom. Abbatissa (Monast. SS. Trinit Cadomens.) 
debefc habere salmones et turgones et alosas et lampreas et porpedes et omnes Francos 
Pisces. Du Cange ; Glossar. T. 111, p. 393 Ed. Henschel. 

4 ) Perreciot, de l'etat civil des personnes I, 121. 



97 

rechten 1 ) herrscht sowol bezüglich der Fälle, in welchen, und der Zeit, 
während welcher der fragliche kriegerische Zuzug zu leisten Avar, wie 
auch hinsichtlich desjenigen, von dem die Verpflegung und Verköstigung 
dieser Lehnmiliz, des Fussvolkes der ersten Hälfte der Feudalperiode, zu 
bestreiten war, grosse und im Laufe der Jahre noch wachsende Ver- 
schiedenheit. Hieraus folgt klärlich, dass diese Verpflichtung, sowie di'e 
damit zusammenhängende zu Wachtdiensten in der Herrnburg, oder 
in bestimmten Haupt- und Gränzorten, zwar eine allgemein anerkannte 
und geltende, ihr Umfang aber das Ergebniss specieller Bedürfnisse und 
ganz specieller Uebereinkünfte gewesen. Wie lästig sie dem Landmanne 
nun auch fiel, so erspriesslich ist sie ihm anderer Seits doch auch ge- 
worden. Denn dadurch dass er die, seitdem er zum Leibeigenen herab- 
gesunken ihm entzogen gewesene, so lange als ausschliessliches Recht 
des freien Mannes betrachtete Befugniss, Waffen zu führen gleich- 
sam zurückempfing, ward er in einer Zeit, wo diese Berechtigung noch 
immer so hoch gehalten wurde, wo diese Berechtigung die staatliche wie 
gesellschaftliche Geltung des Menschen so wesentlich bestimmte, auch 
höher gestellt in der Meinung seines Gutsherrn Avie in seiner eigenen. 
Zwar durfte er das Schwert hur im Dienste und zum Vortheile eines 
Andern führen, auch nicht zu Ross, wie die Edlen, sondern stets nur zu 
Fuss fechten 2 ), aber er durfte doch an der Ehre des Kampfes theil- 
nehinen, und dies Bewusstsein rückte ihn dem Ritter näher, füllte einen 
nicht unerheblichen Theil der Kluft aus, die zwischen ihm und letzterem 
gähnte. 

Ferner war der Hintersasse seinem Grundherrn in denselben vier 
Fällen zu einer ausserordentlichen Geldhülfe verpflichtet, in welchen der 
Vasall jedes Standes und Ranges sie gewöhnlich seinem Lehnsherrn 
schuldete. Nämlich wenn dieser aus Kriegsgefangenschaft loszukaufen 
war, wenn er nach dem heiligen Lande pilgerte, wenn sein ältester Sohn 



x ) So bestimmten z. B. die Consuetudines Monasterii Regulae (La Reole in Aquitanien) 
vom J. 977, das älteste uns überlieferte Gewohnheits- und zugleich auch das älteste fran- 
zösische Dorfrecht, dass die homines de Taurignac et homines de S. Michaele et de Guar- 
zac, si forte prior propriam gnerram habuerit, debent venire in ejus auxilium pro feodis 
quae tenent iutr et villam; ferner, dass si prior proprium bellum habuerit, pro exheredatione 
terrae, medietalem expensarum facient Burgenses (die Dorfbewohner), aliam medietatem 
prior. Giraud, Essai sur l'Hist. du Droit frangais au moyen äge T. II, p. 516 — 517 (Paris 
1846. 2 TT.). Während die ebendas. T. I, Pieces justif. p. 19 sq. abgedruckten, die längst 
bestehenden bestätigenden, Goutumes de Bigorre v. J. 1097 verordneten: Censuales rustici 
vel liberi non in expeditione comitem sequantur, nisi forte exercitus extraneus in terram 
insurrexerit, vel suum obsessum castrum excutere voluerit, aut ad nominatum bellum 
abierit. 

2 ) Ant. Loysel, Institutes coutumieres T. I, p. 65 sq. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d Leibeig. 7 



98 

den Ritterschlag empfing und seine älteste Tochter verheirathet wurde 
und oft auch, wenn einer der beiden letzteren Fälle hinsichtlich seiner 
sämmtlichen Kinder eintrat. Bezüglich der Grundholden fand jedoch 
der bedeutsame Unterschied statt, dass der Betrag solch' ausserordent- 
licher Steuern ganz vom Belieben des Seigneurs abhing, von ihm will- 
kührlich bestimmt werden konnte; war dieser geistlichen Standes, so 
pflegte er, zum Ersatz der beiden bei ihm nicht möglichen Fälle, die 
fragliche Taille (ä volonte, auch ä plaisir, ä merci, ä misericorde ge- 
nannt) zum Dienste des Pabstes, des Königs oder seines sonstigen Ober- 
lehnsherrn, mitunter wol auch bei Landankäufen zu erheben. Weiter 
waren die Hintersassen der geistlichen und weltlichen Grundherren ge- 
halten, diesen, ihrer Familie, ihrem Gefolge, ihren Beamten und Dienern 
auf Durchreisen, oder, was schon eine erhebliche Erleichterung war, 
nur für eine bestimmte Anzahl von Tagen und Personen 1 ) Herberge, 
Speise und Trank, wie auch Futter für die Pferde unentgeltlich zu 
liefern; eine Verbindlichkeit, die freilich auch den kirchlichen Genossen- 
schaften, selbst den angesehensten Erzbischöfen und Bischöfen des Rei- 
ches, den Königen oder ihren sonstigen Lehnsherrn gegenüber oblag. Da 
nach dem herrschenden Gebrauche selbst die vornehmsten Prälaten solche 
verzehrende Besuche der Letzteren sich gefallen lassen mussten, so oft es 
denselben beliebte 2 ), und die Einschränkung dieser Herbergs- und Ver- 
köstigungspflicht auf ein Mal im Jahre nur mittelst bedeutender Opfer 
erlangen konnten, wird unschwer zu ermessen sein, in welchem Umfange 
sie erst von den Seigneurs 3 ) "ihren Grundholden gegenüber ausgebeutet 
worden sein mag. Zu den häufigsten und drückendsten Erweiterungen 
derselben gehörte, dass letzteren auch die Fütterung der gutsherrlichen 
Pferde und Jagdhunde auf längere oder kürzere Zeit aufgebürdet ward, 
so wie das sogenannte Droit de Prise, nämlich die ihnen auferlegte Ver- 
bindlichkeit zur Ueberlassung auch sonst requirirter Lebensmittel und 



*) So setzte z. B. ein ums Jahr 1027 zwischen der Abtei Homblieres und deren 
Grundsassen zu Latois vereinbarter Vertrag fest, dass letztere Abbatem aut quempiam quem 
miserit vice sui cum duodecim hominibus ter in anno pascant. Coliiette, Memoires p. 
serv. a FHist. de Vermandois 1, 682. 

2 ) Vergl. des Verfassers Staatsleben des Klerus im Mittelalter Bd. I, S. 356 f. (Ber- 
lin 1839). 

3 ) Die grösseren derselben, und zumal die Kronvasallen bewilligten indessen, wegen 
der Menge der Bauerngüter und sonstigen Lokalitäten, in welchen sie dies Recht besassen 
(pour profiter de tous, le seigneur aurait voyage toute Fannee) gerne dessen Ablösung- 
mittelst einer feststehenden Geldabgabe selon la richesse de ceux qui en etaient greves. 
So waren z. B. auf den Domainen der Grafen von Champagne schon im dreizehnten Jahr- 
hundert die meisten Gites abonnes, c'est-ä-dire payants. Bibliotheque de FEcole des Chartes 
Ser. IV, T. IV, p. 441—42. 



99 



Hausraths, wie namentlich von Wein, Getreide, Vieh, Betten, Tischen, 
Wagen u. s.w. zu den vom Seigneur dafür bestimmten Preisen, und die 
damit ferner verknüpfte, von diesem keine haare Zahlung zu verlangen, 
sondern sie ihm, gewöhnlich auf 14, 30 oder 40 Tage 1 ), mitunter wol 
auch auf unbestimmte Zeit, d. h. thatsächlich für immer zu creditiren. 

Es musste darum von den armen Unterthanen schon als besondere 
Vergünstigung betrachtet werden, Avenn ihr gnädiger Herr sich die Ein- 
schränkung dieses Bankerottrechtes auf eine bestimmte Summe gefallen 
Hess 2 ), und als noch viel grössere und deshalb auch nur selten gewährte, 
wenn er sich zu der Zusicherung bequemte 3 ), dass sie ihm Neues nicht 
eher zu borgen gehalten sein sollten, bis er das Früherempfangene be- 
zahlt hätte. 

Der feudalen Natur der Bauerngüter entfloss ferner das ausschliess- 
liche und unbeschränkte Jagdrecht, welches den Seigneurs auf densel- 
ben zustand, indem diese gleich vornherein bei Verleihung jener es sich 
ausdrücklich vorzubehalten pflegten, schon deshalb, weil sie das adelige, 
das «wollüstige» Vergnügen der Jagd am wenigsten der untersten Volks- 
klasse gönnten, mit ihr theilen wollten. Wie allenthalben ist dieses Pri- 
vilegium der Aristokratie auch im feudalen Frankreich nur zu bald zu ei- 
ner der furchtbarsten Plagen des Landmannes erwachsen, wegen der 
gräulichen Verwüstungen, welche seine Felder sowol von den Jägern 
wie von dem in den Gehegen (garennes) 4 ) derselben massenhaft unter- 



!) Ordonnances T. XVIII. Pref. p. XTV. 

2 ) Wie z. B. ein Graf von Poix dans la Charte qn'il accorde d ses Sujets diesen die 
Zusicherung ertheilte, dass es ihm nur einmal in seinem Leben gestattet sein sollte, 
von jedem derselben d'acheter, sans payer ni donner ernenn (jage, quelque effet qui 
u'excederait pas la valeur de cinq sous (für jene Zeil eine gar nicht unbedeutende Summe). 
Mably, Observations sur l'Histoire de France T X, p. i83 (der neuen von Guizot durch- 
gesehenen Ausgabe. Paris 4823. 3 vols.). 

3 ) ürk. des Grafen Stephan Ton Blois und Charlres circa a. 4100: Guerard Cartulaire 
de l'Eglise Notre-Dame de Paris T. I. (Bd. IV der Cartulaires de France,. 4850), p. 
289 : — iu villa quae Tocatur Rosetum — consuetudinis erat — quod si aliquotiens vo- 
luisset in villa comedere, quod necessarium esset sumptui sibi credebatur; si precium 
crediti solveretur, iterum credebatur; sin autem, uon amplius quiequam, donec redderet, 
credebatur . . . Haec patris mei fuerunt ex cousuetudine. — Yergl. noch du Cange, Glossar. 
y. Credentia. 

4 ) Les garenues sout une sorte de parc destine ä reufermer du lapin. Mais, comme 
cette espece de gibier est tres-feconde , et que sa yente produit un bon reyenu, Favidite 
des Seigneurs mulliplia tout-ä-coup ou agrandit tellement les garennes en France, que 
souvent les campagnes voisines se trouverent devorees, ou meme entierement delaissees 
saus eulture. On peut juger quels etaient les degäts qu 'occasionnaieut ces etabiissements 
tyrannniques, par le traite qu'en 4326 les habitans du village de Deuil firent avec Bouchard 
de Montmorenci, leur Seigneur. Ils s'engagerent, pour obtenir la destruetion de sa gu- 
renne, d hä payer dix Sons parisis par chaque arpent de vignes ou de terre. Le Grand 
d'Aussy a. a. 0. T. I/p. 316. 



100 

haltenen Wilde, dessen Abwehr bei den strengsten und nicht selten 
grausamsten Strafen verboten war, nur zu oft zu erdulden hatten. Schon 
frühzeitig finden sich Beispiele ! ), dass Grundherrn, um eine deshalb 
drohende massenhafte Flucht ihrer Hintersassen zu verhüten, genöthigt 
waren, eine Ablösung ihres Jagdrechtes sowie die Beschränkung der 
Bewohner ihrer Gehege auf die minder schädlichen Gattungen des Wildes 
zuzulassen. Ausfluss der alleinigen Jagdbefugniss der Seigneurs waren 
die Jagdfrohnden ihrer Hintersassen, die überall äusserst drückend, 
nicht selten eigenthümlich genug 2 ), und mitunter selbst so barbarischer 
Art waren d ), dass man die Wahrheit der betreffenden Angaben gerne 
bezweifeln möchte, wenn sie nicht mehrseitig bestätigt würden. 

Von der feudalen Natur der Bauerngüter rührten ferner auch die 
Gebühren her, die bei Besitzveränderungen derselben an den 
Seigneur zu entrichten waren. Der Erbpächter konnte sein Zinsgut näm- 
lich verkaufen oder sonst veräussern, jedoch stets nur mit Genehmigung 
des Grundherrn, der sie natürlich nicht umsonst ertheilte, und sich dafür 
gewöhnlich den zwölften Theil des Kaufpreises, vom Erwerber für die 
Investitur, zahlen Hess. Dieser Steuer waren im feudalen Frankreich 



*) Urk.Raouls toü Mauleon y. J. 1 199 : Bibliotheque de FEcole des Chartes, Ser. IV, 
T. IV, p. 370: — dedi yenationem meam, dammas scilicet de Re (der Insel Re) eo vide- 
licet quod terra periclitaretur earum infestatione. Tanta quidem erat earum persecutio, 
ut homines conspirarent fugere de insula, et insalam dimittere desertam; inde siquidem 
quia neque de agris poterant segetes colligere, neque de yineis yindemiam. Horum 
gratia Alfonsus abbas de Re — una cum omniterre populo — nie petierunt, quatinus terre 
susciperem redemptionem — ita ut, de singulis vinearum quarteriis unus quisque decem 

solidos preberet, et de singulis terre sextariis eque X. Ad quorum petitionem 

assensum prebui et integram terre et populo libertatem dedi, ne de cetero talia silvestria 
preter cuniculos et lepores in insula habeantur, per que terra a sua ubertate yaleat deperire. 

2 ) Louandre, Hist. d'Abbeville et de son arrondissement p. 222 (daselbst 1834): — 
Les comtes de Ponthieu ayaient assujetti les paysans de leurs domaines ä contribuer ä 
une grande chasse aux canards sauyages et autres oiseaux aquatiques. Cette chasse avait 
lieu tous les ans sur les etangs du pays, au mois de juillet, lorsque ces oiseaux ont des 
jeunes, et que par l'effet de la mue, ils prennent difficilement leur vol. Les paysans, 
nus et ranges sur une meme ligne, entraient dans l'eau, la frappaient avec des batons, 
forgaieut le gibier de mir, et s'avaugant toujours ä travers lesroseaux, le poussaient jusque 
dans les filets que Ton ayaittendus de distance en distance. Quand la chasse etait achevee, 
on portait les oiseaux ä Abbeyüle; le comte en faisait des liberalites, et la journee finis- 
sait par une fete generale. Cet usage subsistait encore au dixseptieme siegele. 

3 ) Rougebief, Hist. de la Franche-Comte p. 274 (Paris 1851): mais parmi ces manoirs 
feodaux il en est un donfle nom a conserye une celebrite lugubre: c'est le chateau de 
Maiche. De nos jours encore, le paysan des montagnes ne passe pas deyant les ruines de 
ce manoir sans leur laisser un mot de colere : il se rappeile que quand les seigneurs de 
Maiche etaient ä la chasse en hber, ils avaient le droit de faire eventrer deux de leurs 
serfs pour se rechauffer les pieds dans leurs entrailles fumantes! On refuserait d'ad- 
mettre un fait aussi monstrueux, si un proces celebre n'ayait leye tous les doutes ä cet 
egard. — Vergl. noch Bonnemere 11,261. 



101 



Alle unterworfen, die ein Lehn erkauften, und zwar waltete hier der 
bemerkenswerthe Unterschied ob, dass von adeligen Lehnbesitzungen 
eine höhere Gebühr, in der Regel der fünfte Theil des Veräusserungs- 
preises (woher die, schon in Urkunden des elften Jahrhunderts vorkom- 
mende 1 ), Benennung Quint) entrichtet werden musste, als von nicht- 
adeligen, von grundzinspflichtigen Gütern. Wer auch immer letztere er- 
warb, war zur Bezahlung des Laudemiums (wie diese Abgabe von der 
Zustimmung, Laudatio, des Herrn hiess, und, da sie vornehmlich beim 
Verkaufe vorkam, lods et ventes in der französischen Lehnssprache) ver- 
pflichtet, sogar der König, wenn er eine derartige Liegenschaft an sich 
brachte 2 ). 

Verhasster aber als all' diese Pflichten und Lasten waren dem Land- 
manne einige andere Obliegenheiten, Avelchen er von seinem Grundherrn 
unterworfen wurde. Da war zuvörderst das bereits oben (S. 29) er- 
wähnte sogenannte Besthaupt (auch Todfall geheissen, Avie überhaupt 
mit den verschiedensten, nach Land und Ort wechselnden Benennungen 
belegt), die Verpflichtung nämlich, das beste Stück Vieh oder den son- 
stigen wertvollsten Gegenstand aus dem beweglichen Nachlasse eines 
männlichen Hintersassen, und das beste Kleidungsstück aus dem einer 
weiblichen Hörigen dem Seigneur auszuantworten; eine nicht in Frank- 
reich allein, sondern, wie schon oben berührt, fast in allen europäischen 
Ländern den Bauern weiland aufgebürdete Verbindlichkeit. Ueber ihren 
Ursprung sind lange die abgeschmacktesten Fabeln vorgebracht worden 3 ). 
Die Wahrheit ist, dass diese Abgabe, wie verhasst sie auch immer war 5 ), 



x ) Henrion de Pansey, Dissert. feodal. I ; 619. 

2 ) Ainsi Charles VI paya, en 1388, ä L'ereque de Paris les veutes pour la maison 
dite de la Hargue, achetee 12,000 francs parlui, de la reine de Jerusalem et de Sicile, et 
situee ä Paris pres de la porte Saint-Honore, dans la censive dudit eveque. Le droit de 
lods et ventes etait de 1000 francs, mais l'eveque le reduisit ä 500 francs, et le Roi le 
paya. Guerard, Cartul. de Saint-Pere de Charlres 1, Proleg. p. CLX. 

3 ) So noch von ganz bedeutenden Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts, welche 
Bodmann, histor. -Jurist. Abhandlung von d. Resthaupte S. 4 (Mainz 1794) verzeichnet, 
die Mähre , dass sie von dem im Mittelalter angeblich herrschenden Gebrauche stamme, 
nach dem Hintritte eines aller Fahrniss entbehrenden Leibeignen, diesem die rechte 
Hand abzuhauen und sie seinem Herrn zu überreichen, en signe que le Seigneur n'en 
auroit plus aucun service, wie, sonderbar genug, selbst der gelehrte Benediktiner Grappin 
in seiner oben (S. 94) angeführten Preisschrift S. 49 mit dem Zusätze meint, das 
sei eine coutume dejä ancienne au XII. siecle gewesen, ohne jedoch dafür den geringsten 
Beweis beizubringen. 

4 ) Urk. des Abtes Stephan von Tournus v. J. 1202: Chifflet, Hist. de l'Abbaye et de 
la ville de" Tournus Preuv. p. 456 (üijon 1664, 4.): consuetudinem illam quae mortua ma- 
nus dicebatur et odiosa, dura nimis et importabilis erat, sed et infamis et peregrina 
videbatur. 



102 



die Milderung eines altern und noch weit drückendem Rechtes der 
Seigneurs in sich sehloss und diesem auch entstammte 1 ). Ursprünglich 
und grundgesetzlich war den Hörigen sowol wie den Leibeigenen näm- 
lich die Befugniss entzogen, über ihren Nachlass jeglicher Art letztwillig 
zu verfügen und darum 2 ) hiess ihre Hand eine todte, weil sie schon 
bei Lebzeiten rechtlich todt war, der Fähigkeit entbehrte, das Geringste 
ihrer Hinterlassenschaft auch nur den eigenen Kindern zu überweisen; 
denn der Herr war der einzige gesetzliche Erbe des Hörigen sowol wie 
des Leibeigenen; ihm gehörte Alles, was dieser hinterliess. Daher auch 
der Collectiv-Name: Mainmortables für die verschiedensten Arten der 
Unfreien. Nicht sowol Menschlichkeit, als die baldgemachte Erfahrung 3 ), 
dass die hierdurch bedeutend geminderte Erwerbslust der Leibeigenen 
ihnen selbst zum Nachtheil gereiche, mag einsichtige Seigneurs veranlasst 
haben, auf dies grausame Recht erst zum Vortheile der Kinder, und spä- 
ter auch zu dem der andern nächsten Verwandten zu verzichten, und 
sich nur die erwähnten besten Stücke des Nachlasses ihrer Leibeige- 
nen oder Hörigen, als Preis der für den Rest des Nachlasses zugegebe- 
nen Umwandlung der todten in eine lebende, d. h. dispositionsfähige 
Hand, vorzubehalten und ihr Beispiel, zumeist wol aus demselben Grunde, 
immer mehr Nachahmung gefunden haben. Aber trotz dieser Milderung, 
die sie sonach gewährte, gehörte die Abgabe «der todten Hand», wie 
gesagt, doch zu den verhasstesten, und zwar vornehmlich deshalb, weil 
sie' gerade in einem Augenblick gefordert wurde, wo die Hülfsbedürftig- 
keit der ihres Ernährers beraubten Hinterbliebenen gewöhnlich am gröss- 



*) Wie schon Perreciot, de Tetat des personnes T. II, p. 108 sq. urkundlich darge- 
than hat (Je droit de meilleur catel n'etoit que le droit de rachat de la raain-morte). 

2 ) Urk. des Grafen Karl von Valois y. J. 1311: Ordonnances T. XII, p. 387: Comme 
creature humaine qui est formee ä l'image de Nostre seigoeur, doie generalement estre 
franche par droit naturel, et en aucuns pays cette naturelle liberte ou franchise par le 
jou de servitude qui taut est haineuse, soit si effaciee et obscurcie, que les hommes qui 
habitent ez lieux et pays dessusditz en leur vivant sont reputes ainsi comme morts, et 
ä la fin de leur douloureuse et chetive vie sie estroitement lies et demenes, que des 
Mens que Diex leur a preste en cest siecle, et que ils ont acquis par leur propre labours 
et accreus et gardes par leur pourvance, ils ne peuvent en leur derniere volonte dis- 
poser ne ordener, ne accroistre en leurs propres fils, filles et leurs autres prochains. 
— Vergl. noch die in den Memoires et Documents inedits p. serY. a FHist. de la Franche- 
Comte I, 486 sq. abgedruckte Urk. y. J. 1343, Perreciot, de Tetat des personnes I, 399 sq. 
und Henrion de Pansey II, 158. 175. 

3 ) Ausgesprochen in einer Urkunde Erzbischofs Hugo Ton Besangon y. J. 1347 bei 
Perreciot II, 428: Item cils de morte-main negligent de travailler, en disant quils tra- 
vaillent pour autruy, et pour ceste cause ils gastent le lour, et ne lour chaut que lour 
demouroit; et se ils estoient certains que demoitroient d lours prochains, ils travail- 
leroient et acquerroient de grant euer. 



103 

ten war, und weil die dem Seigneur zustehende Auswahl des «besten 
Stücks » der Willkühr desselben einen weiten Spielraum gestattete. 

Am peinlichsten und darum auch am verhasstesten war den Hörigen 
indessen die ihnen aufgebürdete Verpflichtung, zu ihren Heirathen des 
Grundherrn Erlaubniss einzuholen, und das diesem zustehende Recht, 
sie zu verweigern, wenn die erkorne Braut nicht ebenfalls seine Hörige 
war. Nicht als ob diesem argen Zwange der Bauer allein unterworfen 
gewesen wäre, denn auch der adelige Vasall war es, wenn schon nicht 
in der Ausdehnung, indem er nur mit seines Lehnsherrn Genehmigung, 
die derselbe sich mitunter theuer genug bezahlen Hess, sich verehelichen 
durfte, sondern weil sothane grundherrliche Befugniss (Foris maritagium 
im Latein des Mittelalters genannt, im Französischen Formariage) eben 
dem Landmanne gegenüber am rücksichtslosesten, am schnödesten miss- 
braucht wurde. Denn es ist leider! nur zu gewiss, dass das berüchtigte 
Recht der ersten Nacht der Gewohnheit vieler Seigneurs ') seinen 
Ursprung verdankt, nur um den schändlichen Preis, den es bezeichnete, 
ihren heirathslustigen Grundholden die fragliche Erlaubniss zu ertheilen. 

Gleich hier mag, um auf den schmutzigen Gegenstand nicht noch 
Öfters zurück kommen zu müssen, bemerkt werden, dass wenn Frank- 
reich auch nicht dasjenige europäische Land ist, welches jenen empören- 
den Missbrauch zuerst aufgebracht hat — (denn damit hat sich Schott- 
land besudelt; einer der ältesten seiner Könige Namens Ewen 2 ) erlaubte 
nämlich sich und seinen Grossen, nicht nur die Töchter des Landmannes, 
sondern selbst die des Adels dieser Schmach zu unterwerfen, deren Ab- 
lösung mittelst einer bedeutenden Geldsteuer erst gegen Ende des elften 
Jahrhunderts König Malcolm III, auf dringende Bitten seiner Gemahlin, 
gestattete) 3 ) — , es, nächst Catalonien''), doch den Theil der Christen- 
heit bildet, woselbst die Ausübung der fraglichen Befugniss sowol an 
Haut und Haar, wie deren nachmals bewilligter Loskauf am längsten 
gang und gäbe gewesen. In manchen Theilen Galliens, wie z. B. in 
Guienne und Bearn war der Neuvermählte noch im vierzehnten Jahr- 
hundert verpflichtet, die Neuvermählte dem Seigneur zu dem Behule 
sogar persönlich zuzuführen; in Bearn waren darum auch alle erstge- 



1 ) Or celui qui pouvait dire: Cet homme est ä raoi, j'ai sur lui droit de yie et de mort 
cette femme est ä moi ; les enfauts qu'elle met au moiule sont rna chose, pouvait bien; 
ajouter: Je puis lever sur eile le tribut du plaisir et feconder le sein dout le fruit rn'ap- 
partient. L'Investigateur, Journal de llnstitut historique 1846, üctob. p. 382. 

2 ) Schottland hatte mehrere Könige dieses Namens, die aber sämmtlich im siebenten 
und achten Jahrhundert regierten. 

3 ) Lauriere, Glossaire I, 307. II, 99. Du fange, v. Marcheia. 

4 ) Vergl. oben S. 35. 



104 

bornen Kinder der Bauern gesetzlich freien Standes, weil sie die 
Präsumtion für sich hatten, dass adeliges Blut in ihren Adern. rolle 1 )! In 
Gascogne und noch in einigen anderen französichen Provinzen mussten die 
Bäuerinnen, oder deren künftige Ehemänner, die altherkömmliche Ablö- 
sungssteuer dieses Herrnrechts noch bis ins sechzehnte und in der Au- 
vergne sogar noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts 
ihren Seigneurs allgemein entrichten 2 ). Das Schmählichste war jedoch, 
dass Niemand auf dies abscheuliche Recht, selbst in seiner ursprüng- 
lichen rohen Form, erpichter geAvesen ist, als die Klerisei; einer der 
berühmtesten französischen Juristen des sechzehnten Jahrhunderts") 
erzählt, dass noch in seiner Gegenwart vor dem erzbischöflichen Of- 
ficialat zu Bourges die bezügliche Appellationsklage eines Curat- Geist- 
lichen verhandelt worden. Am hartnäckigsten haben die Bischöfe von 
Amiens ihr unsittliches Eintreibungsrecht diesfälliger Ablösungsgelder 
behauptet, selbst die gemessensten Verbote der Könige Philipp VI 
(133 6) und Karl VI (1388) konnten sie nicht vermögen, dem alten Un- 
fuge zu entsagen, dass jedes neuvermählte Paar ihrer Stadt und Diöcese 
die Erlaubniss zur ehelichen Beiwohnung in den drei ersten Nächten ; ') 
nach der Trauung von ihnen mittelst einer bedeutenden Abgabe erkaufen 
musste. Und eben so fruchtlos mühete sich längere Zeit das um Inter- 
vention gebetene Parlament 5 ) ab, die genannten Prälaten zur Verzicht- 
leistung auf diese Forderung zu bewegen; ja es ist sogar sehr wahr- 



x ) Bonnemere, Hist. des Paysans I, 58 sq. II, 65. 

2 ) Lauriere a. a. 0. Flechier, Memoires sur les Grands-Jours d'Auvergne en 1665 
p. 157 (Paris 1856). 

3 ) Nicolaus Boyer, bekannter unter dem Namen Boerius, Präsident des Senats der 
Stadt Bordeaux, einer der ersten Herausgeber und Ausleger der Novellen, starb im J. 1539 
(Stepf, Gallerie aller juridisch. Autoren I, 224. Leipzig 1820. 4 Bde.), bei Lauriere II, 
p. 100: Et ego vidi in curia Bituricensi coram metropolitano, processum appelationis, 
in quo rector, seil curatus Parochialis, pretendebat ex consuetudine primam habere 
carnalem sponse cognitionem, que consuetudo fuit anuullata, et in emendam condem- 
natus. 

4 ) Ce qui a fait dire ä Montesquieu, que ce choix etait bon, parce que les epoux 
n'auraient pas ete disposes ä payer pour les nuits suivantes. Louandre, Hist. d'Abbeville 
p. 223. 

5 ) Aus einem üecrete desselben yom 11. Merz 1401 bei Du Cange, Glossar. IV, 282 
Ed. Henschel lernt man die für jene Zeit bedeutenden Summen kennen, welche die in 
Piede stellenden Kirchenfürsten für die fragliche Erlaubniss zu erheben pflegten. Quam- 
vis, heisst es nämlich in der beregten ParlamentsTerordnung, de jure communi yiris de- 
sponsatis cum suis uxoribus libere cubare prima nocte sui conjugii concedatur, dictus ta- 
rnen episcopus (Ambianensis) per se, aut suos officiarios, ipsos componit et componere sa- 
tagit, quosdam ad decem, alias ad duodecim, nonnullos ad viginti vel triginta francos, 
prius quam ipsis decubando prima nocte cum suis de novo uxoribus licentiam impertiri 
yelit, aut aliter ipsos eompellendo a suis uxoribus per Ires noct.es abstinere. 



105 

scheinlich '), dass die Bischöfe von Amiens, als sie den (1393 — 1409) 
wiederholten Verfügungen des Parlaments noch länger geradezu Gehorsam 
zu versagen nicht rathsam erachteten, die fragliche Steuer unter einem pfiffig 
ausgesonnenen andern Titel noch eine Zeitlang forterhoben haben. Auch in 
anderen Städten (und um wie viel mehr auf dem platten Lande!) hat sol- 
cher oder verwandter Unfug sich lange erhalten; so z.B. in Macon, avo 
der Cantor der dortigen Hauplkirche das Recht besass, jede Trauung zu 
inhibiren, zu welcher nicht vorher ein besonderer Erlaubnissschein von 
ihm gelöst worden, welcher die ärgsten Erpressungen veranlassender 
Missbrauch erst im J. 1335 in eine feststehende Abgabe von sechs pa- 
riser Denaren für jede einzelne Permission umgewandelt wurde. Eben so 
wird auch von einem curiosen Examen berichtet, welches zu Yienne 
noch im vierzehnten Jahrhundert heirathslustige Jungfrauen vor dem Of- 
ficial des dortigen Metropolitankapitels zu bestehen hatten 2 ). 

Das sind die wesentlichsten, obwol noch lange nicht alle Lasten 
und Verpflichtungen, durch deren Uebernahme der französische Bauer 
seine Umwandlung aus einem ganz recht- und besitzlosen Leibeigenen 
in einen hörigen, an die Scholle gefesselten Erbpächter erkaufen musste. 
Nichts vermag wol das Loos der grossen Masse des Volkes im vorher- 
gegangenen Zustande der Haus-Sklaverei und absoluter Leibeigenschaft 
in seiner ganzen Schauderhaftigkeit sprechender zu veranschaulichen, 
als das Bild, welches aus vorstehender Charakteristik seiner Lage im 
Stadium dieser ersten Verbesserung derselben uns entgegentritt. Was 
muss das für ein Zustand geAvesen sein, gegen av eichen ein dermassen 
mit- Abgaben, Diensten und Verbindlichkeiten jeder Art überbürdetes, 
nach jeglicher Richtung hin eingeengtes Dasein als Verbesserung und 
als erhebliche Verbesserung sich darstellt! 

Es ist ganz merlavürdig zu betrachten, von Avelch' grossem, von 
Avelch' ungemein wohlthätigem Einflüsse schon diese erste Amelioration 
der Lage des Landvolkes auf Frankreichs Populations-Verhältnisse 



1 ) Wie selbst die Benediktiner anzudeuten nicht umhin können. Sie knüpfen näm- 
lich bei Du Gange a. a. 0. an das ; auch in der Gallia Christ. T. X, p. 1197 erwähnte, De- 
cret des pariser Parlaments y. 19. Merz 1409, durch welches der fragliche Missbrauch 
der Bischöfe von Amiens, wie sie erzählen, tandem penitus abrogatum fuit, die spitze Be- 
merkung: nisi forte id juris sibi arrogant Episcopus, quod Cuncil. Carthag. IV c. 13 spou- 
sus et sponsa, cum benedictionem acceperint, eadem nocte pro reverentia ipsius benedic- 
tionis in virginitate permanere jubeantur. Ita ut postmodum Episcopi, qui ea tempestate 
non tarn animarum curae, quam reditibus per fas et nefas ampliandis invigilabant, 
pro relaxatione hnjusce decreti pecunias extorserint. 

2 ) Libertat. Vienn. v. J. 1361 bei Du Cange IV, p. 282: Item puellae maritandae 
non teneantur coram officiali personaliter respondere, nisi probabiliter dubitetnr an 
sint viri potentes et nisi iu casibus a jure expressis. 



106 



und Bodenkultur sich erwies, noch ehe sie in allen Theilen desselben 
zur Ausführung gekommen. Wie oben (S. 85) berührt Avorden, war 
dieses Staates Bevölkerung in den letzten Decennien des neunten und im 
Beginne des zehnten Jahrhunderts so furchtbar zusammengeschrumpft, 
dass er, vornehmlich deshalb, der Einfälle der Normannen sich nicht zu 
erwehren vermochte, trotzdem doch die Heere dieser Seeräuber nicht 
eben allzu zahlreich waren. Und kaum zwei Jahrhunderte später sehen 
wir 1 ) die einzelnen Kronvasallen der Capetinger, einen Herzog von Bur- 
gund, Grafen von Toulouse, Vermandois u. s. w. Armeen ins Feld stel- 
len, zahlreicher als die, welche Ludwig der Fromme und Karl der Dicke, 
Monarchen, welche nicht nur ganz Gallien, sondern die meisten Reiche 
der damaligen Christenheit beherrschten, aufzubringen vermochten. Und 
noch sprechender zeugt von der ungemeinen Zunahme der Bevölkerung 
Frankreichs schon am Ausgange des elften Jahrhunderts die Thatsache, 
dass die bei weitem überwiegende Mehrheit der Theilnehmer der zwei 
ersten Kreuzzüge (1096 u. 1 1 4» 7 ) aus Franzosen bestand \ die grössten- 
teils ihre Heimath nicht wiedersahen, ohne dass letztere von dem Ver- 
luste dieser Hunderttausende besonders empfindlich betroffen worden 
wäre. Da die Gründung der Städte damals erst begann und auch die 
Einschränkung des, der Bevölkerung des platten Landes zumal so ver- 
derblichen alten gräulichen Fehde- und Raubunwesens mittelst der Got- 
tesfrieden, oder vielmehr der Waffenstillstände Gottes 3 ), noch 



1 ) Sismondi, Hist. des Francis III, 285. 

2 ) Die grosse Majorität der mehr als 600,000 Theiluehmer des ersten Kreuzzuges 
bestand aus Franzosen und de deux cent mille tiommes de Cavalerie et de gents de pied 
ä proportion ; qui composoient la seconde Croisade, la plupart etoient Frangois; et il y en 
mourut le plus grand nombre. (Rivet, Taillandier u. A.), Hist. literaire de la France T. VII, 
p. 4 und T. IX, p. 16. 

3 ) Denn der Gottesfriede (Pax Dei), dessen Einführung im südlichen Frankreich 
schon gegen Ende des zehnten Jahrhunderts (ums J. 996) von dem Bischöfe Guido von 
Le Puy und einigen anderen dortigen Prälaten versucht wurde (Sammarthan., Gallia Christ. 
T. II, Instr. p. 225), erwies sich als praktisch unausführbar, da die Fürsten und Herren, 
die sich mittelst desselben dazu verpflichtet, künftig aller Gewaltthaten gegen friedliche 
Menschen und zumal gegen die Kirche, sich zu enthalten, mehr versprochen hatten, als 
sie, nachdem das Flugfeuer der Begeisterung für diese Neuerung verraucht war, zu erfül- 
len geneigt und moralisch stark genug waren. Mit dem der Geistlichkeit von jeher eige- 
nen feinen Spürsinn erkannte sie bald, dass sie einen Missgriff begangen, dass sie gar 
Nichts erlangt, weil sie zu viel begehrt; sie strebte daher statt der misslungenen Ab- 
schaffung des Fehde- und Raubunwesens nur eine Einschränkung desselben auf 
die kleinere Hälfte der Woche (drei Tage und zwei Nächte) durchzusetzen, was ihr mit 
Hülfe der, durch die oben (S. 88) erwähnten grässlichen Hungerjahre zeitweilig bewirkten 
Milderung der Fehde- und Raublust der Fürsten und des Adels auch glückte. Das Verdienst, 
diesen Ausweg gefunden, einen solchen ausführbarem Waffenstillstand Gottes (Treuga 
Dei) zuerst, bereits im Jahr 1033 (besage der Urk. bei Villanueva, Viage literario ä las 



107 



ziemlich neu war, so kann die fragliche überraschende Zunahme der 
Volksmenge Galliens eben nur von der in Rede stehenden Verbesserung 
der Lage des Landvolkes, nur davon herrühren, dass der Bauer, seitdem 
er aus einem besitz- und rechtlosen Leibeigenen zum Erbpächter erho- 
ben, ihm und seinen Nachkommen damit ein gesicherter, Avenn auch 
schwer belasteter Besitz und ein wenn auch freilich noch sehr beschei- 
denes Mass von Recht gegönnt worden, ungleich geringere Scheu als 
ehedem empfand, der Einladung der Bibel nachzukommen: ,,Seid frucht- 
bar und mehret Euch!" Und aus dem seit dem Beginne des zwölften 
Jahrhunderts, trotz der so bedeutend gestiegenen Menschenzahl, immer 
seltener werdenden Vorkommen von Hungerjahren in Frankreich erhellt 
unAvidersprechlich , wie sehr die Kultur seines Bodens sich gehoben 
hatte, seitdem dieser unter eine grosse Menge fleissiger Hände, wenn 
auch nur als schwer belastetes Lehn, vertheilt war, die alle ein so 
gebieterisches eigenes Interesse besassen, seine Ertragsfähigkeit zu 
steigern. 



ZWEITES KAPITEL. 

Wenn die Kreuzzüge auch wegen der eben berührten grossen 
Menschenopfer, die sie ihm kosteten, und noch aus manch' anderen 
Gründen 1 ) dem damaligen Frankreich im Allgemeinen eher schadeten 
als nützten, dessen Bauernstand verdankte ihnen doch weitere und 
belangreiche Verbesserungen seiner Lage. Gallien ist bekanntlich 
die Geburtsstätte jener auf die Geschicke, wie auf die Kultur unseres 
Erdtheils so mächtig einwirkenden Unternehmungen, der europäische 
Staat gewesen, welcher sich an denselben zumeist, weit mehr als die 
übrigen christlichen Reiche betheiligte. Einmal, weil seine Könige und 
Fürsten sehr bald die Erfahrung gemacht hatten 2 ), wie erspriesslich die 



Tglesias de Espaiia T. VI, Apend. Dipl. XXXI) zu Stande gebracht zu haben, gebührt den 
Prälaten der angrenzenden spanischen Mark (Cataloniens), deren Vorgang zunächst (1044) 
in Aquitanien und nach und nach in ganz Frankreich Nachahmung fand. 

1 ) Von den gelehrten Benediktinern in der angef. Hist. literaire de la France T. IX, 
p. 16 sq. mit anerkennungswerther Unbefangenheit angedeutet. 

2 ) Wie Graf Villeneuve, Statistique du Departement des Bouches-du-Rhone T. II, 
p. 119 (Marseille 1821—29. 4 vols.) sehr richtig hervorhebt und durch ein Beispiel aus 
der ersten Zeit der Kreuzzüge veranschaulicht. I/autorite, bemerkt derselbe, que les in- 
vestitures areient fait perdre aux comtes de Provence, hur fut rendue par les Croisades. ... 



108 

längere Abwesenheit und anhaltende aufreibende Beschäftigung so vieler 
streitlustigen Sprudelköpfe ihres Adels im fernen Orient der Befestigung 
ihrer, im Beginne jener noch sehr schwankenden Gewalt sich erwies, die 
Theilnahme an den fraglichen Heerfahrten darum als ein äusserst will- 
kommnes Ableitungsmittel ihnen feindlicher Kräfte betrachteten, und 
schon deshalb möglichst förderten. Dann, weil die im französischen 
Nationalcharakter so tief wurzelnde und leicht erregbare Begeisterung 
für alles Neue, Ausserordentliche und Abenteuerliche bereits bei diesem 
Anlasse gewaltig influirte, die berührten Bemühungen der Könige und 
grossen Kronvasallen mächtig unterstützte. Daher kam es, dass ungleich 
mehr Potentaten und Edelleute 1 ) Frankreichs als anderer Länder darin 
wetteiferten, ihr eigenes und ihrer Unterthanen Blut zur Befreiung des 
heil. Grabes aus den Händen der Ungläubigen zu verspritzen. Durch 
diese weit grössere Menge der nach Palästina pilgernden Machthaber 
Galliens, als der anderer Staaten^ wurde nun zuvörderst der Kirche in 
diesem Lande auch häufiger als anderwärts die Gelegenheit geboten, 
ihre rühmlichen Bemühungen zur Milderung des Looses der ländlichen 
Bevölkerung mit Erfolg eintreten zu lassen. Es ist im Vorhergehenden 
erwähnt worden, welch' grosser Theil der Schuld an der Ausbreitung 
der Leibeigenschaft in der ersten Hälfte des Mittelalters auf der Geist- 
lichkeit lastet, und darum Pflicht der historischen Gerechtigkeit, auch 
nicht zu verschweigen, dass sie einen sehr erheblichen Theil dieser 
Schuld durch den Eifer gesühnt hat, mit welchem sie, namentlich in 
der zweiten Hälfte des fraglichen Zeitraumes, das Schicksal des Bauern- 



Raymond de Saint-Gilles, un des plus puissans et des plus redoutables (vassaux), partit, et 
fut suivi d'un grand nombre de Seigueurs. Tandis que les croises se distinguaient (wäh- 
rend des ersten Kreuzzugs) dans la Palestine par leurs vertus et leurs exploits, Gil- 
bert, vicomte de Milhaud et de Gevaudan (f 1109), qui par son mariage avec Gerberge, 
soeur de Bertrand II, avait herite du comte de Provence, exerga ses droits de souyerain 
en toute liberte, et fit rentrer les yassaux dans leur deyoir. Gilbert rCeut pas besoin 
dCuser de la force pour operer ce changement. Les esprits inquiets, trouyant dans la 
Terre-Sainte un vaste champ ä leur ambition, s'etaient eloignes de la Provence. — Vil- 
leneuve's Monographie ist, beiläufig bemerkt, ein Werk, wie man es in gleicher Trefflich- 
keit "(freilich auch in gleicher Weitschweifigkeit, denn es ist mit yier dicken Quartanten 
unvollendet geblieben) nur über wenige andere Provinzen Frankreichs besitzt, da es weit 
mehr gibt, als sein übelgewählter, irre führender Titel yermuthen lässt. Es enthält näm- 
lich auch einen reichen Schatz historischen, besonders kulturgeschichtlichen Materials, 
über Verfassung, Verwaltung, Städte-, Kirchenwesen u. s. w. und zwar zumeist aus archiv. 
und anderen handschriftl. Quellen. 

l ) Die bei Roger, Archiyes histor. et ecclesiast. de la Picardie et de l'Artois T. I, 
p. 283 sq. (Ämiens 1842. 2 vols.) abgedruckte authentische Zusammenstellung der nur 
diesen beiden Landschaften angehörigen Princes et Chevaliers qui prirent part aux Croi- 
sades veranschaulicht sehr gut, wie gross deren Menge erst in ganz Frankreich gewesen 
sein muss. 



100 

Standes auch wieder zu erleichtern suchte. Denn sie hat diesen nicht 
nur, wie wiederholt berührt worden, im Ganzen humaner behandelt, 
als von den weltlichen Grundherren geschah, ist letzteren nicht allein mit 
löblichem Beispiele vorangegangen in der Einführung und Zulassung 
wichtiger Verbesserungen in der Lage der eigenen Hörigen und Hinter- 
sassen, sondern sie hat ihren mächtigen Einfluss auf die grossen und 
kleinen Gewalthaber auch nicht selten dazu benützt, die Fesseln jener 
Bedauernswerten zu lösen, oder doch mindestens erheblich zu lockern. 
Die im Mittelalter Öfters vorkommenden unentgeltlichen besonders testa- 
mentarischen Freilassungen einzelner Leibeigenen, wie auch die mitunter 
letztwillig verfügten massenhaften Emancipationen 1 ) von solchen durch 
weltliche Fürsten und Grosse zur Förderung des Seelenheils dieser 
Letzteren sind fast immer das Werk wahrhaft frommer, und darum auch 
humaner Beichtväter oder sonstiger Priester gewesen. Diese benützten 
nämlich die Momente der Zerknirschung und sanfteren Regungen bei mäch- 
tigen oder reichen Sündern, also zumal ihre Bussfertigkeit auf dem Ster- 
bebette, nicht zur Bereicherung der Kirche allein, sondern öfters auch 
zur Milderung des Looses beklagenswerther Mitmenschen, indem sie 
jenen dergleichen Freilassungen als besonders verdienstliche und süh- 
nende Handlungen abschilderten 2 ). Und wenn solche Manumissionen 
ganz gratis nicht zu erwirken waren, benützten menschenfreundliche 
Geistliche ihren mächtigen Einfluss oft genug dazu, sie den danach Ver- 
langenden wenigstens um einen sehr massigen Preis zu verschaffen 3 ). 
Deshalb sind die Freilassungen, zur Bezeichnung ihrer Urheber, auch 
gewöhnlich in den Gotteshäusern und in deren Gegenwart vorgenommen 4 ), 



1 ) So verordnete z. B. im J. 4285 ein Edler aus der Gegend von Bourges, Gaufrid 
Lobe Domin. de Ramefort in seinem Testamente: Yolo, concedo, et praecipo pro remedio 
animae meae pareutumque meorum quod centiim puellae de terra mea de Ramefort et de 
Maignec manumittantur et fiant liberae ab omni taillia et commenda, was Ton seinen Erben 
auch gewissenhaft vollzogen wurde. Baluzii, Miscellanea T. I, p. 307 (Edit. Mansi Lucae 
4761. 4 Bde. Fol.). 

2 ) Quicumque in nomine $. Trinitatis quemlibet suorum ex servili Tel colliber- 
tiua familia ad libertatis honorem pro Dei amore disponit accedere, sciat sibi veraciter 
ejus misericordiam acquirere. Urkundl. Stelle bei Du Gange, Glossar, t. Colliberti. Vergl. 
noch (Fumagalli), Delle Antichitä Longobard.-Milanese T. I, p. 335 (Mil. 4792. 4 TT. 4.). 

3 ) Z. B. Urk. y. J. 4086 bei Yaissette et Tic, Hist. gener. de Languedoc T. 11, Preuv. 
p. B23: Ego Petrus etc. — dimittimus et derelinquimus Domino Deo et sancto Nazaris 
sedis Carcassonae feminam unam nomine Wbergam cum infantibus suis, dimittimus autem 
et derelinquimus in hac femina et infantibus suis totum hoc quod habemus Tel habere 
debemus, ut nihil in ea cum iufantibus suis amplius interpellemus, propter praetium 
quod inter nos et canonicos convenit, hoc sunt tres solidos denariorum Vgonencos. 

4 ) Yaissette et Vic a. a. 0. T. 11, p. 244. 



110 

und die Freigelassenen zu ihrer grösseren Sicherheit auch bisweilen un- 
ter den speciellen Schutz der Kirche gestellt worden '). 

Die Herbeiführung solch' glücklicher milderer Stimmungen der Mäch- 
tigen zu Gunsten der unterdrückten und leidenden Menschheit auch aus- 
serhalb der letzten Stunden ist nun den Geistlichen mittelst der Kreuz- 
züge, dieser Argonautenfahrt, dieser Ilias und Aeneide des Christen- 
thums 2 ), erheblich erleichtert worden. Die weite Fahrt und der schwere 
Kampf, zu welchen sie auszogen, war für die grössten wie für die klein- 
sten Gewalthaber mit so ausserordentlichen und vielfachen Gefahren ver- 
knüpft, dass alle kaum weniger tief als auf dem Sterbebette das Bedüri- 
niss empfanden, des Himmels besondere Gnade und speciellen Schutz zu 
erwerben. Man entnimmt das aus der eben so häufigen wie charakteri- 
stischen Thatsache, dass sogar das Verdienstliche und Sühnende ihres 
Unternehmens, der vollständige Ablass, den die Pabste allen Streitern 
für das Kreuz unter Syriens glühender Sonne zusicherten 3 ), den fürstli- 
chen und adeligen Kämpfern für dasselbe nicht ausreichend erschienen, 
dass sogar die Vornehmsten derselben 4 ) nötliig erachteten, noch ausser- 
dem, vor Antritt der weiten Reise Verzeihung, zumal gegen Geistliche 
begangenen Unrechts demüthig zu erbitten und durch reichliche Vergü- 
tung zu erkaufen. In solchen Momenten der Zerknirschung und des ge- 
steigerten Gefühles der Abhängigkeit von einer höhern Macht war nun 
würdigen Priestern die günstigste Gelegenheit geboten, zur Erleichterung 
der Lage der leibeigenen oder hörigen Bauern, behufs Abschaffung oder 
doch wesentlicher Milderung gar mancher, diese schwer drückenden, 
grundherrlichen Gerechtsame 3 ) ihren Einfluss geltend zu machen. 



1 ) Wie z. B. in einer Urk. t. J. 1193 bei Miraei, Opera diplomat. et histor. T. I, 
p. 289 (Bruxell. 1723. 4 Bde Fol.). 

2 ) Wie sie Hormayr (die Baiern im Morgenlande S. XV. München 1832. 4.) treffend 
nennt. 

3 ) Concil. Lateranens. oecumens. sub Callisto PP. II a. 1123 habit. c. XL 

4 ) Urk. Herzogs Odo 1 v. Burgund v. J. 1101: Perard, Recueil des Pieces curieuses 
servant ä PHist. de Bourgogne p. 203. (Paris 1654. Fol.)" Cum — ob enormitatem meo- 
rum scelerum, sepulchrmn noslri Salvatoris adirem — quia erga sanctum Benign um 
(Kloster zu Dijon) et erga sibi serrientes magis teuebar obuoxius, operam dedi, et cum il- 
lorum pace et benedictione, atque orationum suffragio proficisci potuissem, unde — de 
injuriis quas eis hactenus irrogaveram, Justitium feci, cidpam clamavi, et venia petita 
me absolvi rogavi, et si nie reverti contingeret, de caetero emendaturum promisi. 

Urk. des Grafen Heinrich 1 von Champagne y. J. 1179: Ebendas. p. 254: quod cum 
Her Iherosolimitanvm arripnissem, apud Dirionem constitutus, et ab Abbate S. Benignt 
humililer petii, ut damna et injurias, quas ego et Baillivi mei in quibusdam Priora- 
tibus ejusdem Monasterii intuleramus mihi remitteret. 

5 ) Urk. des Grafen Balduin JX v. Flandern y. J. 1202: Roisin, Franchises, Lois et 
Coutumes de la Tille de Lille, publ. p. Brun-Lavainne p. 229 (Lille et Paris 1842. 4.): 



111* 

Und ihre diesfälligen Bemühungen sind um so häufiger von Erfolg 
gekrönt worden, da noch sehr gewichtige anderweitige Momente ihnen 
hierin gar belangreiche Unterstützung gewährten. Diese resultirte ) ein- 
mal schon aus dem Umstände, dass seine Leibeigenen und Grundholden 
die nächsten und zahlreichsten in der Umgebung der zurückgebliebenen 
Gemahlin und Kinder des nach dem heil. Lande ziehenden Ritters wa- 
ren, und für letzteren hieraus die ernste Mahnung sich ergab, die Treue 
und Hingebung derselben durch Gewährung mancher Erleichterungen 
und Vortheile seiner verlassenen, ihres Schützers voraussichtlich so lange 
entbehrenden, Familie zu sichern. Dann erfloss aus der ungeheuren Be- 
ilegung, welche die Kreuzzüge in den untersten wie in den höchsten 
Schichten der Gesellschaft hervorriefen, für alle Grundherren eine sehr 
gebieterische Aufforderung zu grösserer Milde gegen die genannten 
Klassen. Unter den mancherlei Hebeln, deren die Kirche sich bediente, 
um eine allgemeine Begeisterung für diese, der Erhöhung ihrer Macht 
und ihres Ansehens so förderlichen, Heerfahrten nach dem heil. Lande 
zu entzünden, stand die Bewilligung bedeutender Privilegien an 
Alle, die das Kreuz nahmen und unter diesen der Grundsatz oben an, 
dass Niemand daran verhindert werden durfte. Also auch der Leib- 
eigene oder Hörige so wenig wie sein strenger Gebieter; für jene eine 
gar zu verführerische Lockung, ihrer Bande auf geraume Zeit, wenn nicht 
auf immer sich zu entledigen, die Erhaltung von Weib und Kind Ande- 
ren aufzubürden, um nicht eine massenhafte Theilnahme des Landvolkes 
an den Kreuzzügen zu veranlassen. Die Hunderttausende, die namentlich 
an den zwei ersten sich betheiligten, bestanden ohne Zweifel grossen-, 
wenn nicht gar grösstenteils aus davon gelaufenen Leibeigenen oder 
Hörigen. Für die kühleren, minder enthusiastischen Herren derselben ein 



Cum antecessores mei comiles Flandvie a longis retroactis temporibus ad qiiemcumque 
locum venerint per comitatum Flandrie — lotum yini acceperint pro tribus denariis 
quomodocnmque care vinum emptum fuerit; et hoc fecerint quasi de jure (in Gemäss- 
heit des oben S. 98 erwähnten Droit de Prise) et consuetudine; Ego Jerosolimam pro- 
fecturum intelligens a viris religiosis sapientibus et discretis, cousuetudinem istam po- 
tius rapiuam et violeutam exactionem quam consuetudinem latiouabiJem et justam, ne si 
posteris et successoribns meis exemplum hoc rapine et exacNonis inique relinquerem, 
michi et eis ad eternam cedere posset dampnationem, consuetudinis hujus iuique exac- 
tionem vobis et omnibus per comitatum Flandrensem omnino remisi in perpetuum ; hoc 
solum michi et successoribus meis dominio in hoc retento, quod ad quemcumque locum 
yenero yinum accipiam ad eundem costum quem probi homiues yel scabini cognoscenl 
quod constayerit, nee michi carius yendi poterit. 

l ) Nach der treffenden, mir sonst nicht vorgekommenen, Bemerkung Müllers, in der 
kleinen lehrreichen Schrift: Ueber die Natur der Grundgüter in d. Herzogth. Luxemburg 
S. 17 (Trier 1824. 8.). 



«113 

gar schlimmes Dilemma; entweder mussten sie jene an der Ausführung 
ihrer gottgefälligen Absicht ; trotz dem Verbote der Kirche, gewaltsam 
verhindern, dadurch als Ausbünde von Ruchlosigkeit selbst in den Augen 
ihrer Standesgenossen erscheinen und den geistlichen Bannstrahlen sich 
aussetzen, oder ihre Ländereien bis zur Rückkehr der frommen Pilger 
selbst bestellen, da die wegfallenden arbeitenden Hände, aus demselben 
Grunde, und weil die grosse Mehrheit der Fortgezogenen gar nicht wie- 
derkam, unter dem Schwerte der Saracenen fiel, nur schwer und unge- 
nügend zu ersetzen (varen. Sehr natürlich mithin, dass die Seigneurs zu 
dem hier allein wirksamen Auskunftsmittel griffen, ihre Unterthanen un- 
ter der Hand in Güte von einem ihnen so fatalen Vorhaben, und zwar 
dadurch zurückzubringen suchten, dass sie ihnen unter der Bedingung, 
dessen Ausführung zu unterlassen und ihren gewohnten Beschäftigungen 
nach wie vor sich zu widmen, eine mehr oder minder erhebliche Ver- 
besserung ihrer bisherigen Lage sowol für sich wie ihre Nachkommen 
gewährten. 

Dazu drängten endlich auch die Geldbedürfnisse der fürstlichen und 
adeligen Kreuzfahrer. Wie viele derselben folgten nicht dem Beispiele 
Gottfrieds von Bouillon und der anderen Häupter des ersten Kreuzzuges, die 
einen grossen Theil ihrer Besitzungen verkauften oder verpfändeten, um 
ihre Ausrüstung und die Kosten der heil. Fahrt bestreiten zu können! 
Zwar öffnete die Geistlichkeit bereitwillig ihre wohlgefüllten Truhen, um 
die willkommne Gelegenheit zu sehr vorteilhaften Acquisitionen wie 
auch zum leicht zu erlangenden Erwerbe bedeutender Erbansprüche mit- 
telst scheinbarer Grossmuth ') zu benützen. Aber der Andrang der Ver- 
äusserungslustigen war so gross, dass es Kirchen und Klöstern oft sehr 
schwer, wol auch unmöglich fiel 2 ), Geld genug zu beschaffen für die 



1 ) Eine bei Miraei a. a. 0. 1, 689 abgedruckte Urk. Bischof Alberos von Lüttich yom 
.1. 1140 veranschaulicht trefflich, wie schlau die geistlichen Herren die baldgemachte Er- 
fahrung ausnützten, dass die meisten Kreuzfahrer Leben oder Gesundheit einbüssten, oder 
total verarmt heimkehrten. 

2 ) Sehr denkwürdige, auf die Zeit des zweiten Kreuzzuges (1147) sich beziehende 
diesfällige Aeusserungen finden sich in einer salzburgischen Urkunde v. J. 1159 bei Hor- 
mayr a. a. 0. S. 43 und Koch-Sternfeld, Salzburg u. Berchtesgaden Bd. II, S. 24 (Salzb. 
1810. 2 Bde): Tempore quo, heisst es dort, expeditio Jerosolymitana fervore quodam miro 
et inaudito a seculis totum commcmt fere occidentem, ceperunt singuli tamquam ultra non 
redituri vendere possessionis suas, quas Ecclesie secundum facultates suas suis prospi- 
cientes utilitatibus emerunt. Exemplo universorum fratres quoque Berchtesgadenenses 
Ecclesie sue utilitati consulere volentes necessariam pecuniam colligere ceperunt. 
Quam cum sufficientem invenire non possent, jussu Prepositi ipsorum Hallensem Pr_e- 
positum convenerunt,eo quod inter eos specialis et magna esset familiaritas ; scientes apud 
illum in simile opus aliaquantulam conservatam pecuniam; ceperuntque cum eis agere, ut 



113 

ihnen von allen Seiten zu Kauf und Pfand angebotenen Schlösser und 
Güter. Da war nun den Leibeigenen und Hörigen der erwünschteste An- 
lass geboten, mittelst ihrer Sparpfennige theils sich loszukaufen, theils 
eine wesentliche Erleichterung ihres bisherigen Geschickes zu erlan- 
gen. Aber auch die aus Palästina glücklich heimgekehrten Seigneurs 
brachten gesteigertes Verlangen nach Münze mit, indem sie auf der 
weiten Fahrt und vornehmlich durch ihren längern Aufenthalt unter den 
üppigen Byzantinern und Orientalen mit dem bei diesen herrschenden 
Luxus, wie mit mancher Unsitte, so auch mit einer Menge früher un- 
geahnter Bedürfnisse bekannt geAVorden, zu deren Befriedigung indessen 
ihre durch die grossen Kosten der Kreuzfahrt bedeutend geschmälerten 
Mittel oft genug nicht ausreichten. Deshalb Avaren Viele von ihnen, um 
diese zu vermehren, auch sehr gerne bereit, ihren Leibeigenen und Hin- 
tersassen die ersehnte Freilassung zu verkaufen '). 

Zu diesen gesellten sich noch einige andere Momente, um den Letz- 
teren die Verwirklichung ihrer Wünsche wesentlich zu erleichtern. Ein- 
mal die Thatsache, dass auf den angedeuteten Wegen so viele Besitzun- 
gen der Laien an die Kirche übergingen, die mit geübtem Blick 
bald erkannte 2 ), wie sehr sie durch Verbesserung der Lage ihrer Grund- 
sassen deren Leistungsfähigkeit steigere, und dadurch ihren eigenen 
Vortheil fördere. Dann die in Frankreich mit den Kreuzzügen coatan 
erfolgende Entstehung und rasche Vermehrung der Städtegemein- 
den. Obgleich die französischen Bürgerschaften sich nie zu der Selbst- 



vineam que ipsis placeret, quorum abundantiam habebant, ab ipsis emerent, melius ac cer- 
tius dicentes eos secum quam cum secularibus forum facturos. Selbstverständlich kamen 
dergleichen Fälle in Frankreich, wo die Theilnahme an den Kreuzfahrten noch Tiel grös- 
ser und allgemeiner war, als in Deutschland, auch noch weit häufiger vor. 

1 ) Monteil, Hist. des Francis des divers Etats, IIV e siecle T. I, Epitre XXIX, p. 99. 
Ant. Loysel, Institutes coutumieres T. I. p. 49. 

2 ) Wie man aus folgenden, bei einem solchen Anlasse gemachten Aeusserungen des 
Abtes Hugo yon St. Denys y. J. 1186: Sammarth., Gallia Christ. T. VII, Instr. p. 75: No- 
stra quoque plurimum interesse decernimus, ut eorum precipue profectibus intendanws, 
de quorum commodis et augmentis proventus nostros multipliciter angeri non dubita- 
mus, und nachstehenden denkwürdigen des Domkapitels v. Orleans t. J. 1224, bei Du 
Gange, Glossar. T. IV, p. 255 Ed. Henschel ersieht: quod omues homines nostri de corpore, 
tarn masculi, quam feminae, qui habitant in terra nostra de Stampesio — astrinxerunt se 
nobis per sacramentum — quod si seryitutis opprobrium ab eis tolleremus — quascum- 
que redhibitiones, quaecunque onera eis — vellemus imponere, ipsi gratanter recipe- 
rent, et firmiter observarent. Nos igitur attendentes multimoda commoditatum gener a 
tarn nostris hominibus, quam nobis etiam et Ecclesiae ex hujus modi concessione liber- 
tatis posse provenire, eis libertatem duximus concedendam, et tarn ipsos quam uxores 
eorum, et filios tarn natos, quam nasciturus, ab omni servitutis jugo emancipantes, in per- 
petuum liberos concessimus permanere, cum impositione tarnen redhibitionum et onerum, 
quae sunt inferius annotata. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 8 



114 

ständigkeit und Macht der italienischen, oder auch nur der deutschen 
erhoben, übte ihre Bildung auf die Verbesserung der bäuerlichen Zu- 
stände doch noch grössern Einfluss, als die vorhergegangene dieser Letz- 
teren auf die Entstehung städtischer Freiheit in Frankreich. Es ist näm- 
lich nicht zu zweifeln, dass die hier früher und in grösserer Ausdehnung 
als in Deutschland sich bethätigende Geneigtheit der Kronvasallen und 
anderen Territorialherren, die Bildung von Bürgergemeinden zuzulassen, 
worin gar Manche der Einsichtigeren dem Könige Ludwig VI (den man 
lange Zeit und bis in unsere Tage fälschlich 1 ) als den eigentlichen ersten 
Begründer und eifrigen Schützer städtischer Freiheit in Gallien betrach- 
tet hat) mit gutem Beispiele vorangingen 2 ), theils ebenfalls Folge ihrer 
durch die Kreuzfahrten gesteigerten Geldbedürfnisse, gutentheils aber 
auch das Resultat der Wahrnehmung der oben (S. 106) berührten wohl- 
tätigen Wirkungen der Umwandlung ihrer Leibeigenen in Erbpächter 
gewesen. 

Nichts natürlicher, als dass die Befreiung der Städtebewohner fast 
von allen Banden der Hörigkeit, die bislang auch sie gefesselt, und ihre, 
in der Regel freilich mit schwerem Gelde erkaufte 3 ), Ausstattung mit 
bald mehr bald minder liberalen Communal-Verfassungen auf die Land- 



1 ) Zumal sein Gebühren gegen die Stadt Laon, deren gemeinheitliche Verfassung er 
erst (ums J. 1110)'für Geld bestätigte, nach drei Jahren aber, als deren Bischof ihm mehr 
Geld bot, wieder aufhob, zeugt am sprechendsten davon, dass Ludwig VI in der That, wie 
von Thierry in seinen Lettres sur FHist. de France L. XIII u. folg. und nach ihm von 
Martin, Hist. de Fr. III, p. 390 sq. dargethan worden, an der Gründung der Communen 
sehr unschuldig und hinsichtlich ihrer totalement depourvu d'idees arretees et de Systeme 
suivi (Worte Martins III, 413) gewesen. 

2 ) Wie im Süden Frankreichs z. B. Vicomte Gaston IV von Bearn, der schon in den 
Jahren 1099— 4101 in seinem Lande freie Bürgergemeinden, wie unter anderen zu Mor- 
lans, gründete Faget de Baure, Essais historiques sur le Bearn p. 102 sq. (Paris 1818). 
Gleichzeitig, im J. 1102, gewährte im Norden Graf Raoul von Vermandois den Bürgern 
von Saint-Quentin, freilich für Geld, eine gemeinheitliche Verfassung und seinem Vorgange 
folgte, jedoch unentgeldlich, der weise Bischof Baudry (aus dem Hause Sarchainville) ?on 
Noyon, der den Bewohnern seiner gleichnamigen Hauptstadt im J. 1108 eine Communal- 
Verfassung bewilligte. Martin, Hist. de France T. III, p. 395 sq. Roger, Archives histo- 
riques et eccles. de la Picardie et de FArtois T. II, p. 271. 294 sqq. Colliette, Memoires 
p. serv. ä FHist. de la prov. de Vermandois T. II. pp. 434 514. sq. 

3 ) Die Bemerkung Beauville's, Hist. de la Tille de Montdidier T. 1, p. 96 (Paris 1857, 
3 vols. 4): 11 ne faut pas se meprendre neanmoins sur le veritable caractere de la Charte 
de Montdidier, et en faire exclusivement honneur ä la generosite royale. C'etait un veri- 
table contrat onereux, dans lequel chacune des parties stipulait en son nom et defendait 
ses interets. Ce que le roi accordait, il le faisait payer; s'il se depouillait de certains droits, 
de certains privileges, la rente que les habitants devaient lui seryir annuellement en etait 
la representation. La Charte de Montdidier etait un acte de yente qui liait deüx parties — 
gelegentlich der dieser Stadt im J. 1195 gegen eine Jahressteuer yon 600 Livres parisis 
d. i. 12,480 Francs jetziger Währung, von Philipp August verliehenen gemeinheitlichen 
Verfassung, gilt yon den bei weitem meisten königlichen, und mehr noch von den Com- 



i 



115 

leute der umliegenden Gegend eine unwiderstehliche Anziehungskraft 
übte, sie reizte, in die Städte zu entfliehen, um der Vortheile des dorti- 
gen freiem Lebens theilhaftig zu werden. Nun suchten die französischen 
Fürsten und sonstigen Grossen zwar den daher rührenden häufigen Ent- 
weichungen ihrer Hörigen in die Städte dadurch vorzubeugen, dass sie 
diese bei Ertheilung der fraglichen Freiheitsurkunden verpflichteten 1 ), 
ohne ihre ausdrückliche Genehmigung dergleichen Flüchtlinge bei sich 
weder aufzunehmen noch zu hegen. Aber diese Vorkehrung gewährte 
eben so wenig als die in den meisten Communal-Charten enthaltene fer- 
nere Bestimmung: dass solche Grundholden dann erst als Bürger aufge- 
nommen werden dürften, wenn sie Jahr und Tag von ihrem Herrn un- 
angefochten in der Stadt gewohnt hätten, nennenswerthe Abhülfe des 
fraglichen Uebelstandes, da sie bei der schon um ihres eigenen Vortei- 
les willen vorherrschenden Neigung der Bürgerschaften 2 ), sie zu umge- 
hen, nur in den wenigsten Fällen sich aufrecht erhalten, sich praktisch 
geltend machen Hess. Dazu kam, dass die schwächeren, besonders 
geistlichen Grundherren, welch' letztere zumal in der ersten Zeit der 
Entstehung der Bürgergemeinden harte Kämpfe mit denselben zu beste- 
hen hatten, zu grosser Rücksichtnahme auf die ländliche Bevölkerung der 
Umgegend sich genöthigt sahen, um solche gegen die Verlockungen ih- 
rer feindlichen Bürgerschaften zu stählen 3 ), um sie abzuhalten, mit die- 

muual-Charten der Kronvasallen und übrigen Seigueurs. Beispiele bei Louandre, Hist. 
d'Abbeville p. 80 und Rougebief, Hist. de la Franche-Comte p. 222 sq. 

*) Communal-Urk. des Grafen Jobann v. Pontbieu für Abbeville v. J. 1184: Roger, 
Arcbives T. II, p. 75. 

Communal-Urk. d. Grafen Wilhelm v. Ponthieu für Crecy v. J. 1194: Ordonnances 
des Rois de France T. XIX, p. 502. 

Communal-Urk. d. Grafen Peter v. Negers und Auxerre für Auxerre v. J. 1194: 
Ebendas. T. XVIII, p. 234. 

Communal-Urk. d. Grafen Theobald v. Champagne für Collomiers v. J. 1231: Du 
Plessis, Hist. de l'Eglise de Meaux T. II, p. 427 (Paris 1731. 2 yols. 4.). 

2 ) Die mituuter so weit ging, dass sie selbst königlichen Verboten zum Trotze 
ganze Dorfs chatten in ihre Commune aufnahmen, wie man aus einem Schreiben König 
Ludwigs VII an die Bürger yon Reims v. J. 1139 bei Marlot, Histor. Metropolis Remensis 
T. II, p. 327 (Insul. de Maren, et Rem. 1666—79. 2 vols. Fol.) entnimmt. Gravissimum 
nobis est, heisst es in demselben, quod vos facitis, — et hoc ipsum quod vobis nomina- 
tim prohibuimus, scilicet ne villas extrinsecas in communiam veslram reeiperetis, hoc 
confidenter et secure facitis. 

3 ) Sehr unterrichtend sind in der Hinsicht die Vorgänge zwischen der Abtei Vezelay 
und den Einwohnern dieses Städtchens aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. 
In einer zwischen beiden im J. 1137 getroffenen Vereinbarung wird erwähnt, dass Veze- 
lays Bewohner, um eine gemeinheitliche Verfassung zu ertrotzen, gegen das Kloster con- 
spirationis inter se confederationem fecerunt, et rusticos nostros de pluribus villis nostris 
(der Abtei) sibi in ea conspiralione zugesellt, resp. zur Theilnahme au derselben verlockt 
hätten. Quantin, Cartulaire general de l'Yonne T. I, p. 314 sq. Bibliotheque de TEcole des 
Chartes Ser. III, T. II, p. 347 sq. 



116 

sen gemeinsame Sache gegen jene und deren Lage dadurch noch kriti- 
scher zu machen. 

All' diesen Missständen und Verlegenheiten konnte nun durch Nichts 
wirksamer als dadurch abgeholfen werden, dass man auch die Lage des 
Landvolkes erheblich verbesserte, ihm wenigstens einen Theil der Er- 
leichterungen gönnte, die man den Städtebewohnern eingeräumt, und da- 
durch ihm die Versuchung wesentlich minderte, zu ihnen zu flüchten, 
in deren Streitigkeiten mit den Territorialherren sich ihnen gegen diese 
anzuschliessen. 

Dem Zusammenwirken dieser verschiedenen Momente verdankte das 
Landvolk nun zuvörderst die allmählige Ausdehnung der oben erwähn- 
ten Umwandlung besitz- und rechtloser Leibeigenen in hörige Erb- 
pächter so ziemlich auf ganz Frankreich während des zwölften und 
dreizehnten Jahrhunderts, dann aber auch die vielen Freilassungen, 
die in diesem Staate in dem genannten Zeiträume erfolgten. Doch würde 
Nichts irriger sein, als die Meinung, dass die Freigelassenen stets 
eine absolute Freiheit im heutigen Sinne oder in dem des römischen 
Rechts erworben hätten. Das war vielmehr nur höchst selten der Fall 1 ), 
der weitaus grösste Theil solcher Freilassungen bestand eben nur, wie 
angedeutet, in Erleichterungen der seitherigen Lage der Hörigen, in 
Lösung derjenigen Fesseln, die sie bislang am schwersten gedrückt. Es 
war das die unvermeidliche, die schlimme Folge der vorherrschend lehn- 
rechtlichen Natur des Verhältnisses zwischen Seigneur und Bauer; 
wenn dieser vollkommen frei geworden wäre, was übrigens auch die 
StadtebeAVohner nicht wurden, so würde er sich selbst über jenen er- 
hoben haben, der dem Könige oder seinem sonstigen "Oberlehnsherrn ge- 
genüber ja noch in so mancher Hinsicht von den Banden des Feudalis- 
mus umschlungen blieb. Das ganze Feudalsystem wäre kaum länger 
aufrecht zu erhalten gewesen, wenn man ein massenhaftes Losreissen 
seiner untersten Staffel gestattet hätte. 

Vornehmlich daher also die bei den Freilassungen fast immer ob- 
waltende Einschränkung auf Abolition der charakteristischsten und drü- 
ckendsten Fesseln der strengen Hörigkeit, auf deren zugelassene Ablö- 
sung mittelst einer feststehenden Geldabgabe, unter ausdrücklicher Beibe- 
haltung aller übrigen seitherigen grundherrlichen Rechte. Oben an unter 
diesen standen, wie im Vorhergehenden erwähnt worden, das berüch- 
tigte Recht der ersten Nacht, die ,,todte Hand a (Mainmorte), d. h. die 



l ) Pastoret, Ordonnances T. XVIII, Pref. p. XLVIH. Guerard, Cartulaire de Notre-Dame 
de Paris T. I, Pref. p. CXCV111 sq. 



117 



Unfähigkeit der Grundholden über ihren Nachlass zu testiren, oder die 
an deren Stelle zugelassene Milderung des „Besthauptes" und der Ehe- 
zwang des Seigneurs, die diesem zustehende Befugniss, seinen Hörigen 
beiderlei Geschlechts die Heirath fremder nicht auf seinem Grund und 
Boden sesshafter Standesgenossen zu verwehren. Deshalb waren auch 
auf die Ablösung dieser und noch einer oder der andern besonders lä- 
stigen gutsherrlichen Gerechtsame mittelst einer massigen feststehenden 
Steuer ') die bei weitem meisten Freilassungen des zwölften und drei- 
zehnten Jahrhunderts beschränkt. Um den Werth namentlich der Be- 
freiung vom Ehezwange gebührend zu würdigen, ist zu wissen nöthig, 
dass wenn es einem Hörigen, der die Unterthanin eines anderen Seigneurs 
heirathen wollte, nicht glückte, einen Leibeigenen oder Grundholden des 
Letztern aufzufinden, der eine Hörige seines Herrn zu ehelichen bereit 
war, und die beiden Seigneurs zur Genehmigung des Austausches der 
zwei Mädchen zu vermögen, die aber nur dann mit Sicherheit zu erwar- 
ten stand, wenn jene mit einander befreundet waren ), er selbst von geist- 



1 ) So bestimmt z. B. eine bei Du Gange, Gloss. 111, 362 ed. Henschel excerpirte be- 
zügliche Urkunde eines Abtes von Corbie v. J. 1174: Quod singuli singulos denarios pro 
cavagio in festo S. Remigii, pro foris maritationibus vero X solidos, pro manu morlua 
lotidem — ipsi cum omni sua posteritate persolvent. 

2 ) Wie man aus folgender Urkunde y. J. 1152: Sammarthan, Gallia Christ. T. VII, 
p. 714 entnimmt: Ego Hugo abbas monasterii sancti Vincentii sanctique Germani Parisien- 
sis, amore et gratia domini Odonis venerabilis sancte Genovefe abbatis simulque canoni- 
corum in eadem ecclesia sub ejus regimine Christo deservientium, communi fratrum no- 
strorum assensu concessi, quod quaedam ancilla de familia nostrae ecclesie progenita, no- 
mine Benedicta, cuidam servo sancte Genovefe de Fontaneto, nomine Ingelberto, lege ma- 
trimonii jungetur, quam videlicet Benedictam ab omni jugo servitutis, qua nobis astringe- 
batur, absolvimus, ut fieret ancilla S. Genovefae, et in eam legem servitutis, in qua mari- 
tus suus tenetur, transiret, unanlmiter concessimus, memoratus vero abbas S. Genovefae 
et ejusdem ecclesie venerabilis conventus mutua vicissitudine concesserunt, quod quaedam 
ancilla S. Genofevae, nomine Ermeniardis, filia scilicet Guido nis majoris de Fontaneto, 
cuidam servo S. Germani, nomine Euvrardo, desponsaretnr et ut fieret ancilla S. Germani 
unanimiter concesserunt. Welch' weitaussehende Händel aber zwischen den Seigneurs selbst 
entstanden, wenn diese nicht mit einander befreundet waren, oder wenn ihre Grundholden 
durch Unterschleife oder dergleichen sich zu helfen versucht hatten, und welch' harte 
Auskunftsmittel dann ergriffen werden mussten, ersieht man aus folgender ebendas. p. 715 
abgedruckten zweiten Urk. v. J. 1163: Ego Albertus S. Genovefae vocatus abbas et totus 
ejusdem ecclesiae conventus notum facimus, quod querela quaedam versabatur inter nos 
et Hugonem de Monte Guillonis in curia domini Stephani Meldensis episcopi pro uxore 
Turpini Bona-filia nuncupata, quae ancilla nostra erat, quam tarnen praedictus Hugo 
dicebat esse suam, eo quod homini suo Turpino data fuerat in uxorem pro libera; 
denique tarn nobis quam Hugoni placuit, ut rem in arbitrio domini Meldensis et ejus curiae 
poneremus. Pacis ergo intuito, a domino Meldensi et ejus curia consideralum est, ut de 
quatuor filiabus pradictae feminae, pro qua controversia erat, sapedictus Hugo duas 
tantum haberet, ipsa vero sapedicia uxor Turpini cum reliquis filiabus et omni secu- 
tura posteritate ecclesiae nostrae remaneret. 



118 

liehen Herrschaften, die auch in der Hinsicht noch am mildesten verfuh- 
ren, für den begangenen Frevel, ,,eine Fremde" heimgeführt zu haben, 
mit dem Verluste des grössten Theiles, wenn nicht gar seiner gesamm- 
ten Habe ) gebüsst wurde, trotzdem dass die Pabste (wie oft konnte aber 
der arme Hörige deren Ohr erreichen?) jede diesfallige Ahndung zu ver- 
bieten pflegten 2 ). 

Aber allen übrigen, mittelst der betreffenden Urkunde nicht aus- 
drücklich abolirten Pflichten und Leistungen blieben die Freigelassenen 
in der Regel nach wie vor unterworfen, wie namentlich den Frohnden, 
den Bannrechten, der willkührlichen Taille (a volonte) 8 ) u. s. w. Doch 



x ) So bestimmte z. B. eine Urk. v. J. 1070 bei Mabillon, Aunales ordiu. S. Benedict. 
T. V, p. 28: Licentiam yero conjugia ineundi ab ejusdem monasterii abbate, Tel ab ejus 
ministris aeeipiat, et si uxorem duxerit non de sua lege, quidquid habuerit vel posse- 
derit in jus monasterii veniat. 

2 ) Schreiben Pabst Alexanders III an den Abt Peter des St. Remigiusklosters zu Reims 
v. J. 1170: Bouquet, Recueil des Histor. T. XV, p. 894: Perlatum est ad audientiam nostram. 
quod Robertum et Martinum, homines monasterii tui, trahis in causam, quoniam de al~ 
terius dominio uxores duxerunt. Qnia vero hujus modi occasio frivola et vana vide- 
tur, nee decet te indebitum alicui gravamen imponere, — tibi mandamus, quatinus prae- 
fatos homines pro causa quam diximus nullis agites molestiis, Tel indebite gravare prae- 
sumas. 

3 ) Vergl. oben S. 98. Sehr unterrichtend über die gewöhnlichen Bedingungen der 
damaligen Freilassungen sind die schon oben S. 113 erwähnten Urk. des Domkapitels 
zu Orleans y. J. 1224 bei Du Cange, Glossar. T. IV, p. 255 Ed. Henschel und eine andere 
des Abtes Thomas von Saint-Germain-des-Pres y. J. 1250 in Bouillarts Gesch. dieser Ab- 
tei (Paris 1724, Fol.) Pieces justificat. Dipl. XCII. Imprimis igitur, heisst es in der erstge- 
nannten Urk., ad extirpandum penitus de terra nostra deStampesio constituta servitutis oppro- 
brium, statuimus, ut nullus, seu nulla conditionis servilis homo yelfemina de caetero in ea 
domum, Tineam, yel agrum yaleat possidere, ut sie de terra illa in posterum praeconio exalte- 
tur libertatis, quae huc usque humilis fuit et depressa opprobrio servitutis. Nullus de Manu- 
missis, yel eorum successoribus manens in terra nostra sine yoluntate nostra Stampensem 
potent intrare communem. Quilibet in terra nostra manens, ad molendina nostra molere te- 
nebitur, et alibi ei molere non licebit. Nullus poterit transmittere,yel transferre aliquomodo 
terram nostram in aliquam personam, quae non teneatur nobis omnino ad omnem redhibi- 
tionen, ad quam ipse teneretur. Volumus autem, et istud onus praeeipue propter benefi- 
cium libertatis concessae imponimus, ut de singulis XII gerbis, quae colligentur in terra 
nostra, yel etiam de XI, si plures non supererunt in campo numerandae, unam gerbam 
habeamus a nobis numerandam, et eligendam per eultorem agri ad nostram grangiam de- 
portandam, quae appelabitur Gerba libertatis: Circa campipartem tarnen, et deeimam, 
propter hoc nihil immutamus, set salvum sit nihilominus nobis per omnia jus campi- 
partis, et deeimae sicut ante. Simili autem modo per omnia duodeeimam partem habe- 
bimus de bladis non ligatis. Per haec autem quae specialiter expressa sunt in hac liberta- 
tis Charta, in nullo alias juri nostro volumus prae Judicium generari. Super caeteris 
enim redhibitionibus nostris, consuetudinibus, corveis, justitiis, talliis, et generaliter 
super alio quoeunque jure nostro nil immutamus, sed volumus, quod ea omnia illi- 
bata etjnconcussa in perpetuum maneant, exceptis tarnen capitalibus quae remit- 
tenda eis penitus duximus, et quitanda. Und in der erwähnten Urk. des Abtes Thomas 
y. J. 1250, mittelst welcher den Insassen des gleichnamigen Fleckens pro ducentis libris 



119 



fand, besonders seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, anlässlich 
der Freilassungen Öfters auch eine engere Begränzung dieser fortdauern- 
den Verbindlichkeiten und Lasten Statt, und namentlich wurde, wegen 
des steigenden heftigen, mitunter selbst bewaffneten und massenhaften 
Widerstandes, dem die Erheber begegneten, die erwähnte Taille häufig 
in eine feststehende Abgabe, in eine für alle Zukunft bestimmte runde 
Summe, in ein sogenanntes Abonnement de Taille umgewandelt 1 ). Die 
seltsamen und oft lächerlichen, den Seigneurs zudem ganz unnützen Ob- 
liegenheiten 2 ), denen die ländliche Bevölkerung in vielen Theilen Frank- 



Parisiensibus manum mortuam, forismaritagium, et omnimodam servitutem quam habe- 
bamus in dictis hominibus quantum ad personas, seu corpora ipsorum erlassen wird, 
werden doch die Bann- so wie alle sonstigen grund- und gerichtsherrlichen Rechte aus- 
drücklich vorbehalten, und nur theilweise minder drückend gemacht. So z. B.: Omnes 
homines de dicto Burgo St. Germani bannarii ad furnum nostrum, seu furna nostra per 
bannum coquere, et furnagia (prout hactenns consueverunt) nobis solvere tenebuntur. 
Si vero per duos dies aut per tres ad requisitionem illius qui panem suum ad coquendum 
petierit, furnarius coquere distulerit, extunc absque conlradictione et emenda quilibet 
dictorum hominum alibi, prout melius placuerit, panem suum deferre poterit ad co- 
quendum. 

*) Mehrere hierher gehörende Beispiele stellt Guerard in der Vorrede zum ersten 
Bande des Cartulaire de Notre-Dame de Paris p. CXC1V sq. zusammen. Unter andern: En 
1259, le chapitre (de Notre-Dame) avait affranchi les habitauts de L'Hay et de Chevilly, 
mais il s'etait reserve le droit de les tailler ä plasir. En 1267, il leur remit ce droit, qu'il 
convertit en un abonnement annuel de quarante livres parisis. Renaud, eveque de Pa- 
ris, en accordant la liberte aux habitants (moyenuant le prix de mille Ihres parisis. Car- 
tulaire T. III, p. 4 70) de Wissous en 1255, s'etait reserve sur eux la taille ä volonte. 
Leurs successeurs pour s'en affranchir, s'engagerent, en 1273 ä payer ä l'eveque un 
abonnement de 60 livres parisis. Die Einwohner von Saint-Cloud, obwol francs de leurs 
personnes et de leurs biens, berechtigt, diese zu verkaufen, über sie letztwillig zu verfü- 
gen, in St. Cloud oder anderwärts zu wohnen und sich nach Belieben zu verheirathen, 
blieben demungeacbtet der Taille ä volonte envers l'eveque de Paris bis gegen Ende d. 
vierzehnten Jahrhunderts unterworfen. Als sie die Entrichtung derselben im J. 1375 ver- 
weigerten, kam es zu einem langwierigen Rechtsstreit, der im J. 1381 vom pariser Parla- 
mente zum Vortheile des Bischofs entschieden wurde. Das betreffende Erkenntniss dessel- 
ben im angef. Cartulaire T. III, 325 sq. 

2 ) Einige Beispiele derselben, einer grossen Menge ähnlicher entnommen, mögen 
hier ausgehoben werden. So erzählt Pastoret, Ordouuances des Rois de France T. XVIII, 
Pref. p. XV: A Cressange en Bourbonnois, une amende etoit due par tous les censitaires 
qui n'alloient pas, chaque annee, le dernier mardi de mars, se promener, depuis le lever 
du soleil jusqu'ä son coucher, dans un cimetiere sans se parier entre eux; si d'autres 
personnes les interrogeoient, ils devoient leur faire la mine, et leur dire: Mars est Mars; 
ä Cressange sont les musards. — Bodin, Recherches histor. sur la Tille de Saumur T. I, 
pp. 264. 269 (daselbst 1812 — 1814. 2 vols*.) erzählt unter anderen: Lorsqu'il prenait fan- 
taisie au seigneur d'aller faire la meridienne dans son chäteau de Gaillard, situe dans la 
commune de Saint-Hilaire-le-Doyen pres Moutreuil, tous les habittns, une gaule ä la main, 
accouraient au premier signal des gens du Baron, se rongeaient en ligne sur la rive gauche 
du Thouet, et battaient Peau. Cette importante occupation, pour laquelle de malheureux 
paysans etaient obliges de suspendre tous les travaux de l'agriculture, avait pour objet de 



120 

reichs noch weit über das Mittelalter hinaus, hier und da bis ins acht- 
zehnte Jahrhundert, unterworfen blieb, sind nichts Anderes, als bei Frei- 
lassungen bedungene, vorbehaltene Erinnerungszeichen 1 ) an die in Rede 
stehenden und anderen aufgehobenen älteren, ungleich drückenderen Pflich- 
ten und Lasten gewesen, wie ja selbst Edelleute und geistliche Anstalten 
ihren Lehnsherren gegenüber zu ganz abgeschmackten Dienstleistungen 2 ) 



faire taire les grenouilles, dont le croassement aurait pu troubler le repos de Monseigneur. . . 
Les vassaux du seigneur de Souloire, paroisse que nous nommons aujourd'hui Somloire, 
etaient soumis ä des droits bien plus avilissans. L/un de ces droits donnait au sergent de 
la seigneurie celui de faire payer, ä chaque femme non jolie qui passait sur la Chaussee, 
quatre deniers, ou, si eile n'avait pas d'argent, il pouvait lui prendre la manche du bras 
droit de sa robe ou disposer d'elle une fois, ä son choix. Par un autre droit, tous ceux 
qui se mariaieut sur le fief de Somloire etaient obliges, huit jours ayant leurs noces, d'y 
inviter le sergent du chäteau. S'il lui plaisait de se rendre ä Finvitation, il se pla<jait ä 
table devant la mariee, ayant ä ses cötes deux chiens courans et un levrier auxquels on 
devait aussi ä diner.- Apres le festin, il dansait avec la mairee et chantait la premiere 
chanson. Ces deux derniers droits furent abolis par sentence du Presidial d'Angers le 
4 mars 1600; mais le seigneur de Somloire ayant interjete appel, le Parlement de Paris, 
par arrete du 6 mars 1601, infirma en partie la sentence du Presidial, et maintint le seig- 
neur en la jouissance du droit concernant les noces de ses yassaux. 

1 ) Dass dies der eigentliche Zweck solcher lächerlichen Verpflichtungen und Ge- 
bräuche gewesen, erhellt namentlich aus dem, was Bodin a. a. 0. 1, p. 263 sq. erzählt. — 
Besonders mannichfaltig waren jene Obliegenheiten, denen man auf den ersten Blick an- 
sieht, dass sie als Erinnerungszeichen an das abgeschaffte Recht der ersten Nacht die- 
nen sollten. So z. B. Le her d'Auxi avait Fetrange privilege d'accorder ä l'homme forain 
qui se mariait dans ce bourg la permission d'user des droits du mariage, la premUre 
nuit des noces; mais cette permission no pouyait etre refusee, par respect pour le sa- 
crement. Roger, Bibliotheque histor. monum. et litter. de la Picardie et de FArtois p. 133 
(Amiens 1844). Die mittelst eines im J. 1318 inter Joan. de Berbigny, Dom. de Dercy et 
habitatores ejusdem villae vereinbarten Vertrages aufgehobene Verpflichtung: Se aucuns 
demourans en ladite ville de Dercy se marioit hors de ladite ville de Dercy, il devoit et 
estoit tenuz ä amener sa femme au giste en ladite ville de Dercy la nuit que il l'espo- 
soit: et se famme de Dercy se marioit ä aucun de dehors, eile devoit et estoit tenue ä 
gesir d Dercy, la nuit que eile esposoit (Du Gange, Glossar. T. IV, p. 283 Ed. Henschel) 
hatte unstreitig denselben 2weck und wol auch das yon Bodin a.a.O. 1,267 erwähnte Recht, 
welches permettait au seigneur de Poce de faire amener, Je jour de la Trinite, par ses officiers 
ou ses gens, toutes les femmes yo/ies de la yille et des faubourgs; par ce mot jolies on enten- 
dait alors les femmes sages et honnetes. Chacune deyait payer aux officiers du seigneur 
quatre deniers, leurs donner un chapeau de roses, et danser avec eux devant la Dame du chä- 
teau. 11 etait permis aux valets de se servir d'un aiguillon, marque aux armes de leur maitre, 
pour piquer, jusqu'ä trois fois, les fesses de celles qui refusaient de danser. Toutes les 
femmes «non jolies et notoirement diffamees de ribauderie» (libertinage) devaient se 
presenter avec les autres ou payer une amende de cinq sous. 

2 ) Roger a. a. 0. p. 132 sq. stellt deren verschiedene nur aus Artois zusammen. — 
Die sonderbarsten und lächerlichsten wurden aber unstreitig in England, der alten Hei- 
math der Sonderbarkeiten, angetroffen. War doch dort noch in den Tagen König Jakobs 1, 
d. b. in der ersten Hälfte des XVII Jahrhunderts, einer der Vasallen des genannten Mo- 
narchen verpflichtet, jährlich an Weihnachten vor diesem und dem versammelten Hofe zu 
keinem anderen Zwecke zu erscheinen, als ut faceret, wie der britische Geschichtschrei- 



121 



gehalten waren, die eben auch nur den verwandten Zweck hatten, in 
jenen das Andenken ihrer Abhängigkeit stets wach zu erhalten. 

Es folgt hieraus, dass durch die in Rede stehenden Freilassungen, 
da selche, wie gesagt, nur in den allerwenigsten Fällen absolute waren, 
wohl einzelne Freie, aber noch lange kein freier Bauernstand, sondern 
nur eine Klasse von halb- oder mittelfreien Landleuten geschaffen 
wurde, und zwar, wegen der Verschiedenheit der Bedingungen jener, in 
mannichfachen Abstufungen, die sich auch in ihren Benennungen aus- 
drückten. Die unterste Klasse der Freigelassenen mögen, im Latein des 
Mittelalters, die Colliberti gebildet haben, da sie gleich den Leibeige- 
nen und Hörigen verkauft, vertauscht und verschenkt werden konnten; 
dass sie aber dennoch höher als diese standen, erhellt aus der Thatsache, 
dass es der Freilassung bedurfte, um aus einem Serf einen Collibertus 
zu machen; im Ganzen mag des Letztern Lage der des fränkischen Co- 
lonen entsprochen haben 1 ). Eine höhere Gattung der Freigelassenen 
wurde mit dem Namen Hospites bezeichnet; sie waren nicht an die 
Scholle gebunden, zwar von vielen Diensten und Verpflichtungen der 
Colliberti befreit, dagegen aber auch sehr oft keine Erbpächter, da für 
die eingeräumte Befugniss, den Grund und Boden, auf welchem sie sassen, 
zu verlassen, der Seigneur sich meist die vorzubehalten pflegte, sie von 
demselben nach Belieben auch zu entfernen 2 ). Noch besser gestellt, aber 
wenig zahlreich, da ihrer nur selten gedacht wird, waren die sogenann- 
ten Homines de suis M an ibus, indem mit diesem Ausdruck Freige- 
lassene bezeichnet wurden, die ihrem Seigneur nur noch zu Handfrohn- 
diensten verpflichtet geblieben 3 ). 

Da die hier in Rede stehenden Freilassungen sich nicht auf einzelne 
Personen oder Familien beschränkten, sich vielmehr oft genug auf ganze 
Dorfschaften erstreckten, und der Vorgang der Städte zur Nachahmung 
reizte, so lag es sehr nahe, dass namentlich diejenigen^ die eine solche 
collective Verbesserung ihrer Lage erkauft hatten, ihr hierdurch neu 
gestaltetes Verhältniss zur Grundherrschaft für die Gesammtheit der Dorf- 



ber Camden berichtet, unum saltum (Bockssprung), unum sufflatum (Aufblasen der Backen) 
et unum bumbulum\ Archiy für Gesch. Geneal. u. verwandte Fächer IV, 368 (Stuttg. 
1846—47. 4 Hefte.). Magazin f. d. Literatur d. Auslandes 1840, No. 34, woselbst noch 
mehrere sonderbare englische Lehnspflichten sich zusammengestellt finden. 

*) Guerard, Cartulaire de FAbbaye de Saint-Pere de Chartres T. I. Prolegom. p. XLII. 
Bibliotheque de FEcole des Chartes Ser. IV. T. II, p. 412 sq. Lezardiere, Theorie III, 
91. 439. 

2 ) Guerard a. a. 0. p. XXXVI. Du Cange, Glossar, y. Hospites. Perreciot I, 350 sq. 

3 ) Du Cange, Glossar T. III, p. 689 Ed. Henschel. 



122 

bewohner mittelst einer sogenannten Charte d'Affranchissement oder de 
Coutumes urkundlich festzustellen suchten. So sind die Dorfrechte der 
ländlichen Gemeinden entstanden, meist zwar nur verstümmelte und 
schwache Abklatsche der Communal-Charten der städtischen, aber den- 
noch von nicht unbedeutendem Werth. Einmal, weil sie der Erneuerung 
der frühern Willkühr in mehrfacher Hinsicht Schranken setzten, wie 
schon angedeutet, eine engere Begränzung mancher drückenden, wie z. B. 
der Bann- und anderer grundherrlichen Rechte gewahrten 1 ). Dann, weil 
sie nicht selten der Gesammtheit der Dorfinsassen manche erhebliche 
Nutzungs- wie auch sonstige Rechte und bisweilen wol selbst Befugnisse 
einräumten, die den Privilegien der Bürgerschaft ziemlich nahe kamen. 
Daher rührt es, dass im mittelalterlichen Frankreich die Granzlinie zwi- 
schen Stadt- und Dorfrecht sich mitunter schwer bestimmen liess. So 
gab es hier z. B. schon um die Mitte des zwölften Jahrhunderts gar 
manche Dorfgemeinde 2 ), die von ihrem Seigneur das vielbeneidete Vor- 



1 ) Franchises du bourg devant d'Abbans, donnees par Jean de Chalon-Arlay a. J297: 
Memoires et Docum. inedits p. serv. a THist. de la Franche-Comte T. II, p. 507: Burgenses 
debent deferre bladum suum ad molendinum domini et ibi expectare per unam noctem 
et diem; et si infra dictum terminum non possunt incipere expediri, possant extunc 
suum bladum alibi deferre sine poena; qui autem contra hoc fecerit, tres solidos de- 
bebit. Illud item de furnis banalibus domini dicti loci intelligitur , Coutumes de Mon- 
tesquiou, donn. p. Geulil de M. a. 1307: Monlezuu, Hist. de la Gascogne T. VI, p. 123: 
Nemoque dicti castri, Tel ejus territorii habeus et tenens ex suo nutritio, in domo, hospiüo, 
seu borda sua vel aliena, anseres seu gallinas, teuetur yendere domino dicti castri, nisi 
semel in anno, unum de dictis anseribus, pro tribus denariis monetae currentis, et 
unam de ipsis gallinis pro duobus denariis dictae monetae. Si quis vero habeat anseres, 
vel gallinas, vel alias quam ex suo nutritio, non tenebitrir eos, vel eas, vel ipsarum ali- 
quem, seu aliquam vendere domino dicti castri, nisi sicut alii cuicumque. Si vero dominus 
dicti velit plures anseres vel gallinas habere, debebit eas emere sicut alii indigenae, vel 
advenae dicti castri; quisque hominum territorii seu ballivae dictae morans ibi extra dic- 
tum castrum, et burgos seu barria ejus, possit ibi furnum tenere, et in ipso coquere pa- 
nem suum, et alienum prout sibi placebit; morans vero in ipso Castro, et barriis ejus, 
coquens panem suum, vel alienum, in furno, seu furnis domini ejusdem castri, non tenea- 
tur propter hoc dare, seu solvere domino ipsius castri, vel furneriis suis, nisi vicesimam 
partem panum ibi coctorum, videlicet de viginti panibus unum, non meliorem, majorem, 
sed medium. Si vero dominus dicti castri noluerit, vel non possit coquere panem seu pa- 
nes pro visecima parte ipso, in suis furnis, quisque hominum dicti castri et ejus territorii 
seu ballivae, possit licite et libere facere furnum in kospitio seu domo sua, in dicto 
Castro vel extra, et ibi coquere panem suum, vel alienum prout ei placebit. 

2 ) Wie z. B. Vervins von Raoul von Coucy im J. 1163: Quicumque in villa per an- 
num et diem manserit, nisi dominus intra terminum istum eumrepetierit, über sicut alius 
manebit, sin autem infra terminum predictum eum repetierit, et ille si ejus esse cogno- 
verit, infra libertatem ville non tenebitur, sed si requisitus se ejus esse negaverit, proprio 
corpore dominus requirens eum probare suum debebit. Le Long, Hist. eccles. et civile 
du Diocese de Laon p. 608. 



128 

recht der Städte erhalten, dass fremde Grundholden, die Jahr und Tag 
unangefochten in ihrer Mitte geweilt, frei wie die anderen Insassen, d. h. 
mit diesen gleich berechtigt sein sollten, und zugleich Bestimmungen er- 
wirkt hatte, die es dem Herrn jener nicht eben leicht machte, seinen 
Anspruch zu erweisen. Wenn die anlässlich der Freilassungen ganzer 
Bauerngemeinden gegebenen Dorfrechte aber solche Privilegien — wel- 
chen ohne Zweifel dieselbe Absicht wie den oben (S. 26) erwähnten 
Fueros der ländlichen Gemeinden Spaniens zu Grunde lag, nämlich die, 
viele neue Ansiedler anzulocken — auch nicht bewilligten, gewährten 
sie doch sehr oft den Dörflern, und zumal denen geistlicher Seigneurs, 
umfassende, oder doch mindestens theilweise Benützung der, bislang 
den Letzteren ausschliesslich vorbehaltenen grundherrlichen Waldungen, 
Weiden und Fischereien, theils unentgeldlich, theils gegen eine ganz 
massige Vergütung 1 ), und, als werthvollste Gabe, eine erhebliche Verbes- 
serung der bis dahin gar sehr im Argen liegenden Rechtspflege. 

Allerdings trat diese gleich der ganzen Gemeindeverfassung fast nir- 
gends aus den patrimonialen Grundformen heraus. An der Spitze des 
Dorfes stand nach wie vor ein 2 ), ausschliesslich vom Grundherrn, 
der zugleich auch oberster Gerichtsherr war und blieb, — der Theorie 
nach konnte man zwar an den Suzerain, also in den unmittelbaren Kron- 



*) Dorfrecht des Domkapitels zu Reims für die Gemeinde Maiibert v. J. 1208: Varin, 
Archives administr. de la ville de Reims T. I, p. 473 (Paris 1839): Aisancias quoque 
nemorum nostrorum et pascua nostra, sicut et ceteri homines villarum nostrarum de 
Potestatibus commiiniter habebimt, exceptis nemoribus que eisdem hominibus tantum 
concessimus ad usum. Angef. Coutumes de Montesquiou v. J. 1307: Moiilezun T. VI, 
p. 125: Quilibet homimim ejusdem castri et ejus territorii ; sive ballivae potest venari et 
piscari libere per totam terram et aquam ejusdem castri et baroniae Anglesii, excepto ne- 
more seu bedato vocato de Montepessulano sito in balliyia castri novi de Anglesio, et uti 
et explectare libere ipsam terram et nemora ipsius domini ; herbis, foliis, aquis, lignis 
aridis et cassis, ad omnem usum, et familiae suae, et animalium suorum, absque aliquo 
herbagio, forestagio, carnalagio, vel alio emolumento quocumque, ipsi domino iude 
praestando, nisi teneat, nutriat et pascat ibidem ultra tria capita bovum seu yaccarum 
majorum, et yitulos earumdem, quod si fecerit, possit haec licite facere, solvendo inde, 
quolibet anno, semel pro quolibet capite illorum boviim et yaccarum majorum ultra dictum 
numerum ibi pascentium, domino dicti castri, duodecim denarios monetae currentis, et 
pro quolibet yaccino seu boye, yel yacca majore anno, et minore quatuor annis, sex de- 
narios dictae monetae, et pro yitulo, seu yitula annicula yel minore nihil. Desgleichen 
auch sonstiges Kleinyieh, wie Schweine u. s. w. — Vergl. noch die Coutumes de St. 
Gemme y. J. 1275: ebendas. T. VI, p. 270 sq., so wie Lezardiere, Theorie des Lois T. IV, 
pp. 64. 271 sq. und Monteil, Traite de materiaux manuscrits de diyers genres d'histoire 
T. I, p. 8. 

2 ) Gehörte dasselbe aber, was häufig der Fall war, zwei yerschiedenen Gutsherren, 
so hatte es auch, da deren jeder einen zur Wahrung seiner Rechte bestellte, zwei Maires, 
was auch bei grossen Dorfschaften öfters yortam Varin a. a. 0. 1, 388. 418. 



124 

landen an den König appelliren *); aber wie viele Dörfler maren im Stande, 
bis zu ihm zu dringen? — ernannter Beamter, Maire (Major, Yillicus) 
genannt, früher Aufseher der Leibeigenen und Ueberwacher ihrer Arbei- 
ten, und jetzt Erheber der grundherrlichen Gefälle, Vollstrecker der Er- 
kenntnisse des Dorfgerichts und mitunter wol auch Vorsitzender dessel- 
ben. Dafür waren 2 ) diesen ursprünglich aus den Insassen des Dorfes 
selbst oder anderen Hörigen des Gutsherrn genommenen Maires, die je- 
doch dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend ihr Amt meist, hier früher 
dort später, in ein erbliches Lehn zu verwandeln gewusst, und schon 
im zwölften Jahrhundert nicht selten selber als kleine Seigneurs sich ge- 
bahrdeten, ausserdem bestimmte gar nicht unbedeutende Grundbesitzungen 
und Bezüge an Geld, Naturalien u. s. w. überwiesen worden, mit wel- 
chen sie indessen oft genug nicht zufrieden waren, und ihre Stellung zu 
den ärgsten Erpressungen und Bedrückungen der Dorfinsassen miss- 
brauchten 3 ). 

Darum war es für diese von grossem Werthe, dass sie mittelst der 
in Rede stehenden Dorfrechte die Befugniss erlangten, die Urtheilsfinder 
und Mitglieder, die Schöffen des Ortsgerichts fortan aus ihrer eigenen 
Mitte zu wählen, von welcher Nachbildung der städtischen Schöffenge- 
richte zumal in den geistlichen Gebieten Beispiele schon in der zweiten 



x ) Urk. des Königs Philipp August II v. Frankreich für das Kloster Figeac (en Quer- 
cy)v. J. 1186: Ordonuances des Rois de France T. XVI, p. 21 : Ad hoc addimus ; ut abbas — 
super homines sibi subditos plenariam juridicionem habeat et potestatem, et quod super 
causis in presencia sua tanquam judicis de jure disoussionem habentibus, prout judiciarius 
exegerit, sentenciam secundum jura legalia yel decretalia ferat, nullusque a sentencia 
quam abbas in Ulis causis pronunciaverit super temporalibus rebus, nisi ad nos vel 
ad successores nostros Reges Franciae appellare presumat. Yergl. noch Loysel, Insti- 
tutes coutumieres T. II, p. 238. 

2 ) Dorfrecht des Erzbischofs Wilhelm von Reims für die Gemeinde Thuisy v. J. 1191: 
Varin I, 419: Talern consuetudinem et jus in eadem villa majores habere Toluimus uni- 
cuique scilicet eorum. redditus duorum quarteriorum terre relaxamus, duodecim panes 
et duodecim denarios pro Tino emendo, et porcum tribus solidis et dimidio appreciatum, 
et foragia eis concedimus. 

Urkundl. Stelle ex Cod. Mscr. Eccles. Carnot. ca a. 1400 bei Du Gange, Glossar. IV, 
p. 194 Ed. Henschel: Habent insuper in dictis villis alios officiarios seu servientgs, qui 
Majores vocantur, ad quos spectat facere adjornamenta, redditus, census et deveria alia 
capituli perquirere, malefactores capere et ad carceres capituli adducere, et alia expleta 
justitiae facere, quilibet in territorio sibi ab olim constituto. Qui omnes habent aberga- 
menta, terras, reddibencias, et redditus ad suas majorias pertinentes, quas tenent a capi- 
tulo in feodum et racheta solvunt, videlicet filius patre mortuo, vel aliqualiter cumque 
mutetur homo. 

3 ) Guerard, Cartulaire de Saint-Pere de Chatres T. I Prolegom. pp. LXXIV.'^CXX sqq. 
Leber, Hist. crit du pouvoir municipal en France p. 199 sq. (Paris 1828). 



125 

Hälfte des zwölften Jahrhunderts öfters vorkommen 1 ). Manche, und eben- 
falls geistliche Grundherrschaften gingen in ihrer klugen, wohlverstan- 
denen Liberalität noch weiter und räumten den Dörflern nicht nur die 
freie selbstständige Wahl des Maires ein, sondern auch die eines die- 
sen und die Schöffen überwachenden besondern, Geschworne (Jurats) 
genannten Gemeinde- Aus Schusses 2 ). 

Bis gegen Ausgang des dreizehnten Jahrhunderts beschränkten sich 
in Frankreich die Freilassungen selbst in der hier in Rede stehenden 
Begränzung indessen, wie berührt, fast überall auf einzelne Personen, 
Familien oder Dorfschaften, und erstreckten sich nur äusserst selten auf 
alle Insassen einer Seigneurie oder eines grössern Bezirkes. Einen sehr 
wesentlichen Theil der Schuld hiervon trägt ohne Zweifel jene Bestim- 
mung der Lehngesetze, die zu jeder gültigen Minderung des Territo- 
rial- wie dinglichen Besitzes, und der Gerechtsame eines Vasallen nicht 
nur die Genehmigung seines unmittelbaren Lehnsherrn, sondern auch 
Aller bis zum obersten Suzerain (dem Könige) erforderte, welchen die- 
ser Lehnsherr des freilassenden Vasallen seiner Seits lehnrechtlich un- 
tergeordnet war 3 ). Selbst Frankreichs Bischöfe konnten ohne Erlaubniss 
des Königs, ihres obersten und oft auch einzigen Lehnsherrn, nicht 
Einen ihrer Grundholden oder sonstigen Dienstleute von den Ban- 
den der Hörigkeit befreien 4 ), weil diese eben so wol wie der Boden, 



1 ) Dorfrecht des Metropolitankapitels zu Reims für die Gemeinde Fraillicurt y. J. 1 181. 
Vario I, 386 : Omnes justicie totius territorii prefate yille per Scabinos ejusdem ville 
judicabuntur, et in quocumque casu per eosdem exercebuntur. Angef. Dorfrecht des 
Erzbischofs Wilhelm y. Reims für die Gemeinde Thuisy v. J. 1191: Varin I ; 418: Duos 
habebnnt scabinos, qui nobis et toti yille fidelitatem jurabunt ; nobis de jure nostro, ville 
de justicia in causis et judicio exhibenda; unus vero eorum a scabinatu singulis 
annis amovebitur, nisi forte talis fuerit qui pro utilitate ville mereatur retineri. 

2 ) Dorfrecht des Erzbischofs Wilhelm von Reims für die Gemeiude Coulommes v. J. 
1223: Varin I, 526 : Quatuor juratos habebitis, qui nobis et toti yille fidelitatem jurabunt, 
nobis de jure nostro, ville de justicia, et causis et justiciis exequenda. Duos scabinos ha- 
bebitis, et majorem unum qui similiter jura nostra et jura yille jurabunt, et major et sca- 
bini ponentur per assensnm quatuor juratorum, et quatuor jurati de assensu ville. Duo 
eorum juratorum singulis annis amovebuntur, nisi tales inyenti fuerint quod pro utilitate 
yille debeant retineri, et majores et scabini similiter amovebuntur, 

3 ) II falloit que chaque affranchissement füt confirme par tous les seignetirs snpe- 
rieurs, en remontaut jusqu'au roi, et ä defaut de la confirmation de Vun de ces differens 
seigneurs, le serf, malgre V affranchissement de tous les autres, lui etoit devolu. Hen- 
rion de Pansey, Dissertations feodales T. 11, p. 158. Vergl. noch Torcy, Recherches 
chronol. histor. et polit. sur la Champagne p. 384 (Troyes 1832.) und Loysel, Institutes 
coutumieres T. I, p. 121 sq. 

4 ) Dictum fuit quod Episcopus Catalaunensis manumittere non potest servientes suos, 
etiaensi Capitulum consentiat, sine voluntaie Regis. Stelle aus einem Erkenntnisse des 



126 

auf welchem sie sassen, Bestandteile ihres Lehns bildeten. Ein Leib- 
eigener wie überhaupt jeder Unfreie , der von seinem unmittelbaren 
Seigneur ohne Zustimmung aller Feudal-Oberherren, deren Einwilli- 
gung erforderlich war, emancipirt worden, würde dadurch nicht die Frei- 
heit, oder auch nur Milderung seines Looses, sondern lediglich einen 
Wechsel des Gebieters erlangt haben, indem an die Stelle des Herrn, 
von dessen Joch er sich losgekauft, derjenige der in Betracht kommen- 
den verschiedenen Suzeraine getreten wäre 1 ), der nicht consentirt hatte. 
Da nun alle Lehnsoberherren, deren Einwilligung erwirkt werden musste, 
solche nur in den seltensten Fällen unentgeldlich ertheilten, zudem 
zwischen denselben und ihren Vasallen in jenen Tagen nur zu oft Fehde, 
Hass und Feindschaft walteten, ist leicht zu ermessen, welch' gewaltige 
Hindernisse daherrührende Bosheit oder Rachsucht, und mehr noch ihre 
Kostspieligkeit den ersehnten Freilassungen, zumal in grösserem Umfange, 
der meist armen Serfs entgegen wälzten. 

Und eben desshalb ist dem Fortgange und der Ausdehnung der- 
selben Nichts förderlicher gewesen, als die bedeutsame Umwandlung, 
die während des dreizehnten Jahrhunderts im französischen Lehn- 
staate erfolgte. Bekanntlich sind im Laufe desselben mehrere der grossen 
Kronvasallen-Geschlechter ausgestorben, ihre Besitzungen hierdurch den 
Capetingern anheimgefallen; bekanntlich gelang es diesen damals ausser- 
dem noch viele andere durch glückliche Kriege, Käufe oder gewandte 
Unterhandlungen mit ihrem unmittelbaren Gebiete zu vereinen, so dass 
etwa die Hälfte des damaligen Frankreich am Ende des genannten Zeit- 
raums dem Träger der französischen Krone auch als seinem direkten 
und einzigen Oberlehns- und Landesherrn gehorchte. Damit wurde 
nun der Kreis der Territorien, in welchen das angedeutete Bedürfniss 
mehrseitiger Zustimmung bei Freilassungen meist auf eine einzige, die 
des Königs, reducirt wurde, nicht nur ganz bedeutend erweitert, sondern 
glücklicher Weise auch auf die beschränkt, die stets am leichtesten zu 



pariser Parlaments v. J. 1277 bei Du Gange, Glossar. IV, p. 256 Ed. Henschel, woselbst 
noch weitere diesiallige Belege sich zusammengestellt finden. 

l ) Urk. König Ludwigs XI y. J. 1474: Ordonnances des Rois de France T. XVIII, 
p. 48: l'umble supplicacion de Domanche Colconet, prestre, chanoine en l'eglise cathe- 
drale de Chalons, natif de nostre pays de Champaigne, contenant que — pour ce qu'ü 
est issu de serve condicion et qu'il a este manumis par seigneurs naturels tant seu- 
lement (ohne kömgl. Genehmigung), par quoy, selon la coustume de Champaigne (die in 
dem Betreff mit der ganz Frankreichs übereinstimmte), il est retourne envers nous en 
semblable servztude qu'il estoit envers lesdicts seigneurs naturels, paravant ladicle 
manumission, il doubte que, apres son trespaz, on veuille, ä ceste cause, mectre et donner 
empechement en ses biens, et les prendre de par nous, comme ä nous advenuz et escheuz, 
au moyen dudit retour de servitude, se nostre grace ne lui estoit sur ce impartie. 



127 



erhalten gewesen. Denn Frankreichs Könige, seitdem sie gesehen, wie 
sehr die Erlösung der Städte von den Banden der Hörigkeit die Bildung 
eines neuen, zum wirksamen Gegengewicht der bisherigen Uebermacht 
des Adels und der Geistlichkeit dienenden Standes die Erhöhung ihrer, 
vordem so tief herabgedrückten Macht befördert, hielten unverbrüchlich 
den Grundsatz fest, auch die Erhebung des Landvolks zu einem men- 
schenwürdigeren Dasein möglichst zu begünstigen und zu erleichtern. 
Einmal, weil sie, und mit Recht, von der Dankbarkeit desselben nicht 
viel weniger erspriessliche Früchte zu ernten hofften, als von der der 
Bürgerschaften; dann, weil sie bald die Erfahrung gemacht hatten, dass 
es ganz in ihrer Macht stand, das Reifen früher selbst nicht geahnter 
erheblich zu beschleunigen. Sie haben darum nicht nur ihren oberlehns- 
herrlichen Consens zu den fraglichen Freilassungen stets bereitwillig, und 
meistens auch unentgeldlich, ertheilt, sondern frühzeitig schon auch eines 
eben so schlau ausgedachten wie probaten Mittels sich bedient, um die 
berührten grossen anderweitigen Hindernisse, die denselben oft entgegen- 
standen, zu beseitigen. Freilich wird es stets zweifelhaft bleiben, ob 
mehr diese Absicht oder die eben angedeutete Erfahrung, dass das frag- 
liche Vehikel nämlich auch dazu trefflich benützt werden könne, auf 
Kosten der Kronvasallen und übrigen Seigneurs in der mühelosesten und 
wohlfeilsten Weise von der Welt ihre Einkünfte und die Zahl ihrer un- 
mittelbaren Unterthanen zu vermehren, die Capetinger zum Ersinnen 
und consequenten Anwenden desselben bestimmte. 

Philipp II August, der während seiner 43jährigen Herrschaft 
(1180 — 1223) die feste Begründung und Erweiterung der königlichen 
Gewalt auf Kosten der Feudal-Hierarchie am planmassigsten verfolgte *), 
und im Aufspüren der dazu dienlichsten, freilich nicht immer lautersten, 
Mittel eine seltene Meisterschaft entwickelte 2 ), der daneben die Verbes- 
serung der Lage auch der untersten Volksklasse gerne in jedmöglicher 
Weise förderte 3 ), mag auch der Erfinder der hier in Rede stehenden 
Maxime gewesen sein, dass jede mit Gemeinheitsverfassung versehene 
Stadt, gleichviel wer bislang ihr Seigneur gewesen, durch den Erwerb 
jener des seitherigen Unterthanenverhältnisses ledig und fortan nur der 
unmittelbaren Hoheit des Königs unterworfen sei. Die stillschweigende 
Anerkennung dieses Grundsatzes mag den genannten, im Aufstellen neuer 



1 ) Malby, Observation sur FHist. de France I, 244 sq. Ed. Guizot. 

2 ) Wie man aus der interessanten Zusammenstellung derselben bei Delisle, Catalogue 
des Actes de Philippe-Auguste, Introduct. p. CXIII sq. (Paris 1856) entnimmt. 

3 ) Delisle a. a. 0. p. CXXI. 



' 128 

Theorien überhaupt nicht blöden Capetinger ermuthigt haben, bald noch 
einen Schritt weiter zu gehen, und auch das Recht, Bürger in ganz 
Frankreich, also auch in den Territorien der grossen Kronvasallen 
und selbst ihrer Unterlehnsträger zu creiren, als ausschliessliches könig- 
liches Prärogativ zu proklamiren. Und zwar — und hierin, bestand die 
eigentliche Feinheit dieses Manoeuvres, — zwei Gattungen von Bürgern, 
dingliche (Bourgeois reel), wirkliche Bürger und Einwohner einer 
Stadt, und persönliche (Bourgeois personnel, Bourgeois du Roi), fic- 
tive Bürger. Es sollte nämlich zur Erwerbung des persönlichen Bürger- 
rechts die eidliche Erklärung genügen, dass man, ohne seinen bisherigen 
Wohnsitz zu ändern, ohne die Scholle zu verlassen, seinen seitherigen 
Seigneur ablaugne, sich von ihm lossage und fortan in dieser oder jener 
Stadt, gegen Entrichtung einer bestimmten jährlichen Abgabe, als Bür- 
ger des Königs eingeschrieben werden wolle. Solchergestalt hörte der 
wirkliche Eintritt in die Einwohner-Körperschaft einer privilegirten 
Stadt auf, das einzige Mittel zur Erlangung bürgerlicher Rechte zu sein, 
dazu reichte fortan schon eine einlache Erklärung (simple aveu) zu 
Gunsten der königlichen Hoheit aus. «Das Privilegium trennte sich von 
den Oertlichkeiten, um die Personen aufzusuchen, und bildete in der 
Stille eine neue Klasse von Bürgern, die man hätte ««Reichsbürger»» 
nennen sollen» 1 ). 

Zwar wurde gewöhnlich zur Beschwichtigung des Seigneurs, von 
dem man sich lossagte, trotzdem dass man auf seinem Grund und Boden 
sitzen blieb, der erwähnten eidlichen Erklärung die fernere Betheuerung 
angehängt, dass der fragliche Wechsel des Herrn unbeschadet der Ver- 
pflichtungen gegen den bisherigen geschehe. Das war aber 2 ), wie sich 
bald zeigte, eine thatsächlich bedeutungslose Förmlichkeit, und den Hö- 
rigen in dieser königlichen Neuerung ein sehr wirksames Mittel gegeben, 
die Seigneurs ihren Wünschen zugänglicher zu machen, indem diese es 
begreiflicher Weise gar oft vorzogen die früher beharrlich versagte, 
oder übermässig hoch taxirte Freilassung um billigen Preis zu gewähren, 
als es auf Ausführung der, selbst wenn auch nicht ausgesprochenen, doch 
leicht zu errathenden Absicht der Petenten ankommen zu lassen, anderen 
Falls «Bürger des Königs» werden , zu wollen. Alle Klagen und Be- 



*) Worte Thierry's (Essai sur l'Hist. de la formation et des progres du Tiers-Etat 
Chap. II.). 

2 ) Serment suspect, et qui supposoit une distinction bien delicate et bien abstraite, 
entre le but de la demande et l'effet necessaire et connu de la chose demandee. Bre- 
quigny, Preface zu T. XII der Ordonnances des Rois de France p. XXV. 



129 

schwerden, mit welchen die Kronvasallen 1 ) und sonstigen Grundherren 
über diese faktische Entziehung ihrer Hintersassen, ohne dass dieselben 
die immer missliche Entweichung in die Städte zu wagen brauchten, 
die Capetinger bestürmten, sind von letzteren, je mehr sich ihre Macht 
consolidirte, auch je weniger beachtet worden, vermochten sie nur zu 
mehr scheinbarer, als wirklicher Abhülfe. Denn die, diese verfügenden 
Verordnungen der Könige wurden, wie aus deren öfterer Wiederholung 2 ) 
erhellt, von den Beamten derselben, ohne Zweifel geheimen königlichen 
Weisungen gemäss, nur sehr schlecht und lässig, wenn überhaupt, voll- 
zogen. Und vornehmlich deshalb konnte die beregte Drohung mitunter 
so wirksam sich erweisen, dass sogar Fälle vorgekommen sind, wo Hö- 
rige den von ihren Seigneurs angebotenen Loskauf verweigerten 3 ). 

Dies probate Mittel von den Grundherren ihre Freilassung zu er- 
langen, Hess sich indessen immer nur von einzelnen Personen oder Fa- 
milien, nie von ganzen Dorfschaften anwenden, indem die Capetinger 
die Ausdehnung der fraglichen Theorie auch auf letztere doch nicht 
wagten. Und eben darum hat die oben berührte beträchtliche Erweite- 
rung des unmittelbaren königlichen Gebietes so wesentlichen Einfluss 
auch auf den Umfang der Befreiungen des Landvolkes, d. h. auf die 
Erstreckung dieser auf ganze Seigneurien, Grafschaften und Pro- 
vinzen geübt. Der Ruhm, den ersten Anstoss zu solchen massenhaf- 
ten Freilassungen gegeben zu haben, gebührt Philipp IV, dem Schö- 
nen, jenem ebenso unheimlichen als genialen Monarchen, der auch die 
ersten erschütternden Schläge gegen das Pabstthum und nicht viel weni- 
ger gewichtige gegen die Feudal-Aristokratie, besonders durch die von 
ihm eingeführte Verleihung des Adels für Geld*), führte. Doch waren 



x ) Der Mächtigste unter diesen, Herzog Philipp der Kühne von Burgund, wagte, je- 
doch erst gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, in arger Geldnoth die Nachahmung 
des in Rede stehenden königlichen Kunstgriffes. Er erliess nämlich (7 Juni 1389) die 
Verordnung, dass jeder Hörige oder sonstige Bauer seines Landes sich zum «Bürger des 
Herzogs» erklären, und damit der Botmässigkeit seines bisherigen Grund- und Gerichts- 
herrn entziehen könne. Aber die ungemeine Aufregung, welche diese, ihre Herrenrechte 
mit einem tödtlichen Stosse bedrohende, Neuerung unter den burgundischen Baronen, be- 
sonders unter denen der Franche-Comte erzeugte, und ihre ihn beängstigende Allianz 
mit der Geistlichkeit nöthigten den Herzog schon nach wenigen Jahren (16. No?. 1394) 
zum Widerrufe der fraglichen Ordonnanz, so wie aller auf Grund derselben von ihm seit- 
her verliehenen bourgeoisies du prince. Rougebief, Hist. de la Franche-Comte p. 300 sq. 

2 ) Brequigny a. a. 0. p. XXX. Henrion de Pansey I, 256 sq. 

3 ) Cet etablissement forga les Seigneurs d'adoucir tellement le joug sous lequel ils 
faisoient gemir leurs Vassaux, que les Serfs meme pousserent quelque fois l'indifference 
jusqu'ä refuser de se racheter pour le prix auquel on avoit evahie leur affranchissement 
Brequigny 1. c. p. XXXI. Vergl. noch Leber, Hist. du pouvoir municipal p. 265 sq. 

4 ) Innovation mortelle ä l'esprit de la feodalite. Martin, Hist. de France VI, 24 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 9 



130 

es keineswegs Humanitätsgründe, denn diesen ist wol Niemand unzu- 
gänglicher gewesen, als der in Rede stehende Herrscher, die ihn dazu 
bewogen, sondern seine unaufhörlichen Geldbedürfnisse und die seiner 
tiefen staatswirthschaftlichen Einsicht sich aufdrängende Erwägung, dass 
die Frohndienste und übrigen persönlichen Leistungen der Grundholden, 
namentlich der entfernteren Theile seiner Domainen, weit weniger ihm 
selbst nützten, als seine dortigen Verwaltungsbeamten bereicherten, die 
zugleich den König und dessen.Bauern bestahlen 1 ). 

Darum verfügte Philipp IV zuvörderst (April 1298) in der, erst 
von seinem Vater Philipp III mit den unmittelbaren Besitzungen der Ca- 
petinger (1271) vereinten grossen Grafschaft Toulouse, nämlich in 
der Senechaussee von Toulouse und Albi die Aufhebung sowol der 
persönlichen wie dinglichen 2 ) Hörigkeit mittelst der Erhebung aller 
dortigen unmittelbaren königlichen Hintersassen, — denn auf die der 
geistlichen wie weltlichen Seigneurs, über welche Frankreichs Beherr- 
scher in der Hinsicht kein Schaltungsrecht besass, erstreckte sich diese 
Emancipation selbstverständlich nicht, — zu voller persönlicher und 
dinglicher Freiheit und der Umwandlung der seitherigen Lasten ihres 
Grundbesitzes in die feststehende, sehr massige, Jahresabgabe von zwölf 
turonensischen Denaren 3 ) für jede Sestersaat Land. 

Es scheint Philipps IV Absicht gewesen zu sein, die Nachwelt in 
Ungewissheit darüber zu lassen, ob er diese grosse und folgenreiche 
Wohlthat den Bewohnern einer Provinz, die stets zu den kostbarsten 
Juwelen der französischen Krone zählte, unentgeldlich oder nur gegen 
Bezahlung erwiesen. Denn in der betreffenden Urkunde 4 ) annullirt der 
König ausdrücklich die zwischen seinen Bevollmächtigten und den eman- 
cipirten Bevölkerungen vordem etwa vereinbarten pecuniären Stipulatio- 
nen, ohne von anderen, diese ersetzenden, Vereinbarungen oder sonst 
ausbedungener oder angebotener baarer Erkenntlichkeit das Geringste zu 
erwähnen. Dennoch gestatten die bekannte Geldgier Philipp des SchÖ- 



*) Sismondi, Hist. des Francis IX, 48 

2 ) Wie aus den Worten in der betreffenden Urk. K. Philipps IV: in quibus aliquod 
jus habemus ratione seryitutis quae de corpore tantum Tel de casalagio (ist nach Du Gange 
casa, Tel tenementum hominum de corpore) tantum dicitur, aut etiam de utroque, Tel 
rerum casalagii conjunctirn Tel separatim, klärlich erhellt. 

3 ) Nach Martin VI, 24 fünfzehn Sous, 

4 ) Ordonnances des Rois de France T. XII, p. 336 : Volumus etiam — quod finan- 
ciae factae cum Magistro Petro de Latilliaco Clerico et Radulpho de Bruliaco Militibus 
nostris, aut eorum Commissariis, per uniTersitates praedictas Tel singulas eorum personas, 
Processus etiam ac ordinationes et scripturae factae per ipsos occasione praedicta re- 
vocentur et adnullentiir omnino, ac pro cassis et nullis in posterum habeantur. 



131 



nen und der Umstand, dass er in der fraglichen Urkunde denjenigen, die 
künftig in den genannten Landstrichen aus dem Hörigkeitsverbande der 
Seigneurs in den des Königs übergehen würden und derselben Vortheile 
sich erfreuen wollten, solche nur um den Preis der Abtretung des drit- 
ten Theils ihrer gesammten Habe zu gewähren verhiess '), kaum 
einen Zweifel daran, dass diesem Monarchen auch für die in Rede ste- 
hende Emancipation ein ganz auständiger bezahlt worden. 

Als der erbitterte Kampf um Flandern Philipps IV finanzielle Be- 
drängnisse nicht wenig steigerte, sandte er (Sept. 1302) 2 ) nicht nur in 
alle Senechausseen Languedocs, sondern allem Anscheine nach 3 ) auch 
in mehrere andere Provinzen seines Reiches, Bevollmächtigte mit dem 
Auftrage, den dort noch vorhandenen königlichen Hörigen ihre Freilas- 
sung zu verkaufen. Sein Sohn Ludwig X ist durch dasselbe Mo- 
tiv, die Unmöglichkeit sich sonst Geld, dessen er dringend bedurfte, zu 
verschaffen, bestimmt worden, seinem Vorgange zu folgen, und ebenfalls 
den Loskauf der Grundholden in sämmtlichen königlichen Domainen 
(Juli 1315) zu gestatten, ,,weil", wie er in der betreffenden Verord- 
nung*) äusserte, ,, Jeder nach dem Rechte der Natur frei geboren werde," 
und er von dem lebhaften Wunsche beseelt sei, dass sein Staat, ,,der 
das Reich der Franken (Freien) heisse, diesen Namen auch in Wahrheit 
verdiene/' So schön und löblich das nun auch klang, war es doch zu- 
meist, wenn auch nicht ausschliesslich, Ludwigs X Schuld, — denn 
auch die damals in Frankreich herrschende arge Hungersnoth mochte da- 
zu beitragen, — dass beziehungsweise nur wenige seiner Hörigen von 



') Ebeudas. T. XU, p. 335: Voluraus etiam et concedimus, quod si homiues aliqui, 
aut earum mulieres aJiquorurn Nobilium, seu religiosorum, vel quorum übet aliorum qui 
nunc sunt in dicta Senescallia, vel mint in futurum, aut aliqua casalagia dictarum perso- 
narum, ad Nos yel successores nostros aliquo devenerint, ex tunc ingenui et ingenuae 
sint et perpetuo remaneant, cum earum progenie et posteritate — ; retentis in qualibet 
sextariata terrae dicti casalagii XII deuariis Turonensibus censualibus, aut obliarum no- 
mine, Nobis et successoribus nostris annis singulis persolvendis — et quod pro dicta in- 
genuitate et libertate personarum, Nos vel successores nostri tunc semel tertiam partem 
bonorum mobilium et immobiluim, jttrium et nominum, quae tunc ipsi habebunt, 
recipiamus. 

2 ) Vaissette et Vic, Hist. gener. de Languedoc T. IV, Preuy. p. \Ti . 

3 ) Wie aus dem bei Du Gange, Glossar. T. IV, p. 255 Ed. Henschel abgedruckten 
Urk.-Fragment v. J. 1302, mittelst welchem Philipp IV die gleiche Anordnung auch pro 
Ballivia Cadomensi (Caen) traf, ohne Zweifel gefolgert werden darf. 

4 ) Ordounances T. I, p. 583 und bei Du Tange a. a. 0.: Comme selon le droit de na- 
ture chascune doie nestre franc — considerans que nostre Royaume est nomme le Eoy- 
aume des Francs, et Teillaus que la chose en verite soi accordant au nom. 



132 

dieser königlichen Vergünstigung Gebrauch machten 1 ), und die Fortdauer 
des alten Verhältnisses vorzogen. Der genannte Monarch Hess sich näm- 
lich von seiner argen Geldnoth verleiten, die mit der Ausführung der 
fraglichen Massnahme Beauftragten anzuweisen, für die zu gewährende 
Freilassung solch' excessiven Preis zu fordern, oder vielmehr zu erpres- 
sen 2 ), dass die Zahl derer, die ihn erlegen konnten, noch Aveit kleiner 
war, als die derer, die ihn erlegen wollten. Mit wie grossem Rechte 
Ludwig X nun auch- getadelt worden, dass er vornehmlich durch solch' 
schlecht rechnende Habgier den Erfolg der fraglichen Speculation fast 
völlig vereitelte, so ungerecht würde es doch sein, den Capetingern es 
überhaupt zu verargen 3 ), dass sie die fraglichen Emancipationen nur für 
Geld gewähren wollten. Denn die pecuniären Bezüge von den Hörigen 
ihrer Domainen und deren sonstige Leistungen machten einen sehr er- 
heblichen Theil der königlichen Einkünfte aus, welche durch den unent- 
g eidlichen Wegfall derselben eine so bedeutende Einbusse erlitten ha- 
ben würden, dass sie nicht mehr ausgereicht hätten zur Bestreitung der 
Bedürfnisse eines königlichen Haushalts. Auch ist nach der treffenden 
Bemerkung eines der scharfsinnigsten Kenner der mittelalterlichen Ver- 
hältnisse Frankreichs 4 ) nicht in Abrede zu stellen, dass die in diesem 
Lande sich bald so gebieterisch geltend machende Notwendigkeit der 
Einführung neuer Staatsabgaben, wie z. B. der Salzsteuer, wesentlich 
von der Schmälerung herrührte, welche die Einnahmen des königlichen 
Fiskus durch die fortschreitende Umwandlung eines bald mehr bald min- 
der beträchtlichen Theiles der persönlichen Dienste und sonstigen Lei- 
stungen der Grundholden der Capetinger in feststehende, meist massige 
Jahresabgaben erlitten. 

Denn trotz dem geringen Erfolge der erwähnten Verfügung Lud- 
wigs X ist die Freilassung des Bauernstandes in den unmittelbaren Be- 
sitzungen der Capetinger unter den späteren Königen doch, wenn auch nur 
äusserst langsam fortgeschritten, was hauptsächlich von der Mittellosigkeit 
des Landvolkes und von der beregten Unfähigkeit der französischen Monar- 
chen, jene anders als gegen Bezahlung zu gewähren, herrührte. Und aus 



*) Wie man unter anderen aus der Thatsache entnimmt, dass on voit meme au moi 
de mars a. 1375 une multitude de mainmortables du roi, domicilies en Champagne, non 
affranchis, et des commissaires delegues par le roi Charles V, proceder avec les officiers 
de Peveque de Troyes au partage depres de quatre cents familles serves, qui depuis plus 
de deux siecles etaient demeurees indivises entre eux. Torcy, Recherches chronoi. histor. 
et polit. sur la Champagne p. 386. 

2 ) Ordonnance s, T. XII, Pref. p. XXII. 

3 ) Wie namentlich von Bonnemere, Hist. des Paysans I, 211 sq. geschehen. 

4 ) Guerard's in der Bibliotheque de l'Ecole des Chartes Ser. III, T. II, p. 28. 



133 

demselben Grunde, da in den grossen Vasallenstaaten wie in den klein- 
sten Seigneurien in dem hier in Rede stehenden Betreff dieselben Ver- 
hältnisse, dieselben Hindernisse obwalteten, ward dem Wunsch der Kö- 
nige Philipp IV und Ludwig X, dass viele ihrer Lehnsträger und der 
übrigen Seigneurs ihrem Vorgange folgen möchten, auch nur eine über- 
aus langsame Erfüllung zu Theil. Am frühesten ist es von dem Bruder 
Philipps des Schönen, dem Grafen Karl von Valois geschehen, der im 
J. 1311 in seinem ganzen, ziemlich bedeutenden unmittelbaren Gebiete 
die Freilassung aller dort noch vorhandenen Serfs bewilligte, da diese 
im Stande waren, ihm die für jene Zeiten sehr bedeutende Summe von 
21,000 Livres als ,, freiwilliges Geschenk" dafür anzubieten 1 ). Sein 
Beispiel veranlasste die Majorität der Seigneurs seiner eigenen Graf- wie 
auch mehrere der Nachbarschaft zur Nachfolge, ihren Hörigen ebenfalls 
den Loskauf zu gestatten 2 ). Eine ebenso rühmliche wie seltene Aus- 
nahme von dieser allgemeinen Regel des Loskaufes würde die von 
Humbert II dem letzten Fürsten der Dauphin e im J. 1349 verfügte 
unendgeldliche allgemeine Freilassung der Hörigen seines ganzen Lan- 
des, verbunden mit der den Seigneurs desselben auferlegten Verpflichtung 
zu gleicher Grossmuth bilden, wenn man nicht wüsste 3 ), dass das zur 
selben Zeit geschah, wo Humbert II seine sämmtlichen Besitzungen dem 
Könige Philipp VI von Frankreich für 200,000 florentinische Goldgul- 
den verkaufte und sich in ein Kloster zurückzog. Er suchte also eigent- 
lich nur auf Kosten desselben und der dortigen Grundherren den Ruhm 
eines uneigennützigen Menschenfreundes im Andenken seiner Unterthanen 
zu erschleichen. Auch würden die Seigneurs der Dauphine dem Befehle 
Humberts schwerlich selbst nur theilweise 4 ) Folge geleistet haben, wenn 
ihnen nicht aus den furchtbaren Verheerungen des damals wüthenden 
«schwarzen Todes» noch eine anderweitige sehr gebieterische Auffor- 
derung zum Gehorsame gegen die fragliche Verfügung ihres gewesenen 
Fürsten resultirt wäre. 

Der «schwarze Tod» hiess jene grässlichste aller Seuchen, die als 
eine Krankheit des ganzen Menschengeschlechtes damals innerhalb vier 
bis fünf Jahre alle Länder des Erdballs durchzog, von der Farbe der 
Beulen und Flecken auf der Hautfläche, die ihres Ausbruches untrügliche 



1 ) Carlier, Bist, du duche de Valois T. II, p. 198 (Paris 1764. 3 vols. 4.). 

2 ) Carlier a. a. 0. II, 199. 201. 

3 ) Valbonnays, Hist. du Dauphine T. II, p. 591 (Geneye 1722. 2 vols. Fol.). 

4 ) Dass es wirklieb nur Ton einem Theile derselben geschah, entnimmt man aus 
einer bei Valbonnays a. a. 0. T. I, p 82 abgedruckten Urk. y. J. 1376. 



184 

Symptome waren 1 ). Durch genuesische Schiffe im J. 1347 aus der 
Levante nach Italien verschleppt, verbreitete sich diese grauenvolle Pest 2 ) 
von dort aus bald über ganz Europa, selbst bis in den höchsten Norden, 
da sogar dessen eisige Regionen keinen Schutz vor der entsetzlichen 
Würgerin gewährten 3 ). Sie raffte durchschnittlich etwas mehr als den 
zehnten Theil 4 ) der Bevölkerung dieses Erdtheils weg, richtete die gröss- 
ten Verheerungen aber in den romanischen Ländern desselben und vor- 
nehmlich in den untersten Schichten ihrer Bevölkerung 5 ), also unter den 
Bauern an. Besonders arg räumte sie unter denen des südlichen Frank- 
reichs und der Dauphine auf. Wenn auch die Angabe eines gleichzeiti- 
gen Chronisten 6 ): Languedoc habe in jenen Tagen fünf Sechstheile sei- 
ner Einwohner, und die Provence zwei Drittheile derselben eingebüsst, 
ohne Zweifel eine gewaltige Uebertreibung ist, so machte sich doch zu- 
mal in den genannten Theilen Frankreichs ein so überaus empfindlicher 
Mangel an Arbeitskräften, und namentlich an Händen zur Bestellung der 
Felder und Einheimsen der Früchte fühlbar 7 ), dass die sonst heilig ge- 
haltenen Gesetze wegen Auslieferung entflohener Hörigen von den Seigneurs 
selbst ohne Bedenken geraume Zeit vielfach übertreten wurden. Die daher 



!) Schnurrer, Chronik der Seuchen Bd. I, S. 330 (Tübing. 1823. 2 Bde.). Hecker, 
der schwarze Tod im XIV. Jahrh. S. 15 f. (Berlin 1832). 

2 ) La contagion etait si rapide et si meurtriere, que tous les liens sociaux furent rom- 
pus: les malades mouraient dans Fisolemeut; ils etaient abandonnes de leurs proches 
frappes de terreur: le pere fuyait son fils, et le fils son pere. Fregier, Hist. de Fadmini- 
stration de la Police de Paris T. I, p. 156 (daselbst 1850. 2 yols.). 

3 ) Nach der Versicherung des Zeitgenossen Meister Simons von Covino, dessen im 
J. 1350 zu Paris verfasstes Werkchen über diese entsetzliche Pest erst in der Bibliotheque 
de FEcole des Chartes Ser. I, T. II, p. 201—243 veröffentlicht worden. 

4 ) Diese Angabe einer portugiesischen Urk. v. J. 1348 bei Santa Rosa de Viterbo, 
Elucidario T. II, p. 89 ist unstreitig die glaubwürdigste aller uns überkommenen. 
Die Behauptung Meister Simons yon Covino und eines andern zeitgenössischen Bericht- 
erstatters bei Rubeis, Monumenta Eccles. Aquilejensis Append. p. 43 (Argent. 1740. Fol.): 
die grässliche Pest habe zwei Drittheile der Bevölkerung Europas weggerafft, ist eine 
gar zu augenfällige und lächerliche, offenbar auf besonders furchtbare Verwüstungen der- 
selben in einzelnen Städten und Landstrichen (Marseille verlor z. B. ein Drittel seiner 
Bewohner, in den Städten Padua, Veroüa und Vicenza und deren Umgegend wurden wirk- 
lich gar zwei Drittel derselben weggerafft. Villeneuve, Statistique duDepart. desBouches- 
du-Rhone T. III, p. 344. Verci, Storia della Marca Trivigiana T. XIII, p. 56) basirte, und 
gutentheils wol auch von der gewöhnlichen VergrÖsserungssucht der Angst herrührende 
Uebertreibung. 

5 ) Wie Meister Simon v. Covino a. a. 0. S. 204 ausdrücklich hervorhebt, womit ein 
anderer Zeitgenosse, der im J. 1352 verstorbene Gilles le Muisit, Abt des St. Martinsklo- 
sters zu Tournai übereinstimmt, der versichert qu'il y eut des villages, oü de quiuze cent 
personnes ä peine cent echapperent a ce fleau. Notices et Extraits des Manuscrits de la 
Bibliotheque du Roi T. II, p 228. 

6 ) Vaissette et Vic, Hist. gener. de Languedoc T. IV, p. 267. 

7 ) Papon, Hist gener. de Provence T 111, p 428 (Paris 1777—86. 4 vols). 



135 

rührende Leichtigkeit, mit welcher solche Flüchtlinge damals ein Unter- 
kommen und sogar mancherlei verlockende Unterstützung fanden, veran- 
lasste viele Grundherren der in Rede stehenden Provinzen, ihre auswan- 
derungslustigen Hintersassen mittelst belangreicher Zugeständnisse und 
Vergünstigungen in der Heimath zurückzuhalten; und vornehmlich des- 
halb mag Humberts II fraglichem Befehle von einem Theile der Seigneurs 
der Dauphine bereitwillig nachgelebt worden sein. 

Da dasselbe Bedürfniss, welches in dieser Provinz dem Landvolke 
so nützlich ward, auch in vielen anderen Theilen Galliens, wenn schon 
lange nicht in gleichem Grade sich geltend machte, unter den Grund- 
herren zudem die Erkenntniss damals sich immer mehr Bahn brach 1 ), 
dass die Verbesserung der Lage ihrer Unterthanen ihnen selbst zum 
VortheUe gereiche, so würde das Werk der Freilassung der Hörigen in 
ganz Frankreich ohne Zweifel schon in der nächsten Folgezeit einen 
erfreulichen bedeutenden Fortschritt gewonnen haben, wenn nicht un- 
glücklicher Weise ein Decennium später (1358) der Aufstand der 
Jacquerie ausgebrochen wäre. 

So rohe, durchaus ungebildete, geistig und materiell niedergedrückte 
und verkommene Menschen, wie zu der Zeit die französischen Bauern in 
ihrer unendlich überwiegenden Mehrheit noch waren, sind, wenn über- 
haupt je, nur äusserst schwer von den edleren Empfindungen der Men- 
schenbrust, wie Vaterlandsliebe u. s. w., zu grossen und gewagten T ba- 
ten hinzureissen, und beziehungsweise hingerissen worden; die ent- 
scheidenden, die Massen in Handlung setzenden Antriebe sind in sol- 



l ) Sehr denkwürdige, dies bezeugende Aeusserungen finden sich in der Urk. des Erz- 
bischofs Hugo von Besancon v. J. 1347, mittelst welcher er die Freilassung aller Serfs 
in seiner Herschaft Gy bewilligte, bei Perreciot, de l'etat des personnes II, 427: Le leu 
aflYanchi, heisst es in derselben, li voisins, li prochaius, et li loingtains, — attrairont a 
Gy, pour cause de la franchise et de la fourteresse, lour corps et lour biens; et lour 
fils et lours lilles et lour parens marieront, ce que ils ne vouloient devant pour la 
main-morte. Item — cette franchise de main-morte estaublie et notifiee,. la ville de Gy 
seroit grandement amendee deans brief terme — et sans grevas la justice (ohne Be- 
drückung der Einwohner) li menuz droiz dou seignour vadray mieux que maintenant 
li groz (werden alsdann die ermässigten Bezüge des Seigneurs mehr ertragen als jetzt 
dessen grössere). Item, pour cause de bons territoires — les terres ä present yaquans et 
uon cultivees, le lieu aflYanchi de main morte, se planteroient et edifieroient, por quoy 
li droitz dou seignour seroient crehuy et multipliez. — Bien d'autres seigneurs, be- 
merkt dazu Perreciot I, 509, seutirent comme Hugues. ... Les collections de M. Droz 
m'ont fait connoitre la plupart des chartes d'aflranchissement de nos (der Frauche-Comte) 
seigneuries; dans le plus grand nombre le seigneur rendant compte de ses motifs, declare 
que desirant Vaccroissement et le multipliement de ses sujets, il les affranchit. — Vercl. 
noch die hiermit übereinstimmenden Aeusserungen anderer weltlichen Seigneurs aus 
den Jahren 1308, 1350 u. folg. in den Memoires et documents inedits p. serv. ä THist. de 
la Franche-Comte I, 469. 489 sqq. und bei Bonnemere 1, 219 410, 



136 

chen Regionen doch immer nur das eigene Weh, die eigene materielle 
Noth ; der Drang, sie abzuschütteln oder wenigstens zu rächen. Es war 
darum sicherlich nicht sowol die von den Empörern vorgeschützte Schmach, 
welche die von dem Adel in der Unglücksschlacht bei Poitiers (19. Sept. 
1356) bewiesene Feigheit über Frankreich brachte, als vielmehr die bru- 
tale, die grausame 1 ) Geltendmachung der ihnen 2 ) obliegenden Pflicht, 
das schwere Lösegeld für die vielen in dem fraglichen Treffen in eng- 
lische Gefangenschaft gerathenen fürstlichen und adeligen Herren aufzu- 
bringen, und der, durch den thörichten Uebermuth 3 ) vielleicht nur ein- 
zelner Seigneurs gesteigerte, Rückschlag der gleichzeitigen denkwürdigen, 
ganz demokratischen Bewegung in Paris unter Stephan Marcel, was 
die ländliche Bevölkerung zur höchsten Wuth gegen ihre Grundherren 
entflammte, zum Aufstand gegen diese trieb. Ihre massenhafte, mit un- 
glaublicher Schnelligkeit um sich greifende, weil von nicht wenigen 
Städten unterstützte 4 ), Erhebung fast im ganzen nördlichen Frankreich 
bezweckte nichts Geringeres als völlige Ausrottung des Adels; nach dem 
Spottnamen: Jacques Bonshommes, oder auch kurzweg die Jacques, mit 
dem nur zu viele Edelleute schon längst und besonders damals ihre Hö- 
rigen zu belegen pflegten, nannten die Empörer sich selbst die dummen 
Jacobe und ihren Aufstand die Jacquerie. Mehr als zweihundert Schlös- 
ser wurden von ihnen erstürmt und zerstört, und deren Besitzer, die in die 



*) Les campagues surtout etaient en proie ä des miseres inexprimables: La, les nobles, 
abusant cruellement de la force, n'avaient souci que de pressurer les paysans, afin de 
rejeter sur eux le poids du desastre de Poitiers, et ils enleyaient ä ces infortunes leurs 
bestiaux, leurs charrues, leurs yetements, leurs yivres; ils employaient tout, la menace, le 
fouet, le cachot ; la torture pour leur extorquer leur humble pecule, fruit des dures epar- 
gues de deux ou trois generations. Jamais Foppression feodale n'avait ete plus brutalement 
impudente; car, si les yictirnes se plaignaieut, on repondait ä leurs murmures par des 
coups et des moqueries: Jacques Bonhomme (c'est ainsi que la noblesse appelait le pay- 
san), Jacques Bouhomme a hon dos; il souffre tout. Rougebief, Hist. de la Franche- 
Comte p. 277. 

2 ) Vergl. oben S. 97. 

3 ) Carlier, Hist. du duche de Yalois T. 11, p. 316 erzählt z. J. 4356 nach einem 
gleichzeitigen Chronisten : En ce temp les personnes qualifiees et opulentes se livrerent 
subitement ä un exces de luxe, dans leurs habits et dans leurs tables. Ils couyroient leurs 
robes et leurs chaperons de pierreries, de dorures et d'ornemens affectes, et chargeoient 
leurs toques de plumets et d'aigrettes. Fiers de ces parures, ils marchoient la tete haute, 
et regardoient ayec mepris, traitoient meme avec insulte, quiconque n'etoit pas mis aussi 
galamment qu'eux. Ils parcouroient leslement les campagnes, entroient dans les fermes 
et dans les chaumieres; comparans leurs habillemens ä ceux des paysans, ils accabloient 
ceux-ci de railleries piquantes. La plüpart faisoient pis, ils rangonnoient les labourreurs 
et ceux qui jouissoient de quelque fortune; et pour peu que Fon fit resistance ä leurs 
yolontes injustes et capricieuses, ils passoient aux injures et aux mauyois traitemens. 

4 ) Wie man unter anderen aus dem Begnadigungsbriefe des Dauphin Karl für die 
Stadt Montdidier v. Oktober 1358 bei Beauyille, Hist. de la Tille de Montdidier T. I, p. 119 
sq. und den übrigen daselbst p. 122 erwähnten gleichartigen Urkunden entnimmt. 



137 

Hände dieser Rasenden fielen, so wie ihre Weiber und Kinder ermordet, 
nur zu oft mit der schauderhaftesten, haarsträubendsten Grausamkeit 1 ). Aber 
eben diese und die ungeheuere Gefahr, welche die mit Blitzesschnelle sich 
ausbreitende Bauern-Revolution über dem Haupte des gesammten franzö- 
sischen Adels aufthürmte, drängte denselben zu rascher Ermannung und 
einmüthigem Handeln; bessere Bewaffnung und grössere Uebung im 
Kriegshandwerk, so wie die Beihülfe seiner Standesgenossen in Flandern, 
Brabant und Hennegau verschaffte den Edelleuten bald das Uebergewicht 
über die Empörer, obwol deren Gesammtzahl sich auf mehr als 100,000 
belief. Die Rache der Sieger, die nur innerhalb zehn Tagen über 20,000 
Bauern niedermetzelten, war nicht minder grauenhaft, als es die kanni- 
balischen Schandthaten der Besiegten gewesen. 

Diese und die späteren Nachklänge 2 ) der bedauernswerthen Auftritte 
in verschiedenen Theilen Galliens haben einen überaus giftig wuchernden 
Stachel des bittersten Grolles gegen «Jacques Bonshommes» in die 
Brust der französischen Seigneurs gesenkt. Wie das bei noch wenig 
gebildeten Gewalthabern immer, wie das unter anderen auch in Deutsch- 
land nach dem grossen Bauernkriege v. J. 1525 der Fall gewesen, galt 
der bei weitem überwiegenden Mehrheit der ergrimmten Edelleute die Fä- 
higkeit, durch gesteigerte Pressung und Misshandlung des Landvolkes an 
demselben eine recht empfindliche Rache zu nehmen für die Schreckens- 
scenen der Jacquerie höher als der eigene, wenn auch noch so klar er- 
kannte Vortheil, erwies sich in gar Vielen dieser hässliche Trieb mäch- 
tiger als die aus den beregten Vorgängen resultirende eindringliche Lehre. 
Hauptsächlich deshalb verstrichen nach diesen noch anderthalb Jahr- 
hunderte, bis nur im weitaus grössten T heile Frankreichs die Frei- 
lassung der Bauern allgemein geworden war. 

Wohlverstanden: die Freilassung derselben in dem oben (S. 116) 
bezeichneten Sinne, d. h. die Erstreckung der bis gegen Ende des dreizehnten 
Jahrhunderts, mit höchst seltenen Ausnahmen, nur einzelnen Personen, Fa- 
milien oder Dorfschaften gewährten Vergünstigung, die charakteristischsten 
und drückendsten Fesseln der Hörigkeit, wie die «todte Hand» (oder das 
Besthaupt), den Ehezwang u. s. w. mittelst einer feststehenden Steuer 
ablösen zu dürfen, auf die ländliche Bevölkerung der bei weitem mei- 

*) Les pages sanglantes de 1793 pälissent ä cöte de ces horreurs. Le lion etait de- 
musele pour la premiere fois: il s'ebattait dans toute sa sauvagerie native. Monlezun, Hist- 
de la Gascogne T. 111, p. 354. 

2 ) Bauernaufstand in Auvergne, Poitou und Limousin im J. 1379, dann abermals in 
diesen Provinzen, ganz Languedoc u. noch einigen Gegenden Südfrankreichs (der soge- 
nannten Tuchins) im J. 1382 -unter Verübung grosser Gräuelthaten, und so noch später 
in anderen französischen Provinzen. Bonnemere 1, 338 sq. 



138 

sten Provinzen Frankreichs. Denn von der Erhebung dieser zu abso- 
luter Freiheit im heutigen Sinne oder in dem des römischen Rechts 
war auch bei den fraglichen General -Manumissionen aller Bauern einer 
ganzen Seigheurie, einer ganzen Grafschaft u. s. w. so wenig die Rede, 
wie bei den Einzel-Freilassungen im Zeitalter der Kreuzzüge. Höchstens 
dass, wie damals so auch jetzt, neben einzelnen sehr begüterten Fami- 
lien, auch hie und da eine besonders wohlhabende Dorfgemeinde so viel 
zu erschwingen vermochte, um sich vollkommene Freiheit zu erkaufen. 
Diese Glücklichen waren aber nur ausserordentlich seltene Ausnahmen, 
bildeten eine winzige, beziehungsweise gar nicht in Betracht kommende 
Minorität, während die unendlich grosse Majorität des, so unsäglich 
schwer belasteten, durch die langwierigen Kriege zwischen Frankreich 
und England und noch durch manch' andere Ereignisse des vierzehnten 
und fünfzehnten Jahrhunderts so furchtbar mitgenommenen Landvolkes in 
den verschiedenen Provinzen und Herrschaftsgebieten Galliens schon froh 
sein musste, wenn sie durch die Entbehrungen und Anstrengungen mehr 
als eines Menschenalters die gewöhnlich sehr bedeutenden Summen 1 ) 
zusammen brachte, welche die meist übelwollenden und darum auch 
meist unverhältnissmässig theueren Seigneurs nur für ihre Freilassung in 
der angedeuteten engen Begränzung forderten, und allenfalls hie und da 
noch den für die allgemeine Umwandlung der willkühr liehen Taille in 
ein sogenanntes Abonnement de Taille (s. oben S. 119) begehrten Preis. Das 
Gros der übrigen persönlichen, dinglichen und lehnrechtlichen Obliegen- 
heiten der Bauern, wie die Frohnden, die grundherrlichen Bannrechte 
u. s. w. blieb auch durch diese General-Freilassungen sämmtlicher Bau- 
ern einer Herrschaft oder eines grössern Landstriches, mit wenigen gleich 
zu erwähnenden Ausnahmen, ganz unberührt, bestand fort nach wie vor. 
Das oben angeführte Beispiel Philipps des Schönen bezüglich der Ablö- 
sung aller persönlichen und dingliehen Lasten der königlichen 
Grundholden in der Senechaussee von Toulouse und Albi blieb ganz ver- 
einzelt, wenn seine bezügliche Verfügung überhaupt in diesem Umfange 
zur Ausführung gekommen ist. Es erscheint das nämlich schon deshalb 
sehr zweifelhaft, weil sowol in den erwähnten späteren einschläglichen 
Erlassen Philipps IV v. J. 1302 wie in der Verordnung seines Sohnes 
Ludwigs X v. J. 1315 nur von der Freilassung der königlichen Serfs in 
der hier in Rede stehenden Begränzung die Rede ist. 



l ) So niussten z. B. die Einwohner Ton Issoudun für ihre Freilassung innerhalb der 
hier in Rede stehenden Gränzen im J. 1423 2,000 Lnres Tournois, gleichzeitig die von 
Boussac ihrem Seigneur 1,000 Goldthaler dafür bezahlen (Bonnemere I, 410); gar grosse 
Summen in jener Zeit! 



139 

Aber auch nur auf die bei weitein meisten Provinzen Frank- 
reichs, keineswegs auf ganz Frankreich erstreckten sich selbst diese Frei- 
lassungen des Landvolkes innerhalb der hier bezeichneten Gränzen. Denn 
nicht einmal einen solchen halb- oder mittelfreien Bauernstand be- 
sassen alle Theile der französischen Monarchie vor der grossen Revo- 
lution des J. 1789, da in mehreren Gegenden derselben, wie z. B. in 
vielen der Champagne, der Franche-Comte, des Bourbonnais und ander- 
wärts, bis dahin sogar die strenge durch nichts gemilderte persönliche 
Hörigkeit (servage) fortbestand 1 ). Und selbst in den südlichen Provinzen 
der Monarchie, deren Seigneurs ihren Standesgenossen am frühesten und 
in der grössten Ausdehnung mit gutem Beispiele vorangegangen, wie na- 
mentlich in der Provence, wo um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts 
die Freilassung der Bauern, immer in dem hier in Rede stehenden Sinne, 
im Ganzen durchgedrungen, vollendet war, finden sich einzelne Frei- 
lassungen .noch aus den ersten und in Languedoc sogar noch aus den 
letzten Decennien des sechzehnten Seculums 2 ); Beweises genug, dass es 
selbst hier an einzelnen Ausnahmen von der allgemeinen Regel auch in 
der Folgezeit nicht fehlte. 

Indessen ist die fortschreitende Erstarkung der KönigsgeAvalt und 
Frankreichs rüstiges Emporringen zu nationaler und monarchischer Ein- 
heit für seinen Bauernstand doch nicht ohne alle heilsamen Folgen ge- 
blieben. Wagten die Träger der französischen Krone auch keine um- 
fassendere Kürzung der Rechte des Adels über seine Unterthanen, so 
doch Ermässigung und allmählige Beseitigung einiger, die gar zu arge 
Bedrückungen, zu schreiende Missbräuche veranlassten, oder durch die 
veränderten öffentlichen Verhältnisse veraltet waren. Zu diesen gehörte 
namentlich das Jagdrecht, dessen Eindämmung in billigere Gränzen 
die französischen Monarchen seit den ersten Decennien des vierzehnten 
Jahrhunderts sich sehr angelegen sein Hessen 3 ); dann das sogenannte 



1 ) Torcy, Recherches chrono!, histor. et polit. sur la Champagne p. 391: Dans le 
XViI e siegele et möme sur le declin du XVM e il restait encore dans plusieurs provinces 
de France, notamment en Champagne et dans le pays Partois, des hommes de main-morte 
de corps et d'heritages, de poursuite et de formariage assujetis d la plüpart des re- 
devances enoncees dans les premiires chartes d'accensissement (ursprünglichen Ver- 
trägen zwischen den Seigneurs und ihren Hörigen). Perreciot I, 503 versichert, dass la 
servitude de la main-morte affecte encore aujourdliui (d. h. im J. 1786, also noch 
nach dem, weiter unten zu erwähnenden, Edicte Ludwigs XVI v. 8. Aug. 1779) plus du 
Hers des villages de Franche-Comte. Vergl. noch Loiseau et Verge, Compte-Rendu des 
Seances et Trayaux de TAcademie des Sciences moral. et polit. Ser. II, T. IV (1848. 
Sem. II) p. 52. 

2 ) Papon, Hist. gener. de Provence II, 210. III, 427. Bonnemere 1, 414. 

3 ) Le Grand d'Aussy, Hist. de la vie privee de Frangais T. I, p. 316. 



140 

oben (S. 98) erwähnte Droit de Prise der Grundherren, in Wahrheit 
ein förmliches, nur schwach verhülltes Plünderungsrecht ihrer Hörigen 
und Hintersassen. Die eben so bitteren wie häufigen Klagen dieser aus 
allen Theilen Frankreichs bewogen dessen Könige seit dem Beginne des 
vierzehnten Jahrhunderts einschränkende Verordnungen und völlige Ver- 
bote auch gegen diesen Unfug zu erlassen, zuvörderst für ihre unmittel- 
baren Besitzungen und ihre eigenen Beamten, beide aber nach und nach 
auch auf die Vasallen der Krone und die übrigen Seigneurs ausdehnend. 
So suspendirte z. B. Karl VI (7. Sept. 1407) die Ausübung der frag- 
lichen Gerechtsame Avährend der nächsten vier Jahre für den ganzen 
Umfang des Königreichs. Es dauerte indessen noch ein volles Jahrhun- 
dert, bis in den Anfang des sechzehnten Seculums, ehe es den französi- 
schen Monarchen glückte, die völlige Abschaffung dieses so verhassten 
Droit de Prise in ganz Frankreich durchzusetzen 1 ). 

Nicht viel Aveniger war das die oben (S. 97) erwähnte Befugniss 
der Grundherren, von ihren Unterthanen Wachtdienste in ihren Schlös- 
sern, oder in bestimmten Haupt- und Gränzorten ihrer Seigneurie zu for- 
dern. Es führte diese Gerechtsame schon während des vierzehnten, und 
mehr noch während des fünfzehnten Jahrhunderts zu unzähligen, endlo- 
sen Streitigkeiten zwischen den Seigneurs und ihren Hintersassen, in 
Avelchen das Recht eben nicht immer auf Seiten der Letzteren stand, die 
oft genug unter nichtigen Ausflüchten zAveifellosen Obliegenheiten sich 
zu entziehen suchten 2 ), und eben hierdurch ihre Gutsherren nicht selten 
zu den abscheulichen Gewalttätigkeiten gereizt haben mochten 3 ), mittelst 
welcher diese sie zur Erfüllung ihrer Pflicht zu zwingen suchten. In der 
zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts nahmen die daher rührenden 
eAvigen Händel zAvischen Edelleuten und Bauern einen so bedrohlichen 
Charakter an, dass eine neue Jacquerie ernstlich zu befürchten stand 4 ), was 



1 ) Dulaure, Hist. de Paris 111, 245. 606 — 14. Fregier, Hist. de l'admimstration de la 
Police de Paris I, 169 sq. 

2 ) Floquet, Hist. du Parlement de Normandie I, 193 sq. (Ronen 1840 — 42. 7 toIs.). 

3 ) Wie man namentlich aus dem Ton Floquet I, 195 erzählten Falle entnimmt. 

4 ) Wie aus dem motivireuden Eingange der Verordnung Ludwigs XI vom 20. April 
1479: Ordonnances des Rois de France T. XVIII, p. 470 sq. zu entnehmen ist. Comme, 
heisst es daselbst, plusieurs grans debatz, questions et differances sont souryenues et 
chascun jour sourviennent en divers lieux de nostre royaume entre aucuns seigneurs 
chastelains et villes, leurs capitaines et officiers, d'une part ; et les habitans de leurs 
chastellenies, d'autre, ä cause des guetz que les ditz seigneurs chastellains et villes de- 
mandent et exigent en aucuns lieux en certaines formes, ä quoy les ditz habitans et le 
pouvre peuple pretendent ne estre point tenuz, et se disent cothidiennement et insuppor- 
tablement chargez tant de sommes guon leur demande pour ledit guel comme pour la 
forme de la contrainte et les dures executions que Von en faxt chascun jour, tellement 



141 



König Ludwig XI zu energischem Einschreiten bestimmte. Dieser «fran- 
zösische Alte vom Berge«, wie er nicht übel genannt worden 1 ), schränkte 
(20. April 1479) für den ganzen Umfang der Monarchie die Ausübung 
des fraglichen Rechtes nur auf den Fall wirklichen Bedürfnisses ein 
(denn bisher Avar es gar häufig ohne alle Noth geltend gemacht, als Er- 
pressungsmittel missbraucht worden), verfügte die Beseitigung des beson- 
ders verzehrenden und verhassten, weil die Landleute an der Bestellung 
ihrer Felder hindernden Dienstes am Tage, indem er die Dauer des zu 
leistenden von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang begränzte, und- ge- 
stattete Allen, die es wünschten, die Ablösung auch dieser Servitut mit- 
telst der geringfügigen Jahressteuer von 5 Sols (Sous) für jeden Pflichtigen. 
Neben solcher von der erstarkten Königsmacht ihm gewährten Be- 
seitigung oder doch mindestens wesentlichen Erleichterung mancher 
drückenden Bürde verdankte der französische Bauer ihr auch die Wohl- 
that grössern Rechtsschutzes, durch die von ihr besonders während des 
fünfzehnten Jahrhunderts bewerkstelligte Errichtung von Parlamen- 
ten, oder souverainen Gerichtshöfen in allen Theilen der Monarchie. So 
lange es für ganz Frankreich nur eine, im Namen des Königs und ober- 
sten Lehnsherrn Recht sprechende Behörde, das zu Paris etablirte Parla- 
ment gab, war es für die ländliche Bevölkerung, namentlich der entfernteren 
Provinzen, nahe zu unmöglich, gegen tyrannische und gewaltthatige Grund- 
herren sich Recht zu verschaffen. Nachdem Languedoc und Guyenne 
aber bereits von Philipp dem Schönen die Einsetzung eines besondern 
Parlaments zu Toulouse (1302), und fast alle übrige Bestandtheile der 
Monarchie solche im Laufe des fünfzehnten Seculums erlangt, war es 
für den Bauer doch ungleich weniger kostspielig, und schon darum viel 
leichter, bei diesen nicht allzu entfernten, und in der Regel auch durch 
grosse Unparteilichkeit sich auszeichnenden höchsten Gerichtsstellen wirk- 
samen Schutz gegen die Vergewaltigungen seines Seigneurs zu finden. 
Zumal die früher nur zu häufigen, weil fast immer ungeahndet gebliebe- 



qu'il est impossible au pouvre peuple de le supporter: remonslrans a?ec ques ce, que on 
les veult autant contraindre de faire gtiet £s pays, lieux et places qui ne sont point 
en frontidre, et oü U ri'y a peril, dangier ne necessite, comme e*s lieux et places qui sont 
en frontiere d'ennemis et eu pays de guerre; ä cause de quoy, plusieurs grans proces ont 
este par cy-devant meuz et ä present sont encore pendans tant en nostre grant conseil 
comme en nos cours de parlement — et ä Toccasion de ces choses se sont conceues et 
enracines plusieurs haynes et rancunes entre les ditz seigneurs cbastellains et leurs 
hommes, tellement que, en ancuns lieux, en sont advenues des commotions et assembless 
de gens les ungs contre les aittres, et s'en sont ensuiz des meurtres, mutilations et au- 
tres manlx, dont legierement se pourroit esmouvoir commotion et sedition en la chose 
publique, se provision ny estoit donnee. 

J ) Von Mably, Observation sur THist. de France U, 263 Ed. Guizot. 



143 

nen, persönlichen Misshandlungen der Landleute sind von den Par- 
lamenten strenge, mitunter selbst mit Cassation aller guts- und lehnsherr- 
lichen Rechte und Ansprüche des betreffenden Seigneurs über und an 
den Maltraitirten und Erhebung des Letztern zum unmittelbaren Grund- 
holden des Königs, bestraft worden 1 ), was sicherlich seines abschre- 
ckenden heilsamen Einflusses in weiteren Kreisen nicht verfehlte. 



DRITTES KAPITEL. 

In diesem Zustande der Hörigkeit, der Halb- oder Mittelfreiheit, 
in welchem die bei weitem überwiegende Majorität der französischen 
Landbewohner aus dem Mittelalter in die neuere Zeit überging, d. h. im 
Beginne des sechzehnten Jahrhunderts sich befand, ist sie bis zur Re- 
gierung Ludwigs XVI, bis in die letzten Decennien des achtzehnten 
Jahrhunderts verblieben. Es findet das seine ganz natürliche Erklärung 
in der Thatsache, dass die Könige, seitdem sie zur faktischen Allein- 
herrschaft emporgestiegen waren und der unteren Volksklassen gegen 
Adel und Geistlichkeit nicht mehr bedurften, auch nur überaus geringe 
Theilnahme für sie hegten, und sich um so weniger um deren Loos 
kümmerten, je ausschliesslicher, mit nur wenigen, später zu erwäh- 
nenden, Ausnahmen, die vielen von ihnen geführten Eroberungs- und 
sonstigen auswärtigen Kriege ihre ganze Aufmerksamkeit und Thatkraft in 
Anspruch nahmen, je entschiedener sie jene von den inneren Zuständen 
der Monarchie ablenkten. Dazu kam, dass die langwierigen Bürger- 
und Religionskriege, die Frankreich in der zweiten Hälfte des sech- 
zehnten Jahrhunderts so unsäglich zerrütteten, und deren, bald mehr bald 
minder gefährliches, Wiederaufflackern bis über die Mitte des folgenden 
Seculums hinaus den Uebergriffen des Adels, und namentlich seinem 
Streben ungemein förderlich geworden sind, die schützenden Schranken 
niederzureissen, mit welchen die erstarkte Königsmacht in den vorherge- 
gangenen zwei Jahrhunderten in mancher Hinsicht das Landvolk umgür- 
tet, Rechte wieder aufleben zu lassen, die der Monarchen Befehl, wie 
der stille, auch in dem Betreff nicht ganz wirkungslos gebliebene, Ein- 
fluss des Zeitalters der Renaissance (unter Franz I und Heinrich II) 
ausser Uebung gebracht hatten. Daher sind die Bemühungen der weni- 
gen 'Beherrscher Frankreichs, welche die oben berührten Ausnahmen 
bildeten, um Verbesserung seiner bäuerlichen Zustände, gutentheils von 

^Floquetl, 191. 314. 363. 



143 

der Sorge absorbirt worden, diese neuen Adels-Usurpationen zu beseiti- 
gen, d. h. den Zustand der Dinge im Anfange des sechzehnten Jahrhun- 
derts wieder herzustellen; der anscheinende Fortschritt war in der hier 
in Rede stehenden Beziehung folglich eben nur ein scheinbarer. 

Wenn die Religion auch den entschiedensten Antheil daran hatte, 
die Hugenottenkriege zu entzünden, so fehlte doch sehr viel daran, 
dass auch die lange Dauer derselben vornehmlich ihr Werk gewesen. 
Denn die rührte ganz zweifellos grossen-, wenn nicht gar grösstentheils 
von der bald gemachten Erfahrung des Adels her, dass seinem stets 
regen Verlangen nach Rückerwerbung mancher Rechte über seine Grund- 
holden, welche die Könige aufgehoben, oder nach Erweiterung anderer 
von ihnen wesentlich beschränkten, Nichts förderlicher werden konnte 
als die anhaltende thatsäcliliche Suspension der königlichen Autorität und 
der von ihr ausgegangenen Gesetze in den bei weitem meisten Provinzen 
des Reiches in Folge dieser Bürgerkriege. Es erhellt das einmal aus 
der Versicherung eines hervorragenden Rechtsgelehrten, Johann Chenus, 
vom J. 1610, dass die Wirren und inneren Kampfe, welche Frankreich 
seit vierzig Jahren heimgesucht, von den Edelleuten dazu benützt worden, 
die Wirksamkeit der Gesetze aufzuheben und ganz besonders dazu, von 
ihren Grundholden Leistungen wieder zu erpressen, deren einziger Rechts- 
titel der Letzteren Furcht vor Stockschlägen und sonstigen Misshandlun- 
gen sei; dann, aus den hiermit übereinstimmenden Klagen des dritten 
Standes in den reichsständischen Versammlungen von 15 60 und 1614- sowie 
des königlichen General-Prokurators bei dem pariser Parlamente noch aus 
dem J. 1662 *), am sprechendsten aber aus dem Charakter der meisten 
Bauernaufstände jener unglückseligen Zeit. Denn diese, wie nament- 
lich die Empörungen der sogenannten Gauthiers in der Normandie 
(1586), der Croquants in Perigord, Quercy, Limousin und einigen an- 
gränzenden Landschaften (1593) und andere hatten durchaus keinen re- 
ligiösen, sondern lediglich den Zweck, der unerträglichen Bedrückungen 
und neuen Anmassungen des Adels und der Gewalttaten seiner zügello- 
sen Soldatesca sich zu erwehren. Wie überwältigend dies Bedürfniss 
von den bedauernswerthen Landleuten empfunden wurde, erhellt am spre- 
chendsten aus der Thatsache, dass die beider Confessionen, trotz des 
bittern Hasses, der diese damals trennte, zu dem Behufe sich die Hände 
reichten und gemeinsame Sache gegen den Adel machten 2 ). 



1 ) Bonnemere I, pp. 244. 494. II, 14. 18. 

2 ) Bonnemere I, pp. 510. 534 sqq. Floquet, Hist. du Parlement de Normandie 111, 
p. 239 sq. Bulletin de la Societe de l'Hist. de France I, Docum. p. 28 sq. 



144 

Wie gross auch immer die Verdienste waren, die Heinrich IV, 
Sully und Richelieu 1 ) durch Zurückdrängen desselben innerhalb seiner 
gesetzlichen Schranken, so wie durch ihre umsichtigen und energischen 
Bemühungen, zur Hebung des Ackerbaues und Verbesserung der Lage 
des Landvolkes sich erwarben, so ist von ihnen in den letzteren Bezie- 
hungen doch kein dauernder, sondern nur ein vorübergehender Erfolg 
erzielt worden. Die vornehmsten Ursachen dieser bekla^enswerthen und 
folgenschweren Erscheinung sind weit weniger in den inneren Wirren 
Frankreichs unter der Regierung Ludwigs XIII, in der Fronde und de- 
ren Nach wehen, als vielmehr darin zu suchen, dass Ludwig XIV, der 
fast während zweier Menschenalter (1661 — 1715) Frankreichs Geschicke 
lenkte, von seiner zügellosen Macht- und Ländergier zu unaufhörlichen 
auswärtigen Kriegen sich verleiten liess, und dass er, in Folge sehr 
mangelhafter Erziehung, auch in seiner inneren Waltung weit mehr den 
König der Edelleute, als den vorurteilsfreien Beherrscher eines 
grossen Reiches bethätigte. Denn im Grunde des Herzens theilte Lud- 
wig XIV die Geringschätzung, mit welcher die hochmüthigen Seigneurs 
seines Hofes auf die unteren Volksklassen herabblickten, was er am 
prägnantesten durch sein berüchtigtes Duell-Edict vom J. 1679 bewie- 
sen. Wenn dieser Monarch in dem erwähnten Gesetze 2 ) Bürgerliche 
unwürdige Individuen und ihre Angelegenheiten verworfene nennt, 
wenn er in demselben eine Rechtsungleichheit sanctionirt, wie sie in 
Frankreich schon von Ludwig IX nicht mehr geduldet worden, wird un- 
schwer zu ermessen sein, mit welch' souverainer Verachtung er erst auf 
den Bauer herabgeblickt haben mag. Und eben weil er die grosse Be- 



*) Dieser zumal durch die beiden Ordonnanzen vom Juli 1626 und Januar 1629. 
Die erste, welche «le rasement des chäteaux et forteresses (des Adels) non situes sur les 
frontieres» verfügte, rief in ganz Frankreich unter dem Landvolke un immense cri de joi 
hervor. C'etait, en effet, un grand jour que celui oü le pouvoir se sentait enfin assez fort 
pour faire tomber ä terre ces sombres murailles, ces redoutables forteresses qui pendant 
une lohcue suite de siecles avaient abrite tant de meurtres et de brigandages. Caillet. de 
Tadministration en France sous le ministere du cardinal de Richelieu p. 124 — 125 (Paris 
1857). Und die erwähnte Januar-Ordonnanz erwies sich besonders durch ihre Artikel 

206 210 als eine grosse Wohlthat für das Landvolk, weil diese den mit den Frohn- 

diensten, Bannrechten und noch manch' anderen grundherrlichen Befugnissen bis- 
lang getriebenen Missbräuchen energisch entgegentraten, die willkührliche Ausdehnung 
der Bannrechte z. B. bei Strafe sofortiger Confiscation untersagten. Caillet a. a. 0. pp. 
126. 282. 

2 ) Von welchem Lemontey (die monarchische Staatsverfassung Ludwigs XIV S. 63 d. 
deutsch. Uebers. v. Ring. Lpz. 1830) nicht mit Unrecht bemerkte, er wisse nicht, ob je 
in irgend einem civilisirten Staate ein Gesetzgeber den übermüthigen Stolz und die Be- 
schimpfung seiner Unterthanen bis zu dem Grade getrieben habe, wie es von Ludwig XIV 
in dem in Rede stehenden Edict geschehen. 



145 



deütung desselben im Staatsleben so kläglich verkannte, schützte er ihn 
auch selbst in den Zeiten tiefsten Friedens so wenig gegen die Anmas- 
sungen und Gewaltthaten des Adels. 

Tiefe Blicke in das Treiben desselben sogar in der ersten und besten 
Zeit der langen Regierung Ludwigs XIV gewährt ein neulich edirtes 
Tagebuch Flechiers 1 ), des nachmals so berühmten Kirchenfürsten ; über 
die Verhandlungen der Grands Jours von Auvergne im J. 1665. 
So sind die ausserordentlichen Rügegerichte genannt worden, welche von 
den Königen aus Mitgliedern der Parlamente und sonstigen Rechtsge- 
lehrten gebildet und, zumal seit dem fünfzehnten Jahrhundert 2 ), in die 
entlegeneren Provinzen der Monarchie öfters abgeordnet wurden, um den 
Ausschreitungen des Adels und sonstiger Bedränger der unteren Klassen 
ein Ziel zu setzen, und dem Volke Schutz zu verschaffen gegen den nicht 
selten so masslosen Uebermuth hochgeborner Frevler. In den Land- 
schaften Auvergne, Bourbonnois, Nivernois und einigen angränzenden 
war dieser damals auf einen solchen Gipfel gediehen, dass Ludwig XIV 
auf Colberts warme Fürsprache denselben die schon lange flehentlich 
erbetene Wohlthat eines derartigen, mit den ausgedehntesten Vollmach- 
ten 3 ) versehenen Rügegerichtes endlich gewährte. Schon auf die blosse 
Kunde seiner bevorstehenden Erscheinung erfolgte eine, von vornherein das 
tiefe Bewusstsein seiner Missethaten nur zu prägnant verrathende, allge- 
meine Flucht des Adels der in Rede stehenden Provinzen, und wenn man 
erfährt, dass in einer einzigen Sitzung dieser Grands Jours dreiund- 
fünfzig Todesurtheile 4 ) gefällt wurden, wird man leicht errathen 
können, wie gross die Masse der zu bestrafenden Frevler war. Nur von 
den wenigsten sind uns die Einzelheiten der von ihnen verübten Misse- 
thaten überliefert worden; doch genügen schon diese zur Charakteristik 
der in Rede stehenden Duodez-Tyrannen. 



1 ) Memoires de Flechier sur les Grands- Jours d' Auvergne en 4665 amiot. et augm» 
d'un Append. p. Cheruel et preced. d'une Notice p. Sainte-Beuve. Paris 1856. Die erste, 
aber bei weitem nicht so vollständige, Ausgabe erschien 1844-. «Nichts kann,» bemerkt 
Mohl, Gesch. und Literatur d. Staatswissenschaften Bd. IN, S. 109, «überraschender sein, 
als der aus dem höchst lebendig geschriebenen Buche sich herausstellende Zustand der 
Provinz; namentlich wenn man bedenkt, dass Ricbelieu's eiserne Regierung, welcher man 
die Brechung des Trotzes und der Unabhängigkeit des französischen Adels nachrühmt, 
vorangegangen war.» 

2 ) Cheruel, Notice sur les Grands-Jours hinter den angeführten Memoires de Flechier 
p. 305 sq. 

3 ) Sie sind vom 31. August 1665 und abgedruckt im Append. zu Flechiers angef. 
Memoires p. 316 sq. 

4 ) Flechier, Memoires p. 266. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. {Q 



146 

Zu den gefürchtetsten derselben gehörte Jacques Timoleon de Beau- 
fort, Marquis von Canillac, der schon seit sechzig Jährender Schrek- 
ken seiner Unterthanen war, eine unübertroffene Meisterschaft in der 
Kunst entwickelt hatte, diese zu quälen und zumal sie auszusaugen. Zu 
dem Behufe hatte er zwölf hart gesottene, vor keinem Verbrechen zu- 
rückschreckende Bösewichter in seinem Solde, die er seine zwölf Apo- 
stel nannte, Aveil sie die Bestimmung hatten, mit dem Degen oder mit 
dem Stock diejenigen zu bekehren, die den Verfügungen des Herrn Mar- 
quis Gehorsam zu versagen sich erkühnten. Einst hatte dieser die ge- 
bräuchlichsten Speisen mit einer ungewöhnlich hoben Steuer belegt, und 
als seine Unterthanen, um dieser zu entgehen, ihren Consum einschränk- 
ten, besteuerte Canillac die Nichtesser! Die reichsten Erträgnisse ge- 
währte ihm die Patrimonial-Gerichtsbarkeit in seiner Seigneurie, nicht 
nur, weiler die armen Bauern um des geringsten Vergehens willen ein- 
kerkern und nicht eher wieder frei liess, bis sie von den angedrohten 
Strafen mit bedeutenden Summen sich losgekauft, sondern, weil er sie 
auch zu strafbaren Handlungen verleitete, um sie dann dafür büssen zu 
können, und weil er für Geld selbst die grössten Frevel gestattete. Die 
Furcht vor diesem grauen Sünder und seinen zwölf Aposteln war so 
gross, dass es, da fast alle Welt Scheu trug gegen ihn zu zeugen, trotz 
der Offenkundigkeit seiner Verbrechen, schwer hielt, ihn derselben zu 
überführen 1 ). 

Nicht viel geringere Frevel belasteten den Baron von Senegas, 
darunter einige Mordthaten, die Zerstörung einer der heil. Jungfrau ge- 
widmeten Kapelle und Verwendung ihrer Trümmer zur Befestigung eines 
seiner Häuser, die willkührlichste und exorbitanteste Besteuerung, so wie 
sonstige vielfache Bedrückung seiner Grundholden. Einen derselben, der 
sich seinen Unwillen zugezogen, hatte der Herr Baron in einen ungemein 
feuchten Schrank eingeschlossen, in welchem er weder sitzen, noch 
stehen konnte und nur sehr spärliche Nahrung empfing, damit er einen 
recht langsamen Hungertod erleide. Als man den Unglücklichen nach 
einigen Monaten aus dem grässlichen Kerker erlöste, hatte sein Ant- 
litz kaum mehr eine menschliche Form und seine Kleider waren mit 
dichtem Moos überzogen. Guy de Leans, Baron von Zereaux, hatte 
unter anderen zwei arme Bauern, unter dem völlig grundlosen Vorwande 
der Beleidigung seiner Gemahlin, acht Tage lang in seinem Schlosse ein- 
gesperrt gehalten, woselbst er sie täglich mit Steigbügelriemen peitschen 
und mit Salz geladene Pistolen in ihre Sitztheile abschiessen und einen 



l ) Flechier a. a. 0. p. 259 sq. 



147 



der Unglücklichen, Namens Chalumeau, endlich aufknüpfen Hess. Als 
der Gehenkte nicht schnell genug verschied, hatte der edle Baron ihm 
durch einen Musketenschuss den Garaus machen lassen. Der Graf von 
Montvallat, der zu den wenigen in gutem Rufe stehenden Edelleuten 
der Auvergne gehörte und so sanftmüthigen Charakters war, dass er die 
nicht seltenen Prügel seiner hosen Ehehälfte geduldig einsteckte, wurde 
doch durch die gegen ihn eingeleitete Untersuchung überführt, mit seiner 
Patrimonial-Gerichtsbarkeit den schändlichsten Wucher getrieben zu ha- 
ben. Hatte einer seiner Unterthanen ein noch so grosses Verbrechen, 
z. B. einen Mord, begangen, durch Auszahlung oder sichere Verschrei- 
bung einer ansehnlichen Summe an den Grafen konnte er leicht vor je- 
der gerichtlichen Verfolgung sich schützen; Uebelthäter pflegte Montval- 
lat darum auch nicht zum Richter, sondern zum Notar zu schicken, be- 
hufs Ausfertigung der erwähnten Obligationen. Daneben war dieser sanft- 
müthige Edelmann von seiner grossen Verehrung der guten alten Sitten 
und Gebräuche veranlasst worden, das abscheuliche Recht der ersten 
Nacht in der in Auvergne früher allgemein üblichen ursprünglichen 
rohen Form 1 ) auszuüben und die von seinen übrigen Standesgenossen 
dafür angenommene Geldabfindung zurückzuweisen, Avenn man sich nicht 
zu besonders grossen Opfern verstand, die nur zu häufig die volle Hälfte 
der Mitgift der Braut verschlangen 2 ). 

Gegen diese und die vielen anderen adeligen Verbrecher entfalteten 
die in Rede stehenden Grands Jours zwar eine löbliche Strenge; Avelch' 
heilsamen, welch' abschreckenden Einftuss konnte die aber üben, da 
die gefällten Todesurtheile und übrigen schweren Straferkenntnisse that- 
sächlich meist unvollzogen blieben? Denn den Condemnaten, die, wie 
erwähnt, durch die Flucht dem strafenden Arme der Gerechtigkeit sich 
entzogen hatten und deshalb nur in effigie an Galgen und Pranger ka- 
men, fiel es nicht sonderlich schwer, durch ihre Verwandten und Freunde 
in Paris von dem so überaus adelsfreundlichen Könige Ludwig XIV ihre 
Begnadigung zu erlangen, oder durch hervorgerufene Jurisdictions-Con- 
flicte der Themis ein Schnippchen zu schlagen. So war z. B. der er- 
wähnte Marquis von Canillac schon im J. 1651 vom Parlamente zu 
Toulouse zum Tode verurtheilt und in effigie hingerichtet worden, wel- 
cher Execution er von einem benachbarten Fenster aus zugesehen und 
sich nicht wenig lustig darüber gemacht hatte, da er wusste, dass er 
durch die leicht zu bewirkende Veranlassung eines Jurisdictionsconflictes 



1 ) Vergl. oben S. 103. 

2 ) Flechier a. a. 0. pp. 155. 210. 396 sqq. 



148 

den Spruch des Parlamentes zu eludiren vermochte, was ihm auch wäh- 
rend ganzer vierzehn Jahre, bis zu den in Rede stehenden Grands-Jours, 
glückte. Deshalb würde er sich auch sehr wenig darüber gegrämt haben, 
dass er von diesen abermals zum Tode in effigie verurtheilt wurde, wenn 
die Richter nicht auch zugleich eine bedeutende Geldbusse und Güter- 
Confiscation über ihn verhängt hätten 1 ). Sehr natürlich mithin, dass all' 
die schönen Hoffnungen, die Ludwigs XIV Bewunderer und Lobhudler 
von dem nachhaltigen Einflüsse der fraglichen Grands-Jours hegten 2 ), 
sich nur zu bald als durchaus eitle erwiesen, wie man aus einer kurz 
nach dem Schlüsse derselben, nämlich schon im J.1667, an den König 
gerichteten Vorstellung der Bevölkerung der Auvergne entnimmt, in der 
sie wieder flehentlich um Schutz gegen die Bedrückungen und Gewalt- 
taten ihres übermüthigen Adels bat 3 ). 

Da nun auch die mancherlei Massregeln, die Ludwigs XIV grosser 
Minister Colbert zum Schutze und zur Erleichterung der Lage des 
Landmannes traf, zum Theil aus denselben Gründen thatsächlich ohne 
erheblichen Erfolg blieben 4 ), und das wenige Gute, was derselbe in der 
Beziehung wirkte, durch seine bekannten, eben so verkehrten wie un- 
heilvollen Gesetze 5 ) über den Getreidehandel bei weitem aufgewogen 
wurde, so kann es eben nicht befremden, dass Frankreichs Bauernstand 
schon in Colberts Tagen, also bereits in der ersten und, wie erwähnt, 
bessern Hälfte der Herrscherzeit des genannten Monarchen steigendem 
Elende anheim fiel 6 ). Danach wird leicht zu ermessen sein, auf welchen 



!) Flechier p. 262—63. 
2 ) Flechier p. 292 sq. 
8 ) Bonnemere 11, p. 66. 

4 ) Clement, Hist. de la yie et de Fadministration de Colbert p. 265 sq. (Paris 1846.) 
Bonnemere II, 76 sq. 

5 ) Selbst Clement, Colberts eifriger Apologet, kann sich a. a. 0. S. 263 des Bekennt- 
nisses nicht erwehren, dass les entraves apportees par ce ministre ä Fexportation des 
grains, mais principalement la mobilite de la legislation qu'il adopta ä eet egard, firent un 
mal immense ä Fagriculture. Vergl. noch ebendas. S. 274 f. 

6 ) Clement p. 278: Jamais, il est triste de le dire, la condition des habitants des 
campagnes n'a ete aussi miserable que sous le rkqne de Louis XIV, mßme pendant 
Vadministration de Colbert, c'est-ä-dire dans la plus belle periode de ce regne et au 
commeucement de ces grandes et fatales guerres qui en assombrirent la majeure partie. 
Les lettres adressees ä Colbert contiennent ä ce sujet les revelations les plus desolantes. 
Le 29 mai 1675, le gouverneur du Poitou lui ecrivait «qu'il avait trouye les esprits du 
menu peuple pleins de chaleur et une tres-grande pauvrete dans le pays.» A la meme 
date, le duc de Lesdiguieres, gouverneur du Dauphine, donnait a Colbert les details les 
plus affligeauts sur Fetat de cette province. 11 faut reproduire en entier sa lettre, qui re- 
pand un jour curieux sur cette epoque, si brillante a la surface, mais oü le peuple eut 
tant ä souffrir de la guerre et des fausses mesures de Fadministration. «Monsieur, je ne 



149 



Gipfel dieses erst in der andern Hälfte der äusserlich so glänzenden Re- 
gierung des fraglichen Bourbonen gedieh, als zu den hier beregten Uebelstän- 
denauch noch ein äusserst verderbliches, zumal auf die Landwirtschaft 
schwer drückendes Abgabensystem und die unermesslichen Opfer sich 
gesellten, die seine unaufhörlichen, und zuletzt unglücklichen"Kriege, die 
seine wachsende Verschwendungssucht, sein immer üppiger werdender 
Hofhalt und seine unsinnige Bauwuth fort und fort, und zwar vornehm- 
lich von Galliens ländlicher Bevölkerung heischten, als hierzu auch noch 
der, dieses Land seiner treuesten, intelligentesten, üeissigsten und reich- 
sten Bürger 1 ) beraubende Widerruf des Edictes von Nantes (1685) kam 
mit seinen unglückseligen Folgen für alle Interessen Frankreichs, selbst 
für dessen Wehrkraft 2 ). Der berühmte Marschall Vauban versichert, 



puis plus diflerer de yous faire sgavoir la misere oü je vois reduite cette province, le 
commerce y cesse absolument, et de toutes parts on me Tient supplier de faire connoistre 
au roy Timpossibilite oü Ton est de payer les charges. 11 est asseure, Monsieur, et je yous 
parle pour en estre bieu informe, que la plus grande partie des habitants de la dite 
province n'ont vescu pendant Vhyver que de pain de ylands et de racines, et que pre- 
senlement on les voit manger V herbe des prez et Vescorce des arbres » .... Voici, 
d'ailleurs, ce qu'ou lit dans un memoire remis par Colbert lui-meme ä Louis XIV, en 1681: 
«Ce qu'il y a de plus important, et sur quoi il y a plus de reflexion ä faire, c'est la mi- 
sire tris-grande des peuples. Toutes les lettres qui viennent des provinces en parlent, 
soit des intendants, soit des receveurs generaux ou autres personues, mesme des eveques.'- 

1 ) La mere — patrie n'avait pas, bemerkt sehr richtig Moret, Quince ans du regne 
de Louis XIV, T. I, p. 284 (Paris 1851. 3 yoIs.) de fils plus intelligents, le roi des sujets 
plus devoues. Ils peupiaient les conseils, les armees, les flottes, les manufactures: Du- 
quesne, le graud homme de Hier du siecle, Schomberg, Ruvigny et tant d'autres, suivaient 
la religion de Calvin. Pendant les troubles de la Fronde, ils s'etaient tenus soigueusement 
ä l'ecart; pas un reforme n'avait pris les armes contre la regente, et, bien plus, l'homme 
qui alors defendait la Cour, qui protegeait l'enfance de Louis XIV, Turenne, etait huguenot. 
Laborieux et actifs, ils s'etaient surtout tournes Yers Tindustrie. Les negociants calvinistes 
etaient les premiers de la France; ils avaient acquis de si grandes richesses, que leur for- 
tune etait devenue proverbiale. Dans le milieu du dix-septieme siecle on disait: Riche 
comme un Protestant. Daher kam es auch, dass die nach Amsterdam geflüchteten vielen 
Hugenotten solch' enorme Baarsummen dorthin brachten, que peu apres leur arrivee, 
l'interet de l'argent tomba ä deux pour cent. Louis XIV empruntait alors ä sept, ä huit, et 
meme ä dix pour cent! Moret I, 45. 

2 ) Audouin, Hist. de i'administration de la guerre T. II, p. 353 (Paris 1811. 4 yoIs.): 
On sait ce que l'agriculture, le commerce, la marine souflrirent de cet acte inique, il suf- 
fit de faire apercevoir plus particulierement son influence sur la guerre: les soldats pro- 
testants, maltraites par des chefs qui, dans l'execution, outrepassoient la mesure de ri- 
gueur commandee, luttoient entre l'amour de la patrie et la haine pour un gouvernement 
persecuteur; si le premier sentiment l'emportoit, pour ne pas etre infideles aux engage- 
ments militaires, ils etoient reduits ä trahir Tamitie, la foi; il falloit aller combattre dans 
les Cevenes les hommes d'un culte qu'ils avoient professe, et porter au coeur de la France 
tous les maux de la guerre, qui avoient assez long-temps desole la frontiere. Si, revoltes 
du spectacle horrible dont on les rendoit les odieux acteurs, ils fuyoient une patrie des 



150 



dass bereits im J. 1698 der zehnte Theil der Bewohner Galliens sich 
am Bettelstabe befunden und sein Leben durch Betteln gefristet hatte, 
dass von den neun übrigen Zehnteln fünf ganz ausser Stande, weil selbst 
dem Bettelstabe sehr nahe gewesen wären, denselben mit Almosen zu 
unterstützen, und dass es in der grossen Monarchie Ludwigs XIV schon 
damals keine zehntausend reiche Familien gegeben hatte! 1 ) 

Von der furchtbaren Erschöpfung, in welcher dieser 2 ) wie seinen 
ganzen Staat so namentlich dessen ländliche Bevölkerung hinterliess, hatte 
letztere im zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts, Dank! zumal 
der milden und verständigen Waltung Fleury's, sich kaum einiger- 
massen erholt, als Ludwigs XV unglückselige, für sein Geschlecht so 
verhängnissvolle Theilnahme am siebenjährigen Kriege und mehr noch 
seine sinnlose Verschwendung und die schauderhafte Ueppigkeit seines 
Hoflebens, neuerdings das Vollmass der Drangsale über Galliens Bau- 
ernstand ausgössen, ihn mehr denn je an den Rand der Verzweiflung 
drängten. 

Es ist unerlässlich, die Lage desselben 3 ) im Beginne der Re- 
gierung Ludwigs XVI, an der Schwelle der grössten und folgenreich- 
sten Umwälzung, welche die Geschichte kennt, in einem U eberblicke 
hier zusammenzufassen, theils zur Berichtigung mancher in der Hinsicht 
obwaltenden Irrthüiiier, theils überhaupt zum bessern Verständnisse des 
Folgenden und zur Vermittlung eines unbefangenen Urtheils über die 
späteren Verhältnisse, ihre Ursachen und Wirkungen. 



honoree, on les voyoit deserter en troupe; l'ennemi s'empressoit d'en former des corps 
redoulables, d'illustres guerriers les commandoient. 

Eben deshalb remonstrirten auch zwei der berühmtesten Marschälle Ludwigs XIV, 
Vauban und Catioat, so energisch gegen jenen verhänguissvollen Widerruf; Yaubau führte 
dem Könige in einer bezüglichen Denkschrift unter anderen zu Gemüthe, dass er ihm 
sechshundert Offiziere, zwölftausend seiner besten Soldaten und neuntausend seiner tüch- 
tigsten Matrosen gekostet und sie seinen bittersten Feinden zugeführt habe. Audouin 11, 
p. 356. 

1 ) Vauban, Dirne royale, Preface: Daire Economistes-Financiers du XVIIP siecle p. 34 
(Paris 1843). 

2 ) Ludwig XIV schied, nach der massigsten Schätzung, mit einer Schuldenmasse von 
2,045 Millionen Livres aus dem Leben, welche nach dem Mittelpreise der Mark Silber 
Fon 1684 — 1716 (35 Fr. 55 c.) etwas über 3081 Millionen Francs heutiger Währung 
ausmachen! Daire a. a. 0. p. 33. 

3 ) Kenner werden finden, dass die folgende Schilderung sehr Ton derjenigen abweicht, 
die Tocqueville: L'ancien regime «et la revolution (Paris 1856) von den betreffenden Ver- 
hältnissen entwirft, und auch unschwer entdecken, dass diese Divergenz von der vorge- 
fassten Meinung herrührt, mit welcher Tocqueville an die Ausarbeitung seines Werkes 
ging, wie er in der Vorrede desselben mit lobenswerther Aufrichtigkeit bekennt. Daher 
kam es denn auch, dass er gar nicht merkte, wie schwer so manche seiner Ansichten 
und Behauptungen mit den von ihm selbst erzählten Thatsachen zu vereinen sind. 



_1M_ 

Zu den verbreitetsten der eben beregten Irrthümer gehört die Mei- 
nung, dass es vor 1789 in Frankreich nur sogenannten grossen Grund- 
besitz gegeben hätte, d. h. dass die gesammte Oberfläche der Monarchie 
das ausschliessliche Eigenthum des Adels, der Kirchen, Klöster u. s. w. s 
dass der Stand der kleinen Eigenthum er die Schöpfung der Revolu- 
tion gewesen wäre. Die Allgemeinheit, mit der die Redner der Natio- 
nalversammlung und des Convents von diesem Verhältnisse als von einer 
unbestreitbaren Wahrheit sprachen, theils aus leicht zu errathender Ab- 
sicht, theils wegen ihrer wirklich oft fabelhaften Unwissenheit in stati- 
stischen Dingen, scheint die fragliche Meinung erzeugt zu haben. Dem 
sei indessen, wie ihm wolle, sie ist grundfalsch, Thatsache vielmehr 1 ), 
dass schon vor der Revolution v. 1789 etwa ein Drittel der gan- 
zen Bodenfläche Frankreichs von kleinen Eigenthümern bebaut 
wurde. Die fast leidenschaftliche Vorliebe für Grundbesitz, welche die 
Franzosen von jeher betätigten, hatte nämlich, besonders seit dem fünf- 
zehnten Jahrhundert, viele Bauern angetrieben, die aus Anlass der vielen 
auswärtigen Kriege und des steigenden Luxus eben nicht seltenen Geld- 
verlegenheiten ihrer Seigneurs dazu zu benützen, wenigstens ein Fleck- 
chen Erde zu erwerben, welches ihnen eigenthümlich gehörte, von dem 
sie daher in keinem Falle vertrieben werden konnten, und dies Streben 
war von volksfreundlichen Monarchen und einsichtigen Staatsmännern, 
wie zumal von Ludwig XII, Heinrich IV und Richelieu, unterstützt und 
thunlichst gefördert worden 2 ). 

Indessen würde Nichts irriger sein, als die Meinung, dass diese 
kleinen Grundbesitzer auch freie Grundbesitzer gewesen waren. Das 
waren sie so wenig, wie die übrigen Bauern, die kein Zoll breit Erde 
ihr Eigenthum nennen konnten. Denn durch den Verkauf eines Ackers 
oder sonstigen Stück Landes an einen seiner Hintersassen blieb das per- 



x ) Nach dem Zeugnisse Arthur Youngs, eines der ersten Landwirthe des damaligen 
Europa, der nach dreijährigen gewissenhaften Forschungen in allen französischen Provin- 
zen kurz vor der Revolution zu diesem Resultate gelaugte. Voyages en France pend. les 
annees 1787 — 1790, trad. de l'angl. par T. S(oules). T. III, p. 31 (Paris 1794. 3 vols.). 
Auch wird Youngs Angabe durch die Erzählung Boisguilleberts vom J. 1697 bei Daire a. 
a. 0. p. 189 und die, von Michelet (Le Peuple p. 43) erwähnte Bemerkung des Abbe von 
Saint-Pierre (jenes edlen Menschenfreundes, der im J. 1718 aus der französischen Aka- 
demie ausgestossen wurde, weil er den seltenen Muth gehabt, über Ludwig XIV ein strenges 
Urtheil zufallen, ihm den Beinamen des Grossen zu verweigern) v. J. 1738 bestätigt: dass 
in Frankreich fast alle Tagelöhner einen Garten, etwas Weinland, oder sonst ein Grund- 
stück eigenthümlich besässen. 

2 ) Michelet hat in seinem lehrreichen, wenn schon von Extravaganzen nicht freien 
Buche: Le Peuple (1845) ausführlicher entwickelt und begründet, was hier nur kurz au- 
gedeutet werden konnte. 



153 

sön liehe Verhältniss des Verkäufers zum Käufer, d. h. des Seigneurs 
zum Bauer, durchaus unberührt, dieser jenem zu all' den persönlichen 
und Feudal-Leistungen, wie z. B. den Frohnden, den Banngerechtigkei- 
ten u. s. w. verpflichtet, die ihm bislang obgelegen, indem der Edelmann, 
wenn ihm in finanziellen Nöthen ein hübsches Stück Geld geboten wurde, 
allerdings sich bereit finden Hess, seinem Hintersassen das Eigenthum 
eines Fleckchens Erde zu verkaufen, aber um keinen Preis die Freiheit. 
Der Widerwille des französischen Adels in dem Betreff war, mit weni- 
gen sehr seltenen Ausnahmen, geradezu unüberwindlich, wie zumal aus 
den Verhandlungen der Generalstaaten von 1560 und 1614-, und beson- 
ders aus der in der letztern Versammlung an den König gerichteten 
dringenden Bitte des dritten Standes unzweideutig erhellt: durch einen 
Machtspruch die Seigneurs zu nöthigen 1 ), ihren Grundholden die 
Ablösung der Hörigkeit und Feudallasten zu gestatten. Alles, was der 
Landmann, der Tagelöhner u. s. w., der ein Stückchen Feld eigenthüm- 
lich erwarb, hierdurch vor demjenigen, der das nicht vermochte, voraus 
hatte, bestand, neben dem angedeuteten Vortheil, also darin, dass er der 
Entrichtung des Champarts 2 ), oder eines sonstigen Pachtzinses fortan 
enthoben war. 

Und eben darum war das Loos dieser kleinen Eigenthümer 
auch so wenig verschieden von der Lage der überwiegenden Mehrheit 
der Bauern, die als Pächter ihren Unterhalt erwarben, von welcher 
Gleichartigkeit des Geschickes, oder vielmehr des Missgeschickes, es 
denn auch zunächst herrühren mochte, dass die französischen Schriftstel- 
ler jener kleinen bäuerlichen Grundbesitzer so überaus selten erwähnten 
und sie mit den Pächtern in eine Klasse rangirten. Diese Vermischung 
lag zudem um so näher, weil die Meisten der fraglichen kleinen Eigen- 
thümer, wie bereits angedeutet, in der That zugleich auch Pächter 
waren. Denn das schmale Streifchen Land neben seiner Hütte, zu dessen 
eigenthümlicher Erwerbung des Bauern Mittel nach langem Sparen und 
Darben ausreichten, genügte wol um etwas Gemüse, Futter für eine 
Kuh oder für ein paar Ziegen und etwas Weinreben zu ziehen, aber, 
namentlich bei zahlreicher Familie, doeh lange nicht zur Bestreitung aller 
Bedürfnisse des Besitzers. Folglich musste dieser das Fehlende, wenn 
er es nicht als Arbeiter in einer Fabrik oder als Tagelöhner bei einem 
Pächter erwerben konnte oder wollte, dadurch zu gewinnen suchen, dass 
er zu der eigenen Scholle noch ein grösseres Stück Land hinzu pachtete. 



l ) Torcy, Recherches chronol. hist. et polit. sur la Champagne p. 392, 
?) Vergl. oben S. 95. 



153 

Von dem übrigen 1 ), etwas über zwei Drittel seiner Oberfläche be- 
tragenden, Grund und Boden Frankreichs, der das Eigenthum des Adels, 
des Klerus und anderer grossen Besitzer bildete, war ein kleiner, etwa 
der achte Theil, von reichen Privaten und Speculanten in weiten Land- 
strecken gepachtet und in kleinen Parzellen wieder an die Bauern ver- 
pachtet worden, welche denn auch die anderen sieben Achtel als Pächter 
der grossen Grundherren bewirtschafteten, und zwar in der Regel in 
Meiereien von zehn, höchstens fünfzehn Hectaren eingetheilt. Wie seit 
nahezu einem Jahrtausend entrichteten sie auch jetzt nicht einen bestimm- 
ten jährlichen Geldzins, sondern in der Regel die Hälfte, in manchen 
Provinzen, wie z. B. in Berri und der Champagne, oft nur ein Drittel 
des Rohertrags als Pacht, und empfingen vom Gutsherrn dafür die erste 
Saatfrucht, das erforderliche Geräthe und Vieh, weil sie fast durchgän- 
gig viel zu arm waren, um diese Dinge selbst anschaffen zu können. 
Zur Würdigung der Höhe des in Rede stehenden Zinses braucht man 
nur zu wissen, dass in England damals ein Viertel des Rohertrages 
schon als hoher Pachtschilling galt, — gar oft bestand er nur in einem 
Sechstel desselben und noch weniger, — und dabei der Grundeigen- 
tümer hohe Zehnten und Armentaxe zu zahlen hatte, während in 
Frankreich der Pächter von der ihm verbleibenden Hälfte des Roh- 
ertrages nicht nur sämmtliche, überaus drückende und verzehrende 
Staatsabgaben und Kirchensteuern (die mancherlei Zehnten) bestreiten, 
sondern daneben auch noch durch die schwere Wucht so vieler guts- 
herrlichen Rechte in der Ausbeutung des Bodens und der Verwerthung 
seiner Kräfte sich vielfach behindert sehen musste. Die Frohnden auf 
dem Herrnhofe, deren kaum glaubliche Mannichfaltigkeit erst die in den 
Jahren 1790 — 1792 zu ihrer Abschaffung erlassenen Verordnungen 
enthüllten, neben den, gleich zu erwähnenden, sehr belangreichen, die 
der König, d. h. der Staat von ihm forderte, raubten dem Bauer nur 
zu oft die kostbarsten Arbeitstage; die Bannrechte, d. h. die Ver- 
pflichtung sein Getreide nur auf den Mühlen des Gutsherrn mahlen, 
sein Brod nur in dessen Ofen backen, seine Trauben nur in dessen 
Kelter pressen zu lassen, und die übrigen einschläglichen Privile- 
gien des Seigneurs gaben ihn den abscheulichsten Prellereien und Miss- 
bräuchen 2 ) preis. Am schwersten drückten auf den Landmann aber, 



1 ) Dem Folgenden liegen, wenn nicht auf andere Quellen verwiesen wird, Youogs 
angef. Reisen, besonders T. II, p. 331 und T. III, p. 1 sq. durchweg zu Grunde. 

2 ) Ueber diese noch zur Zeit des Ausbruches der Revolution geben unter anderen die 
Doleances de la paroisse d'Ayencourt et le Monchel (in der Picardie) v. J. 1789 bei Beau- 
Tille, Hist. de la ville de Montdidier T. I, p. 572 (Paris 1857. 3 vols. 4.) iuteressaute An- 



154 1 

wie schon seit Jahrhunderten, so auch damals die Jagdrechte der 
Grundherren und die sie beschützenden Jagdgesetze. Vieler Orten 
gingen diese so weit, dass die Bauern zu gewissen Zeiten nicht jäten 
und ackern, das Heu nicht mähen, ja ihre Felder überhaupt nicht betre- 
ten durften, um die Rephühner nicht zu verscheuchen, oder um deren 
Eier nicht zu zerstören; sogar das Düngen der Aecker mit Jauche war 
verboten, damit diese lieben Thiere ihren guten Geschmack nicht verlö- 
ren. Den Wildschweinen und dem Rothwilde war es gestattet, die so- 
genannten Capitanerien 1 ), d. h. den ganzen Bezirk, in Avelchem ein 
Seigneur das ausschliessliche Jagdrecht besass, in allen Richtungen un- 
gehindert zu durchstreifen, den Lohn der Anstrengungen des Landman- 
nes, seinen und der Seinigen Lebensunterhalt für ein ganzes Jahr nur zu 
oft in wenigen Tagen zu zerstören. Uebertretungen dieser Gesetze wur- 
den von den gutsherrlichen Patrimonial-Gerichten bestraft, bei welchen 
jede Art von Unterdrückung, Chicane und Betrug nur zu gewöhnlich 
war. Wie oft ist es da nicht vorgekommen, dass verzweifelte Landleute, 
die das Stückchen Brod ihrer Weiber und Kinder gegen die Waldthiere 
vertheidigt hatten, ob dieses Frevels willen auf die Galeeren kamen! 

Was Wunder daher, dass in den gesegnetsten Provinzen Frankreichs 
der Bauer bettelarm, und so vieles Land völlig unangebaut, in Heide und 
Wüstung verwildert war? Mit dem berühmten britischen Landwirthe 
Arthur Young, der im Schoosse der üppigsten Natur eine ihn «an Irlands 
Elend mahnende« 2 ) Armuth der ländlichen Bevölkerung antraf, stimmen 
alle sachkundigen und unbefangenen Beobachter überein, wie z. B. sein 
Landsmann Wraxall, der im J. 1776 Frankreich bereisete, und von den 



deutungen. Ce qui contribue, heist es dort, ä augmenter la misere du peuple, c'est la ba- 
nalite des moulins, qui sont affermes un prix si excessif que les meuniers sont forces 
pour payer leurs maitres et vivre en m&me temps, de prendre double et triple mou- 
ture. L'on desireroit que les banalites fussent detruites, que Fon obligeät les meuniers 
de recevoir le ble au poids et de rendre la farine de m4me, et que l'on fit diminuer le 
fermage des moulins. Les meuniers anciens tenoient les moulins plus de moitie moins 
qu'aujourd'hui; la plupart faisoient eucore banqueroute; aujourd'hui les moulins sont 
loues de prix excessifs, parce que les meuniers ne risquent den, sachantse dedommager 
en prenant plus que leurs droits, et en changeant souvent le bon bled pour du bled 
d'un prix bien inferieur, ce qui arrive journellement. 

1 ) Wie bedeutend diese nicht selten waren, davon nur ein Beispiel, welches Young 
T. I, p. 37 — 38 erzählt: La foret qui environne Chantilly, appartenant au prince de Conde ; 
est immense, s'etendant fort loin en long et en large; la route de Paris la traverse pen- 
dant trois lieues, ce qui est sa moindre etendue. On dit que la capitainerie a plus de 
trente-trois lieues de circonference, c'est-ä-dire, que tous les habitaus de ces catitons 
sont iufestes de gibier saus aToir la permission de le detruire, pour le plaisir d'un seul 
nomine. 

2) A. a. 0. T I, p. 69. 



155 



lachenden Ufern der Loire berichtet 1 ): «Die äusserste Armuth und das 
äusserste Elend der Bauern, in der Mitte eines Paradieses, das alle Be- 
dürfnisse und Annehmlichkeiten des Lebens im grössten Ueberflusse her- 
vorbringt, erfüllt mich mit Erstaunen, Mitleid und Zorn. Ich sehe viel 
Pracht, aber noch mehr Noth, ein fürstliches Schloss umgeben von tau- 
send erbärmlichen Hütten, den erkünsteltsten und entnervendsten Aufwand, 
im Gegensatz zu der Bettelhaftigkeit und Nacktheit des Volkes.» Und in 
ähnlicher Weise spricht sich der Schweizer Fisch aus 2 ), der in den 
Jahren 1786 — 1788 Languedoc, die Provence und andere Gegenden 
des französischen Südens besuchte. Young hielt dafür, dass etwa ein 
Fünftel des pflugfähigen Bodens von Frankreich brach und wüst läge, 
und die Schätzung erscheint keineswegs zu hoch gegriffen, wenn man 
erwägt, dass z. B. in dem Lande Beauce mit seinem prächtigen unver- 
gleichbaren Getreideboden im J. 1786 über zweihundert in Ruinen lie- 
gende Pachthöfe gezählt wurden, dass es selbst dort weite ganz wüst lie- 
gende Landstrecken gab, weil die Pächter, in der Voraussicht, dass der 
durch bessern Anbau erzielte höhere Ertrag nur eine Steigerung ihrer 
Lasten zur Folge haben, also nicht ihnen, sondern nur ihren habsüchti- 
gen Grundherren zu Gute kommen werde, die Trägheit dem Fleisse vor- 
zogen, woraus resultirte dass damals selbst dieser so sehr gesegnete 
Landstrich nur die Hälfte der Brodfrüchte erzeugte, die er unter anderen 
Verhältnissen hätte erzeugen können 3 ). 

Was Wunder daher auch der grimmige Hass, der in der Brust des 
Landvolkes gegen die bevorrechteten Stände, und zumal gegen den Adel 
loderte? Was Wunder daher auch, dass trotz der noch so überaus man- 
gelhaften Verbindung zwischen den verschiedenen Provinzen des Rei- 
ches, dass ungeachtet man fünfzig Meilen von Paris nicht selten ganz 
unbekannt mit den wichtigsten Ereignissen der Revolution blieb und die 
Bauern gar oft nicht wussten, was nur in der nächsten Stadt vorging, 
das J. 1789 und die ihm nächst folgenden Jahre einen so allgemeinen 
und von so vielen schaudererregenden Gräuelthaten begleiteten Aufstand 
der ländlichen Bevölkerungen gegen die Gutsherren von Calais bisBayonne 
sahen? Mit alleiniger Ausnahme der Vendee, wie man weiss, die es 
in dankbarer Erinnerung trug, dass ihr Adel, sehr unähnlich dem des 



1 ) Bei Raumer, Gesch. Frankreichs v. 1740 — 4 795 (Europas Bd. VIII) S. 131. 

2 ) Briefe über die südlichen Provinzen von Frankreich, auf einer Reise durch das 
Delphinat, Languedoc u. s. w. in den Jahren 1786—1788 geschrieben (Zürich 1790) 
S. 279 uud noch an mehreren anderen Stellen 

3 ) Doyen, Hist. de la ville de Chartres, du pays Chartrain et de la Beauce T. II, p. 
355—361 (Chartres et Paris 1786. 2 vols.). 



156 

übrigen Frankreich, sich nicht in den Strudel des üppigen Hoflebens ge- 
stürzt, es vielmehr nicht verschmäht hatte, in patriarchalischer Sittenein- 
falt als Vater und Freund seiner Pächter in ihrer Mitte zu leben, Freud 
und Leid mit ihnen zu theilen. In Niederpoitou war es nichts Seltenes, 
den Edelmann mit dem Bauer gemeinschaftlich auf die Jagd ziehen und 
sich sonst vergnügen, jenen diesen auf den Markt begleiten zu sehen, um 
ihm die Rinder möglichst vortheilhaft zu verkaufen; gar oft gab hier der 
Seigneur seinem Hintersassen Vorschuss zur Anschaffung, Lehre zur 
Erhaltung des benöthigten Viehes; hier war die Vertreibung eines Päch- 
ters unerhört, der Gutsherr gewöhnlich der Pathe aller Kinder dessel- 
ben. Darum waren hier auch die Bauern wohlhabend, dieEdelleute be- 
liebt; daher auch die heldenmüthige Aufopferung, mit welcher diese 
menschliche Behandlung von jenen nachmals (1793) in dem furchtbaren 
Bürgerkriege vergolten wurde, der unter dem Namen des Aufstandes der 
Vendee eine so traurige Berühmtheit erlangt hat in den Annalen Frankreichs. 
Dass dessen bäuerliche Zustände vor allen anderen dringender denn 
je einer durchgreifenden Verbesserung bedurften, lag, als Ludwig XVI 
nach dem Hintritte seines Grossvaters (10. Mai 1774) den Thron be- 
stieg, so augenfällig zu Tage, dass selbst dieser noch sehr jugendliche 
Monarch, obwol bekanntlich kein grosser Geist, zwar voll Menschen- 
liebe, aber ohne sicheres Urtheil, nur dürftig unterrichtet, und unbehülf- 
lich wie in der äussern Erscheinung, so auch in Sprache und Gedanken, 
sehr bald von dieser Ueberzeugung sich durchdrungen fühlte. Und zu 
seinem Glücke schien ihm die Vorsehung in dem edeln und hochgebil- 
deten Turgot auch den zur Ausführung solch' schwierigen Werkes fähig- 
sten Mann geschenkt zu haben. Denn Turgot, von dem sein Kollege 
Malesherbes zu sagen pflegte : er besitze Bacons Kopf und Hopitals Herz, 
vereinte die schätzbarsten Eigenschaften Sully's mit denen Colberts, des 
Erstem tiefe landwirtschaftliche Einsicht und genaue Kenntniss der 
bäuerlichen Zustände und Interessen mit dem finanziellen und industriel- 
len Scharfblick des Letztern, daneben seltene Willenskraft mit grosser 
Redlichkeit und viel Liebe zum Volke. Diese bethätigte er am spre- 
chendsten durch die Energie, mit welcher er an die Ausführung des von 
ihm gefassten grossen Planes ging, in ganz Frankreich die Befreiung nicht 
nur des Landmannes, sondern auch des Grund und Bodens von den Ban- 
den derFeudalität, zu ermühen und zwar mittelst sofortiger Aufhebung 
der Erbunterthänigkeit, der Bannrechte, wie aller sonstigen Lasten und 
Leistungen der Hintersassen auf den königlichen Domainen und allmäh- 
liger Ablösung dieser Verpflichtungen auf den Gütern des Adels und 
der Geistlichkeit. 



157 

Eingeleitet wurde die Durchführung dieses ruhmwürdigen Vorhabens 
mittelst der rüstig in Angriff genommenen Abschaffung der Fr o lin- 
den, d. h. der königlichen oder Staatsfrohnden, die damals vornehmlich 
in Kriegs- und Proviantfuhren und sonstigen Spanndiensten, sowie in 
Arbeiten zur Anlegung und Erhaltung der Landstrassen bestanden. An 
sich für die armen Bauern schon aufreibend genug, wurden sie das in 
noch weit höherem Grade durch die nur zu oft damit verbundenen Miss- 
bräuche. Da nämlich jeder Feldzug die Requisition vieler Tausende 
bäuerlicher Fuhrwerke zum Transporte der Munition, Bagage und sonsti- 
gen Bedürfnisse der Truppen mit sich führte, da diese, schon weil sehr 
schlecht, viel schlechter als früher besoldet 1 ), nur zu geneigt waren, ihren 
leicht erregbaren Unmuth an den armen Landleuten und ihren Thieren 
auszulassen, die geringste Klage über allzu grosse Anstrengung dieser 
den Ersteren mit Prügeln zu vergelten 2 ), wird unschwer zu errathen 
sein, wie ungeheuer die Bauern nur durch diese Frohnden zu leiden 
hatten. Aber auch die, zu welchen sie in Friedenszeiten verpflichtet 
waren, sind durch die empörende Rücksichtslosigkeit, mit der man Men- 
schen und Vieh zu behandeln pflegte 3 ), dem Landmanne zu einer über- 
aus verzehrenden Bürde erwachsen. 

Trotzdem dass er sich vorläufig damit begnügte, nur die theilweise 
Abschaffung der Frohnden, nämlich der beim Wegebau zu versuchen, 
fand es Turgot, wegen der Kühnheit der von ihm gewagten Neuerung, 
doch gerathen, dem solche (Febr. 1776) verfügenden Edicte 4 ) eine sehr 
ausführliche Begründung seiner Notwendigkeit beizugeben. Sie ist das 
Beste, was bis dahin über die Verderblichkeit jener für die Pflichtigen 
und über ihre geringe Erspriesslichkeit für die Berechtigten veröffentlicht 
worden, und darum mögen einige ihrer wesentlichsten Stellen hier aus- 
gehoben werden: «Ein Mensch, der gezwungen und ohne Lohn arbeitet», 
sagt Turgot, «wird immer schlecht und sehr langsam, in gleicher Zeit 
weit weniger als der Bezahlte arbeiten. Dazu kömmt, dass die FrÖhner 



1 ) Ludwig XIV hatte nämlich, zur Minderung seines Kriegsbudgets, den Sold der 
Truppen bedeutend herabgesetzt. Unter der Regierung seines Grossvaters Heinrichs IV 
empfing der Infanterist sechs Sous und acht Deniers, im J. 1700 aber nur vier Sous 
und acht Deniers an täglicher Löhnung. Audouin, Hist. de Tadministration de la guerre 
II, pp. 250. 377. 

2) Bonnemere II, 220. 

3 ) Sehr unerquickliche diesfällige Details erzählt Marquis d'Argenson, Minister Lud- 
wigs XV, in seinen Memoires p. 261 sq. (Paris 1846). 

4 ) Abgedruckt unter anderen in den, von Dupont de Nemours herausgegebenen 
Oeuvres de Turgot T. VIII, p. 273 sq. (Paris 1809. 9 vols.) und (deutsch) bei Dohm, 
Materialien f. Statistik und neuere Staatengesch. Bd. II, S. 8 f. 



158 

oft drei und mehr Meilen bis zu ihrem Bestimmungsorte und eben so viel 
wieder zurück zu reisen haben. Sie verlieren also, ohne den mindesten 
Vortheil für den Staat oder den Seigneur, einen grossen Theil ihrer Zeit, 
d. h. ihres bedeutendsten, und nicht selten einzigen Kapitals. Auch die 
Unterweisung und Vertheilung einer durch Zufall zusammengewürfelten 
Menge, die gewöhnlich eben so wenig Kenntniss als guten Willen zur 
Arbeit mitbringt, erfordert viel Zeit und raubt jener einen beträchtlichen 
Theil ihres Werthes für den Empfänger. Es unterliegt mithin keinem 
Zweifel, dass die Frohndienste den Pflichtigen ZAvei-, oft wol auch drei- 
mal so viel kosten, als sie jenem werth sind, als die gleiche Arbeit gegen 
Bezahlung kosten würde. Diese hat namentlich beim Wegebau noch den 
bedeutenden Vorzug, dass die Unternehmer gleich für Ausbesserung des 
kleinsten Schadens sorgen, weil solche die wohlfeilste ist, während 
die seitherige Restauration der Landstrassen mittelst Frohndienste ge- 
wöhnlich dann erst erfolgte, wenn dieselben in einem so trostlosen Zu- 
stande sich befanden, dass jene nicht viel weniger Arbeit als ein Neubau 
erforderte, zum nicht geringern Nachtheile des Publikums als der Frohn- 
pflichtigen. Erwägt man ferner, dass auch die sorgfältigste Ueberwachung 
diese vor der Willkühr und den Bedrückungen so vieler subalternen Be- 
amten zu schützen ausser Stande ist, so wird man zugeben müssen, dass 
es geradezu unmöglich ist, genau zu schätzen, wie viel die 
Frohndienste dem Volke kosten, und zwar dem allerärmsten 
Theile desselben. » 

Die in dem fraglichen Edicte verfügte Ersetzung der Frohndienste 
bei Wegebauten durch eine fortan von allen Grundeigenthümern, 
ohne Unterschied, aufzubringende sehr massige Steuer erregte aber, ob- 
wol schon früher in einigen Theilen der Monarchie 1 ) faktisch eingeführt, 
und trotzdem, dass auch die königlichen Domainen, um des guten Bei- 
spiels willen, derselben unterworfen wurden, unter dem Adel und Klerus, 
welch' letzterer errieth, dass die zu seinen Gunsten zugelassene Ausnahme 
nur eine vorläufige sein dürfte, einen furchtbaren Sturm des Unwillens 
gegen den dreisten Frevler, der sich erkühnte, Einrichtungen, richtiger 
Missbräuche, anzutasten, die eine lange Reihe von Jahrhunderten gehei- 
ligt hatte. Und unglücklicher Weise war durch Ludwigs XVI so ver- 



x ) Wie z. B. in der Normandie, wo den Frohnden schon seit längerer Zeit «la contri- 
bution en argent etant dejä substituee, de fait, dans toutes les generalites de cette province, 
et repartie dans toutes, au marc la livre de la taille ; les biens de gens de main-morte 
participant, dans toutes, ä cette contribution, dans la m&rhe forme et la mSme Propor- 
tion que les biens des autres privilegies.» Aus den Registern des Parlaments v. Juni 1776 
bei Floquet, Hist. du Parlament de Normandie T. VII, p. 52. 



159 



hängnissvollen Missgriff der Wiederherstellung (Novbr. 17 74) der, 
von seinem Grossvater (1771) aufgehobenen, Parlamente den wüthen- 
den Privilegirten eine sehr gewichtige Stütze verschafft worden. Denn 
diese Gerichtshöfe, einst J ) der unteren Klassen eifrige Schützer gegen 
die Anmassungen der höheren, waren in ihrer starren Einseitigkeit längst 
entartet in fanatische Vorkämpfer alles Herkömmlichen und Bestehenden, 
in die grimmigsten Feinde jeder Neuerung 2 ). Darum widersetzten sie 
sich 3 ) auch der in Rede stehenden mit äusserster Energie; das pariser 
Parlament schämte sich nicht, Ludwig XVI vorzustellen, der Adel sei 
dem Staate bloss mit seinem Degen und gutem Rathe, die Geistlichkeit 
ihm mit Gebet zu dienen verpflichtet, und nur Bürger und Bauern dürf- 
ten mit Steuern und sonstigen Leistungen willkührlich belastet werden; 
dies sei ein wesentlicher Theil der Constitution (!) des Reiches, die der 
König nicht einseitig ändern könne; die Abschaffung der Frohnden 
werde sicherlich zu einem Volksaufstande führen! Begründet 
wurde diese denkwürdige Remonstration mit jener damals oft gehörten 
Behauptung, deren Grundlosigkeit in der Einleitung dargethan worden, 
dass nämlich Galliens Bürger und Bauern die Nachkommen der von den 
Franken überwundenen alten Bewohner des Landes, und deshalb schon 
zum Tragen aller möglichen Abgaben und öffentlichen Lasten allein 
verpflichtet seien 4 ). Boncerf, Freund und Gehülfe Turgots, hatte da- 
mals eine kleine Schrift 5 ) veröffentlicht, die mit eben so viel Mässigung 
und Würde wie Sachkenntniss 6 ), die Nachtheile der Feudalrechte für 
den Staat wie für den Bauer und ihren geringen reellen Nutzen für die 
Seigneurs selbst, wie auch die Nothwendigkeit ihrer Ablösung (keines- 



1 ) Vergl. Floquet T. VII, p. 344 und oben S. 141. 

2 ) Sehr treffend sind sie deshalb auch im J. 1789 Ton einem gemässigten Schriftstel- 
ler mit den düsteren Räumen verglichen worden, in welchen sie residirten. Ils sout, sagt 
dieser, comme les salles antiques oü ils s'assemblent, oü le grand jour n'arrive qu'ä midi, 
et lorsque le pays est tout eclaire des le matin. Floquet, T. VII, p. 346. 

3 ) Jedoch, — die historische Gerechtigkeit erheischt diese Bemerkung — , nicht alle, 
namentlich das Parlament der Normandie machte eine rühmliche Ausnahme, indem es 
Ludwig XVI mit Wärme die Gefühle des Dankes ausdrückte, die in ihm hervorgerufen 
worden «ä la Tue des sentiments d'equite et de bienfaisance qui avoient porte S. M. ä or- 
donner la suppression des corvees. ...» Floquet T. VII, p. 53. 

4 ) Dohm, Materialien II, 26 f. Bonnemere II, 223. 

5 ) Sie führte den Titel: Les Inconyenients des Droits feodaux. Londres et Paris 1776. 
(72 SS. 8 ), erlebte viele Auflagen (die beste ist die v. J. 1791 wegen ihrer interessanten 
Vorrede) und wurde fast in alle Sprachen Europas übersetzt, da les principes qui y sont 
etablis ont servi de base aux decrets rendus le 4 aoüt 1789 par Fassemblee Constituante. 
Biographie universelle T. V, p. 91. Art. Boncerf. 

6 ) Nach dem Urtheile Floquets a. a. 0. T. VII, p. 55. 



160 

wegs ihrer unentgeldlichen Beseitigung) schlagend darlegte, diesen 
bewies, dass sie für ihre Einwilligung in die fragliche Ablösung einen 
Preis fordern könnten und erhalten würden, der ihre Einkünfte mehr als 
verdoppeln werde. Diese Brochure liess das pariser Parlament (23. Febr. 
1776) als eine aufwieglerische durch Henkershand verbrennen; nur das 
ausdrückliche Verbot Ludwigs XVI, in der gegen ihren Verfasser selbst 
eingeleiteten gerichtlichen Verfolgung weiter vorzugehen, konnten den- 
selben vor der Rache jener ergrimmten Körperschaft schützen, die es 
gleichzeitig in einer Proclamation allen braven Bauern zur heiligsten 
Pflicht machte, nach wie vor zu frohnden und den übrigen Obliegenhei- 
ten gegen ihre Seigneurs nachzukommen, den verderblichen Lockungen 
der Neuerer ihr Ohr zu verschliessen f ). 

Zwar besass Ludwig XVI so viel Muth und Gefühl seiner Würde, 
um diesen Trotz des pariser Parlaments durch ein Machtgebot zu beugen, 
die von diesem verweigerte, zu ihrer gesetzlichen Gültigkeit erforder- 
liche Eintragung des fraglichen Edicts und der übrigen gleichzeitig er- 
lassenen reformatorischen Verordnungen in die Register des Parlaments 
in einem sogenannten Lit de justice (12. Merz 1776) zu erzwingen. 
Das war aber auch des Königs letzte Kraftanstrengung; zwei Monate 
spater (12. Mai) erfolgte Turgots Entlassung und bald darauf (11. Aug.) 
auch der Widerruf des Edictes über die theilweise Abschaffung der 
Frohndienste «aus besonderer Rücksichtnahme auf die Vorstellungen der 
Parlamente,« wie es in dem betreffenden Erlasse Ludwigs XVI hiess 2 ). 

Aber schon nach einigen Jahren that dieser unglückliche Fürst, ge- 
trieben, wie es scheint, wenn auch nicht von klarer Erkenntniss, doch 
von einer dunklen Ahnung des einstigen immensen Einflusses der Bau- 
ernfrage auf sein und seines ganzen Hauses Schicksal, einen abermaligen 
Schritt zur Heilung dieses grössten Krebsschadens seiner Monarchie. Er 
verfügte (8. Aug. 1779) die Abschaffung aller noch bestehenden sowol 
persönlichen wie dinglichen Hörigkeit auf den königlichen Do- 
mainen. Die Einleitungsworte des betreffenden Edictes 3 ) geben einmal 



1 ) Floquet T. VII, p. 56. Biographie universelle a. a. 0. Droz, Gesch. d. Regierung 
Ludwigs XVI, Bd. I, S. 180 (d. deutsch. Uebersetz. Jena 1842. 3 Bde.). 

2 ) Schlözer, Briefwechsel Bd. I, S. 368. 

3 ) Abgedruckt unter andern auch bei Henrion de Pansey, Dissertations feodales T. II, 
p. 183 sq.: nous n'avons pu voir sans peine les restes de servitude qui subsistent dans 
plusieurs de nos provinces; nous ayons ete affectes en considerant qu'un grand nombre 
de nos sujets, servilement encore attaches d la glebe sont regardes comme en faisant 
partie, et confondus, pour ainsi dire, avec eile; que, priyes de la liberte de leurs per- 
sonnes et des prerogatives de la propriete ils sont mis eux-mbmes au nombre des pos- 
sessions feodales; qu'ils n'ont pas la consolation, de disposer de leurs biens apres eux; 



161 



sprechendes Zeugniss davon, wie richtig Ludwig XVI die Bedeutung 
der Freiheit des Grundbesitzes und der Arbeit für den Staat würdigte; 
dann auch, wie wenig in den nahezu drei Jahrhunderten, die seit dem 
Schlüsse des Mittelalters verflossen, das Loos der ländlichen Bevölkerung 
sich gebessert hatte, da sie das ungemilderte Fortbestehen selbst des ur- 
alten barbarischen Fangrechtes (droit de suite) der Seigneurs, nämlich 
ihrer Belügniss constatiren, entflohene Hörige zurückzufordern, bezie- 
hungsweise zurückschleppen zu lassen, trotzdem dass die Gerichte öfters 
Anstand nahmen, ihre Gültigkeit anzuerkennen '). Da aber der trostlose 
Zustand der französischen Finanzen es dem Könige, wie er in dem frag- 
lichen Erlasse ferner bekennt, unmöglich machte, die Ablösung der Erb- 
unterthänigkeit auch der adeligen und geistlichen Grundholden aus 
Staatsmitteln zu bewerkstelligen, und seine unbegränzte Achtung der Ei- 
genthumsrechte ihm die Anwendung irgend welchen Zwanges nicht ge- 
stattete, so blieb Ludwigs XVI Hoffnung, dass viele Seigneurs seinem 
Vorgange folgen und ihren Bauern den Loskauf jener bewilligen würden, 
unerfüllt, und die Wirkung dieser acht königlichen That in der Haupt- 
sache auf die Domainen Ludwigs XVI beschränkt. Denn nur eine kaum 
nennenswerthe Minderzahl der grossen Grundherren folgte, und zum Theil 
erst nach langem Besinnen 2 ), seinem Beispiele; am wenigsten waren die 
geistlichen dazu geneigt 3 ), woran wol auch der vom pariser Parlamente 
bei Einzeichnung der in Rede stehenden Verordnung gemachte Vorbe- 
halt: «Ohne dass die Anordnungen des gegenwärtigen Edicts den Rech- 
ten der Seigneurs zum Nachtheile gereichen könnten 4 )», gutentheils Schuld 
sein mochte. Nur das erwähnte Fangrecht dieser blieb seitdem in ganz 
Frankreich abgeschafft. 

Mit der prophetischen Mahnung: «Ich beschwöre Ew. Maj. vor 
Schwäche sich zu bewahren; sie ist die Hauptursache des Unglücks 



et qu'excepte dans certains cas rigidement circonscrits, ils ne peuvent pas meme trans- 
mettre ä leurs propres enfans le fruit de leurs travaux; que des dispositions pareilles ne 
sont propres qu'ä rendre l'industrie languissante, est ä priver la societe des effets de 
cette energie dans le travail, que le sentiment de la propriete la plus libre est seul 
capable d'inspirer. 

1 ) Droit excessif que les tribunaux ont hesite d'accueillir. Ebeudas. p. 184. 

2 ) Monteil, Traite de materiaux manuscrits de divers genre d'Histoire I, 241 erwähnt 
z. B. eines Loskaufsvertrages zwischen den Grundholden zu Trepot in der Franche-Comte 
und ihrem Seigneur v. J. 1789 mit der Bemerkung: Ils etaient pour ainsi dire ä compter 

^ l'argent lorsque la revolution eclate et leur donne gratuitement quittance. Vergl. noch 
Amöben S. 139 Anmerkung 1. 

3 ) Montgaillard, Hist. de France depuis la fin du regne de Louis XVI jusq'ä l'annee 
1825, T. 1, p. 307 (Paris 1828. 15 vols.). 

4 ) Droz a. a. 0. 1, 253. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. LeUJeig. j| 



162 

der Könige wie des Elendes der Völker; sie ist es, Sire! die 
Karl I von England aufs Schaffot führte; mein sehnlichster Wunsch 
ist, dass die Zeit mich nicht rechtfertigen möge, dass Sie immer 
möchten glauben können, dass ich schlecht gesehen, dass ich 
Ihnen nur chimärische Gefahren gezeigt habe» war der edle 
Turgot aus dem Ministerium Ludwigs XVI geschieden. Aber der be- 
klagenswerthe Monarch besass leider! zu wenig politischen Verstand, um 
die tiefe Wahrheit dieser noch so rechtzeitigen Warnung zu begreifen 
und ihr gemäss zu handeln. Er wähnte darum immer mit den Mitteln 
eines Titus die Aufgabe eines Cromwell lösen zu können, war darum 
weit entfernt zu ahnen, dass es, wie alle geschichtliche Erfahrung lehrt, 
allerdings Momente im Staatenleben gibt, wo die Energie des Des- 
potismus, wie wenig dieser auch sonst zu empfehlen sein mag, not- 
wendig, weil allein im Stande ist, das Heil des Ganzen zu ermühen, 
weit grösseren Uebeln vorzubeugen. Wie konnte es da ausbleiben dass 
in Frankreich endlich erfolgte, Avas immer geschehen ist, immer gesche- 
hen wird, wenn die Massen die unerlässlichsten Reformen an dem 
verblendeten Starsinne, an dem unverbesserlichen Hochmuth und Dünkel 
der Bevorrechteten fortwährend scheitern und den Träger der Krone 
handgreiflich 1 ) der Fähigkeit entbehren sehen, mit imperatorischer Kraft 
durchzugreifen — die Selbsthülfe des Volkes, die Revolution? 



VIERTES KAPITEL. 

Zu den schwierigsten Aufgaben des Geschichtschreibers gehört es, 
die Wirkungen dieser auf den französischen Staat, die verschiedenen 



l ) Die Franzosen haben die Verkehrtheit der Versuche Ludwigs XVI, von verknö- 
cherten, jeder Belehrung unzugänglichen Privilegirten die Abschaffung der Privilegien, 
von den Unterdrückern das Aufhören der Unterdrückung auf dem Wege der Unter- 
handlung und durch halbe Massregeln zu erlangen damals oft genug, namentlich aber 
bei Zusammenberufung der Notabein im J. 1787 in einer Menge von Carricaturen überaus 
witzig gegeisselt. Eine der treffendsten stellt einen dicken Pächter inmitten seines Hüh- 
nerhofes dar, mit folgendem Dialog: 

Le Fermier: ' 

Mes bons amis, je vous ai rassembles pour savoir ä quelle sauce vous voulez que je 
vous mange. 

Un coq, redressant sa crete : 
Mais nous ne voulons pas etre manges. 

Le Fermier: 
Vous tous ecartez de la question. — Bonnemere II, 235. 



163 



Klassen seiner Bewohner, und zumal auf die ländliche Bevölkerung wie 
auf den Ackerbau unbefangen und gerecht zu würdigen. Der Histo- 
riker ist hier nämlich mehr als sonst der Gefahr ausgesetzt, von Vorur- 
theilen, von Antipathien oder von Sympathien beirrt, die Resultate jenes 
welterschütternden Ereignisses bald zu unter- bald zu überschätzen, und 
ein Fehlgriff hier um so eher möglich, da diese Resultate zu verschie- 
denen Zeiten sich auch völlig verschieden dargestellt haben. Wer da 
nun sein Urtheil nicht auf die Gestaltung der Dinge in dem ganzen 
seitdem verstrichenen Zeiträume, sondern nur in diesem oder jenem Ab- 
schnitte desselben, wie z. B. im Jahr 1800 gründet, wird ein scheinbar 
richtiges, und thatsächlich doch durchaus falsches kaum vermeiden 
können. 

Bekanntlich hat die grosse Staatsumwälzung vom J. 1789 in Frank- 
reich alle bisherigen Privilegien des Adels und der Geistlichkeit total ab- 
geschafft, den von diesen beiden Ständen seit nahezu einem Jahrtausend 
so schmählich unterdrückten und misshandelten Bauer zum völlig freien 
Mann, wenn schon nicht überall auch zum Eigenthümer des Grund und 
Bodens gemacht, den er im Schweisse seines Angesichtes bestellte. Man 
ist nun sehr erstaunt darüber gewesen, oder richtiger vielleicht man hat 
sehr erstaunt darüber gethan, wenn man bei näherer Betrachtung fand, 
dass diese gewaltige Revolution und selbst die sie begleitende Veräusse- 
rung einer Unmasse von zu Nationalgütern erklärten Besitzungen des 
Klerus und Adels an die ländliche Bevölkerung auf die Verbesserung 
ihrer Lage, auf den Staat überhaupt noch nach mehr als einem Decen- 
nium bei weitem nicht den segensreichen Einfluss übte, den zumal von 
vorgefassten Meinungen befangene Theoretiker sich und aller Welt da- 
von versprochen hatten. 

Und doch war Nichts natürlicher; jene weisen Herren haben es näm- 
lich darin gröblich versehen, dass sie von einem reissenden Bergstrom 
begehrten, er solle schon in seinem Niedersturze die Gelände befruchten 
und Gondeln auf seinen Wogen gemüthlich schaukeln. Kein Zweifel, 
wenn es den wackeren Patrioten, die in der französischen Nationalver- 
sammlung mit so ruhmvollem Eifer strebten, die unerlässliche Neugestal- 
tung der öffentlichen Verhältnisse auf dem Wege der Reform und des 
Gesetzes durchzuführen, gelungen wäre, Meister der Ungeheuern dama- 
ligen Bewegung zu bleiben, die durch sie begründete neue Ordnung der 
Dinge würde ungleich reichere und besonders früher gereifte Früchte 
getragen haben. Aber die beklagenswerthe Verblendung derer, die der 
Anwendung dieses einzigen Rettungsmittels zur Zeit, wo sie überhaupt 
noch möglich war, mit unbeugsamem Starrsinn widerstrebten, und sie 



164 

dann erst zulassen wollten, als von der Macht der Verhältnisse ihnen 
überall ein verhängnissvolles «zu spät!« entgegenschallte, verschloss der 
französischen Monarchie, dem französischen Volke diesen Pfad des Heils. 
Wenn die hochfahrenden Seigneurs die Bewunderung, die sie schon seit 
einem Menschenalter dem zollten '), Avas man damals, obwol es doch 
eine uralte ist, die neue Philosophie nannte, statt durch freche Verhöh- 
nung der unvergänglichen Grundwahrheiten des Christenthums nur durch 
etwas mehr, und besonders durch etwas frühere Gerechtigkeit und 
Menschlichheit gegen ihre unglücklichen Bauern bethätigt hätten, sie 
würden sich, diesen, der gesammten Staatsgesellschaft unermesslichen 
Jammer erspart, unsterbliche Verdienste um ihr Vaterland sich erworben 
haben. Ein Bruchtheil des Wetteifers, mit welchem in der ewig denk- 
würdigen Nacht des 4. August 1789 Adel und Klerus ihre vielhundert- 
jährigen Vorrechte opferten und den Leiden des Volkes gründliche Ab- 
hülfe zusicherten, um den bereits losgebrochenen Sturm zu beschwö- 
ren, würde, nur ein Jahr zuvor entfaltet, den Ausbruch desselben un- 
fehlbar verhindert haben. Jetzt aber, nachdem die Einnahme der Bastille 
(14. Juli 1789) und deren überaus verderbliche Rückwirkung 2 ) auf die 
Provinzen den Massen das früher kaum geahnte Geheimniss ihrer Stärke 
enthüllt, sie mit unbegränztem Selbstvertrauen erfüllt hatten; jetzt aber, 
nachdem sie einmal Blut gekostet, dessen Anblick auf sie nur zu oft wie 
auf den Tiger und besonders damals um so berauschender wirkte, je un- 
gebildeter und verwahrloster, und zwar vornehmlich durch die Schuld 



*) Bereits im J. 1766 schrieb ein scharfsichtiger in Frankreich weilender Engländer 
einem Freunde: The French nobility, ladies as well as men, military gentry, and even 
trades men, are infected with this new Philosophy .... when, if they go on at the rate 
they have done for these last few years, it is much to be feared, that any mode of Christi- 
anity, much more the best, will fare but ill with so loose a people. Ellis, Original Letters 
illustrative of English History; Second Series T. IV, p. 485 — 486 (London 1827). 

2 ) Es darf nicht verschwiegen werden, dass diese wol lange nicht so traurig gewesen 
sein würde, wenn nicht so viele Adelige selbst in dieser so überaus kritischen Zeit einen 
kaum glaublichen Hochmuth und Unverstand bethätigt hätten. So erzählt z. B. Floquet, 
Hist. du Parlement de Normandie T. VII, 547 von einem normannischen Seigneur: D'an- 
ciens titres obligeant un de ses tenanciers ä lui apporter, ä jour fixe, en son chäteau, un 
sac de ble sur ses epaules, cette dure servitude etait, des long-temps, tombee en desuetude, 
et la redevance seule demeurait. En aoüt 1789 donc ce rillageois apportant, au jour dit, 
comme Fannee d'avant, le sac de ble dans sa charrette, le seigneur lui aurait raontre Fan- 
den titre, en exigeant Pexecution en toute rigueur. Le paysan donc revenant bientöt, 
avec un demi-sac sur le dos, pret ä apporter Fautre tout ä Fheure, aurait ete renvoye du- 
rement, avec F ordre d'apporter sur son dos, et d'une seule fois, le sac tout entier. Diese 
unsinnige Härte versetzte das ganze Dorf iu Wuth; das Herrnschloss wurde von den er- 
grimmten Bauern erstürmt und zerstört, sein Besitzer hatte sich noch durch rechtzeitige 
Flucht retten können. Derartige Vorgänge ereigneten sich damals, wie Floquet bemerkt, 
in den französischen Provinzen zu hunderten. 



165 

der Geistlichkeit und des Adels, die Menschen waren, die nach einer 
furchtbaren Abrechnung mit diesen ihren langjährigen Unterdrückern 
dürsteten, jetzt vermochte Nichts mehr den Strom des Verderbens zu 
hemmen, dessen dunkle Wogen nur zu rasch die Verblendeten über- 
flutheten. 

Sehr natürlich mithin, dass auch der berührte Versuch derselben, 
in der erwähnten weltgeschichtlichen Augustnacht durch freiwillige Auf- 
opferung verhasster Privilegien und verkehrter staatlicher Einrichtungen, 
wie jede Bekehrung im Angesichte des Todes, ebenso werth- wie frucht- 
los sich erwies, und das rühmliche Streben der einsichtigsten Patrioten 
der Nationalversammlung, auf dem Wege gesetzlicher Reformen zu ver- 
harren, nunmehr so wenig zu unterstützen vermochte. Diese hatte in 
jener «Bartholomäusnacht des Eigenthums und der Missbräuche» 1 ) be- 
kanntlich nicht die unentgeldliche Beseitigung aller Leims- und 
Herrenrechte, aller Feudal- und Grundlasten beschlossen, sondern eine 
sehr gerechte Unterscheidung zwischen denen gemacht, die notorisch 
Ausgeburt des Feudalismus und der Leibeigenschaft waren, und jenen, 
denen der Charakter einer freien vertragsmässigen Rente des legitimen 
ursprünglichen Besitzers einer Liegenschaft für die einem Dritten über- 
lassene Ausbeutung derselben inne wohnte. Während jene kurzer Hand 
ohne alle Entschädigung für immer abgeschafft und aufgehoben wur- 
den, sollten letztere abgelöst werden, und zAvar mit Eins von Dreissig 
(3 1 / 3 Procent), oder nach einem ähnlichen billigen, von jeder Provinz für 
sich zu bestimmenden Massstabe. Wo aber diese Ablösung nicht erfolgte, 
sollten die fraglichen Gefälle, da sie als wirkliches legales Eigenthum 
anerkannt wurden, auch öfters das einzige den Besitzern verbliebene bil- 
deten, fortbestehen. 

Wie ganz anders würden doch Frankreichs Geschicke sich gestaltet 
haben, um wie viel früher die guten Früchte der grossen Umwälzung 
vom J. 1789 zur Reife gediehen sein, wenn man hier diesen Maximen 
kluger Mässigung und Gerechtigkeit treu geblieben wäre, oder richtiger 
schon unter den damaligen Verhältnissen hätte treu bleiben können. 
Denn es ist das gewöhnliche, nur höchst selten zu vermeidende, Loos 
der Sterblichen, der Einzelnen soavoI wie der Nationen, dass sie die 
richtige Anwendung lange schlummernder, nicht gekannter oder lange 
gefesselter Kräfte erst in der schmerzenreichen Schule der Erfahrung 
lernen, dass sie erst in dieser aufgeklärt werden müssen über die Gränz- 
linie zwischen dem Gebrauche und dem Miss brauche der Macht wie 



l ) Wachsmuth, Gesch. Frankreichs im ReFoluüo-üszeitalter 1, 168. 



166 

der Freiheit. Darum hörte die Nationalversammlung nur zu bald auf, 
Meisterin der Bewegung zu bleiben, darum wurde sie so schnell den 
unsauberen rastlos drängenden Gewalten unterthan, die ausser ihr standen. 
Welches Vollmass der Schrecknisse und der Leiden hierdurch über 
Frankreich ausgegossen worden, ist zur Genüge bekannt, weniger jedoch, 
dass auch der Bauer, zu dessen Vortheil all' die Abscheulichkeiten 
und Gräuelthaten, die damals verübt wurden, ja vornehmlich gereichen 
sollten, früher und in weit höherem Masse als man glauben möchte, 
Ursache bekam, die tiefe Wahrheit des bekannten von Sieyes gespro- 
chenen Wortes einzusehen: «Sie wollen frei sein, und verstehen nicht 
gerecht zu sein.» 

Denn abgesehen davon, dass die Kämpfe der Vendee, die über 
Gallien zur Zeit, wo es sich vom Auslande von allen Seiten angefallen 
sah, auch noch die Wirren und Drangsale eines Bürgerkrieges herauf- 
führten, es nimmer heimgesucht haben würden, wenn man gegen Adel 
und Geistlichkeit, welch' letztere namentlich das ungebildete Landvolk 
jener Gegenden seit Jahrhunderten mit unumschränkter Allgewalt be- 
herrschte, nicht mit solch' blindem Grimme gewüthet, und diese Stände 
hierdurch mit nur zu natürlichem, jene vornehmlich erzeugenden, Rache- 
durst erfüllt hätte, so war auch das Feldgeschrei der damaligen Macht- 
haber und ihrer Satelliten: «Krieg den Palästen! Friede den Hütten!« 
eben nur eine tönende Phrase ohne alle innere Wahrheit. Wie gross 
auch immer der Raum sein mag, der diese von jenen trennt, so bedeu- 
tend ist er doch nicht, dass, wenn erstere von der Raserei zügelloser 
Horden eingeäschert werden, letztere unversehrt bleiben könnten. Dass 
der Geist der Zerstörung, wenn er einmal die Massen ergriffen, nur zu 
geneigt ist, — man erlaube den Ausdruck, — das Kind mit dem Bade 
auszuschütten, hat der französische Landmann damals schmerzlich genug 
erfahren. Der anfängliche Krieg gegen die Privilegien und die Privile- 
gien artete nur zu schnell in einen Kampf gegen alles Eigenthum aus; 
nachdem man die Schlösser ausgeraubt und dem Erdboden gleich ge- 
macht, die Wildgehege u. s. w. vernichtet, kam man nach und nach 
auch an die Scheunen und Viehbestände des Bauers, was, wie auffallend 
es auch erscheinen mag, doch sehr natürlich war in einer Zeit, wo der 
Tarantelstich des wildesten Revolutionstaumels alle Begriffe von Recht, 
Besitz und Eigenthum dermassen verwirrt hatte, dass z. B. (1793) die 
Bürgerinnen-Wäscherinnen alle Seife in Beschlag nahmen, um sie für 
den ihnen beliebigen Preis unter sich zu verkaufen und zu vertheilen ). 



l ) Raumer, Gesrh Frankreichs t. 1740—4795. S. 652. 



167 

Dazu kam nun noch der Druck des sogenannten Maximums, d. h. der 
von den revolutionären Gewalthabern, im Interesse der Metropole und 
der anderen grossen Städte, beliebten Festsetzung eines, bei schwerer 
Strafe nicht zu übersteigenden, höchsten Preises für Getreide und noch 
viele andere Lebensbedürfnisse, wodurch der Bauer genötliigt wurde, die 
Früchte seines sauern Schweisses gegen eine bestimmte Quantität der, 
gleich zu erwähnenden, täglich im Werthe tiefer sinkenden Assignaten 
hinzugeben 1 ). Wo sollte der Landmann unter solchen Verhältnissen den 
Muth zu seiner harten, mühsamen Arbeit hernehmen, da er wol wusste, 
für wen? er säete, aber nicht, ob er auch für sich ernten würde? Da- 
rum bestanden 2 ) die ersten Wirkungen der Befreiung des französischen 
Bodens von allen Banden und Lasten des Feudalismus in einer perma- 
nenten, während der ganzen eigentlichen Revolutionszeit anhaltenden 
Hungersnoth 3 ). 

«Sie wollen frei sein, und verstehen nicht gerecht zu sein.« Daher 
rührte es denn auch, dass die, mit der nachmals (25. August 1792. 
17. Juli 1793) beliebten unentgeldlichen Abschaffung sämmtlicher 
von der Nationalversammlung zur Ablösung bestimmten Bodenlasten 
und Gefälle Hand in Hand gehende Einziehung aller Besitzungen der 



x ) Paris et les principales villes profitoient des avantages du Maximum dans toute sa 
rigueur: Fhomme des campagnes, force de ceder ä la terreur, venoit apporter ses denrees 
aux capitalistes, qui les payoient avec un papier avili; le prix de ses sueurs alloit s'en- 
gouffrer dans ces communes, ä tant de titres republicaines. . . . C'est alors que les cam- 
pagnes depeuplees par les requisitions, et appauyries par Fechange de valeurs coustantes 
et reelles contre des valeurs arbitraires sentirent la pesanteur du joug, et soupirerent 
apres un autre ordre de choses, sans meine oser se rendre compte de L'objet de'leurs 
Toeux. De Fetat reel de la France ä la fin de Fannee 1795. T. I, p. 78 — 79 (Hambourg 
1796. 2 vols.). 

2 ) Bereits im Merz 1790, also zu einer Zeit, wo die Revolutionsraserei noch lange 
nicht ihren Gipfel erreicht halte, beklagte Petion in der Nationalversammlung bitterlich, 
dass so viele Felder wüst lägen. Raumer a. a. 0. S. 402. 

3 ) Weshalb Frankreich damals denn auch enorme Quantitäten Brodfrüchte vom Aus- 
lande beziehen musste. So z. B. nach einem amtlichen Berichte des Ministers Roland vom 
6. Jan. 1793 nur in den ersten neun Monaten des J. 1792 2 millions 90 mille 565 quin- 
taux (ein Quintal ist etwas weniger als 49 Kilogramme, also zwischen 97 und 98 Pfund) 
de froment, 277 mille 139 quintaux de seigle, et 245 mille 667 de farine. Herbin, Sta- 
tistique generale et particul. de la France et de ses colonies T VII, p. 206 (Paris 1803. 
7 vols.). Die meisten Städte und Gemeinden Frankreichs waren in jenen Tagen genö- 
thigt, eine schwere Schuldenlast mittelst freiwilliger oder gezwungener Anlehen zu con- 
trahiren, um wohlfeiles Brod für die hungernde Menge zu schaffen, so musste z. B. Lyon 
nur im J. 1790 zu dem Behufe zwei Millionen Francs (Sybel, Gesch. der Revolutionszeit 
I, 215), und die beziehungsweise kleine, damals zwischen 8 und 9,000 Einwohner zäh- 
lende Gemeinde Libourne (in Guienne) im J. 1793 ein Zwangsanlehen von 55,448 und 
im April 1795 wieder ein freiwilliges von 60,000 Francs zum Ankauf von Getreide auf- 
nehmen. Guinodie, Hist de Libourne, T. II, pp. 40. 69. 101 (Bordeaux 1845. 3 vols.). 



168 

Geistlichkeit und des Adels, ihre und der Krondomainen 1 ) Umwandlung 
in Nationalgüter dem Staate wie dem Bauernstande lange nicht in 
dem Grade und nicht so bald zu Gute gekommen sind, wie das wol ge- 
schehen sein würde, wenn man die in Rede stehende Nachahmung eines 
alten Missbrauches 2 ) der abgeschafften Monarchie nur auf die wirklich 
Strafbaren beschränkt, und nicht so viele Unschuldige durch sie rück- 
sichtslos an den Bettelstab gebracht hätte. Wie paradox es auch immer 
lauten mag, so unbestreitbar ist es doch, dass der Staat wie der Land- 
mann aus dem vierten Theile der in Rede stehenden Liegenschaften, 
d. h. wenn nur dieser confiscirt worden und zur Yeräusserung gekom- 
men wäre, grössern Nutzen gezogen haben würde, als sowol der Eine 
wie der Andere von der ganzen Masse hatte. Der Gesammtwerth der 
durch die fraglichen Massnahmen zum «Brautschatz der Revolution» 3 ) 
gemachten Immobilien betrug mehrere, sechs bis sieben Milliarden Francs; 
sie umfassten nahezu den dritten Theil der Bodenfläche Galliens. Ihr 
decretirter möglichst beschleunigter Verkauf sollte bekanntlich dem neuge- 
schaffenen Papiergelde, den berüchtigten Assignaten, eine solide Grund- 
lage, der Revolution in dem Gesammtinteresse aller Käufer eine wich- 
tige Stütze, eine Gewährleistung ihres Bestandes geben, und die Zer- 
stücklung der grossen Gütercomplexe eine rasche Vermehrung der Zahl 
der kleinen Grundbesitzer in Frankreich herbeiführen. Man weiss, wie 
wenig die beiden erstgenannten Absichten der in Rede stehenden Ver- 
fügungen erreicht worden sind, aber auch die letzterwähnte wurde lange 



1 ) Sogar der verpfändeten und vertauschten, deren Inhaber sich selbst angeben 
mussten. Sie sollten zwar die dem Staate für die fraglichen Immobilien gezahlten Summen 
zurückerhalten, aber das geschah erst später in entwerteten Assignaten oder wurde gar 
einer nachträglichen Liquidation vorbehalten, d. h. ad Calendas Graecas verschoben. 
Hock, Die Finanzverwaltung Frankreichs S. 214 (Stuttgart und Augsb. 1857). 

2 ) La confiscation etait de droit ordinaire sous l'ancienne monarchie: consequence 
inevitable, obligee de toutes les sentences rendues ä Foccasion de crimes vrais ou sup- 
poses commis soit contre la personne royale , soit contre la royaute ou ses droits, cette peine 
n'etait trop souvent que le but secret de la poursuite ; on ne confisqitait pas pour punir; on 
condamnait pour confisquer. Dans nombre de cas, on vit les juges partager avec le sou- 
verain et ses favoris les biensdhm accnse dont larichessefaisa.it le seid crime. Laplupart 
des grandes fortunes existant an moment de la Revolution avaient des confiscations pour 
origine. Les premieres familles du royaume, les Luynes, les Beauvilliers et tant d'antres; 
des noms reveres dans la magistrature, les Letellier et les Lamoignon, meme des digni- 
taires et des princes de FEglise, comme le cardmal de Polignac, n'avaient pas tenu ä 
deshonneur de reurar ä leurs vastes domaines les depouilles des condamues et des pro- 
scrits. C'etait alors Fusage d'en faire des largesses aux courtisans et aux hommes du pou- 
voir. Vaulabelle, Hist. des deux Restaurations T. VI, p. 307. 

3 ) Ausdruck Prugnon's in der Nationalversammlung v. 25. Sept. 1790. Wachsmuth 
a. a. I. 211. 



169 

nicht in dem Masse verwirklicht, als man gemeinhin anzunehmen pflegt. 
Wenn es schon zu allen, selbst in ganz ruhigen und friedlichen Zeiten 
sehr thöricht ist, eine solch' ungeheuere Masse von Liegenschaften plötz- 
lich auf den Markt zu werfen, so war das nun vollends Wahnsinn in 
jenen Tagen, wo der Landmann, aus den berührten Gründen, selbst einen 
beträchtlichen Theil der Felder, die er bereits sein eigen nannte, unan- 
gebaut Hess, und bei der Unsicherheit alles Besitzes sowie des ganzen 
durch die Revolution geschaffenen Zustandes der Dinge gar wenig Lust 
verspürte, neuen zu erwerben, wenn er auch die dazu erforderlichen 
Mittel besessen hatte. Das war aber bei der unendlich grossen Mehrheit 
der Bauern keineswegs der Fall 1 ); die weisen Urheber der fraglichen 
Anordnungen hatten eben völlig vergessen, dass die Käufer, um kaufen 
zu können, auch der Kapitalien bedürfen, dass diese sich nicht aus dem 
Boden stampfen lassen. Dessen unvermeidliche Folge war, dass durch 
das auffallende Missverhältniss zwischen der Ungeheuern Menge des 
plötzlich zur Veräusserung gekommenen Grundeigentums und den sich 
dazu findenden reellen 2 ) Käufern und ihren Mitteln eine furchtbare 
Entwerthung des Erstem entstand. 

Von den in dieser Verlegenheit ergriffenen Auskunftsmitteln erwies 
sich für den Staat die Bezahlung der Armeelieferanten mit Nationalgü- 
tern noch als das erspriesslichste, trotzdem dass solche diese nur äusserst 
selten höher als zum sechsten oder achten Theile ihres reellen Werthes, 
gar oft aber noch unter diesem Ansätze annahmen 3 ), und auch füglich 
nicht annehmen konnten, weil sie, zur Befriedigung ihrer zahlreichen 
Unterlieferanten, ebenfalls des Geldes sehr bedürftig, diesen auch für ein 
Spottgeld jene wieder überlassen mussten. Wer von dem solchergestalt 
etablirten Güterschacher 4 ) am meisten Vortheil zog, das war die bezie- 



1 ) Sybel, Gesch. der Revolutionszeit I, 204 f. 

2 ) Denn die meist ganz vermögenslosen Schwindler, die Anfangs zur Ersteigerung 
der alisgebotenen Nationalgiiter von allen Seiten herbeieilteu, durch die der Staat aber 
nur zu bedeutendem Schaden kam (Sybel I, 208), können hier natürlich nicht in Betracht 
kommen. 

3 ) Diese Annahme bleibt Angesichts der unwidersprochenen Behauptung Foy ; s in 
seiner berühmten Rede über die Emigranten-Entschädigung v. 21. Febr. 1825: Die Re- 
publik habe durch die Veräusserung der, auf zwei bis drei Milliarden geschätzten (Revue 
des deux moudes, 1858, Novembre p. 449) Güter der Emigrirten und durch die Revolu- 
tions-Tribunale Condemnirten höchstes 200 Millionen Francs sich verschafft (Wachsmuth 
IV,, 752) und der in der folgenden Anmerk. erwähnten Thatsachen eher noch unter der 
"Wahrheit, als dass sie dieser zu nahe träte. 

4 ) Sparre, die Lebensfrage im Staate in Beziehung auf das Grundbesitzthurn Bd. 1, 
S. 180—181 (Giessen und Frkft. 1842-1854. 2 Bde.) gibt über diesen in Frankreich 
und den vier Rheindepartements in der hier in Rede stehenden Zeit interessante Details. 



170 

hungsweise nur immer sehr kleine Anzahl der damit vertraueten und den 
fraglichen Märkten nahestehenden Speculanten '), am wenigsten aber der 
Bauer, der damals zum Kaufen eben so wenig Geld als Muth hatte. 
Nun suchten die revolutionären Gewalthaber, wie ihren eigenen immer 
höher schwellenden finanziellen Bedrängnissen so auch dem drückenden 
Mangel an Circulationsmitteln 2 ) durch die decretirte Vermehrung der 
ursprünglichen 400 Millionen Livres Assignaten auf 1,200 Millionen, 
mit der beibehaltenen Beschränkung ihrer Annahme bei den Kaufgeidern 
für Nationalgüter, abzuhelfen. Wäre man hierbei stehen geblieben, oder 
richtiger hätte man hierbei stehen bleiben können, so würden die As- 
signaten ihren Doppelzweck, den FinanznÖthen der Machthaber zu steuern 
und für grosse Gütermassen rasch Käufer zu beschaffen, sie zumal in die 
Hände vieler eigentlichen Landwirthe zu bringen, wol erreicht haben. 
Allein die revolutionären Verhältnissen und Bildungen eigenthümliche 
dämonische Gewalt, die nur zu oft auch die stärksten Köpfe berauscht 
und die von der Natur der Dinge selbst gezogenen Gränzen mit den von 
der Willkühr der Menschen geschaffenen verwechseln und darum mit 
knabenhaftem Leichtsinne missachten lässt, verlockte Frankreichs dama- 
lige Staatslenker nur zu bald, die Assignaten ihrer erwähnten ursprüng- 
lichen Bestimmung zu entfremden und in ein nicht fundirtes Papiergeld 
mit Zwangscours umzuwandeln. Damit wurde für die junge Republik 
die Büchse der Pandora aber um so unvermeidlicher geöffnet, da die 
ganze Assignaten-Operation von den Franzosen gleich vorn herein mit 



«Ich selbst,» erzählt er unter andern, «habe noch im J. 1814, bei der Rückkehr aus der 
Campagne, ein solches Lieferantengut gekauft, die ehemalige Benedictiner- adliche Non- 
nenabtei Oberwerth (Rheininsel oberhalb Coblenz). Dieses Gut war ursprünglich für 
10,000 Franken aus den Händen der Lieferanten gegangen. Der insteigerer verkaufte es 
wieder für 21,000 Franken und dieser wieder für 40,000 Franken. Ich erkaufte es für 
39,000 Rheinische Gulden. . . Das Grundeigenthum war in jenen ersten Zeiten (der 
französischen Revolution) eine gering geschätzte Waare geworden und es ward damals 
wahrer Spott damit getrieben. Man erzählt sich, dass am Ende solcher Versteigerungen 
wol Parzellen demjenigen als Geschenk zugeschlagen wurden, der am weitesten über 
einen mit Kreide auf dem Fussboden des Zimmers gezogenen Strich springen konnte.» 

1 ) Herbin, Statistique gener. et particul. de la France T. 1, p. 233: Les nouyeaux 
proprietaires out acquis, non pas pour cultiver, ni se faire une occupation agreable des 
travaux des champs, mais pour placer leurs fonds avec sürete et profiter du discredit que 
des Mens de cette nature ont eu pendant un temps. loutes ces grandes proprietes ont 
ete im objet d'agiotage, qui a degrade Vagriculture et nui ä ses interöts. Lear etat en 
est la preuve. 

2 ) Dieser war bereits im Sommer 1790, wo es noch keine Assignaten unter 200 
Livres gab, so empfindlich, dass man sich in gar manchen Städten mit Scheinen, auf ge- 
ringe Werthe lautend, aushalf, um nur im täglichen Verkehr sich auseinander setzen zu 
können. Dahlmann, Gesch. der frauzös. Revolution S. 340. 



171 



grossem Misstrauen betrachtet worden, weil sie trotz allem revolutionä- 
rem Rausch nur zu gut herausfühlten, dass Ungerechtigkeit und Raub 
ihre ursprüngliche Basis bildeten. Die Massen sahen mit dem ihnen 
eigenen Instinkt das später wirklich Erfolgte längst vorher; sie erriethen, 
dass sintemalen man kein Bedenken getragen, Milliarden von geistlichem 
und adeligem Privateigenthum zum Vortheile der Republik zu confisciren, 
man sich auch kein Gewissen daraus machen würde, Milliarden von, in 
bürgerlichen Händen befindlichem, Papiergeld zu annulliren, sobald der 
so höchst dehnbare Begriff des Staatswohles das erheischen sollte. Schon 
gegen Ende des Jahres 1795, zu welcher Zeit die gar zu verführerische 
Leichtigkeit mittelst der Presse Geld zu schaffen, Frankreich bereits mit 
einer Assignatenmasse von fünf und vierzig Milliarden Livres über- 
schwemmt hatte, trat der Fall wirklich ein. Sie mussten, um noch 
grösserem Unheil vorzubeugen, ganz aus dem Verkehr gezogen, d. h. 
annullirt werden, — am 19. Febr. 1796 ward alles Geräth derAssigna- 
ten-Fabrication zerstört, — wodurch nicht nur dem Vermögen vieler 
Einzelnen tiefe Wunden geschlagen wurden, sondern der Staat auch das 
Aequivalent einbüsste, weil selbst vernichten musste, welches er für einen 
dahin gegebenen belangreichen reellen Bodenwerth erhalten hatte. 

Also hat die spätere Verläugnung der in der unvergesslichen Nacht 
des vierten August 1789 in der Nationalversammlung proclamirten Grund- 
sätze der Mässigung und Gerechtigkeit, und die an deren Stelle getretene 
revolutionäre Ueberstürzung den Staat wie den Landmann und die Bo- 
denkultur in Frankreich im nächsten Decennium fast um all' die guten 
Früchte, fast um all' die Vortheile gebracht, die sie von jenen hätten 
ernten können. Zuverlässige Ermittelungen aus dem- Anfange des neun- 
zehnten Jahrhunderts gestatten keinen Zweifel an dieser traurigen und 
doch sehr begreiflichen Wahrheit. Sie bestätigen 1 ), dass damals, trotz 



l ) Herbin, Statistique de la France T. I, p. 229—234: He bien! que Ton parcoure la 
France dans toute son etendue, ä peine trouvera-t-on un mouton de plus dans les fermes, 
des coins de terre semes en luzerne ou en trefle, qui ne l'etaient pas; des moissons sur 
des terrains autrefois courerts de bruyeres; les arbres utiles, tels que l'oliyier, le noyer, 
le mürier etc. en plus grand nombre; ainsi nous ne pouvons dire: Fagriculture a gagne, 
et l'on cultiie mieux depuis que le proprietaire est seul ä recueillir. Quel est le tableau, 
au contraire, que nous offrent les campagnes habitees autrefois par ces grands proprie- 
taires qui prele^aient une partie des richesses des habitans? En general celui delapau- 
vrete et d'une culture tres negligee. II n'y a que le tems qui puisse remedier ä ces 

niaux C'etait dans leurs fermes (der grands proprietaires) qu'on elevait le plus beau 

betail qui füt en France, qn'on royait les meilleurs attelages et les instruments de culture 
les mieux entretenus: aujourd'hui leurs anciens mailres auraient de la peine d lare- 
connaitre. Le systdme qui a dirige la vente de tous les domaines nationaux a infi- 
nimeni nui ä l'agriculture. . . . Ce mal est d'autant plus considerable, que tous ces biens 



172 



der Befreiung des französischen Bodens von allen Fesseln des Feudalis- 
mus und des Ueberganges so vieler weiland geistlichen und adeligen 
Grundbesitzungen in die Hände des Bürger- und Bauernstandes, weder 
die Lage des Letztern noch der Anbau des Landes sich verbessert hatte, 
und dass die Verwirklichung der in beiden Hinsichten gehegten Hoffnun- 
gen erst von der Zukunft erwartet werden müsse. 

Und diese Erwartung ist nicht getäuscht worden. Sobald durch Na- 
poleon den Grossen die Revolution bewältigt und in Frankreich eine fest 
begründete staatliche Ordnung wiederhergestellt war, begannen die se- 
gensreichen Wirkungen der Principien von 1789 sich überall zu entfal- 
ten, trotz dem dass die noch während eines halben Menschenalters fast 
ohne Unterbrechung fortdauernden auswärtigen Kriege dem noch sehr 
bedeutende Hindernisse entgegenwälzten. Waren die Alliirten, als sie 
im J. 1814 nach Frankreich kamen, im Allgemeinen nicht wenig erstaunt 
über den, ihren Erwartungen von dem äussersten Elende desselben so 
gar nicht entsprechenden, Anblick, den es bot, so doch am meisten über 
den grossen Unterschied, welchen die Lage seines Bauernstandes mit 
der vor 1789 verglichen zeigte. Statt des bettelhaften, in elenden Hüt- 
ten wohnenden, schlecht gekleideten und noch schlechter genährten Land- 
mannes von damals trafen sie jetzt fast überall eine gute und reichlich 
genährte, sauber und anständig gekleidete, in geräumigen, hellen, ge- 
sunden und freundlichen Häusern lebende ländliche Bevölkerung, die 
nicht selten auch die Genüsse der höheren Stände sich zu verschaffen 
vermochte 1 ). Dass diese merkwürdige Erscheinung lediglich dem Um- 
stände zu danken war, dass Napoleon I in dem hier in Rede stehenden 
Betreff den Principien von 17 89 treu geblieben, ist von sehr competen- 
ter Seite, von der französischen Pairskammer 2 ) zu einer Zeit (Juli 181 4) 
anerkannt worden, die zu einem solchen Anerkenntnisse am wenigsten 
einladen konnte. 



nationaux etaient les mieux cultives . . . . il n'est pas sans remede, mais c'est du temps 
qu'il faut l'attendre. 

1 ) Montgaillard, Hist de France, depuis la fin du regne de Louis XVI jusqu'ä Tanuee 
1825, T. XII, p. 238. 

2 ) In der damals an Ludwig XVIII gerichteten Adresse. L'agriculture, heisst es in 
dieser, soulagee du fardeau de la dime et des droits feodaux; la legislation politique 
et civile, administrative et financiere ramenee ä Vuniformite, les corporations, les 
villes , les pro-Tinces faisant d la loi commune le sacrifice de leurs privilöges; 
i 'accroissement du nombre des proprietaires, la creation de nouveaux produits et de 
nouvelles richesses, Vacceleration du mouvement des capitaux, voilä ce que Ton a vu 
naitre au milieu des orages de la revoluticm (d. h. in der Zeit von 1789 — 1814). Thibau- 
deau, Le Cousulat et TEnipire T. X, p. 166. 



173 



Es ist das wol eine der sprechendsten Bestätigungen der alten Wahr- 
heit, dass ein Staat eher Alles ertragen kann, als innere Verwirrung, 
Auflösung und Gesetzlosigkeit; dass, wenn es aufs Aeusserste kömmt, 
dem grossen Ganzen wie den Einzelnen die Ordnung nöthiger ist, als 
die Freiheit. Aber auch eine andere alte Wahrheit, die nämlich, dass 
eine vernünftige, in der Schule der Erfahrung von zerstörenden Aus- 
wüchsen gereinigte und geläuterte Freiheit, die des Bodens sowol wie 
seiner Bewohner, den Staaten zu ihrer innern Blüthe und der durch sie 
begründeten Machtentfaltung am unentbehrlichsten ist, dass nur jene die 
Letzteren mit einer unverwüstlichen Lebenskraft zu durchströmen ver- 
mag, findet in der Entwicklung Frankreichs in dem letztverflossenen 
halben Jahrhundert die überzeugendste Bekräftigung. 

Um diese in ihrer ganzen Wunderbarkeit zu erkennen, bedarf es 
einer retrospectiven Vergleichung der hier in Betracht kommenden Ver- 
hältnisse. Die Opfer, welche die Franzosen der zügellosen Macht- und 
Ländergier, den unaufhörlichen Kriegen Ludwigs XIV bringen mussten, 
waren keinenfalls bedeutender, eher geringer, als die, welche die glei- 
chen Leidenschaften Napoleons I und die Folgen der Revolution von 
1789 von ihnen heischten. Trotz der ansehnlichen Erweiterung seines 
Umfanges, die es dem genannten Bourbon verdankte, blieb Frankreich 
während des ganzen achtzehnten Jahrhunderts doch unfähig, die Nach- 
wehen seiner Regierung zu verwinden. In welch' unglaublich kurzer 
Zeit, mit welcher Leichtigkeit hat aber dasselbe Land, ungeachtet es 
ohne allen Gebietszuwachs aus den Riesenkämpfen der Revolutionszeit 
und Napoleons I schied, die ungeheueren Opfer verwunden und ersetzt, 
die diese von ihm forderten! Von 1792 bis 1800, dann wieder von 
1803 bis 1815 haben sie dem heutigen Frankreich über zwei Mil- 
lionen 1 ) seiner kräftigsten Söhne, und nur in den letztgenannten zwölf 
Jahren mehr als sechs Milliarden Francs gekostet. Dazu kamen zwei 
fremde Invasionen, die auf seinem Boden für mehr als 1500 Millionen 



x ) Diese Angabe erscheint um so glaubwürdiger, wenn man erwägt, dass unter Na- 
poleon 1 allein die Aushebungen nahezu drei Millionen Köpfe betrugen (Kolb, Handbuch 
der vergleichenden Statistik S. 72 d. zweiten Aufl. Leipz. 1860), und wenn man yon den 
Menschenopfern der einzelnen Departements Kenntniss nimmt. So z. B. en 4791 et J 792, 
le departement du Doubs, qui ne comptait alors que 200.000 habitans, fournit spontane- 
ment onze bataillons de volontaires, formant plus de 42,000 hommes; la requisition de 
4793 fournit encore 8 nouTeaux bataillons. Laurens, Aunuaire statist. et histor. du depart. 
du Doubs p. Fa. 1830, p. 289 (Besantjon 1830). Das Departement der obern Vienne lie- 
ferte den französischen Heeren v. 1792 bis 1801 12,000 Streiter, und noch weit mehr in 
den folgenden Jahren; im J. 1789 bestand seine Bevölkerung aus 268,910, im J. 4804 aus 
244,730 und im J. 4806 nur aus 236,225 Seelen. (Neigebaur), Schilderung der Prov. Li- 
mousin und deren Bewohner, a. d. Tagebuch e. preuss. Offiziers S. 18 f. (Berl. 1817). 



174 

Francs Produkte consumirten oder vernichteten, und mehr als eine wei- 
tere Milliarde, die es als Preis des Friedens und für Entschädigungen 
bezahlen musste 1 ). Folglich sind dem Lande in weniger als einem Vier- 
teljahrhundert über zwei Millionen Männer und nur innerhalb zwölf Jahre 
fast neun Milliarden Francs entzogen worden und auf immer verloren 
gegangen; daneben musste es noch bis gegen Ende des J. 1818 eine 
«Occupationsarmee» der Verbündeten von 150,000 Köpfen ernähren, 
und — zum Ersätze dieser ungeheueren Einbussen, zur Heilung all' 
dieser Wunden bedurfte das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts 
kaum eines Decenniums! 

Das des achtzehnten hatte, trotz vieler Friedensjahre, fast ein Se- 
culum gebraucht, um die im J. 1700 aus nahezu ein und zwanzig Mil- 
lionen Seelen 2 ) bestehende Bevölkerung seines heutigen Umfanges (im 
J. 1791) auf 26,363,074 Einwohner 3 ) zu bringen. Im Jahr 1811 be- 
stand diese innerhalb derselben Gränzen aus 29,092,734; im J. 1818 
aus 29,471,692 4 ); im J. 1822 aus 30,465,291; im J. 1826 aus 
31,858, 937; im J. 1831 aus 32,569, 223; im J. 1836 aus 33, 540, 910; 
im J. 1841 aus 34,230,178 und im J. 1856 aus 36,039,364 Köpfen 5 ). 
Frankreich hat also die enormen Menschenopfer, welche nur die Kriege 
von 1812 — 1815 verschlangen, in einem Septennium (von 1811 — 1818) 
mehr als ersetzt, und innerhalb 23 Friedensjahre (von 1818 — 1841), 
ohne sein Gebiet in Europa nur um eine einzige Quadratmeile zu erwei- 



1 ) Revue des deux Mondes, 1859, Novemb. p. 456 sq Unterhaltungsblätter für 
Welt- und Menschenkunde (Aarau), 1827, S. 345. Wachsmuth IV, SS. 469. 523. 753, an 
welch' letzterm Orte (in der Rede Foys in der Deputirtenkammer jom 21. Febr 1825), 
der Thatsache erwähnt wird, dass das einzige Aisne-Departement einen durch die beiden 
Invasionen von 1814—1815 ihm zugefügten Schaden von 74,262,589 Francs amtlich 
nachgewiesen habe; die obige Schätzung des Gesammtverlustes von Frankreich durch 
diese ist mithin sicherlich eher zu niedrig als zu hoch gegriffen. 

2 ) Fayet, Essai sur Faccroissement de la population: Loiseau et Verge, Compte-Rendu 
des Seances et Travaux de l'Academie des Sciences moral. et polit. Ser. I, T. VIII (1845, 
Sem. II), p. 458. 

3 ) Schnitzler, Statistique gener. de la France T. 1, p. 245 (Paris 1846. 2 vols.). — 
In gar manchen Theilen Frankreichs war in diesem langen Zeiträume die Einwohnerzahl 
so gut wie stationär geblieben So lebten z. B. im nachmaligen Departement der Rbone- 
mündungen im J. 1700: 309,770 und im J. 1790: 314,630 Seelen, die sich im J. 1831 
aber bereits auf 359,473 vermehrt hatten, trotz dem dass seine Einwohnerzahl im J. 1806, 
aus dem oben berührten Grunde, auf 294,291 Köpfe herabgesunken war. Villeneuve, Sta- 
tistique du Departement des Bouches-du-Rhone T. 111, pp. 39. 63. Guibert, Dictionnaire 
geogr. et staust, p. 279 (Paris 1850). 

4 ) Gaspari, Hassel, Cannabich u. A., Handbuch d. Erdbeschreibuug Abth. II, Bd. II, 
S. 49. Guibert, Dictionnaire geograph. et staust, p. 739. 

5 ) Schnitzler a. a. 0. I, p. 247. Neue allgem. geograph. u. statist. Ephemeriden Bd. 
XXII (1827), S. 130. Kolb a. a. 0. S. 46. 



175 



tern, seine Volksmenge nahezu um eben so viel sich vermehren sehen, 
als in dem viermal so grossen Zeiträume des vorigen Jahrhunderts, und 
besitzt jetzt innerhalb seiner europäischen Granzen von 1815 eine Ein- 
wohnerzahl, die der des ersten französischen Kaiserreichs zur Zeit seiner 
grössten Ausdehnung, d. h. im J. 1812, wo der ganze Continent Italiens, 
das linke Rheinufer, Holland und Belgien und noch einige andere Terri- 
torien unmittelbar mit ihm vereinigt waren, nicht ganz um sieben Millio- 
nen Seelen nachsteht. Denn damals lebten ') nicht mehr als 4-2,700,000 
Menschen in all* diesen Ländern. 

Im Jahre 1789 betrugen die jährlichen Einnahmen der französischen 
Monarchie 475 Millionen Livres (Francs, mit Weglassung der bei sol- 
chen Summen nicht in Betracht kommenden Bruchtheile), und man weiss, 
wie Grosses die Unfähigkeit des damaligen Frankreich und aller seiner 
Staatskünstler, ein jährliches Deficit von 56,14-9,973 Livres zu decken, 
zum Ausbruche jener welterschütternden Umwälzung beigetragen hat. In 
der glorreichsten Zeit des ersten Kaiserreiches, im J. 1811, betrugen 
dessen jährliche Einnahmen 953, im J. 1819 die der restaurirten und 
von der fremden Occupation befreieten Monarchie der altern französischen 
Bourbonen 886 2 ), im letzten Jahre ihres Bestandes 986 und im letzten 
Jahre der Friedensregierung Louis Philipps (1847) 134-2 Millionen 
Francs. Trotz der tiefen Erschütterung der Revolutionsjahre 184-8 bis 
1851, in welchen Frankreichs Staatseinnahmen (184-8) auf 1207, (184-9) 
1256, (1850) 1296 und (1851) 1273 Millionen Francs sich vermin- 
derten, hatten sie, trotz des ausgebrochenen orientalischen Krieges im 
J. 1854- auf 1520 und im folgenden auf 1566 Millionen Francs sich 
wieder gehoben 3 ). Allerdings sind sie, wie in vielen anderen europäi- 
schen Staaten, von den Ausgaben stets überstiegen worden; so hat z. B. 
die Restauration von 1816 bis 1830 1268 Millionen Francs mehr aus- 
gegeben, als eingenommen, und in der ganzen Periode von 1830 bis 
1856 findet sich nicht ein Jahr, in welchem der Ertrag der Staatsein- 
künfte zur Bestreitung der Ausgaben hingereicht hätte 4 ). 

Es ist ganz merkwürdig, weil einer der sprechendsten Beweise von 



x ) Nach dem offiziellen Berichte Montalivets, des Ministers des Innern vom 25. Febr. 
4813, der, weil Alles ins vortheilhafteste Licht stellend, die Volksmenge keinesfalls zu 
gering angab. Venturini, Chronik des XIX. Jahrhunderts Bd. X (1813), S. 69. 

2 ) Herbin, Statistique T. III, p. 381. Thibaudeau, Le Consulat et FEmpire T. IX, p. 
207. Gaspari, Hassel u. A. Handb. d. Erdbeschreibung Abth. II, Bd. II, S. 132. 

3 ) Hock, Frankreichs Finanzverwaltung S. 514. Annuaire des deux Mondes 1854— 
4855 p. 101. 

4 ) Hock, a. a. 0. S. 518. 



176 

der unverwüstlichen Kraft und Gesundheit des heutigen Frankreich, dass 
eine anscheinend so bedenkliche Thatsache, die anderwärts und unter 
anderen Verhältnissen, wie namentlich auch im Frankreich des acht- 
zehnten Jahrhunderts, eine Calamität gewesen wäre, die in kurzer Zeit 
einen Staatsbankerott hatte zur unvermeidlichen Folge haben müssen, 
selbst nach dem Urtheile solcher Sachverständigen, welchen eine zu ro- 
senrothe Anschauung französischer Verhältnisse lüglich nicht zugetraut 
werden kann, für das jetzige, für das wiedergeborne Frankreich durch- 
aus irrevelant ist. «Nicht die wirkliche Einnahme und Ausgabe des Au- 
genblicks», äusserte (Juli 1857) ein Sections-Chef 1 ) im Österreichi- 
schen Finanzministerium, «sondern das Vertrauen in den Reichthum 
und die Nachhaltigkeit der Einnahmsquellen und in den Ernst und 
die Einsicht der Regierung bei Ausbeutung derselben und bei Ver- 
wendung ihrer Ergebnisse bestimmt das Mass des Staatskredits — (zu 
welchen für Oesterreich und seine Verwaltung gar wenig schmeichelhaf- 
ten Folgerungen berechtigt nicht dieser Ausspruch eines seiner obersten 
Finanzbeamten Angesichts der Erfolglosigkeit aller Bemühungen dieser 
Monarchie im Beginne des J. 1859 auch nur das kleinste freiwillige 
Anlehen zu Stande zu bringen?) — , und auf die Sicherheit des Zinsen- 
genusses wird weit mehr als auf die Sicherheit der Rückzahlung gese- 
hen. Trotz des durch 25 Jahre andauernden jährlichen Deficits und 
trotz der angewachsenen Schuldenlast geniesst Frankreich gegen- 
wärtig eines ausgedehnten Kredits, denn die wiederholten 
und strengen Kontrollen, denen die Staatsrechnung unterzogen, und 
die Oeffentlichkeit, die ihr in allen ihren Details gegeben wird, zer- 
streuen alle ungegründeten Befürchtungen; ein grosser Theil der 
Ausgaben wurde als Kapitalanlage im weiteren Sinne zur Ver- 
besserung der geistigen und materiellen Lage des Landes ver- 
wendet, sein Wohlstand und hiemit auch seine Steuerfähigkeit 
sind grösser als je.» 

Bekannte Ereignisse der letzten Jahre haben zur Genüge dargethan, 
dass der fragliche österreichische Finanzmann mit diesen Einräumungen 
nur der Wahrheit die Ehre gibt. Als Napoleon III zur Bestreitung der 
Kosten des letzten orientalischen Krieges von den Franzosen zuvörderst 
(Merz 1854) ein Darlehen von 250 Millionen Francs auf dem neuen 
Wege der öffentlichen Subscription begehrte, wurden ihm von 99,224 
Unterzeichnern (darunter 60,142 die nicht mehr als 50 Francs Rente 
und 6,475, die bloss das Minimum von 10 Francs Rente subscribirten) 



x ) Hock, a. a. 0. S. 536. 



177 



über 468 Millionen, und zehn Monden später (Jan. 1855) von 179,300 
Treunehmern statt der verlangten 500 die enorme Summe von 2198 
Millionen Francs zur Verfügung gestellt 1 ). Da selbstverständlich stets 
nur die ausgeschriebenen Beträge angenommen wurden, sah sich der 
Kaiser schon nach einem halben Jahre (Juli 1855) abermals in die 
Notwendigkeit versetzt, von den Franzosen Geld zu verlangen. Es sind 
damals genug der Stimmen laut geworden, die sowol die Geneigtheit 
wie die Fähigkeit der Letzteren bezweifelten, auch auf diesen Appell 
Napoleons III nur eine annähernd ähnliche Antwort zu ertheilen. Die 
dreiprocentige Rente, in welcher das neue Anlehen aufgenommen werden 
sollte, stand im Augenblicke seiner Ausschreibung 65:90; dieses wurde 
zu 65:25, die sich aber vermittelst des bewilligten Zinsgewinnes auf 63:27 
berechneten, also immer nicht viel unter dem Tagescourse angeboten. Die 
Einzahlungsfristen waren kurz bemessen, es mussten zehn Procent der un- 
terzeichneten Beträge sogleich baar erlegt werden; die Zeit war eine 
kritische, die Friedensverhandlung in Wien gescheitert, Sebastopol noch 
nicht gefallen, die Theuerung im Lande gross. Aber trotz allem dem 
Avurden binnen zehn Tagen nicht die geforderten 700, sondern 3,653 
Millionen Francs von 316,900 Theilnehmern dem Kaiser zur Disposition 
gestellt, und darunter, höchst bezeichnend! 1119 Millionen durch 236,600 
Subscribenten in den Departements, 360 Millionen gleich baar an die 
Staatskassen erlegt. Und als Napoleon III neulich (Mai 1859), abermals 
zur Bestreitung der Kosten eines Krieges, also wieder zu einem, die 
Betheiligung an solchen Anlehen eben nicht empfehlenden Zwecke, 500 
Millionen von den Franzosen begehrte, wurden statt dieser ihm 2,307 
Millionen Francs durch 525,129 Theilnehmer zur Verfügung gestellt, 
darunter, überaus bezeichnend, durch 375,000 Subscribenten von nur 
zehn Francs Rente 2 ). 

Woher diese, man möchte sagen fabelhafte Wiedererzeugungskraft 
und Leistungsfähigkeit eines Landes, welches noch vor siebzig Jahren 
so ganz ausser Stande war, ein jährliches Deficit von 56 Millionen 
Francs zu decken? EtAva, wie oft behauptet wurde, daher, weil es jetzt 
in Frankreich so viele kleine Grundeigentümer gibt? Es ist aber 
im Vorhergehenden (S. 151) gezeigt worden, dass es deren dort zu Lande 
schon sehr lange vor der Revolution von 1789 eine grosse, fast ein 
Drittel seiner gesammten Bodenüäche besitzende, Menge gegeben. Nein! 
Frankreich verdankt diese viel bewunderten und viel beneideten Eigen- 
schaften vornehmlich den zwei grossen dauernden Gütern, mit welchen 

1 ) Airouaire des deux Mondes, 1854—4855, pp. 42. 97. 

2 ) Hock, S. 540. Moiiiteur v. 17. Mai 1859. Bericht des Finanzministers MagDe. 

Sagenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. j2 



178 

die fragliche furchtbare Umwälzung es beschenkte. Einmal, der Erhe- 
bung des kleinen Grundbesitzers auch zum freien Grundbesitzer, der 
durch sie sanctionirten Freiheit der Arbeit und des Eigenthums 
für alle Klassen durch Gleichheit des Staatsschutzes für je- 
den Eigenthümer und jeden Arbeiter. Dann, dass durch die Re 
volution v. 1789 in Frankreich das neu geschaffen wurde, Avas England 
schon langst besass — ein bäuerlicher Mittelstand. 

Es war gleichsam die Wiedergeburt des durch das Feudalsystem 
und die anderen, oben in der Einleitung kurz charakterisirten, mittelal- 
terlichen Fermente erdrückten, weiland so bedeutsamen Standes der alt- 
germanischen Gemeinfreien, die Wiedererweckung des altgermanischen, 
des altfränkischen Allodialstaates. Der seit einem Jahrtausend siegreiche 
Gegner desselben, der vielgliedrige Feudalstaat, betrachtete die politische 
Macht als Privateigenthum des jedesmaligen Inhabers, woraus sich von 
selbst ergab, dass er sie wie jeden andern Besitz lediglich zu Privatzwe- 
cken gebrauchen, und durch sie die Arbeits- und Steuerkraft der Unter- 
thanen auch nur seinem Vortheile dienstbar machen durfte. Dessen na- 
türliche Folge war, dass die besten Säfte des Volkes während vieler 
Jahrhunderte nicht zum allgemeinen Vortheile des grossen Ganzen, 
des Staates, sondern bloss zum besondern Nutzen einer, beziehungs- 
weise doch immer nur kleinen Anzahl Privilegirter ausgebeutet wurden. 
Weil nun eben deshalb auch der Verwerthung der reichsten Volkskräfte 
wie zum Vortheile des Staates so auch zum Vortheile derer, in welchen 
sie vorhanden waren, so viele Hemmnisse, so unübersteigiiche Schranken 
entgegenstanden, lebte auch in den die grösste Summe dieser Kräfte be- 
sitzenden, weil zahlreichsten, d. h. in den erwerbenden und arbeitenden 
Klassen der Bevölkerung solch' geringer Trieb zu ihrer Entwicklung, 
Ausbildung und Benützung. Was halfen persönliche Fähigkeiten und 
noch so angestrengte Thätigkeit viel in einem Staate, in welchem die 
Geburt Jedem eine unverrückbare Gränze zog; was Geist und Kennt- 
nisse da, wo man sie missachtete, des Wissens nicht zu bedürfen glaubte, 
und die Kritik bestrafte? Es war unmöglich, das grosse Ganze, den 
Staat, dauernd zu erheben, weil man die unendliche Majorität der Ein- 
zelnen, die jenes bildeten, an der umfassenden und allseitigen Verwer- 
thung ihrer Kräfte hinderte, sie der äussersten Einengung und Beschrän- 
kung unterwarf; der Feudalstaat wurde hierdurch zu einem Organismus, 
in welchem ein Hauptnerv im perennirenden Zustande absoluter Lähmung 
sich befand. Von diesem schweren Gebreste, welches gleich einem Alp 
fast während eines Jahrtausends auf ihm gelastet, ist Frankreich nun 
durch die Revolution von 1789 gründlich geheilt worden, welche fortan 



179 



die Verwerthung der Kräfte aller Volksklassen nur zum Vortheile des 
grossen Ganzen, des Staates, gestattete und in der jedem seiner Bürger 
ohne allen Unterschied verliehenen gleichen Freiheit und Berechtigung, 
der Schmied seines Schicksals zu werden, die Früchte seiner geistigen 
oder körperlichen Fähigkeiten zunächst für sich selbst zu ernten, allen 
den mächtigsten, wirksamsten Sporn zur Ausbildung und Anwendung 
ihrer gesammten Kräfte, zu rastlosem Wetteifer auf den verschiedenen 
Gebieten menschlicher Thätigkeit gab. Daher das neue, frische Leben 
von so nachhaltiger unzerstörbarer Macht, welches das französische Volk, 
und damit auch der französische Staat, durch die grosse Umwälzung von 
1789 erlangte; nie hat sich glänzender bewährt, was ein Volk vermag, 
wenn den in ihm schlummernden Kräften der freieste, der weiteste Spiel- 
raum gestattet, wenn jeder Einzelne in ihm zum Schöpfer seines Ge- 
schickes gemacht Avird. Das ist das Geheinmiss der Schwäche Frank- 
reichs im achtzehnten und seiner unverwüstlichen, die schwersten Krisen 
mit Leichtigkeit überwindenden Stärke im neunzehnten Jahrhundert, die 
Ursache der von seinen Söhnen im Laufe des letztern so oft bewie- 
senen ungeheueren Opferkraft und Opferbereitwilligkeit, wie ihres 
fortwährend wachsenden Wohlstandes. 

Es erübrigt noch, das Steigen des Letztern wie überhaupt die an- 
gedeuteten Folgen der Revolution von 1789 durch einige Thatsachen zu 
belegen und zu veranschaulichen 1 ). Tolosan, General-Inspektor des Han- 
dels im eben genannten Jahre, schätzte den damaligen jährlichen Gesammt- 
ertrag der französischen Industrie auf 930 Millionen Francs. Im Jahr 
1812 war derselbe innerhalb der Gränzen des heutigen Frankreichs auf 
1,325 Millionen, im J. 1848 aber auf nahe an 4,000 Millionen Francs 
gestiegen, und beträgt jetzt ohne Zweifel noch ganz ansehnlich mehr, wie 
schon aus dem einen Umstände hervorgeht, dass die französischen Fa- 
briken im J. 1816 12 Millionen, im J. 1850 aber 72 Millionen Kilos 
ungesponnener Bauimvolle verbrauchten. Die seit 1789 eingetretene 
Freigebung der inneren Concurrenz hat aber nicht bloss die Masse des 
erzeugten Gutes gesteigert, sie hat auch, was so oft bezweifelt worden, 
die Verkeilung derselben günstiger gestaltet. Der Taglohn der indu- 
striellen Arbeiter stand nämlich im J. 1788 nach einem hochberechne- 
ten Durchschnitt für die Männer auf 26, jener der Weiber auf 15 Sous. 
In unseren Tagen aber beträgt er, nach erschöpfenden Aufnahmen, für die 

l ) Dem Folgenden liegen, wenn nicht auf andere Quellen verwiesen wird, der, auch 
schon im Vorhergehenden mehrfach benützte, treffliche Aufsatz von La?ergne: De Tin- 
fluence de la Revolution fmngaise sur l'agriculture in der Revue des deux Mondes, 1858, 
Novemb. p 436 — 466, hier zunächst p. 458 sq., und die guten Bemerkungen in Sybels 
Gesch. d. Revolutionszeit t. 1789—1795, Bd. I, Einleitung p. XLV sq. durchweg zu Grunde. 



180 



Männer 42, für die Weiber 26 Sous. Ebenso betrug der ländliche Ta- 
gelohn im J. 1789 höchstens 19 Sous, also nicht ganz einen Franc, in 
der Gegenwart aber durchschnittlich anderthalb Franc (30 Sous). 
Wenn man dann für das Jahr noch die erhebliche Verstärkung von etwa 
dreissig seitdem aufgehobenen Feiertagen in Anschlag bringt, so findet 
man für den Lohn der Zeit vor der Revolution wenig mehr als die Hälfte 
des heutigen Betrages. Um aber die ganze Bedeutung dieses Unterschie- 
des zu würdigen ist eine Vergleichung der damaligen und der jetzi- 
gen Preise der Lebensbedürfnisse erforderlich. Diese zeigt uns, dass 
vor 1789 das Brod für sehr wohlfeil galt, wenn das Pfund desselben 
drei Sous kostete, dass dieser Satz aber nur in Paris ein häufiger war, 
in den Provinzen in der Regel jedoch überschritten wurde. In unserer 
Zeit stand aber z. B. von 1820 bis 1846 der Durchschnittspreis in ganz 
Frankreich auf 17 (2 Centimes mehr als 3 Sous), in Paris 1 ) auf 15, 
1851 aber nur auf 14 Centimes, also noch unter dem alten Werthe 
von drei Sous. Das scheint zu dem Verhältniss der Getreidepreise übel 
zu passen, da der Durchschnittspreis des Hectoliters Weizen von 1755 
bis 1788 sich auf 14 Francs 11 Cent, stellte, von 1817 bis 1847 aber 
zwischen 19 und 20 Francs betrug, und im Jahre 1853 der Hectoliter 
dieser Brodfrucht durchschnittlich fast 22 Francs (21:98 c.) kostete 2 ). 
Allein der Widerspruch löst sich durch die Vervollkommnung des 
Mahlens und Backens, welches jetzt ein Drittel, ja! die Hälfte mehr 
Brodgewicht aus demselben Kornvorrath gewinnt, als zur Zeit der 
Bannmühlen und der Bannöfen. Man sieht also, dass der Arbeiter 
vor der Revolution fast um die Hälfte weniger Brod für seinen Lohn 
erhielt, als heutigen Tages. Bei den übrigen Nahrungsmitteln war das 
Verhältniss ähnlich, bei den Kleidungsstoffen aber noch ungünstiger. 
Hieraus erklärt sich denn auch am natürlichsten die relative Geringfügig- 
keit der aus Frankreich erfolgenden Auswanderung, immer, wo, wie 
hier, dieser keine gesetzlichen Hindernisse entgegenstehen, der sicherste 
Beweis der für die arbeitenden Klassen vorhandenen Leichtigkeit, in der 
Heimath ihren Unterhalt zu erwerben, von ihrer Zufriedenheit mit den 
dasigen Zuständen. Frankreich hat z. B. in den Jahren 1848 — 1858 
noch nicht ganz 200,000 (Deutschland in demselbenZeitraumel,200,000) 
Menschen durch Wegzug verloren, wovon aber die ungefähre Hälfte (un- 



*) Schnitzler, Statistique gener. de la France T. I, p. 437. 

2 ) Schnitzler, De la creation de la richesse, ou des interets materiels en France T. I, 
p. 41 (Paris 1842. 2 vols.). Loiseau et Verge, Compte-Rendu des Seances et Travaux de 
l'Academie des Sciences moral. et polit. Ser. II, T. IV (1848, Sem. II) p. 184. Annuaire 
des deux Mondes, 1854—1855, p. HO. 



181 



ter anderen 1856 von 17,995: 8564 und 1857 von 18,809: 7992) 
sich nach Algerien wandte '), hingezogen durch die Vorthcile, welche 
die Regierung den Colonisten gewährte. 

Die entscheidende, die Hauptursache dieser Erscheinungen hat man 2 ) 
unstreitig in dem seit 1789 so ausserordentlich gestiegenen Grundreich- 
thum des Landes , in dem so ungemein erhö'heten Ertrage der Land- 
wirtschaft im weitesten Sinne zu suchen. Im gedachten Jahre erzeugte 
Frankreich von dem hauptsächlichsten Nahrungsmittel, dem Weizen, 
34 Millionen, im Jahre 1815 44, im Jahre 1848 aber 70 Millionen 
Hectoliter. Noch weit beträchtlicher ist die Zunahme bei anderen Zwei- 
gen der Landwirtschaft; Hafer wird z. B. in Frankreich jetzt viermal 
so viel gewonnen, als vor der Revolution. Gleiche, und zum Theil noch 
glänzendere Resultate zeigen sich hinsichtlich der Viehbestände. Als 
Turgot im J. 1776 die Posten reorganisiren wollte, vermochte er sich 
die dazu erforderlichen und tauglichen 6,000 Pferde in ganz Frankreich 
nicht zu verschaffen, während das Kriegsministerium hier im J. 1854 
33,000 diensttüchtige Pferde ankaufen konnte 3 ). Erwägt man daneben, 
dass eine Menge nutzbarer Erzeugnisse, die heutigen Tages Schätze re- 
präsentiren, vor 1789 noch völlig unbekannt gewesen, dass über die 
Unschädlichkeit der Kartoffeln damals noch eine hitzige literarische Fehde 
geführt wurde, die zur Folge hatte, dass im gedachten Revolutionsjahre 
in ganz Frankreich nicht mehr als zwei Millionen, im J. 1834 aber 
nahe an 76 und im J. 1848 schon hundert Millionen Hectoliter, zu 
einem Durchschnittspreise von 3 Francs 4 ), von dieser Knollenfrucht ge- 
erntet wurden, so wird man es eben begreiflich genug finden, dass der 
kundigste Statistiker des heutigen Frankreich den vegetabilischen Ertrag 
seines Bodens, der jetzt die Summe von sechs Milliarden Francs 
übersteigt, für die Zeit vor der Revolution nur ein Geringes über zwei 
Milliarden ansetzt. 

Und diese segensreichen Folgen sind hauptsächlich dem von der 
grossen Umwälzung des J. 1789, wie berührt, durch die Veräusserung 
so vieler National- und Staatsdomainen 5 ) neugeschaffenen bäuerlichen 

1 ) Kolb, Handbuch d. vergleichenden Statistik S. 51. 

2 ) L'agriculture, ä laquelle la France doit une population robuste, est la principale 
base de sa richesse; c'est des entrailles de la terre que lui Tient cette derniere. Schnitz- 
ler a. a. 0. 1, p. 26. % 

3 ) Lavergne in der Revue des deux Mondes 1853, Avril, p. 239—240. Annuaire des 
deux Mondes 1854—1855, p. 111. 

4 ) Schnitzler a. a. 0. 1, p. 49, Lavergne p. 463. 

5 ) Nach Hock, Frankreichs Finanzverwaltuug S. 209 haben nur v. 1790 bis 1830 
1,209,669 einzelne Verkäufe von Nation- und Staatsdomainen mit einem Erlöse ?ou 
4,631,580,000 Francs Statt gefunden. 



182 

Mittelstande zu danken, d. h. jenen etwa 350,000 Grundeigentü- 
mern, unter den in Frankreich seit dem J. 1815 vorhandenen beiläufig 
vier, und jetzt wol fünf Millionen Familienvätern dieses Standes, deren 
jeder durchschnittlich einen Grundbesitz von 35 1 / 9 Hectaren sein eigen 
nennt 1 ). Das ergibt eine Bewirtschaftung von nahe an elf Millionen 
Hectaren, d. h. über ein Fünftel des, im Ganzen fünfzig Millionen Hec- 
taren betragenden, pflugfähigen Bodens durch wohlhabende Eigen- 
thümer, die auf den Anbau ihrer Güter nicht nur den eifrigsten Fleiss 
verwenden müssen, sondern auch eine beträchtliche Kapitalkraft ver- 
wenden können. Denn die erbärmliche Beschaffenheit, der geringe Er- 
trag des französischen Ackerbaues vor 1789 rührten ja eben daher, dass 
die welche sich demselben als kleine Eigenthümer oder Pächter wid- 
meten, ihr Leben lang, wie oben gezeigt worden, am Hungertuche nag- 
ten, mithin auf dessen Verbesserung nicht nur Nichts verwenden woll- 
ten, sondern auch bei dem besten Willen nichts verwenden konnten, 
da sie in der Regel nicht einmal im Stande waren, das benöthigte Ge- 
räthe und Vieh aus eigenen Mitteln anzuschaffen. Es ist vornehmlich das 
Werk dieses ländlichen Mittelstandes, der allerdings behäbig genug ist, 
um von dem Acker ein sorgenfreies Dasein zu gewinnen, aber doch 
nicht vermögend genug, um nicht zu steter angestrengter Arbeit genöthigt 
zu sein, dass Frankreich, Avelches im J. 1789 zehn Millionen Hectaren 
Brachfeld und Wüstung zählte, im J. 1848 deren nur noch fünf Milli- 
onen Hectaren hatte, dass die im Jahre 1789 vorhandenen vier Millionen 
Hectaren Weizenfelder 1848 auf sechs, die in jenem Jahre nur zwei 
Millionen Hectaren betragenden Haferfelder in diesem auf drei Millionen 
gestiegen waren, dass es 1848 eine halbe Million Hectaren Weinberge 
mehr gab als 1789, zwei Millionen Hectaren mehr Wiesen, und 600,000 
Hectaren mehr diverser Pflanzungen, und zwar der gewinnbringendsten. 
Noch zu erwähnen ist, dass die seit der Revolution von 1789 in 
Frankreich erfolgte Vermehrung der kleinen Grundeigentümer sich bei 
näherer Betrachtung doch als lange nicht so bedeutend darstellt 2 ), wie 
man gemeinhin glaubt. Wie oben berührt worden, befand sich schon 
vor dem Ausbruche jener etwa ein Drittel der Gesammt-Bodenfläche des 



*) Schnitzler T. I, pp. 6. 12. 

2 ) Was auch aus der nachgewiesenen Vermehrung der Grundbesitzer in einzelnen 
Theilen des Landes hervorgeht. In der Provinz Limousin gab es z. B. vor 1789 33,395 
und im J. 1813 nicht mehr als 33,646 Grundeigenthümer, woraus erhellt, dass die Na- 
tionalgüter hier zumeist von solchen angekauft worden, die schon vorher Immobilien be- 
sassen und ihren bisherigen Besitz nur damit vergrößerten. Neigebaur, Schilderung der 
Provinz Limousin S. 23. 



^83^ 

Landes im Besitze kleiner Eigner. Jetzt besitzen über 3,500,000 dieser 
etwas mehr als zwanzig Millionen Hectaren (also ungefähr zwei Fünftel 
der Oberfläche Frankreichs), darunter weit über eine Million Eigenthü- 
mer, welchen bloss eine halbe Hectare gehört; mithin kommen durch- 
schnittlich auf jeden dieser kleinen Landeigentümer ungefähr fünf Hectaren. 
Der verbreitetste von allen Irrthümern, welche sich an die durch die 
Revolution von 17 89 in Frankreich herbeigeführte tief greifende Umge- 
staltung der Verhältnisse des Grundbesitzes wie des Vermögens über- 
haupt knüpfen, ist aber der, dass der Adel durch jene ausserordentlich 
verloren. Wenn man in der Befugniss, seine Bauern nach Herzens- 
lust quälen und prügeln, auf dem Hundefuss behandeln zu dürfen, das 
ehren- und werthvollste Vorrecht des Adels erblickt, allerdings dann hat 
der französische durch die fragliche Umwälzung eine unersetzliche Ein- 
busse erlitten; denn diese kostbare Gerechtsame ist ihm in Frankreich 
seit siebzig Jahren entzogen. Wenn man an Edelleute aber den Mass- 
stab anderer vernünftiger und gebildeter Menschen der Jetztzeit anle- 
gen darf, die in dem Privilegium eines Büttels weder Ehre noch Nutzen 
und Vergnügen finden können, es daher gegen erhöheten Ertrag ihrer 
Güter, hierdurch begründeten soliden Wohlstand und ein sorgenfreies 
Dasein gern vertauschen, dann wird man zu dem Resultate gelangen, dass 
auch der französische Adel durch die Revolution von 1789 ungemein 
gewonnen hat. Die Vorstellung, die man sich gewöhnlich von der 
Lage desselben vor dieser grossen Umwälzung macht, ist nämlich grund- 
falsch, da man ihn für weit reicher hielt oder ausgab, als er in der That 
gewesen. Allerdings war eine kleine Anzahl von Adelsgeschlechtern 
vorhanden, die über ungeheuere Besitzthümer verfügten, aber sie ver- 
schwanden völlig gegen die Masse derjenigen, deren Loos bei unbefan- 
gener Betrachtung nur als ein glänzendes Elend sich darstellte. «Es gab 
damals in Frankreich», berichtet 1 ) der conservative Adelsfreund Bouille, 
«80,000 2 ) adelige Familien, darunter nur 1000 altadelige, und von die- 
sen waren nur zwei bis dreihundert dem Unglück und Elende 
entronnen.» Und selbst der Wohlstand dieser beziehungsweise so kleinen 



*) Bei Raumer, Gesch. Frankreichs v. 1740 — 1795. S. 126, womit die Klage eines 
Edelmanns v. Jahre 1755: trotz seiner Privilegien werde der Adel Frankreichs täglich 
ärmer und bedeutungsloser, und die Aeusserungen der Intendanten vieler einzelnen Pro- 
vinzen nur zu sehr übereinstimmen. So berichtet z. B. einer derselben in seinem Steuer- 
bezirke gebe es mehrere Tausend adeliger Familien, aber darunter kaum fünfzehn, die 
20,000 Livres Renten hätten, und ein anderer (der der Franche-Comte, 1750) der Adel 
seiner Provinz sei sehr arm. Tocqueville, L'ancien regime et la revolution 1. II, chap. 8. 

2 ) Diese Angabe ist sicherlich übertrieben, und nach den viel glaub würdigeren Daten 
von Sieyes und Lavoisier auf etwa 25,000 zurückzuführen. Lavergne p. 449. 



184 

Anzahl von Fortunen Bevorzugter war mehr ein scheinbarer als wirk- 
licher, indem in Frankreich damals in dem Betreff ein ganz analoges 
Verhältniss, wie das im Vorhergehenden (S. 63) geschilderte gleich- 
zeitige in Spanien obwaltete 1 ). Die grössten Grundeigentümer, wie die 
Herzoge von Bouillon, die Prinzen von Soubise, zogen, einmal wegen 
des ganz jämmerlichen Anbaues ihrer meisten Ländereien durch armse- 
lige, von der Wucht so vieler kaum erschwinglichen Lasten zu Boden 
gedrückten Pächter, dann, wegen der Benützung eines grossen Theiles 
derselben zu Parkanlagen, Wildgehegen und anderen Zwecken, die viel 
kosteten und nichts einbrachten 2 ), und wegen der Betrügereien ihrer Be- 
amten eine verhältnissmässig so geringfügige Rente, dass solche zur Be- 
streitung ihrer Bedürfnisse lange nicht ausreichte, weshalb sogar diese 
Seigneurs gewöhnlich fortwährend mit Schulden zu kämpfen hatten. Die 
erwähnte Masse ihrer Standesgenossen aber, die das alte alberne Vor- 
urtheil nöthigte, ein adeliges Leben zu führen, d. h. sich aller bürger- 
lichen und ernährenden Beschäftigungen zu enthalten, besass im günstig- 
sten Falle ein jährliches Einkommen von 2 bis 3000 Francs, zumeist 
aber, wegen des schlechten, durchaus vernachlässigten Zustandes ihrer 
Ländereien und der grossen Armuth der Pächter, bedeutend weniger, oder 
gar nur eine nominelle Rente 3 ). Denn die Hectare des besten Landes 
warf vor 1789 ihrem Eigentümer eine jährliche Rente höchstens von 
10 bis 12 Francs ab, das schlechtere nicht mehr als 2 bis 3 Francs, 
und in manchen Gegenden, wie z. B. in einem Theile der Champagne, 



1 ) II existoit autrefois, en France, des proprietes d'une immense etendue dont les 
produits nourrissoient d peine une famille. Chaptal, De l'iDdustrie framjoise T. I, p. 153 
(Paris 1819. 2 vols.). 

2 ) Ce sont les grands Possesseurs qui ont rempli la France de bois, de parcs, de 
pays friches reserves pour leur chasse, qu'ils ne veulent pas laisser cultiver, et qui par 
consequent, ne rendent aucune valeur ä l'Etat. II semble que leur premier soin soit de 
remettre la terre dans son premier etat naturel; ils ne pensent qua la peupler de Biches 
et de Daims; ce qui la depeuple d'hommes. En general, les grands Proprietaires de terres, 
s'appliquent plus ä embellir la nature, qu'ä la rendre utile. 11s cherchent moins l'avantage 
de l'Etat, que celui de leurs plaisirs particuliers. Les terreins les plus feconds, ceux qui 
donneroient en grande abondance des deurees de premier besoin, sont employes en vastes 
jardins fleuristes, ou potagers. Tous nos Chäteaux en France dont le nombre, qui est deja 
immense, s'accroit tous les jours, sont entoures de grandes allees, qui formenl de lous 
cötes des avenues oü Toeil se perd dans un eloignement qui forme un \ide immense 
pour f\Agriculture. Les Interets de la France mal entendus dans les branches de l'agri- 
culture, de la population etc. T. I, p. 44—46 (Amsterd. 1756. 3 yols.). 

3 ) Les terres de la noblesse — presque toutes grevees de lourdes dettes, abandonnees 
et negligees par leurs possesseurs, ne rapportaienl le plus souvent qu'un revenu no- 
minal. Lavergue in der Revue des deux Mondes, 1859, Juin, p. 575. 



185 

in Berri, gar häufig nur anderthalb Francs')! Welch' prägnante Bestä- 
tigung der alten Wahrheit, dass der arme Bauer wie arme Fürsten so 
auch arme Edelleute macht! 

Selbstverständlich mussten solche Einkünfte zur Befriedigung der 
Anforderungen eines adeligen Daseins sich durchaus unzureichend er- 
weisen, und die viel beneideten Seigneurs der guten alten Zeit daher einen 
fortwährenden Kampf mit Schulden bestehen, den schweren Druck wach- 
sender Verarmung nur zu empfindlich verspüren. Wie oft mögen sie da 
nicht im Stillen das Loos der verachteten « Canaille » beneidet haben! 
Die ungemein armselige innere Einrichtung, die ganze Beschaffenheit 
vieler noch vorhandenen, und zum Theil noch in den ersten Decennien 
dieses Jahrhunderts bewohnten, Schlösser und Edelhöfe 2 ) aus der hier 



1 ) Lavergne iu der Revue des dein Mondes, 1853, Avril p. 240 und 1858, Noveinb. 
p. 466. Vom dem armseligen Ertrage der Ländereien in den schlechteren Gegenden 
Frankreichs erzählt Arthur Young in seinen Voyages en France T. 111, p. 7 folgendes 
merkwürdige Beispiel: Avec tonte cette misere chez les fermiers, on peut juger de l'elat 
du seigneur par la rente qu'il regoit. A Salbris, en Sologne, le proprietaire recevoit envi- 
ron 800 livres pour sa moitie, d'un terrein qui nourrissoit sept cents moutons, et de 
denx cenls acres anglais d'antre terre; donc toule la rente des terres et des bestiaux 
ne montoit pas ä plus de 24 sols par töte de mouton! 

2 ) In seiner mehrerwähnten Schilderung der Provinz Limousin S. 71 gibt Neigebaur 
folgende Beschreibung eines solchen «Herrenhauses» im J. 1813: «Allein der Anblick 
des Wohnhauses von einem Stockwerk, von Steinen gebaut mit kleinen schmutzigen 
Fenstern; und eine Art schlechter Stallthür, machte mich stutzen. Man eröffnet ein Be- 
hältniss, die Wände sind von Rauch schwarz, die schwarze Decke von groben Balken, der 
Fussboden besteht aus gewöhnlichen Feldsteinen, ein altes Bett mit schmutzigen wolle- 
nen Vorhängen, 4 Strohstühle, eine Bank, ein Tisch, die nie mit einer Farbe geziert wa- 
ren, und nie abgewaschen worden, machten mit einigen Schüsseln und Tellern, die ein- 
zigen darin befindlichen Möbeln aus. Diess Behältniss ist die Wohnstube des 
Herrn vom Hause, eines Seigneurs von alter Familie. Ich konnte mich 
von dem ersten Erstaunen nicht erholen, denn indem ich die vermeintlichen Zimmer 
suche, kam ich in ein eben solches Gemach, welches nur noch schmutziger und nicht 
einmal mit Strohslühlen geziert war. Diess war der Aufenthalt des Bedienten und der 
Köchin. Kurz mein reicher Gutsbesitzer lebt und webt in dem beschriebenen Behältniss. 
Denken Sie Sich eine Gesinde- Stube auf einem Edelhöfe iu Deutschland, wo der Gutsbe- 
sitzer eben nicht um die Reinlichkeit oder Bequemlichkeit seines Gesindes bekümmert ist, 
oder denken Sie Sich die Küche eines grossen Wirthshauses in einem Dorfe, und Sie 
werden eine, wenn auch nur schwache Vorstellung von meinem Sanssouci haben. Doch 
jede Idee, die Sie Sich davon entwerfen, ist noch unter der Wahrheit. Nun sollte ich Ihnen 
noch die Stube des Pachters beschreiben, allein das ist unmöglich. Ich glaubte entweder 
bei den schmutzigen Polen, oder bei den ärmlichen Troglodyten zu sein. Vereinigen Sie 
alles, was Sie von den polnischen Wohnungen hörten und sahen, und bedenken Sie bloss, 
dass zwischen den hiesigen dicken Steinwänden jener Schmutz einen andern Charakter 
annimmt, und Sie werden sich einen ohngefähreu Begriff machen können. So viel ich 
bisher Landhäuser in dieser Gegend sah, fand ich überall etwas ähn- 
liches; sehr selten zeichnet sich eins oder das andere durch eine bes- 
sere neuere Einrichtung aus.» 



186 



in Rede stehenden Zeit gibt sprechendes Zeugniss von dieser argen Ar- 
muth derer, die in ihnen hauseten. Das Volk, welches oft mit einem 
Worte den Nagel auf den Kopf trifft, pflegte darum auch vor der Revo- 
lution einen solchen Seigneur mit dem ungemein bezeichnenden Namen 
des Kleinsten unter den Raubvögeln zu belegen; es nannte ihn nämlich 
«Baumfalke« (hobereau) f ). Die Armuth des französieren Adels in der 
guten alten Zeit erhellt übrigens auch zur Genüge aus der Verkeilung 
der bekannten Emigranten-Milliarde. Wenn man die lange Liste derje- 
nigen überblickt, denen diese im J. 1825 überwiesen wurde, begegnet 
man wol Einigen, die eine Million Francs und darüber erhielten, aber 
von der grossen Majorität der Entschädigten erhielt jeder nicht mehr als 
50,000, viele aber gar nur 1000 Francs und noch weniger! 

Der französische Adel, ob wol von ihm oft gesagt worden, er habe, 
gleich dem Hause Bourbon, Nichts gelernt und Nichts vergessen, hat 
aus den schweren Schicksalsstürmen, die über seinem Haupte dahinge- 
braust, doch die Einsicht gewonnen, wie sehr seine Väter ihren wahren 
Vortheil verkannt, als sie im Genüsse eben so unfruchtbarer wie ver- 
hasster Privilegien die kostbarste Auszeichnung , das Palladium ihres 
Standes erblickt. Er offenbart seitdem das rühmliche Streben, den alten 
Adelsgeist, der sich mit hochmüthigem Dünkel als über den Gesetzen 
stehend betrachtet, mit jenem wahren aristokratischen Geiste zu ver- 
tauschen, der die Gesetze erhält und achtet, und im Besitz, im Boden 
und seiner rationellen Bewirtschaftung die reichste und nachhaltigste 
Quelle der Macht, der Wohlfahrt und der Geltung gewahrt. Und merk- 
würdig genug ist, zu welchen Resultaten dies noch so junge Bemühen 
des französischen Adels, der edelsten, der ächtesten Aristokratie des 
Welttheils, der englischen, sich hierin würdig anzureihen, bereits geführt 
hat. Es gibt jetzt in Frankreich 2 ) zwischen vierzig und fünfzig Tausend 
adelige grosse Grundbesitzer, die durchschnittlich eine jährliche Grund- 
steuer von 1,000 Francs bezahlen. Da diese nun, wenn schon gesetzlich 
höher, in Wahrheit aber nicht mehr als acht Procent des Reinertrages 
im Durchschnitte erreicht 3 ), so hat jeder der in Rede stehenden Proprie- 
tairs durchschnittlich mithin ein jährliches Netto-Einkommen von etwas 
über 12,000 Francs. Hieraus ergibt sich für Alle die nette Jahresrente 
von fünf bis sechshundert Millionen Francs, was auch zum Umfange 
des Grund uud Bodens, den sie besitzen, in ganz richtigem Verhältniss 



1 ) Tocqueville a. a. 0. 1. II, chap. 12. 

2 ) Lavergne in der Reyue des deux Mondes, 1858 Novemb. pp. 449 461. 

3 ) Hock, Frankreichs Finauzyerwaltung S. 142. 



187 



steht. Es befinden sich nämlich ungefähr 19 Millionen Hectaren in den 
Händen jener grossen Grundeigentümer, also nahezu zwei Fünftel der 
pflugfähigen Oberfläche Frankreichs, deren jährlicher Gesammt-R einer- 
trag sich jetzt auf fünfzehnhundert Millionen Francs beläuft, während 
derselbe kurz vor der Revolution von 1789 nicht mehr als 76 Millionen 
Livres (Francs) betrug ] ), mithin in weniger als einem Jahrhundert sich 
fast verzwanzigfacht hat! 



*) Lavergne iü der Revue des deux^Mondes 1853, Avril, p. 240—241. 



DRITTES BUCH.') 

ITALIEN. 



ERSTES KAPITEL. 

Bis ins zwölfte Jahrhundert haben im weitaus grössten Theile Hes- 
periens die Zustände der ländlichen Bevölkerung im Ganzen sich analog 
den oben geschilderten gleichzeitigen in Frankreich, wie in den karolin- 
gischen Reichen überhaupt, entwickelt, weshalb von einer nähern Erör- 
terung derselben bis dahin hier luglich Umgang genommen werden kann. 
Im genannten Zeitabschnitt hat in Wälschland aber jene grosse Revolu- 
tion begonnen, die nach und nach das ganze Land umfasste, und auf die 
Gestaltung seiner Geschicke grössern Einfluss geübt hat, als man ge- 
meinhin glaubt. Ihren Ausgangspunkt bildete Ober-Italien. 

Schwer dürfte zu entscheiden sein, ob dies Mutterland der Bürger- 
freiheit in Europa dem italischen Landvolke dadurch, dass es den An- 
stoss zur fraglichen Umgestaltung seiner Verhältnisse gab, mehr genützt 
oder mehr geschadet habe. Denn wenn die Bauern der apenninischen 
Halbinsel dem frühzeitigen Emporsteigen ihrer Städte zur Selbst- 
ständigkeit, zu grosser Machtfülle und Blüthe es verdankten, dass sie 
im Ganzen eher als ihre Leidensbrüder in den meisten anderen Reichen 
unseres Erdtheiles nicht nur von dem verzehrenden Drucke der Leibei- 
genschaft und selbst der strengern Hörigkeit befreit, sondern überhaupt 
auch menschlicher behandelt worden sind, so hatte jenes zeitweilige 
Ueberwiegen des städtischen Elements in Wälschland für sie anderer 
Seits die traurige Folge, dass es die dauernde Umwandlung der 
seitherigen Erbpächter der grösseren und kleineren Grundherren in 
Zeitpächter veranlasste und verallgemeinerte. 

l ) Geschrieben im Sommer 1859. 



189 



Italiens Adel und Geistlichkeit, also die beiden Stande, die auch 
hier von jeher als die schlimmsten Dränger des Landvolkes ') sich er- 
wiesen, waren nämlich durch das rasche Emporwachsen der Bürger- 
schaften zu solch' gewaltiger Macht besonders hinsichtlich ihrer Leibei- 
genen und Hörigen in eine gar peinliche Lage versetzt worden. Was 
Florenz schon im Beginne des zwölften Jahrhunderts sich erlaubte, 
nämlich alle von ihren Herren gedrückten Landleute, unter Zusicherung 
belangreicher Privilegien förmlich aufzufordern, der jungen Republik sich 
anzuschliessen, unter ihre schützenden Fittige zu flüchten, hat seitdem, 
da die Wahrnehmung der sehr vorlheilhaften Wirkung dieses Schrittes 2 ) 
dazu reizte, die umfassendste und rücksichtsloseste, wie erfolgreichste 
Nachahmung aller Städte Ober- und Mittel-Italiens gefunden. Zwar such- 
ten die adeligen und geistlichen Seigneurs gegen diese, ihre Territorien 
mit Verödung bedrohende, Verlockung ihrer Leibeigenen und Grundhol- 
den Hülfe bei den deutschen Kaisern, die ihnen solche auch durch Ver- 
bote und strenge Massnahmen 3 ) gerne gewährten. Allein was konnten 
die jenen viel frommen? In den Tagen, wo Friede zwischen den Hohen- 
staufen und den Lombarden waltete, waren die Ersteren nur selten in 
der Lage, Gehorsam gegen ihre fraglichen Verfügungen mit dem erfor- 
derlichen Nachdruck zu erzwingen, weil nur selten geneigt, um solcher 
Anlässe willen, wie sie deren Uebertretung geboten haben würde, wieder 
zum Schwerte zu greifen; und in den Zeiten, wo zwischen den deutschen 



1 ) Welches darum auch dem sogenannten Aufstaude der Vabasoren, d.h. der kleinen 
Vasallen, gegen den Erzbischof Aribert von Mailand und die übrigen Rischöfe der Lom- 
bardei im J. 1035 vieler Orten sich angeschlossen halle. Giesebrecht, Gesch. d. deutschen 
Kaiserzeit Bd. II, SS. 297. 573. Frizzi, Memorie per la Storia di Ferrara T. II, p. 95 (da- 
selbst 1791—1809. 5 TT. 4). 

2 ) La Signoria di Firenze crebbe in riputazione e grandezza dopo che fece (ums J. 
1106) intendere ai contadini: che per liberarli dalle brutali estorsioni di sanguinarj 
sgherri, e di orgogliosi feudatarj, aveva determinato di riceverli sotto la suu tutela e 

protezione Mentre i popoli della campagna accorrevano da ogni parte sotto 

l'egidia della legge, la Signoria di Firenze fabbricava loro nuove Terre regolari e munite 
di mura torrite, perche serrissero di asilo ai refugiati. Iquali con la mercö dei privilegj 
ed esenzioni potentemente alla sua causa affiliava. Repetti, üizionario geograf. fisico 
storico della Toscana T. II, p. 154 (zuzüglich der Supplemente, der lntroduz. und des Ap- 
pendice 6 Bde. Lex. 8. Firenze 1833—1846). 

3 ) Urk. Kaiser Friedrichs I y. J. 1167: Muratori, Antiquitates ltalicae med. aevi T. I, 
p. 318: Omnes quoque homines districtabiles Maichionis Henrici et Ugolini, qui ad Civi- 
tates confugerunt, ne dominis suis servire cogerentur,ä Civitatibus exire et ad propria do- 
micilia ad serviendum dominis suis redire jubemus, alioquin personas et res eorum in 
banno nostro ponimus; et liberam facultatem dominis eorum dannis, ut bona, quae 
d manu eorum habent, eis auferant, vel super personas et res eorum, quamcumque 
voluerint, vindictam exerceant. 



190 

Beichshäuptern und den mächtigen Bürgerschaften der Kampf von Neuem 
entbrannt war, wurden die Befehle jener von diesen selbstverständlich 
verlacht. Und nicht viel wirksamer erwies sich ein anderes, näher lie- 
gendes Auskunftsmittel, die entflohenen Bauern nämlich durch Gonfisca- 
tion ihrer zurückgelassenen Habe zur Umkehr zu zwingen. Denn diese 
konnten, selbst wenn sie, was übrigens nur selten sich ereignete, mit 
ganz leeren Händen kamen, in den vielen durch Handel, Gewerb- und 
Kunstfleiss, trotz ihrer fast unaufhörlichen äusseren und inneren Kämpfe, 
immer volkreicher und blühender werdenden 1 ) Städten als Handwerker 
und dergl. ohne sonderliche Mühe ihren Lebensunterhalt gewinnen, und 
wenn ihnen das nicht glückte, als Söldner in den Heeren dieser jungen 
Republiken. Die hatten nämlich, um Blut und Arbeitskraft ihrer Bürger 
zu schonen, von der römischen und altgermanischen Anschauung, welche 
die Unfreien des Rechtes und der Ehre der Waffenführung unwürdig 
hielt 2 ), sich schon in den ersten Zeiten ihrer Entstehung emancipirt, 
und kein Bedenken getragen, nicht nur die Landleute des eigenen Ge- 
bietes zur Vertheidigung desselben zu bewaffnen, sondern auch die zu 
ihnen entflohenen fremden Leibeigenen und Hörigen als Miethtruppen, 
deren Gebrauch zumal seit dem Beginne des dreizehnten Jahrhunderts 
immer allgemeiner wurde 3 ), in ihren Dienst und Sold zu nehmen. Such- 



*) Die Ursachen dieser, auf den ersten Anblick befremdenden, Erscheinung entwi- 
ckelt klar und bündig Rovelli , Storia di Como T. 11, Dissertaz. Prelimin. p. COXXI (Mi- 
lane- 1789 — 1808 5 TT. 4.): La ragione di ciö si e, che i frutti della industria ognora 
crescente compensarono soprabbondantemente i danni della guerra, la quäle faceudosi 
allora a corti intervalli, indi ancora col braccio di stipendiati stranieri, et rare volte 
con grandi armate, distoglieva pochi, e per breve tempo, equasi mai i contadini dagli 
utili lavori, e per lo piü non costava molto sangue. Frattanto l'incremento continuo 
delle arti, delle manifatture, e del commercio moltiplicaya le ricchezze, e per esse le co- 
moditä, e le delizie della vita, il cui piacevole seutimento congiunto con quelle- non men 
yivo, e si lusinghiero, quantunque sovente illusorio della libertä, faceva dimeuticar i mali 
spesso riuascenti delle domestiche turbolenze, e nutrendo il desiderio di perpetuare ne figli 
la propria esistenza auraentava la prole ad onta degli ostacoli interposti daü' abuso della 
libertä medesima. 

2 ) Die Römer freilich auch aus Vorsicht. Muratori, Antiquit. Ital. T. I, p. 796: Sub 
Romanis ab honore Militiae exclusi f'iere Send, tum quod vilissimi hominum forent, tum 
etiam, ne ad arma instrueti, seditiones postea concitarent, atque in Dominos et in ipsam 
Rempublicam tela conyerterent. Semel coacti Romani, dum eorum jugulis Annibal insta- 
ret, adsciscere in praesidium Servos eos antea Libertate donarunt. Ne sub Langobardis 
quidem et Francis secus res stetit. Verum Saeculo XII sub tot Liberis Urbibus, et inter 
se digladiantibus, frequeutes erant, immo quotidianae, cogendae Militiae caussae: nimium 
Tero roboris Populo detractum fuisset, si Servos armare atque in subsidium adhibere mi- 
niuie lieuisset. 

3) Rovelli a. a. 0. T. 11, Dissertaz. Prel. p. CLXXIII. 



191 



ten doch die Städte vornehmlich durch die Menge dieser in ihren so 
häufigen Kämpfen sich gegenseitig zu erdrücken! 

Sie haben hierdurch frühzeitig schon Anlass zum Entstehen jener 
eigenthümlichen Gattung von Halb- oder Mittelfreien gegeben, die in 
der Sprache jener Tage Masnaderii 1 ) (oder homines de Masnada) 
hiessen, deren Verhältniss mit dem 2 ) der deutschen Ministerialen 
sehr viel Aehnlichkeit, wenn schon meist einen umgekehrten Ursprung 
hatte. Die Masnaderii sind nämlich Hörige gewesen, die von ihren Herren, 
um sie vor der Entweichung in die Städte abzuhalten und in Nachah- 
mung des angedeuteten Vorganges derselben, zu einer Art Miliz oder 
kriegerischen Gefolgschaft zu Fuss erhoben und vereinigt wurden, und, 
statt des von den Bürgergemeinden erhaltenen Soldes, für die ausbedun- 
genen Waffendienste bald mehr bald minder ansehnlicheu Grundbesitz 
zu Lehn, nebst dem, in jener Zeit so werthvollen und den Hörigen 
sonst so entschieden vorenthaltenen, Rechte empfingen, auch von An- 
deren Lehngüter erwerben zu dürfen, selbstverständlich mit Genehmi- 
gung ihrer ursprünglichen Seigneurs. Obwol ihnen die volle Freiheit 
fehlte, die sie erst mittelst einer besonderen Freilassungsurkunde erlan- 
gen konnten, sind die Masnaderii, da sie im zwölften und dreizehnten 
Jahrhundert einen sehr beträchtlichen Theil der Streitmacht wie der 
weltlichen so auch der geistlichen Grossen und Grundherren Wälschlands 
bildeten, zu solc!?' bedeutendem Ansehen gelangt, dass sie den ursprüng- 
lich adeligen Vasallen derselben an Geltung gar oft nur wenig nach- 
standen 3 ). 

Wenn dieser von den zahlreichen und mächtigen Republiken der 
Halbinsel auf deren Adel und Klerus geübte starke Druck die Stände 
aber auch nicht zu solch' belangreichen Einräumungen an ihre Leibeige- 
nen veranlasste, um dadurch dem gefürchteten Entweichen derselben am 
wirksamsten vorzubeugen, so machte er sie doch immer sehr geneigt, 
diesen die Freiheit um billigen Preis zu verkaufen, unter ganz leidlichen 



1 ) Quingentos Masnaderios et alios homines de terra mea. TJrk. v. J. 1179 bei Ru- 
mohr. Ursprung der Besitzlosigkeit des Colonen im neuern Toscana S. 48 (Hamburg 
4830). 

2 ) Welches Mohl, Gesch. u. Literatur d. Staatswissenschaften Bd. II, S. 3dl «das ei- 
genthümliche Verhältniss, welches emporgehobene Unfreie, sich fügende Gemeinfreie und 
niedersteigende Edelinge in sich vereinigte» kurz und treffend nennt. 

3 ) Bonelli, Notizie istor.-crit. intorn. al Adelpreto Vesco^o di Trento T. I, p. 24 4 
(daselbst 1760. 3 TT. 4.) Muratori a. a. 0. T. 1, 807 sq. (Carli), Istoria di Verona T. 111, 
p. 54 (daselbst 4796. 7 Bde.). Verci, Storia degli Ecelini T. 11, p. 39 sq. (Bassano 1779 
3 Bde.), wo namentlich der p. 42 erzählte Aufstand der Masnaderii zu Bassano im J, 
1229 über deren Stellung und Bedeutung gute Aufschlüsse gibt. 



192 



Bedingungen ihr bisheriges Abhängigkeils- in ein Pachtverhältniss um- 
zuwandeln '). Aber auch wenn das nicht geschah, bereitete der beregte 
Druck jenen bevorrechteten ^lassen doch immer die gebieterische Not- 
wendigkeit einer bei weitem menschlichern Behandlung ihrer Grundhol- 
den. Die Lage derselben ist daher in ganz Ober- und Mittel-Italien etwa 
von den ersten Decennien des zwölften bis gegen die Mitte des vierzehn- 
ten Jahrhunderts der oben geschilderten des spanischen Landvolkes zu die- 
ser Zeit sehr nahe gekommen, wie schon aus der Thatsache erhellt, dass 
es damals unter den Landleuten so viele Grundeigentümer gab. 
Von den gehässigsten und drückendsten guts- und feudalherrlichen Ge- 
rechtsamen, welchen die Bauern damals in Frankreich und anderwärts 
unterworfen waren, wie z. B. von dem berüchtigten Rechte der ersten 
Nacht 2 ), von dem französischen Droit de Prise 3 ) u. s. w. findet sich 
nirgends die geringste Spur; Klagen über den anderwärts so schnöden 
Missbrauch des Jagdrechtes wurden hier nur höchst selten vernommen, 
wol aber war den Landleuten selbst sehr oft, gegen eine nicht erhebliche 
Abgabe, die Jagd gestattet; die Frohnden und anderen Leistungen des 
Landmannes waren im Ganzen nur massig 4 ); kurz, die Verhältnisse des- 
selben, wie sie sich faktisch gestalteten, zeigten bloss einen Schatten 
seiner alten Knechtschaft 5 ). 

Aber diese wohlthätige Rückwirkung der italischen Freistaaten auf 
das Geschick desjenigen Theiles des Bauernstandes, der in den Lände- 



J ) Mehrere Beispiele bei Rumohr, Ursprung der Besitzlosigkeit SS. 66. 71 — 82. 

2 ) Die von der Geltendmachung dieser abscheulichen Gerechtsame uns, so viel ich fin- 
den kann, überkommene einzige sichere Nachricht ist nämlich weder aus Ober- noch aus 
Mittel-Italien, sondern aus dem angränzenden Wälsch-Tirol. Im J. 1166 schlössen 
Persen und noch einige andere Landgemeinden des Euganerthales mit der Republik Vi- 
cenza ein Schutz- und Trutzbündniss zu dem Behufe ab, mit Hülfe derselben sich ihres 
gräulichen Tyranneu Gundebalds yon Persen zu entledigen. Sie gelobten um diesen 
Preis sich fortan der Herrschaft Vicenzas zu unterwerfen, wogegen letzteres unter ande- 
ren versprach, die you Gundebald und seinen Vorfahren ihnen aufgebürdeten Frohnden 
und Lasten, und besonders den Genuss ihrer Bräute in der ersten Nacht 
(et fruictiones prime noctis de sponsabus) abzuschaffen, besage der bei Bonelli a. a. 0. 
T. II, p. 434 abgedruckten Urkunde. 

3 ) Vergl. oben S. 98. 

4 ) Wie mau zumal aus den in Rumohrs erwähnter kleiner inhaltreicher Schrift: Ur- 
sprung der Besitzlosigkeit des Colonen, abgedruckten Urkunden, und ganz besonders aus 
dem, tiefe Blicke in die Verhältnisse der ländlichen Bevölkerung gewährenden, S. 31 f. 
mitgelheilten uudatirten, aber nach allen diplomatischen Kennzeichen in das Ende des 
zwölften oder den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts gehörenden umfänglichen Zeu- 
genverhör entnimmt. Vergl. noch Leo, Gesch. d. italien. Staaten Bd. I, S. 86. 

5 ) Ma, se tutto ben si esamina, vedrassi chiaro ormai non sussistere piü che un' 
ombradeir antica servitü, la quäle föni quasi lolalmente in questa epoca (XII Jahr- 
hundert). Rovelli, Storia di Como, T. II, Dissertaz. Preliminar. p. CXLI. 



tos 

reien seiner alten Grundherren verblieb oder in die Städte selbst flüch- 
tete, — wie massenhaft letzteres geschehen, erhellt schon aus den in 
allen so oft nöthig gewordenen Erweiterungen der Stadtmauern '), — ist 
fast aufgewogen worden durch die schlimmen Folgen, welche die Um- 
wandlung so sehr vieler Grundholden des Adels und der Geistlichkeit 
in Unterthanen der Bürgerschaften für jene mit sich führte. Der ge- 
waltige und gewaltthätige Expansionstrieb, den Walschlands Republiken 
so sehr bald entwickelten, hat bekanntlich zumeist auf Kosten des Adels 
und Klerus, und zumal der minder mächtigen Glieder dieser Stände, 
seine Befriedigung erstrebt. Ein sehr beträchtlicher Theil der Besitzun- 
gen derselben ist von den Bürgerschaften erobert, in ihr Eigenthum ver- 
wandelt worden, und es würde zweifelsohne mit einem noch weit grös- 
sern Theile jener geschehen sein, wenn die arg in die Enge getriebenen 
adeligen und geistlichen Herren nicht schon so frühzeitig des klugen 
Auskunftsmittels sich bedient hätten, dem weitern Umsichgreifen der 
jugendlich kecken Freistaaten dadurch ein Ziel zu setzen, dass sie selbst 
Bürger derselben geworden sind. 

Für den Stolz jener freilich ein schweres Opfer; denn abgesehen 
davon, dass sie damit der bisherigen Selbstständigkeit entsagten, gewähr- 
ten die Städte die Aufnahme in ihr Bürgerrecht nicht eben um geringen 
Preis. So mussten die angesehensten Kirchenfürsten, wie z. B. der 
Patriarch Berthold von Aquileja 2 ) und der Doppelbischof Algerius von 
Feltre und Belluno 3 ), um die Aufnahme in das Bürgerrecht des mäch- 



: ) Sismondi, Hist. des Republiques ltalieunes du moyen äge T. II, p. 430 (Paris 1826. 
46 vols.). 

2 ) Rolandin. Patavin. de fact. in March. Tams. 1. II c. 4 ad a. 4220: Muratori, 
Scriptor. Rer. Ital. T. Vlll, p. 483: Habebant Tarvisiui tunc leinporis litem quandam cum 
Domino Bertado Patriarcha Aquilejensi, occasione quarumdam terrarum in confinio utriüs- 
que districtus. Cum foreiit igitur Tamsini amicati cum Veuelis, et D. "Patriarcha est ami- 
catus cum Paduanis, et factus est Paduanus civis : et in cittadautiae firmitatem et Signum 
fecit de sua camera quaedam in Padua aedificari palatia magna et pulchra Takle ; et volttit, 
et se poni fecit cum aliis civibus Paduae in coltam, sive datiam. Tunc quoque incepit 
mittere, et adhuc mittit hodie omni anno de suis melioribus militibus XII qui jurantin prin- 
cipio Potestariae cujuslibet praecepta et sequeutia Potestatis pro Domino Patriarcha et suis. 

3 ) Urk. v. J. 4260 bei Verci, Storia della Marca Triiigiana e Veronese (Venezia 
4786 — 94. 20 TT.) T. II, Docum. p. 30: Quod ipse D. Episcopus et successores sui 
sint Ciyes Padue et hubitatores, et jurent cittadinantiam Padue, ut D. Patriarcha con- 
sueyit jurare, et quod ipse D. Episcopus intra muros civitatis Padue unum Palacium edifi- 
care debeat usque ad proximum festum S. Andree, quod constet mille et quiuquaginta li- 
bras, computato in Ulis mille et quiuquaginta precio terre precio et domorum, que 
emerentur arbitrio duorum bonorum virorum, per Potestatem Padue eligendorum, ubi pa- 
latium edificaretur. Item in Paduano districtu emere teneatur tot alias possessiones immo- 
biles usque ad aunum unum, que constent libras mille, palatium vero et possessiones 
nuuquam possint vendi in toto vel in parte, nee aliquo modo alienari yel obligari. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 43 



194 

tigen Padua zu erlangen, den Gesetzen dieser Stadt Gehorsam schwö- 
ren, sich verpflichten ein stattliches Haus innerhalb ihrer Mauern zu er- 
bauen und noch sonstigen belangreichen Grundbesitz zu erwerben (der, 
als Gewährschaft ihrer Treue, so lange sie Paduas Bürger blieben, nicht 
veräussert werden durfte), alle Lasten und Leistungen der anderen Bür- 
ger zu tragen; der genannte Doppelbischof hatte eine gar unverhältniss- 
mässig hohe Vermögenssteuer zu entrichten 1 ), der Republik in allen ih- 
ren Fehden sehr bedeutenden kriegerischen Zuzug zu leisten und die 
Verwaltung der Städte Feltre und Belluno von ihr ernannten Beamten 
zu überlassen. Seinem Amtsbruder Albert von Ceneda wurde die Auf- 
nahme in das Bürgerrecht der beziehungsweise ganz unbedeutenden Stadt 
Gonegliano unter anderen nur unter der Bedingung bewilligt, seine 
sä mm fliehen Besitzungen und Unterthanen der städtischen Gerichts- 
barkeit und allen städtischen Lasten zu unterwerfen 2 ); ausserdem musste 
er sich auch anheischig machen, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mit- 
teln die Verlegung seines Bischofsitzes Ceneda nach Conegliano vom 
Pabste zu ermühen 3 ). Ebenso musste Markgraf Manfred von Saluzzo, 
einer der mächtigsten Landherren Ober -Italiens, die Aufnahme in das 
Bürgerrecht Turins nicht nur mit Uebernahme der gewöhnlichen Ver- 
pflichtung erkaufen, in der Stadt ein Haus von einem vorgeschriebenen 
bestimmten Werthe zu erwerben, in demselben einen Theil des Jahres 
zu wohnen, es in keiner Weise zu veräussern und die gesetzliche Steuer 
davon zu entrichten, sondern er musste sich sogar auch verpflichten, von 
seinem Kriegs- und Fehderechte gegen andere Fürsten und Edelherren 
nur den ihm von den Vätern der Stadt erlaubten Gebrauch zu machen 4 ). 
Darnach wird sich leicht ermessen lassen , wie drückend oft die Bedin- 



1 ) D. Episcopus debeat solvere dacia comunis Padue pro sepluaginta millibus libris, 
quaudo alii Cives solyerint Commimi Padue. 

2 ) Urk. v. J. 1233 bei Verci a. a. 0. T. I, Docum. p. 90: Insuper jam dictus D. Epis- 
copus constituit se per se, et suos successores Civem et Consortem Coneglani, et omnes 
hoffiiues sui Episcopatus, qui sunt de districtu Cenete, et omnes terras alias Episcopatus 
Cenet., et possessiones, villas, castra et loca, et homiues ipsarum terrarum, villarum et 
possessionum — jurisdictioni Comunis Coneglani subposuit, et submisit. Ita quod ho- 
mines predietarum terrarum villarum et possessionum — faciant, et facere teneantur Comuni 
Coneglani Ostern, iter, Cayalcatam, publicum et dathiam, et coltam, et omnia alia onera. 

3 ) Ughelli, Italia Sacra T. V, p. 187 (Edit. Coleti. Venet. 1717. 10 yoII. Fol). 

4 ) Urk. t. J. 1222 in den (von Cibario, Promis u. A. herausg.) Monument. Histor. 
Patriae, edit. jussu Regis Carol. Alberti (August. Taurin. 1836—56. 7 Bde. Fol.) T. II, 
p. 515: Manfredus Marchiode Salutiis, cum consensu et voluntate D. Alixiae a^ie sue — 
juraiit ad saneta Dei evangelia perpetuale habitaculum civitatis Thaurini, ita quod semper 
erit civis et habitator Thaurini , ita quod non movebit vel faciet guerram contra comitem 
Mäiuianensem, nee contra aliquem nominem vel locum sine consensu — potestatis vel 
consulum. Item quod emet intra muros civitatis Thaurini domum unam vel domos pretio 



195 * 

gimgen gewesen sein mögen, unter welchen den Klöstern und dem klei- 
nern Adel die Aufnahme in das Bürgerrecht besonders der mächtigeren 
Städte gewährt worden. Und dennoch war der Andrang derselben so 
gross, dass z. B. im J. 1200 über sechzig zum Theil mächtige und reiche 
Landherren, darunter auch der Graf von Görz, gezählt wurden, die nur 
in der einzigen Stadt Treviso das Bürgerrecht erworben hatten 1 ). Frei- 
lich gewährte dieses, neben der Sicherheit, dass entflohene oder wider- 
spenstige Hörige solcher in den Städten verbürgerten Grund herren in das 
Bürgerrecht oder den Schirm jener nicht aufgenommen wurden 2 ), wie 
überhaupt Ruhe vor weiteren Anfechtungen der mächtigen Republiken, 
auch den nicht gering anzuschlagenden Ansprach auf nachdrücklichen 
Schutz derselben gegen alle Feinde. 

Den von den Republiken erkauften, eroberten, in der ange- 
deuteten Weise oder auf dem Wege des Vertrages unter ihre 
Botmässigkeit gebrachten kleineren Ort- und Bauernschaften wurde 
zwar in der Regel eine ziemlich freisinnige Verwaltung durch selbst- 
gewählte- oder von den seitherigen Grundherren , fast immer unter 
ihrer , bald grösseren , bald geringeren Mitwirkung , ernannte Beamten 
gewährt. Auch waren ihre Abgaben, wenn schon ansehnlich höher als 
die der Stadtbürger, doch nicht eben drückend; am lästigsten fiel den 
Bauern wol die ihnen gewöhnlich, zumal von Mailand 3 ), auferlegte Ver- 
pflichtung, ihr Getreide nur in der regierenden Stadt zu verkaufen. Aber 
nur zu bald ergaben sich der Anlässe gar viele zu einer strengern Be- 
-handlung 4 ). Waren die Lasten, welche die italischen Freistaaten den 
Landleuten wie ihren übrigen Unterthanen oder Schutzverwandten auf- 
erlegten, mit den in anderen Theilen der Christenheit damals üblichen 
verglichen, im Ganzen auch nur sehr massig, so zwangen sie doch ihre 
unaufhörlichen Kriege nicht selten zu bedeutender Anstrengung der Steuer- 



librarum centum bonorum veterum ad cousilium potestatis, de quibus libris cenlum sokat 
taleam semper et impositionem, quaudo alii de civitate solvent et quotiens sohent — nee 
illam domum possit vendere, obligare Tel ullo tempore alienare. 

1 ) Bonifaccio, Istoria di Trivigi p. 153 (Veneria 1744. 4.), der unter anderen auch 
die Bedingungen der Bürgeraufnahme des Grafen ron Görz (22. Febr. 1200) mittheilt. 
Dieser versprach der Stadt di dare ogni possibile ajuto in tutte le guerre, che oecorressero 
ä Trivigiani, oltre la Lirenza: ed a quelle di qua da questo fiume di venire egliin persona 
con cinquanta Uomini d'arme, e di stare (essendo richiesto) a tempo di guerra un mese 
deH'anno in Trivigi, e di tenere i suoi Castelli aperti ad ogni piacere della Comunitä. 

2 ) Rumohr a. a. 0. S. 89 f. 

3 ) Giulini, Memorie spettanti alla Storia etc. della Cittä e della Campagna di Milano 
T.VI1, p. 391 (daselbst 1760, zuzüglich der 3 Bde. Continuazione bis 1447,, 12 Bde. 4). 

4 ) Das Folgende, wenn nicht auf andere Quellen verwiesen wird, ganz nach Leo, 
Gesch. der italienisch. Staaten Bd. IT, S. 117 f. 

* 



196 

kraft jener. Das führte zur Unzufriedenheit und zu Aufständen, die ge- 
wöhnlich den Verlust der bisherigen liberalen Verfassung zur Folge hat- 
ten. Gleiche Strafe traf diejenigen Ortschaften und Landgemeinden, die 
vom wilden Parteigetriebe jener Tage , was nicht eben selten vorkam, 
sich hatten verleiten lassen, Verbindungen anzuknüpfen mit den Feinden 
der regierenden Stadt, oder solcher sich nur verdächtig gemacht, die es 
überhaupt versucht hatten , das etwa nur gezwungen oder übereilt ge- 
knüpfte Abhängigkeits-Verhältniss wieder zu lösen, oder mit einem an- 
dern zu vertauschen. Vollzogen wurde die Strafe mittelst Ersetzung 
des bislang selbstgewählten Gonsuln 1 ) oder sonstigen Gemeinde- 
beamten durch einen von der regierenden Stadt ernannten und zu- 
gesandten Podesta oder sonstigen Ortsvorsteher. Nachdem das ein- 
mal mit einer ziemlichen Anzahl kleinerer Städte und Landgemeinden 
geschehen war, lag die Versuchung nahe, es, bald unter diesem, bald 
unter jenem Vorwande, mit immer mehreren zu thun, weil eben die Er- 
fahrung , dass es leichter sei , mit der Willkühr faktisch preisgegebenen 
Unterthanen umzugehen , als mit von Rechtsschranken umgebenen , oder 
mit Schutzverwandten, auf die Magistrate der herrschenden Republiken 
nicht minder verführerisch wirkte , als auf die fürstlichen und adeligen 
Gewalthaber. 

In jene Lage sahen die Landgemeinden wie überhaupt die Bewoh- 
ner aller kleineren Ortschaften sich aber versetzt, sobald sie von einem 
solchen ihnen zugeschickten Podesta regiert wurden. Denn da die- 
ser nur der dominirenden grössern Stadt verantwortlich und zugleich 
durch sie in seiner Amtsgewalt geschützt war, waltete er in dem klei- 
nern Ort, ohne sich viel um die Interessen seiner Einwohner zu küm- 
mern , meist lediglich nach den Eingebungen seines persönlichen Vor- 
theils oder seiner Laune. Wesentlich erleichtert wurde ihm das durch 
den Umstand, dass die herrschenden Bürgerschaften, während sie für 
sich selbst fremdgeborene Podestaten herbeiriefen und sie auf das 
Vorsichtigste beschränkten, die Stellen der Gewaltboten in den unter- 
tänigen Orten an die eigenen Bürger vertheilten, die dann mit Hülfe 
ihrer Verwandten, Freunde und Gönner in der Stadt eine Art fürstlicher 
Rolle spielten, so lange ihre Gewalt dauerte. Da gar viele dieser Pode- 
staten dem Handels- und Gewerbstande angehörten , wurde nur zu bald 
der Handels- und Speculationsgeist auch der einzige Regulator ihres Be- 



l ) Consuln blosser Dorfschaften kommen z. B. in den Gebieten von Mailand und 
Modena schon in den J. 1167 und 1179 urkundlich yoi\ Muratori, Antiquit. Ital. T. 
IV, pp. 39. 43. 



197 

nehmens. Sie bedrückten und bedrängten namentlich die kleinen bäuer- 
lichen Grundbesitzer in dem ihnen anbefohlenen Orte nach Möglichkeit, 
um sie zum Verkaufe ihrer Liegenschaften zu nöthigen. Diese brachten 
dann die Podestaten, ihre Verwandten und Freunde, nicht selten um ein 
Spottgeld , an sich , machten das erworbene Land zum Gegenstand der 
Speculation, indem sie es nicht mehr, wie bislang meist geschehen, 
wieder an kleine Eigenthümer verkauften , auf Erbpacht oder gegen 
Dienste höriger Leute austhaten, sondern um einen recht hohen Ertrag 
zu erzielen, Zeitpächtern überliessen, die jedes Jahr oder nach ei- 
nigen Jahren entfernt werden konnten, und um dies zu verhüten, sich 
(wie nachmals in Irland) ungemein hohe Ertragsquoten als Pachtgeld 
abpressen lassen mussten. Der Vorgang jener, der schöne Gewinn, den 
sie davon trugen, weckte gar bald die Nachahmung auch ihrer anderen 
Mitbürger in der regierenden Stadt; es dauerte nicht lange, und wir se- 
hen überall Schlächter, Kleinhändler ') und dergleichen Leute als eifrige, 
besonders die kleinen bäuerlichen Eigenthümer auskaufende , Landspe- 
culanten auftreten. Die reicheren Grundbesitzer der von Podestaten re- 
gierten kleineren Ortschaften suchten der Willkühr jener, ihrer unbehag- 
lichen Stellung dadurch zu entrinnen , dass sie Bürger der herrschenden 
Stadt wurden. Dem standen in der Regel keine besonderen Schwierig- 
keiten entgegen, da man nur den Umzug der Wenigbemittelten und zu- 
mal der eigentlichen Bauern , um der Entvölkerung des platten Landes 
vorzubeugen, thunlichst wehrte und erschwerte 2 ). Wenn die neuen Stadt- 
bürger, was sehr oft geschah, ihren ererbten Grundbesitz nicht ebenfalls 
verkauften, so bewirtschafteten sie ihn doch von ihrem jetzt entfernten 
Wohnorte aus, um des höhern Ertrages willen, in gleicher Weise wie 
die fraglichen Güterspeculanten durch Zeitpächter. 

Nicht wenig gefördert wurde die verhängnissvolle Umwandlung des 
italienischen Landvolkes in solche durch die gutgemeinten, aber verfehl- 
ten Gesetze, vieler besonders der mächtigeren Republiken zur Hebung 
und Beförderung des Ackerbaues. Da diese nämlich bald die Erfah- 



1 ) — vcudo tibi beraardo boiiigario campum oaeum .... Feudo tibi Johaimi accolti 
camifici omnes terras. Urkk. v. 1216 und 1234 bei Rumohr S. 114. 

2 ) So wurde z. B. im J. 1211 iu Mailand das Gesetz erlassen: che chiunque de' 
Borghesi, e Contadini potesse venire ad abitare iu Milano, e cosi eseutarsi da qualunque 
carico rurale , egodere di tutti i prhilegi de' Gittadini, colle seguenli eondizioni; prima 
cfi cgli non lavorasse colle proprio mani alcun terreno, ne lo desse da lavorare a 
nissuno de' suoi piu stretti Parenti, per deludere lo Statuto; iu secondo luogo, ch' egli 
con ia sua Famiglia dovesse abitare sempre in Cittä (was nur die Wohlhabenden konn- 
ten), toltone il tempo de' raceoiti (zur Ueberwachung der Pächter) per sei settimane 
Giulini a. a, 0. T. VII, p. 272. 



198 

rung gemacht halten, dass die gar zu grosse Zersplitterung zumal der 
kleinen Bauerngüter durch Erbschaftstheilungen f ) u. s. w. der Bodenkultur 
besonders dann sehr hinderlich war , wenn ein Landmann , dem schon 
ein ansehnlicher Grundbesitz gehörte , noch mehrere kleine von diesem 
weit entfernte Landparzellen hinzu erwarb oder erbte 2 ), suchten sie das 
Zusammenlegen aller zu sehr vereinzelten und zerstreuten Immobilien 
ihres Gebietes durch Tausch und Verkauf auf dem Wege des Gesetzes 
zu erzwingen. Am frühesten ist das, so weit sich ermitteln lässt, in 
Parma geschehen, wo bereits im J. 1199 eine Behörde, die sogenann- 
ten Ingrossatori , errichtet Avurde , die dahin zu wirken hatte , dass alle 
Besitzer der im Stadtgebiet zerstreut liegenden kleinen Grundstücke diese 
so lange verkauften, oder hin- und hertauschten, bis aus denselben lauter 
grössere, arrondirte Güter entstanden waren 3 ). Bald darauf begegnen 
wir einer gleichen Einrichtung in Cremona 4 ) (1210), Modena 5 ) (1225) 
und mehreren anderen Städten. 

Wie gutgemeint sie nun auch immer sein mochte, so verderblich ist 
sie doch durch ihr verhängnissvolles Zusammentreffen mit den erwähn- 
ten Bestrebungen und Nachstellungen der städtischen Gewaltboten in den 
unterthanigen Orten den kleinen Grundbesitzern derselben geworden, da 
sie jenen eine gar erwünschte Handhabe bot, diese, und noch dazu im 
Heiligengewand gemeinnütziger Aufopferung , auszukaufen und zu ver- 
drängen. Sie hat dadurch zum Verschwinden der kleineren , besonders 
der bäuerlichen Landeigenthümer in ganz Ober- und Mittel - Italien sehr 
wesentlich beigetragen, es gutentheils verschuldet, dass sich die Bewoh- 



1 ) Muratori, Antiquit. Ital. T. II, p. 338: Saepe etiam diridebatur hereditas, ita ut 
quisque suam portionem bonorum a reliquis segregatam possideret. Atque inter alias cau- 
sas, quod agri in miuutas paiticulas dividerentur, haec etiam, et quidem praecipua, nume- 

■randa videtur. Nam ubi imum praedium parüri inter heredes opus erat; plures ex eo par- 
tes fiebant; ac dein de hae ipsae partes in nepotes divisae in particulas evadebant, ita ut 
patrimonia in fragmenta innumera tamdem declinarint. In grave Reipublicae incommodum 
vergebat tanta agrorum concisio, quippe tot disjuncta loca colere, aut rite excolere difficil- 
lim um erat. 

2 ) Affö, Storia della Cittä di Parma (fortgesetzt von Pezzana, daselbst 1792—1859, 
9 Bde. 4.) T. III, p. 33: — Tidero quäl detrimento fosse al pubblico bene, che tutti 
quasi i possessori di terreni parte in un luogo ne avessero, parte in un altro; dalla quäle 
segregazione aweniva, che negligentata una gran quantitä di piccioli poderetti, su cui 
mantenere agevolmente non si potevanö famiglie di abüi agricoltori, e amta cura unica- 
meute delle piü ampie tenute, grossa porzion del Contado (des Stadtgebiets), in picciole 
parti dispersa, o sterile si giaceva del tutto, o per non essere ben lavorata mal corrispon- 
deva ai bisogni della crescente popolazione. 

3 ) Affö a. a. 0. T. III, p. 33. 

4 ) Muratori, Scriptor. Rer. Ital. T. VII, p. 646. 

5) Muratori, Antiquit. T. II, p. 339. 



199 

ner dieser Gegenden nur zu bald «in Herren und Lumpen schieden, in 
den kleineren Ortschaften grösstenteils eine Lumpenbevölkerung blieb, 
die nur um so ungescheuter von dem eingesetzten Podestä mit Füssen 
getreten werden konnte» '). 

Das schlimmste für Hesperiens Bauernstand war aber, dass diese iu 
den Gebieten der lombardischen Republiken beliebte , immer mehr in 
Schwang kommende Verdrängung der kleinen Grundeigenthümer und 
Erbpächter durch Zeitpäcbter auch im übrigen Ober- und Mittel - Ita- 
lien nur zu bald Nachahmung fand, da der ansehnlich höhere Ertrag, so 
wie die Leichtigkeit und Einfachheit der Bewirtschaftung auch die an- 
deren Gutsherren zu dieser Umwandlung verlockten. Gegen Ausgang 
des dreizehnten Jahrhunderts war sie in den genannten Theilen der Halb- 
insel nahezu vollendet; nur in den Besitzungen des Klerus fanden sich 
noch öfters Ausnahmen, indem, wie die Hörigkeit der Bauern, so auch 
ihre Eigenschaft als Erbpächter hier 2 ) noch länger fortdauerten; die Erb- 
pächter sind hier auch nicht völlig verdrängt, Avenn schon zu einer kaum 
nennenswerthen Minderheit herabgedrückt worden. Im Laufe des vier- 
zehnten Jahrhunderts fand diese Revolution der bäuerlichen Verhältnisse 
dann um so leichter den Weg auch nach dem südlichen Italien, da neben 
anderen, im Folgenden zu erwähnenden Gründen, die ganz Wälschland 
gemeinsame Erinnerung an den römischen Colonat, auch hier wie 
dort der fraglichen Umwandlung sehr förderlich geworden ist. Denn 
diese stellte im Grunde die Verhältnisse des Landvolkes auf der Halb- 
insel im Wesentlichen wieder so her, wie sie unter der Herrschaft der 
römischen Imperatoren, vor der Eroberung jener durch germanische 
Stämme gewesen. 

Nur mit dem einen Unterschiede, dass die Zeitpächter des drei- 
zehnten und vierzehnten Jahrhunderts vor dem römischen Colonen den 
Vortheil grösserer persönlicher Freiheit voraus hatten 3 ), der indessen 
bei näherer Betrachtung sich als nicht so bedeutend darstellt, wie er auf 
den ersten Anblick erscheint. Waren die Zeitpächter nämlich auch per- 
sönlich freie Menschen, die das Stück Land, welches sie bebaueten, 
nach Ablauf ihres Contractes eben so wol verlassen (was der römische 
Colone nicht durfte), wie von dem Eigenthümer desselben fortgejagt 
werden konnten , so waren sie doch durch die , aus Anlass der immer 



1 ) Wie sich Leo a. a. 0. II, 118 derb, aber treffend ausdrückt. 

2 ) Deu Grund nennt Fumagalli, Delle Antichitä Longobard.- Milan. T I , p. 349: 
— sapendosi che gli ecclesiastici sono i piü tenaci delle antiche pratiche. 

3 ) Leo 1, 45 50. 92. Guerard in der Revue des deux Mondes, 1839, Juillet p. 252 sq 



200 

allgemeiner werdenden Sitte der Zeitpacht, wachsende Schwierigkeit, 
anderwärts als Besitzer eines kleinen Grundstücks oder Erbpächter 
ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, und bei der durch den grossen An- 
drang der Bewerber erzeugten geringen Aussicht, an einem andern Orte 
einen vorteilhaftem Pachtvertrag zu erlangen , in der That von ihrem 
Grundherrn abhängiger als sie schienen. Das Verhältniss zwischen die- 
sem und jenen ward deshalb, zumal in den späteren Jahrhunderten, dem in 
Irland nachmals entstandenen mehr und mehr ähnlich 1 ), und die vorher zwi- 
schen dem dritten und zehnten Theile des Rohertrages wechselnde 2 ) Pacht- 
quote nach und nach ziemlich allgemein auf die volle Hälfte desselben, 
bei manchen Nebenlasten 3 ), gesteigert; darum durfte jener auch in Ab- 
wesenheit des Gutsherrn oder seines Bevollmächtigten nicht wegge- 
bracht werden 4 ). 

Indessen würde nichts irriger als die Meinung sein, den zu Zeit- 
pächtern herabgedrückten Landleuten sei diese persönliche Freiheit 
gleichsam zur Entschädigung dafür ausnahmsweise bewilligt worden. Das 
ist vielmehr nur deshalb geschehen, weil die Leibeigenschaft, die 
persönliche Hörigkeit in den Gebieten der italienischen Republiken 
frühzeitig schon theils abgeschafft, gesetzlich verboten, theils ob- 
solet wurde, und ihr Vorgang hierin, wie im Schlimmen so auch im Gu- 
ten, für die adeligen und geistlichen Seigneurs Ober- und Mittel -Italiens 
massgebend war , hier freiwillige , dort gezwungene Nachahmung zur 
Folge hatte. 

Ganz merkwürdig ist , dass sich nur von den wenigsten Freistaaten 
der Halbinsel mit Bestimmtheit nachweisen lässt, wann? dieser schöne 
Sieg der Menschlichkeit über Gewinn- und Herrschsucht in den einzelnen 
errungen worden, obgleich es keinem Zweifel unterliegt, dass derselbe 
gegen Ausgang des vierzehnten Jahrhunderts in allen erfolgt war 5 ). 



1 ) Wie man aus manchen, Abhülfe erstrebenden, Erlassen der einsichtigeren Regie- 
rungen entnimmt. So begegnen wir z. B. in einer bezüglichen Verfügung der Republik 
Venedig v. 3. Juni 1477 bitteren Klagen über das traurige Loos der Bauern ihres festlän- 
dischen Gebietes, la piü parte de' quali dormivano sulla nuda paglia, pasciuti di 
soli erbaggi e non dipane. Archrvio Storico Italiano, Nuo^a Serie, T. IV, P I (1856), p. \ 10. 

2 ) Poggi, Cenni storici delle Leggi sull' Agricoltura T. II, p. 127 sq. (Firenze 1845 
— 1848. 2 Thle ), der noch p. 128 ausdrücklich bemerkt: Non mi e aTTenuto di troTare 
carta o documento del medio — evo anteriore all' emancipazione dei comuni, in cui si 
riscontri stipulata la divisione per metä dei cereali tauto maggiori che minori. 

3) Rumohr a. a. 0. S. 131 f. 

4 ) Wie z. B. schon die Statuten Mailands v.J. 1216 hiusichtlich der Halbier (coloni 
partiarii) bestimmten. Raumer, Gesch. der Hohenstaufen Bd. V, S. 219 (d. zweiten Aufl.). 

e ) Muratori, Antiquität. Ital. T. I, p. 798, mit welcher die Leibeigenschaft des 



201 



Wesentlichen Autheil daran hatte die oben erwähnte massenhafte Ver- 
wendung der Bauern als Milizen oder Miethtruppen in den ewi- 
gen Kämpfen und Fehden der italienischen Republiken. Das grosse Be- 
diirfuiss waffengeübter Männer, welches aus Anlass dieser alle empfan- 
den, liess darum sehr bald den alten Gebrauch ausser Uebung kommen, 
die Kriegsgefangenen zu Leibeigenen zu machen. Da sie höhern Werth 
als diese besassen , wurden sie nur gut verwahrt , um später gegen die 
eigenen in Feindeshand gefallenen Soldaten ausgetauscht, den eigenen 
Truppen einverleibt, oder gegen ein für sie gerne gezahltes ansehnliches 
Lösegeld in Freiheit gesetzt zu werden'). Deshalb wurde auch in meh- 
reren Städten, wie z. B. im J. 1245 in Bologna, der Preis bestimmt, 
für welchen jeder Kriegsgefangene an die Republik abgeliefert wer- 
den musste 2 ). Ferner trug der Umstand, dass in den italienischen Frei- 
staaten das longo bardische Recht, welches verschiedene Verbrechen 



christlichen Landvolkes betreffende Angabe die Thatsache keineswegs im Widerspruche 
steht, dass Venedig noch in den ersten üecennien des fünfzehnten Jahrhunderts den Lom- 
barden jährlich für etwa 30,000 Dukaten Sklaven (hörnern schiavi , wie es in der Rede 
des Dogen Mocenigo v. J. 1423 heisst) verkaufte (Cappelletti, Storia della Repubbiica di 
Venezia T. V, p. 454 Daselbst 1850 — 4855. 12 Bde.). Obwol es nun leider! unläug- 
bare Thatsache ist, dass die Veuetiauer, gleich deu Genuesen und Pisaneru, noch bis um 
die Mitte des dreizehnten Jahrhuuderts ruchlosen Menschenhandel auch mit Christen 
trieben, diese sogar den Saracenen verkauften (wie man aus einer von Palacky, Literar. 
Reise nach Italien im J 1837. S. 30, Prag 1838. 4. auszüglieh mitgetheilten Bulle Pabst 
lnnocenz IV vom Jahre 1246 ersieht, in der es wörtlich heisst: Nonnulli mercatores Ja- 
nuenses, Pisani et Veneti de partibus Constantinopolis navigantes in regnum Hierosol., 
quamplures Graecos, Bulgaros, Ritthenns et Blacos christianos tarn mares quam feminas 
secum in navibus detulerunt, eosque venales quibuslibel etiam Sarracenis exponunt, 
ita quod multi de talibus detinentur a suis emptoribus tamquam servi), so waren doch die 
hier in Rede stehenden von ihnen Terkauften Sklaven des fünfzehnten Jahrhunderts keine 
Christen, sondern Türken, Neger und andere Ungläubige, welche die Veuetiauer in ihren 
häutigen Kriegen mit den Muselmännern gefangen genommen, oder bei ihrem ausgebrei- 
teten Verkehre mit allen Gegenden des Orients dort gekauft oder eingetauscht hatten. 
Dieser schmähliche Handel ist noch bis ins sechzehnte Jahrhundert auch bei den Genue- 
sen ebenfalls im Schwange gewesen, die bekanntlich an den Küsten des schwarzen Mee- 
res sehr bedeutende Niederlassungen hatten. Dass die fraglichen Sklaven de progenie 
Tartarorum oder sonstige Ungläubige waren, wird in deu betreffenden Verkaufsurkunden 
in der Regel ausdrücklich hervorgehoben. Cibrario, della Economia politica del medio 
evo p. 508 (Torino 1839) und im Museo scientifico, letterario , artistico, Torino 1840, p. 
118 mit interessanten Preisangaben aus den JJ. 1378—1391. Gennari, Annali della Cittä 
di Padova T. II, p. 211 (Bassano 1804. 3 TT. 4.). 

1 ) Fumagalli, Delle Antichitä Longobard.- Milan. T. I. p. 348. 

2 ) Muzzi, Annali della Cittä di Bologna dalla sua origine al 1796 (Daselbst 1840 — 
1846. 8 Bde.; von einem neunten Band, der diese. Jahrbücher bis auf unsere Tage her- 
abführen sollte, sind 1849 nur einige Bogen erschienen). T. I, p. 413. — fu decretato 
che i prigionieri di guerra spettassero in avvenire al Comune, riserbato a quelli che pre- 
sentasserli un premio di lire cento per ciascun cavaliere, e di cento soldi per lo pedone 



mit dem Verluste der persönlichen Freiheit bestrafte, nach und nach fast 
ganz ausser Uebung kam und durch die selbstgegebenen Statuten jener 
ersetzt wurde 1 ), die von einer solchen Busse in der Regel nichts wuss- 
ten, nicht unerheblich dazu bei, die gesetzliche Aufhebung der Leib- 
eigenschaft und Hörigkeit vorzubereiten und zu überbrücken 2 ). 

Am frühesten ist sie 3 ), so weit sich ermitteln lässt, in Bologna er- 
folgt, nämlich im J. 1256. Die wackeren Väter dieser Republik begnüg- 
ten sich nicht damit, die im sehr ausgedehnten Gebiete 4 ) derselben noch 
vorhandenen auf den Staatsländereien angesiedelten sechs Tausend Hö- 
rige unentgeldlich freizulassen, sondern dehnten diese Wohlthat auch auf 
alle Leibeigenen von Privatpersonen aus. Zu dem Behufe ergriff man 
jedoch keinen gewaltsamen , das Eigentumsrecht verletzenden Ausweg, 
sondern wusste die Anforderungen der höhern, allgemein menschlichen 
Gerechtigkeit mit der untergeordneten bürgerlichen sehr wohl dadurch 
zu vereinen, dass man jene aus Staatsmitteln loskaufte. Für jeden 
Leibeigenen über vierzehn Jahre wurden dem Besitzer zehn, für jeden 
unter vierzehn Jahren acht bononische Lire aus der Staatskasse bezahlt, 
wogegen die Emancipirten, zur billigen Entschädigung des Staates, die- 
sem zu einer sehr massigen jährlichen Abgabe an Getreide sich verpflich- 
teten. Da zu vermuthen stand , dass später noch mancherlei Ansprüche 
an die Befreiten von ihren ehemaligen Gebietern erhoben werden möch- 
ten, ward (1257) ein Verzeiclmiss aller bisherigen Leibherren und der 
Freigelassenen eines jeden angefertigt, welches man das «Paradies« 
nannte. In der sehr merkwürdigen Einleitung desselben heisst es 5 ): «Der 
allmächtige Gott schuf den Menschen rein und mit vollkommener Frei- 
heit; durch den Sündenfall aber wurde das ganze Geschlecht vergiftet, 
das Unsterbliche ward sterblich, das Unverderbliche verderblich, aus der 
Freiheit stürzte es in die Fesseln teuflischer Sklaverei. Da jammerte es 
Gott, dass die Welt zu Grunde gehe, und er sandte seinen eingebornen 
Sohn zur Erlösung. Deshalb ist es heilsam und recht, dass die von Na- 
tur freigebornen und erlö'seten Menschen nicht in der Sklaverei verharren, 



1 ) Wie z. B. bereits im Jahre 1216 in Mailand. Giulini, Memor. di Milano T. 
VII, p. 321. 

2 ) Fumagalli a. a 0. I, p. 348. 

3 ) — la legge della redenzione — fu il primo esempio di siffato decreto d'umanitä 
promulgato in Italia. Muzzi a. a. 0. I, p. 479. 

4 ) Wie umfangreich dasselbe bereits im J. 1223 gewesen, entnimmt mau aus der 
Urk. bei Savioli , Annali Bolognesi (Bassano 1784—1795. 6 Bde. 4) T Hl, Part. II, p. 
5i sq. Und seitdem hatte es noch ansehnlichen Zuwachs erlangt. 

5 ) Muzzi, Annali T. I, p. 485 sq. 



in welche sie das Gesetz der Völker stürzte , sondern freigelassen wer- 
den. In Betracht dessen hat die Stadt Bologna, welche stets für die Frei- 
heit kämpfte, des Vergangenen und der Zukunft eingedenk und zu Ehren 
unseres Erlösers Jesu Christi, alle Leibeigenen in ihrem Gebiete frei ge- 
kauft und bestimmt, dass dort nie mehr ein Unfreier sein solle. 
Denn ein wenig Hefen säuert und verdirbt den ganzen Teig.» 1 ) 
Die Stadt, die zunächst diesem rühmlichen Beispiele folgte, war 
Treviso, welches dem Himmel seinen Dank für die Erlösung von dem 
drückenden Joche Ezelins IV und des ganzen Hauses Romano durch 
Freilassung aller Leibeigenen und Hörigen kurz nach dem Untergange 
dieses Geschlechtes, also ums Jahr 1260, in der würdigsten Weise bezeigte. 
Doch kennen wir nur die Thatsache 2 ), nicht die Einzelheiten des betref- 
fenden Hergangs. Der dritte Freistaat, der nach mehr als einem Viertel- 
jahrhundert diesen Vorgängern sich anschloss , war Florenz, welches 
die unentgeldliche Aufhebung zu verfügen Bedenken trug, sich aber 
auch nicht entschliessen mochte, das grossmüthige Beispiel Bolognas 
nachzuahmen. Darum beschlossen die Väter der Stadt im Jahr 1288 3 ), 
dass allen im Gebiete derselben noch vorhandenen Unfreien der Los- 
kauf so wie die Ablösung der Frohnden und sonstigen gutsherrlichen 
Rechte aus eigenen Mitteln gestattet sein sollte. Und um sie hierin zu 
unterstützen, die Leib- und Grundherren mittelbar zu nöthigen, ihnen die 
Freiheit um massigen Preis zu gewähren, ward fortan jede andere 
Veräusserung von Hörigen , mit oder ohne Grundstücke , und gutsherrli- 
chen Gerechtsamen im Gebiete der Republik , als der fragliche Loskauf 
oder die Ueberlassung derselben an den Staat, bei der schweren Geld- 
busse von tausend florentinischen Gulden , sowol für den Verkäufer als 
Käufer und jeden Mitwirkenden bei derartigen Verträgen, verboten. Um 
die Abschreckung zu verstärken , wurden diese nicht nur von vornherein 
für durchaus unwirksam erklärt, sondern auch verfügt, dass alle Hörigen 
durch das blosse Factum ihrer Veräusserung fortan freie Menschen wer- 



1 ) Stabiiendo che nessuno stretto da qualche servitü uella Cittä o nella diocesi Bo- 
lognese osi quinci rimanervisi ; affinche im complesso di tanto natural libertä, redenta a 
prezzo, non possa ulteriormente corrompersi per qualche fermeuto di servitü, perche poca 

avilla sveglia gran fiamma, e il concorzio dun sol tristo mille buoni perrete. 

2 ) Aus Muratori, Scriptor. Rer. Ital. T. XII, p 919, unter Berufung auf eine im 
Archive Trevisos vorhandene Urkunde , die man indessen selbst in Vereis bändereicher 
Gesch. der trevisanischen Mark vergeblich sucht. 

3 ) Besage der bei (Lastri) , L'Osservatore Fiorentino sugli Edifizi della sua Patria 
(Quarta Ediz. c. aument. e correz. d. Rosso. Fireuze 1831. 16 Tom. 12) T. VII, p. 38 
sq. und auch bei Rumohr, Urspr. d. Besitzlos. S. 100 f. mit einigen Berichtigungen nach 
dem Orig. abgedruckten Urkunde. 



tu 



den ; und deren Herren dadurch alle Ansprüche an dieselben für immer 
verwirkt haben sollten '). Der angedeutete Zweck dieser Verordnungen 
wurde auch so vollständig erreicht, dass z. B. schon nach zwei Jahren 
(1290) das Domkapitel zu Florenz seine sammtlichen Hörigen und grund- 
herrlichen Rechte im Gebiete der Republik dieser gegen einige nicht viel 
bedeutende, auf höchstens 3000 florent. Gulden taxirte Liegenschaften, 
also um sehr geringen Preis überliess , welchen die Befreieten nach ei- 
ner billigen Repartition aufzubringen und der Stadt zu vergüten hatten 2 ). 
Man entnimmt hieraus auch , weshalb diese sich das ausschliessliche 
Recht vorbehalten, auch künftig Hörige an sich zu bringen, um nämlicn 
Gelegenheit zu vorth eilhaften massenhaften Loskäufen im Interesse der 
Letzteren zu haben. 

Wenn Italiens Landvolk sonach früher als der Bauernstand der mei- 
sten anderen europäischen Reiche der Wohlthat persönlicher Freiheit 
theilhaflig geworden, wenn sein Loos, wie oben angedeutet, dem bevor- 
zugten seiner spanischen Standesgenossen im Mittelalter während einiger 
Jahrhunderte desselben im Allgemeinen ziemlich nahe gekommen ist, so 
sind die ländlichen Bevölkerungen der beiden Halbinseln, der apenninischen 
und der iberischen, auch darin Schicksalsschwestern gewesen, dass ihre 
guten Tage vorbei waren, sobald sie das Unglück betraf, eines Theils 
unter die unmittelbare Herrschaft und andern Theils unter die Hegemonie 
der spanischen Linie des Hauses Habsburg zu gerathen. Diese 
regierte bekanntlich seit den ersten Decennien des sechzehnten Jahrhun- 
derts Süditalien und die Lombardei , zu welcher damals noch ein gutes 
Stück des heutigen Piemont gehörte, und beutete, wie in unseren Tagen 
der deutsche Zweig desselben, ihren dadurch begründeten gewaltigen 
Einüuss auch auf die anderen Machthaber Wälschlands vornehmlich zu 
dem Behufe aus, sie zu den gleichen von ihr selbst befolgten Principien 
weltlicher und geistlicher Willkührherrschaft zu bekehren. Unglückli- 



1 ) Et tales Contractus, et alienatiooes , quateiius procederent, de facto cassantes, ita 
quod uec emptoribus, Tel acquisittoribus jus aliquid acquiratur, nee etiam ad alienantes 
vel concedentes jus redeat, vel quo modo übet penes eos remaneat. Sed sint tales fide- 
les, vel alterius conditionis astricti, et eorum bona, et filii et descendentes libere con- 
dictionis, et Status, et nihilomiuus tales alienantes, vel quodlibet in alios transferentes, 
et iu perpetuum, vel ad tempus per se, vel per alium , et quilibet eorum , et ipsoruni , et 
cüjuscunque ipsorum Sindici, Procuratores, et Nuntii, et tales emptores, vel alio quovis titulo 
modo causa, vel jure acquirentes per se, vel per alium in perpetuum, vel ad tempus, et 
eorum Procuratores, Sindici, et Nuntii, et Judices, et Notarii, et Testes qui predictis in- 
terfuerint, vel ea scripserint, et quilibet eorum condeupuentur in libras mille f, (lorenor.) 
p.(arvor.), que effectualiter exigantur, non obstantibus aliquibus pactis, vel conventionibus 
etiam juramento, vel pena vallatis jam factis, vel in posterum ineundis super predictis. 

2 ) Wie man aus der bei Rumohr a. a. 0. S. 103 f. abgedruckten Urkunde entnimmt. 



205 

eher Weise erfolgte ziemlich gleichzeitig auch in Mittel -Italien die Um- 
wandlung der bislang mehr nominellen Unterordnung des Kirchenstaates 
unter den apostolischen Stuhl in eine nur zu reelle, fest begründete Herr- 
schaft des Pabstes, sowie die der mächtigen Republik Florenz in eine 
ganz despotisch regierte Monarchie, letztere zumeist mit spanischer Hülfe. 
Das von den Regenten dieser beiden bedeutendsten Staaten Mittel - Ita- 
liens tief empfundene Bedürfniss, am spanischen Hofe einen starken Rück- 
halt gegen etwaige, und in der That auch öfters drohende Aufstandsver- 
suche ihrer Unterthanen zu gewinnen, machte sie — und dem Drucke 
dieser bedeutendsten Potentaten der Halbinsel mussten die übrigen sich 
schweigend fügen — nur zu geneigt , den Rathschlä'gen desselben ihr 
Ohr zu Öffnen , nach habsburgischen Grundsätzen über ihre Länder zu 
walten. 

Wir kennen diese bereits aus einem der vorhergehenden Abschnitte ') 
und werden es sonach begreiflich finden , dass unter allen Fremdherr- 
schaften, mit welchen der Zorn des Himmels die unglückselige Halbinsel 
hatte heimsuchen können, die der spanischen Habsburger für sie im All- 
gemeinen die verhängniss- und unheilvollste geworden. Ganz besonders 
traurig gestalteten sich aber untSr ihrem giftigen Einflüsse die Verhält- 
nisse des italienischen Landvolkes, weil es eben nach denselben Maximen 
behandelt wurde , wie seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das 
spanische. Wie dieses von Philipp dem Zweiten und dessen Nachfolgern 
der Willkühr des Adels und der Geistlichkeit ganz schutzlos biossgestellt 
ward, so auch Italiens Bauernstand. Faktisch sah sich dieser dem gross- 
ten Schrecken des frühern Mittelalters , dem Faustrechte , dem Rechte 
des Stärksten, wieder völlig preisgegeben. Denn die spanische, die päbst- 
liche und die anderen kaum viel weniger despotischen Regierungen der 
Halbinsel übcrliessen ihn eben so unbekümmert wie den unaufhörlichen 
Einfällen und Plünderungen der Seeräuber der nahen Barbareskenhäi'en 
und der Willkühr ihrer eigenen, kaum viel weniger schlimmen Beamten, 
so auch allen Bedrückungen und Launen einer mit Privilegien überschüt- 
teten und dadurch zu unbändigem Hochnuuli 2 ) aufgebläheten Aristokratie. 

Nächst der unbegränzten Straflosigkeit 8 ), deren diese sich erfreuete, 

1 ) Vergl. oben S. 38 f. 

2 ) Trefflich charaMerisirt diesen ein Brief v. 6. Juli 1649, den Verri, Storia di Mi- 
lano T. IV, p. 178 (daselbst 1824, 4 Bde.) mittheilt. 

3 ) Auch Ton dieser erzählt Verri a. a. 0. IV, 178—179 folgende charakteristische 
Züge : Per siffatte prepotenze (des Adels) la Cittä di Milano era tanto in disordine ," che i 
privati cautamente si facevano scortare per le strade da uomini armati. Persino il Residente 
del grau Duca di Toscana Cian -Francesco Rucellai, in Porta Vercelliua verso mezzodi, 
venne assalito da molti armati; per cui dopo yalida resistenza costretto a sottrarsi al maggior 



206 

ist kaum ein anderes der ihr verliehenen Vorrechte dem italischen Land- 
volke so verderblich geworden, wie die ihr, gleich dem Adel Spaniens, 
beinahe überall eingeräumte Befugniss , Majorate, oder, wie sie in 
Wälschland gewöhnlicher genannt wurden, Fideicoinmisse zu stiften. 
Bis gegen Ausgang des Mittelalters sind diese hier , wie in Spanien 1 ), 
nur wenig bekannt gewesen; es fand meist eine Theilung der Güter bis 
auf die einzelnen Gemächer der Wohnungen Statt , und die Gleichheit 
der Familienglieder ward sogar bis auf die Autorität derselben ausge- 
dehnt 2 ). Und so blieb es bis um die Mitte des sechzehnten Jahrhun- 
derts in vielen der ersten Adelsgeschlechter der Halbinsel 3 ), was um 
so begreiflicher erscheint, da selbst diese bis dahin einer nützlichen Thä- 
tigkeit als Banquiers, Grosshändler und Fabrikanten sich nicht schäm- 
ten 4 ). Als aber der eitle Dünkel, der Pomp, die Trägheit und Ver- 
schwendung des spanischen Adels den italienischen ansteckten und solch' 
ehrenwerthe Anschauung nur zu bajd bis auf die letzte Spur vertilgten, 
da ward des Erstem Leidenschaft durch Gründung von Majoraten die 
Mittel sich zu sichern, in einem vornehmen und prunkvollen Müssiggange 
seine Würde zu behaupten, den vermeintlichen Glanz seiner Geschlechter 



numero, il governatore e ü Senato mancando di altro mezzo fecero publicare che chiun- 
que suddito del Re Cattolico ayesse in quest' occasione prestata assistenza al Residente 
sarebbe stato dallaMaestä sua assai gradito; e il Marchese Annibale Porroni lo fece servire 
da certo Capitano Ampioconum centinajo di bravi, ecosi scortato il Residente prese con- 
gedo dal governatore, dair Arcivescovo edal Presidente del Senato. La stessa scorta lo ac- 
compagnö fino a Piacenza; il fatto avvenne Del 1656. 
x ) Vergl. oben S. 41. 

2 ) Rumohr, Ursprung d. Besitzlosigkeit S. 48. 

3 ) Wie z. B. im Hause der Sforza , der Nachkommen der ehemaligen Beherrscher 
Mailands, dessen Geschichtschreiber Ratti (Della Famiglia Sforza T. I, p. 249, Rom 
1794, 2 Bde. 4) zum J. 1555 bemerkt: Fino a qitel tempo ai feudi e beni di Casa Sforza 
erano succeduti, ed ayeano avuto diritto di succedere pro aequali tutti i discendenti legit- 
timi della medesima, non essendoyi ne primogenitura, ne fideicommisso. Erst damals wurde 
in diesem Geschlechte ein Majorat errichtet, dessen Stiftungsurkunde v. 14. Febr. 1555 
Ratti a. a. 0. I, 249—252 vollständig mittheilt. 

4 ) 1 Nobili non prendeano vergogna del traffico, e compaiono sulle matricole i Litta, 
i D' Adda, i Bossi, i Cruvelli, i Cusani, i Dugnani, i Medici, i Melzi etc.; i Borromei veu- 
nero qui (nach Mailand) da SanMiniato, yendendo panni grossolani e stabilendone unafab- 
brica, e poco dopo Luigi XII (König yon Frankreich) leyaya un loro figiiuolo al battesimo. 
Milano e il suo Territorio T I, p. 35 (daselbst 1844, 2 Bde., Lex. 8). Dieses yon der 
Stadt Mailand herausgegebene und unter die Theilnehmer des, im J. 1844 in ihren Mauern 
tagenden, sechsten italienischen Gelehrten - Congresses gratis yertheilte, daher auch gar 
nicht in den Buchhandel gekommene, Werk ist das beste über die Zustände des Mailän- 
dischen zumal im verflossenen und im laufenden Jahrhundert, die es nach allen mögli- 
chen Richtungen aus sehr guten Quellen erläutert. Mitarbeiter an demselben waren Män- 
ner wie Cantü, Graf Pompeo Litta-Biumi, Catena (Präfekt der ambrosianischen Bibliothek), 
Sacchi, Campiglio und noch mehrere andere der tüchtigsten Gelehrten. 



207 



zu erhöhen und zu festigen, immer mehr auch zum vorherrschenden 
Hange der Aristokratie Walschlands. Und unglücklicher Weise ist ihm 
nicht nur in den von Spanien beherrschten, sondern fast in allen Thei- 
len der Halbinsel von oben herab sehr bereitwillig Vorschub geleistet 
worden 1 ), da es den grösseren wie den kleinsten Fürsten derselben nicht 
wenig schmeichelte , den Adel ihres Landes oder Ländchens mit dem 
tonangebenden Spaniens auch in dem Betreff wetteifern zu sehen, zu- 
dem auch ihr Geldinteresse dabei im Spiele war, indem sie für Erthei- 
lung der erforderlichen landesherrlichen Erlaubniss gemeinhin eine nicht 
unbedeutende, mitunter sogar eine sehr beträchtliche Steuer erhoben 2 ). 



ZWEITES KAPITEL. 

Kann sonach nicht in Abrede gestellt werden , dass die Italiener, 
und ganz besonders die Agrikultur - Bevölkerungen der Halbinsel, nur zu 
gegründeten Anlass besassen, die spanische Linie des Hauses Habs- 
burg mit Verwünschungen zu überschütten, so ist nicht minder unbe- 
streitbar, dass der deutsche Zweig dieses Geschlechtes seine Herrschaft 
in den ihm anheimgefallenen Theilen Hesperiens in einer Weise eröff- 
nete, die ihm die gegründetsten Ansprüche auf die Dankbarkeit wie sei- 
ner neuen Unterthanen überhaupt, so auch insbesondere des Bauernstan- 
des gab. Bekanntlich endete der nach dem Erlöschen jener über ihren 
Nachlass entbrannte langwierige Erbfolgekrieg damit, dass die Lom- 
bardei (1714) dauernd, Neapel nur vorübergehend, unter die Herrschaft 
der deutschen Habsburger kam, und etwas über zwei Decennien später 
(1737) bestieg der jüngere Ast derselben auch den Thron Toscana's. 
Es ist kaum zu sagen, in welch' traurigem und verwahrlostem Zustande 
diese herrlichen Lande ihren neuen Regenten überkamen. Die Herr- 
schaft der spanischen Statthalter im Mailändischen 3 ) war, wie die tyran- 



1 ) Sismondi, Hist. des Republiques ltaliennes T. XVI, p. 441. 

2 ) Poggi, Cenni storici delle Leggi siüT Agricoltura T. II, p. 222. 

*) Morbio, Storie dei Municipj Italiani T. III, p. 105 (d. erst. Ausg. Milauo 
1836—1838, 4 TT. 8), erzählt von diesen unter anderen Folgendes: II Fuen- 
tes, da se e senza saputa di alcun tribunale, spediva chiunque in galera. 11 senato (Mai- 
lands) lece le sue rimonstranze alla corte; questa disapprovo il dispotismo delgovernatore, 
e comandö che la giustizia punitiva si regesse dal senato. II Fuentes se ne rise e conti- 
miö a far carcerare e mandare al remo a suo arbitrio. Senza nemmeno dare notizia 
alla corte impose a suo Capriccio nuove imposte, e siccomo il vicario ed i Xll di prov- 
Tisioue ricusarono di concorrervi, Fuentes se ne sbrigö , facendoli tutti catturare. 11 



E08_ 

nischste und in jeder Hinsicht nichtswürdigste und verderblichste, so auch 
die unverständigste 1 ), die dies Land je gesehen, da jene wie orientali- 
sche Satrapen hauseten , selbst die Befehle des madrider Hofes verlach- 
ten und gar kein anderes Ziel vor Augen hatten , als ihre Stellung zum 
Aufhäufen unermesslicher Reichthümer auszubeuten. Das Schlimmste 
aber war nicht sowol die ungeheuere, und immer höher steigende Wucht 
der Steuern 2 ), als der Uebelstand, dass die Erhebung derselben an die 
Meistbietenden verpachtet wurde , und schon deshalb bei ihrer Verkei- 
lung die entsetzlichste Willkühr waltete. Am verzehrendsten lastete diese, 
neben den scandalösen eAvigen Münzverschlechterungen 3 ), aber auf dem 
Landvolke, weil dasselbe nicht nur der unersättlichen Habsucht der Gou- 
verneure und ihrer Pächter völlig schutzlos preisgegeben war, sondern 
weil auch die Städte ihre Doppelstellung als Wortführer der Stadt und 
der zum Bezirke derselben gehörenden Landgemeinden nur zu oft dazu 
missbrauchten, die schwersten Bürden von sich ab und auf diese hinüber 



governatore don Pietro de Toledo — arbitrariamente levo la carica di gran cancelliere a 
D. Diego Salazzar nominato dal re, soslitueudo vi D. Giovanni Salamanca. 11 re altamente 
dis approYO il fatto, ma il Salazzar non ebbe piü la sua carica .... Enormi poi erano i 
saccheggi che essi (i governatori) commettevano: Leganes succhib dallo stato di Milano 
14 milioni; e 800,000 once d'argento il duca d' Ossuna. 

1 ) Von seinen vorhergegangenen Regenten, wie namentlich Ton den Viscontis, hau- 
seten zwar auch gar manche als arge Tyrannen, aber doch immer mit Verstand, sie rich- 
teten das Land nicht so kurzsichtig und so systematisch zu Grunde , sorgten vielmehr, 
trotz aller Willkühr und selbst Grausamkeit , die sie entfalteten , mit vieler Einsicht für 
Förderung der Laudwirthschaft und Industrie, die gerade in ihren Tagen zu eiuer seitdem 
nicht mehr erreichten ßlüthe sich erhoben. Milauo e il suo Territorio T. 1, p. 34 sq. 

2 ) Im J. 1660 Hessen die Mailänder dem spanischen Hofe vorstellen che nonpotendo 
molti de padroni con i fratti. che ricavano dai loro beni supplire al pagamento degli 
aggravi , non che avvanzarne qualche parte per il sostenimento delle proprie famiglie, 
stirnano molto vantaggio loro il lasciarli inculti, et abbandonati . . . . si calcola, che 
una sol bocca in Milano paghi sino alla somma di lire sessanta cinque in un anno 
per il solo vitto. Und im J. 1690: questi poveri sudditi non hanno che il solo respiro 
esente dagli aggravi. Salomoni, Memorie storico-diplomatiche degli Ambasciatori etc. che 
la Cittä di Milano inviö a div. suoi Principi dal 1550 al 1796 pp. 367 — 368. 392 (Milano 
1806. 4.) 

3 ) Pecchio, Storia della Economia pubblica in Italia p. 30 (Lugano 1829): Si affita- 
roho le rendite. Subentrö alP aviditä del governo quella ancora piü oppressiva de' fer- 
mieri. II governo non aveva piü credito. Ne bisogni straordinari non trovava straordinari 
sussidii. Si appigliava quindi al funesto partito di alienare i rami della rendita pubblica. 
Questa alienazione diveniva una sorgenti di nuove estorsioni. La zecca si converti in una 
fönte di rendite pel governo. Per un secolo e mezzo il governo andö alterando le mo- 
nete, Yiolentando inutilmente con 85 gride le leggi immutabili della natura. 1 decreti che 
questo mentecatto governo faceva contro il valor naturale e commerciale dei metalli non 
erano meno stolide dei decreti del Vaticano che volevano fermar la terra contro le leggi 
del moto scoperte da Galileo. 



20!) 

zu wälzen 1 ). Was Wunder daher, dass in der vom Himmel so reich 
gesegneten Lombardei die Bauern schon im ersten Viertel des siebzehn- 
ten Jahrhunderts in grossem Elende schmachteten, dass sie, unfähig sich 
und die Ihrigen länger zu erhalten , massenhaft in das angränzende Ge- 
biet Venedigs und anderer benachbarten Fürsten flüchteten 2 ); dass etwa 
ein Menschenalter später ausgedehnte Strecken des herrlichsten Landes, 
wegen mangelnder Hände, völlig unangebaut dalagen, zur Wüstung ver- 
wilderten? Boten damals doch sogar die weiland blühendsten Städte, 
Avie selbst die noch am meisten berücksichtigte und geschonte Metropole 
Mailand 3 ), Pavia, Cremona und so viele andere das traurige Schauspiel 
des kläglichsten Verfalles, menschenleerer Ruinen \ u ) 

Und nicht weniger trostlos war die Lage des Landvolkes in Toscana, 
als dieser Garten Italiens nach dem kinderlosen Tode Johann Gastons, 
seines letzten Beherrschers aus dem Hause Medici (173 7), dem Herzoge 
Franz von Lothringen, dem Gemahle Marien Theresiens anheimfiel. 
Die Mediceer sind bekanntlich noch lange nach ihrer Erhebung auf den 
toscanischen Thron geblieben was sie ursprünglich gewesen — Kaufleute 
und Banquiers. Der erste Grossherzog aus diesem Geschlechte, Cosmus I 
(1537 — 1574), verdankte den Vortheil, der geldreichste Fürst seiner 



l ) Czörnig, Die lombardische Gemeindeverfassung S. 26 f. (Heidelb 1843) Carii, 11 
Censimento di Milano p. 25 sq. (daselbst 1815); eine kleine eben so lehr- wie inhalt- 
reiche Schrift. 

% \ Der im J. 1627 you der Stadt und Provinz Mailand nach Madrid gesaudte Marchese 
Visconti führte dem spanischen Hofe unter anderen zu Gemüthe l'infelice coudizione de' 
proveri contadini angariati in modo, che tin nudo e miserabile bracciante sforzato era 
a pagar di taglia sino a dieci, dodici, quindici, e venti scudi J' anno; gii esorbitanti carichi 
addossati a terreni , de' quali tutta la cavata non baslava per pagare la metä delle 
gravezze, la emigrazione e la fuga, per consequenza , d' innumerabili artefici operai, ed 
agricoltori, quali non potendo resislere alle gravezze, astretti furono a lilirarsi in moiti 
Paesi. Und damit übereinstimmend wird in einem amtlichen Gutachten v. 4. Febr. 1633 
die immer bedenklicher werdende massenhafte Emigration besonders der ländlichen und 
arbeitenden Bevölkerung in die benachbarten Staaten damit erklärt che non gl' inviti. e 
1' esibizioui de vicini Principi , ma l'impossibilitä di poter qui vivere sforzava gli Uo- 
mini a trasferirsi altrove. Salomoni a. a. 0. p. 299. Carli a. a. 0. SS. 31. 37. 

3 ) Pecchio a. a. 0. p. 32: Prima del 1630 erano gia mancati 24,000 trafficanti nella 
sola citta di Milano. Le fabbriche di lana che da principio erano 70, alla metä del secolo 
XVII appena si ridussero a 15, e pochi anni dopo ad 8. Questo governo adunque che durö 
172 anni ritrovö in Milano quasi 200 mila abitanti, e appena ve ne lascio 100 mila. Ri- 
trovö 70 lanificj, cinque appena ye ne lascio. Tutto era in decadenza e rovina. 

4 ) Janidiu intermissus agri cultus, multis in locis nondum reperitur. Incolae pro- 
fugi, abjecta omni spe melioris fortunae in alienas Regiones transmigrant ; mercatura omnis 
ingentibus Tectigalibus enervata jam fere conticuit: Papiae, Cremonae, Alexandriae, Dher- 
tonae , Novariae, Vigievaui tristissima solitudo, vastae, veteresque aedificiorum ruinae, 
tristi spectaculo everberant oculos. Aus einer Vorstellung des Senats von Mailand an 
den spanischen Hof vom 15. Merz 1668: Carli p. 39. 

Sugenheim, Gesch. d. Aufli. d. Leibeig. {4 



210 

Zeit zu sein, vornehmlich dem in seinem Lande usurpirten Monopol der 
gewinnbringendsten Handelsartikel, seiner Theilnahme an vielen einhei- 
mischen und auswärtigen Merkantil-Gesellschaften und seinem ausgedehn- 
ten Verkehre mit der Levante, Spanien und anderen Ländern; ja! so 
mächtig war der Handels- und Speculationsgeist in diesem Hause, dass 
selbst die Gemahlin des eben genannten Fürsten ihm frohnte und dadurch 
bedeutende Schätze erwarb 1 ). Unter dieser einseitigen Vorliebe seiner 
Fürsten für Handel und Fabriken litt nun Nichts mehr als Toscanas Land- 
volk und Ackerbau. Wenn Cosmus I auch manche zweckmässige Vor- 
kehrung zur Hebung des Letztern in einzelnen Theilen seines Staates 
traf 2 ), so that er doch im Allgemeinen nicht nur Nichts zur Verbesse- 
rung der Lage der Bauern, sondern aus Geld- und Herrschgier sogar die 
unheilvollsten Rückschritte bezüglich dieser. Er huldigte nämlich hin- 
sichtlich ihrer ganz den Principien der spanischen Habsburger, der, aller- 
dings begründeten, Ansicht, dass er eine Gefährdung seiner Herrschaft 
von ihnen am wenigsten, wol aber sehr von den übrigen, mit derselben 
auch unzufriedenen , Klassen der Bevölkerung zu fürchten habe , und 
wählte deshalb als nächstliegendes und wohlfeilstes Beschwichtigungs- 
mittel letzterer den ruchlosen Ausweg, ihnen das Landvolk eben so 
schutzlos preiszugeben, wie er selbst es durch seine fiscalischen und finan- 
ziellen Massnahmen (zu welchen auch die Einführung des verderblichen 
Lotto gehörte) unbarmherzig ausbeutete. Daher die von ihm verfügte 
Repristination vieler im Gebiete der ehemaligen Republik Florenz längst 



1 ) Repetti, Diziouario geogr. fis. stör, della Toscana T. II ; p. 227— 228: Perö la 
sorgente maggiore delle ricchezze di Cosimo I — traeyale — dal monopolio della merca- 
tura; stanteche egli interessavasi con le ragioni di ricchi negozianti delle piazze di An- 
versa, Bruges, Londra, Lisbona, Barcellona, Marsilia, Lione, Venezia, Napoli e Roma. AI 
quäl uopo Cosimo impiegaya continuamente duc galeoni pel trasporto delle mercanzie del 
Levaute e dell' ltalia nei porti di Spagna, di Portogallo e di Fiandra, da doye ritornavano 
carichi delle merci di quelle contrade. Anco la granduchessa Eleonora, al pari del ma- 
rito intenta a un simile esercizio, poU in progresso, sebbene venuta in Toscana con pic- 
cola dote., accumulare im ragguardevolissimo peculio. 

2 ) Zu welchen namentlich die von ihm im J. 1563 erlassene Verfügung gehörte con 
cui ordinö, che i Lavoratori di Campagna, essendo rei d'un deiitto, per cui doyessero esser 
puniti col Confine , si conßnassero non nel Territorio di Volterra , come fino allora era 
stato praticato, ma in queilo di Pisa, il quäle in gran parte era spopolato, ed incolto, e con- 
veniya, che per il pubblico bene fosse coltivato, e reso fruttiiero , affinche tornasse al flo- 
rido stato de' tempi passati: Senza Layoratori ciö non poteya ottenersi, ne era sperabile, 
che moiü Uomiui onesti volontariamente abbandonassero il loro natiyo soggiorno , per 
trasferirsi in quella Campagna incolta, e malsana; ne yoleya la Giustizia, che alcuno fosse 
forzato a questo passo: 1 soli delinquenti si poteyano confinare in quel Paese perche es- 
piassero le loro colpe col lavoro di quei trascurati Terreni. Cantini, Vita di Cosimo de' 
Medici primo Gran-Duca di Toscana p. 433 (Firenze 1805. 4.). 



m 

abgeschafften Feudal- und grundherrlichen Rechte so wie verschiedene 
zu Gunsten der Städtebewohner die Bauern schwer drückende Anord- 
nungen 1 ). Erheblich verschlimmert ward noch die Lage dieser durch 
die verkehrten, verhängnissvollen Gesetze über den Getreidehandel 2 ), 
zu welchen sein jüngerer Sohn und zweiter Nachfolger Ferdinand I 
(1587 — 1609) von der wohlmeinenden Absicht verleitet wurde, der Wie- 
derkehr einer solch' entsetzlichen Hungersnoth vorzubeugen, wie sie, in 
Folge vierjährigen Misswachses und daher rührender Theuerung 3 ), im 
Beginne seines Regiments Toscana heimgesucht hatten, weil sie hier 
noch lange nach seinem Hintritte massgebend blieben. Daher kam es, 
dass schon in den ersten Decennien des siebzehnten Seculums die Ver- 
hältnisse des Landvolkes wie des Ackerbaues einen so trübseligen An- 
blick boten, dass selbst die Regierung das Bedürfniss einer durchgreifen- 
den Abhülfe nicht länger zu verkennen vermochte. 

Aber der den Mediceern , wie berührt , von jeher eigenthümliche 
Mangel gesunder volkswirtschaftlicher Begriffe bewirkte, dass das zu 
dem beregten Behufe ergriffene Mittel schlimmer war, als das Uebel, 
dem es steuern sollte. Statt nämlich durch Milderung der von den frü- 
heren Grossherzogen erlassenen vielen barbarischen Jagdgesetze 4 ) und 
Beseitigung der anderen wesentlichsten die Bauern entmuthigenden, vom 
Ackerbau abschreckenden und zu Bettlern in den Städten machenden 
Missstände die benöthigte Remedur zu erzielen, installirte man im J. 
1620 eine sogenannte Agrikultur-Commission mit dem Auftrage und der 
unbeschränkten Vollmacht- überall im Lande die Besitzer oder Pächter 
des wüstliegenden pllugfähigen Bodens zum sofortigen Anbau desselben 
zu zwingen. Natürliche Folge dieser abgeschmackten Massregel war, 
dass während eines Decenniums (1620 — 1630) Misswachs und Theue- 
rung in Toscana stehend geworden, dass aus den Tausenden der an den 
Bettelstab gebrachten vemveifelnden Bauern Räuberbanden entstanden, 
— der nur zu gewöhnliche Ursprung der italienischen Banditen, — die 



1 ) Poggi, Cenni storici delle Leggi sulF Agricoltura T. II, p. 216 sq. 

2 ) Galluzzi, Istoria de] Granducato di Toscana sotto il Goyerno della Casa Medici T. 
V, p. 135 sq. (Liyorno 1781 8 TT.) 

3 ) Quattr' anni continui di carestie ayendo portati fuori della Toscana piü di due mi- 
lioni di scudi d'oro per comprare vettovaglie. Repetti T. II, p. 231. 

4 ) — quasi ogni anno si pubblicaya una legge o per accrescerle (die Wildgehege) o 
per render piü severe le pene contro i trasgressori. Chi le raccogliesse tutte (der Medi- 
ceer überhaupt nämlich), metterebbe insieme piü yolumi non inferiori di mole a quelli 
che Giustiniano intese a compendiare con la famosa compilazione dei codici. Poggi, Cenni 
storici T. II, p. 225. 



212 

nach allen Richtungen hin das Grossherzogthum durchstreiften und un- 
sicher machten 1 ). 

Das Vollmass des Elendes des toscanischen Landvolkes erfolgte aber 
unter der leider! 53jährigen Regierung (1670 — 1723) Cosmus des 
Dritten 2 ), eine der verworfensten, die selbst in Italien, der alten unglück- 
lichen Schaubühne erbärmlicher und schändlicher Verwaltungen, je ge- 
sehen worden. Von unverständigen Gesetzen und der immer höher stei- 
genden Wucht der, zuletzt unerschwinglich gewordenen, Steuern gleich- 
zeitig zu Boden gedrückt, ward Toscanas Bauernstand der aussersten 
Armuth und unsäglichen Jammers Beute. Während die Gärten dieses 
frömmelnden , prachtliebenden , in ganz Wälschland eben so gehassten 
wie verachteten, Schwelgers mit den seltensten und theuersten und ganz 
unnützen exotischen Zierpflanzen sich fort und fort füllten, verwilderten 
immer weitere Strecken seines schönen Landes zur menschenleeren 
Wüste 3 ). Die Regierung seines Nachfolgers, des letzten Mediceers Jo- 
hann Gaston , eines wegen seiner schimpflichen Ausschweifungen allge- 
mein verachteten, ganz in den Händen der gemeinsten und nichtswürdig- 
sten Menschen sich befindenden Wüstlings , war am wenigsten danach 
angethan, die tiefen Wunden zu heilen, welche die ächtspanische, in des 
Wortes schlimmster Bedeutung, des Vaters dem Grossherzogthum ge- 
schlagen 

Von dem ersten Beherrscher der Lombardei aus Habsburgs deut- 
schem Zweig, von Kaiser Karl VI, ist nur sehr wenig 4 ) zur Verbesse- 
rung der dortigen öffentlichen Zustände überhaupt, und am wenigsten der 
des Landvolkes insbesondere geschehen, weil die altspanischen Maximen 
seiner ganzen Waltung Reformen im Allgemeinen abhold waren. Dage- 



!) Galluzzi, a. a. 0. T. VI, p. 406 sq. 

2 ) «Seine Herrschaft war unmässig strenge, der Einüuss der Mönche unglaublich 
gross, und der Druck der Abgaben, durch die Verschwendung des Hofes und durch eine 
elende, raubsüchtige Staatswirthschaft ganz unerträglich. Er gab unter andern 1694 
ein Gesetz: dass kein Jüngling das Haus solcher Eltern besuchen sollte, welche unver- 
heirathete Töchter hätten. Bios die MöDche sollten die Heirathen schliessen , wobei sie 
dann das jus primarum noctium ausübten. Seine Proselytensucht war unbegrenzt, und er- 
streckte sich sogar in Deutschland hinein bis nach Hamburg hin, wo er einen eigenen 
Residenten dazu hielt, der ihm Proselyten und Convertiten auf seine Kosten nach Florenz 
schicken musste. Eben so gross war sein Eifer, alle Arten von Verbrechen auf's grausam- 
ste zu bestrafen. Dagegen waren die Gesetze und Polizeianstalten in Toscana, zur Verhü- 
tung der Vergehungen, im höchsten Verfall, und alle Moralität war gänzlich verschwun- 
den.» Crome, die Staatsverwaltung von Toscana unt. d. Regierung K. Leopolds II, Bd. 111, 
Einleitung p. VI (a. d. Ital. Gotha und Leipzig 1795—1797. 3 Bde. 4.). 

3 ) Galluzzi T. VIII, p. 22 sq. 

4 ) Pecchio, Storia della Economia pubblica in Italia p. 32. 






213 

gen hat sein Eidam , Herzog Franz von Lothringen, wie wenig des Lo- 
bes seine 28jährige (1737 — 1765) Waltung in Toscana im Ganzen 
auch verdient 1 ), doch manches Anerkennungswerthe zur Hebung des so 
gräulich darniederliegenden Ackerbaues und zur Erleichterung des Loo- 
ses der Bauern gethan. Der von ihm gleich Anfangs (17 38) verfügten 
Einschränkung der, dem Landmanne so nachtheiligen, übergrossen An- 
zahl der Feiertage schlössen sich noch in demselben Jahre die auf leidli- 
che Bedingungen gewährte Verpachtung aller grossherzoglichen Domai- 
nen an Landleute und die Getreideausfuhr begünstigende (1750 und 1762 
erneuerte) Gesetze an. Am rühmlichsten zeichnete der neue Grossherzog 
Franz II sich aber dadurch aus, dass er einer der ersten Fürsten Wälsch- 
lands war, der den Muth gewann, Hand anzulegen, wenigstens an die 
Beschränkung der für den Bauer wie für die Landwirtschaft verderb- 
lichsten Privilegien des Adels und der Geistlichkeit. Zunächst wandte 
er sich gegen die Majorate, welche in der Republik Florenz, aus An- 
lass des Ungeheuern Reichthums ihres, gleich den Bürgern, noch in der 
zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts meist handeltreibenden, 
Adels 2 ) früher als in den übrigen Staaten Ober- und Mittel-Italiens, schon 
im fünfzehnten Jahrhundert aufgekommen 3 ), in dem aus ihr entstandenen 
Grossherzogthume Toscana wegen ihrer ausserordentlichen Menge 4 ) auch 
um so giftiger gewuchert hatten 5 ). Franz II, obwol er als Fremdling doch 
besondere Ursache zur Rücksichtnahme auf den mächtigen Adel seines 
neuen Landes hatte, liess sich dadurch doch nicht abhalten, ein Gesetz 
(22. Juni 1747) zu erlassen, welches die Dauer sowol der bestehenden 
wie künftig zu errichtenden Majorate bis auf die vierte Generation nach 
dem Gründer und beziehungsweise damaligen Besitzer, wie auch die 
Objekte derselben beschränkte. Diesem folgten bald Verordnungen 
(v. 15. Merz und 21. April 1749) zur Einschränkung der, bislang arg 
missbrauchten, Patrimunial- Gerichtsbarkeit der adeligen und 



1 ) Crome, a. a. 0. Bd. 111 Einleitung p. VIII sq. Doch darf nicht verschwiegen wer- 
den , dass ein glaubwürdiger und gewöhnlich gut unterrichteter Zeitgenosse, der preus- 
sische Grosskanzler von Fürst bei Ranke histor. polit. Zeilschrift Bd. II, p. 723 Toska- 
nas damalige vom Grafen Richecourt geleitete Verwaltung (1755) eine sehr gute nennt. 

2 ) Priuli, Relaz. di Firenze v. J. 1566 bei Alberi, Relazioni degli Ambasciatori Ve- 
neti Ser. II, T. II, p. 70. 

3 ) Crome, a a. 0. Bd. I, S. 207. 

4 ) La massa di queste proprietä vincolate superava di gran lunga le altre , essendo 
chiarito da irrefragabili documeuti che negli ultimi anni del secolo deeimosottimo com- 
prendeva i tre quarti dei beui territoriali della Toscana. Poggi, Cenui stör. II, p. 224. 

5 ) Landucci im Gioruale Agrario Toscano T. X (1836), p. 147 sq. 



214 

geistlichen Grundherren über ihre Hintersassen, sowie ihrer Jagdrechte 
und (1. Febr. 1751) zur Verhütung weiterer Vermächtnisse von Immo- 
bilien an den, damit schon so überreich ausgestatteten Klerus 1 ). 

Die berechtigtesten Ansprüche auf eine bleibende dankbare Erinne- 
rung im Gedächtnisse wie der Lombarden und Toscaner überhaupt, so 
insbesondere des Bauernstandes dieser Länder, erwarben sich aber die 
zweiten Beherrscher derselben aus Habsburgs deutscher Linie — Ma- 
ria Theresia und ihr Sohn Peter Leopold. Grossen Antheil daran 
hatte, dass die genannte Tochter Kaiser Karls VI der Lombardei in den 
Grafen Cristiani (1744— 1758) und Firmian (1759—1782) zwei 
Statthalter gab, wie sie den vom wiener Hofe beherrschten Ländern nur 
äusserst selten beschieden gewesen. Sehr wahrscheinlich , dass die 
schmerzliche Einbusse der übrigen Provinzen der Halbinsel , die ihrem 
Geschlechte einst gehört, jene kluge Monarchin von der Notwendigkeit 
überzeugte, in den ihr noch verbliebenen eine durchgreifende Aenderung 
des Regiments zu bewerkstelligen, um dem Verluste auch dieser vorzu- 
beugen. Dem sei indessen wie ihm wolle, die historische Gerechtigkeit 
kann Marien Theresien das Anerkenntniss nicht versagen, dass ihre Re- 
gierung die beste gewesen , deren die Lombarden seit dem Untergange 
ihrer republikanischen Selbstständigkeit und Herrlichkeit sich erfreuten, 
und dass ihr Scharfblick in den beiden genannten trefflichen Gouverneu- 
ren die rechten Männer zur Durchführung einer so totalen System - Aen- 
derung ausgefunden. 

Zu den vornehmsten Sorgen derselben gehörte Hebung des so sehr 
herabgekommenen Ackerbaues , und zwar auf dein wirksamsten Wege, 
auf dem der Verbesserung der Lage des Landvolkes. Was dieser wie 
jenem bislang zumeist im Wege gestanden, war, neben der unmässigen 
Belastung des Grund und Bodens, vornehmlich die oben berührte höchst 
ungleiche und unredliche Vertheilung der Grundsteuern und anderen öf- 
fentlichen Abgaben. Es war darum kein kleines Verdienst, welches die 
in Rede stehenden trefflichen Staatsmänner durch Herstellung und Ver- 
öffentlichung eines musterhaften Katasters um die Lombardei und 
namentlich um deren Bauernstand sich erwarben. Früher als die meisten 
anderen europäischen Staaten, nämlich schon in der ersten Hälfte des 
dreizehnten Jahrhunderts , hatte die Republik Mailand eine Landesver- 
messung vorgenommen und nach mehr als vierzigjährigen Arbeiten im J. 
124-8 auch ein Steuerkataster 2 ) veröffentlicht, welches grosse Vorzüge 



1 ) Repetti, Dizionario T. II, p. 242 sq. Poggi H, 277—285. 

2 ) Wesentlichen Antheil an dessen Vollendung hatte jener treffliche Podestä Beno 



215 

vor dem über drei Jahrhunderte Jüngern besass, dessen Anfertigung der 
erste habsburgische Beherrscher der Lombardei, Kaiser Karl V, aus 
Anlass seiner fortwährend steigenden Geldbedürfnisse und der durchaus 
veränderten Verhältnisse, verfügte. Letzteres, im J. 1568 publicirt, 
wimmelte aber dermassen von Fehlern und Auslassungen 1 ), dass es die 
oben erwähnten Bemühungen der Städte , auf die Schultern der ländli- 
chen Bevölkerung einen unverhaltnissmassigen Antheil der Steuern zu 
wälzen, nicht wenig erleichterte und unterstützte. Da nun die Bauern 
von der ihnen seit Jahrhunderten verbleibenden Hälfte des Rohertrages 
diese sammt und sonders ausschliesslich zu bestreiten hatten, wird leicht 
zu ermessen sein, wie gewaltig sie, und damit auch die Bodenkultur, un- 
ter dem Drucke jenes kanonischen Katasters zu leiden hatten. Die da- 
her rührenden flehendlichen und dringenden Bitten aus allen Theilen der 
Lombardei hatten endlich auch Kaiser Karl VI beAVogen, im J. 1718 
die Aufnahme eines neuen Flurbuchs anzuordnen, die aber, weil man die 
Sache verkehrt angriff und mit lächerlicher Pedanterie betrieb 2 ) , nach 
nutzloser Vergeudung einiger Millionen nur zu bald wieder in's Stocken 
gerieth, erst unter der Regierung seiner trefflichen Tochter (1749) 
neuerdings frisch aufgegriffen und mit grosser Umsicht und Unpartei- 
lichkeit 3 ) nach zehnjährigen Arbeiten zu Ende gefördert wurde; im J. 
1759 erfolgte die Veröffentlichung dieses Katasters. 

Die am 30. December 1755 vorausgegangene Verleihung einer, 
man möchte sagen überraschend freisinnigen Gemeinde-Verfas- 
sung, sowol der städtischen wie der bäuerlichen Gemeinden, war die 
zweite grosse Wohlthat , welche die Bevölkerung der Lombardei , und 
zumal die ländliche , Marien Theresien verdankte. Gegründet auf das 
goldene Princip gerechter und umfassender Vertretung aller Steuer- 
pflichtigen, gewährte sie allen, bürgerlichen wie bäuerlichen, Gemein- 
degliedern unbeschränktes Stimmrecht in sämmtlichen sie betreffenden 
Angelegenheiten und Theilnahme an der jährlichen Wahl ihrer Obrig- 
keiten und Vertreter, wie der Verwalter ihres Vermögens, zu welchen 
aber diejenigen nicht gewählt werden durften, von denen am meisten zu 



Gozzadiui aus Bologna, der sich um Ackerbau und Schifffahrt im Mailäudischen auch das 
unsterbliche Verdienst der Herstellung eines grossartigen Bewässerungs- und Schifffahrts- 
Kanals im Jahre 1257 erwarb. Carli, II Censimento di Milano p. 2. Verri, Storia di Mi- 
lano T. II, p. 42. 

1 ) Czörnig, Die lombardische Gemeindeierfassung S. 18. 

2 ) Burger, Reise durch Ober - Italien, mit vorzügl. Rücksicht auf d. gegenwärt. Zu- 
stand d. Landwirthschaft Bd. II, S. 231 (Wien 1831—1832. 2 Bde.). 

3 ) Questa operazione fu condotta con una saviezza, imparzialitä, e sagacitä che servira 
sempre di modello a chi vorra imitarla. Pecchio a. a. 0. p. 107. 



216 

befürchten stand, dass sie ihren Einfluss zumal auf die minder urteils- 
fähigen Bürger und Bauern zum Nachtheile derselben wie der Gesainmt- 
heit missbrauchen möchten — Geistliche und Militärpersonen. Von 
einer so eifrigen Freundin des Klerus, wie Maria Theresia war, gewiss 
eine merkwürdige Bestimmung, kaum minder denkwürdig, als die That- 
sache, dass die Italiener sonach das erste Beispiel der Einführung, oder 
vielmehr Wiedererweckung einer Volksvertretung einer Habsburgerin 
verdanken. Es ist keiner der kleinsten Anlässe des, ihm in unseren Ta- 
gen so verhängnissvoll gewordenen, tiefen unversöhnlichen Hasses der 
Lombarden gegen den österreichischen Hof gewesen, dass derselbe seit 
dem J. 1815 diese, ihnen von Marien Theresien verliehene und gewis- 
senhaft aufrecht erhaltene treffliche Gemeindeordnung vielfach verstüm- 
melt, in ihren wichtigsten Bestimmungen wieder aufgehoben hat 1 ). 

Selbstverständlich ist sie zumal der Erlösung des Landvolkes von 
dem, seit mehr als zwei Jahrhunderten auf ihm so verzehrend lastenden 
Drucke seiner adeligen und geistlichen Gutsherren ungemein förderlich 
geworden. Der lombardische Bauer hatte in dem ihm eben so wol wie 
seinem Grundherrn verliehenen unbeschränkten Stimmrechte in allen Ge- 
meinde-Angelegenheiten ein sehr kräftiges Präservativ gegen die Be- 
drückungen des Letztern, in der diesem bereiteten Notwendigkeit, seine 
Pächter in jedem Jahre wiederholt als gleichberechtigte Gemeindeglie- 
der anerkennen und behandeln zu müssen, ein ungemein wirksames 
Mittel erhalten, ihn von der Höhe seines Stolzes und seiner Einbildung 
zur bescheidenen Menschlichkeit herabzuziehen, die Kluft allmählig aus- 
zufüllen , die bislang zwischen ihnen gähnte. Da die Kaiserin daneben 
auch die Majorate 2 ) und die noch bestehenden Lehnsverhältnisse, so 
wie viele Patrimunial- Gerichtsbarkeiten nach und nach aufhob, die noch 
geduldeten erheblich einschränkte und sorgfältig überwachen liess , so 
wurde die Stellung der lombardischen Landleute und Pächter ihren Grund- 
herren gegenüber der der englischen bald ziemlich ähnlich. 

Dass auch der Anbau des Landes in beziehungsweise kurzer Zeit 
dem Britanniens sehr nahe kam , war grossentheils dem erwähnten , im 
Jahre 1759 publicirten Steuerkataster und den ihm zu Grunde gelegten 
Principien zu danken. Denn mit dem grossen Vorzuge einer durchaus 
gerechten und massigen Besteuerung des Grundvermögens vereinte sol- 
ches auch den der Aufhebung aller bisherigen Steuerfreiheiten, selbst 
der Geistlichkeit, so wie den höchst seltenen einer ungemein wirksamen 



J ) Czörnig a. a. 0. S. 56 f. Carli, 11 Censimento p. 91 sq. Pecchio p. 117 sq. 
2 ) Milaao e il suo Territorio T. I, p. 58. 



217 

Aufmunterung zur Kultur des Bodens. Ganz merkwürdig ist, durch welch' 
einfaches Mittel ein so bedeutsames Resultat erzielt wurde. Es bestand 1 ) 
lediglich in dem in dem fraglichen Kataster aufgestellten und unverbrüch- 
lich festgehaltenen Grundsatze, dass alle in diesem als unangebaut be- 
zeichneten Lä'ndereien , auch wenn sie später unter den Pflug 
kommen und noch so reiche Früchte tragen würden, mit kei- 
ner höhern als der höchst geringfügigen Steuer belegt werden 
sollten, die von ihnen zur Zeit entrichtet worden, als sie noch völlig 
brach lagen. Eben so wurden alle Verbesserungen der Bodenkultur, 
die Eigenthümer oder Pächter vornehmen würden , mittelst der Bestim- 
mung vornherein belohnt, dass die kultivirten Grundstücke, wie ansehn- 
lich ihr Ertrag auch immer gesteigert werden möchte, nie höher be- 
steuert werden dürften, als sie in dem fraglichen Kataster einmal 
angesetzt waren. Und in gleicher Weise wurden alle Verschlechte- 
rungen jener vornherein durch die Festsetzung bestraft, dass die im Ka- 
taster als angebaut bezeichneten und taxirten Ländereien, wenn ihr 
Ertrag durch Trägheit oder schlechte Wirthschaft sich auch noch 
so bedeutend vermindern sollte, die vermöge des Katasters sie treffende 
Steuer zu zahlen dennoch fortfahren müssten. Es wird nicht in Abrede 
gestellt werden können, dass das eine sehr gelungene Lösung des schwie- 
rigen Problems Avar, den Fleiss des Landmannes anzufeuern und zu be- 
lohnen. Faulheit und Liederlichkeit ihm zu verleiden, zu bestrafen. 

Kaum wird es der ausdrücklichen Erwähnung bedürfen , dass der 
edle und erleuchtete Kaiser Joseph II bezüglich der Lombardei ganz in 
die Fusstapfen seiner trefflichen Mutter trat. Er beseitigte vollends die 
Patrimonial - Gerichtsbarkeit des Adels , so Avie alle noch vorhandenen 
Reste seiner lehnsherrlichen Rechte , Hess zur Förderung der ökonomi- 
schen Kenntnisse der Bauern von Mitterpachers trefflichen «Elementen 
des Ackerbaues« eine mit zweckmässigen Anmerkungen 2 ) versehene 
italienische Uebersetzung (17 84) unter jenen unentgeldlich vertheilen und 
stiftete zur ferneren Ermunterung der Bodenkultur nicht unbedeutende 
Preise für fleissige Landwirthe. 

Wunderbar Avar die Wirkung, Avie dieser acht staatsmännischen Po- 
litik Marien Theresiens und ihres grossherzigen Sohnes hinsichtlich der 
Lombardei überhaupt, so namentlich die der hier hervorgehobenen der 
ländlichen Bevölkerung derselben erwiesenen grossen Wohlthaten auf 



1 ) Carli a. a. 0. p. 131. 

2 ) Von Paolo Lavezari. Der ersten Auflage dieser Elementi d'Agricoltura (1784. 3 
Bde.) reiheten sich noch mehrere spätere an. 



218 

letztere und den Flor des Ackerbaues. Wie rasch dieser emporblühete, 
ist zur Genüge aus der einen Thatsache zu entnehmen, dass es zur Zeit 
der Aufnahme des Katasters, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, 
in der so überaus fruchtbaren Provinz Lodi ungefähr 23,00 Ruthen 
noch völlig unangebauten Landes, gegen Ende desselben deren aber 
keine hundert mehr gab! Nicht minder merkwürdig sind die grossen 
Ersparnisse, die erzielt wurden, und die daherrührende sehr bedeutende 
Verminderung der Steuern, seitdem, in Folge der erwähnten Ge- 
meindeverfassung, die Steuerpflichtigen selbst einen so wesentlichen An- 
theil an der Verwaltung, und zumal an der Vertheilung und Erhebung 
jener hatten. In den J. 1747 — 1749 mussten diese zur Bestreitung der 
Kosten der Provinzial- und Communal -Verwaltung jährlich 11,349,139, 
im J. 1763 aber nur 8,532,754 und im J. 1767 gar nur 8,417,873 
mailänd. Lire aufbringen! Da wird die überaus rasche Zunahme der 
Bevölkerung allerdings begreiflich genug! Da in den JJ. 1703 — 1748 
mehr als der dritte Theil der Lombardei mit mehr als einer Million 
Einwohner an das Haus Savoyen abgetreten worden, so zählte 
der hier in Rede stehende österreichisch gebliebene Theil derselben im 
J. 1749 nicht mehr als 900,000, im J. 1772 aber wieder 1,110,078 
und zwanzig Jahre später 1,324,150 Seelen! Damit stand es denn auch 
vollkommen im Einklänge, dass die unter der spanischen Regierung fast 
auf Null herabgesunkene Ausfuhr der reichen Naturerzeugnisse der 
Lombardei im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts wieder eine 
ganz bedeutende Höhe erreichte. Für Seide allein kamen damals aus der 
Fremde jährlich an zwei Millionen Thaler in das Land, für Wolle nahezu 
1,200,000, für Korn gegen 800,000, für Pferde und Hornvieh über 
2,000,000, für den berühmten Parmesankäse an 400,000, und, für 
Lein gegen 300,000, zusammen also über sechs und eine halbe 
Million (preussischer) Thaler 1 ). 

Ein würdiges Seitenstück zu dieser ruhmvollen, die Lombardei zu 
einem der blühendsten und reichsten Länder Europas erhebenden, Wal- 
tung Marien Theresiens und Josephs II in derselben bildete die 2 5 jäh- 
rige (1765 — 1790) ihres Sohnes, und beziehungsweise Bruders, Peter 
Leopold in Toscana, welcher nachmals (1790) als Leopold II den 
deutschen Kaiserthron bestieg, und wol einer der sprechendsten Beweise 
ist, wie mächtig ein Regent selbst von bloss mittelmässigen Geistesga- 
ben, denn nur die besass dieser Habsburger, das Glück eines Volkes, 

l ) Carli pp. 46. 132 sqq. Czörnig S. 46. Büsching, Magazin f. d. neue Histor. und 
Geograph. Bd. XI, S. 368. Hasse, Gesch. d. Lomb. Bd. IV, SS. 42. 217. Burger, Reise 
Bd. II, S. 253. 



219 



das Gedeihen eines Staates zu fördern vermag, wenn er mit gesundem 
Menschenverstand ein gutes, menschenfreundliches Herz verbindet. Wenn 
auch alle Zweige der Staatsverwaltung ihm die erheblichsten Verbesse- 
rungen zu danken hatten , so doch die wichtigsten und segensreichsten 
Reformen der Bauernstand und^die Landwirtschaft 1 ) , da diese 
dem in Rede stehenden trefflichen Fürsten ganz besonders am Herzen 
lagen. Aus der langen Reihe der von ihm zu dem Behufe gegebenen Ge- 
setze kann hier nur der wesentlichsten gedacht werden. Eröffnet wurde 
jene durch das wichtige, die alte verkehrte noch bis dahin fortwirkende 
mediceische Gesetzgebung über den Getreidehandel gründlich beseiti- 
gende, diesen durchaus freigebende Edict (v. 18. Sept. 1767) sowie mit 
der Aufhebung aller Mehl- und Brodtaxen , und mit der Befreiung auch 
des Viehhandels (1769) von den unsinnigen Fesseln, die ihn seit uralter 
Zeit in Toscana drückten. Nach dem Vorgange seiner trefflichen Mutter 
in der Lombardei verlieh Peter Leopold auch seinem Lande (1770) eine 
sehr freisinnige Gemeindeverfassung, so wie das grosse Gut einer 
durchaus gleichmässigen Besteuerung alles Grundbesitzes, mit 
Aufhebung aller ihr bislang entgegengestandenen Privilegien , selbst die 
der grossherzoglichen Domainen und der Geistlichkeit nicht ausgenom- 
men. Am erspriesslichsten sind dem Landmanne und der Landwirt- 
schaft jedoch die von Peter Leopold ausgegangene Abschaffung der 
alten so verderblichen Jagdgesetze (Juli 1772) und der Frohndienste 
(Juni 1776) so wie aller übrigen Spuren der Unfreiheit des Bauernstan- 
des, die Auflösung der bestehenden Fideicommisse oder Majorate 
(22. Febr. 1789) und das damit verbundene Verbot der Stiftung neuer, 
sowie die Bemühungen dieses Fürsten um ergiebigere Benützung des von 
seinen alten Fesseln befreieten Grund und Bodens geworden, und zwar 
letzteres vornehmlich mittelst Umwandlung der bisherigen Zeitpächter 
in Erbpächter und kleine, durchaus freie Landeigenthümer. 

Wie fast überall in Italien, herrschte auch in Toscana seit Jahrhun- 
derten ausschliesslich das alte System der Ueberlassung der Ländereien 
an Zeitpächter, die nach Belieben fortgejagt werden konnten, und um so 
weniger zu nützlichen Reformen und besonderem Fleisse sich angespornt 
fühlten , da die Unsicherheit des Besitzes davon abschreckte , und zudem 
die altherkömmliche Pachtquote der Abgabe der vollen Hälfte des Roh- 



l ) Das Folgende ganz nach dem oben angeführten Werke: Die Staatsverwaltung von 
Toscana unter der Regierung K. Leopolds II, und zumal nach der Einleitung Crome's zum 
dritten Bande desselben S. XXII f., dem mehr erwähnten Poggis TV II, p. 275 sq. uud 
einem Aufsatze Dericbs t. J. 1782: «Zustand der Bauern in Toscana» in Schlözers Staats- 
Anzeigen Bd. II, S. 437 f. 



£20 

ertrages an den Grundherrn jenen ohnehin keine besonders lohnenden 
Früchte verbesserten und emsigem Wirthschaftsbetriebes in Aussicht 
stellte. Es war Peter Leopolds grosses Verdienst, diese bedeutendste 
Schattenseite der Zeitpacht erkannt und auch das wirksamste Mittel zur 
Herbeiführung der angedeuteten Umgestaltung derselben ausgefunden zu 
haben. Er verfügte nämlich (2. Juni 1777 und 25. Aug. 1778), dass 
alle grossherzoglichen Domainen, sowie alle Güter der Gemeinden, geist- 
lichen Genossenschaften und frommen Stiftungen entweder in kleinen 
Parzellen verkauft oder an Erbpächter, mittelst öffentlicher Ver- 
steigerung oder privatim, ausgethan werden sollten. Der Kauf- so 
wie der Pachtschilling der Grundstücke sollte nach dem zehn- und nach 
Umständen auch nach dem zwanzigjährigen Durchschnittsertrage dersel- 
ben bemessen , nicht nur die ganze männliche , sondern nach deren Er- 
löschen auch die weibliche Nachkommenschaft des Erbpächters , gegen 
eine sehr massige Antrittsgebühr, diesem von Geschlecht zu Geschlecht 
succediren; verwirkte er durch Nichterfüllung der stipulirten Bedingun- 
gen das Gut, so blieb doch sein nächster Verwandter oder Erbe zur Ue- 
bernahme desselben berechtigt. Auch ward den Erbpächtern , die alle 
29 Jahre dem Grundherrn eine Recognition mit einem Pfund weissen 
Wachses zu leisten und eine genaue Beschreibung der Beschaffenheit des 
Gutes zuzustellen hatten, die Befugniss freier Verfügung über dieses mit- 
telst Testaments sowie rechtsgültiger Acte unter Lebenden und ferner 
das Recht eingeräumt, es hypothekarisch zu verpfänden, letzteres jedoch 
dem jährlichen Pachtkanon unbeschadet. Peter Leopold gewährte mithin 
auch dem blossen Erbzinsgute die wesentlichsten Vortheile des eigen- 
thümlichen, des Allodial-Besitzes, was nicht unerheblich dazu beigetragen 
haben mag, dass schon in den ersten Jahren nach dem Erlasse der hier 
in Rede stehenden Verordnungen, zwar nicht viele kleine Grundeigen- 
tümer, aber desto mehr Erbpächter in Toscana angetroffen wurden. 

Dank der weisen, überall von einem wohlthuenden Geiste gediegener 
Humanität beseelten Waltung Peter Leopolds war Toscana nach der 
Lombardei gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts die blühendste, 
wohlhabendste, gebildetste und sittlichste 1 ) Provinz Hesperiens. 

Die übrigen Theile desselben zeigten damals hinsichtlich der Zu- 
stände des Landvolkes und der Landwirtschaft meist einen sehr uner- 
freulichen Gegensatz, den traurigsten indessen das Königreich beider 
Sicilien. 

x ) Pietro Leopoldo gustö la gioia da niun altro principe goduta giammai, di veder 
Tiiote per molti giorni le carceri dello stato. Poggi T. II, p. 341. Vergl. noch Landucci 
im Giornale Agrario Toscano T. X, p. 149 sq. 



221 



DRITTES KAPITEL. 



Eben so denkwürdig Avie betrübend ist die Thatsaehe, dass in die- 
sem die besten Tage seiner ländlichen Bevölkerung wie der grösste Flor 
des Ackerbaues in jene erste Hälfte des Mittelalters fallen, wo Griechen, 
Longobarden und Saracenen hier herrschten, oder vielmehr um den Be- 
sitz des Landes mit einander in ewigem Streite lagen. Zumal die öfte- 
ren Streif- und Raubzüge der Muselmänner nach dem süditalischen Fest- 
lande haben auf die Stellung des dortigen Bauernstandes zu seinen 
Grundherren, Avie sonderbar das auch klingen mag, im Ganzen vorteil- 
haft eingewirkt, in ähnlicher Weise nämlich, wie die mehrhundertjäliri- 
gen Kämpfe zwischen ihren Glaubensbrüdern und den Christen auf der 
iberischen Halbinsel. Sowol um den von jenen verheerten Landstrichen 
neue Ansiedler zu geAvinnen , Avie auch um die Bauern der von ihnen 
verschonten gegen die, solche nicht selten eifrig Averbenden, Lockungen 
anderer Gutsherren zu stählen, sie von der Uebersiedelung zu diesen ab- 
zuhalten, sahen die adeligen und geistlichen Grossen zu einer sehr mil- 
den Behandlung ihrer Grundholden sich genöthigt, die darum in diesen 
Gegenden auch damals schon nicht selten persönlich freie, von Leib- 
eigenschaft nicht gedrückte, Menschen waren 1 ). Wesentlichen Antheil 
hieran hatte auch der Umstand, dass die benachbarte Insel Sicilien 
etAva dritthalb Jahrhunderte lang (von 827 — 1072) von den Beken- 



l ) Sehr unterrichtend über die A r erhältnisse des süditalischen Landvolkes in der hier 
in Rede stehenden Zeit ist ein uns überlieferter Vorgang aus der zweiten Hälfte deszehu- 
ten Jahrhunderts. Abt Aligeraus, der dem Kloster Monte-Cassino Tom J. 949 bis zum 
J. 986 vorstand (Series Abbat. Cass. ap. Muratori, Scriptor. Rer. Ital. T. V, p. 213), warb 
für mehrere, von den Saracenen verwüstete, Theile des Klostergebietes emsig neue An- 
bauer unter der ländlichen Bevölkeruno- der Umgegend, deren er auch eine grosse Menge 
gewann (Leon. Ostiens. Chron. Casin.: Muratori, Scriptor. T. IV, p. 341), aus welcher That- 
sache klärlich erhellt, dass das durchaus freizügige, also auch persönlich freie, nicht au 
die Scholle gebuudene Menschen gewesen sein müssen, da ihre bisherigen Grundherren 
ihrem Abzüge sonst ohne Zweifel sich widersetzt haben würden. Aligeraus musste jedoch, 
um jene neuen Ansiedler zu gewinnen, zum Abschlüsse förmlicher Verträge mit ihnen sich 
bequemen, kraft welcher sie das anzubauende Land auf 29 Jahre zu völlig freiem erbli- 
chen Besitze gegen sehr massige Pachtquoten erhielten. Sie brauchten nämlich nur den 
siebenten Theil der Brod- und Hülsenfrüchte, sowie den dritten (manche jedoch zwei 
Fünftel) des Ertrags der Weinberge dem Kloster jährlich abzugeben , und eine massige 
Geldsteuer (per singulos annos censum denareos argenteos qui dicitur eufingos duode- 
cim) zu entrichten, wogegen dieses ihnen das zum Aufbau ihrer Häuser und AVirthschafls 
gebäude erforderliche Material unentgeldlich lieferte, und ihnen so wie ihren Erben nach 
Ablauf dieser Contracte vollkommene Freizügigkeit urkundlich zusicherte. A'on Frohn- 
diensten uud sonstigen derartigen Leistungen ist in letzteren keine Rede. Tosti, Storia 
della Badia di Monte-Cassino, T. 1, pp. 147^223 sq. (Napoli 1842. 3 TT. Lex. 8.). 



nern des Propheten beherrscht wurde, in welcher Zeit sie zu einer seit- 
dem nie mehr erreichten Blüthe sich erhob. Es ist das schon zur Ge- 
nüge aus der einen Thatsache zu entnehmen, dass ihre Bevölkerung, 
die im Jahre 1842 nicht mehr als 1,974,186 Seelen betrug, im elften 
Jahrhundert aus 800,000 Köpfen mehr bestand 1 ), woher denn auch 
das damals sich fortwährend geltend machende Bedürfniss der Gründung 
neuer, so wie der Erweiterung der vorhandenen Städte rührte 2 ). Dies 
fröhliche Gedeihen war des glücklichen Umstandes Frucht, dass die mu- 
selmännischen Eroberer des fraglichen Eilandes sowol dessen vorgefun- 
dene Bewohner wie alle Einwanderer jedes Glaubens mit derselben 
klugen Milde und Toleranz behandelten, welche die Söhne des Islam 
vordem gegen die unterworfenen Christen Spaniens bewiesen 8 ). Die 
Sicilianer hatten ebenfalls nicht nur die unbehinderte Ausübung ihrer 
Religion und im Ganzen auch ihre bisherigen Gesetze, sondern selbst 
ihren Grundbesitz gegen eine sehr geringe Jahresabgabe behalten , nur 
Kriegsgefangenen und Aufrührern ward letzterer entzogen. Die für die 
Bauern des süditalischen Continents daherrührende Leichtigkeit , wenn 
sie mit ihrem Loose in der alten Heimath nicht zufrieden waren, bei den 
Saracenen Siciliens , die sie mit offenen Armen aufnahmen , eine neue 
und ein erträgliches Dasein zu finden, steigerte nun noch die für ihre 
Gutsherren, aus den angedeuteten Gründen, vorhandene Nothwendigkeit, 
sie menschlich und rücksichtsvoll zu behandeln. 

Mit der um die Mitte des elften Jahrhunderts vollbrachten Erobe- 
rung des neapolitanischen Festlandes, und der ihr bald (1072) folgenden 
auch der Insel Sicilien durch die französischen Normannen, wurde im 
mittäglichen Italien jene Institution erst recht eingebürgert, die nachmals 
mehr als in irgend einem andern Theile der Halbinsel zum verzehrend- 
sten Fluche des Landvolkes wie der Landwirthschaft ausartete — das 
Lehnswesen. Die Natur der Eroberung durch die Söhne des Barons 
Tancred von Hauteville mit Hülfe anderer normannischen Ritter und 
Landsleute bedingte schon eine sehr wesentliche Betheiligung dieser an 
der gemachten reichen Beute ; die Gefährten und WafTengenossen Wil- 
helm Eisenarms würden ihn nimmer als erstes Oberhaupt des neuen 
Staates ausgerufen und anerkannt haben (1043), wenn derselbe nicht 
gleich die grössere Hälfte der gewonnenen Länder ihnen zum Lehnbesitze 



x ) Nämlich aus 2,773,404. Neigebaur, Sicilien, dessen polit. Entwicklung und jetzige 
Zustände SS. 14. 27 (Leipzig 1848). 

2 ) Arena — Primo, Storia civile di Messina T. I, Part. I p. 163 sq. (Palermo 1841). 

3 ) Vergl. oben S. 19. 



223 

überlassen hätte 1 ). Damit wurde der Feudalismus auch in Süd -Italien 
zum Fundament, Mittelpunkt und beherrschenden Principe des gesamm- 
ten Staatslebens und zwar , nach einer um die Mitte des zwölften Jahr- 
hunderts getroffenen Bestimmung, in der Art erhoben, dass jedes Lehn, 
welches seinem Besitzer ein Jahreseinkommen von zwanzig Unzen oder 
120 neapolitanischen Dukaten gewährte, dem Könige einen Ritter und zwei 
Fussknechte zu allen Kriegszügen zu stellen hatte. Denkwürdig erscheint 
hierbei die, an eine ähnliche Einrichtung im heil, römischen Reiche 
deutscher Nation erinnernde, Eigenthümlichkeit , dass es im sicilischen 
in, den Tagen der Normannen und noch in viel späterer Zeit auch Lehne 
gab, die zur Stellung eines halben Ritters oder gar eines Viertel 
von einem Ritter verpflichteten. Wer nämlich nur so viele Bauern besass, 
dass er von ihnen jährlich nicht mehr als zehn Unzen Einkommen hatte, 
musste einen halben Ritter stellen, und wem jene nur fünf Unzen eintru- 
gen, ein Viertel von einem Ritter 2 ). 

Trotz der, schon hieraus sich ergebenden, Sonderung der Bevölke- 
rung in Herren und Knechte blieb doch das Loos der ländlichen Bevöl- 
kerung im Ganzen erträglich , so lange im Reiche beider Sicilien die 
kräftigen Monarchen aus dem normannischen und dem ihm nachfolgen- 
den hohenstaufen'schen Hause walteten, welche die Lehns- Aristokratie 
mit starker Hand nieder-, in den gebührenden Schranken hielten 3 ). Es 
gab doch noch immer , und zumal auf den königlichen Domainen , eine 
nicht unbedeutende Anzahl freier Bauern 4 ) , und wenn die auf den Gü- 
tern des Adels und der Kirche ansässigen auch fast durchgehends unfrei, 
an die Scholle gebunden und selbst leibeigen waren, so sind sie doch 
sehr weit entfernt von der faktischen Rechtlosigkeit gewesen , der sie 
später verfielen. Und zwar vornehmlich deshalb, weil die normannischen 
Könige ihren weltlichen wie geistlichen Grossen meist nur die Civil- 
Gerichtsbarkeit über ihre Hintersassen zu gestatten, die Cr im inal- Juris- 
diction über diese aber sich selbst vorzubehalten pflegten, und jene 
durch ihre Justizbeamten überhaupt eifrig überwachen Hessen 3 ). Zwar 

1 ) Petit de Baroncourt, De la Politique des Normands peud. la conquete des Deux- 
Siciles p. 38 sq. (Paris 4846.) Gregorio, Considerazioni sopra la Storia di Sicilia T. 1, p. 
22 sq. (Palermo 1805—1816. 6 TT.) 

2 ) Galanti, Histor. u. geogr. Beschreibung beider Sicilien Bd. I, S. 111 (der deutsch. 
Uebersetz. v. Jagemann, Leipzig 1790—1795. 5 Bde.). 

3 ) Winspeare, Storia degli Abusi feudali T. I (et unic. Napoli 1811), p. 38 sq.; ein 
eben so wichtiges als seltenes Werk. 

4 ) Gregorio a. a. 0. T. II, p. 169. 

5 ) Gregorio T. VI, p. 72: Era stato con assai sayiezza istituito dal re Rugieri (der 
Zweite, regierte Ton 1111—1154) e confermato dall' imperador Federigo (11) per ciascuna 
proTincia o yalle della Sicilia un giustiziero con la piü ampla giurisdizion criminale, ed 



2U 



massten in den anarchischen Zeiten gegen Ausgang des zwölften und im 
Beginne des dreizehnten Jahrhunderts nicht wenige der Magnaten auch 
die hohe, die peinliche Gerichtsbarkeit sich an. Aber der grosse, seine 
Zeit weit überragende Hohenstaufe Kaiser Friedrich II, der von dem 
so richtigen Grundsatze geleitet wurde , dass der Wohlstand der Be- 
herrschten die sicherste Basis desjenigen ihrer Beherrscher bilde , der 
schon deshalb das Landvolk mit seltenem Eifer gegen die Bedrückungen 
der Barone schützte 1 ), und überhaupt sein Möglichstes that 2 ) zur Ver- 
besserung der Lage desselben wie zur Hebung des Ackerbaues, unter 
anderen auch auf allen Krongütern die Leibeigenschaft der Bauern (123.1) 
aufhob, entriss nicht allein diesen Usurpatoren das Recht über Leben 
und Tod ihrer Leibeigenen und Hörigen, sondern er entzog es selbst 
jenen Grundherren, welchen es von der Gnade seiner Vorfahren auf dem 
sicilischen Throne verliehen worden 3 ). 

Einige Uebereinkünfte zwischen dem Kloster Monte - Cassino und 
verschiedenen ihm unterthänigen Landgemeinden aus der hier in Rede 
stehenden Zeit geben erwünschte Aufschlüsse über die damaligen Ver- 
hältnisse zwischen Grundherren und Bauern im sicilischen Reiche. Man 
entnimmt aus denselben, dass die Lage der Letzteren hier in jenen Ta- 
gen doch ungleich besser Avar, als z. B. in Frankreich und Deutschland. 
Von dem auf ihren dortigen Berufsgenossen so schwer lastenden Unfuge 
der «todten Hand« und ihrem Ausflüsse, dem verhassten «Besthaupte», 
wie überhaupt noch von mehreren anderen Bedrückungsrechten der dasi- 
gen Grundherren war hier nirgends die Rede, indem den sicilischen 
Landleuten ein unbeschränktes letztAvilliges Verfügungsrecht über ihren 
Nachlass und ihren Verwandten, mitunter selbst den entferntesten, ein 
eben so unbestrittenes Erbrecht im Falle testamentlosen Hintrittes ge- 
stattet war. Misshandlungen Leibeigener , und sonstige Freiheiten , die 
sich Ritter und Edle gegen diese anderwärts ganz unbedenklich erlauben 
mochten und tagtäglich erlaubten, Avaren hier strenge untersagt und wur- 



ei dovea sempre visitare la sna provincia e punire sul luogo i delitü, e teuere in sogge- 
zione i magistrati locali si nel demanio, che neue baronie del suo territorio. 
!) Winspeare a. a. 0. T. I, p. 37 und Note p. 44 sqq. 

2 ) Del Re, Descrizione topogr. fis. econom. polit. de' Reali Dominj al di qua del Faro 
nel Regno delle due Sicilie T. I, p 128 (Napoli 1830—1836. 3 TT.): Federico . . . 
promosse con largizioni le arti , il commercio , Tagricoltura e la pastorizia : snstenne gli 
agricoltori nel possesso delle terre che avevano migliorate : diede in enfiteusi i terreni 
paludosi e boscosi de' suoi demani . . . ed ebbe per base che la ricchezza de" suddili 
formava quella dello Stato, e che non era perduto ciö che riyerberaYa in loro vantaggio. 

3 ) Gregorio T. I, p. 105. T. III, p. 70 sqq. 



225 

den empfindlich geahndet 1 ). Die jenen obliegenden Frohndienste sind 
genau bestimmt, und im Ganzen ebenso massig gewesen wie die Grund- 
steuern und übrigen von ihnen geforderten Leistungen, welche die 
Bauern überhaupt zu verweigern berechtigt waren, so lange ihnen vom 
Kloster z. B. kein Ersatz ihres requirirten oder bei den Frohnden ge- 
fallenen Viehes geleistet worden 2 ). 

Nach dem Untergange der Hohenstaufen ist das sicilische Reich 
bekanntlich fast durch zwei Jahrhunderte von verschiedenen Dynastien 
beherrscht worden; während das Festland dem Hause Anjou anheim- 



1 ) Urk. des (v. 4 488 — 4209 regierenden) Abtes Roffredo v. Monte - Cassino für die 
Landgemeinde Ponte corvo v. J. 1490: Tosti, Storia della Badia di Monte -Cassino T. 11, 
p. 198 sq.: Nullus miliium verberet hominem alterius, pro eo quod ipse verberavit homi- 
nem suum. Nullus militum aliquem de populo audeat verberare, nisi evidens culpa prae- 
cesserit. Si quis violenter corruperit aliquam foeminam suam (d. h seine Leibeigene), 
aut accesserit ad uxorem hominis sui (seines Leibeigenen), perdat dominium illius 
hominis. 

Urk. desselben Abtes für die Bauerngemeinde St. Angelo in Theodice ohne Jahr: 
Ebendas. T. II, p. 201 sq.: Si quis Testrum sine testamento mortuus fuerit, et parentes 
relinquit, ipsi in omnem substantiam ejus.succedant, sicut lex est, salvo servitio S. Bene- 
dicti (des Klosters), et si testameutum de rebus suis facere voluerit, potestatem ei conce- 
dimus judicare ac disponere infra terram S. Benedicti quomodo et qualiter voluerit. — 
Dass auch andere, der Abtei uuterthänige Landgemeinden diese Befugnisse ebenfalls 
besassen, ersieht man aus weiteren bei Tosti abgedruckten Urkunden, wie z. B. aus der 
des Abtes Bernardo für St. Germano v. J. 4267 T. 111, p. 87. Hier erstreckte sich das 
Erbrecht der Verwandten sogar usque ad septimum gradum. 

2 ) Angef. Urkunde des Abtes Roffredo für St Angelo in Theodice bei Tosti T. 11, 
p. 202: Vos qui modo servitio (Frohndienste) incumbilis victis a nostra curte recipialis. 
Vos qui modo cum equis servire debetis, si aliqua necessitate cogente, quando equos 
vestros vobis abstulerimus, aut ubicumque mortui fuerint propter servitium nostrum con- 
cedimus ut terraticum (Grundsteuer, vergl. Muratori, Antiquität, ltal. T. II, p. 9) non 
detis nee aliquod servitium faciatis, donec vobis a curia nostra restituantur .... 
Vos qui rusticanorum servitium facere debetis, aliam vicendam laborare non cogamini 
nisi illam de S Laurentio quantum vestra cousuetudo est. 

Urk. des Abtes Bernardo für St. Germano v. J. 4267 T. 111, p. 85: Item concedimus, 
conßrmamus vobis, qui nobis et monasterio cum equis servire debetis, si aliqua necessi- 
tate contingente vobis ipsos equos abstulerimus, aut ubicumque pro nostro servitio mortui 
fuerint, ut terraticum non detis nee servitium faciatis, sed rationes ad ipsum servi- 
tium pertinentes reeipiatis et habeatis, donec curia equos vobis restituat. 

Und in dem, die bisherigen Leistungen der Unterthanen des Klosters in der diesem 
gehörenden Herrschaft St. Elia zusammenfassenden, Dienstregister v. J. 4270 bei Tosti 
T. III, p. 70 sq. heisst es unter andern : ille, qui habet par bovum, tenetur praestare prae- 
dicto monasterio quatuor operas (Tage) annuatim cum ipsis bobus, duas videlicet ad 
recalhandum, et reliquas duas ad seminandum, et reddere unam galliuam in nativitate 
Domini, et unam gallinam in Resurr ectione ejusdem. Ille vero qui caret bobus, eodem 
modo tenetur praestare, quatuor operas de persona sua, videlicet duas ad meteudum 
et duas ad triturandum, et tenetur praestare unam gallinam in Nativ. Dom. et unam in 
Resurrectione ejusdem. 

Su gen heim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. \§ 



226 

fiel, gehorchte die Insel seit der blutigen nach ihr benannten Vesper 
(1282) Regenten aus dem Konigsgeschlechte Aragon iens. Diese Tren- 
nung ward namentlich für den Bauernstand, und ganz besonders, wie 
auch am frühesten, für den des Eilandes Sicilien zu einem schweren 
Verhängniss. Die ersten kräftigen Angiovinen vermochten doch noch 
immer den Adel einigermassen in Schranken zu halten, und ihm zumal 
die Usurpation der Griminal -Gerichtsbarkeit über seine Grundholden, 
nach welcher derselbe mit ungemeiner Lüsternheit gierte, im Allgemei- 
nen zu wehren 1 ), wenngleich sie sich zu einzelnen Verleihungen be- 
quemen mussten. Dagegen sahen schon die ersten Aragonesen durch den 
leidigen Umstand, dass sie die Erwerbung der Insel vornehmlich dem 
Adel verdankten und diese auch nur mit dessen Hülfe gegen die rastlo- 
sen Wiederentreissungs- Versuche der Angiovinen zu behaupten ver- 
mochten, dass sie die Barone gegen die ewigen Lockungen der Letzte- 
ren zu stählen sich fortwährend sehr angelegentlich bemühen muss- 
ten 2 ), auch zu grosser Connivenz den Edelleuten gegenüber sich genö- 
thigt. Darum glückte es bereits gegen Ende des dreizehnten und im 
Beginne des folgenden Jahrhunderts einer bedeutenden Anzahl der ange- 
sehensten Adelsgeschlechter der Insel, von den Regenten derselben 
auch die Verleihung der Griminal -Jurisdiction, des sogenannten Meri 
et mixti Imperii über ihre Hintersassen zu erlangen 3 ). Der dadurch noch 
gesteigerten Begierde der übrigen, nach Erwerbung desselben bedeut- 
samen Privilegiums, eröffnete sich sowol in Sicilien, wie auf dem neapo- 
litanischen Festlande aber ein weiter Spielraum seit der Mitte des vier- 
zehnten Jahrhunderts, wo hier wie dort anhaltende Bürgerkriege und 
Parteikämpfe wütheten, das Scepter schwachen, zum Theil weiblichen, 
und auch ganz unfähigen Händen überkam, und während einiger Men- 
schenalter fast nur in solchen ruhete. 

Diese anarchischen Zeiten haben nun über Süditaliens Landvolk nicht 
nur damals das Vollmass der Drangsale ausgegossen, sondern sind ihm 
auch besonders dadurch ungemein verhängnissvoll geworden, dass sie 
eigentlich den Grund legten zu seiner langen, bis in unsere Tage fort- 
dauernden Leidensnacht. Dass bereits unter den ersten Angiovinen die 
Stellung der Bauern ihren Grundherren gegenüber, wegen der Einschlep- 
pung vieler vorher unbekannter französischer Feudalrechte durch die 



1 ) Gregorio, Considerazioni T. IN, p. 79. Winspeare Note p. 71. 

2 ) Gregorio T. IV, p. 17 sq. 

3 ) Gregorio T, IV, p. 115 sq. 



227 

Gefährten Karls I, von Anjou 1 )-, eine erhebliche Verschlimmerung 
erfahren, erhellt einmal schon aus der Thatsache, dass damals Entwei- 
chungen jener in die königlichen Städte, um unleidlicher Bedrückungen 
sich zu entschlagen, so oft vorkamen 2 ); dann, aus mehreren uns überkom- 
menen Beschwerden 3 ), welche verschiedene neapolitanische Landge- 
meinden im letzten Decennium des dreizehnten und im Beginne des 
folgenden Jahrhunderts an König Karl II gegen ihre Seigneurs rich- 
teten. Man erfährt aus denselben , dass diese ihren Hintersassen 
nicht nur ganz neue und ungebührliche, ja selbst äusserst kränkende 4 ) 
Frohnden und Lasten aufgebürdet, bedeutende Summen sogar ohue den 
mindesten rechtlichen Vorwand durch Einkerkerung und schnöde Ge- 
walttaten abgepresst, sondern auch die Criminal-Gerichtsbarkeit über 
jene sich eigenmächtig angemasst, und diejenigen mit dem Tode bedroht 
hatten, die dieserhalb bei dem Könige Klage erheben würden. Nun war 
Karl II noch stark genug, solch' übermüthigen kleinen Despoten die 
verdiente Strafe angedeihen zu lassen 5 ). Aber seit der Mitte des vier- 
zehnten Jahrhunderts entbehrten, wie berührt, sowol seine Nachfolger 
auf dem neapolitanischen Throne wie die Beherrscher Siciliens dieser 
Fähigkeit, und da wird hiernach leicht zu ermessen sein, in welcher 
Weise die in Rede stehenden kleinen «Tyrannen«, wie sie selbst in 
Staatsschriften und anderen coätanen Urkunden genannt werden, erst zu 
einer Zeit mit dem Landvolke umgesprungen sein mögen, wo die Träger 
der Krone ungleich abhängiger von ihnen, als sie es von denselben 
waren, und der Bauer daher thatsächlich gar keinen Schutz gegen ihren 
frevelnden Uebermuth besass. Es ist eben darum damals auch zu Öfteren 
blutigen Aufständen der verzweifelnden Landleute gegen die Barone 
gekommen, welche von den Königen ausdrücklich amnestirt wurden, 

1 ) Del Re a. a. T 1, p. 132: Si rese Tie piü gwe il giogo coli' introduzione de' 
diritti feudali che yigevano nel ducato di Angiö. Que Francesi ä quali erasi (von Karl 1 
von Anjou) fatta concessione di feudi, costriusero gli abilauti a macinar il grano ne loro 
molini, soggetlarono i coltivatori uel lempo deJla messe e della yeDdemmia a personali 
servigi etc. Un tal esempio venne imitato anche dayli altri (d. h. den einheimischen) 
feudatari. 

2 ) Scotti et Aprea, Syllabus Membranarum ad Regiae Siclae Archivum pertinentium 
T. I, p 187—188. T. II, Pars I, p 126 (Neapoli 1824—1845. 2. TT. 4.) 

3 ) Galanti a. a. 0. Bd. II, S. 443 u Bd. III, S. 459 ff. Winspeare Note p. 51 sq. 

4 ) Z. B. Item, quod dictus dorn. Riccardus (de Claromonte) quando aliqui canes 
moriuntur in domo sua, mandat hominibus ipsius Terre portare canes mortuos in 
collo seu in someriis ad sepelliendum, dicendo quod propterea qnia fuerunl de nobüi 
genere canum, non vult, quod lupi debeant de eis manducare. Item, quod dict. dorn. 
Riccardus cogit homines ipsius Terre habentes Capras ducere eas ad hospicium ipsius 
Domini, ut ex lacte ipsamm catuli ipsius Dom. Riccardi nulriantur. Galanti II, 448. 

5 ) Galanti III, 478. Winspeare Note p. 63 sq. 



228 

weil es Nothwehr, das einzige Mittel der Befreiung von ganz unleidli- 
chem Drucke gewesen 1 )! 

Die angedeutete lange traurige Nachwirkung der in Rede stehenden 
fast hundertjährigen Anarchie sowol in Neapel wie in Sicilien auf das 
Geschick des Landvolkes dieser Länder rührte aber 2 ) vornehmlich daher, 
dass es während jener den meisten Baronen des Festlandes glückte, 
auch die unbeschränkte Criminal- Jurisdiction über ihre Hintersassen 
zu erwerben, theils durch Verleihung der sich bekriegenden Staatshäup- 
ter und Kronprätendenten, die dadurch Anhänger unter dem Adel zu 
gewinnen suchten — zumal die beiden Königinnen Johanna I und II 
machten einen sehr umfassenden Gebrauch von diesem Bestechungs- 
mittel 3 ) — , theils durch eigenmächtige, und von jenen nachmals aus 
demselben Grunde sanctionirte Anmassung. Und auf der Insel Sicilien 
war es in dem blutigen Gewirre dieser Unglückszeit, und zwar vor- 
nehmlich auf letzterem Wege, gar allen Baronen 4 ) gelungen, die un- 
eingeschränkteste Criminal-Gerichtsbarkeit über ihre Grundholden, mit 
Ausschliessung jeder Berufung an die königlichen Gerichtshöfe, zu 
erlangen. 

Als König Alfonsos I starke Hand in den, unter seinem Scepter 
(1442) wieder, aber noch nicht dauernd, vereinten Reichen Neapel und 
Sicilien den Abgrund dieser fast hundertjährigen thatsächlichen Gesetz- 
losigkeit schloss, war die Uebermacht des Adels daselbst so fest ge- 
gründet, dass sogar der genannte kräftige Aragonier auf alle Versuche 
verzichten musste, die früher bestandenen Verhältnisse wieder herzu- 
stellen. Dennoch würde er schwerlich nicht allein zu einer allgemeinen 
Bestätigung alles Dessen sich verstanden haben, was die Barone seinen 
Vorgängern bislang abgetrotzt, usurpirt hatten, sondern gar noch zur 
Consolidation und Ausdehnung ihrer neu gewonnenen Rechte, wenn er 
nicht unglücklicher Weise statt legitimer Sprösslinge nur einen natürli- 
chen Sohn, Ferdinand, besessen hätte. Es war sein Lieblingswunsch, 
diesem die Nachfolge wenigstens auf dem Throne Neapels zuzuwenden, 



1 ) Gregorio T. V, p. 49 und Prove ed Annotaz. p. 33 sqq. 

2 ) Tutto giorno i baroni formavan processi, incarceravano, condannavano alla galera 
ed ad altre pene i loro Vassalli seuza darne niun conto al Goyerno. Bianchini, Storia 
econom.-cinle di Sicilia T. I, p. 143 (Napoli 1841, 2 TT.). 

3 ) Scotti et Aprea, Syllabus T. II, Pars II, p. 83. Winspeare Note p. 72 sq. 

4 ) Anzi trascorse la licenza a segno, che ciaschedun dei baroni non solo non per- 
metteva che le sentenze civili o criminali delle corte de' luoghi di sua giurisdizione si 
proponessero per appello alla Magna Curia; ma eziandio redendo la sua giustizia indipen- 
dente del tutto e come sorrana, introdusse, che a lui si appellasse, edegli se ne costitui 
giudice superiore. Gregorio T. V, p. 45. 



229 

wozu aber selbstverständlich vor Allem die Zustimmung des Adels erfor- 
derlich war. Der war auch so schlau, sie ohne Anstand zu gewähren, 
jedoch unter der Bedingung, dass der König dagegen nicht nur allen 
Baronen, welche die peinliche Gerichtsbarkeit über ihre Grundholden 
bereits besassen, solche für sich und ihre Nachkommen bestätigte, son- 
dern sie auch all' denen erblich verleihe, die sie bislang noch nicht 
erworben. Alfonso I war schwach genug, seinem erwähnten heissen 
Verlangen dies bedenkliche Opfer (14-43) zu bringen 1 ). 

Es war nicht der einzige schlimme Dienst von lange nachwirkenden 
sehr traurigen Folgen, den der in Rede stehende Monarch, obwol einer 
der ausgezeichnetsten Fürsten seiner Zeit, dem Landvolke wie der 
Landwirthschaft Neapels und Siciliens erwies, indem diese Reiche ihm 
auch die Verpflanzung eines der verrufenen spanischen Mesta 2 ) ähnli- 
chen Unheils aus seinem Heimathlande Aragonien in ihre gesegneten 
Gefilde verdankten. Es bestand in der Umwandlung weiter Strecken des 
fruchtbarsten Bodens in Weideplätze für grosse Schafheerden, was 
bei der in König Alfonsos I Tagen, zumeist aus Anlass der vorherge- 
gangenen langwierigen Bürgerkriege, so gewaltig geminderten Bevölke- 
rung des sicilischen Reiches — das neapolitanische Festland zählte 
damals nicht mehr als anderthalb Millionen Einwohner 3 ) — nicht be- 
denklich und ein ganz passendes Mittel schien, die vielen wegen Mangel 
an Händen, wüst liegenden Ländereien zu verwerthen. Als aber in der 
Folgezeit die Seelenzahl sich wieder hob, und es namentlich unter der 
Regierung der spanischen Vicekönige, sowol den Besitzern des Weide- 
landes wie^der Viehheerden glückte, so manche der Privilegien der 
spanischen Mesta-Compagnie zu erwerben 4 ) , erwuchsen diese Triften 
und Heerden, ihre Besitzer und Pächter zu einer so argen Geissei des 



!) Galanti 1, 165 f. 

2 ) Vergl oben S. 42 f. 

3 ) Galanti I, 205. Bianchini, Storia della Finanze del Regno di Napoli p 163 (se- 
conda Ediz. Palermo 1839. 3 Thie. in 1 Bd. mit fortlauf. Seitenzahlen). 

4 ) Gregorio, Discorsi intorno alla Sicilia T. 11, p. 116 (Palermo 1831. 2 TT.) — l'abo- 
lizione del barbaro dritto della paslura. Questa legge che e' im avanzo dei tempi feudali, 
mentre abilita alcune specie di animali a poter pascolare in certi tempi neW 
altrui podere, fa che esso per tutto l'anno non si coltiva in modo, che alla sua ubertä 
per avyentura conviensi. E veramente oltra che non si puö murare, ne chiuder con ogni 
specie di siepe e di argine, onde non puö garantirsi da' furti e dalle vetture, che Ti en- 
trano per evitare i passi catlivi delle pubbliche strade ; non si farä giammai niuna piauta- 
gione, imperciocche sarebbe certamente distrutta dagli animali di pascolo, ed , ecco 
impedita la piü utile coltivation della terra. Perche adunque si tolga ancor questo ostacolo 
ai progressi dell' agricoltura in Sicilia, si abolisse ora questo barbaro dritto. 



230 

Ackerbaues, dass sie wiederholt Hungersnoth über das Reich herauf- 
führten '). 

Nicht unerwähnt mag bleiben, wie die Barone der Insel Sicilien 
es anfingen, um von Alfonso I ebenfalls die Anerkennung und Erneue- 
rung ihrer werthvollsten Errungenschaft aus den vorhergegangenen anar- 
chischen Zeiten, der peinlichen Gerichtsbarkeit über ihre Hintersassen, 
zu erhalten. Da das fragliche Eiland nicht dem erwähnten natürlichen 
Sohne des genannten Monarchen, sondern seinem Bruder Johann über- 
kommen sollte, entbehrten die sicilischen Grossen des Mittels, dessen 
ihre festländischen Standesgenossen zu dem berührten Behüte sich be- 
dient, und weil sie die Criminal-Jurisdiction, wie leicht zu erachten, 
weidlich missbraucht hatten, wie zumal durch Umwandlung der ver- 
wirkten gesetzlichen Strafen für Kapitalverbrechen in Geldbussen und 
Güter-Confiscationen, Avar Alfonso I (14-51) sehr nachdrücklich dagegen 
eingeschritten. Darum benützten Adel und Geistlichkeit ihr entschiedenes 
Ueberge wicht in den Parlamenten, d. h. in den schon seit der nor- 
mannischen Herrschaft eingeführten Reichstagen, dazu, den König in 
dem im J. 14-52 zusammen berufenen zu bitten, er möchte es doch 
ihren Unterthanen zu Liebe, beim Alten belassen, und namentlich 
von der beschwerlichen und schädlichen Neuerung der Appellationen an 
die königlichen Obergerichte absehen, da ihre Hintersassen wegen der 
mit diesen verknüpften grossen Kosten ja doch keinen Gebrauch davon 
machen könnten! Alfonso I, welcher einer bedeutenden Geldhülfe und 
theilweise zu anderen Zwecken, als das Parlament sie ihm verwilligen 
wollte 2 ), dringend bedurfte, und unschwer herausfühlte, dass Adel und 
Klerus ihm keinen Deut bewilligen würden, wenn er ihre heuchlerische 
Sorge für die Bequemlichkeit und Erleichterung ihrer Grundholden nicht 
für baare Münze nähme, musste nachgeben und in der Hauptsache die 
erlassenen Verfügungen widerrufen 3 ). 

Und Avie in dem vorliegenden Falle eine Institution, die, ihrer ur- 
sprünglichen Bestimmung gemäss, zum Heile des Volkes gereichen sollte, 
als Handhabe zu dessen Unterdrückung dienen musste, so auch in den 
nächstfolgenden Jahrhunderten. Das eben erwähnte grosse Uebergewicht 
des Adels und der Klerisei in den Parlamenten der Insel Sicilien be- 



1 ) Del Re, Descrizione I, 137 sq. und sehr ausführlich Galanti II, 323 f. 

2 ) Ayendo il parlamento del 1452 offerto uu douativo di duecento mila fiorini da 
pagarsi in dodici anr.i per la ricompra del demanio, ne volle Alfonso sborsali im- 
mantinenti trenta mila da applicarsi ad altri usi ed alle necessitä della sua corte. 
Gregorio, Considerazioni T. VI, p. 189. 

3 ) Gregorio T. VI, p. 140 sq. 



231 



ruhte einmal in dem Umstände, dass ') in diesen aus drei Kammern 
(Bracci) gebildeten Versammlungen der Stände über 200 Barone, 66 
Bischöfe und Prälaten, und nur 43 Abgeordnete der dem Könige un- 
mittelbar unterworfenen Städte (der Cittä Parlamentarie) sassen; die 
vielen, die dem Adel oder der Priesterschaft untergeben waren, hatten 
nämlich gar keine Vertreter in den Parlamenten, da ihre weltlichen oder 
geistlichen Territorialherren als solche galten. Nun verhandelten und 
beschlossen die drei Kammern zwar abgesondert und selbstverständlich 
auch nur nach ihren Sonderinteressen, aber dennoch geschah es fast 
immer, dass die Anträge und Resolutionen der zwei bevorrechteten 
Stände, und besonders die des Adels, als die der ganzen Insel angese- 
hen wurden und an den Thron gelangten. Denn die Städtedeputirten 
hatten nur höchst selten den Muth, dem, was Edelleute und Priester 
beschlossen hatten, auch nur zu widersprechen; es wird als Merkwür- 
digkeit hervorgehoben 2 ), dass sie das, so wie die Stellung eigener An- 
träge in den J. 1511 u. 1522 wagten. Und das war nur zu natürlich, 
da über alle königlichen Städte unaufhörlich die ungemein einschüch- 
ternde Besorgniss der Veräusserung oder Verpfändung an weltliche oder 
geistliche Magnaten wie ein Damoklesschwert schwebte. Es gehörte 
nämlich 3 ) von jeher zu den gewöhnlichen Auskunftsmitteln der Beherr- 
scher sowol Neapels wie Siciliens, in ihren so häufigen finanziellen Be- 
drängnissen sich hierdurch, wie durch Verkäufe und Verpfändungen 
königlicher Domainen und Rechte überhaupt, ausserordentliche Hülfs- 
quellen zu eröffnen, wie sie denn auch während der oben erwähnten 
langwierigen inneren Wirren und Kriege hiermit Anhänger zu werben 
pflegten; selbst Kaiser Karl V verkaufte für ungeheure Summen') könig- 
liche Städte, Schlösser und Gerechtsame an die Barone. 



1 ) Bartels, Briefe über Calabrien und Sicilieu Bd. II, S. 190 f. (Göttingen 1787—92. 
3 Bde.) 

2 ) Gregorio T. VI, p. 187. 

3 ) Weshalb auch mauche Städte durch ganz sonderbare Privilegien gegen solche 
Veräusserungen sich zu schützen suchten. So erwarb z. B. die Stadt Catanzaro in Calabrien 
von Ferdinand I v. Neapel (1465) die merkwürdige urkundliche Zusicherung, dass sie 
der unmittelbaren Herrschaft des Königs nie entzogen werden, und wenn das von ihm 
oder seinen Nachfolgern dennoch geschähe, berechtigt sein sollte, sich der Vollziehung 
mit gewaffneter Hand zu widersetzen, die königlichen Bevollmächtigten zu 
tödten und, wenn nöthig, sogar die Türken zu Hülfe zu rufen! Gleichzeitig 
(1464) ward der Stadt Rossano von demselbeu Monarchen die nämliche Versicherung 
mit der Einräumung erlheilt, dass die Stadt im Falle des Wortbruches zu offenem Wider- 
stände befugt sein sollte ohne sich dadurch der Rebellion schuldig zu machen' 
Galanti III, 17 f. 

4 ) Se ne vendettero (auf der Insel Sicilieu allein) nel 1528 in sino al valore di 



232 



Mehr noch aber als hierdurch ward die Allmacht dieser mittelst des 
permanenten reichsständischen Ausschusses (die sogenannte De- 
putazione suprema del Regno) befestigt dessen Entstehung in die oben 
berührten anarchischen Zeiten von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts 
bis um die des folgenden fallt; seine älteste urkundliche Erwähnung da- 
tirt vom J. 1446 1 ). Obwol dieser, von der Entlassung des Parla- 
ments, welches ihn bestellt, bis zur Berufung eines andern functionirende, 
aus zwölf Mitgliedern (vier von jeder Kammer) bestehende Ausschuss 
ursprünglich nur dazu bestimmt war, die Ausführung der Beschlüsse sei- 
ner Vollmachtgeber zu überwachen, wusste er es doch allmählig und 
ganz unvermerkt dahin zu bringen, dass er bereits in den Tagen Kaiser 
Karls V das unbestrittene Recht besass, alle königlichen Verordnungen 
zu prüfen und executorisch zu erklären, widrigenfalls sie un- 
gültig waren. Da nun auch in diesem permanenten Ausschusse Adel und 
Klerus unbedingt dominirten, so ward durch ihn die Regierung ganz un- 
fähig gemacht, auch nur das Mindeste zu Gunsten des so schmählich un- 
terdrückten Volkes zu thun. Denn alle diesfälligen Verfügungen mussten 
ja erst denjenigen zur Prüfung und Genehmigung vorgelegt werden, ge- 
gen die sie hauptsächlich gerichtet waren, und die fanden natürlich stets 
einen plausiblen Grund, Alles, was ihnen nicht zusagte, für gemein- 
schädlich, also auch für nicht vollziehbar zu erklären. 

Eben darum glückte es auch Ferdinand dem Katholischen, der das 
neapolitanische Festland und die Insel Sicilien wieder unter einem Scep- 
ter und Beide mit der grossen spanischen Monarchie dauernd vereinte, 
und seinem Enkel und Nachfolger, Kaiser Karl V, nicht, die projektive 
Einschränkung der übermässigen Gewalt des Adels in ihren süditalischen 
Provinzen, und namentlich der ihm über seine Grundholden zustehenden 
vollen Criminal-Gerichtsbarkeit durchzusetzen. Zum Schutze dieser ge- 
gen die Anmassungen und Bedrückungen ihrer Seigneurs ist zumal von 
dem genannten Habsburger manches recht Anerkennungswerthe gesche- 
hen 2 ). Besonders die von ihm zu dem Behufe eigens niedergesetzte 3 ) 



trentamila scudi ; nel 1534 per cinquantamila, nel 1537 si prescrisse vendersi in sino 
a centomila scudi castelli, terre, feudi, e giurisdizione regia e ogni altro diritto reale. 
Bianchini, Storia econoinico-civile di Sicilia T. I, p. 145. 

1 ) Gregorio T. VI, p. 204. 

2 ) Winspeare, Storia degli Abusi feudali p, 47 sq. 

3 ) Mittelst Decret v. 29. Merz 1536, abgedruckt bei Winspeare Note p. 80 sq. 
Cumque Regnum ingressi quamplures universitates et pifvatae personae, heisst es im moti- 
virenden Eingänge desselben, ad nos venerint de hujus Regni baronibus multas querimo- 
nias exhibentes causa gravaminum injuriarum et extorsionum et indebitarum exactionum 
supradictis vassallis illatarum et factarum. 



233 

Special-Behörde, alle gegen die Barone einlaufenden Besehwerden 
sofort zu untersuchen und für deren prompte Abhülfe zu sorgen, 
hätte sehr segensreich wirken können, wenn diese seine Schöpfung nicht 
ein todtgebornes Kind geblieben 1 ), Avenn es überhaupt, und namentlich 
unter solchen Verhältnissen, nicht unendlich leichter wäre, weise 
Gesetze zu erlassen, zweckmässige Anordnungen zu treffen, als ihre 
Ausführung zu sichern. 

Aus den in den JJ. 1515, 1520 und 1548 von den Parlamenten 
Siciliens, d. h. von den sie beherrschenden Edelleuten, gestellten Anträ- 
gen ist zu entnehmen, dass die genannten Monarchen einigen der Letz- 
teren, deren peinliche Gerichtsbarkeit über ihre Unterthanen auf reiner 
Usurpation beruhete, die auch nicht den geringsten Rechtstitel dafür 
aufzuAveisen vermochten, sie wieder entzogen hatten. Im J. 1515 
begehrten nun die Barone im Parlamente deren Wiedererstattung, 
unter der umschreibenden Formel der Verleihung der Criminal- 
Jurisdiction an alle, ohne irgend welche Ausnahme; sie waren 
so unverschämt, diese Forderung mit der notorischen Schlechtigkeit 
der königlichen Gerichtshöfe und der eben so unbestreitbaren Treff- 
lichkeit ihrer eigenen, so wie mit der grossen Armuth ihrer Hin- 
tersassen zu motiviren, die deshalb ausser Stande seien, die von 
jenen geforderten Gebühren zu entrichten! Im Falle der Gewährung 
erboten sie sich, dem Könige die Hälfte mehr zu zahlen, als die 
Einnahme des Fiscus von der hohen Gerichtsbarkeit über die frag- 
lichen adeligen Grundholden betrügen! Ferdinand des Katholischen aus- 
weichender Bescheid hielt Siciliens Barone nicht ab, seinen Enkel fünf 
Jahre später mit demselben, immer in das Heiligengewand väterlicher 
Sorge für ihre armen Unterthanen gehüllte, Anliegen zu behelligen; 
unterstützt Avurde es auch jetzt wieder von einem bedeutenden Geldoffert. 
Zwar besass Karl V so viel Charakter, diesen schnöden Handel jetzt 
eben so entschieden zurückzuAveisen, Avie 28 Jahre später (1548), wo 
die Barone im Parlamente nochmals darauf zurückkamen, mit dem An- 
erbieten noch beträchtlicherer Summen. Allein die gegen das Ende seiner 
Regierung immer höher steigenden Finanznöthen des Kaisers scheinen 
seine Festigkeit endlich dennoch erschüttert zu haben; Avenigstens ist es 
Thatsache, dass unter der Regierung seines Sohnes, König Philipps II, 
alle Barone Siciliens ohne Ausnahme im unangefochtenen Besitze auch 
der Criminal-Gerichtsbarkeit über ihre Unterthanen, mit Ausschluss jeder 



l ) Bianchini, Storia delle Finanze p. 262: — questi sayi ordinameuti non ebbero 
alcun effetto. 



234 

Appellation an den Landesherrn, sich befanden, und in demselben bis 
gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts sich behaupteten. Sie schalte- 
ten seitdem in ihren Herrschaften, gleich den Grossen Neapels, wie 
vollkommene Souveraine, was sie auch faktisch waren, nämlich eben 
so unumschränkt und allgewaltig wie die deutschen Fürsten in den 
letzten Zeiten des heil, römischen Reiches 1 ). 

Sehr natürlich mithin, dass der Zustand des Landvolkes in Neapel 
und Sicilien nur zu bald 2 ) der traurigste wurde, den man sich denken 
kann. Denn die spanischen Vicekönige dieser Länder hauseten fast 
durchgängig noch ärger als ihre Amtsbrüder im Mailändischen, und 
suchten den einzigen Stand, den sie zu fürchten und darum zu schonen 
Ursache hatten, den Adel, dadurch zu beschwichtigen, dass sie ihm das 
Volk, und zumal ihre eigenen Hintersassen, in einer Weise preisgaben, 
wie das selbst damals kaum in einem andern europäischen Lande ge- 
schah. Mit alleiniger Ausnahme Don Pietros von Toledo, den Karl V 
(1532) zum Gouverneur Neapels bestellte, der während seiner zwanzig- 
jährigen Verwaltung dieses Amtes sich manche Verdienste um das ihm 
anvertraute Reich erwarb 3 ), und auch das Landvolk gegen den Ueber- 
muth der Barone nach Kräften schützte, die ärgsten Missbräuche der- 
selben zu beseitigen oder wenigstens einzuschränken suchte 4 ), diese 
dadurch freilich aber auch so erbitterte, dass sie, wiewol vergeblich, 
durch Aufgebot aller möglichen Mittel 5 ), seine Absetzung vom Kaiser 



1 ) Gregorio T. VI, p. 146 sq. Neigebaur, Sicilien S. 420 f. 

2 ) Bereits im J. 1559 äusserte der sehr sachkundige venetianisehe Gesandte Soriano 
bezüglich Neapels: — ne si puö immaginare alcuna Tia da cavar denari da' popoli, che 
non sia in uso in quel regno. Onde i regnocoli per la maggior parte sono falliti e dis- 
perati, e molti si meltono alla strada per non aver allro modo di vivere, onde nasce 
tanto numero di ladroni e fuorusciti, che non ne sono altrettanti in tutto il resto d'ltalia. 
Alberi, Relazioni degli Ambasciatori Veneti Ser. I, T. 11J, p. 348. Lehrreiche Details über 
die entsetzliche Zunahme des letztberührten alten neapolitanischen Krebsschadens in der 
viceköniglichen Folgezeit bei Winspeare p. 58 sq. 

3 ) Del Re, Descriz. de' reali Domiui al di qua del Faro T. I, p. 147. 

4 ) So verfügte er unter anderen im J. 1536: Che i Baroui non abbiano a impedire i 
matrimonii de' loro vassali. Che i Baroni non abbiano a sovrim porre nuove gravezze a' 
yassali; ne' costringerli che prestin loro fidejussione a' propri debiti. Che de' terreni 
coltivati o inculti o boscati, i Baroni non possano appropriarsi niuna parte, senza la 
volontä espressa de' vassalli e del Vicere. Che de beni comunali usino come primi 
cittadini, senza discacciarne i vassalli. Che i Baroni non debbano sforzare i vassalli 
a comprare o affittare gabeile o altre rendite feudali, alprezzo da essi stabilito. Palermo, 
Narrazioni e Documenti sulia Storia del Regno di Napoli dalF a. 1522 al 1667 p. 142 
(Firenze 1846. T. IX der ersten Serie des Archivio Storico ltaliano). 

h ) Sogar tramarouo di sollevar tutta la Cittä (Neapel) a chiederlo per grazia allo Im- 
peradore. Ma fatti di ciö consigli publici si trovo che la maggior parle era in favor del 
Vicere. Miccio, Vila di Don Pietro di Toledo bei Palermo a, a, p 26, 



235 

zu erlangen suchten, haben alle Vicekönige förmlich nach Räuber-Art 
in diesen unglücklichen Ländern geschaltet '). 

Um die Edelleute zu bewegen, sie an der umfassenden Ausbeutelung 
des Volkes, und namentlich des Bauernstandes, nicht zu hindern, gewähr- 
ten sie ihnen nicht nur faktische Steuerfreiheit für sich, sondern auch einen 
hübschen Antheil an der Beute, indem sie ihnen gestatteten, von ihren 
Grundholden eben so viel und mitunter sogar die Hälfte mehr 
zu erheben, und für sich zu behalten, als die von den Parlamenten 
verwilligten Steuern betrugen 2 ). Manche Vicekönige, wie namentlich 



1 ) Vendevano per far danaro, ora l'una ora l'altra, le diverse specie di entrala 
pubbüca, che alla spagnuola chiamavano arrendamenti ; e creavano a piü potere novelle 
entrate, per vendere il capitale: vendevan le comunitä libere, infeudandole; equestecomu- 
nitä spesse volle ricomperandosi, lo rivendevano: vendevan l'esazione de donativi futuri, 
vendevan tutto. Ne ciö bastava: aggredivano i pagameuti assegnati come frulli a' compra- 
tori de publici capitali; ritenevan le paghe de' magistrali, della soldatesca, degli altri uffi- 
ziali, de' giubbilati; costringevauo i inercadaiiti a imprestare, assaltavan le bauche pub- 
bliche, falle con depositi particolari ; aggravavano di balzelli le persone ed i beni de' 
forestieri. Ma chi potrebbe dir tutto quanto questo sistema sfrontato e violento di ladro- 
cinii? Chi tutti potrebbe annoverare i danni, e le miserie che di necessitä conseguiroao 
all' infelicissimo Regno? Palermo a. a. 0. Discorso d'lntroduz. p. XXIII. Nur über den 
hier kurz angedeuteten schändlichen Kunstgriff der Vicekönige, mittelst Veräusseruug der 
Krone unmittelbar unterworfener, durch die feierlichsten und bündigsten Privilegien 
dagegen geschützter Städte an Barone, und sogar solcher die schon einmal verkauft 
gewesen und aus eigenen Mitteln sich losgekauft, die Rückkehr unter die 
unmittelbare königliche Herrschaft wieder erworben hatten, sich Geld zu machen, mögen 
aus den vielen von Palermo veröffentlichten speciellen Belegen dieser Charakteristik 
einige hier ausgehoben werden. In einem toscanischen Gesandteubericht aus Neapel 
v. 25. Mai 1606 (Palermo S. 262) wird erzählt: La corle ha ritrovato uua nova archimia 
per ayer danari; e si e, che hanno messo in vendita lulle le ciltä e lerre de demanio 
del Regno, eccettuato li luoghi suspetti, e quelle dove stanno presidii de Spagnoli; in 
tanto che il Principe di Conca voleva comprarsi Surrento, e quello si e difeso gagliardis- 
simamente con mostrare scrilture e privilegi che ni anche li Reli pitole donare al 
suo secondogenito, e cosi fu osservato al tempo delli Re d'Aragona: sieche li e stata fatta 
ragione mediante lo patrocinio fatto dal Dottore Ferrante Brancio, quäle dipende da 
quella nobiltä, et ha fatto fare tutte le cinque Piazze nobili di Napoli in favore di quella 
cittä, la quäle pure ha lasciato il manipolo alla corte de 10 mila docati: e cosi Conca si ha 
comprato Sulmona in 64 mila docati, con avere venduti tanti argenti per pagarla. E giä si 
sentono li rumori de' Sulmonesi con farne danari a furia per venirne a farnosi di 
demanio di novo; e cosi la Corte averä danari. E hanno messo in vendita Averta. Bari, 
e qualsivoglia altra piazza principale non sospetta in Regno. Und in einem anderen v. 43. 
Juli 1633 (Palermo Discorso p. XXUI): Si ha da audar per presupposto, che tutte le cittä 
et Terre demaniali, che puö hoggi vendere et iufeudare S. M., sono stale altre volle 
ricomprate da loro stesse, e fatto con esse contratto di regio demanio, con clausole 
amplissime. 

2 ) Del Re a. a. 0. T. I, p. 145: Per maggior infelicitä e rovina del paese, fecesi 
cadere tutto il fardello delle gabelle e delle gravezze sul popolo minuto. I baroni non 
solo ne andarono nella massima parte immuni o per raggiri o per connivenza de' regii 



236 

t 

der Herzog von Medina las Torres gingen selbst noch Aveiter, um des 
Adels Mitwirkung zu dem angedeuteten Behufe zu erlangen. Sie entban- 
den ihn nämlich, wie der eben Genannte, der überhaupt ') der Nichts- 
würdigste aller spanischen Statthalter dieser herrlichen Lande und gleich 
seiner, an schmutziger Habsucht ihn, wenn möglich, noch übertreffenden 
Gemahlin 2 ), eine furchtbare Volksgeissel war, im J. 1638 that, von 
jeder Berichterstattung, d. h. von aller Verantwortlichkeit, sogar 
bezüglich der Verwaltung der Criminal-Jurisdiction in ihren 
Herrschaften; die Barone durften sonach ganz nach Belieben hängen, 
köpfen, zur Galeere verdammen, die armen Opfer ihrer Willkühr 
in ihren scheusslichen Burgverliessen 3 ) vermodern lassen; ein Gesetz 
hinsichtlich dessen mit Recht bemerkt worden 4 ), dass die Wilden 
Amerikas kein gleiches erlassen würden. Was Wunder daher die 
häufigen Rebellionen und grausamen Rachehandlungen ganzer 

ministri, ma per la strana maiüera di esigere i tributi i riecht vassalli tennero a loro 
pro altrettanto o la metä piü della somma che si mandava alla Spagna. 

1 ) Winspeare, Storia degli Abusi feudali p. 65 : — il piü memorando e quello del 
Vicere duca di Medina e della Viceregina di lui moglie, i quali fecero un tale traffico di 
tutte le cariche di magistratura del regno, che il duca d'Arcos (der eben auch kein 
Heiliger war; unter ihm brach 1647 Masaniellos Aufstand aus) loro Successore diede con 
una pubblicitä inudita Vesempio di destituire tutti quelli creati dal suo predecessore 
e dalla moglie per la sola presunzione della loro parzialitä. La Memoria di questi con- 
jugi e macchiata da una doppia taccia, poiehe, ossendo possessori di grandi feudi nel 
regno, impiegarouo tutta la loro autoritä per aerrescere il catalogo delle gravezze baro- 
nali e per moltiplicare gli esempj delle piü gravi estorsioni su i comuni che erano 
loro soggetti, esempj che nhin altro dopo loro si trattenne piü dalV imitare. 

2 ) Von dieser, der reichsten Grundbesitzern! des Landes, erzählt Winspeare Note 
p. 114: La Viceregina era Terede della casa Stigliano Carafa, e portö la sua ereditä 
nella famiglia Gusman. Due documenti irrefragabili sihanno dell' esorbilanze colle quali 
governö i suoi feudi, e del profitto che trasse dal potere ed influenza che le dava il Tice- 
regnato del marito. Uno di questi documenti e l'aprezzo, che fu fatto di questi feudi nel 
1689 dopo la de^oluzione che ne segui; nel quäle apprezzo sono descrilti, como diritti 
de feudi, Vesorbitanze di ogni genere. Forniscono Valtro le donazioni ch'ella strappö 
ai comuni. Dal comune di Fondi si fece donare due quinte parti deir immensa piana di 
Fondi sotto pretesto di bonificarla. Ottenuto questo titolo, qualunque esso fosse, oecupd 
gli altri tre quinti, ed espulse dalla continenza di questo immenso demanio dell' 
estenzione di 2o,000 moggia tutti i proprietär j , che vi aveano i lor fondi indipen- 
denti dal dirilto del barone e del comune. La Viceregina Anna Carafa non solo non 
bonificö ni la parte donata, nd la parte oecupata, ma peggiorö tanto colle sue in- 
dustrie la condizione di quelle terre, che ancor oggi {4844) si travaglia a ripararne 
le consequenze. 

3 ) Bianchini, Storia delle Finauze p. 262: E Tidesi pure teuere i baroni durissime, 
ed oscure carceri sotterra per gettarvi le vittime delle loro passioni e vendette, ed avya- 
lersi contiuuamente dei trabocchi o trappole, che il lor brutale furore destinava a tomba 
de 1 viventi, le invendicate ossa de 1 quali in vari di questi orribili luoghi si sono a di 
nostri trovate come infame monumento della barbarie die quelV etä. 

4 ) Ton Galanti I, 288. 



237 

Gemeinden gegen ihre erbarmungslosen Tyrannen fast während zweier 
Jahrhunderte 1 )? War doch schon lange vor dem Ende dieses entsetz- 
lichen viceköniglichen Regiments das Elend der Bauern fast überall auf 
einen solchen Gipfel gediehen, dass die Möglichkeit ihnen noch etwas 
Erklekliches abzupressen selbst von denen in Abrede gestellt wurde 2 ), 
die in der edeln Kunst bis dahin eine unübertroffene Meisterschaft 
entfaltet hatten! 

Zwar ist durch die Lostrenuung Neapels und Siciliens von der 
spanischen Monarchie im Beginne des achtzehnten Jahrhunderts der 
gräuelvollen Wirthschaft der Vicekönige ein Ende gemacht, aber eine 
nennenswerthe Verbesserung der Lage des Landvolkes auch durch die 
Wiedererhebung dieser Reiche zu einem selbstständigen Staate unter 
dem Scepter der Bourbonen (17 34) noch während der nächsten zwei 
Menschenalter nicht herbeigeführt worden. Einmal, weil seine ersten 
Könige aus diesem Hause der Kraft entbehrten, die Hauptquelle seiner 
Leiden, die schrankenlose Allmacht der Barone über ihre Grundholden 
mit der erforderlichen Energie zu verstopfen; dann weil diese von ihren 
Gutsherren so überaus abhängig waren, dass ihnen sogar der Muth 
fehlte, die von den Königen angeordneten wenigen Reformen sich zu 
Nutze zu machen. Wie gross jene noch gegen Ausgang des genannten 
Jahrhunderts, zur Zeit des Ausbruches der ersten französischen Revolu- 
tion, gewesen, würde fast unglaublich erscheinen, wenn nicht unbestreit- 
bare Thatsachen, die übereinstimmenden Relationen der verschiedensten 
und glaubwürdigsten Berichterstatter davon unverwerfliches Zeugniss 
gäben. Nicht nur all' die Frohndienste, Bann- und übrigen Feudalrechte, 
die damals z. B. Frankreichs Bauernstand drückten, lasteten noch auf 
dem der sicilischen Monarchie, sondern auch eine Legion dort ganz 



*) Winspeare p. 66 und Note p. 122: Da ; principj del decimosesto sino alla fine del 
decimosettimo secolo molti dei comuni del regno, dopo d ; a?ere inutilmente implorato il 
presidio del governo, si rivolsero colle armi contro alla forza immediata de' loro oppres- 
sori, e, protestatio sentimenti di fedeltä e di obbedienza pel Soyrano, punirono i baroni e 
i loro agenti e fautori de' ratti, delle rapine e de' delitti d'ogni sorta ch'essi commetteano 
sulle persone e sulle fortune si private che pubbliche ... II gioruale del Passaro contiene 
molte e atroci vendette commesse dalle popolazioni de' feudi, i quali fatti lasciauo dubi- 
tare se fossero piü coudannabili le consequeuze, oyvero le occasioni che le proyocarono. 

2 ) II signor Vicere ha tenuta lunga consulta in Collaterale, per esiger prontamente 
tre milioni delli undici del donatiyo. Ed essendosi proposto che li Baroni del Regno pa- 
gassero le nuoye imposizioni di quattro ducati a fuoco, e le riscotessero dopo dalle tasse 
ä loro suggetti; non e stata accettata la proposta, per conoscersi impossibile, mediante 
Vestrema miseria de' popoli, qualsi voglia esazione. Aus einem toskanischen Gesand- 
schaftsbericht d. d. Neapel, 5. Mai 1643 bei Palermo p. 327. Und in einem andern v. 8. 
Sept. desselben Jahres, ibid. p. 333 heisst es: qnesto Regno (Neapel) ö ormai rovinato 
affatto. 



288 

unbekannter oder solcher, die zu der Zeit in Gallien längst ausser Ue- 
bung gekommen. So übten die neapolitanischen und sicilischen Grund- 
herren das verrufene Recht der ersten Nacht zwar nicht mehr wie 
früher in seiner ursprünglichen rohen Form aus, es ist aber Thatsache, 
dass ihnen damals, und gar mancher Orten noch im ersten Decennium 
des laufenden Jahrhunderts, noch für dies schändliche « Hochzeitsrecht », 
wie es dort zu Lande hiess, eine bedeutende Geldablösung entrichtet 
werden musste 1 ). Noch schlimmer aber als es die erwähnten Bann- 
oder Zwangsrechte an sich waren, wurden sie durch die Art ihrer 
Geltendmachung. So drückte es z. B. den Bauer lange nicht so empfind- 
lich, dass ausser seinem gnädigen Herrn Niemand im ganzen Gebiete 
desselben eine Oelpresse und Kelter, eine Mühle und einen Backofen 
besitzen, dass er nur in diesen, natürlich gegen eine von jenem be- 
stimmte Gebühr 2 ), seine Producte verarbeiten lassen durfte, selbst nicht 
einmal, dass er jedes Schutzes gegen die in den genannten grundherr- 
lichen Anstalten verübten argen Betrügereien entbehrte 3 ), sondern dass 
es ihm sogar verwehrt war, seine Oliven, seine Trauben, seine Brod- 
früchte eher einzusammeln, als bis der Theil derselben, den er dem 
Seigneur abgeben musste (gewöhnlich die Hälfte des Rohertrages) ge- 
presst, gekeltert, eingeheimst worden 4 ). Dazu gesellte sich noch der 
Druck eines abscheulichen Pachtsystems und der leidigen Einrichtung, 
dass der Landmann gezwungen war, seine Früchte dem Guts- 
herrn gerade zu der Zeit zu überlassen, wo deren Preis am 
niedrigsten stand. 

Die noch in den Tagen der Hohenstaufen ziemlich bedeutende An- 
zahl bäuerlicher Grundeigenthümer und Erbpächter war in der 
Anarchie, die seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts Neapel und 
Sicilien während einiger Menschenalter zerrüttete, fast ganz zu Grunde 
gegangen, aufgerieben, verdrängt, zur Auswanderung gezwungen, und, 
wie im übrigen Italien schon früher geschehen, um so lieber durch 



!) Salis v. Marchlins, Beiträge z. natürl. und Ökonom. Renntniss des Königr. beider 
Sicilien II, 114 (Zürich 1790. 2 Bde.). Winspeare Note p. 430 sq. 

2 ) Da die meisten Bauern so arm waren, dass ihnen die Entrichtung dieser allzu 
schwer fiel, bedienten sie sich oft des Auskunftsmittels, ihr Brod in Form kleiner runder 
Kuchen unter der Asche zu backen. E non di raro addivenne che i baroni intentassero 
giudizi ne' tribunali a fin d'impedire Vesercizio di qitesto miserabile diritto che anche 
godono le piü barbare genti. Bianchini, Storia delle Finanze di Napoli p. 406. 

3 ) Galanti 111, 317. 

4 ) Gorani, Geh. und krit. Nachrichten v. Italien I, HO (der deutsch. Uebers. Frkfrt 
und Leipzig 1794. 3 Bde.). 



839 



Zeitpächter ersetzt worden, da diese der gutsherrlichen Willkühr noch 
unbedingter als jene preisgegeben waren. Zwei, vier, und höchstens 
sechs Jahre waren nun, auch noch in der in Rede stehenden Zeit, d. h. 
gegen Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts, die gewöhnlichen Pacht- 
termine, und die Kontrakte, die der Bauer mit den Grundbesitzern einge- 
hen musste, so voller spitzfindiger Klauseln, Einschränkungen und deu- 
tungsfähiger Bedingungen, «dass die armen Menschen oft ganz verwirrt 
davon wurden» und selbst in einem Staate mit minder elender Justizver- 
fassung thalsächlich zu Sklaven ihrer Pachtherren hätten herabsinken 
müssen. Der Letzteren vornehmstes Augenmerk ging immer dahin, zu 
verhüten, dass ihre Hintersassen auch bei der grössten Anstrengung 
mehr gewannen, als zur Bestreitung der bescheidensten Bedürfnisse er- 
forderlich war 1 ). 

Diesem verblendeten Bemühen, den Bauer in permanenter Armuth 
niederzuhalten, lag ausser den leicht zu errathenden anderen Motiven, 
noch die besondere Absicht zu Grunde, ihn hierdurch zu verhindern, 
das Joch eines alten, schon seit Jahrhunderten eingebürgerten, ihm über- 
aus verderblichen Unfuges abzuschütteln. Er bestand in der den Land- 
leuten aus jener erwachsenden Nöthigung, ihre Früchte schon lange 
vor der Ernte zu Spottpreisen zu verkaufen. Da sie nämlich we- 
gen ihrer grossen Dürftigkeit völlig ausser Stande waren, ohne fremde 
Vorschüsse ihre Bedürfnisse von einer Ernte bis zur andern zu bestrei- 
ten, so sahen sie sich gezwungen, schon im Herbst die im nächsten Juli 
zu hoffenden Erträgnisse ihrer Felder, Weinberge u. s. w. zu verkaufen. 
Hieraus war in allen Theilen des Königreiches beider Sicilien die Sitte 
erwachsen, sogleich nach einer vollendeten Ernte den Preis der Pro- 
dukte der nächsten festzusetzen. Das geschah nun zwar in einer Ver- 
sammlung von Spekulanten und Bauern, unter dem Vorsitze einer Magi- 
stratsperson, mit scheinbarer Unparteilichkeit, indem man alle in Be- 
tracht kommenden Verhältnisse zu erwägen und hienach' einen billigen 
Mittelpreis zu bestimmen sich das Ansehen gab. Da die Spekulanten 
aber meist die Agenten der grossen Grundbesitzer, oder mit diesen ein- 
verstanden, und die Bauern von letzteren so abhängig waren, dass sie 
keine ernstliche Opposition wagen durften, so war das gewöhnliche Re- 
sultat der fraglichen Versammlungen die Annahme des niedrigsten 
Preises, der sich füglich zu einer Zeit feststellen Hess, wo durch die 
Menge der Verkäufer alle Märkte überführt waren, zum angeblichen 



l ) Bartels, Briefe über Calabrien und Sicilien Bd. I, S. 195. 



240 

normativen Mittelpreise. Nach dieser Taxe erhielt nun der Bauer 
von seinem Gutsherrn, oder gewöhnlicher durch die erwähnten Agenten 
desselben, einen Vorschuss auf den muthmasslichen Ertrag der nächsten 
Ernte, ward diesem also eine bestimmte Quantität Produkte schuldig, 
und dadurch nicht nur des zu hoffenden höhern Preises im Falle einer 
Missernte von vornherein verlustig, sondern durch ein einziges Jahr des 
Misswachses selbst so verschuldet und verstrickt, dass er zu Grunde ge- 
hen musste. 

Ein Beispiel mag dies erläutern. Ein Pächter hatte sich verpflich- 
tet, im nächstkommenden Juli 2000 Tomoli Weizen zu liefern, wofür 
er im vorhergegangenen Oktober einen Vorschuss von 2000 Ducati er- 
halten hatte. Er erntete aber nur 1000 Tomoli; sein Käufer, oder viel- 
mehr Gutsherr, ist nun zwar gedeckt für die geleistete Vorausbezahlung, 
da jedes Tomoli zu zwei Ducati taxirt war, verlangt aber, auf Grund des 
abgeschlossenen Vertrages die übrigen 1000 Tomoli, deren jedes 1 oder 
2 Monate nach der schlechten Ernte %*/ 2 Ducati kostet. Der Bauer muss 
also die übrigen 1000 Tomoli in Natura liefern, oder 2500 Ducati be- 
zahlen. Da er weder dies noch jenes vermag, so muss er sich verpflich- 
ten, im künftigen Jahre für den alsdann zu bestimmenden Preis 
(denn in Zeiten des Misswachses wurde von der in Rede stehenden 
Uebung Umgang genommen!) seinem Gläubiger 2500 Tomoli zu liefern, 
von dem er noch überdies Geld zu borgen sich genöthigt sieht, um bis 
zur nächsten Ernte leben und die Wirthschaftsausgaben bestreiten zu 
können. «Dies ist die Ursache, warum unsere Gefängnisse mit Schuld- 
nern angefüllt und unsere Felder verödet sind.» 1 ) 

Was Wunder nun, dass in einem Staate, wo der Bauer seinem 
Gutsherrn, gleichsam an Händen und Füssen gebunden, dergestalt preis- 
gegeben war, derselbe sogar des Muthes entbehrte, von den von der Re- 
gierung zur Milderung seines Looses getroffenen Anordnungen Gebrauch 
zu machen? So war z. B. der alte Unfug der Umwandlung der gesetz- 
lichen Ahndung schwerer Verbrechen in Geldstrafen bereits im J. 1759 
(1. Aug.) strenge untersagt worden, weil er nur zu oft die Schändlich- 
keit veranlasst, dass die Barone, die selbst um des geringsten Vergehens 
willen ihre Unterthanen in den Kerker zu werfen und schwer zu büssen 
pflegten, diesen Frevelthaten andichteten, die sie gar nicht begangen hat- 
ten, nur um für den Erlass der angeblich verwirkten Strafen Geld von 
ihnen zu erpressen. In den JJ. 17 7 3, 17 7 5 und 17 8 2 — 1885 reiheten sich 



l ) Im Jahr 1788 geschriebene Worte des verdienten Neapolitaners Galanti (Bd. III, 
S. 334), dem auch das Vorstehende fast wörtlich entnommen ist. Vergl. noch Gorani 1, 71 f. 



241 

hieran '), sowol auf dem neapolitanischen Festlande wie auf der Insel Si- 
cilien, nachdrückliche königliche Verordnungen behufs weiterer Einschrän- 
kung der Criminal-Gerichtsbarkeit, des Haupt- Vehikels der Allmacht der 
Feudalherren, ihrer Bannrechte ; der von ihnen ganz willkührlich gefor- 
derten Frohndienste und anderer Missbräuche. Die bestanden aber trotz- 
dem sammt und sonders ganz in der frühern Ausdehnung fort, weil die 
Bauern nur sehr selten den Muth besassen, sich selbst wegen der gröss- 
ten Vergewaltigungen an die weit entfernten königlichen Gerichte zu wen- 
den, und noch seltener die Mittel, ihr gutes Recht bei diesen, den Beste- 
chungen, Kunstgriffen und dem Einflüsse ihrer Seigneurs gegenüber zur 
Geltung zu bringen. Sie duldeten darum 2 ) lieber schweigend die ent- 
setzlichsten Bedrückungen, die abscheulichsten Gewaltthaten, deren ihre 
Tyrannen selbst in Zeiten des grössten allgemeinen Elendes sich nicht 
schämten. So erzählt ein sehr glaubwürdiger Berichterstatter 3 ), dass 
unmittelbar nach dem Erdbeben, welches im J. 1783 Calabrien und 
Sicilien so furchtbar heimsuchte — 32,000 Menschen kostete 4 ) es das 
Leben — , König Ferdinand IV viele in der Hauptstadt lebende Edel- 
leute veranlasste, auf ihre Güter zu eilen, in der Meinung, ihren unglück- 
lichen Hintersassen hierdurch die benöthigte schleunige und ausgiebige 
Hülfe am leichtesten beschaffen zu können. «Aber das hiess», bemerkt 
jener wörtlich, «Oel ins Feuer gegossen. Sie (die Barone) glaubten bei 
dem allgemeinen Elend sich am besten bereichern zu können, und 
drückten die armen Menschen so, dass Klagen von allen Seiten ein- 
liefen, und der König, um sie nicht in völlige Verzweiflung zu stürzen, 
gezwungen war, den Adel zurückzurufen». Da verliert es freilich 
alles Auffallende, dass in den Theilen der Monarchie, wo gerade dieser 
in der fraglichen Schreckenszeit von der schwersten Heimsuchung be- 
troffen wurde, er an den Bürgern und Bauern nicht allein keine Helfer, 
sondern nur schadenfrohe Rächer der von ihm bislang erduldeten Unbil- 
den fand. Statt den mit ihren Familien unter Trümmer verschütteten, 
um Hülfe jammernden Edelleuten solche zu gewähren, raubten Bürger 
und Bauern ihnen gar oft noch Alles, was sie von ihrer Habe gerettet, 



x ) Bianchini, Storia delle Finanze p. 404. und Stör. econ. civile di Sicüia T. II, 
p. 15 sq. Salis v. Marchlins, Beiträge IJ, 114. Munter, Nachrichten y. Neapel und Sicilien, 
auf einer Reise in den JJ. 1785—1786. S. 156 f. (Kopenhagen 1790). 

2) Galanti I, 312. 

3 ) Bartels, Briefe über Calabrien und Sicilien 1, 423. 

4 ) Colletta, Storia del Reame di Napoli dal 1734 sino al 1825. T. I, p. 4 46. (Parigi 
1835. 2 TT). 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. az 



242 

und gar manche noch schlimmere That lange verhaltener Rachgier ward 
in jenen Schreckenstagen verübt 1 ). Das sind die scheusslichen aber doch 
sehr natürlichen, ja unvermeidlichen Früchte solcher Zustände! 

Es sei vergönnt, das von diesen entworfene Bild mit folgenden, im 
J 1788 niedergeschriebenen, wörtlichen Aeusserungen eines der gröss- 
ten Kenner 2 ) der Öffentlichen Verhältnisse der Monarchie beider Sicilien 
gegen Ausgang des vorigen Jahrhunderts zu vervollständigen. «Fast in 
allen Baronien wohnen die Bauern in erbärmlichen Hütten, die mit Holz 
oder Stroh gedeckt, und dem Ungemach der Witterung ausgesetzt sind. 
Inwendig sind sie mit Dunkelheit, Gestank, Unfiath, Elend und Traurig- 
keit angefüllt. Des Bauers ganze Habe besteht meistens in einem elen- 
den Bette, in einem Esel und Schwein, bei denen er wohnt. Der wohl- 
habende Bauer unterscheidet sich nur dadurch von dem armen, dass 
seine Hütte vermittelst einer mit Schlamm bekleideten Hürde von dem 
Schweine- und Eselsstall abgesondert ist. Und wer sollte es glauben! 
im Schoosse der fruchtbarsten Provinz, in Terra di Lavoro ist ein Dorf, 
15 Meilen von Neapel entfernt (San Gennaro di Palma, nicht weit von 
Ottajona), wo eine Bevölkerung von 2,000 Bauern in Strohhütten 
wohnt, und nicht so viel erübrigen kann, dass sie sich auch nur ein 
Haus errichte. Da ich diesen Ort zum erstenmal sah, war mir nicht 
anders, als befände ich mich unter wilden Menschen. Wer wusste ehe- 
dem, da noch keine Lehnsgesetze waren, unter den Nolanern, Samniten 
und Lucaniern von solchen Scheusalen ?» 

Dass der Zustand der Bauern in dem Theile der apenninischen Halb- 
insel, der seit Jahrhunderten von dem traurigen Geschicke heimgesucht 
war, der am elendesten regierte Staat der Christenheit zu sein, im 
Kirchenstaate 3 ) nämlich, dem eben geschilderten der neapolitanischen 
gegen Ende des achtzehnten Seculums, wie überhaupt schon seit langer 
Zeit, nur zu ähnlich sah, wird kaum ausdrücklicher Erwähnung bedürfen. 
Wenn die Lage der römischen Landleute nicht noch trostloser als 
die der neapolitanischen sich darstellte, so war das keineswegs das 



1 ) Galanti I, 450. Colletta I, 420. 

2 ) Galanti's (1, 314), mit welchem die glaubwürdigsten und bestinformirten 
Schriftsteller hierüber vollkommen übereinstimmen, wie namentlich Bianchini (Storia 
delle Finauze p. 406), dieser mit der Bemerkung: siccome moltissime persone tuttavia 
fra noi lo rieordano, che non sono cose di assai yecchia data, und Bartels a. a. O. I, 422 
und an anderen Stellen. 

3 ) Von manchen Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts, wie namentlich von Go- 
rani (Geh. u. krit. Nachr. v. Italien II, 148), ist dessen Regiment nur mit dem der Raub- 
staaten Algier, Tunis u. Tripoli verglichen, und selbst diesen der Vorzug zuerkannt wor- 
den, dass sie keine gesetzliche Ehelosigkeit der Priester kannten! 



243 

Verdienst der päbstlichen Verwaltung, sondern vornehmlich dem Um- 
stände zu danken, dass dies überhaupt nicht leicht möglich gewesen 
wäre, und einigen Antheil hieran hatte freilich auch die Einsicht des 
Adels, der, hierin seinen damaligen Standesgenossen im Herzogthume 
Modena sich anschliessend '), die uncontrolirte Allgewallt, mit der er 
über seine Grundholden schalten durfte 2 ), nicht ganz mit der schonungs- 
losen Härte und Willkühr ausbeutete, mit welcher er das wol vermocht 
haben würde. 

Die beregte Erbärmlichkeit und Verderblichkeit des geistlichen 
Regiments, von welchen man in Italien schon um die Mitte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts ziemlich allgemein überzeugt war 3 ), enthüllen sich 
am prägnantesten in der unbestreitbaren Thatsache, dass selbst Alles, 
was die beziehungsweise wenigen Päbste, die sich um solche, von ihrem 
Standpunkte aus so untergeordnet erscheinende, Dinge überhaupt küm- 
merten, zur Verbesserung der bäuerlichen Zustände wie der Landwirt- 
schaft thaten, in der Regel verkehrt 4 ), mitunter fabelhaft verkehrt war, 
und darum auch stets gerade das Gegentheil von dem bewirkte, was es 
bezweckte. Die z. B. bei Gregor XIII und Sixtus V in der zweiten Hälfte 
des sechzehnten Seculums gemachte Erfahrung, dass nämlich jener, um 
in der römischen Campagua mehr Boden für den Getreidebau (dessen 
völliges Darniederliegen indessen nicht von dem Mangel an Terrain her- 
rührte) zu gewinnen, die tieferen Gegenden nach dem Meere hin ihrer 
Bäume und Gebüsche, und Sixtus V, um die Schlupfwinkel der Banditen 
zu vernichten, die Anhöhen ihrer Waldungen beraubte, womit aber die 
angedeuteten Zwecke nicht im Entferntesten erreicht wurden, sondern nur 
der grössten Geissei der Campagna, der «Aria cattiva» (bösen Luft) ein 
weiterer Spielraum entfaltet, und der sehr empfindliche Mangel an Brenn- 
und Bauholz, an welchem der Kirchenstaat selbst jetzt noch leidet 5 ), 

!) Gorani a. a. 0. III. 179. 

2 ) «Die Feudalität, wie sie in Rom vor der Revolution (v. 1789) bestand, muss nicht 
mit den Privilegien des Adels in andern Ländern verwechselt werden. Die Barone waren 
unmittelbaren Fürsten zu vergleichen, und dem Volke eben so lästig, als der Regierung». 
Bartholdy, Züge a. d. Leben d. Cardinais Consalvi S. 61 (Stuttg. und Tübing. 1824). 

3 ) Ranke, Päbste Bd. 111, S. 113. 

4 ) Schon Schlözer (Staatsanzeigen Bd. II, S. 121) bemerkte bezüglich des Kirchen- 
staats: «Ein Deutscher, der bloss als Reisebeschreiber das Elend dieses Volkes, und die 
Verkehrtheit seiner Regierung beschriebe, würde schwerlich Glauben finden». 

5 ) Wie man aus der, für die Kenntniss der inneren Verhältnisse des Kirchenstaates 
überhaupt sehr wichtigen Denkschrift (e la piü giusta e la piü manifesta censura delF 
amministrazione temporale dei chierici. Farini) ersieht, die der päbstliche Finanzminister 
Morichini im Decbr. 1847 an Pius IX richtete, vollständig abgedruckt bei Farini, Lo Stato 
Romano dalF a. 1815 al 1850, T. 1, p. 285—309 (Terza Ediz. Firenze 4853. 4 TT.) Die 
hierher gehörende Stelle p. 307. 



£44 

begründet ward. 1 ), hat sich unzählige Mal wiederholt, am augenfälligsten 
unter anderen in der hier in Rede stehenden Zeit, in der zweiten Hälfte 
des achtzehnten Jahrhunderts. So sind namentlich die unter dem Ponti- 
fikate Klemens des Dreizehnten getroffenen Anordnungen, um der fürch- 
terlichen Hungersnoth, die den grössten Theil des Kirchenstaates in den 
JJ. 1763 — 1766 heimsuchte, und dem durch sie erzeugten entsetzli- 
chen Elende des Volkes zu steuern, wahre Musterstücke von Verkehrt- 
heit gewesen 2 ), indessen doch noch übertroffen worden durch die abson- 
derlichen Mittel, deren Pius der Sechste sich bediente, um dem im elen- 
desten Zustande befindlichen Ackerbau wieder einigermassen aufzuhel- 
fen, die bloss darum nicht all' das Unheil anrichteten, welches davon zu 
befürchten stand, weil sie nur unvollständig zur Ausführung kamen 3 ). 
Ist doch selbst die löbliche Vorliebe, mit welcher dieser Pabst den Bau 
neuer Landstrassen im Kirchenstaate, sowie die Verbesserung der vor- 
handenen betrieb, durch die zu dem Behufe angewendeten Mittel nur 
eine neue Quelle der Leiden und der Verarmung für seine Unterthanen 
geworden 4 ) ! 

Auch auf der Insel Sardinien war die Lage des Landvolkes 
gegen Ausgang des vorigen Jahrhunderts um kein Haar weniger trostlos, 
als in der Monarchie beider Sicilien, was vornehmlich daher rührte, 
dass diese und jenes grösste Eiland des mittelländischen Meeres lange, 
lange Zeit dieselben Beherrscher gehabt. Nachdem sie während dreier 
Jahrhunderte der einst so mächtigen Republik Pisa gehorcht, hatte letz- 
tere nach wüthenden Kämpfen sie (Mai 1326) den Königen Aragoniens 
für immer abtreten müssen, welche sie an die grosse spanische Monar- 
chie vererbten, mit der Sardinien bis zum Beginne des achtzehnten Jahr- 
hunderts vereinigt blieb, und von den Statthaltern, die ihm der madrider 
Hof sandte, selbstverständlich ganz so wie seine Schicksalsschwester 
Sicilien regiert, oder vielmehr maltraitirt wurde. Die bäuerlichen Zu- 
stände hatten sich daher hier auch seit Jahrhunderten völlig analog den 
sicilischen und neapolitanischen entwickelt; auch hier besassen die 



1 ) Ranke a. a. 0. Bd. III, S. 1H. 

2 ) Wie man aus der von Campilli, dem Secretär der dieserhalb eigens niedergesetzten 
päbstlichen Congregation Terfassten Gesch. des Getreidemangels in Italien in den JJ. 
1763—1766 in Le Brets Magazin der Staaten- und Kirchengesch. Bd. IX, S 361 f. (Ulm 
1771—1787. 10 Bde.) ersieht. 

3 ) (Bourgoing), Pius VI u. s. Pontificat S. 139 f. (der deutschen Uebers. von Meyer, 
Hamburg 4800). 

*) Frizzi, Memorie p. la Storia di Ferrara T. V, p. 224. Bourgoing a. a. 0. S. 151. 



245 

Barone') die Civil- und die unumschränkteste Criminal- Gerichtsbarkeit 
über ihre Grundsassen; auch hier waren diese ihrer Willkühr durchaus 
schutzlos preisgegeben. 

Im J. 1720 war Sardinien endlich an das herzogliche Haus Sa- 
voyen gekommen, und ausersehen worden, der neuen Königs würde 
desselben den Titel zu leihen. Zwar geschah von diesem, dem es doch 
sehr empfindlich fiel, dass seine neue, weil so gräulich verwahrloste, 
Erwerbung lange Zeit nicht einmal die Kosten der Unterhaltung einer 
massigen Besatzung und der erforderlichen Beamten eintrug, daher be- 
trächtliche Zuschüsse aus der Staatskasse erheischte 2 ), manches recht 
Anerkennungswerthe 3 ), um auch dem ganz entsetzlich daniiedeiiiegenden 
Ackerbau einigermassen aufzuhelfen. Da aber den neuen Regenten 
ebenfalls Muth und Kraft fehlten, die Hauptquelle des Uebels, die 
schrankenlose Allmacht des Adels über seine Hintersassen, gründlich zu 
verstopfen, richteten sie auch nur blutwenig aus. Nichts dürfte die Stel- 
lung des sardinischen Landvolkes zu seinen Grundherren in der hier in 
Rede stehenden Zeit, gegen Ende des achtzehnten Seculums, treffender 
charakterisiren, als die von einem sehr glaubwürdigen Berichterstatter 4 ) 
erzählte Anekdote, dass als einst der Vater eines nachmaligen piemon- 
tesischen Staatsministers mit einem einheimischen Edelmanne auf der 
Insel spazieren ging, und dieser müde wurde, er einen Bauer herbei rief, 
ihm befahl, auf allen Vieren Avie ein Thier niederzuhocken, und sich 
dann auf ihn setzte! Auf des Piemontesen Bemerkung, wie sehr diese 
eigenthümliche Ruhebank sein menschliches Gefühl verletzte, erwiderte 
jener patriarchalische sardinische Baron: «Das ist Nichts! Lassen sie es 
gut sein; es ist heilsam, dass diese Galgenschwengel in der Ehrfurcht 
erhalten werden, Avelche sie ihren Herren schuldig sind»! 

Ungleich besser war damals, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, 



1 ) Sie waren meist Spanier, iudem Ferdinand der Katholische sich der einheimischen 
Aristokratie durch einen Staatsstreich entledigt hatte. «Diese bisherigen grossen Besitzer 
auf der Iüsel Sardinien zeigten sich als Italiener eben nicht für die spanische Herrschaft 
geneigt; er hatte gesehen, welche Macht sie in den bisherigen Kriegen entwickelt hatten, 
die so lange gegen die Festsetzung der spanischen Könige geführt worden waren. Er ver- 
trieb daher diese italienischen Lehnsherren aus Sardinien und befahl ihnen ihre Besitzun- 
gen binnen einer gewissen Zeit zu verkaufen, und that dafür die Lehne meistens au 
Spanier aus». Neigebaur, die Insel Sardinien S. 132 (Leipzig 1853). 

2 ) Denina, Gesch. Piemonts und der übrigen Staaten des Königs von Sardinien Bd. J, 
S. 207 (deutsch v. Strass. Berlin 1800. 3 Bde.). 

3 ) Semeria, Storia del Re di Sardegna Carlo Emmanuele il Grande T. II, p. 148 sq. 
(Torino 1831. 2 TT.) Mirnaut, Sardiniens ältere und neuere Gesch., Gesetzgeb. u. s. w. 
Bd. II, S. 146 (der deutsch. Uebersetz. von Gleich, Leipzig 1828. 2 Bde.). 

4 ) Raumer, Italien Bd. I, S. 366 (Leipzig 1840. 2 Rde ). 



246 

die Lage des Landvolkes auf dem Contiuente der jungen sardinischen 
Monarchie, in Piemont und Savoyen. In dem letztern, bekanntlich 
mehr französischen als italienischen, Stammlande des Herrscherhauses 
war die strenge Hörigkeit erst um die Mitte des sechzehnten Jahrhun- 
derts durch den Herzog Emanuel Philibert aufgehoben worden. 
Dieser, der überhaupt ein ausgezeichneter, um sein Volk vielverdienter 
t Fürst war 1 ), befreiete (20. Okt. 1561) auch die Bauern von den drückend- 
sten ihrer Fesseln, nämlich von der «todten Hand» und dem willkührlichen 
Besteuerungsrechte 2 ) (taillabilite ä misericorde) der Grundherren. 
Victor Amadeus II, der erste König von Sardinien, war auch der 
erste Fürst Italiens, der die Axt anzulegen wagte an den stolzen Bau 
der Feudalherrlichkeit des Adels seiner Lande, indem er im J. 1729, 
wenn auch vorläufig nur in Piemont, die Abschaffung der Frohndien- 
ste so wie eine erhebliche Einschränkung der verderblichen Majorate 
verfügte 3 ). Gegen Ende des Jahrhunderts waren in ganz Piemont die 
Bauern völlig freie Menschen, wenn schon nur sehr wenige Grund- 
eigentümer, sondern, wie fast überall in Italien, Pächter, gegen Ab- 
gabe der Hälfte des Rohertrages, und zwar Zeitpächter, denen in der 
Regel nie ein längerer als ein dreijähriger Pachtvertrag bewilligt wurde ''). 
Der zweite König von Sardinien, Karl Emanuel III, hatte auch in Sa- 
voyen die Ablösung aller noch besteheuden, sowol persönlichen als 
dinglichen Feudallasten des Landvolkes in der Art (19. Decbr. 1771) 
angeordnet, dass die Pflichtigen die Berechtigten dafür mittelst einer 
vierprocentigen Verzinsung ihres, durch die Provinzial-Gouverneure und 
eine Senats-Commission ermittelten, Kapitalwerthes, bis zur vollständigen 
Entrichtung des Letztern, zu entschädigen hatten. Die vielen an ihn ge- 
langenden Klagen des Adels über die angebliche Ungerechtigkeit dieses 
weisen Gesetzes veranlassten den König zur Ernennung einer, aus den 
gelehrtesten und redlichsten Männern gebildeten, Special -Commission, 
mit dem Auftrage, genau und gewissenhaft zu prüfen, ob jene gegründet 
wären und das fragliche Edict mithin zu widerrufen oder zu modificiren 



1 ) Archino Storico Italiano. NuoTa Serie T. VI, P. 1, p. 95. P. 2, p. 113. Denina, 
II, 210 f. 

2 ) Zuccagni-Orlandiui, Corografia fisica, storica e statistica delF Italia e delle sue 
Isole, Supplemento al Vol. IV, p. 28 (Fireuze 1835—1845. 12 Voll, con Supplement] in 
8 und Ätl. in Fol.). Gollut, Memoires histor. de la Repuhlique Sequanoise p. 101 (der 
neuen Ausg. v. Diuernoy und Bousson de Mairet. Arbois 1846. Lex. 8). Archivio Storico 
Italiano, Nuova Serie T. VT, P. 1, p. 77. 

s ) Pecchio, Storia della Economia pubblica in Italia p. 232. 

4 ) Neue (berliner) Quartalschrift a. d. neuest, und best. Reisebeschreibuugen. Jahrg. 
1794, Stück I,S. 118. 



247 

sei 1 )? Obwol nun die, das entschieden verneinende, Antwort der Com- 
mission Karl Emanuel III bestimmte, die stricte Vollziehung des in Rede 
stehenden Gesetzes zu befehlen, gerieth diese doch wegen seines kurz 
nachher (21. Febr. 1773) erfolgten Todes und der leidigen Vorliebe 
seines Nachfolgers Victor Amadeus III für Adel und Geistlichkeit 2 ) gar 
bald ins Stocken, so dass nur ein Theil Savoyens vom Fluche der 
Feudalität in dem Jahre (1789) befreit war 3 ), welches im angränzen- 
den Frankreich den Ausbruch seiner welterschütteruden Revolution 
reifte. 



VIERTES KAPITEL. 

Bekanntlich wurde in Folge der durch diese herbeigeführten Ereig- 
nisse nach und nach ganz Hesperien, mit Ausnahme der Inseln Sicilien 
und Sardinien, der französischen Herrschaft, theils unmittelbar theils 
mittelbar unterworfen, zum grossen Glücke zumal des Landvolkes und 
der Landwirtschaft. Denn, wenn sich auch nicht in Abrede stellen lasst, 
dass die Kriege, deren Schauplatz Italien Jahre lang wurde, und die 
eben nicht allzu bescheidenen Anforderungen seiner neuen Herren dem 
Bauernstände, wie dem Lande überhaupt schwere Leiden bereiteten, 
grosse Opfer auferlegten, so sind doch diese Uebel bei weitem durch 
die höchst wichtigen Vortheile aufgewogen worden, die namentlich jener 
der Verpflanzung der Principien von 1789 nach der Halbinsel ver- 
dankte. Nicht nur, weil diese von den Franzosen in allen Provinzen, die 
sie seit dem J. 1792 der Republik und dann dem Kaiserreiche einver- 
leibten, zu den herrschenden erhoben, weil demgemäss alle bisherigen 
Lehnsverhältnisse, Privilegien und Bedrückungsrechte des Adels, wenn 
gleich nicht überall dauernd, abgeschafft, sondern weil auch in denjenigen 
Landschaften Italiens, die ihren seitherigen Regenten noch zeitweilig 
verblieben, letztere genöthigt wurden, dem Vorgange der Kinder Galliens 
zu folgen. So sah sich z. B. der neue König von Sardinien Karl 
Emanuel IV, kurz nachdem er seinem vorhin erwähnten Vater Victor 



!) Semeria a. a. 0. T. II, p. 58. Coppi, Annali d'Italia dal 1 750— 1819, T. I, p. 95 
(Roma 1828. 6 TT.). 

2 ) — tanto piü die farore e potenza eccessiYa ä nobili e agli ecclesiastici, ammettendo 
principalmente i primi a capitanare le soldatesche, delle quali era tenerissimo, e a* primi 
e a' secondi facendo godere i principali onori e le principali entrate del regno. Ranalli. 
Le Istorie Italiane dal 1846 al 1853 T. 1, p. 189 (terza ediz. Firenze 1858. 4 TT.). 

3 ) Wie man ans Arthur Youngs, der Saioyen gerade im J. 1789 besuchte, Voyages 
eu France (vergl. oben S. 151 Anmerk. 1) T. 11, p. 89 ersieht. 



248 

Amadeus III (16. Oct. 1796) auf dem Throne gefolgt war, genöthigt, 
in dem ihm noch gelassenen Theile seiner Staaten auf dem Festlande 
das Beispiel der Franzosen nachzuahmen, trotz dem dass er ein eben 
so beschrankter, wie fanatischer Anhänger der alten Zeit, ein grau- 
samer Frömmler, eben so unfähig war, ein Land zu regieren, als 
Kinder zu erzeugen 1 ). Und zwar erwuchs für ihn diese Nöthigung 
einmal daraus, dass bereits unter seinem Vorgänger in Piemont (Mai 
1794) eine ziemlich weit verzweigte Verschwörung zum Umsturz 
der bestehenden Verhältnisse, und, wie behauptet ward, selbst zur 
Ermordung der königlichen Familie, entdeckt worden, dann daraus, 
dass die freiheitflammenden Proclamationen der französischen Gene- 
rale in ganz Piemont und Savoyen so bedenkliche revolutionäre Be- 
wegungen, zumal unter der ländlichen Bevölkerung hervorgerufen 
hatten 2 ), dass beschwichtigende Zugeständnisse unerlässlich erschienen. 
Darum machte Karl Emanuel IV in seinem festländischen Gebiete im 
J. 1797 den Lehnsverhältnissen ein Ende, indem er das bisherige 
Lehnsbesitzthum in Allodium umwandelte, die Ablösung der Frohnden 
und sonstigen Servituten mittelst Geldentschädigung verfügte, die Ein- 
richtung neuer Majorate verbot und die Dauer der bestehenden auf zwei 
Grade vom dermaligen Besitzer an einschränkte. 

Am erspriesslichsten ist Frankreichs Herrschaft dem Landvolke na- 
türlich in demjenigen Theile der Halbinsel geworden, wo seine Lage 
bisher die erbarmungswürdigste, die kläglichste gewesen — im König- 
reiche Neapel nämlich. Was die hier schon bei dem ersten Erscheinen 
der Franzosen (Jan. 1799) proclamirte ephemere parthenopäische 
Republik (so nach der, in den altgriechischen Mythen Neapels vor- 
kommenden Nymphe Parthenope genannt) bereits beschlossen und ver- 
sucht 3 ), die Abschaffung der Feudalität, aller lehns- und gutsherrlichen 
Verhältnisse, ward noch in demselben Jahre (1806) rüstig in Angriff 
genommen, welches die Erhebung Joseph Bonapa rte's auf den neapolita- 
nischen Thron sah, und mit noch grösserem Eifer von seinem (1808) 
Nachfolger Joachim Murat, obwol nicht vollständig, durchgeführt. Denn 



1 ) So charakterisirt diesen Fürsten Pinelli in seiner trefflichen Militair-Gesch. Pie- 
monts v. 1748—1849. Bd. II, SS. 21. 29 (der deutsch. Uebersetz. v. Riese, Leipzig 1856 — 
1857. 4 Bde.). 

2 ) Pinelli a. a. 0. I, 286. II, 3, 28. 461 ff. Hamburger politisch. Journal, Jahrgang 
1797, SS. 412. 719. 840. 986. 

3 ) Cuoco, Saggio storico della Rivoluzione di Napoli ^im J. 1799), Milano 1820 
(zweite Ausg.), ins Deutsche übersetzt, jedoch ohne Nennung des Verfassers, unter dem 
Tit.: Historischer Versuch üb. die Revolution in Neapel, Berlin 1805. 2 Thle. Vergl. 
besonders Th. I, S. 234 f. dieser Uebersetzung. 



249 

ungleich grösser als in irgend einem andern Theile der Halbinsel waren 
hier die einem solchen Unternehmen sich entgegenthürmenden Schwie- 
rigkeiten, weil der Feudalismus hier viel fester als anderwärts wurzelte, 
nicht allein auf dem platten Lande, sondern auch über die städtischen 
Gemeinden dominirte. Es ist im Vorhergehenden des sowol von den 
Beherrschern Neapels wie Siciliens von jeher arg, am ärgsten aber von 
den spanischen Vicekönigen getriebenen Missbrauches gedacht worden, 
wie die anderen königlichen Domainen, Gerechtsame u. s. w., so auch 
die Städte des Reiches an die Barone zu verkaufen oder zu verpfänden. 
Daher rührte es denn, dass noch in der hier in Frage kommenden Zeit 
von den ungefähr 2,000 Gemeinden, die das neapolitanische Festland 
zählte, bloss 384- der königlichen Herrschaft umittelbar unterworfen, 
alle übrigen aber Baronalortschaften waren f ). Das heisst, den Adelsfa- 
milien, die sie kauf- oder pfandweise erworben, standen hier so ziem- 
lich dieselben Rechte zu, wie über ihre ländlichen Hintersassen; Rechte, 
deren fabelhafte Mannichfaltigkeit die von dem grössten Kenner dersel- 
ben 2 ) nachgewiesene Thatsache veranschaulichen wird, dass es noch zur Zeit 
der Thronbesteigung Joseph Bonaparte 's, also im J. 1806, nicht weniger 
als 1395, sage Eintausend dreihundert fünf und neunzig verschiedene 
Leims- und Baronal-Gerechtigkeiten im Neapolitanischen gegeben hat! 

Da die Besitzer derselben alle möglichen Hebel, zumal die der In- 
trigue, Hof- und Frauengunst in Bewegung setzten, um den ihrer mehr- 
hundertjährigen Herrlichkeit drohenden Todesstreich abzuwenden oder 
wenigstens zu verzögern, so begegneten die Napoleoniden in der Aus- 
führung des fraglichen Befreiungswerkes kaum geahnten Hemmnissen. 
Und unglücklicher Weise hatte das von Joseph Bonaparte zur Besei- 
tigung der lehnsherrlichen Rechte und Leistungen (2. Aug. 1806) 
erlassene Gesetz diejenigen ausgenommen, die auf einem wirklich 
legitimen Titel beruheten, — denn die allermeisten waren blosse durch 
die Zeit geheiligte Usurpationen 3 ), — und der Emancipation der Gemeinden 



! ) Bianchini, Storia delle Finanze del Reguo di Napoli p. 405. 

2 ) Dem gleich zu erwähnenden David Wiuspeare, dem Verfasser der, im Vorherge- 
henden Tielbenützten, Storia degli Abusi feudali. Das erklärende alphabetische Verzeich- 
niss jener füllt bei ihm nicht weniger als sechzig Oktavseiten (Note p. 452 — 213)! 

3 ) In der gelungenen biographischen Skizze Winspeare's in der Ton Arnault, Jay, 
Jouy u. A. herausgegebenen Biographie nouielle des Contemporains T. XX, p. 287 wer- 
den von diesen wie sie noch im J. 1806 bestanden, unter anderen folgende charakteristi- 
sche Beispiele angeführt. Dans la terre d'Otrante, par exemple, les barons prelevaient la 
dime sur tous les produits naturels et industriels. En plusieurs endroits des Calabres, ils 
s'appropriaient les päturages des annees vides, dans lesquelles les terres n'etaient point 
cultivees; et comme dans les pays steriles ces interyalles de repos se prolongeaient 



250 



nicht im Wege stünden, und damit der Chikane. den Ränkeschmieden 
einen weiten Spielraum geöffnet. Sehr zweifelhaft erscheint es daher, ob 
der mit der Prüfung der wechselseitigen Ansprüche der Barone, ihrer 
Hintersassen und der Gemeinden beauftragten «Feudal-Commission», 
trotz dem dass von ihren Ansprüchen kein Appell Statt fand, und nicht 
wenige der Letzteren eine seltene Opferwilligkeit bethätigten '), die Lö- 
sung ihrer epinösen Aufgabe überhaupt gelungen sein würde, wenn nicht, 
zum Heil des Landes, ein eben so umsichtiger als energischer Mann an 
deren Spitze gestellt worden wäre. Es war der in Neapel (1775) ge- 
borne Brite David Winspeare, der als General-Procurator der fragli- 
chen Commission in kaum drei Jahren über alle Hindernisse triumphirte, 
die dieser entgegen gewälzt wurden, alle bei ihr anhängig gemachten 
Processe zu Ende führte 2 ). 

Vornehmlich diesem Glücksfalle war es zu danken, dass die Frohn- 
dienste und persönlichen Leistungen jeglicher Art nicht bloss auf dem 
Papiere, sondern in Wahrheit ohne alle Vergütung abgeschafft, die 
Natural-Grundrenten in Geldzahlungen umgewandelt, alle Gemeinden des 
Reiches von der verfassten Baronal- Untertänigkeit erlöst und noch 
manch' andere wichtige Massnahmen zur Befreiung des Landvolkes wie 
des Bodens durchgeführt wurden. Nur hinsichtlich der, im Neapolitani- 
schen zu einer Art Ungeheuer ausgearteten 3 ), Fideicommisse sah 
Joachim Murat zu einer allerdings belangreichen Concession sich genö- 
thigt, um den Adel nicht vollends wüthend und dadurch den rastlosen 
Aufwieglungs- Versuchen seines, nach Sicilien entflohenen, ehemaligen 
Beherrschers und der Engländer noch zugänglicher zu machen. Er Hess 
nämlich den von Joseph Bonaparte (15. Merz und 18. Juni 1807) er- 
lassenen Verfügungen behufs Aufhebung der Fideicommisse bald 
eine Verordnung (21. Decbr. 1809) folgen, welche die Errichtung- 
neuer Majorate zum Lohne der neuen Dynastie geleisteter 



quelquefois jusqu'ä cinq annees, il en resultait que le baron possedait im fonds pendant 
un quinquennium, et ue le livrait au proprietaire direct qu'une fois tous les six ans. Plu- 
sieurs colonies grecques ou albanaises, auxquelles on avait aceorde un sol pour s'y 
etablir, etaient peu ä peu tombees sous le plus dur esclayage, et on aurait dit, en les 
voyant, que c'etaient plutöt des ennemis yaincus que des hötes paisibles. 

x ) Davon nur ein Beispiel, welches Del Re, Descrizione de' reali Dominj al di qua 
del Faro nel Regno delle due Sicilie T. III, p. 11 erzählt: Allorche trattavasi di 
affrancar il Commune di Cumpobasso (in der Povinz Molise), le donne corsero sponta- 
nee a clonargli le proprie vesti, le proprie suppelletlili. Kaum dürfte sich ein spre- 
chenderer Beweis von der Schwere des auf der Gemeinde lastenden Feudaldruckes an- 
führen lassen. 

2 ) Biographie nouvelle des Contemporaius T. XX, p. 288. 

3 ) Cuoco, Bistor. Versuch Th. I, S. 230. 



251 

ausgezeichneter Dienste gestattete, die beseitigte alte Institution 
also, nur unter anderem Namen, wiederherstellte, von welcher Ver- 
günstigung der neapolitanische Adel denn auch einen sehr umfassenden 
Gebrauch machte 1 ). 

Einen erfreulichen Gegensatz zu diesem damaligen Gebahren dessel- 
ben bildete das gleichzeitige seiner Standesgenossen auf der Insel Si- 
cilien, jedoch allem Anscheine nach nicht ganz freiwillig. Wie eben 
berührt, war der von den Franzosen aus Neapel vertriebene Bourbon 
Ferdinand IV nicht auch Siciliens beraubt worden; dass er allen Lan- 
dungsversuchen Murats zum Trotze im Besitze dieses Eilandes blieb, 
hatte er lediglich den Briten zu danken. Dass letztere von der mehrjäh- 
rigen überaus belangreichen Unterstützung, die sie ihm gewährten, sehr 
bald die Berechtigung herleiteten, bei der Regierung der Insel ein ge- 
wichtiges, und nicht selten entscheidendes Wort mitzureden, hat be- 
kanntlich Ferdinand IV, oder vielmehr seine für ihn waltende Gemahlin 
Karoline von Oesterreich, mit solcher Erbitterung gegen die Söhne Al- 
bions erfüllt, dass sie, die Schwester Marien Antoinettens und bisherige 
Todfeindin Napoleons» I, sogar mit diesem Verbindungen anknüpfte, nur 
um ihre fraglichen Beschützer los zu werden 2 ). Aber der herrlichen Insel 
selbst ist aus der langem Anwesenheit dieser der grosse Segen einer, 
wenn auch nur vorübergehenden, totalen Reform ihrer über alle Be- 
schreibung erbärmlichen öffentlichen Zustände erwachsen. Schon in der 
Bereitwilligkeit, mit der Siciliens Adel in dem im J. 1810 nach alter 
Form versammelten Parlamente in die Aufhebung der Fideicommisse, in 
die Allodification der Lehngüter willigte, und noch auf manch' andere 
seiner drückendsten Privilegien verzichtete, war der vorwaltende Einfluss 
Englands nicht zu verkennen, dem die Insel denn auch die ihr zwei 
Jahre später zu Theil gewordene treffliche Constitution 3 ) verdankt. 

Die grösste Schattenseite dieser bestand darin, dass sie zu gut, 
d. h. für ein in jeder Hinsicht so verwahrlostes, hinter der Entwicklung 
selbst fast aller italienischen Provinzen so weit zurückgebliebenes Land 
und Volk, wie damals Sicilien und die Sicilianer waren, zu englisch, zu 
freisinnig war. Auch musste es eben darum und mehr noch wegen der 
leicht vorauszusehenden, und sich auch nur zu bald auffallend genug 



1 ) Bianchini, Storia delle Finanze p. 570. 

2 ) Amari, La Sicile et les Bourbons p. 19 sq. (Paris 1849). 

3 ) Abgedruckt in deutscher TJebersetzung (nebst deu einzelnen organischen Gesetzen 
des Parlaments yon \Si2) bei Pölitz, d. europäischen Verfassungen seit dem J. 1789 bis 
auf die neueste Zeit Bd. II, S. 437 f. Vergl. noch Neigebaur, Sicilien SS. 424. 512 f. u. 
Zeitgenossen, dritte Reihe, Bd. V, Heft XXXV, S. 10 f. 



252 



betätigenden, entschiedenen Feindseligkeit des bourbonischen Hofes und 
der Höflinge gegen die fragliche Constitution von dem sie sanctionirenden 
sicilischen Parlamente mehr schön als weise erscheinen, dass es neben 
der von jener vorgeschriebenen Abschaffung der Feudalverfassung auch 
die Aufhebung der meisten lehnsherrlichen Gerechtsame, wie namentlich 
der Frohndienste und aller sonstigen persönlichen Leistungen, der Bann- 
rechte und Baronal-Gerichtsbarkeiten ohne irgend welche Entschä- 
digung decretirte, und eine solche nur für diejenigen Feudal- und 
grundherrlichen Rechte zuliess, die auf einem Vertrage, oder andern 
speciellen Rechtstiteln beruheten. Denn diese Bestimmung wirkte, trotz 
dem dass der Adel sich (20. Juli 1812) damit einverstanden erklärt 
hatte 1 ), dennoch wie ein eiskalter Schlagregen auf seine seitherigen ver- 
fassungsfreundlichen Gesinnungen; es ward dadurch dem Hofe nicht wenig 
die Beseitigung der ihm so verhassten Constitution von 1812 erleichtert, 
als nach dem Sturze Napoleons I auch in Neapel und Sicilien, wie in 
den übrigen Theilen der apenninischen Halbinsel, die Restauration der 
alten Herrscher erfolgte. 

Und zu Wälschlands grossem Unglück damit auch die th eil weise 
Wiederherstellung der alten Zustände und Verhältnisse. Denn eine 
gänzliche vorzunehmen, waren selbst jene, waren sogar Neapels Bour- 
bonen, trotz ihres grimmigen und allerdings auch sehr natürlichen Hasses 
gegen Frankreich und alle französischen Schöpfungen, nicht verblendet 
genug, da sie anerkennen mussten, dass sie den Franzosen sehr schätz- 
bare Verbesserungen, und zumal den werthvollen Liebesdienst der Voll- 
bringung eines Werkes verdankten, dessen früher versuchte Ausführung 
ihnen selbst meist zu schwer gefallen — die Entwurzelung des stolzen 
Baumes der Feudalität. Auch mahnte die den alten Fürsten sich überall 
entgegendrängende Wahrnehmung, wie sehr der Wohlstand, und damit 
die Steuerkraft ihrer Unterthanen mittelst der, während der letzten zwei 
Decennien bewerkstelligten Uimvandlung einer grossen Masse bisher, 
durch die Majorate und andere Institutionen, festliegenden Grundbesitzes 
in frei disponirbaren und der in dieser Zeit so bedeutend gehobenen Indu- 
strie, besonders der landwirtschaftlichen, erhöhet worden, doch gar zu 
eindringlich ab von einer totalen Restauration der ehemaligen unglück- 
lichen öffentlichen Verhältnisse Hesperiens, und besonders der seines 
Landvolkes, welcher zudem noch ein anderes Bedenken entgegentrat. 
Nicht nur die Österreichischen und britischen Generale, die im J. 1814 
Eugen Beauharnais und Murat zu bekriegen kamen, hatten die Italiener 



l ) Aman a. a. p. 28 



253 

allenthalben durch die feierlichsten Zusagen politischer Freiheit und 
einer National-Reprasentation zum Abfalle von jenen und zum Anschlüsse 
an die Alliirten zu vermögen gesucht, auch die meisten Fürsten 
der Halbinsel selbst waren damals gleichlautende Verbindlichkeiten 
eingegangen. So hatte namentlich König Ferdinand IV, so lange er 
Murat noch fürchten musste, in jedem Erlasse, den er von Palermo aus 
an die Neapolitaner richtete, ihnen ein Staatsgrundgesetz und bürgerliche 
Freiheiten, und Grossherzog Ferdinand III von Toscana den Florentinern 
(7. Januar 1815) versprochen: «Nicht lange Zeit wird verrinnen, bis 
mein Volk eine Constitution und Nationalvertretung hat». Da musste 
eine völlige Restauration der guten alten Zeit doch gar zu aufreizend 
und mithin schon deshalb unzulässig erscheinen. 

Relativ am leidlichsten gestalteten sich, d. h. die geringste Ver- 
schlimmerung erfuhren die Verhältnisse des Landvolkes noch im neuge- 
bildeten lombardisch-venetianischen Königreiche und in Tos- 
cana. In demjenigen Theile des Erstem, der weiland das Gebiet des 
Freistaates Venedig gebildet, hatte der Bauer sogar alle Ursache, sich 
zu freuen, die Herrschaft der genannten Republik mit der Oesterreichs 
vertauscht zu haben. Denn jene war, trotz dem dass der grösste Fluch 
des Landmannes im übrigen Hesperien, die Feudalitat, den venetianischen 
seit Jahrhunderten nur noch in Friaul gedrückt, und selbst hier nicht 
in dem Masse, wie z.B. in Neapel und Sicilien, indem Venedigs Signo- 
ria den Edelleuten der genannten Provinz die Criminal-Jurisdiction über 
ihre Grundsassen entzogen und selbst ihre Civil-Gerichtsbarkeit wesent- 
lich eingeschränkt hatte, für ihn, der eben so habgierigen als uncontro- 
lirten und thatsächlich straffreien Oligarchien sich ganz schutzlos preisge- 
geben sah, so verzehrend und aufreibend gewesen 1 ), dass Oesterreich 
dem venetianischen Landvolke gegenüber sich in Wahrheit des bei ihm 
so höchst seltenen Verdienstes rühmen durfte, ihm Befreier von einem 
ganz unerträglichen Zustande geworden zu sein. Welch' erfreuliche Um- 
gestaltung der der Bauern in der Lombardei und in Toscana schon einige 
Decennien vor dem Ausbruche der französischen Staatsumwälzung erfah- 
ren, ist im Vorhergehenden dargelegt worden; sehr natürlich mithin, dass 
sie durch die Restauration der vormaligen Verhältnisse in diesen Thei- 
len Wälschlands auch nicht so viel wie anderwärts einbüssten, da sie 
durch die Revolution beziehungsweise eben nicht viel, unter allen Italienern 
am wenigsten gewonnen hatten. Am meisten verloren dagegen durch jene 



l ) Zuccagni — Orlandini, Corografia dell' Italia T. VI, p. 569. Daru, Hist. la Repu- 
blique de Venise T. V, pp. 480. 536 sq. 



254 

die Landleute im Kirchenstaate und in der wieder unter einem Bour- 
bon vereinten Monarchie beider Sicilien, welchen zwar ebenfalls 
feierlich zugesichert worden, — ■ den Unterthanen des Pabstes in der ihnen 
von Pius VII am 6. Juli 1816, und der Bevölkerung Neapels und Sici- 
liens in der ihr am 11. Decbr. desselben Jahres verliehenen Verfassungs- 
urkunde 1 ), — dass die Abschaffung der Feudalitat aufrecht erhalten werden 
sollte, was jedoch deren thatsä'chliche allinählige 2 ) Restauration in den 
wesentlichsten Beziehungen nicht hinderte. Freilich fehlte es in der Fol- 
gezeit, wenn die Beschwichtigung der Gemüther als besonders dringendes 
Bedürfniss empfunden ward, zumal im sicilischen Reiche, nicht an Ver- 
handlungen und Decreten behufs Beseitigung der Feudalitat, ihrer verderb- 
lichen Einflüsse auf das Landvolk uud die Landwirtschaft, aber alle diese 
Massnahmen besassen die gemeinsame Eigenthümlichkeit, dass sie, wenn 
auch anscheinend noch so fest beschlossen und feierlich decretirt, doch 
thatsächlich unvollzogen blieben. 

Sehr charakteristisch in der Hinsicht sind die betreffenden Vorgänge 
auf der Insel Sicilien. Hier hatte Ferdinand IV, oder vielmehr der 
Erste, wie er sich «in Gemassheit des Traktats von Wien» nannte, die 
alsbaldige Ausführung der vom Parlamente im J. 1812 decretirten Auf- 
hebung der Fideicommisse und seiner eben erwähnten Zusagen vom 11. 
Decbr. 1816 ernstlichst (11. Oktbr. 1817) anbefohlen. Er kam aber 
kaum nach Verlauf eines Jahres von diesem Entschlüsse zurück und 
schämte sich nicht zu bekennen: die Staats Weisheit müsse mit dein 
allgemeinen Nutzen, welcher aus der Aufhebung der Fideicommisse 
hervorgehe, doch auch die Erhaltung und den Glanz der adeligen 
Familien in Uebereinstimmung bringen (welcher Codex der Staatsweis- 
heit enthält diese Vorschrift?), und darum (Aug. 1818) die Errichtung 
von Majoraten von Neuem zu verstatten und in Schutz zu nehmen. 
Die angefügte Einschränkung, dass deren jährlicher Ertrag die Summe 
von 24,000 Ducati (102,000 Francs) nicht übersteigen und nicht unter 
4,000 Ducati sein dürfe 3 ), war nur zu leicht zu umgehen. Die bald 

1 ) Pölitz, Europäisch. Verfassungen seit 1789 Bd. II, SS. 423. 448. Amari p. 48. 

2 ) Im Kirchenstaate sogar deren gesetzliche und plötzliche, indem Leo XII (essendo 
di natura prona agli estremi) die diesem von seinem Vorgänger verliehene Verfassung 
aufhob, und mittelst der organischen Verordnung v. 5. Oktob. 1824 dem Adel seine frü- 
heren, all' jene Vorrechte zurückgab, «die er in allen civilisirten Staaten geniesst». 
Auch die damals noch beibehaltene Beschränkung bei der Errichtung von Majoraten, 
dass diese nämlich nur dann gestattet sei, wenn das Minimum ihres Werthes 16,000 
Scudi betrage, wurde im J. 1834 abgeschafft. Pölitz a. a. 0. Bd. II, S. 431. Neigebaur, der 
Pabst u. s. Reich S. 70 (Leipzig 1847). Farini, Lo Stato Romano dall' a. 1815 ai 1850 
T. I, pp. 18. 99. 

3 ) Lesur, Annuaire histor. universel, 1818, p. 291. Zeitgenossen, a. a. 0. S. 29. 



255 



darauf (1820) ausgebrochene Revolutiou und das wachsende Elend auf 
der Insel veranlassten auch den neuen König Franz I, die Aufhebung 
aller noch bestehenden Feudalrechte (11. Sept. 1825) zu verfügen, und 
die Art der Vollstreckung dieses Befehls präcis vorzuschreiben. Der ge- 
waltige Einfluss der Barone wusste aber nicht nur die Ausführung zu 
hintertreiben, sondern auch schon nach einigen Jahren (20. Dec. 1829) 
eine neue königliche Verordnung zu erwirken, welche die Vollziehung 
der in Rede stehenden frühern gewissermassen unmöglich machte. Bes- 
sere Aussichten schienen Sicilien sich zu eröffnen, nachdem der Sohn 
und Nachfolger des eben genannten Monarchen. Ferdinand II, diese 
einstige Kornkammer Roms und Karthagos wiederholt (1834 und 1838) 
persönlich besucht hatte. Denn der König überzeugte sich bei diesem 
Anlasse mit eigenen Augen, dass die noch fortdauernde Anhäufung des 
Grundeigenthums in den Händen des Adels und der Geistlichkeit, — die 
zwei Familien Butera und Paterno z. B. besassen fast den achten Theil 
der Insel ') — , so wie das Heer der noch ungebrochen fortbestehenden 
Feudal- und Zwangsrechte der Barone (von welchen nur deren noch im- 
mer aufrecht erhaltenes, überaus unheilvoll wirkendes Monopol des Ver- 
kaufs der Lebensmittel hier besonders erwähnt werden mag) den gröss- 
ten Theil der Schuld daran trugen, dass ein Land, welches sechs Jahr- 
hunderte zuvor, unter dem grossen Hohenstaufen Kaiser Friedrich II, 
einem Garten Gottes geglichen, jetzt ohne Ackerbau, ohne Handel und 
ohne Industrie, und darum so arm und elend war, dass ein gutes Dritt- 
theil seiner Bewohner aus Bettlern bestand 2 ). Frucht der beregten Ueber- 
zeugung war ein von Ferdinand II (19. Decbr. 1838) erlassenes sehr 
weises, dem später zu erwähnenden preussischen vom 9. Okt. 1807 
ähnliches, Gesetz zur völligen Abschaffung aller noch vorhandenen Feu- 
dal- und Zwangsrechte und der damit zusammenhängenden Missbräuche, 
welches — das Schicksal der ihm vorhergegangenen einschläglichen 
Verordnungen theilte, nämlich eben so wenig wie diese vollzogen wurde, 
wie man aus einem von dem fraglichen Monarchen drei Jahre später (11. 
Decbr. 1841) gegebenen neuen diesfälligen Gesetze entnimmt 3 ). 

In der Einleitung desselben wird nämlich ganz rückhaltlos bekannt, 
wie König Ferdinand II aus den eingegangenen Ermittelungen sich habe 
überzeugen müssen, dass trotz aller seitherigen Verordnungen noch sehr 
viele Missbräuche und Bedrückungen des aufgehobenen Feudalwesens 



x ) Zeitgenossen a. a. 0. S. 58. 

2 ) Venturini, Chronik d. XIX. Jahrhunderts Bd. X der neuen Folge (4835), S. 318. 

3 ) Neigebaur, Sicilien S. 425 f. Bianchini, Storia economico-civile di Sicilia T. II, 
pp. 95. 145 sqq. 



256 

nach wie vor fortbestünden. Zur endlichen Beseitigung derselben wur- 
den nun zwar in dem letzterwähnten königlichen Erlasse sehr zweck- 
mässige Anordnungen getroffen, und für deren stricte Ausführung sogar 
die Intendanten der Provinzen verantwortlich gemacht, es unterliegt aber 
keinem Zweifel, dass sie nicht besser vollzogen wurden, als die früheren. 
Denn die zweite sicilische Vesper vom J. 1848 und die sich ihr anrei- 
henden Ereignisse, der damals und später Ferdinand II von den Insula- 
nern wiederholt gemachte Vorwurf: dass er stets all' seine Verfassun- 
gen und Verpflichtungen gebrochen, darum nicht das geringste Vertrauen 
verdiene 1 ); der zumal von den untersten Klassen dieser gegen ihn so 
vielfach offenbarte grimmige Hass nnd die noch bezeichnendere That- 
sache, dass die im Frühjahr 1853 auf Sicilien entdeckte Verschwörung, 
welche eine allgemeine Entwaffnung der ganzen Insel zur Folge hatte, 
ihre meisten Theilnehmer unter dem Bauernstande zählte 2 ), so wie end- 
lich die allbekannten Enthüllungen besonders der englichen Presse in 
der jüngsten Vergangenheit gestatten keinen Zweifel darüber, dass in 
der Lage des Landvolkes auch durch das fragliche Gesetz vom 11. Decbr. 
1841 keine irgend nennenswerthe Verbesserung herbeigeführt worden. 

In diesen Vorgängen auf Sicilien 3 ) spiegeln sich die Gründe der vie- 
len revolutionären Erschütterungen, die im jüngstverflossenen halben Jahr- 
hundert besonders die apenninische Insel heimgesucht haben, des dort 
noch immer fortwogenden erbitterten Kampfes zwischen der alten und 
der neuen Zeit. Es fehlt Wälschlands Fürsten meist an dem ernsten 
Willen, sogar die unerlässlichsten, wenn auch als noch so dringend von 
ihnen selbst erkannten Reformen mehr als zum Scheine, in Wahrheit zu 



1 ) Revue des deux Mondes, 1849, Avril, p. 363. 

2 ) Lorck, Histor. Jahrbuch f. 1853— 54. S 239. 

3 ) Zur Charakteristik der gegenwärtigen betreffenden Zustände auf dem neapolitani- 
schen Festlande genügen die Thatsachen, dass dort weite Strecken des prächtigsten, 
fruchtbarsten Bodens ganz wüst liegen und auch jetzt lange nicht so viele Brodfrüchte 
geerntet werden, als im Anfange des laufenden Jahrhunderts unter französischer Herr- 
schaft; les grands proprietaires eux-memes manquent de capitaux, non seuleinent pour 
les ameliorations, mais aussi pour les depenses courantes que leurs terres sollicitent. 
Pauvres et riches malaises sont donc tous obliges d'emprunter ä un taux usuraire ou de 
vendre ä Pavance, et ä vil prix, des recoltes encore sur pied. La perte est ordinairement 
de 20 ä 25 pour cent, et meme plus considerable sur les transactions de peu de valeur, 
de plus, eile augmente en raison de la penurie des yendeurs et des accidents qui nuisent 
aux moissons; aussi, le cultivateur prefere-t-il souvent laisser en friche des champs dont, 
alors, il ne paie pas Fimpöt. Un etat de choses si vicieux doit necessairement ruiner l'a- 
griculture, et c'est en effet ce qui arrke. Da wird es freilich sehr begreiflich, dass das 
Land a vu, en vingt annees, ses exportations de denrees tomber de 75 millions de francs 
ä 51. Fulchiron (Pair de France), Voyage dans FItalie meridionale T. II, pp. 99. 413 (se- 
conde edit. Paris 1843—1847, 5 TT.). 



257 



gewähren, und wenn sie sich in Zeiten der Bedrängniss, oder in 
den seltenen Momenten überwallender besserer Regung dazu aufrichtig 
entschliessen, an der Kraft, jene mit dem erforderlichen Nachdrucke durch- 
zuführen. Mehr vielleicht als von irgend anderen Regenten gilt von ihnen, 
den fast ausschliesslich von Pfaffen Erzogenen, was einst der bekannte 
Graf St. Germain dem Franzosenkönige Ludwig XV zu sagen wagte : 
«Um die Menschen zu achten, muss man weder Beichtvater, noch Mi- 
nister, noch Polizeidirektor sein.» — «Und König?» frug der Monarch. 
— «Ach, Sire», entgegnete St. Germain, «Sie haben vor einigen Ta- 
gen den Nebel gesehen; nicht auf vier Schritte konnte man sich erken- 
nen. Von einem noch viel dichtem Nebel, den Ränkesüchtige um sie 
her verbreiten, sind die Könige eingeschlossen, und Alles vereinigt sich, 
um ihnen die Dinge unter einem von der Wahrheit möglichst entfernten 
Gesichtspunkte zu zeigen». 

Eben darum ist es den meisten Herrschern Hesperiens auch völlig 
verborgen geblieben, welch' Ungeheuern politischen Fehler sie dadurch 
begingen, dass sie in dem nahezu halben Jahrhundert, welches seit ihrer 
Restauration nach dem Sturze des ersten französischen Kaiserreiches ver- 
flossen, so gar wenig thaten zur Emancipation des Bauernstandes, 
die im weitaus grössten Theile der Halbinsel noch immer ihrer Verwirk- 
lichung harrt, trotz dem, dass der Landmann hier längst vollkommner 
persönlicher Freiheit geniesst. Es rührt dies daher, dass er in seiner 
grossen bei weitem überwiegenden Mehrheit noch immer das ist, was 
er seit Jahrhunderten gewesen — Zeitpächter (und zwar gewöhnlich 
auf sehr kurze Termine), selten Erbpächter, und noch viel seltener Ei- 
genthümer des Bodens, den er mit dem Schweisse seines Angesichtes 
düngt. Alle geschichtliche Erfahrung, wie das Vorhergehende zeigt und 
das Folgende zeigen wird, lehrt aber, dass mit der Zeitpacht des 
Bauern Wohlsein und Unabhängigkeit von seinem Grundherrn nur un- 
ter Verhältnissen, wie sie auf dem langen Wege mehrhundertjähriger 
geschichtlicher Entwicklung in England sich gebildet, vereinbar, 
nur in einem Lande möglich sind, wo eine tiefwurzelnde freie 
Verfassung, ein festbegründeter Rechtssinn und Rechtszu- 
stand Jedem, dem Niedersten, wie dem Höchsten, den gleichen 
Rechtsschutz, denselben kräftigen Schirm gegen Will kühr und 
Missbrauch der Gewalt gewähren. In Italien aber, in einem Lande, 
dessen Rechtszustände seit Jahrhunderten und bis auf die neueste Zeit 
herab seine traurigsten parties honteuses bildeten und bilden, wo die 
Achtung vor dem Gesetze und dem Rechte bei Gross und Klein so ge- 
ring, wo die Kleinen deshalb thatsächlich fast durchgängig der Fähigkeit 

Sugeoheini, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. |7 



258 

entbehren, ihr, wenn auch noch so gutes Recht den Grossen gegenüber 
zur Geltung zu bringen, resultirte schon deshalb für das Landvolk, trotz 
seiner Befreiung von allen Banden der Leibeigenschaft und Hörigkeit, aus 
dem Verhältnisse der Zeitpacht, wie bereits oben (S. 200) berührt wor- 
den, eine weit grössere Abhängigkeit von Adel und Geistlichkeit als man 
auf den ersten Anblick glauben möchte. 

In den Händen dieser Stände ist nämlich auf der ganzen Halbinsel 
noch immer der weitaus grösste Theil alles Grund und Bodens aufge- 
häuft, und da es bei der steten Zunahme der Bevölkerung in einem Lande, 
wo, wie in China, bei den Irländern und polnischen Juden, Alles heira- 
thet und sich ins Unbedingte vermehrt, immer mehr Bewerber um Pacht- 
güter als zu vermiethende Ländereien gibt, werden die Besitzer dieser 
auch nicht durch die Befürchtung, in dem Falle nicht leicht Pächter zu 
finden, davon abgehalten die Vortheile ihrer Stellung den Letzteren ge- 
genüber möglichst auszubeuten, sie den drückendsten Bedingungen, einer 
willkührlichen Behandlung zu unterwerfen. Die Zeitpächter müssen 
letztere, auch wenn keine anderweitigen Gründe sie dazu nothigten, aber 
schon deshalb sich gefallen lassen, weil sie wissen, dass die Gesetze 
und Regierungen die Reichen begünstigen, dass darum bei allen entste- 
henden Streitigkeiten die Auslegung des reichen Gutsherrn von dem 
Richter bestätigt werden wird, ihnen folglich selbst noch so bündige 
Contracte, die sie übrigens nur selten besitzen, nur wenig frommen. Nun 
stellt es sich praktisch viel gleichgültiger dar, als es in der Theorie 
erscheint, ob die Abhängigkeit des Landmannes von Adel und Klerus in 
der Berechtigung dieser wurzelt, ihn zu prügeln und zu quälen, oder in 
der, ihn nach Verlauf kurzer oder gar zu jeder Zeit nach Belieben vom 
Pachtgute zu jagen, und dadurch brodlos zu machen, da es meist eine 
sehr schwer zu entscheidende Frage sein dürfte, ob der Bauer mehr die 
Prügel, oder mehr den Hunger scheut. 

Das System der Zeitpacht lastet aber wie ein Fluch nicht allein auf 
den Bearbeitern, sondern auch auf den Besitzern des Bodens, 
selbstverständlich damit auch auf der Landwirthschaft, und kaum viel 
weniger, was überraschen dürfte, auf den sittlichen Zuständen der Halb- 
insel. Es wird, zur Begründung dieser Behauptung, nur einer nähern 
Darlegung der einschläglichen Verhältnisse in derjenigen Provinz Italiens 
bedürfen, die in den letzten vierzig Jahren notorisch die bestregierte und 
beststehende, d. h. relativ, also unter den so arg maltraitirten die noch 
am wenigsten misshandelte gewesen — in der Lombardei nämlich 
Auch liegen gerade über diesen Theil Hesperiens die detaillirtesten und 



_2&L 

authentischsten diesfälligen Aufschlüsse vor, weil sie von einem Manne ') 
herrühren, der sie aus vieljähriger eigener Anschauung kennt, der, damals 
Gubernialrath zu Triest, in der jüngsten Vergangenheit sogar geraume 
Zeit als kaiserlicher Statthalter an der Spitze Lombardiens stand, die 
Dinge also sicherlich nicht mit zu schAvarzen Farben schildert. - 

Jeder, der nur etwas von der praktischen Landwirthschaft versteht, 
weiss, dass die Kulturkosten beim gewöhnlichen Ackerbau, wenn er 
durch Dienstboten oder freie Taglöhner betrieben wird, nur unter sehr 
günstigen Umständen die Hälfte des rohen Ertrages, wenn diese aber 
minder günstig sind, sechzig, siebzig und wol noch mehr Procent des- 
selben betragen. Nun hat in der Lombardei der Colon (des Zeitpächters 
gebräuchlichste Benennung in ganz Italien) noch immer, wie schon vor 
mehr als sechs Jahrhunderten 2 ), die Hälfte aller Produkte, die er 
erzeugt, als Pachtquote zu entrichten, muss also schon deshalb von dem 
Antheile am Rohertrage, der ihm für seine Arbeit gebührt, einen Theil 
dem Besitzer des Bodens überlassen, folglich, mit anderen Worten, um 
geringeren Lohn arbeiten, als Dienstboten und Tagelöhner. Sein Ver- 
hältniss wird aber dadurch noch bedeutend verschlimmert, dass jene 
angebliche Hälfte mehr als die Hälfte ist, indem die Grundbesitzer den 
berührten grossen Andrang der Pachtlustigen längst dazu benutzten, den- 
selben noch verschiedene Nebenlasten, Naturallieferungen, wie nament- 
lich einer gewissen Anzahl Eier, Hühner und dergl., und Leistungen 
aufzubürden. So müssen z. B. gar viele Zeitpächter, obwol doch durch- 
aus freie Menschen, nebenbei auch noch bedeutende unentgeldliche 
Frohndienste leisten, und mitunter beträchtlichere, als weiland deut- 
schen oder anderen Hörigen oblagen, weil von den Grundeigentümern 
Stein-, Holz- und andere Fuhren, Strassenarbeiten, so Avie sonstige Hand- 
und Spanndienste bei Ueberlassung der Ländereien bedungen zu werden 
pflegen. 

Wer die Dinge nur so oben hin betrachtet, wird hier allerdings 
schnell Rath wissen: der Pächter braucht ja den Vertrag, wenn er ihn 
zu drückend findet, nicht einzugehen; auch steht es ihm ja frei, ihn zu 
kündigen, sich um ein anderes Pachtgut zu bewerben, in ein anderes 
Dorf, in eine andere Provinz, in ein anderes Land zu ziehen. Allein im 
Orte selbst sind alle Pachtcontracte einander so ähnlich wie ein Ei 



1 ) Burger, dessen auch von späteren Berichterstattern vielfach bestätigte, Auseinan- 
dersetzungen im zweiten Bande seiner trefflichen Reise durch Ober-Italien mit vorzügli- 
cher Rücksicht auf den gegenwärtigen Zustand der Landwirthschaft, besonders S. 201 f. 
den nachstehenden durchweg zu Grunde liegen. 

2 ) Vergl. oben S. 200. 



260 

dem anderen, und sein Loos ändert er nicht im entferntesten, wenn er 
statt vom Signore Principe vom Signore Marchese ein Stück Land pach- 
tet, und eben so unmöglich ist es, von einem Gutsherrn durch Kündi- 
gung des Pachtes leidlichere Bedingungen zu erzwingen, da aus dem 
schon berührten Grunde statt seiner sich zehn Andere zur Uebernahme 
desselben melden. In einem andern Dorfe könnte der Colon aber nur 
dann ein Pachtgut suchen, wenn er etwas Vermögen besasse, welches 
dem Grundherrn Garantie böte; denn einem Fremden will dieser das in 
dem, in der Regel von ihm angeschafften (weil die Pächter gewöhnlich 
viel zu arm dazu sind), lebenden Inventar steckende Kapital natürlich 
nicht anvertrauen. Irgend welche Sicherheit zu bieten sind diese Zeit- 
pächter wegen ihrer Mittellosigkeit indessen so wenig im Stande, dass 
vornehmlich daher die fast allgemeine Uebung der lombardischen Grund- 
herren rührt, ihre Ländereien nicht länger als auf ein Jahr zu verpach- 
ten 1 ). Geradezu lächerlich ist es aber, wenn man von der Uebersiedeiung 
solcher Zeitpächter in andere Provinzen, oder gar ins Ausland spricht, 
weil hierzu Geld, Muth und Unternehmungsgeist erforderlich sind, was 
Alles diesen armen Leuten fehlt. 

Denn das sind diese lombardischen Colonen in ihrer unendlich 
grossen Mehrheit; man höre, was unser oben erwähnter Gewährsmann 2 ) 
hierüber berichtet: «Wenn man sich überzeugt, dass der Colon und alle 
Mitglieder seiner Familie fortwährend mit Anstrengung arbeiten; dass 
sie sich fast ausschliesslich bloss mit Mais ernähren; dass am Sonntag 
kein Huhn im Topfe steckt, wie der gute Heinrich IV seinen eben so 
elenden französischen Metayers wünschte; dass sie nur da, wo Wein- 
bau betrieben wird, Nachwein trinken; dass sie im Sommer in leinene, 
gefärbte, und im Winter in weiss wollene Jacken gekleidet sind; dass 
ihre Weiber und Töchter, ausser den goldenen oder vergoldeten Ohrrin- 
gen Nichts von Werth auf sich haben, und in grobe leinene oder baum- 
wollene Kleider gehüllt sind: — und wenn man dann sieht, dass solche 
Leute nach einer langen Reihe von Jahren Nichts vor sich bringen, ja 
wohl gar nur gegen ihre Herren verschuldet sind; so kann der Grund 
ihres Unglücks in nichts anderem liegen, als in dem Theilungsvertrage 
in welchem der Arbeiter zum Vortheile des Grundbesitzers verkürzt 
ist ... . Die Wohnungen solcher Colonen sind, mit geringen Ausnahmen, 
klein, äusserst ärmlich; Alles ist auf das Mindeste und das Allernoth- 



1 ) — giacche il proprietario non trova prudente di yincolarsi molto a lungo con affit- 
taiuoli che presentano assai poca soliditä. Milano e il suo Territorio (vergl. oben S. 206, 
Anmerk. 4) T. II, p. 157. 

2) Burger Bd. II, S. 213 f. 



wendigste beschränkt. Von Gemächlichkeit, Reinlichkeit, Verzierung, 
von einem geräumigen Hofe, lichten Ställen, einem wohlbestellten Gar- 
ten ist nirgend wo die Rede, denn die Auslagen hierfür kann wohl der 
Eigentümer, nicht aber der Pächter machen: dieser ist aber zu arm, 
und des Pachtbesitzes auch zu ungewiss, als dass er eine Ausgabe 
machen sollte, die nicht im nämlichen Jahre schon wieder ersetzt wird... 
Es ist unmöglich, dass man beim Anblick des elenden Zustan- 
des, in dem sich die den Acker bearbeitende Glasse der Ein- 
wohner von Italien befindet, nicht Mitleid mit ihnen haben 
sollte.» 

«Man sollte vennuthen», fahrt derselbe sachkundige Berichterstatter 
fort, «dass die Grundbesitzer selbst zur Einsicht gelangt sein sollten, 
dass der Ackerbau durch so elende, unwissende und herabgewürdigte 
Menschen, und mit so geringen und unzureichenden Hülfsmitteln betrie- 
ben, ihnen nicht jenen Ertrag abwirft, den sie davon zu erwarten be- 
rechtigt sind; allein so gross ist ihre Kurzsichtigkeit, ihre Unwissenheit 
und ihr Geiz, dass sie immer nur in der Erhöhung des Pachtschillings 
und nie in der Herabsetzung desselben das Mittel suchen, ihre vermin- 
derten Einnahmen zu erhöhen, dass sie sich von den grossen Summen, 
die ihnen ihre Colonen für Vorschüsse schulden, nicht trennen können, 
obwohl sie einsehen, dass sie dieselben nie hereinzubringen im Stande 
sind, und dass diese Schulden ihre Colonen alles Muthes berauben, sich 
mit froher Hoffnung für die Zukunft den Anstrengungen der Arbeit zu 
widmen, da sie keine Aussicht haben je unabhängig zu werden; und aus 
den gleichen Ursachen geben sie jedem Colon nur das allernothwen- 
digste Zugvieh, nicht bedenkend, dass der Acker nicht soAVohl gepflügt, 
als auch bedüngt sein Avill, und dass die Grösse des Ertrages bei glei- 
chen übrigen Verhältnissen von der Grösse der aufgewendeten Düngung 
abhängt». 

Dieser Missstände unvermeidliche Folge ist, dass der landwirtschaft- 
liche Betrieb in der Lombardei in vieler Hinsicht noch weit hinter dem 
anderer von der Natur viel weniger begünstigten Länder zurücksteht, 
und dass Verbesserungen desselben so schwer durchdringen, einzu- 
führen sind. So wird z. B. die Weinkultur, die doch eine sehr beträcht- 
liche Rolle in der Landwirtschaft dieser Provinz spielt, noch immer in 
ganz fehlerhafter Weise betrieben 1 ), und der Anbau der Kartoffeln noch 
immer sehr vernachlässigt, trotz dem dass die grauenhaften Scenen, die 
sich in den Hungerjahren 1816 — 1817 in diesem Garten Europas er- 

*) Burger Bd. I S. 303 f. Wie freilich fast überall in Italien. Fulchiron, Voyage daiis 
l'Italie merid. T. II. p. 101. 



262 

eigneten *), weil ihm jenes Ersatzmittel der Brodfrüchte fehlte, dazu doch 
dringend genug mahnten. 

Aber auch das sittliche Unheil, welches das in Rede stehende 
System der Zeitpacht stiftet, ist nicht gering. Man höre, was unser 
sachkundiger Berichterstatter 2 ) hierüber äussert: «Da, wo alle Grunder- 
zeugnisse zwischen dem Herrn und Colon zu gleichen Theilen getheilt 
werden, geht die Rechtlichkeit dieser Letztern allgemach verloren, und 
sie suchen sich auf jede Art einen grössern Theil des Grunderzeugnisses 
zuzueignen, als ihnen vermöge des Contracts zukommt. — Ist die Ernte 
reich, so bemerkt der Colon sehr leicht, dass er seinem Herrn für den 
Werth des übernommenen Feldes, oder für die Zinsen des Ankaufkapi- 
tals, eine zu hohe Abgabe im Verhältnisse der von ihm und seinen 
Leuten aufgewendeten Mühe und Arbeit entrichtet, und hält sich dadurch 
berechtigt einen grösseren Theil des Rohertrages für sich zu behalten, 
als er sollte; missräth aber die Ernte, so glaubt er um so mehr berech- 
tigt zu sein den Herrn zu bevortheilen, um von dem Wenigen, was die 
Missgunst der Witterung übrig gelassen hat, mit seiner Familie zu leben, 
da die Schuld des Missrathens nicht an ihm ist, und er sein Möglichstes 
gethan hat die Felder zu bestellen. So ist ein egoistischer und auf das 
Verderben der arbeitenden Classe gerichteter Vertrag die Ursache des 
beständigen Zwistes und Grolls zwischen dem Grundbesitzer und seinem 
Colon. Der Erstere bewacht fortwährend den Letzteren, dass er nicht 
einen Theil der Feldfrüchte der Theilung entziehe, und der Letztere ist, 
theils aus Noth, und theils aus angewöhntem Hange bemüht, jede Gele- 
genheit zu benützen seinen Antheil am Ertrage zu vergrössern. Dadurch 
geht alles freundschaftliche Verhältniss zwischen diesen beiden Parteien 
verloren; der Herr sieht den Colon (noch immer, wie schon seit Jahr- 
hunderten 3 ) als einen Dieb an, während er vom Colon als sein Unter- 
drücker betrachtet wird, und leider! haben beide Recht; nur scheint der 
Grundbesitzer die Ursache zu sein, dass der Colon unmoralisch handelt, 
weil er von ihm mehr fordert, als dieser zu leisten vermögend ist, und 
darum kann man den armen Colonen ihre kleinen Betrügereien auch nicht 
hoch anrechnen«. 



*) Burger Bd. I, S. 285. 

2 ) Burger Bd. 1I ? S. 212. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass selbst Manche, 
die im Uebrigen Lobredner des fraglichen Systems der Zeitpacht sind, doch diese entsitt- 
lichenden Wirkungen desselben zugeben müssen, wie z. B. Rossi (Gabriello, Professor 
der Medicin zu Bologna): Sulla Condizione economica e sociale dello Stato Pontificio T. II, 
p. 207 (Bologna 1848. 2 TT.). 

3 ) Coloni regulariter sunt fures und: Colonus ergo für waren schon im sechzehnten 
Seculum Lehrsätze der renommirtesten Juristen Wälschlands! Poggi, Cenui storici delle 
Leggi sull' AgriGoltura T. U, p. 251. 



Kaum wird es der ausdrücklichen Erwähnung bedürfen, dass die 
Wirkungen dieses Systems der Zeitpacht auch in den übrigen selbst am 
besten regierten Provinzen Italiens, wie z. B. in Piemont und Ligu- 
rien 1 ), wo es dort nämlich noch besteht 2 ), dieselben sind, und danach 
wird leicht zu ermessen sein, wie giftig es erst in den übrigen Theilen 
der Halbinsel, wie z. B. in dem so unbeschreiblich elend verwalteten 
Kirchenstaate 3 ) wuchern mag. Dass die meisten Fürsten Wälschlands 
auch in den jüngst verflossenen vierzig Jahren so wenig gethan, zur 
Reform der bäuerlichen Verhältnisse desselben, zur Umwandlung dieser 
beklagenswerthen Zeit- in Erbpächter oder Landeigenthümer (und 
die gleich zu erwähnenden Vorgänge auf der Insel Sardinien beweisen 
unwidersprechlich, um wie viel leichter das ihnen gewesen sein würde, 
als den klügeren Monarchen aus dem Hause Savoyen) ist nun schon 
deshalb ein ungeheuerer politischer Fehler gewesen, weil sie hierdurch 
Etwas conservirt und vermehrt haben, was jede weise Regierung zu 
beseitigen, oder doch möglichst zu mindern suchen wird — ein länd- 



1 ) I proprietarj aggrayarono la mano senza moderazione sopra i coloni, sottoponeudoli 
a canone annuo, o i generi o in denaro, cosi esorbitante, che se per due o tre anni 
mancano o scarseggiauo le raccolte, il couduttore e impossibiliiato a pagarlo, e contraendo 
cosi un forte debito, o fugge, o e discacciato, e cade nella miseria, dal che ne consegnono 
due mali, l'oppressione dei povero, e la trascurata coltivazioue dei terreni. Zuccagni — 
Orlandini, Corografia deir ltalia Supplem. al. T. IV, p. 86. 

2 ) Denn in diesen Proviuzen Hesperiens giebt es jetzt bereits eine bedeutende An- 
zahl bäuerlicher Grundeigeuthümer, die im westlichen Ligurien sogar die bei weitem 
grosse Mehrheit, fast neun Zehntel der ländlichen Bevölkerung bilden. Zuccagni-Orlan- 
dini a. a. 0. pp. 59. 197. 226. 260. 

3 ) Bezüglich desselben bemerkte Fulchiron (1841), Voyage dans l'ltalie meridiouale 
T. 111, p. 49: — des paysans hors d'etat d'en payer le loyer en argent, cultivant ä moitie 
fruits, et charges encore de redeiances en nature par l'ayide proprietaire ; le metayer est 
donc dans une continuelle misere, et souvent oblige d'emprunter ä 8 et 9 p. % d'iuteret, 
taux exorbitant, si Ton considere que les exportalions de ces provinces, en riz, Tins, 
chan^re, et meme en quelques objets manufactures y fönt, chaque annee, affluer le nu- 
meraire . . . On peut dire que, sous ce rapport, plusieurs cantons de ces provinces en 
sont presque arrhes ä l'etat de l'lrlande. Wie wenig das und der damit übereinstimmende 
englische Bericht bei Neigebaur, Der Pabst und seiu Reich S. 236 übertrieben ist, ent- 
nimmt man aus eiuigen sehr charakteristischen Aeusserungen des Bischofs von Terracina 
vom J. 1847 in einer Denkschrift über die Verwaltung der Strafgerichtsbarkeit. Der 
fromme Kircheumann bemerkt in dieser nämlich: 11 reo condannato alla carcere perde la 
libertä e vero, ma nel resto, circa l'individuo, forse guadagna; perche ha un vitto, che 
sicuramente con tutti i suoi stenti e sudori non poteva avere in proprio casa (in 
questa memoria si parla solo delle classi dei contadini, artieri, braccianti ed oziosi); e 
di piu non sente quotidianamente piangersi attorno i teneri figli che chiedon pane; e 
perciö a poco a poco si ya adattando ad un uno stato di iusensibilitä, e piü non yi pensa 
. . . . ed espiata la pena, torna bene spesso con dispiacere alla propria casa, perche 
gli rincresce di riassoggettarsi all' improba fatica, e alla cura almeno temporale della 
famiglia. Rossi a. a. 0. T. I, p. 43. 



264 

liches Proletariat, welches von jeder Aenderung, von jedem Um- 
sturz der bestehenden Verhältnisse für sich Vortheile zu hoffen hat, 
darum auch allen diesfälligen Lockungen überaus zugänglich ist. Die 
vielen grossen und kleinen Revolutionen, die in den jüngst verflossenen 
vier Decennien die Halbinsel heimgesucht, wurzeln vornehmlich in die- 
sem Umstände; die Revolutionen machen sich dort so leicht, weil so 
viel Material dazu vorhanden ist, weil die Massen dort wenig oder 
Nichts zu verlieren haben, und schon darum jedem Aufwiegler, jedem 
Abenteuerer willig ihr Ohr leihen. Die fragliche Unterlassungssünde der 
italienischen Regierungen war aber ein um so gröberer politischer Feh- 
ler, weil es doch allen längst kein Geheimniss mehr sein konnte, wie 
viele ihnen höchst gefährliche Elemente der grösstentheils vom lebhafte- 
sten, vom edelsten Nationalgefühl durchglühete, und jenen Schleppträ- 
gern Oesterreichs schon deshalb entschieden abholde, Adel der Halbin- 
sel in seinem Schoosse barg. Da schien es denn doch die allereinfachste 
Staatsklugheit zu gebieten, den gewaltigen Einfluss, den dieser mittelst 
der absoluten Abhängigkeit, in welcher er die Bauern, meist seine 
Zeitpächter, fort und fort erhält, auf sie mit Leichtigkeit ausübt, da- 
durch zu brechen, zu begränzen, dass man letztere wegen ihrer Existenz 
in der angedeuteten Weise von den Edelleuten unabhängig machte. 

Was Italiens Beherrscher zu dieser schweren Unterlassungssünde 
vornehmlich veranlasste? lässt sich aus den naiven Geständnissen der 
österreichischen Tages-Presse in den letzten Jahren unschwer errathen. 
Die versicherte nämlich (1858), dass der wiener Hof den ihm so feind- 
seligen Adel der Lombardei um so weniger zu fürchten brauche, da ihm 
die Agrikultur-Bevölkerung, die den Boden nur pachtweise bearbeitete, 
ein treffliches Mittel biete, den Adel im Zaume zu halten und eventuell 
zu züchtigen. Man brauche diesen ja nur damit zu bedrohen, ihn 
zu Gunsten jener seines Grundbesitzes verlustig, seine bishe- 
rigen Pächter zu Eigenthümern der von ihnen bebaueten Län- 
dereien zu erklären, um ihm alle Lust zu ernstlicher Rebellion zu 
benehmen, und der Regierung «in der Masse des Volkes unzerstörbare 
Sympathien, die Mittel zu verschaffen, solche zu befeuern«. Da ester- 
reich seit den wiener Verträgen der Leitstern fast aller Regierungen der 
apenninischen Halbinsel gewesen, ist nicht zu bezweifeln, dass auch 
diese so calculirten, und damit doch hie und da sich regende Besorg- 
nisse beschwichtigten. 

Die Ereignisse der jüngsten Tage haben bewiesen, wie grundfalsch 
diese, einer Regierung, die als Säule der Legitimität gelten will, so 
wenig würdige Berechnung gewesen. Nicht allein in der Lombardei, 



265 

auch in Toscana, in der Romagna und den Herzogtümern ist der Adel 
durch das berührte Verhältniss nicht abgehalten worden, sich überall an 
die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen, wurde durch jene ver- 
meintlich so verführerische Aussicht unter den Landleuten auch nicht 
die kleinste Demonstration zu Gunsten Oesterreichs und seiner Parti- 
sane hervorgerufen, und zwar aus zwei sehr einfachen Gründen. Einmal, 
weil es eben durch die dargelegten Verhältnisse dem Adel viel leichter 
wird, als den Regierungen, die Agrikultur-Bevölkerung nach seinen Ab- 
sichten zu lenken, sie diesen dienstbar zu machen. Der Gutsherr, der 
ihn und die Seinigen so leicht um das tägliche Brod, an den Bettelstab 
bringen kann, ist für den Bauer eine furchtbarere, weil viel nähere 
Macht, als der ferne, nicht leicht zugängliche Fürst, besonders wenn 
dieser sich um ihn so wenig kümmert, wie dies seit Menschengedenken 
bei den Regenten Wälschlands fast durchgängig der Fall gewesen. Auch 
sind dessen Edelleute, Avenn sie mit wichtigen und gefährlichen An- 
schlägen schwanger gehen, schlau genug, schon geraume Zeit vor der 
Enthüllung, vor der Reife derselben sich auf einen patriarchalischen 
Fuss zu ihren Pächtern zu setzen, hierin nur dem Vorgange namentlich 
des toscanischen Adels schon im Mittelalter folgend. Der pflegte damals 
auch seine Colonen, nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Berechnung, 
zeitweilig sehr human und wohlwollend zu behandeln, um an ihnen 
nämlich Stützen und Helfer zu haben in den so häufigen Bürgerkriegen 
und Faktionskämpfen. 

Zweitens, ist wie der Bauer überhaupt, so insbesondere der italieni- 
sche in unserer Zeit nicht mehr so einfältig, wie die wähnen, die ihn 
nur aus der Cavalier-Perspective kennen und beurtheilen. Welches Ver- 
trauen konnte der Land mann in die schönen Verheissungen von Macht- 
habern setzen, die ihre früher (1814), wenn auch nicht ihm speciell 
gegebenen, so wenig erfüllt, die nur in Tagen höchster eigener Be- 
drängniss sich seiner erinnern, aber in den vorhergegangenen vier De- 
cennien so wenig für ihn gethan, trotz dem dass es ihnen doch sehr 
leicht gewesen wäre, viel für ihn zu thun? Denn, wenn man genauer 
zusieht, wird man finden, dass z. B. Oesterreichs Ansprüche auf die 
Dankbarkeit und Anhänglichkeit des lombardischen Landvolkes in Wahr- 
heit nur auf das den italienischen Regimentern gewährte Privilegium 
sich gründen, dass die bei den deutschen, slavischen und übrigen der 
Monarchie gebräuchlichen Prügel bei ihnen längst abgeschafft worden. 
Durch solche negative Wohlthaten erwirbt man aber nicht die Sympa- 
thien der Beherrschten, und am wenigsten die der sehr am Reellen und 
Materiellen hängenden Bauern; Regenten, die an diesen eine wirkliche 



Stütze gegen einen übermächtigen oder übelgesinnten Adel zu erwerben 
wünschen, können das nur mittelst positiver Beweise ihrer väterlichen 
Intentionen, ihrer stets regen Sorge für die Wohlfahrt des Landvolkes. 
Wenn für dieses von Oesterreich und seinen Schleppträgern auf der 
Halbinsel in den letzten 40 Jahren mehr geschehen wäre, wie ganz 
anders würden dort die Dinge jetzt (1859) sich gestaltet haben! Und 
wenn der wiener Hof, durch Erfahrung belehrt, bei der venetiani- 
schen Agrikultur-Bevölkerung nachholt, was er bei der lombardischen 
versäumt hat, wird ihm das zur Behauptung der Reste seines Reiches 
in Italien ohne Zweifel ungleich förderlicher werden, als sein vielge- 
priesenes Festungs-Viereck. 

Einen eben so erfreulichen als lehrreichen Gegensatz zu dem Ge- 
bahren der übrigen italienischen Regierungen dem Bauernstande gegen- 
über zeigt, freilich erst seit ungefähr zwei Decennien, merkwürdig genug! 
gerade die Haltung derjenigen, die in den ersten Jahren der Restaura- 
tion auch in der Hinsicht, wie in jeder anderen als wahrer Don Quixote 
des ancien Regime sich lächerlich machte — die des wiederhergestell- 
ten Königreichs Sardinien. Unter der Herrschaft Victor Emanuels I, 
der ein fanatischer Verehrer der alten ') und so wüthender Feind der 
neuen Zeit war, dass er im botanischen Garten zu Turin alle von den 
Franzosen dort gezogenen exotischen Gewächse als jakobinisches Un- 
kraut ausjäten Hess, sind, wie unter der seines Bruders und Nachfolgers 
Karl Felix, dessen zehnjährige unbeschreiblich erbärmliche 2 ) Regierung 
(1821 — 1831), «eher eines der Rois faineants des merovingischen 
Stammes als eines Enkels von Emanuel Philibert und Karl Emanuel 
würdig war« 3 ), auf allen Gebieten des Staatslebens nur Rückschritte, 
selbstverständlich ist da auch für das Landvolk nicht das Mindeste ge- 
schehen. Um so grösseres aber von Karl Albert, mit dem, trotz aller 
Intriguen Oesterreichs 4 ), die carignan'sche Seitenlinie des Hauses Sa- 
voyen den Thron bestieg, obwol die Anfänge seiner Waltung, — so 



!) «Mit der Formel: ««der König hat geschlafen»» zerstörte man unter Victor Ema- 
nuel I mit Wuth Alles, was yon den Franzosen herrührte. Man stellte Lehen, Bannrechte 
und Monopole wieder her, kurz Alles, was die Könige des vorigen Jahrhunderts gerne 
abgeschafft hätten, wenn sie gekonnt hätten». Bossellini in der kritisch. Zeitschrift für 
Rechtswissenschaft und Gesetzgeb. des Auslandes, Bd. XXVII (1855), S. 431. 

2) — regno come il peggiore (i Piemontesi) non avevano mai amto. Ranalli, Istorie 
Italiane dal 1846 al 1853 T. 1, p. 194 (Firenze 1858). 

3 ) Worte Pineilis, Piemouts Militair-Gesch. Bd. II, S. 460. 

4 ) Dieses hatte sich nämlich eifrig bemüht den König Karl Felix zur Aufhebung des 
im Hause Savoyen geltenden salischen Gesetzes zu vermögen, um der mit dem Herzoge 
von Modena verheiratheten Tochter Victor Emanuel's I die Erbfolge zuzuwenden. Neige- 
baur, Die Insel Sardinien S. 136. 



267 

verbot er z. B. im Beginne derselben Allen, die nicht 1500 Lire im 
Vermögen hatten, das Lesen- und Schreibenlernen, und Allen, die nicht 
so viel an jährlichen Renten besassen, das Studiren — 1 ), wenig 
geeignet erschienen, sonderliche Hoffnungen zu wecken. Zumal die 
bäuerlichen Zustände der Insel Sardinien lenkten frühzeitig die 
Aufmerksamkeit des neuen Monarchen auf sich. 

Sie zeigten freilich auch ein so unglaublich düsteres, ein so ab- 
schreckendes Bild, dass selbst ein minder einsichtiger Herrscher das 
dringende Bedürfniss alsbaldiger durchgreifender Abhülfe nicht verkennen 
konnte. Denn hier schmachtete das Landvolk noch ganz unter dem oben 
(S. 245) berührten Drucke durchaus mittelalterlicher Verhältnisse, wie 
gegen Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts, der damals (1795) einen 
Aufstand desselben hervorgerufen, um die Ablösung der eben so ver- 
zehrenden als von einander abweichenden 2 ) Gerechtsame seiner Feudal- 
tyrannen mittelst billiger Entschädigung zu erwirken. Sie war ihm 
auch zugesagt, aber dies Versprechen nicht gehalten worden 3 ), weil die 
Regierung der Aristokratie des Eilandes gegenüber gar zu kraftlos war 4 ). 
Welch' crasser Feudalismus noch in den Dreissigerjahren des laufenden 
Seculums auf Sardiniens Bauernstand lastete, ist daraus zu entnehmen, 
dass die Abgaben die derselbe, neben häufigen Frohndiensten 5 ), an 
Barone und Geistlichkeit damals noch zu zahlen hatte, nicht weniger als 
60 bis 70 Procent von der Frucht seines Schweisses betrugen, und 
von den Grundherren nicht selten unter den lächerlichsten Vorwänden 
ganz willkührlich erhöhet wurden. So geschah das einmal von einem 
IMarchese di Moras um ein Sechzehntel, weil — die Mäuse auf seinen 
Böden wol so viel fressen könnten 6 )! Daneben besass der Adel, der 



1 ) Yenturini, Chronik Bd. IX der neuen Folge (1834), S. 222. (Brockhaus), die Ge- 
genwart Bd. Hl, S. 169. 

2 ) De la Marmora, Yoyage en Sardaigne de 1819 ä 1825 p. 307 (Paris 1826): Les 
droits seigneuriaux varient eu raison de la difierence des investitures; ils ne se ressem- 
blent nullement d'un fief ä un autre, il y a meme souvent des disseinblances entre les 
divers villages d'un meme fief. Quelques droits sont bases sur des conTentions particu- 
lieres faites ä Tepoque de la concession des terrains, ou de Fetablissement des Colons; 
d'autres sur des usages qui remontent ä d'anciens contrats, et souvent meme ä des con- 
Tentions verbales que la vicissitude du temps a fait perdre, et dont il ne reste que la 
tradition. 

3 ) Mimaut, Sardiniens ältere und neuere Gesch. Bd. II, S. 166 f 

4 ) «Wie sehr die Feudal-Herren damals noch gewöhnt waren, der königlichen 
Macht zu trotzen, zeigte im Jahr 1815 der Markgraf von Tomaso, der eigenmächtig mit 
dem Aufgebot seiner Leute einen Abgeordneten der Regierung verhaftete — und unge- 
straft blieb». Neigebaur, die Insel Sardinien S. 68. 

ä ) De la Marmora a. a. 0. pp. 310—311. 379. 
6 ) Raumer, Italien Bd. I, S. 366. 



268 

noch im Jahr 1824 aus 1,600 Familien mit 6,200 Seelen bestand, 
d. h. den neunundsiebzigsten Theil der GesammtbevÖlkerung der Insel 
bildete 1 ), auch noch die Civil- und Criminal-Gerichtsbarkeit; wie er 
solche verwaltete, werden Avir sogleich erfahren. Dazu kam, dass, Avie 
in Irland durch den Absenteeismus, so auch auf Sardinien die Verhält- 
nisse dadurch noch schlimmer wurden, dass die meisten adeligen Grund- 
eigentümer in Turin und anderwärts ihr Einkommen verzehrten. Sehr 
natürlich mithin, dass nur ein kleiner, der fruchtbarste Theil des Eilan- 
des bebaut wurde, der weitaus grösste aber beständig brach lag, und 
nur zahlreichen Schafheerden zur Weide diente; dass auch in langen 
Zwischenräumen so gut wie keine Vermehrung der Einwohnerzahl Statt 
fand 2 ); dass der Bauer hier in einem kaum glaublichen Elende schmach- 
tete, hinsichtlich der Sitten wie der Verstandeskultur gegen die Land- 
leute Deutschlands, Frankreichs und anderwärts wol noch um drei 
Jahrhunderte zurück stand. 

Karl Albert, der als Statthalter der Insel (1829) die dortigen trau- 
rigen Zustände aus eigener Anschauung kennen gelernt, hatte bald nach 
seiner Thronbesteigung (1831) ein Gesetz zur Aufhebung des Feudal- 
wesens unterzeichnet. Als der Druck und die Veröffentlichung desselben 
(1832) erfolgen sollten, wandten sich die in Turin wohnenden sardi- 
schen Lehnsbarone an die Gesandten Oesterreichs und der übrigen 
Mächte der heil. Allianz, die der Ansicht jener, dass eine Störung des 
altherkömmlichen patriarchalischen Verhältnisses zwischen den Grund- 
herren und Bauern des Eilandes Verletzung der Bedingungen sein würde, 
unter welchen dieses dem Hause Savoyen überkommen, beipflichteten 
und darum Einsprache gegen das fragliche Gesetz erhoben 3 ). Karl 
Albert ward hierdurch zwar bewogen, von dessen Veröffentlichung vor- 
läufig abzusehen, aber keineswegs auch (was um so grösserer Anerken- 
nung werth ist, da er im Beginne seines Regiments mit überaus bedeu- 
tenden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte 4 ), zum Aufgeben seines Vor- 
habens, welches er vielmehr schon nach wenigen Jahren mit frischem 
Muth wieder aufnahm. Die durch seine umsichtigen Massnahmen 5 ) bald 



i) Schubert, Handbuch der allgem. Staatskunde v. Europa, Bd. I, Theil IV, S. 258. 

2) Im J. 1824 zählte die Insel 489,969 und im Decbr. 1833: 494,973 Seelen. Schu- 
bert a. a. 0. S. 250. 

3) Neigebaur a. a. 0. S. 137. 

4 ) RaDalli a. a. 0. T. I, p. 195: — esausto era per le passate guerre Verarm, misero 
e quasto l'esercito; gare e odii fra le diverse province; abbietto il pubblico Studio ; incerte 
e perigliose le relazioni colle corti straniere; senza fede la Francia, minacciosa FAustria; 
il pontefice in lorbalia; il resto d'Italia in servaggio. 

*) Ranalli T. I, p. 199 sq. 



269 



wesentlich verbesserte Lage der Finanzen des Staates, deren bisheriger 
trauriger Zustand ein erhebliches Hiiulerniss einer durchgreifenden Re- 
form gebildet, setzte ihn in den Stand diese jetzt zum erwünschten Ziele 
zu führen. Er hat sie mit einer Klugheit, Geschicklichkeit, Mässiguug 
und Festigkeit vorbereitet und allmählig vollendet, die der grössten An- 
erkennung würdig sind. Zuvörderst wurde eine von ihm (Decbr. 1835) 
in Cagliari niedergesetzte Special-Commission mit der Untersuchung der 
Verhältnisse des Grundeigenthums und der darauf bezüglichen Rechte, 
nämlich damit beauftragt, ein vollständiges Verzeichniss aller Feudal- 
herren und ihrer Hintersassen anzufertigen, die Einnahmen jener, nach 
10 bis 15jährigem Durchschnitt, zu ermitteln, die überreichten Nach- 
weisungen genau zu prüfen und solche den Gemeinden zur Anerkennung 
oder Berichtigung vorzulegen. Das war unstreitig der beste Weg, die 
vorhandenen Uebelstände und Missbräuche in ihrer ganzen Grösse ken- 
nen zu lernen. Da ergab sich denn namentlich, dass die Barone ihre 
Feudal- oder Patrimonial-Gerichtsbarkeit nicht etwa bloss wie anderwärts 
in der Art ausübten, dass sie Richter ernannten, die nach den Gesetzen 
des Staates Recht sprachen, einer höhern Instanz unterworfen und von 
ihr controlirt waren, sondern, dass die Edelleute der Insel in erster und 
letzter Instanz ganz nach Willkühr, ohne Bezug- und Rücksichtnahme 
auf ein allgemeines Gesetz, lediglich nach den Eingebungen ihres Vor- 
theils judicirten! Und selbstverständlich dreheten sich die meisten Strei- 
tigkeiten um die Interessen der Barone, die mithin Partei und Richter 
zugleich Avaren. Da konnte man in Wahrheit sagen, dass auf dem halb 
wilden Eilande kein anderes Recht herrschte, als das des Stärkern 1 ). 
Deshalb verfügte Karl Albert vor Allem (21. Mai 1836) 2 ) die Auf- 
hebung aller sowol civilen wie peinlichen Patrimonial-Gerichtsbarkeit 
der Barone, jedoch mit vorläufiger Beibehaltung der Beamten. Die 
Rechtspflege ward fortan unter des Staates unmittelbare Leitung gestellt, 
und eine besondere Behörde beauftragt, zu prüfen, ob und wo? mit 
dieser Veränderung ein wirklicher Verlust legitimer Rechte verbunden 
und deshalb Anspruch auf Entschädigung vorhanden wäre. Im folgenden 
Jahre (30. Juni 1837) 3 ) verordnete der König die un entgeldliche Ab- 
schaffung aller persönlichen Frohndienste, so wie die Ablösung 



1 ) Raumer, Italien Bd. I, S. 368 f., dem auch das Folgende meist, zum Theil wört- 
lich, entnommen ist. 

2 ) Tence (Nachfolger Lesurs), Anuuaire historique uniyersel 1836, p. 382. Das 
Datum bei Raumer ist irrig. 

3 ) Tence, Annuaire, 1837 p. 478. 



270 



aller übrigen Feudalprästationen; eine eigens niedergesetzte neue Com- 
mission wurde mit der Bestimmung der von den Pflichtigen dafür 
jährlich zu zahlenden Summen, wie auch mit der Entscheidung aller 
dieserhalb entstehenden Streitigkeiten beauftragt. Kaum elf Monden 
später (21. Mai 1838) verkündete ein weiteres königliches Edict die 
Auflösung sämmtlicher Lehnsverhältnisse, dass durch gütliche, von der 
Regierung zu vermittelnde, Verständigung zwischen Grundherren und 
Bauern alle Feudalrechte in Geldabfindungen umgewandelt, 
und der Grund und Boden denen, die ihn bislang bebaut, zum 
vollen und freien Eigenthume überlassen werden sollte. 
Diesem folgte alsbald (15. Septb. 1838) ein anderer königlicher Erlass, 
der deutlich und bestimmt erklärte: Zweck all* dieser neuen Ge- 
setze und Anordnungen sei die Gründung eines durchaus 
freien Standes ländlicher Grundeigentümer, und die Erlö- 
sung der Insel von allen bisherigen Feudal-Lasten und Ver- 
hältnissen, wogegen die seither Berechtigten angemessene Ent- 
schädigung in Geld, Land oder in auf die Öffentliche Schuld angewie- 
senen Renten erhalten sollten. Zur Beschleunigung dieser Operation 
trat der König selbst durch Special-Verträge an die Stelle aller Lehns- 
barone. Er kaufte nämlich von diesen alle Feudalgefälle in der Art, 
dass sie zu fünf Procent capitalisirt und den seitherigen Besitzern mit 
so viel Zins tragenden Staatsschuldscheinen bezahlt wurden; die dazu 
erforderlichen Mittel gewährte eine gestiftete neue einlösbare jährliche 
Rente von 480,000 Lire (Francs), mit einem Tilgungsfond von 96,000 
Lire, beide auf den Ertrag der Douanen hypothecirt. Die meisten adeligen 
Grundherren waren einsichtig genug, auf länger durchaus unhaltbare 
Usurpationen ohne viel Opposition zu verzichten, sich der Erkenntniss 
nicht zu verschliessen, dass es für sie viel vortheilhafter sei, eine ge- 
sicherte jährliche Rente auf ein Mal aus der Staatskasse zu beziehen, 
als die Eintreibung derselben in tausend kleinen Theilen von unwilligen, 
oder unfähigen Zahlern zu erzwingen. Darum kamen schon in den näch- 
sten zwei Jahren zwischen Karl Albert und der Mehrheit derselben die 
erwähnten Special- Verträge zum Abschlüsse; diese wurden Inhaber von 
Staatsrenten, der Monarch dagegen Besitzer all' ihrer Ländereien, Feu- 
dal-Gerechtsame, Bezüge u. s. w. Der Adel gewann dadurch ganz 
augenfällig, aber doch ungleich mehr die Agrikultur-Bevölkerung; denn 
sie hatte fortan nur einen Herrn — den König. 

Zur Regulirung der hierdurch angebahnten neuen Verhältnisse er- 
liess dieser das wichtige Gesetz vom 26. Febr. 1839, welches im We- 
sentlichen bezweckte, jeden Bauer zum vollberechtigten unabhängigen 



271 



Eigentümer der von ihm bislang benützten Grundstücke zu machen, die 
Ablösung der auf diesen ruhenden Dienstbarkeiten und sonstigen Lasten, 
die Parzellirung einer grösstmöglichen Quantität von Gemeinde-Lände- 
reien, so wie die Befreiung derselben von Weide- und anderen Gerech- 
tigkeiten zu erleichtern. Der zähe Widerstand eines, wenn beziehungs- 
weise auch nur kleinen Theiles der sardischen Aristokratie, so wie die 
bekannten äusseren Ereignisse, welche die Aufmerksamkeit Karl Alberts 
und seines Nachfolgers von dieser Angelegenheit geraume Zeit ablenk- 
ten, bewirkten indessen, dass diese jetzt, nach Verlauf zweier ganzen 
Decennien, noch nicht zum völligen Abschlüsse gekommen ist. Denn 
noch im Februar 1859, zur Zeit der lebhaftesten Rüstungen König 
Victor Emanuels II zu seinem ruhmvollen jüngsten (aber schwerlich 
letzten) Kampfe mit Oesterreich, beschäftigte sich die Deputirtenkammer 
zu Turin mit einem neuen Gesetzvorschlage zur Abschaffung des Weide- 
rechts und anderer Servituten auf der Insel Sardinien. 



VIERTES BUCH. 

GROSSBRITAMMEN UND IRLAND. 



ERSTES KAPITEL. 

Wenn die Unterwerfung Süd-Italiens unter die Herrschaft eines 
Häufleins kühner normannischer Abenteurer für die ländliche Bevölke- 
rung desselben, aus dem im Vorhergehenden (S. 222) berührten 
Grunde, in späteren Tagen als überaus unheilvolles Ereigniss sich erwies, 
so verdankte die Englands dagegen vornehmlich der um dieselbe Zeit 
erfolgten Eroberung ihres Vaterlandes durch den Herzog der Nor- 
man die ihre hier früher als in den meisten anderen europäischen Staa- 
ten erfolgte Befreiung von den Fesseln der Leibeigenschaft und Hörig- 
keit, ihre erlangte Erhebung zu einem menschenwürdigem Dasein. Es 
ist überaus lehrreich, den Gründen dieser durchaus verschiedenen Wir- 
kung derselben Erscheinung nachzuforschen. 

Bei den Angelsachsen, die das meerumgürtete Britannien sich unter- 
than gemacht und durch mehr als sechs Jahrhunderte (449 — 1066) 
eigenthümlich besassen, zerfiel die ländliche Bevölkerung, gleichwie in 
den anderen Reichen der germanischen Staatengründer, in völlig Leib- 
eigene und Hörige verschiedener Grade. Diesen untersten Volksschich- 
ten erwuchsen nun aus der normannischen Eroberung die zwei grossen 
Wohlthaten, dass durch sie in England die frühzeitige Entstehung 
eines freien ländlichen Mittelstandes, so wie einer starken 
Königs macht herbeigeführt wurde. Da die höheren Klassen der Be- 
völkerung die einzigen waren, von welchen Wilhelm der Eroberer 
und seine normannischen Ritter eine ernstliche Gefährdung des, haupt- 
sächlich f ) wegen des grossen Mangels befestigter Plätze, an dem Albion 



l ) Ellis, General Introduction to Domesday Book T. I, p. 211 (London 1833 2 vols). 



273 

damals litt, durch die einzige Schlacht bei Hastings (14. Okt. 1066) 
errungenen neuen Besitzes zu fürchten hatten, so ging ihre vornehmste 
Sorge dahin, jenen die Mittel zur Ausführung ihrer schlimmen Absich- 
ten zu entziehen. Wie König Wilhelm I deshalb die angelsächsische 
Geistlichkeit nicht nur eines grossen Theiles ihrer Schätze, sondern 
auch ihrer Stellen und Würden beraubte 1 ), letztere normannischen Prie- 
stern verlieh, so auch den angelsächsischen Adel des weitaus grössten 
Theiles seines Vermögens, d. h. seines Grundeigenthums. Kränkender 
vielleicht noch, als diese schwere materielle Einbusse war für den ein- 
gebornen Adel die von Wilhelm dem Bastard und seinen Nachfolgern 
auf dem englischen Throne fast während zweier Jahrhunderte mit grosser 
Consequenz festgehaltene Maxime, keinem ihrer Unterthanen sächsischer 
Abkunft, sondern nur den normannischen, irgend ein Amt von Bedeu- 
tung in der Kirche, dem Staate oder dem Heere anzuvertrauen. Die 
daher rührende intensive Feindschaft, besonders zwischen den höheren 
Klassen der Normannen und Angelsachsen während mehrerer Menschen- 
alter, brachte letztere ihren Stammesgenossen der unteren Schichten näher, 
gegen welche mit Milde zu verfahren die neuen Herren des Landes 
ebenfalls die dringendste Aufforderung in dem Gebote der Klugheit be- 
sassen, letztere den öfteren Aufwiegelungs-Versuchen jener Hasserfüllten 
durch harte Behandlung nicht noch zugänglicher zu machen. 

Waren die angelsächsischen Edelleute (Thane) auch des bei weitem 
grössten Theiles ihres Grundbesitzes beraubt worden, so doch nicht 
ihres ganzen; Wilhelm der Eroberer war zu staatsklug, um eine so 
einflussreiche Klasse seiner neuen Unterthanen völlig zu Bettlern und 
durch des Hungers überwältigende Kraft zu permanenten Verschwörern 
zu machen. Darum Hess er den im Reiche Verbliebenen, nebst allen 
Rechten des persönlich durchaus freien Mannes, auch einen Theil 
ihrer Ländereien, gross genug, um sie vor Mangel zu schützen, aber zu 
klein zu Allem, was darüber ging, als königliches Lehn, oder duldete, 
dass sie einen solchen Theil ihres seitherigen Besitzes von denjenigen 
seiner normannischen Ritter, denen er den übrigen verlieh, als Afterlehn 
empfingen 2 ). Dergestalt bildete sich aus dem frühern angelsächsischen 
Adel ein neuer Stand kleiner, aber persönlich durchaus freier 
ländlicher Grundbesitzer; es sind die 10,097 Liberi Homines, und 



1 ) Lappenberg, Gesch. y. England Bd. II, S. 96. 

2 ) Henry, Hist. d'Angleterre T. III, p. 324 (trad. par Boulard et Cantwel, Paris 1789 
— 1796. 6 TT.) Hallam, Gesch. Darstellung des Zustandes von Europa im Mittelalter 
Bd. II, S. 197 (d. deutsch. Uebersetz. von Halem, Leipzig 1820. 2 Bde.). 

Sugenheim, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. \g 



374 

die etwas mehr als' 2,000 Liberi Homines commendati (unter Schutz 
stehenden), welchen wir in dem auf König Wilhelms I Befehl angefer- 
tigten, und im J. 1086 vollendeten Domesday-Book, dem merkwürdig- 
sten, lehrreichsten und ältesten europäischen Kataster, begegnen. Konnte 
ihr Eigenthum auch kein durchaus unabhängiges (kein achtes im altger- 
manischen Sinne) genannt werden, indem es mit bestimmten Abgaben 
an den König oder den sonstigen Lehns- oder Schutzherrn so wie mit 
einem Theile der Lehnslasten beschwert war, so gewährte es doch die 
wesentlichsten Vortheile eines solchen, erblichen, unantastbaren Besitz 
mit feststehenden, im Ganzen massigen, Steuern und Leistungen, von 
welchen ja selbst die Herrschaften der grössten Kronvasallen nicht frei 
waren. 

Einen erheblichen Zuwachs erhielt diese Glasse freier kleiner länd- 
licher Grundbesitzer aus dem schon vorhandenen Stamme halbfreier 
Bauern, den angelsächsischen Ceorls 1 ). Es waren das zwar an den 
Boden gebundene, jedoch dafür auch mit einem Erb- und Eigenthums- 
recht an denselben ausgestattete Bauern, welche, so lange sie den stipu- 
lirten Grundzins entrichteten, und die bedungenen Dienste leisteten, 
nicht vertrieben werden konnten; im Uebrigen waren sie freie vom Ge- 
setz geschützte Männer. Diese Ceorls hatten 2 ) nun sowol an der Ent- 
scheidungsschlacht bei Hastings wie an den späteren Aufständen der 
Angelsachsen keinen Antheil genommen, allem Anscheine nach deshalb, 
weil sie grösstenteils Abkömmlinge der altrömisch-britischen Bevölke- 
rung des Landes waren. Einen so wohlgesinnten Theil ihrer neuen Un- 
terthanen sich noch mehr zu befreunden, lag zu augenfällig im Interesse 
der normannischen Eroberer, um von ihnen versäumt zu werden. Sie 
betrachteten und behandelten daher thatsächlich jene Ceorls, welche sie 
in Sokemanen umtauften, als freie Männer 3 ), wovon am sprechendsten 
der weiter unten (S. 286) erwähnte Umstand zeugt, dass sie gleich die- 
sen Gerichtsbeisitzer sein konnten, gewährten ihnen die unbeschränkte 
Befugniss, ihre Ländereien zu veräussern, und ihren Söhnen den nicht 
gering zu achtenden Vortheil, schon mit dem fünfzehnten Lebensjahre 



J ) Maurer, Ueber angelsächsische Rechtsverhältnisse in: Arndts, Bluntschli und 
Pözls kritisch. Ueberschau der deutschen Gesetzgebung und Rechtswissenschaft Bd. I, 
(München 1853), S. 418 bezeichnet diese zwar als «Gemeinfreie im engern Sinne»; 
allein ich kann auch aus seiner etwas gewundenen und unklaren Auseinandersetzung 
eben nur die im Texte genannte Qualität der Ceorls (Kerle) entnehmen. 

2 ) Henry a. a. 0. p. 323. 

3 ) Ellis, General Tntroduction to Domesday Book T. I, p. 68. 273 sqq Blackstone, 
Commentaries on the Laws of England T. II, pp. 79. 99. (London 1813 4 vols.) Crabb, 
Geschichte des englischen Rechts S. 67 (deutsch von Schaffner, Darmstadt 1839). 



275 

mündig zu werden und den väterlichen Besitz zu erben. Fehlte diesen 
Begünstigungen auch die ausdrückliche gesetzliche Sanction, so hatte 
das im Mittelalter, und zumal in England, doch lange nicht so viel zu 
bedeuten, wie man glauben möchte, weil damals, und vornehmlich in 
Britannien, der ganze Rechtszustand nur auf Gewohnheitsrecht beruhete f ). 
Nun erfolgte zwar auch in anderen europäischen Staaten, wie na- 
mentlich in Frankreich und Italien, um dieselbe Zeit, mittelst Entstehung 
der Bürgerschaften, die Bildung eines Mittelstandes zwischen Adel und 
Hörigen. Es war das aber ein städtischer, lediglich dem Handel und 
den Gewerben sich widmender Mittelstand, dessen Interessen mit denen 
der bäuerlichen Bevölkerung nicht eben häufig zusammenfielen, die da- 
rum auch von den Städtegemeinden, sobald dieselben sich zu fühlen be- 
gannen, nicht selten hochmüthig genug behandelt und selbst bedrückt 
wurden. Der englische, im Wesentlichen aus den beiden vorstehend 
erwähnten Elementen gebildete, Mittelstand war aber ein durchaus 
ländlicher, der schon zu einer Zeit staatliche Bedeutung hatte, wo 
Albions Städte nur noch eine gar untergeordnete Rolle spielten, wor- 
aus folgte, dass diese, als sie später nach grösserer Geltung strebten, 
gerne ihm, dem schon vorhandenen Mittelgiiede sich anschlössen, 
was eine völlige Umkehr der in dem Betreff anderwärts vorgekommenen 
Stellungen war. Die berührte staatliche Bedeutung dieser kleinen freien 
ländlichen Grundeigentümer beruhete vornehmlich darauf, dass sie ein 
so ansehnliches kriegerisches Element in ihrem Schoosse bargen. 
Jene angelsächsischen Edelleute, welche durch die herrschenden Nor- 
mannen des weitaus grössten Theiles ihrer Grundbesitzungen beraubt 
und aus den höheren Reihen der Gesellschaft zu einfachen, wenn schon 
völlig freien Landeigentümern herabgedrückt worden, hatten sich in 
leidenschaftliche Verehrer der, von ihnen vordem gar geringschätzig 
betrachteten, Kunst des Bogenschiessens verwandelt, seitdem sie auf 
dem Schlachtfelde bei Hastings die Ueberlegenheit kennen gelernt, wel- 
che dieselbe ihren normannischen Besiegern 2 ) verliehen. Die fortwäh- 
rende Uebung in dieser Kunst wurde bald die liebste Beschäftigung 



1 ) Haie, History of the Common Law of England p. 88 (sixth. edit by Runnington. 
London 4820). Biener, Das englische Geschwornengericht Bd. II, S. 264 f. (Leipzig 
4852—1855. 3 Bde.). 

2 ) For ages anterior to the Conquest, the inhabitants of Britain held archery in little 
estimation, except as an appliance of sylvan sport .... But «Norman William came» 
and on the blood-stained field of Hastings our Saxon forefathers first learned to appreciate 
rightly the merit of yew bow and bearded clothyard shaft. Hansard, The Book of Archery, 
being the complete History and Practice of the Art. p. 1 — 2 (London 4841). 



276 

ihrer Mussestunden, weil sie die vornehmste Stütze ihrer Hoffnung bil- 
dete, dereinst das Werk der Rache an den «normannischen Räubern« 
siegreich zu vollführen. Als ein theueres Vermächtniss vererbte sich der 
Gebrauch des Bogens und das Bemühen, in dessen Handhabung eine 
besondere Geschicklichkeit zu erwerben, auf ihre Söhne, und so Jahr- 
hunderte lang von Geschlecht zu Geschlecht. Und selbstverständlich 
weckte der Vorgang der angesehensten Klasse der englischen Freisas- 
sen sehr bald den Nacheifer ihrer Standesgenossen wie der ländlichen 
Bevölkerung überhaupt; daher ward seit dem zwölften Jahrhundert der 
Bogen immer mehr die eigentliche Nationalwaffe der Briten. 

Zur grössten Freude, wie zum grössten Glücke ihrer Beherrscher, 
die natürlich sehr schnell die Vortheile würdigen lernten, welche aus 
dem Besitze einer so bedeutenden Anzahl von Kriegern, die geAVÖhnlich 
in einer Entfernung von 240 Yards, — d. h. von etwa 800 Fuss — , 
ihren Mann trafen 1 ), ihnen erwuchsen. Verdankten schon die ersten 
Plantagenets manchen ihrer Siege den ansehnlichen Haufen von Bogen- 
schützen, die sie ins Treffen führen konnten, so noch weit mehr ihre 
Nachfolger des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts ihre glänzend- 
sten Triumphe in den langwierigen Kriegen mit Frankreich. Nicht der 
normannische Adel, nicht die berittenen Vasallen erfochten die folgen- 
schweren Siege bei Crecy (1346), Poitiers (1356) und Azincourt 
(1415), denn sie fanden vollkommen ihres Gleichen in den Reihen der 
Franzosen, sondern die britischen Bogenschützen, die noch am Aus- 
gange des Mittelalters der grösste Schrecken der Söhne Galliens 
waren 2 ), die noch länger denn zwei Jahrhunderte nach Erfindung des 
Pulvers die Hauptstärke der Armeen Englands bildeten 3 ). Lag es doch 
so augenfällig zu Tage, dass dessen anhaltendes Glück auf dem Schlacht- 
felde seiner in Rede stehenden Yeomanry hauptsächlich zu danken war, 
dass König Karl VI in Frankreich (1394) die Bildung einer ähnlichen 



1 ) Sehr geschickte sollen sogar ihre Schüsse bis auf 400 Yards getrieben haben. 
(Brandt), Geschichte des Kriegswesens Bd. II, S. 313— 3 14 (Berlin 1828—1838. 4 Bde.; 
Bestandtheil der Handbibliothek f. Officiere), der noch erwähnt, dass selbst beim Uebungs- 
schiessen 220 Yards die gewöhnliche Distanz gewesen. 

2 ) Yet as France experienced the evils of their scourging visitations more frequently 
than any other European country, terror ralher than admiration predominated in the popu- 
lär mind. Like the Italians when assailed by the fierce hordes of the north, they made 
their chapels and abbeys, during the fourteenth and fifteenth centuries, resound with lita- 
nies and prayers to ayert the calamitous descent of Eoglish bowmen upon their shores. 
Hansard a. a. 0. p. 5. 

3 ) Giac. Soranzo, Relaz. d'Inghilterra a. 1554: Alberi, Relazioni degli Ambasciatori 
Veneti Ser. I. T. III, p. 58: — Arcieri, nelle quali consiste tutto il nerbo dei loro 
eserciti, essendo quasi per natura tutti gl' Inglesi valentissimi arcieri. 



277 

Streitmacht versuchte! Sie scheiterte indessen 1 ) an der unpatriotischen 
Besorgniss des Adels, in dem französischen Landvolke hierdurch ein 
Selbstgefühl zu wecken, welches seinen hochmüthigen Seigneurs noch 
gefährlicher werden konnte, als Albions Söhnen. 

Sehr natürlich mithin, dass die Könige dieser nicht allein der 
Kunst, die ihnen eine solche Ueberlegenheit im Felde sicherte, eine 
sorgfältige Pflege widmeten, — sie verfügten unter anderen, dass die 
ländliche Bevölkerung Fest- und Feiertage mit Uebungen in derselben 
begehen sollte 2 ) — , sondern auch voll Vorliebe für die Künstler waren, 
die sie übten. Und zu nicht geringem Glücke des britischen Mittelstan- 
des, der britischen Freisassen, ruhete in den anderthalb Jahrhunderten, 
die von der normannischen Eroberung bis zur Magna Charta (1066 — 
1215) verflossen, die Macht überwiegend in den Händen der Monarchen, 
die das in weit höherem Grade als ihre königlichen Brüder des europäi- 
schen Festlandes, die bei weitem nicht so abhängig wie diese von Adel 
und Geistlichkeit waren. Sie verdankten das der bedeutsamen Modifi- 
cation, welcher der staatskluge, weitschauende Wilhelm I das Lehns- 
wesen bei dessen Erhebung zum Pfeiler des ganzen Slaatsgebäudes, — 
vorhanden war es schon in der angelsächsischen Zeit, jedoch nur un- 
vollkommen ausgebildet — , unterworfen hatte. Da nicht wie weiland 
bei den Franken, Ostgothen und anderen germanischen Staatengründern 
der Volksstamm der Normannen unter seines Herzogs Anführung, 
sondern Wilhelm der Bastard persönlich England, auf Grundlage des 
angeblichen Testaments Eduards des Bekenners, mit päbstlicher Weihe 
und Hülfe noch anderer zahlreicher Soldtruppen, erworben hatte, so be- 
fand er sich 3 ) in der glücklichen Lage im englischen Staatsrecht den 
noch heute geltenden Grundsatz einzuführen: dass der König der 
allgemeine Herr und ursprüngliche Eigenthümer aller Lände- 
reien in seinem Reiche ist, und dass Niemand besitzt oder 
besitzen kann einen Theil davon, der nicht mittelbar oder 



1 ) Sismondi, Hist. des Fraugais T. XII, p. 51: — de toutes parls on forma des 
coropagnies d'archers et d'arbaletriers, et Fardeur pour ce nouvel exercice fut teile, que 
beaucoup d'archers frangais l'emportoient dejä en habilete sur les Anglais. La noblesse, 
qui regardoit FasserTissement du peuple comme beaucoup plus importaut que l'indepen- 
dance du royaume, s'alarma de ce que les paysans commen^oient ä developper leurs for- 
ces et ä les sentir; eile fit eutendre ses clameurs ä la cour, et, au prernier momeut favo- 
rable, eile fit revoquer ^ordonnance de Charles VI, fermer les exercices de l'arc et de 
l'arbalete. 

2 ) Brandt Bd. II, S. 316. Pauli (Lappenbergs Fortsetzer), Gesch. v. England Bd. IV, 
S. 656. 

3 ) Blackstone, Commentaries T. II, p. 52 sq. Gneist, das heutige englische Verfas- 
suugs- und Verwaltungsrecht Bd. I, SS. 7. 42. (Berlin 1857—1859. 2 Bde.). 



378 

unmittelbar abgeleitet ist von einer Verleihung durch ihn. 
Sonach galt das ganze Reich als die persönliche Eroberung Wilhelms I, 
folglich konnte dieser auch die Bedingungen nach Gutdünken bestimmen, 
unter Avelchen er Stücke seiner Errungenschaft den normannischen 
Rittern, die ihm dazu behülflich gewesen, zum Lehnbesitze überlassen 
wollte. Und er bediente sich dieser Befugniss im weitesten Umfange; 
er begnügte sich nämlich nicht damit, die Lehngüter, gleichsam zum 
Aequivalent dafür, dass er sie von Anfang her zum erblichen Besitze 
verlieh, ungeachtet ihrer Erblichkeit mannichfach abhängig und frucht- 
bringend für die Krone zu machen, sondern er wagte es auch das Band 
zu zerreissen, welches auf dem Continente die Unterlehns- 
herren der Staatshäupter und deren Aftervasallen verband. 
Es geschah das (1086) auf einem grossen ausserordentlichen Hoftage 
mittelst der sogleich praktisch geltend gemachten, und zum unverbrüch- 
lichen Grundgesetz erhobenen Maxime: dass alle Aftervasallen und 
Unterthanen der Barone und sonstigen Lehnsträger des Kö- 
nigs diesem den Lehnseid zu leisten hatten, und dass jeder 
Schwur, jede Verpflichtung gegen jene den Königsgehorsam 
ausnahm, nur diesem unbeschadet gültig war. 

In dem Umstände, dass in den Staaten des Festlandes der entge- 
gengesetzte Grundsatz galt, dass dort die Afterlehnsträger der grossen 
Kronvasallen vor Allen diesen zu unbedingtem Gehorsam gegen Jeder- 
mann^ verpflichtet waren, beruhete dort bekanntlich die Schwäche des 
Königthums, wie die unverwüstliche Stärke der Feudal-Aristokratie. Die 
fragliche Umkehr dieses Verhältnisses zerschnitt somit den Hauptnerv 
der Adelsmacht, bewirkte vornehmlich Albions frühzeitige Einigung, 
seine Erhebung zu einer wirklichen Monarchie, während die Feudal- 
reiche des Continents das nur dem Namen nach Avaren; hauptsächlich 
daher rührte es, dass Britanniens Könige in dem ganzen oben erwähnten 
Zeiträume eine an Unumschränktheit gränzende Gewaltfülle zu erringen 
und zu behaupten vermochten. Die Versuche des normannischen Adels, 
dessen vornehmste Glieder der von Wilhelm I vorgenommenen folgen- 
schweren Neuerung sich energisch , aber erfolglos , widersetzt , die 
Thronstreitigkeiten zwischen den ersten Nachfolgern desselben zur Be- 
seitigung jener wie zur Einschränkung der königlichen Macht zu benützen, 
scheiterten an der bereitwilligen Unterstützung, die Wilhelm II und 
Heinrich I bei der einheimischen angelsächsischen Bevölkerung und zu- 
mal bei den oben erwähnten Freisassen fanden, deren Hass gegen die 
normannischen Ritter, oder «Räuber«, wie sie selbe nannten, viel grös- 
ser war als gegen Wilhelm den Eroberer und dessen Geschlecht. 



279 

Schon hieraus folgte, dass Britanniens Monarchen in ihrem eigenen 
Interesse sich gedrungen fühlten, nicht nur den ihnen so nützlichen und er- 
gebenen ländlichen Mittelstand selbst zu hegen und zu pflegen, sondern 
ihn auch nachdrücklich zu beschirmen gegen alle Machinationen und 
Unterdrückungsversuche des Adels und der Geistlichkeit. Und in der 
That umgürtete bereits König Heinrich II denselben mit einem sehr 
kräftigen Schutzwall gegen diese mittelst der den Freisassen Englands einge- 
räumten belangreichen Theilnahme an der Verwaltung der Rechts- 
pflege, wozu das Institut der reisenden oder fahrenden Richter 
(Justitiarii itinerantes) ihm eine eben so erwünschte wie nahe liegende 
Handhabe bot. Spuren dieser dem Inselreiche eigentümlichen und für 
dasselbe so segensreich gewordenen Einrichtung finden sich schon unter 
Wilhelm dem Eroberer und Heinrich I 1 ), aber erst dem zweiten Hein- 
rich verdankte es die bleibende Einbürgerung derselben. Es geschah 
im J. 1176 auf dem Reichstage zu Northampton durch Einteilung ganz 
Englands in sechs (welche Zahl, nach manchen späteren Aenderungen, 
schliesslich sich dauernd bis heute erhalten hat) Reisebezirke (Circuitus), 
deren jeder periodisch, nach Bedürfniss, von drei Richtern besucht Aver- 
den sollte, zur Aburtheilung aller sowol Civil- als Criminal-Sachen. Je- 
doch wurden durch die Constitutionen von Northampton 2 ), — sie sind 
oft mit den 12 Jahre älteren von Clarendon verwechselt worden — , 
nicht diese königlichen Gerichtsbeamten zu den eigentlichen Urtheils- 
findern und Urtheilssprechern 3 ) gemacht, sondern die zwölf Geschwor- 
nen, — die Väter der heutigen britischen Jury — , die ihnen zur Seite 
standen, die nicht von jenen fahrenden Richtern, sondern von vier Rit- 
tern oder freien Männern gewählt wurden, und, gleich diesen, auch 
aus Rittern oder Freisassen des Orts oder der Nachbarschaft bestehen 
durften *). Diese den kleinen freien ländlichen Grundeigenthümern so 
frühzeitig gewährte gesetzliche Gleichberechtigung mit dem Adel in 
einer so wichtigen Hinsicht ist denselben zwar wegen der damit ver- 
knüpften mühseligen und zeitraubenden Pflichten und schweren Verant- 
wortung so lästig gefallen, dass sie frühzeitig schon nicht selten selbst 
durch Bestechung und audere schlechte Mittel 5 ) die Ehre von sich ab- 



1 ) Pauli, Gesch. von England Bd. 111, S. 130. Phillips, Englische Reichs- und Rechts- 
geschichte Bd. 11, S. 50 (Berlin 1827. 2 Bde.). 

2 ) Unter anderen auch bei Phillips a. a. 0. II, 53 f. abgedruckt. 

3 ) Haie, History of the Common Law of England p. 169. 

4 ) Gneist a. a. 0. I, S. 71 f. Pauli III, 128 f. 781. Biener, das englische Geschwor- 
nengericht I, 57 II, 55 ff. 

5 ) Biener a. a. 0. 1,311. II, 49 f. 



280 



zuwälzen suchten; es war aber doch zweifellos zumeist ihr zu danken, 
dass in England von Versuchen geistlicher und weltlicher Grossen, jene 
zu unterdrücken, so wenig die Rede ist. 

Als nun im Beginne des dreizehnten Jahrhunderts durch die Mass- 
losigkeit mit welcher Johann ohne Land, einer der verächtlichsten 
Herrscher, den die Geschichte kennt, ein Monarch, bei dem es ausser 
seinen Hofnarren 1 ) Niemand gut hatte, seine thatsächliche Unum- 
schränktheit zumal gegen Adel und Klerus missbrauchte, ein Kampf auf 
Leben und Tod zwischen diesen Ständen und jenem Träger der Krone 
entbrannte, lag es klar zu Tage, dass des fraglichen Mittelstandes Hal- 
tung entscheidend für den Ausgang desselben sein würde. Ergriff dieser, 
wie zur Zeit Wilhelms II und Heinrichs I, Partei für den König, so 
war der Sieg der Barone und der mit ihr verbündeten Geistlichkeit mehr 
als zweifelhaft. Sehr natürlich mithin, dass letztere um die Allianz der 
britischen bäuerlichen Freisassen noch emsiger warben, als um den der 
Städte, und da Johann in seiner fabelhaften Verblendung auch diese bis- 
lang nützlichsten Stützen der Königsmacht durch vielfachen Druck und 
Misshandlung gegen sich höchlich erbittert hatte, mit dem glänzendsten 
Erfolge. Die umfassende Fürsorge, welche die Magna Charta, das 
schliessliche Resultat (1215) des beregten Kampfes, behufs Sicherung 
der Rechte aller Klassen der britischen Freisassen traf, war der wohl- 
verdiente Lohn ihrer Mitwirkung zum Erzwingen dieses Grundpfeilers 
der britischen Freiheit, und zugleich auch das Pfand der endlichen und 
dauernden Versöhnung zwischen den bislang so feindlich getrennten An- 
gelsachsen und Normannen, der Beginn der Verschmelzung dieser bei- 
den Nationalitäten zu einem Volke. 

Den damit besiegelten Untergang der Machtvollkommenheit ihrer 
Vorfahren konnten Johanns Nachfolger lange nicht verschmerzen. Ihre 
daher rührenden Versuche, jene zurückzuerwerben, führten besonders unter 
Heinrich III, dem Sohne Johanns, zu äusserst heftigen Zusammenstössen 
zwischen dem Könige und dem vorkämpfenden Adel. Durch den Ocean 
von der Unterstützung ihrer Standesgenossen auf dem Continente abge- 
schnitten, mussten die Barone sehr bald erkennen, dass sie ohne die 
Unterstützung der zahlreichen Freisassen, jener oben erwähnten treffli- 
chen Bogenschützen, wenig Aussicht hatten, als Sieger aus diesem heis- 
sen Streite hervorzugehen. Und da auch Heinrich III, den folgenschwe- 
ren Missgriff seines Vaters vermeidend, um den Beistand dieser Yeo- 



*) Wie sehr er diese schätzte und wie freigebig er sie belohnte, ersieht man aus der 
bei Halliwell, Letters of the Kings of England T. I, p. 10 (London 1846. 2 vols.) abge- 
druckten Urkunde Johanns t J. 1200 und der Anmerk. des Herausgebers. 



•281 



manry nicht minder angelegentlich Avarb, so wurde solche hierdurch zu 
einer Bedeutung erhoben, welche die beste Bürgschaft ihrer errungenen 
Stellung gewährte. Sie war klug genug, sich grösstenteils, jedoch nicht 
durchgängig 1 ), auf Seite der Barone zu schlagen, weil der Bund mit 
diesen mehr Sicherheit, als das wiederhergestellte Uebergewicht der 
Königsmacht bot. Daher denn auch die sorgfältige Wahrung der Privile- 
gien dieser ländlichen Freisassen bei jeder Erneuerung der Magna Charta 
und ihre frühzeitige Zulassung selbst zur Reichsversammlung, zum Par- 
lamente. Sie erfolgte, nachdem Simon von Montfort, Graf von Leice- 
ster, das Oberhaupt des aufständischen Adels, in der Schlacht bei Lewes 
(14. Mai 1264) über König Heinrich III einen entscheidenden glorrei- 
chen 2 ) Sieg erfochten, nicht nur ihn selbst, sondern auch seinen Sohn 
und Bruder gefangen genommen hatte. Leicester, überhaupt ein Freund 
des Volkes und darum von allen Klassen desselben geliebt 3 ), bedurfte 
dringend einer legalen Sanction der von ihm errungenen Stellung des 
faktischen Regenten von England und war einsichtig genug zu erkennen, 
dass seine Parteigenossen allein sie ihm nicht zu geben vermöchten. 
Darum entbot er, nebst der Geistlichkeit, dem hohen Adel und zweien 
Rittern aus jeder Grafschaft, auch aus jeder Stadt, aus jedem Flecken 
des Reiches zwei Bürger oder Freisassen zu einem Parlamente, 
— dem Namen begegnen wir zuerst in den JJ. 1244 — 1246 — , nach 
London; der Tag seines Zusammentrittes (20. Jan. 1265) ist der Ge- 
burtstag des britischen Unterhauses. Denn dieses gewann seitdem Be- 
stand und das wichtige ausschliessliche Bewilligungsrecht der Steuern, 
weil solche allein von den Klassen der Staatsangehörigen bezahlt wur- 
den, die jenes vertrat. 

Wenn sonach die Stärke der Königsmacht in England bereits zu 
einer Zeit, wo in den meisten Reichen des Contiuents die Staatshäupter 
so unkräftig und abhängig von der Feudal-Aristokratie waren, sich als 



1 ) In den nördlichen und zwei oder drei Grafschaften des äussersten Westens hielten 
es Tiele mit König Heinrich III. Lucas, On the connection of Bristol with the party of the 
Montfort in den Memoirs illustr. of the History and Antiquit. of Bristol and the western 
Counties of Great Britain (Proceedings of the Archaeological Institute for 1851) p. 16 
(London 1853). 

2 ) Complete as the yictory was, it was most glorious on this account, that after the 
battle, as far as we may learn, there were no victims to party resentment. Lucas a. a. 0. 
p. 18. 

3 ) The people honoured him (nach seinem Tode in der Schlacht bei Evesham, 
4. August 1265) as a saint and the first ballad in the English language of auy imporlance 
was written in his praise. They complained of the church because it would not canouize 
him; and as a compensation they secretly enshriued him iu their hearts. Lucas a. a. 0. 
p. 23. 



282 



grosse Wohlthat erwies für den freien Theil seiner ländlichen Bevölke- 
rung, so ist sie auch dem bei weitem grössern unfreien Theile 1 ) 
derselben vielfach förderlich und heilbringend geAVorden. Wie oben an- 
gedeutet, zerfiel letzterer zur Zeit der normannischen Eroberung in gänz- 



x ) Die folgende Schilderung seiuer Verhältnisse in England seit der normannischen 
Eroberung weicht sehr wesentlich von dem Bilde ab, welches Thomas Wright in dem 
Aufsatze: On the political coudition of the Eugiish Peasantry duriug the Middle Ages im 
dreissigsten (1844) Bande der Archaeologia, or Miscellaneous Tracts relatiug to Antiquity; 
publ. by the Society of Antiquaries of London (daselbst 1779 — 1849. 34 Bde. 4 ein- 
schliesslich d lnd.) ; p. 205 — 244 entwirft, den sein Verfasser selbst viel richtiger als 
durch die Ueberschrift durch die zweideutigen Einleitungsworte: A few loose remarks 
on the political condition etc. charakterisirt. Wenn Wright p. 229 behauptet: Under the 
feudal barous the peasantry were soon reduced to a much tvorse condition than that 
which they had enjoyed under the Anglo-Saxon Kings, so ist das entschieden irrig, wie 
schon aus den Ton ihm selbst angeführten Thatsachen und kläiiicher noch aus den Aus- 
führungen Maurers über angelsächs. Rechtsverhältnisse in der kritisch. Ueberschau d. 
deutsch. Gesetzgeb. und Rechtswissenschaft von Arndts, Bluntschli und Pözl Bd. I, S. 
410 f. erhellt («Die Lage der Unfreien«, bemerkt dieser, «war dem Rechtsprincip nach 
eine überaus harte. Unbedingt gilt der Unfreie als Sache, nicht als Person, und wird 
darum ohne Umstand mit den werthyolleren Hausthieren auf eine Stufe gestellt; ganz 
consequent erscheint der Unfreie seinem Herrn gegenüber völlig schutzlos»). Wright er- 
zählt nämlich selbst p. 212: The whole tenor of the (Anglo-Saxon) laws appears to show 
that the Theow (the most common name of the Serf under the Anglo-Saxous) had no 
appeal from or action against his master. In the ecclesiastical canons different degrees of 
penitence are eujoined to those who slay their theows without judgmentor juste cause; 
to a lady who beats her female theoiv so that she die within three days (wenn sie also 
erst nach fünf oder sechs Tagen starb, so ahndete nicht einmal das geistliche Gesetz 
eine solche Barbarei!); to a free — m.sn who, by the order of the lord, kills a Theow, 
und knüpft hieran die ganz richtige Bemerkung: This shows that the szcular laws did 
not restrict the Jurisdiction of the lord OTer his theows; that he had power of live and 
death over them. Von solch' völligem Preisgeben sogar des Lebens der Leibeigenen 
findet sich aber seit den ersten normannischen Königen keine Spur mehr; Wright selbst 
gedenkt p. 226 .der im Folgenden erwähnten Gesetze, welche schon Heinrich 1 zum 
Vortheile der unfreien Bevölkerung Britanniens, und zumal zur Ausmerzuug jener angel- 
sächsischen Barbarei, zur Sicherung des Lebens der Leibeigenen, wie zum Schutze der- 
selben gegen jeden argen Missbrauch der Strafgewalt ihrer Herren gab; und wie angele- 
gentlich bereits die ersten normannischen Monarchen darauf ausgingen, die Gerichtsbar- 
keit der Seigneurs über ihre Leibeigenen und Hintersassen überhaupt in möglichst enge 
Gränzen einzudämmen, wird im Folgenden gezeigt werden, wie auch, dass Wrights fernere 
Meinung von der zwischen den bäuerlichen Verhältnissen Albions seit der normannischen 
Eroberung und denen des Contineuts obwaltenden vollkommenen Analogie eben so irrig 
ist. Die gerügten und übrigen Verstösse des genannten Schriftstellers in dem fraglichen 
Aufsatze scheinen theils von sehr mangelhafter Kenntniss der bäuerlichen Zustände des 
Festlandes im Mittelalter, theils auch davon herzurühren, dass derselbe den von ihm 
selbst und Anderen edirten Volksliedern und sonstigen poetischen Erzeugnissen jener 
Tage viel zu viel geschichtlichen Quellenwerth beilegt; auch die Poeten des Mittelalters 
opferten gar oft dem Reim die Wahrheit. Da jede Polemik selbstverständlich hier (schon 
durch die Raumverhältnisse) ausgeschlossen ist, erscheint es nicht überflüssig zu erwäh- 
nen, dass die vorstehenden Bemerkungen nur durch den Umstand veranlasst worden, 
dass Wright zu den namhaftesten jetzt lebenden Forschern Britanniens zählt. 



283 



lieh Leibeigene, d. h. in völlige Haussklaven, und in Hörige verschiede- 
ner Grade. Höchst wahrscheinlich wurde schon durch Britanniens 
Unterwerfung unter der Normannen Botmässigkeit eine sehr erhebliche 
Minderung der Zahl jener Unglücklichen herbeigeführt, die von ihren 
Herren als zweibeiniges Gethier behandelt werden durften. Einmal, 
weil die Normandie, wie in einem der vorhergehenden Abschnitte 1 ) 
berührt worden, zu denjenigen Provinzen Frankreichs zählte, in welchen 
die Erlösung der Bauern von dem fraglichen schlimmsten Zustande der 
Knechtschaft und ihre Erhebung zu Erbpächtern ihrer Grundherren am 
frühesten erfolgte, und um die Mitte des elften Jahrhunderts nahezu vol- 
lendet war. Nun sind Wilhelm der Bastard und seine normannischen 
Barone bekanntlich ungemein beflissen gewesen, den eroberten Staat 
ganz nach dem Muster ihres heimischen einzurichten, die Institutionen 
desselben nach Albion zu übertragen, und schon deshalb darf bei ihnen 
grosse Geneigtheit vorausgesetzt werden, die wohlthatige Reform, die 
ihren normannischen Leibeigenen zu Theil geworden, auch auf die 
englischen auszudehnen, welche die Schlacht bei Hastings zu ihrem 
Eigenthume gemacht. Dazu mochte sie zAveitens noch der Umstand 
einladen, dass letztere, gleich den oben erwähnten Ceorls, zum weitaus 
grössten Theile Abkömmlinge der altrömisch-britischen Bewohner des 
Landes waren, also einen Theil jener Bevölkerung desselben bildeten, 
die durch Wohlthaten an sich zu fesseln die neuen Herren, Angesichts 
der noch so lange fortdauernden bittern Feindschaft der besiegten An- 
gelsachsen, doch eine sehr gebieterische Aufforderung besassen. Drit- 
tens wird die fragliche Meinung durch die Thatsache unterstützt, dass 
zwischen der Zahl der Leibeigenen (Servi) und der verschiedenen Klas- 
sen der Hörigen im Domesday-Book ein gar zu auffallendes Missverhält- 
niss obwaltet. Denn während die der Letzteren nahe an 200,000 
Köpfe beträgt, werden in dem fraglichen Kataster König Wilhelms I 
nur etAvas über 25,000 Leibeigene aufgeführt. Liegt da nicht die Yer- 
muthung nahe, dass die 82,000 Bordarii, die das Domesday-Book 
zwischen den Villani, der grössten und freisten Masse der Hörigen, 
und den Leibeigenen einreiht, früher ebenfalls Leibeigene gewesen, die 
von den normannischen Eroberern zu hörigen Hintersassen befördert, 
und zur Unterscheidung von den ursprünglichen, mit dem besonderen 
Namen belegt worden? 

Dem sei indessen, wie ihm wolle, so viel ist sicher, dass schon von 
den ersten normannischen Königen Englands Anordnungen getroffen vvur- 



l ) Vergl. obeu S. 89. 



284 

den, die im Laufe der Jahre auf die Verbesserung der Lage sowol der 
Leibeigenen wie der Hörigen einen nicht unerheblichen Einfluss üben 
mussten. Da war zuvörderst das bereits von Wilhelm dem Eroberer ge- 
gebene Gesetz '), welches entflohene Leibeigene, die während eines Jah- 
res und eines Tages unangefochten in einer königlichen Stadt, Burg 
oder einem sonstigen ummauerten Orte verweilt, für immer der Knecht- 
schaft ledig, für vollkommen frei erklärte. Diese Erweiterung eines in 
Frankreich und anderen Staaten des Festlandes nur den Städten, und 
zumeist viel später, verliehenen Privilegiums 2 ) gewährte den fraglichen 
Flüchtlingen den Vortheil, den Rückforderungen ihrer bisherigen Gebie- 
ter sich leichter entziehen zu können, indem sie in den vielen durch das 
ganze Reich zerstreueten unmittelbaren königlichen Ortschaften und Schlös- 
sern ungleich schwerer ausfindig zu machen waren, als in dieser oder 
jener benachbarten Stadt. Dazu kam, dass der sie reclamirende Seigneur 
seinen Anspruch vor dem Gerichte der Grafschaft oder des Orts bewei- 
sen musste, wohin jene entwichen, was ihm in solcher Entfernung von 
der Heimath und bei der geringen Communication, die zwischen entlege- 
nen Landestheilen Statt fand, meist selbst dann schwer fiel 3 ), wenn die 



1 ) Ellis, General lntroduction to Domesday-Book T. I, p. 64 sq. Zu grösserer Sicher- 
heit Messen sich viele einzelne Orte dies werthTolle Recht schon von den ersten nor- 
mannischen Monarchen noch mittelst specieller Privilegien bestätigen, wie z. B. New- 
castle von König Heinrich 1. Brand, History and Äntiquities of the Town and County of 
Newcastle upon Tyne T. 11, p. 130 (London 1789 2 TT.). 

2 ) Dass von demselben schon unter den ersteu Normannen-Königen selbst von den 
am besten behandelten, von den Leibeigenen der geistlichen Anstalten, ziemlich häufig 
Gebrauch gemacht wurde, erhellt aus der Thatsache, dass letztere so oft zur königlichen 
Gnade ihre Zuflucht nahmen, um die Auffindung und Auslieferung der Entflohenen vor 
Ablauf des sie unwiderruflich befreienden Termius zu erlangen, wie m;m z. B. aus ver- 
schiedenen diesfälligen Befehlen König Heinrichs des Ersten zu Gunsten des Klosters 
Abingdon ersieht. Chronicon Monasterii de Abingdon, edit. by Stevenson T. II, p. 81 sq. 
(London 1858; Bestandteil der auf Kosten der Regierung herausgegebenen Sammlung: 
Rerum Britannicarum Medii Aevi Scriptores). 

3 ) Wright in der Archaeologia T. XXX, p. 241 : In 1347, the lords made a complaint 
in Parliament that their naifs, or villans, were in the habit, of running away from the 
land on which they were born into another county, and there, when reclaimed, having 
their cause tried by a court vohere the necessary witnesses to prove their former con- 
dition could not be broitghl forward, they were affranchised ayainst right. Ein eben- 
daselbst erzähltes Beispiel aus dem genannten Jahre erläutert das näher. Zwei Hörige 
des Bischofs von Ely aus Dodington in der Grafschaft Cambridge waren nach der ziemlich 
entfernten Grafschaft Norfolk entflohen und had obtained against him and others divers 
oyers and terminers in the county of Norfolk, «pretending maliciously» that they ought 
to have them in Session at Norwich, and had done divers olher «horrible trespasses» 
against them, by reason of having the said oyers and terminers to enfranchise them by 
people of the said county of Norfolk, who could in uo manner have cognisance of their 
birth or blood, to the disiuheritauce of the bishop and of his church». 



285 



Flüchtlinge auch nicht von denen, bei welchen sie weilten, unterstützt 
wurden, was am häufigsten der Fall war 1 ), während den Entflohenen 
der Beweis der Freiheit dadurch wesentlich erleichtert wurde, dass sie 
solchen durch das Zeugniss ihrer eigenen Anverwandten, sofern 
diese freie Leute waren, führen durften 2 ). Es ist darum auch meist der 
Flüchtlinge eigene Schuld oder ganz besonderes Missgeschick gewesen, 
wenn sie zur Rückkehr sich genöthigt sahen. 

Auch verschiedene Gesetze König Heinrichs des Ersten konnten 
nicht verfehlen mildernd einzuwirken auf das Loos der unfreien Bevöl- 
kerung Englands, wie z. B. das strenge Verbot, Leibeigene zu tödten, 
lebensgefährlich zu misshandeln, oder für begangene Diebstähle unver- 
hältnissmässig hart zu bestrafen, und die Verordnung, dass wenn meh- 
rere Leibeigene gemeinschaftlich gestohlen, nur Einer, der Schuldigste, 
die verwirkte Züchtigung erleiden, wie auch, dass, wenn ein Freier und 
ein Unfreier gemeinsam dieses Vergehens sich schuldig gemacht, nur 
derErstere bestraft werden sollte 3 ). Noch wohlthätiger erwies sich eine 
von dem genannten Monarchen eingeführte Neuerung in der rechtlichen 
Stellung des theilweisen Nachwuchses der in Rede stehenden Klassen. 
Während nämlich in den meisten Ländern des Gontinents noch Jahrhun- 
derte lang der Grundsatz galt, dass die Kinder der «ärgern Hand folgen», 
d. h. Leibeigene oder Hörige sein sollten, wenn der Vater oder die 
Mutter das gewesen, verordnete der genannte Britenkönig, dass der Stand 
des Vaters durchweg massgebend sein sollte für den der Kinder 4 ), was 
später eine allgemeine Regel des englischen Rechts wurde. Da nun der 
belangreiche Nachwuchs, den die fraglichen untersten Klassen der Be- 
völkerung auf dem Continent durch die Geburt erhielten, vornehmlich 
daher rührte, dass weit mehr freie Männer unfreie reizende EvenstÖchter 
heiratheten, als umgekehrt (von welcher Erfahrung die dort, und in der 
angelsächsischen Zeit auch in England 5 ), oft geltend gemachte Maxime 
zeugt, dass der Stand der Mutter den der Kinder bestimmen sollte), so 
wurde durch das beregte Statut Heinrichs I der Vermehrung jener Un- 
glücklichen auf dem angedeuteten Wege recht wirksam gewehrt, bezie- 
hungsweise ihre allmähliche Verminderung befördert. 

Am erspriesslichsten ist der unfreien Bevölkerung Englands jedoch 



!) Wright a. a. 0. p. 242. 

2 ) Phillips, Englische Reichs- und Rechtsgesch. II, 174. 

3 ) Wright p. 226 sq. 

4 ) Crabb ; Geschichte des englischen Rechts S. 74. 

5 ) Wright p. 212. 



286 

der Schutz geworden, welchen sie bei dessen Königen gegen den, in 
den meisten Festlandstaaten so giftig wuchernden, Missbrauch der 
grundherrlichen Patrimonial-Gerichtsbarkeit fanden, wenn schon 
nicht immer aus den lautersten Beweggründen. Allerdings hatte Wil- 
helm der Erste es nicht umgehen können, seinen normannischen adeli- 
gen Gehülfen bei der Eroberung Albions auch die Civil- und Straf-Ge- 
richtsbarkeit über ihre Hintersassen einzuräumen, allein er und seine 
Nachfolger verrathen ein sehr bewusstes Streben, diese grundherrlichen 
Gerichte möglichst einzuschränken und immer mehr herabzudrücken. Zu 
dem Behufe verordnete schon König Wilhelm I, dass jedes Herr- 
schaftsgericht einige, und zwar mindestens zwei Freisassen oder So- 
kemanen zu Beisitzern haben müsse; ein weltlicher oder geistlicher Grund- 
herr, der sich diese nicht zu verschaffen wusste, erfuhr so lange Suspen- 
sion seiner Gerichtsbarkeit, bis ihm das gelungen, woher es denn auch 
rührte, dass in den Tagen des Eroberers und noch später die Barone 
durch Leihen dienstwilliger Sokemanen sich gegenseitig aushalfen 1 ). Da- 
zu kam, dass, wie gesagt, die Befugnisse dieser britischen Patrimonial- 
Gerichte schon frühzeitig viel schärfer begränzt Avorden, als die der con- 
tinentalen. So besass z. B. der Gutsherr zwar ein Pfändungsrecht, wo 
aber eigentliche Zwangsvollstreckung nöthig war, musste der König an- 
gerufen und die Sache durch einen Erlass desselben an den Sheriff der 
Grafschaft erst zur Untersuchung und zum weitern Verfahren verwiesen, 
und eben so konnte jede andere Streitsache durch königliche Ordre von 
dem Guts- an das königliche Gericht gebracht werden. An letzteres 
konnte der Kläger überhaupt in allen Civil- und Criminal-Sachen sich 
wenden, wenn das Gutsgericht ihm Recht verweigert oder nicht gehörig 
Recht gesprochen hatte. Sämmtliche Appellationen gehörten mithin aus- 
schliesslich vor die königlichen Gerichte; alle Versuche der Barone zur 
Einführung von Oberlehnshöfen, d. h. von Appellationsinstanzen, die aus 
ihren Untergebenen gebildet, von ihnen abhängig waren, scheiterten - ). 
Selbstverständlich wurde auch durch die oben erwähnte frühzeitige Insti- 
tution der im Lande periodisch umherreisenden königlichen Rich- 
ter, so Avie durch die der von und aus freien, völlig unabhängigen Män- 
nern geAvählten GeschAvornen dem Missbrauche der Patrimonial-Ge- 
richtsbarkeit gar kräftig gesteuert; den Avirksamsten Schutz dagegen 
mochte aber wol der Umstand gewähren, dass die Aveltlichen und geist- 



!) Ellis, General Introduction to Domesday-Book T. I, p. 237. 

2 ) Gneist, 1, 28 f. Bietier, das englische Geschwomengericht J, 51 f. 



287 



liehen Grundherren in ihrem eigenen Interesse eine sehr gebieterische 
Aufforderung besassen, sich desselben zu enthalten. 

Sie rührte von der ausgedehnten Polizei-, von der völlig arbiträren 
Strafgewalt der Normannen-Könige, von den sogenannten Amercia- 
ments her. Das Avaren Bussen, die Wilhelm der Eroberer und seine 
Nachfolger ganz nach persönlichem Ermessen über Alle, die sich eine 
Pflichtverletzung gegen sie, Verstösse gegen die Staatsgesetze, besonders 
aber über jene verhängten, die sich Eingriffe in die königlichen Gerecht- 
same und Ueberschreitung der eigenen zu Schulden kommen Hessen. Die 
Amerciaments erstreckten sich sowol auf Personen wie auf Corporatio- 
nen, auf die ersten Lords, auf die vornehmsten geistlichen und weltli- 
chen Würdenträger wie auf den kleinsten Bauer, waren unbegränzt in 
der Zahl der Falle wie in der Höhe der Bussen, die nicht eben selten 
sogar in der Sequestration des gesammten Lehnbesitzes der Strafbaren 
bestanden. Die grosse Lichtseite dieser, freilich nur zu oft auch arg 
missbrauchten 1 ) Amerciaments, da ihr Hauptzweck leichte Füllung der 
königlichen Kassen war, bestand nun darin, dass sie die Barone und 
übrigen Grundherren gar eindringlich abschreckten von dem Missbrauche 
ihrer Patrimonial-Gerichtsbarkeit, ja selbst die Ausübung derselben ihnen 
oft genug verleideten. Denn nicht nur die geringste Ueberschreitung der 
scharfgezogenen Gränzen dieser, selbst der kleinste Verstoss gegen die 
vorgeschriebenen Formen setzte sie ganz willkührlicher Strafe und Se- 
questration ihrer Besitzungen wegen «Trespasses, Contempts, Defaults» 
u. s. w. aus 2 ). Da konnte die Klage des geringsten Bauerleins den vor- 
nehmsten Lord ins Unglück bringen, wenn dieser bei dem Könige zu- 
fällig ohnehin nicht gut angeschrieben stand. Eben darum wurde durch 
die Magna Charta auch die Bestimmung der Amerciaments derWiükühr 
des Letztern entzogen, und gerichtlichem Erkenntniss vorbehalten. 

Es folgt hieraus, dass auch Britanniens leibeigene und hörige Be- 
völkerung der frühen Bildung eines ländlichen Mittelstandes und der 
gleichzeitigen Existenz einer monarchischen Gewalt, die stark genug war, 
ihren Verfügungen Gehorsam von Männiglich zu verschaffen, schon im 
zwölften Jahrhundert Wohlthaten verdankten, die ihren Schicksalsgenossen 
in den meisten Reichen des Festlandes noch gar lange versagt blieben, 
weil eben diese beiden Momente dort fehlten. Die freien Bauern, deren 



1 ) The ancient records of the exchequer gue surprising accoimts of the numerous 
fines and amerciaments le^ied in those days, and of the stränge inventions fallen upon to 
exnct money from the subjeet. Haie, History of the Common Law of England p. 184. 

2 ) Gneist, 1, 31 f. 



288 

Zuziehung zu jedem Herrschaftsgerichte unerlässlich war, die ebenfalls meist 
aus diesem Stande gewählten Geschwornen, die so oft sich einstellenden 
fahrenden königlichen Richter, die um der Amerciaments willen alien 
Ausschreitungen und Missbräuchen der Grundherren und ihrer Gerichte 
gar eifrig nachspürten, gewährten selbst den untersten,, den unfreien Volks- 
schichten bereits damals einen in den meisten Gontinentalstaaten unbe- 
kannten Rechtsschutz. Denn wenn der Leibeigene, der Hörige auch 
seinen Herrn selbst, mit der gleich zu erwähnenden Ausnahme, nicht 
verklagen durfte, so war es ihm doch 1 ) keineswegs verwehrt, gegen die 
Beamten desselben Klage zu führen, in welchem Falle jener dafür in 
ein Amerciament verfällt wurde, dass er letztere nicht besser überwacht, 
ihnen Missbräuche und Uebergriffe erlaubt hatte. 

Eben darum war auch schon im zwölften und mehr noch seit dem 
folgenden Jahrhundert in England das Loos der Üörigen und selbst der 
Leibeigenen ungleich besser, als man gemeinhin glaubt. Besassen diese 
im Allgemeinen, wie eben berührt, auch kein Klagrecht gegen ihre eige- 
nen Herren, wenn schon gegen jeden Andern, so durften doch auch jene 
sie nicht misshandeln und noch viel weniger verstümmeln, oder gar töd- 
ten, da in dem erstem Falle selbst der Leibeigene seinen Gebieter vor 
den königlichen Gerichtshöfen zur Verantwortung ziehen konnte, und wer 
einen solchen tödtete, gleich dem Todtschläger eines Freien bestraft 
wurde 2 ). Waren die Unfreien auch entblösst von allen Eigentumsrech- 
ten nicht nur an den Ländereien, die sie zu ihrem Unterhalte vom Herrn 
inne hatten, sondern auch an denen, die sie erbten oder sonst erwarben, 
weil letzterer sich solche ohne Weiteres aneignen durfte, so erscheint 
das gleichsam als eine Entschädigung dafür, dass Leibeigene wie Hörige 
auch fast Alles, was sie zum Wirthschaftsbetrieb bedurften, ursprünglich 
von ihren Gebietern empfingen, dass von diesen auch alle erforderlichen 
Reparaturen, Ergänzungen u. s. w. bestritten wurden 3 ). Auch sind in 
England die bis dahin fast durchgängig ungemessenen Frohndienste seit 



1 ) Nach Hallams II, 481 Anmerk. **) treffender Bemerkung. 

2 ) Hallam 11, 476. Ellis, General Introduction to Douiesday-Book I, 87. — Im Laufe 
des vierzehnten Jahrhunderts erwarben Leiheigene wie Hörige noch eine fernere nicht 
unbedeutende Erweiterung ihres Klagerechtes auch gegen die eigenen Herren. So durften 
sie z. B. gegen diese auch wegen des an einem ihrer Vorfahren begangenen Mordes An- 
klage erheben, und wenn sie solche bewiesen, wurden sie frei Auch konnte eine Hörige 
gegen ihren Herrn wegen Nothzucht klagbar werden. Crabb, Gesch. des englischen Rechts 
S. 376. Blakstone, Commeutaries T. II, p 92. 

3 ) Wie Smirke in den Memorials illustrat. of the History and Antiquities of Wiltshire 
and the City of Salisbury (Proceedings of the Archaeological Institute of Great Britain for 
1849) p. 184 (London 1851) mit Recht hervorhebt. 



289 

dem dreizehnten Jahrhundert meist in. gemessene, und zwar massig be- 
messene, umgewandelt und eben so die an den Grundherrn zu entrich- 
tenden grösstenteils Natural-Abgahen nach einem sehr massigen An- 
salze fixirt worden 1 ). Hierauf mag der Umstand von erheblichem Ein- 
flüsse gewesen sein, dass König Heinrich III der ihm so gefährlichen 
Popularität der wider ihn verschwornen Barone dadurch ein Gegenge- 
wicht zu geben suchte, dass er durch manche Massnahmen zur Verbes- 
serung des Looses der unfreien Bevölkerung selber populair zu werden 
sich bemühete 2 ), und hierdurch jene nöthigte, in dem Betreff seinem 
Vorgange zu folgen. 

Daher denn auch höchst wahrscheinlich die während der langen Re- 
gierung des genannten Monarchen (1216 — 1272) zuerst sich bemerklich 
machende massenhafte Umwandlung von Leibeigenen in sogenannte 
Copyholders, d. h. Erbpächter, denen von ihren seitherigen Gebie- 
tern grössere oder kleinere Stücke Land, gegen fest bestimmte Abgaben, 
Natural- und Frohndienste, überlassen wurden, die ihnen und ihren Nach- 
kommen so lange nicht entzogen werden konnten, als sie die Bedingun- 
gen erfüllten, unter welchen sie solche, zugleich mit der Entlassung aus 
der Leibeigenschaft, erhalten. Da es für sie eben deshalb von höchster 
Wichtigkeit war, stets beAveisen zu können, was ihnen gegen den Grund- 
herrn oblag und was nicht, erhielten sie Abschriften aus dem Dienst- 
register, dem Grund- oder Saalbuche desselben, welche die förmlichen 



1 ) Fast jede der besseren englischen Specialgeschichten liefert Belege für die Rich- 
tigkeit dieser Behauptung; es genügt hier auf die aus dem dreizehnten Jahrhundert stam- 
menden Redditus. Servitia et Cousuetudines Maneni de Bledon (dem Priorat t. S. Swithin 
gehörig) in den angeführten Memorials ülustrat. of the History and Antiquities of Wilt- 
shire p. 201 sq. und die lehrreiche Einleitung des Herausgebers Smirke p. 482 sq. zu 
verweisen, aus welcher folgende einschlägliche und Tieleu Missyerständnissen Torbeu- 
gende Bemerkungen (p. 487) hier eine Stelle finden mögen: The above Classification of 
tenauts is not materially different from that of all the other Priory manors, nor indeed 
(so far as my experience extends) from that of most other manors in the south and 
south-ivesl of England. In these manors the names of the classes occasionally rary; 
but whether called hidarii, virgarii, bordarii, cotarii, cotmanni, bertonarii, gabularii, 
censarii etc. they derive their distiuctive names not from any fundamental qualities of 
tenure, such as now distinguish freehold, leasehold, and copyhokt, bat from the quan- 
tiiy of the land held, or of the nature of the tenemeut, or of the reut or Service rende- 
red in respect of it. A Classification of this kind admits of great variety in name, tvith 
Utile substantial difference in nature. If the lord dhided the land of his barton into 
tenemental portions, each tenant became a bertonarius. If a cot or cotland, cousistiug 
either of house and land, or (as was often the case) of land only, was the subject of the 
tenure, the tenant was a cotarius, cotmannus. Tf in lien of serrices in kind a money 
payment was receiyed, the tenant was enrolled among the gabularii, gavelmanni, or 
censarii etc. 

2 ) Gneist, I, 95. 

Sugcnheim, Gesch. d. Aofh. d. Leibeig. |9 



290 

Pachtverträge ersetzten und in König Heinrichs III Tagen schon sehr 
gebräuchlich waren 1 ); daher ihr Name Abschriften-Inhaber. Dazu hatte 
sich freilich schon früher auf dem Wege einzelner Freilassungen eine 
nicht unbedeutende Anzahl von Leibeigenen emporgeschwungen, da in 
England jene sowol leichter und billiger als auch vollständiger 2 ) zu er- 
langen waren, wie auf dem Continente, und zumal in Frankreich 3 ). Es 
war dies allem Anscheine nach der britischen Geistlichkeit 4 ) zu danken, 
die von jeher und während des ganzen Mittelalters mit besonderem, mit 
noch grösserem Eifer als die meisten ihrer festländischen Amtsbrüder die 
Lösung der Bande jener Unglücklichen zu fördern suchte, alle dahin zie- 
lenden Handlungen als die gottgefälligsten pries, darum z. B. nicht nur 
die Besitzer derselben zu ihrer Gratis-Entlassung, oder um billigen Preis, 
sondern auch wohlhabende Dritte bewog, diesen für sie zu zahlen 5 ). Al- 
Jein massenhafte Emancipationen kommen doch, wie gesagt, erst in 
den Tagen König Heinrichs III vor; sie ergeben sich unter anderen schon 
aus der Thatsache, dass wir um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts 
z. B. Rittergüter finden, die neben vierundneunzig Copyholders nur 
noch sechs leibeigene Bauern zählten 6 ). 

Noch erheblichere Fortschritte machte die Lösung der Leibeigen- 
schaft und der grundherrlichen Bande im nächstfolgenden Jahrhundert der 
ersten drei Eduarde (1272 — 1377), der eigentlichen Bildungszeit 
für Albions Nationalcharakter, seine Staats- und Gerichts- Verfassung, 
seine Rechtswissenschaft, seine Universitäten, ja sein Sprachidiom 7 ). 
Von den beregten Fortschritten zeugt am sprechendsten die Thatsache, 
dass wir bereits in der ersten Hälfte der fünfzigjährigen Regierung 
Eduards III (1327 — 1377) einer sehr zahlreichen freien fluctuirenden 
ländlichen Arbeiter-Bevölkerung begegnen, welche durch die hohen 
Löhne, die sie beanspruchte, das wiederholte Einschreiten des genannten 



J ) Brodie, History of the British Empire from the Accession of Charles I to the Re- 
storatiou, T. ) (Introduction), p. 29 (Edinburgh 1822. 4 vols). 

2 ) Wie man aus dem von Wright in der Archaeologia T. XXX, p. 237 sq. zusammen- 
gestellten urkundlichen Notizen ersieht. 

3 ) Vergl. oben S. 116. 

4 ) How great a part the roman Catholic ecclesiastics subsequently had in the abolitiou 
of yillenage we learn from the unexceptionable testimony of Sir Thomas Smith, one of 
the ablest Protestant counsellors of Elizabeth. When the dying slaveholder asked for the 
last sacrameuts, his spiritual attendants regularly adjured him, as he loved his soul, to 
emancipate his brethren for whom Christ had died. Macaulay, History of England, chapter I. 

5 ) Stevenson in der Preface zum zweiten Bande des you ihm edirten Chronicon Mo- 
nasterii de Abingdon p. LI sq. Blakstone, Commentaries T. II, p. 94. 

6 ) Hallam II, 481. 

7 ) Gneist I, 102. 



291 



Monarchen nöthig machte. Wie über so viele andere Vorgänge in der 
innern Entwicklungsgeschichte der europäischen Menschheit entbehren 
wir auch sicherer Nachweisung darüber, woher Britannien zu den in 
Rede stehenden freien Arbeitern kam? Allein es ist kaum zu zweifeln, 
dass das Leibeigene gewesen, welche sich losgekauft oder freigelassen 
worden, jedoch kein Unterkommen auf den Besitzungen ihrer früheren 
Gebieter gefunden hatten, oder weil sie, als ächte Briten, die endlich er- 
langte Freiheit höher achteten, als den gesicherten Lebensunterhalt, es 
vorzogen, diesen als Tagelöhner zu erwerben. Im Eingange der ersten 
der betreffenden Verordnungen Eduards III vom J. 1349 wird deren 
Erlass damit motivirt, dass durch die auch auf England sich erstrecken- 
den Verheerungen der schrecklichen Pest, die damals ganz Europa mehr 
oder minder heimsuchte 1 ), dort eine sehr empfindliche Verminderung 
der Zahl der Arbeiter und Dienstboten 2 ) herbeigeführt worden, was 
die übriggebliebenen zum Fordern übertriebener Löhne missbraucht, 
und dadurch das Parlament zu der an den König gerichteten Bitte um 
diesfällige Abhülfe veranlasst hätten. Hieraus folgt einmal, dass jene 
freien Arbeiter und Dienstboten, die man nur gegen Lohn haben konnte, 
bereits sehr zahlreich gewesen sein müssen, weil ihrer durch die Pest so 
viele weggerafft worden, und doch noch immer eine solche Menge der- 
selben vorhanden war, von welchen Viele, wie König Eduard III in 
dem fraglichen Statut beklagte, lieber betteln als durch Arbeit ihr Brod 
erwerben wollten. Dann entnimmt man hieraus, dass der den Grund- 
herren zur Verfügung stehende leibeigene Theil der Bevölkerung überaus 
bedeutend zusammengeschmolzen sein musste, weil er sich so durchaus 
unzulänglich erwies, jenen die benöthigten Arbeitskräfte zu liefern. 

Deshalb verordnete Eduard III, dass jeder nicht von seinem Eigen- 
thume oder Gewerbe lebende arbeitsfähige Bewohner Englands unter 60 
Jahren auf Verlangen verpflichtet sein sollte, einem Brodherrn gegen den 
in den letzten Jahren üblich gewesenen Lohn sich zu vermiethen, und 
verbot zugleich das Verabreichen von Almosen an Bettler. Wie wenig 
diese Verfügung ihren Zweck erreichte, erhellt aus einer zweiten von 
dem genannten Monarchen zwei Jahre später (1351) auf die Klage des 
Parlaments erlassenen 3 ), dass die Arbeiter trotz jener in Dienst zu tre- 
ten sich weigerten, wenn man ihnen nicht doppelt oder gar dreifach hö- 
here Löhne bewillige, als sie gesetzlich zu fordern berechtigt waren. 



1 ) Vergl. oben S. 133 f. 

2 ) — especially of Workmen and Servants. The Statutes of the Realm T. 1, p. 307 
(Ausg. dev Record-Commission, London 1810). 

3 ) The Statutes of the Realm T. I, p. 311. 



292 

Dieser Kampf zwischen den Grund eigenthüinern und den freien ländli- 
chen Arbeitern, die man nur gegen Bezahlung haben konnte, wie zwi- 
schen Arbeitgebern und Arbeitenden überhaupt, dauerte trotz der sehr 
harten Strafen, mit welchen König und Parlament jenen zu Hülfe kamen, 
während der ganzen übrigen Regierungszeit Eduards III fort; noch am 
Ausgange derselben (137 6) begegnen wir der an diesen Fürsten gerich- 
teten Bitte des Parlaments, die betreffenden Verordnungen viermal des 
Jahres zur Darnachachtung einzuschärfen und die hierin saumseligen Rich- 
ter ihrer Stellen zu entsetzen 1 ). 

Es ist darum auch nicht zu zweifeln, dass derselbe sehr wesentli- 
chen Antheil hatte an dem Volk sauf stände, der bald nach dem Hin- 
tritte Eduards III zum Ausbruche kam. Dieser ist mit Unrecht 2 ) zu den 
blossen Bauernempörungen des Mittelalters gerechnet, und denselben Ur- 
sachen beigemessen worden, welche die etwas über zwei Decennien äl- 
tere Jacquerie in Frankreich hervorgerufen. Schon aus dem Vorherge- 
henden erhellt, dass zwischen den damaligen Verhältnissen des englischen 
und des französischen Landvolkes ein überaus bedeutender Unterschied 
obwaltete, von welchem auch die denkwürdige Aeusserung des gutunter- 
richteten gleichzeitigen französischen Chronisten Froissart 3 ) Zeugniss 
gibt: an dem beregten Aufstande in England sei hauptsächlich Schuld, 
dass es das geringe Volk dort zu gut gehabt habe. Wenn das nun auch 
nur beziehungsweise und cum grano salis zu verstehen ist, so lässt sich 
doch nicht in Abrede stellen, dass die eigentlichen Hebel des fraglichen 
Aufruhrs nur zum Theil, und allem Anscheine nach zum kleinsten Theile, 
in den Verhältnissen zu suchen sind, die ihm zum Vorwande dienten. 
Es ist oben (S. 27 6) berührt worden, dass die Ehre der glorreichen 
Siege, welche die Briten unter der Regierung Eduards III über die 
Franzosen davontrugen, eigentlich ihren Bogenschützen gebührte. Die 
Schanren dieser waren längst nicht mehr, wie in den Tagen der ersten 
Plantagenets, nur aus kleinen ländlichen Grundeigenthümern und Frei- 
sassen gebildet, sondern grossentheils aus den eben erwähnten freien 
Arbeitern, hörigen Grundholden und selbst Leibeigenen, indem die gros- 
sen Menschenopfer, welche die langwierigen Kriege mit Frankreich 
verschlangen, das Bedürmiss erzeugten, die Abgänge aus diesen Klassen 



!) Sybel, Histor. Zeitschrift, 4859, Bd. II, S. 61 f. Hansard, Parliamentary History 
of England from the earliest Period to the year 4803. T. 1, p. 439 (London 4806. 36 yols). 

2 ) Wie namentlich von dem neuesten Darsteller desselben, Bergenroth bei Sybel a. a. 
0., besonders S. 73, gut nachgewieson wordeu; «es war ein Aufstand der Armen gegen 
die Reichen, der Arbeiter gegen ijire Herren». 

3 ) Chion. 1. II, c. 105: — Et poitr la grand' aise et abondance de Mens eu quoi 
le menu peupie etoit lors et vivoit, s'emut et eleva cette rebellion. 



293 



zu ersetzen. Nichts natürlicher, als dass die Erinnerung an ihre beregten 
glänzenden Waffenthaten in ihnen ein erhöhtes Selbstgefühl weckte, und 
dass sich dieses eben so wol nach oben als nach aussen geltend machte. 

Unglücklicher Weise fügte es sich, dass in dies frisch gedüngte Feld 
kurz darauf die giftige Saat eines Fanatikers fiel, des Mönchs Johann 
Balle, der sich zwar selbst Schüler und Verkünder der Lehren Wy- 
cliffe's nannte 1 ), das aber in der That nicht, sondern nur ein ganz roher 
Socialist 2 ) der schlimmsten Art war. Seit dem Jahre 1356 durchzog 
Balle England, dem Volke absolute Freiheit und Gleichheit als Grund- 
sätze christlicher Offenbarung predigend, und damit die Aufforderung ver- 
knüpfend, die Fürsten und Herren, kurz Alle zu erschlagen, deren Dasein 
der Verwirklichung jener entgegenstände 3 ). Die schlimmen Wirkungen 
dieser unseligen Lehren offenbarten sich in der steigenden Widerspenstig- 
keit der unteren Volksklassen; die im J. 13 7 7 von den Grundherren im 
Parlament vorgebrachten Klagen 4 ) zeigen, dass eine Menge Copyholders 
und anderer Landleute durch ganz willkührliche Auslegung ihrer Pflich- 
ten und Rechte, wie überhaupt durch die anstössigsten Mittel sich jenen 
zu entziehen suchten. 

Dazu kam, dass Britannien damals, wegen der zeitweiligen Waffen- 
ruhe mit Frankreich, von abgedankten Kriegern wimmelte ), die sich in 
recht traurigen Verhältnissen befanden, darum mancherlei Excesse ver- 



J ) Qui (Joh. Balle) videns se damuatum esse, vocavit ad se Willemum London, epis- 
copum — et dorn. Walterum Lee militem et dorn. Joh. Profete notarium et ibi confite- 
batur publice eis qnod per biennium erat discipulus Wycclyff, et ab eo didicerat hae- 
reses quas docuit. Thomas Netter of Waiden, Fasciculi Zizaniorum Magistri Johannis 
Wycliff, edit. by Waddington Shirley p. 273 (London 1858, zu der auf Kosten der Regie- 
rung herausgegebenen Sammlung: Rerum Britannicarum Medii Aevi Scriptores gehörig). 

2 ) Waddington Shirley in der Introduction zu d. augef. Fascic. Zizauior. p. LXVlf. 

3 ) Thom. Walsingham, Hist. Angl. bei Camden, Scriptor. Rer. Angl. p. 275: — qua- 
propter monuit, ut essent viri cordati et more boni patrisfamilias excoientis agrum suum, 
et extirpantis, ac resecantis noxia gramina, quae fruges solent opprimere, et ipsi in prae- 
senti festinarent, primo majores regni dominos occidendo, deinde juridicos, justitiarios, 
et curatores patriae perimeudo, postremo quoscumque scireut in posterum communitati 
nocivos tollerent de terra sua, sie demum et pacem sibimet parerent, et securitatem in 
futurum, si sublatis majoribus esset inter eos aequa libertas, eadem nobilitatis, par digni- 
tas, similisque potestas. 

4 ) Wright in der Archaeologia T. XXX, p. 242: In the first Parliament of King Ri- 
chard II, a. D. 1377, the lords of the soil complained that in different parts of England 
the villans «by Council, procarenient, maintenance, and abbetiny of certain persons 
for profit reeeived from the villans» brought into court exemplifications of Doomsday 
book for their several manors, and by colour and misinterpretntion of these exem- 
plifications their maintainours and abettors enableed them to withdraw their customs 
and Services from their lords. 

5 ) Turner, History of England during the Middle Ages T. 11, p. 268 sq. (third Edit. 
London 1830. 5 TT.) hat hierauf meines Wissens zuerst aufmerksam gemacht. 



294 

übten und nur zu geneigt waren, sich an jeder Bewegung zu betheiligen, 
von der sie Verbesserung ihrer Lage hoffen zu dürfen glaubten. Endlich 
konnte es auch nicht fehlen, dass die von Wycliffe, trotz dem dass der- 
selbe in gar keiner Verbindung mit den Aufrührern von 1381, vielmehr 
auf ihrer entschiedensten Gegner Seite stand 1 ), seit zwei Decennien 
(1360) gegen die Hierarchie gerichteten scharfen Angriffe beider engen 
Verbindung des Druckes, den diese übte, mit dem des Feudalstaates und 
bei der Unfähigkeit der noch so wenig gebildeten Massen, die ihnen mit- 
getheilten Stellen der ihnen ganz entfremdeten Bibel richtig aufzufassen, 
so wie der auftretenden Prediger, sie ihnen gehörig zu erklären, damals 
in England von Vielen eben so missverstanden wurden, wie später die 
Lehren Luthers von den deutschen Bauern und den Wiedertäufern. 

Dem Zusammenwirken dieser Fermente entfloss die, sehr mit Un- 
recht nur Bauernaufstand genannte, Empörung der unteren britischen 
Volksklassen im J. 1381, deren ursprüngliche Haupt- Anstifter und Theil- 
nehmer, die im Vorhergehenden erwähnten freien ländlichen Arbeiter, 
die abgedankten Krieger, die vielen Copyholders, die sich ihren vertrags- 
mässigen Verpflichtungen zu entziehen wünschten, und die zahlreichen 
Adels- und Pfaffenfeinde unter den kleinen Freisassen, aber schlau genug 
waren, um die Mitwirkung der gesammten hörigen ländlichen Bevölke- 
rung so wie der Reste der Leibeigenen rasch zu gewinnen, völlige Auf- 
hebung der Leibeigenschaft so wie gänzliche Befreiung von allen Lasten 
und Unehren der Hörigkeit in erster Linie auf ihr Panier zu schreiben. Der 
angedeutete Zweck wurde auch so vollständig erreicht, dass der Aufruhr, 
zu dessen Ausbruch die allzu rücksichtslose Eintreibung einer neuen Art 
von Steuern, einer Kopfsteuer, die Losung gab, nur zu schnell Dimen- 
sionen gewann, die um so bedrohlicher sich gestalteten, da die unteren 
Schichten der Bevölkerung in London, Canterbury, Rochester und ande- 
ren Städten den Insurgenten sich anschlössen, ihnen die Thore derselben 
öffneten. Da konnte man es dem kaum sechzehnjährigen Könige Richard II 
nicht eben sehr verargen, dass er zur List seine Zuflucht nahm, dass er 
die ihn schwer bedrängende Hauptmasse der Empörer durch Bewilligung 
der von ihnen geforderten Abschaffung der Leibeigenschaft (15. Juni 1381), 
Ersetzung der Frohndiehste durch eine ständige jährliche Abgabe von vier 
Pfennigen vom Acker Landes, des zollfreien Ein- und Verkaufs auf allen 
Märkten und eines General -Pardons sich vom Halse zu schaffen suchte. 
Ihr dadurch bewirkter Abzug und der unmittelbar darauf erfolgte Fall 
Wat Tylers, des Führers der noch Zurückgebliebenen, wie der Insur- 
rection überhaupt, erleichterte sehr die gänzliche Unterdrückung dersel- 

l ) Bergenroth bei Sybei a. a. 0. S. 67. 



395 

ben. Noch ehe sie vollständig gelungen, verkündete Richard II den Wi- 
derruf der erwähnten Zugeständnisse; beide Häuser des Parlaments, Lords 
wie Gemeine, waren zu erbittert über die vielen von den Rebellen ver- 
übten Gräuelthaten, um die vom Könige verlangte Sanction jener nicht 
mit der grössten Entschiedenheit 1 ) zu verweigern, seinem Wortbruche 
damit den scheinbarsten Vorwand leihend. Dennoch dachte das Unterhaus 
menschlich genug, die Begnadigung sehr vieler Aufrührer zu erwirken, 
und die Stärke der englischen Institutionen bewährte sich schon damals 
glänzend in der Thatsache, dass auch die Schuldigsten ordnungsmassig 
vor Gericht gestellt, nur nach Recht und Urtheil, wenn auch freilich zum 
Theil sehr grausam, bestraft wurden. 



ZWEITES KAPITEL. 

König Richards II den, auf die erwähnten Freibriefe sich berufenden, 
Bauern der Grafschaft Essex entgegen geschleudertes Zornes wort: sie 
sollten künftig mit ungleich grösserer Härte, erniedrigender wie vordem 
behandelt werden, ist eine leere Drohung geblieben, schon deshalb weil 
die Macht der Verhältnisse der Ausführung desselben wie aller gegen das 
Landvolk überhaupt vielleicht vorhandenen Rachegedanken unübersteig- 
liche Hindernisse entgegenwälzte. Die noch lange fortwogenden Kämpfe 
mit Frankreich rafften nämlich der streitbaren Männer so viele weg, 
dass man sich bei der im Ganzen doch nur noch dünnen Bevölkerung 2 ) 
anhaltend genöthigt sah, die Gefallenen aus den Reihen der Hörigen und 
Leibeigenen zu ersetzen. Daher denn auch der immer mehr zunehmende 
Mangel an Händen für den landwirtschaftlichen Betrieb und die fort und 
fort steigenden Löhne der freien ländlichen Arbeiter; daher denn auch die 
Fruchtlosigkeit aller mitunter ganz tyrannischen Massnahmen 3 ), die Re- 
gierung und Parlament zur Abhülfe der fraglichen schwer empfundenen 
Uebelstände ergriffen. Da konnte es denn auch nicht fehlen, dass dies 
Verhältniss auf den unfreien Bauernstand Britanniens in bleich vortheil- 



1 ) The lords and commons — declared, thatthey would not sanction the manumissions, 
to they should all perish in one day ; and they annuliert them uniyersally. But the 
commons petitioned for the Kings grace and pardon to the rebels, whichwas immediately 
granted, with indiyidual exceptions. Turner a. a. 0. II, 264, nach den Parlamentsacten. 

2 ) England, welches zur Zeit der normannischen Eroberung (1066) ungefähr 2,000,000 
Einwohner zählte, soll (einschliesslich Wales) deren im J. 1377 nicht mehr als 2,350,000 
gehabt haben, ohne Zweifel in Folge der grossen Pest yon 1349. Mac Culloch, Descriptiye 
and Statistical Account of the British Empire T. I, p. 396 (fourth Edit. London 1854. 2 TT.). 

3 ) Henry T. V, p. 447 sq. 



296^ 

hafter Weise einwirkte, wie das die Kämpfe und Fehden der Republiken 
Wälschlands- im zwölften und dreizehnten Jahrhundert auf die Zustände 
des italienischen Landvolkes gethan 1 ); je mehr Hörige und Leibeigene in 
die Reihen der gefürchteten Bogenschützen emporstiegen, je werthvoller 
und unentbehrlicher sie dem Staate hierdurch wurden, je lockerer muss- 
ten selbstverständlich hierdurch auch ihre Bande werden, je dringender 
ward Milderung des grundherrlichen Druckes geboten, die unter andern 
aus der Thatsache erhellt, dass auch den genannten untersten Volksklas- 
sen im J. 1406 die ihnen bis dahin versagte Erlaubniss gesetzlich ge- 
währt wurde 2 ), ihre Kinder zur Schule zu schicken. 

Von noch weit segensreicheren Folgen für Englands leibeigene und 
hörige Bevölkerung erwies sich der seit der Mitte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts über ein Menschenalter dauernde Thron streit der beiden 
Rosen, d. h. der Häuser York und Lancaster, so genannt weil dieses 
eine rothe, jenes eine weisse Rose im Wappen führte. Er war guten- 
theils die giftige Frucht der zwar glänz- und ruhmvollen, jedoch unge- 
rechten langwierigen Kriege mit Frankreich, die auf französischem Bo- 
den ein britisches Geschlecht hatten aufwachsen lassen, welches nach ihrer 
Beendigung in den friedlichen Grafschaften Albions sich nicht heimisch 
fühlte, dort keinen Platz zu finden wusste, darum Befriedigung der ihm 
zur andern Natur gewordenen Kampflust und Beutegier, der Angewöh- 
nungen des Lagerlebens nötigenfalls selbst im schrecklichsten, im Bür- 
gerkriege nicht verschmähete, und hierdurch beiden Faktionen ein jeiches 
und nur zu bereitwilliges Material zur Geltendmachung ihrer Ansprüche 
bot. Zu seinem grössten Unglücke betheiligte sich Britanniens gesammter 
Adel mit einer Ungeheuern Leidenschaftlichkeit an diesem so gräuelrei- 
chen Kampfe um die Krone, in dem mehr als sechzig Glieder des Kö- 
nigshauses einen zum Theil grausamen Tod und, weil beide Parteien 
darin übereinstimmten, die indifferenten unteren Klassen möglichst zu 
schonen, die Wucht ihrer Streiche vornehmlich wider die gegnerischen 
Standesgenossen zu kehren 3 ), die meisten Edelgeschlechter des Landes 
den Untergang fanden. Als er (1485) endlich ausgetobt, dieser entsetz- 
liche Bürgerkrieg der Rosen, zählte das Oberhaus nur noch neunund- 
z wanzig 4 ) weltliche Lords. 

Ein so langwieriger und erbitterter Kampf erforderte natürlich nicht 



1 ) Vergl. oben S. 201. 

2 ) Wade, British History chronologically arranged p. 401 (secondEdit. London 1843). 

3 ) Brodie, History of the British Empire from the Accession of Charles I to the Resto- 
ration T. I (Introduction), p. 13. 

4 ) Gneist I, 170. 



297 

nur ein ungewöhnliches Aufgebot von Streit-, sondern auch von Geld- 
kräften. Dessen notwendige Folge war, einmal, dass je mehr die Rei- 
hen der erwähnten alten aus Frankreich heimgekehrten Krieger auf den 
Schlachtfeldern gelichtet wurden, auch desto mehr Leibeigene und Hö- 
rige, — denn über die Freisassen besassen die Edelleute so wenig wie 
über die freien ländlichen Arbeiter ein solches Zwangsrecht — , zu ihrem 
Ersätze unter die Waffen gerufen werden mussten. Die zweite und noch 
bedeutsamere Folge war, dass der Adel, in Ermangelung anderer Mittel 
zum Aufbringen der Gelder, deren er so dringend bedurfte, sehr oft ge- 
nöthigt war, sich diese dadurch zu verschaffen 1 ), dass er seinen Leib- 
eigenen die Freiheit, seinen hörigen Grundholden die Um- 
wandlung der Frohndienste und sonstigen persönlichen und 
dinglichen Leistungen in eine feststehende Abgabe, odei* 
auch das Land, welches sie bislang inne gehabt, zum Eigen- 
thume verkaufte. Nicht wenig gefördert wurde diese wichtige sociale 
Revolution durch den Umstand, dass durch die Confiscationen, welche 
die siegende Partei stets über die Anhänger der besiegten zu verhängen 
pflegte, der fünfte Theil 2 ) alles Grund und Bodens der Krone 
anheimfiel. Die Träger derselben waren, um sich zahlreiche Anhänger 
in den unteren Schichten der Bevölkerung zu erwerben, sehr geneigt, 
diesen ausgedehnten Besitz in grösseren oder kleineren Parzellen 
zu verkaufen, — die Sorge um Sicherung seiner neuen Acquisition 
machte jeden Käufer zum nothgedrungenen Partisan des Verkäufers — , 
oder um sehr billigen Zins auf lange Zeit zu verpachten. Wie 
auffallend niedrig in England in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts die Pachtquoten gewesen, erhellt am sprechendsten aus der von 
dem Bischöfe Latimer, der im J. 1480 geboren und Sohn eines Bauers 
in Leicestershire war, berichteten Thatsache, dass sein Vater auf einer 
Pachtung, von welcher er nur drei bis vier Pfund Sterling jährlichen Zins 
zu entrichten hatte, ein halbes Dutzend Arbeiter beschäftigt, dreissig 
Milchkühe und hundert Schafe gehalten habe 3 ). Da ist es freilich nicht zu 
verwundern, dass dieser Avackere Landmann nicht nur genug erübrigte, 
um seinen Sohn aus eigenen Mitteln studiren lassen und jeder seiner 
Töchter bei ihrer Verehelichung die bedeutende Mitgift von zwanzig No- 
beln gewähren, sondern um daneben auch noch eine ausgedehnte Gast- 
freundschaft und Mildthätigkeit üben zu können. 

1 ) Schweitzer, Darstellung der Landwirthschaft Grossbritanniens Bd. 1, S. 34 (nach 
d. Engl, bearb. Leipzig 1839. 2 Bde.) 

2 ) Gneist I, 157. 

3 ) Schweitzer a. a. 0. I, 36. 



298 

Was diese Erzählung zeigt, die bedeutende damalige Erhöhung des 
Wohlstandes der bäuerlichen Bevölkerung, wird noch durch manch' an- 
dere Thatsachen bestätigt, wie namentlich durch die, dass die Löhne der 
ländlichen Arbeiter im J. 1496 fast viermal so hoch waren, als ein 
Jahrhundert früher 1 ). Es ist nicht zu zweifeln, dass besagte Steigerung 
vornehmlich das Werk der beregten Revolution gewesen, von deren Aus- 
dehnung schon die im J. 1480, also noch vor Beendigung der Rosen- 
kriege, erlassenen Luxusgesetze König Eduards IV und die Abstufungen 
der Vermögenssteuer sprechendes Zeugniss ablegen. Diese ergeben näm- 
lich bereits damals Gruppirungen der britischen Staatsgesellschaft, wie 
sie auf dem Continente noch lange unerhört waren, so namentlich neben 
grösseren und kleineren Freisassen nicht weniger als vier verschiedene 
Klassen von Pächtern: grosse Pächter, mittlere (welche die Hälfte der 
Vermögenssteuer der Ersteren zahlten), kleinere und kleine, welch' letz- 
tere etwa den siebenten Theil der Steuer der grossen Pächter zu ent- 
richten hatten 2 ). 

Den beiden ersten Beherrschern Britanniens aus dem Hause Tudor, 
Heinrich dem Siebenten (1485 — 1509) und Heinrich dem Ach- 
ten (1509 — 1547) gebührt der Ruhm, den emporstrebenden unteren 
Klassen der Gesellschaft einen ungemein kräftigen Schutz verliehen, und 
namentlich die Vermehrung der kleinen freien Grundbesitzer so 
wie der freien Pächter eben so planmässig wie wirksam gefördert zu 
haben. Obwol Englands Adel, wie eben berührt worden, durch die Ro- 
senkriege furchtbar gelitten, war er doch noch immer mächtig genug, die 
Krone auf dem Haupte des ersten Tudors noch geraume Zeit in bedenk- 
lichem Schwanken zu erhalten, und dieser ohne irgend welche Garan- 
tien für die dauernde Treue desselben 3 ). Sehr natürlich mithin, dass die 
fortgesetzte Demüthigung und Abschwächung der Barone leitender Ge- 
danke der Politik Heinriche VII blieb, und wenn die Mittel, deren er 
sich zu dem Behufe bediente, auch eben nicht immer eines Königs wür- 
dige gewesen sind, so ist doch nicht in Abrede zu stellen, dass sie meist 



i) Wade, British History p. 103. 

2 ) Gneist I, 169 f. 

3 ) Wie Gairdner in der Vorrede der von ihm edirten Historia Regis Henrici Septimi 
a Bernardo Andrea Tholosatae (einem Zeitgenossen) conscripta p. XXVI (London 1858, 
Bestandtheil der Sammlung: Rerum Britannicarum Medii Aevi Scriptores) sehr richtig 
bemerkt: The extraordinary mutations of fortune, äussert er unter anderen, that had been 
experienced by the last four Kings, might have cominced even a less sagacious monarch, 
that the crown could only be held by at best a precarions tenure. The nobles — had 
combined for the time in his favour; but only the strictest vigüance, he knew, could 
prerent future combinations against him. 



299 



gar klug und besonders zum Frommen der unteren Volksschichten, auf 
welche er sich vornehmlich stützte, berechnet waren. Das gilt besonders 
von dem gleich in den ersten Jahren seiner Regierung (1489) erlassenen 
hochwichtigen Gesetze, welches die seitherige Unveräusserlichkeit der 
adeligen Stammgüter aufhob, allen Kronvasallen die Veräusserung ihrer 
Ländereien gestattete, anscheinend zur Linderung der damaligen argen 
finanziellen Bedrängnisse der Edelleute, in der That aber um eine wei- 
tere Zerstückelung ihres grossen Grundbesitzes herbeizuführen, einen be- 
trächtlichen Theil in die Hände kleiner Eigenthümer zu bringen, welche 
Absicht auch vollkommen erreicht wurde. Noch weit förderlicher aber 
als das erwähnte Statut Heinrichs VII ist der ländlichen Bevölkerung die 
durch seinen Sohn und Nachfolger vollführte Losreissung von Rom, die 
Reformation dadurch geworden, dass die damit verknüpfte Aufhebung 
von etwa fünfhundert Klöstern, die bisher den fünften Theil der Ober- 
fläche des Königreichs und dreimal so viel Einkünfte wie die Krone be- 
sessen, eine grosse Masse des besten, des cultivirtesten Landes zum Ver- 
kaufe, und zwar gutentheils in die Hände kleiner Leute, der Zahl der 
kleinen Grund eigenthümer damit eine überaus belangreiche Vermeh- 
rung brachte. 

Aus solchen und Pächtern war bereits um die Mitte des sechzehnten 
Jahrhunderts die ländliche Bevölkerung Albions fast ausschliesslich zu- 
sammengesetzt; nur ein ganz unbedeutender, kaum nennenswerther Bruch- 
theil derselben bestand damals noch aus leibeigenen und hörigen Bauern. 
Diese erfreuliche Thatsache wird durch das ausdrückliche Zeugniss des 
Ritters Thomas Smith, der in König Eduards VI Tagen (1547 — 1553) 
Staatssecretair war, ausser Zweifel gesetzt. Der versichert nämlich 1 ) in 
seiner Abhandlung über Britanniens Staatswesen, dass es dort nur noch 
äusserst wenige Leibeigene und Hörige gebe; Zeit seines Lebens habe 
er gar keinen Leibeigenen (villain en gros) mehr gesehen, und Hörige 
(villain regardant) nur wenige in seiner frühen Jugend. Und in der 
That verschwinden gegen Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts Leib- 
eigenschaft und Hörigkeit gänzlich vom englischen Boden. Die von 
der Königin Elisabeth im Jahre 1574 verfügte Freilassung sämmt- 
licher Leibeigenen beiderlei Geschlechts auf einigen ihr gehörigen Rit- 
tergütern gegen Entrichtung einer Geldsumme ist die letzte 2 ) urkund- 
liche Erwähnung solcher Unglücklichen in England, trotz dem dass es 



!) Blackstone, Commentaries T. II, p 94. Sybel, Histor. Zeitschrift, 1859, Bd. II, S. 85. 
2 ) Hallam II, 490. 



eoo 

hier niemals 1 ) zu einer gesetzlichen Aufhebung dieses unseligen 
Verhältnisses gekommen, wenn schon es nicht an Versuchen fehlte, das 
obsolet gewordene, faktisch erloschene, auch auf dem Wege des Ge- 
setzes zu beseitigen. So wurde namentlich schon im J. 1526 eine be- 
zügliche Bill dem Parlamente vorgelegt, aber von dem Hause der Lords 
dreimal nach einander verworfen 2 ). 

Sonach zerfiel Britanniens ländliche Bevölkerung schon gegen Ende 
des sechzehnten Jahrhunderts in die vier Klassen, aus welchen sie noch 
heute besteht. Zuvörderst in die uralten Freeholders (Yeomen), kleine 
bäuerliche Grundeigenthümer, Copyholders, Erbpächter, Farmers, 
Zeitpächter und Labourers, die mehrerwähnten durchaus freien länd- 
lichen Arbeiter, Tagelöhner. Denn auch die gewaltigen Revolutionsstürme, 
die während des siebzehnten Jahrhunderts über England dahin brausten, 
haben an dieser Gliederung, wie überhaupt an den Verhältnissen sei- 
nes Bauernstandes, an diesem Produkt einer mehrhundertjährigen ge- 
schichtlichen Entwicklung, so wenig etwas geändert, wie an der Ver- 
keilung des Grundbesitzes im Allgemeinen, weil Britanniens grosse Re- 
volution sehr verschieden von der ein Seculum Jüngern Frankreichs, weit 
mehr die Frucht religiöser, als politischer Antriebe war. Darum wurde 
auch der grosse wie der kleine Grundbesitz durch sie so wenig verändert. 
Mit Ausnahme der den Würdenträgern der Kirche gehörenden Güter, 
die für kurze Zeit sequestrirt wurden, und der Besitzungen einiger Ca- 
valiere, welche diese verloren, weil sie das Land verliessen, fand nicht 
einmal eine zeitweilige nennenswerthe Veränderung statt; und nach 
der Restauration erhielten auch die alten Eigenthümer gegen eine mas- 
sige Entschädigung ihre sämmtlichen Güter zurück. 

Es gehört zu den merkwürdigsten Eigentümlichkeiten britischer 
Staatsentwicklung, dass um so durchgreifendere Aenderungen in den 
Verhältnissen des Grundbesitzes im achtzehnten und neunzehnten 
Jahrhundert, zu einer Zeit erfolgten, wo Albion sich eines langen, nur 
höchst selten vorübergehend unterbrochenen, inneren Friedens erfreute, 
und nicht minder, dass gerade der Theil seiner Bevölkerung, der zum 
endlichen Siege des constitutionellen Systems, zur Consolidation seiner 
freien Verfassung so wesentlich beigetragen, die freien kleinen Grund- 
besitzer, am wenigsten Ursache hatte, sich dessen zu freuen, da er den 
Stand derselben völligem Untergange sehr nahe brachte. 

Seit Wilhelm III ist Englands Regierung bekanntlich eine thatsäch- 

1 ) — nor has that Institution (of yillenage) ever to this hour, been abolished by 
Statute. Macaulay, History of England T. I, chap. I. 

2 ) Henry, VI, 504. 



301 



lieh rein parlamentarische , in diesem Sinne gleichsam eine ständische 
Parteiregierung gewesen, deren Schwerpunkt im Unterhause ruhete; je 
nachdem Tories oder Whigs die Majorität in demselben zu erzwingen 
und zu behaupten wussten, führten bald diese, bald jene Britanniens Staats- 
ruder. Nun waren alle kleinen Grundeigentümer, deren in der hier in 
Rede stehenden Zeit, gegen Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts, nicht 
weniger als 160,000 gezählt wurden, so dass sie mit ihren Familien 
mehr als den siebenten Theil der GesammtbevÖlkerung Englands bil- 
deten 1 ), berechtigt zu und sehr einflussreich bei den Parlamentswah- 
len, aber selbst schwer zu beeinflussen, da sie zu wohlhabend und selbst- 
ständig genug waren, um diesfälligen Versuchen nicht eben besonders 
zugänglich sich zu zeigen. Darum vereinten sich Tories wie Whigs in 
dem Streben, diese unlenksamen, schwer zu gewinnenden Freeholders 
zu verdrängen, sie durch abhängigere und darum in der Hinsicht auch 
zugänglichere Farmers zu ersetzen, die bei den Parlamentswahlen eben- 
falls stimmberechtigt Avaren. Natürlich konnten sie sich zu dem Behufe 
nur des einzigen, in Britannien jetzt möglichen Mittels, desselben bedie- 
nen, welches, wenn schon in ganz anderer Absicht, die italienischen Po- 
destaten und Landspeculanten des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts 
so erfolgreich angewandt 2 ) — des Auskaufens der kleinen bäuer- 
lichen Grundbesitzer. Diese trugen um so weniger Bedenken, die 
schönen Preise, welche Nobility und Gentry für ihre Ländereien boten, 
zu aeeeptiren, da sie sehr bald die verführerische Erfahrung gemacht hat- 
ten 3 ), dass sich durch ihre Verwandlung in Oberpächter der genannten 
Klassen, der Geistlichkeit und Corporationen, d. h. durch Uebernahme 
grösserer Güter und deren Wiederverpachtung im Einzelnen an mehrere 



x ) Macaulay, History of England T. I, chap. III. 

2 ) Vergl. oben S. 497. 

3 ) Wie man unter anderen aus Marshalls, Beschreibung der Landwirtschaft in 
der Grafschaft Norfolk (deutsch von Podewils. Berlin 1797. 2 Bde.) Bd I, S. 7 ersieht. 
«Ehedem», erzählt derselbe, «waren in diesem Distrikt viele kleine Eigenthümer, 
welche ihre eigenen Güter bewirtschafteten. Es gab Beispiele von ganzen Kirchspielen, 
die allein yon dieser ehrwürdigen Classe tou Menschen bewohnt waren. Aber unter meh- 
reren üblen Wirkungen der unmässigen Leidenschaft zu Pachtungen, w r elche seit einigen 
Jahren überhand genommen hat, ist die Abnahme der Unabhängigkeit in dieser Gegend 
eine der auffallendsten. Die Eigenthümer bis dahin unabhängig und geschätzt, sahen 
Männer von geringer Classe durch den bei Pachtungen gemachten ausserordentlichen 
Gewinnst zu einem Vermögen gelangen, welches das ihrige überstieg, und mit einer 
Pracht leben, die ihren Vorfahren ganz fremd war. Sie wurden mit dem Einfachen ihrer 
bisherigen Lebensart unzufrieden und ergaben sich einer ausschweifenderen, die ihre 
Einkünfte überstieg, oder verkauften freiwillig ihre verhältnissmässig kleinen Erbgüter, 
um der Weise, oder vielmehr dem Unsinn der Zeit gemäss, grosse Pachtungen anzuneh- 
men». 



302 

Unterpächter, ihr Kapital bei weitem vorteilhafter verwerthen lasse, als 
durch dessen beständiges Placement in eigenem Grundbesitz. Und in der 
That bewährt sich diese Erfahrung in England noch heute; einer der 
grössten jetzt lebenden Kenner 1 ) seiner Agrikultur- Verhältnisse versichert, 
dass sehr viele Oberpächter, die sehr leicht Grundeigenthümer werden 
könnten, es nur deshalb unterliessen, weil sie, um als solche eines jähr- 
lichen Einkommens von 3000 Francs zu gemessen, ein Gut wenigstens 
im Werthe von 100,000 Francs besitzen müssten, während schon 30,000 
Francs, in Landpacht- und Verpachtungen angelegt, eine Rente vom ge- 
nannten Betrage geAvährten. 

Auch jene zu Speculationen nicht geneigten Freeholders, die so viel 
besassen, um von ihren Interessen behaglich leben zu können, gingen sehr 
gerne auf die Angebote der Nobility und Gentry ein, weil das seit Wilhelm III 
in England nothgedrungen 2 ) eingeführte System der Staatsanleihen hier 
eine National- (keine Fürsten-) Schuld consolidirter Fonds geschaffen 
hatte, welche ohne Arbeit einen eben so hohen, und zeitweilig noch 
höheren Zinsertrag gewährte, als das in Landeigenthum angelegte Kapi- 
tal, und zwar bei nicht geringerer Sicherheit, verknüpft mit grösserer Be- 
quemlichkeit und der Vermeidung mancher, mit der Anlage in Immobi- 
lien verbundenen Uebelstände 3 ). Erwägt man daneben noch die vielfachen 
Gelegenheiten zu vortheilhafter Verwerthung des Geldes, welche die seit 
dem Utrechter Frieden (1713) fast stetig zunehmende Blüthe der briti- 
schen Industrie und des britischen Handels bot, so wird man es eben nur 
ganz natürlich finden können, dass so viele kleine Grundbesitzer sehr 
gerne dazu bereit waren, in der berührten Weise sich in Oberpächter, in 
Fonds- oder Geldbesitzer zu verwandeln. Und wie häufig zumal letzte- 

x ) Lavergue in seinen trefflichen, auch im Folgenden mehrfach benützten, Aufsätzen: 
L/Economie rurale en Angleterre in der Reme des deux Mondes, Jahrg. 1853. Die hier- 
her gehörende Stelle findet sich im ersten Merzheft S. 926. 

2 ) Mac Culloch, Descript. and Statistical Account of the British Empire T. II, p. 428. 

3 ) « Diese Art Besitzer betrachten die Stocks als ein Stammvermögen, das sie für sich 
und ihre Familien aufbewahren wollen, auf der einen Seite das vollkommenste Vertrauen 
auf die Treue des Parlaments hegend, und auf der andern erwägend, was das Vermö- 
gen, das in Land und Häusern steckt, für Abzüge erleidet, welche Schwierigkeiten man 
oft beim Einziehen des Einkommens daraus hat, und wie yiel Abgaben und Förmlichkei- 
ten bei deren Uebertragung nöthig sind. Besitzen sie Fonds, so bekommen sie ihre Zin- 
sen ohne Aufschub und werden nie in Processe verwickelt, bei Erbschaften ist die Ver- 
theilung leicht, und in Testamenten lassen sich auch die bestimmtesten Verfügungen 
darüber treffen, ohne dass man fürchten darf, etwas daran versehen zu haben. Alle diese 
Folgen werden an unsern Einrichtungen erkannt, und die feste und unbedingte Beobach- 
tung der Treue unserer Regierung hat ihnen ein so festes Vertrauen verschafft, dass Nie- 
mand sein Geld irgendwo für sicherer hält, als in unsern öffentlichen Fonds.» Lowe, Eng- 
land nach seinem gegenwärtigen Zustande des Ackerbaues, d. Handels und der Finanzen 
S. 516 (der deutsch. Bearbeitung von Jakob, Leipzig 1823). 



303 



res bereits in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts geschehen, 
dürfte am sprechendsten daraus erhellen, dass England, welches noch 
gegen Ende des siebzehnten Seculums zu sieben und acht, ja bisweilen 
gar zu zehn Procent Geld hatte aufnehmen müssen, schon im J. 1727 
im Stande war, die Zinsen des bei weitem grösseren Theiles seiner Na- 
tionalschuld von fünf auf vier, und im J. 1749 gar von vier auf drei 
Procent herabzusetzen; dass diese dreiprocentigen Papiere im J. 1756 
Pari standen, und nachdem sie während des siebenjährigen Krieges auf 
65 gesunken, nach Wiederherstellung des Friedens (1763) diesen hohen 
Cours nahezu (97) abermals erreichten 1 ). 

Daher denn die ausserordentliche Menge von Fonds- und Renten- 
besitzern, von «Müssiggängern», welche festländische Besucher Albions, 
zu ihrem nicht geringen Erstaunen, schon in der zweiten Hälfte des vo- 
rigen Jahrhunderts dort überall, in Städten wie in Dörfern trafen 2 ); da- 
her die fortwährende auffallende Verminderung der Grundbesitzer, 
deren im J. 1816 in England und Wales im Ganzen nur noch 32,000 
vorhanden waren, unter welchen sich zudem 6000 Korporationen und 
fast eben so viele Kollegien, Kapitel und Kirchspiele befanden, die einen 
Theil ihres Vermögens in Grundbesitz placirt hatten. Und noch während 
der nächsten Lustren hat die Zahl jener anhaltend beträchtlich abgenom- 
men; im J. 1831 gab es in England und Wales, neben den erwähnten 
Korporationen und Kirchen, nur noch 7200 selbstständige Landeigen- 
thümer, darunter 600 sehr reiche 3 ). 

Selbstverständlich hat dagegen eine entsprechende Vermehrung der 
Zahl der Farmers, der Zeitpächter, Statt gefunden. Diese bildeten schon 
gegen Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts einen so überwiegenden 
Theil der Agrikultur-Bevölkerung Albions, dass bereits damals 4 ) der ge- 
meine Sprachgebrauch jeden Landwirth, sowol den Eigenthümer aus- 
gedehnter Ländereien wie die kleinen Freeholders, die Copyholders wie 
die eigentlichen Farmers, mit diesem letzteren Namen bezeichnete, und 
to farm der allgemein verständliche Ausdruck für Landwirthschaft trei- 
ben war. Doch würde Nichts irriger als eine Zusammenstellung dieser 
britischen Zeitpächter mit den italienischen oder den deutschen, Nichts 



J ) Mac Culloch a. a. 0. II, 430. Historisches Portefeuille, Jahrg. 1782, Stück X, 
S. 1234. Pebrer, Hist. financiere et Statist, gener. de l'Emp. Britan. T. I, p. 192 sq. 
(Paris 1834. 2 vols.) 

2 ) (Küttner), Beiträge zur Kenntniss vorzügl. des Irmern yon England und seiner Be- 
wohner VII, 63 (Leipzig 1791 — 1796. 16 Stücke). 

3 ) Schubert, Handbuch der allgemeinen Staatskunde von Europa I, 2, 409. 

4 ) Thaer, Einleitung zur Kenntniss der englischen Landwirthschaft Bd. I, S. 21 (der 
dritten Auflage, Hannover 1806. 3 Bde.). 



804 

irriger als der Glaube sein, dass deren Verhältnisse denen der Letzteren 
irgend wie ähnlich gewesen. Denn es gehört zu den merkwürdigsten, zu 
den ehrenvollsten Eigentümlichkeiten Englands, dass gerade die Klasse 
seiner ländlichen Bevölkerung, welche die abhängigste schien und es auf 
dem Continente auch überall war, dort bereits in der zweiten Hälfte des 
achtzehnten Jahrhunderts zur angesehensten und wohlhabendsten sich em- 
porgeschwungen hatte. Es war das allerdings zunächst die segensreiche 
Frucht der freien Institutionen, der trefflichen Regierung des Landes, die 
jedem Briten ausreichenden Schutz gegen Willkühr und Unterdrückung 
gewährte, aber doch auch sehr wesentlich dem tiefwurzelnden, in der 
Hauptsache freilich jenen entstammenden, Rechtsgefühle, der politischen 
und volkswirtschaftlichen Einsicht, und ganz besonders einer, im Fol- 
genden noch näher zu erwähnenden, sehr löblichen alten Gewohnheit der 
britischen Aristokratie zu danken, die, hierin sehr unähnlich der des Con- 
tinents, schon seit Jahrhunderten weder ihre Ehre noch ihren Vortheil in 
der Befugniss gewahrte, Bauern und Pächter prügeln, quälen und chica- 
niren zu dürfen. Darum hatte das Verhältniss der Farmers zu ihren Grund- 
herren hier schon seit lange sich so gestaltet, dass beide Theile sich da- 
bei wohl befanden, aber auch so ganz eigenthümlich, dass es mit der 
Stellung und Lage der Pächter in den Continentalstaaten in keiner Hin- 
sicht verglichen werden kann, und die gebräuchliche deutsche Ueber- 
setzung: Zeitpächter für: Farmers eine nichts weniger als glücklich ge- 
wählte ist, da sie nur sehr uneigentlich das bezeichnet, was jene waren 
Sie zerfielen schon in der hier in Rede stehenden Zeit, d. h. im Be- 
ginne des achtzehnten Jahrhunderts, gleich wie in der Gegemvart, in drei 
Klassen 1 ). Die erste bildeten die sogenannten Gentlemen-Farmers, eine 
Mischung von Grundbesitzern, Güterspeculanten und Pächtern; man würde 
das, was sie eigentlich waren, noch nicht einmal erschöpfend bezeichnen, 
wenn man sagte, dass sie eine Mischung von deutschem Landjunker und 
deutschem Bauer gewesen. In der Regel waren es ursprünglich grössere 
oder kleinere Pächter, die im Laufe der Jahre so wohlhabend geworden, 
dass sie neben ihrer Pachtung nicht nur bald mehr bald minder bedeu- 
tende Ländereien eigenthümlich erwerben, sondern auch von den 



l ) Das Folgende ganz nach den trefflichen Monographien Marshalls: The rural 
Economy of the Midland Counties (London 1790. 2 yoIs.); the rur. Econ. of Glocestershire 
(Ebendaselbst second edit. 1796. 2 vols.), und of the Southern Counties (Ebendas. 1798 
2 yols .); seine älteste über Norfolk war mir nur in der angeführten deutschen Ueber- 
setzung des Grafen Podewils zugänglich. Ueber Manches, was Marshall trotz seiner 
hiernach leicht zu bemessenden Weitschweifigkeit im Dunkeln lässt, gibt Küttner in 
seinen angeführten Beiträgen VII, 60. 82 ff. willkommne Aufschlüsse. 



305 



grossen adeligen oder geistlichen Grundherren beträchtliche Gütercomplexe 
im Ganzen pachten, übernehmen konnten, die sie dann theils selbst be- 
wirtschafteten, theils an kleinere Pächter im Einzelnen wieder austhaten. 
Die zweite Klasse bestand lediglich aus Güter- oder vielmehr Pacht- 
Speculanten im Grossen, d. h. aus Leuten die weder Grundbesitzer noch 
Selbstbewirthschafter , sondern Uebernehmer des ganzen Landbesitzes 
eines Lords, einer Corporation u. s. w. waren, welchen sie dann eben- 
falls wieder kleineren Pächtern im Einzelnen überliessen. Obwol nun 
diese Oberpächter lediglich von dem Gewinne lebten, und auch gar oft 
reich wurden, welchen sie von diesem En-gros- und En-detail -Verkehr 
mit fremdem Grundeigentum zogen, obwol sie nun eben deshalb an- 
derwärts, wie z. B. in Spanien 1 ), nur zu gewöhnlich zu einem wahren 
Fluche ihrer Unterpächter, der eigentlichen Bewirthschafter des Bodens 
ausarteten, verdankte Britanniens Landwirtschaft doch gerade 
vornehmlich ihnen den gewaltigen Aufschwung, welchen sie seit 
der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts genommen, und namentlich den 
unschätzbaren Gewinn der Vereinigung der Vortheile des grossen 
mit denen des kleinen landwirtschaftlichen Betriebes. 

Denn diese En-gros-Pächter, diese Uebernehmer von mehreren, und 
nicht selten vielen Hunderten Acres Land waren selbstverständlich Leute, 
die über eine ansehnliche Kapitalkraft, diese besonders dem Landbau 
so unentbehrliche Ergänzung der Menschenkraft verfügten, die darum 
auch auf die Verbesserung der Felder, der Viehzucht und anderer Dinge 
erkleckliche Summen verwenden konnten, und in ihrem eigenen wohl- 
verstandenen Interesse auch verwendeten, indem die Kosten dieser Ame- 
liorationen durch den höheren Pachtschilling, den sie alsdann von den 
Unterpächtern dafür erhielten, in der Regel reichlich ersetzt wurden. Da- 
durch sind diese Oberpächter den Besitzern grosser Fabriken sehr ähn- 
lich geworden; sie erfanden, entdeckten, versuchten gar Vieles, was eine 
wenn auch noch so grosse Menge kleiner Landleute, deren jeder nur 
einige Acres zu pachten vermochte, nimmer hätten erfinden, entdecken, 
versuchen können. Mit diesem gewichtigen Vortheile der Zuwendung 
einer so bedeutenden Kapitalkraft paarte sich ferner der nicht geringe, 
dass der Vorgang der grossen Pächter deu Nacheifer der kleinen 2 ;, 

1 ) Vergl. oben S. 58. 

2 ) «Im Durchschnitt sind sie», bemerkte schon Thaer a.a.O. Bd. II, Abthlg. II, S 57 
hinsichtlich dieser kleinen Farmers, «aufgeklärter über ihr Gewerbe, als teutsche Land- 
wirthe, selbst Gutsbesitzer, grosse Pächter und Verwalter nicht ausgenommen. Sie haben 
nicht nur darüber gelesen, sondern auch Reisen durch's Königreich in landwirthschaftli- 
cher Hinsicht gemacht, und von besseren Methoden und Werkzeugen das mitgebracht, 
was ihnen nutzbar schien.» 

Sugenheiru, Gesch. d. Aufh. d. Leibeig. 2Q 



306 

meist ihrer Unterpächter, weckte, auch diese zu fortwährendem Nachsin- 
nen und rastlosen Verbesserungsversuchen anspornte. Und sie fanden sich 
dazu um so mehr aufgefordert, da ihr eigener Mangel an Mitteln kein 
unübersteigliches Hinderniss bildete, indem die Oberpächter, gegen an- 
gemessenen Antheil am Gewinn, in solchen Fällen stets gerne aushalfen. 

Vornehmlich daher rührte es, dass Britannien schon zu einer Zeit 
das Mutterland der rationellen Landwirtschaft werden konnte, wo diese 
fast in allen Staaten des Continents überhaupt noch so sehr im Argen lag. 
Wie mächtig zumal das letztere Moment, diese frühzeitige Beseitigung 
eines der gewaltigsten Hindernisse, welche auf dem Festlande der Ver- 
Averthung des Scharfsinnes, der Kenntnisse, der Verbesserungs- und Un- 
ternehmungslust des kleinen Oekonomen sich entgegenstemmten — des 
Mangels an Kapital, zu dem frühzeitigen Flor der britischen Land- 
wirtschaft beigetragen hat, mag ein sehr prägnantes Beispiel veran- 
schaulichen. Robert Bake well, der berühmte, im J. 1726 geborne 
und im J. 1795 als Millionair gestorbene 1 ), Viehzüchter, der besonders 
durch seine Verbesserung 2 ) der Schaf-Racen sich um sein Vaterland ein 
Verdienst erworben hat, kaum weniger gross als das seiner Zeitgenossen 
Arkwright und Watt, der Verbesserer der Baumwollenspinn- und der 
Dampfmaschinen, war ursprünglich ein in sehr bescheidenen Verhältnis- 
sen lebender Pächter zu Dishley in Leicestershire, dem es erst nach vie- 
len misslungenen Versuchen und schweren Opfern glückte, England mit 
jenen unvergleichlichen Dishley-Schafen zu beschenken, die seinen Land- 
wirthen einen so enormen, fast unberechenbaren Gewinn gebracht haben. 
Würde aber ein Mann von ursprünglich solch' geringem eigenen Vermö- 
gen wie Robert Bakewell unter anderen Verhältnissen, in einem andern 
Lande wol die Mittel gefunden haben, über die Hindernisse zu triumphi- 
ren, welche die Unzulänglichkeit der eigenen Geldkräfte der Ausführung 
seiner genialen Idee, seiner originellen Methode entgegenwälzte? 

Die dritte Klasse der Farmers bestand theils aus den mehrerwähn- 
ten Unterpächtern, theils aus kleineren Landwirthen, die von den grossen 
Gutsbesitzern direkt so viele Grundstücke mietheten, als sie selbst bewirt- 
schaften konnten. Nicht selten waren es auch ehemalige Tagelöhner, die 
sich so viel erworben, dass sie einen solchen kleinen Pachthof zu über- 
men vermochten 3 ). So wenig jene nun von ihren Oberpächtern Unter- 
drückung, Missbrauch der Gewalt zu fürchten hatten, welche ihnen die 



1 ) Biographie nouyelle des Contemporains T. II, p. 48. 

2 ) Darüber sehr ausführlich Marshall, Midland Counties I, 382 sq und Thaer, Einlei 
tung Bd. 1, S. 550 und Bd. III, SS. 637. 758 ff. 

3 ) Thaer Bd. I, S. 27. 



307 



Verhältnisse verliehen, so wenig auch die Bauern, welche die unmittel- 
baren Pächter der grossen Landeigentümer waren; Alles, was diese, ne- 
ben der Entrichtung des vertragsmässigen Pachtschillings forderten, be- 
stand in freundlicher Berücksichtigung ihrer Candidaten bei den Parla- 
mentswahlen. Dieser, der britischen Aristokratie zu so hoher Ehre gerei- 
chende, Umstand erhellt am sprechendsten aus der unbestreitbaren That- 
sache 1 ), dass ein grosser Theil der am besten angebaueten Grafschaften 
Englands solche waren und noch sind, die schon seit langer Zeit von der 
gleich näher zu erwähnenden Gattung von Pächtern bewirtschaftet 
wurden und noch werden, die von der Willkühr ihrer Grundherren am 
abhängigsten erscheinen. 

Man hat den eigentlichen Grund dieses erfreulichen Verhältnisses 
zwischen Gutsherren und Pächtern in England darin zu finden vermeint, 
dass dort die Pachtverträge in der Regel auf lange Zeit abgeschlossen 
worden und würden. Die Folgerung könnte zutreffend sein, wenn es mit 
der Thatsache, welche sie voraussetzt, seine Richtigkeit hätte. Dem ist 
aber nicht so, die Wahrheit vielmehr 2 ), dass schon im achtzehnten Jahr- 
hundert einjährige Contracte die gewöhnlichsten waren und es in einem 
sehr grossen Theile Englands heute noch sind 3 ), die auf längere Zeit zu 
den Ausnahmen gehörten, oft genug aber gar keine 7 ') schriftlichen Ver- 
träge zwischen den Grundbesitzern und Pächtern existirten, und in vielen 
Gegenden Albions auch jetzt noch nicht existiren 5 ), dass deren Verhalt- 
niss nur ein auf Willkühr gestelltes, ein sogenanntes at will war und ist, 
d. h. jeder der beiden Contrahenten konnte es nach sechs Monate vor- 



1 ) Von einem offenbar sehr sachkundigen Kritiker gelegentlich der Besprechung der 
bekannten Schrift Räumers über England hervorgehoben in d. Edinburgh Review, April 
4836, p. 212. 

2 ) Wie man namentlich aus Marshalls angeführten Monographien ersieht. So z. B. 
Midland Counties T. I, p. 16: Farmers, in general still remain at will, and the occupiers, 
though large and many of them opulent, still appear fatisfied with this species of posses- 
sion. — Southern Counties T 1, p. 27: The Species of Tenancy, most prevalent at pre- 
sent, is that of the tenants holding their farms at will, or from year to Year; especially 
on the larger estates. — Glocestershire T. I, p. 20: The Tenancy is various: muck of the 
vale remains at will. Norfolk Bd. I, S. 117: «Pachtungen auf eine bestimmte Zeit, oder 
von Jahr zu Jahr sind die gewöhnlichsten. Contracte fou Jahr zu Jahr sind besonders 
unter den kleinereu Pächtern sehr gebräuchlich.« 

3 ) Loudon, Encyclopaedia of Agriculture p. 764 (third Edit. London 1835). Lavergne 
in der Revue des deux Mondes, 1853, Mars, p. 1 142. 

4 ) The tenant holding at will is without any legal contract or written agreement. 
Loudon a. a. 0. 

5 ) In many parts of England leases are almost entively nnknown, and itisbelieved 
that the practice of granting them is ou the decline. Mac Culloch, Account of the British 
Empire 1, 459. 



308 



her erfolgter Kündigung auflösen, sobald es ihm gefiel und gefällt 1 ). Wo- 
her also die in Rede stehende Erscheinung? 

Ich fürchte nicht zu irren, wenn ich sie, nebst von den bereits oben 
angedeuteten Momenten, ganz besonders von der löblichen alten Sitte des 
britischen Adels herleite, auf dem Lande mitten unter seinen Päch- 
tern zu leben. Der alten Germanen bekannter Widerwille gegen den 
Aufenthalt innerhalb dumpfer Städte hat sich bei keiner der Nationen, 
die von ihnen abstammen, so scharf ausgeprägt fortgepflanzt, wie bei Al- 
bions Söhnen, welche ja überhaupt die Eigentümlichkeiten ihrer Stamm- 
väter, die guten wie die schlimmen, wegen ihrer insularen Abgeschlos- 
senheit durch so viele Jahrhunderte am reinsten bewahrt haben. Die Ein- 
zigen, die der Vorliebe zumal des englischen Adels für das Landleben 
mit Erfolg hätten entgegenwirken, ihn nach der Hauptstadt hätten ziehen 
können, die Könige, besassen keine Aufforderung dazu, weil die Ari- 
stokratie des Inselreiches schon seit den Tagen Heinrichs VII und Hein- 
richs VIII den Beherrschern nicht mehr gefährlich, für diese mithin auch 
kein Anlass vorhanden war, sich des Mittels zu bedienen, durch dessen 
consequente Anwendung Philipp II von Spanien, Richelieu und Lud- 
wig XIV ihren noch immer gefürchteten Adel gezähmt und unschädlich 
gemacht haben. Wie Avenig selbst die ausgezeichnetsten und scharfsich- 
tigsten Träger der britischen Krone das angedeutete Bedürfniss empfan- 
den, erhellt am sprechendsten aus einer von der Königin Elisabeth, 
dieser eben so kleinen Frau als grossen Fürstin, erzählten charakteri- 
stischen Anekdote. Als diese nämlich einst die Edeln des Landes von 
ihren Schlössern nach der Hauptstadt strömen sah, lud sie selbe ein, 
dorthin zurückzukehren, weil sie dort grösserer Freiheit und grösserer 
Bedeutung sich erfreuen würden! «Betrachtet,» sprach sie zu ihnen, 
«diese um Londons Hafen zusammengedrängten Schilfe, die, wie sie se- 
gellos und müssig daliegen, eben so unnütz wie ohne Ansehen sind. So- 
bald sie aber wieder die Wogen der Meere frank und fröhlich durch- 
schneiden, stiftet ein jedes von ihnen Nutzen, fühlt es sich unabhängig, 
stolz und mächtig.» 

War der unbegränzte Hochmuth, mit dem der Adel Frankreichs, 
wie überhaupt der meisten Continentalstaaten, bis zu den gewaltigen Re- 
volutionsstürmen der Neuzeit auf das Landvolk herabsah, seine Miss- 



l ) «Ohne Zweifel,» bemerkt Thaer a. a. 0. Bd II, Abth. II, S 74, «stammt diese Ein- 
richtung noch aus jenen finstern Zeiten her, wo man den Ackerbau als ein sclavisches, 
kunstloses Gewerbe betrachtete, und es unter der Würde eines Ritters hielt-, mit einem 
Bauern einen förmlichen Contract zu schliessen, und ihn, wenn er dessen Bedingungen 
erfüllte, frei und unabhängig auf seinen Gütern zu sehen.» 



309 

handlung und Unterdrückung desselben gutentheils Frucht seiner perpe- 
tuellen Entfernung vom Lande, dem Umstände beizumessen, dass 
sein stetes üppiges Genussleben in den Hauptstädten ihm nur Sinn für 
dieses liess, ihn mit der grössten Verachtung des Landlebens und damit 
auch derjenigen erfüllte, die es führten, so konnte es nicht fehlen, dass 
die so entgegengesetzte Lebensweise der englischen Aristokratie auf de- 
ren Würdigung und Behandlung des Bauernstandes auch die entgegenge- 
setzte Wirkung äusserte. Nicht leicht verachtet, und noch Aveniger be- 
handelt der nur einigermassen gebildete Mensch diejenigen übel, unter 
Avelchen er aus freier Wahl fortwährend lebt; selbst der entschiedenste 
Egoist ist dazu wenn auch nicht zu gut, doch zu klug. Eben darum war 
auch das oben (S. 156) erwähnte, eine so rühmliche Ausnahme von dem sei- 
ner übrigen französischen Standesgenossen zeigende, Verhältniss des Adels 
der Vendee zu seinen Pächtern in England schon seit lange die Regel, 
und die Aehnlichkeit zwischen einem französischen Seigneur und einem 
britischen Lord of the Manor oder Landlord, namentlich des achtzehnten 
Jahrhunderts, in dem Betreff nicht grösser wie die zwischen einem Drei- 
eck und einem Ei. Gleich dem Edelmanne der Vendee lebte auch dieser 1 ) 
als Vater und Freund in der Mitte seiner Pächter, die gleichsam einen 
Theil seiner Familie bildeten, sorgte er für die Erziehung und das Fort- 
kommen ihrer Kinder, für die Pflege und Heilung ihrer Kranken, übte 
er überhaupt, in sittlicher wie in materieller Hinsicht, einen sehr wohl- 
thätigen Einfluss 2 ) sowol auf das herangewachsene wie heranwachsende 



1 ) Küttner, Beiträge VII, 80 f. 

2 ) Noch aus der Gegenwart erzählt von diesem Glyde in seiner ungemein instrucÜTen 
Monographie: Suffolk in the uineteenth Century, physical, social, moral, religious and iu- 
dustrial (London 1853) p.33i folgendes merkwürdige Beispiel: If more testimony on this 
point is needed, we would refer to the yillages of Wickham-Market and East Bergholt, as 
affordiug striking proofs of the value of resident gentry to the poor inhabitants of a 
vülage, and the consequent moral influence ttpon the people. These villages are nearly 
equal in size, are both in the heart of agricultural districts, and are in no ways dependent 
on the general fluctations of trade or manufactures; yet, stränge to say, Wickham-Market 
has in five years sent 23 prisoners for trial, and East Bergholt only S. Such an extra- 
ordinary discrepancy in the criminal tendencies of the two populations arrested our atten- 
tion, and induced us to seek the cause. The result of our inquiries may he hriefly sum- 
med up. The laborers of East Bergholt were better paid, there was a good deal of field 
work for boys, and owing to the number of resident gentry, frequent employment for 
women, who either go out washing or charing, or took in needlework to do athome, thus 
earning from two to four Shillings weekly; and, indeed, the collected earnings of many 
families averaged nearly twenty Shillings per week for six months of the year. From 80 to 
400 boys and girls belonged to a penny clothing clnb, in ivhich the money was doubled 
by resident ladies and gentlemen, and laid out in substantial weariug apparel. From six 
to eight busheis of coals were also annually distributed to the poor belonging to the pa- 
rish, and three busheis to those who did not so belong These facts show that the 



310 

Geschlecht aus. Trotz der meist einjährigen oder at will Pachtungen war 
die Vertreibung eines Pächters, oder unbillige Steigerung des Zinses doch 
überaus selten, und zwar deshalb schon, weil ein Gutsherr, der dies oder 
jenes ohne die triftigsten Gründe gethan hatte, sich die ganze Gegend 
zum Feinde, alle seine Farmers rebellisch gemacht haben würde 1 ). Da- 
her gab es deren nicht wenige, die noch auf demselben Stück Land sas- 
sen, welches ihre Vorfahren seit länger als einem Jahrhunderte inne ge- 
habt; daher kam es denn auch, dass der englische Pächter, obwol die 
liegenden Gründe nicht ihm gehörten , sie doch gewissermassen als die 
seinigen, als erb- und eigenthümliche betrachtete, aber auch behan- 
delte, ihrem Anbau eine ganz andere Sorgfalt widmete, als sonst von 
blossen Miethern sich erwarten Hess. 

Und nicht weniger vorteilhaft als dies Moment ist der bäuerlichen 
Bevölkerung wie der Bodenkultur Albions der Umstand geworden, dass 
durch den habituellen Aufenthalt so vieler, und namentlich der begü- 
tertsten Familien der Aristokratie auf dem Lande jener reichströmende 
dauernde Erwerbsquellen eröffnet wurden. Während in Frankreich, 
Spanien, Italien und noch so manch' anderen Staaten, besonders im 
achtzehnten Jahrhundert, die Steuern, Pachtgelder u. s. w. des Land- 
mannes von den grossen Gutsbesitzern im prunkvollen Sündenleben der 
Residenzen vergeudet wurden, während der Luxus von Paris, Madrid, 
Neapel u. s. w. der Abgrund war, der den sauern Schweiss der Bauern 
ohne den mindesten Nutzen für diese selbst fort und fort verschlang, 
wanderte ein sehr beträchtliches Quantum der Einnahmen des britischen 
Adels von seinen Pächtern, durch dessen geAvöhnlichen Aufenthalt auf 
dem Lande während des grössten Theils des Jahres und den Luxus 
des Landlebens, wieder in die Taschen derselben. Dazu kamen noch 
die wohlthätigen Wirkungen des mächtigen Spornes der Eigenliebe. Ein 
britischer Edelmann, der während so vieler Monate auf seinen Gütern 
residirte, dort die Besuche so vieler Freunde und Bekannten empfing, 
würde sich ganz entsetzlich blamirt haben, wenn diesen dort der wi- 
drige Anblick verfallender Pächter- Wohnungen, schlechter Wege, ver- 
nachlässigter Felder, elenden Zugviehs u. s. w. entgegengetreten wäre. 
Darum setzte jeder ächte Sohn Altenglands seine Ehre darein, seinen 
Besuchern überall das Gegentheil zu zeigen , und half gern aus eigenen 



people of East Bergholt were furnished with the means of providing for themselves, and 
from the absence of many of these conditions at Wikham- Market, the morality and cir- 
cumstances of the inhabitants were far nearer zero, and they augmented the criminal ca- 
lendar in a far greater ratio. 

l ) Thaer, Einleitung z. Kenntniss d. englischen Landwirtschaft Bd. I, S. 22. 



311 



Mitteln nach, wenn die seiner Farmers dazu nicht ausreichten. Aufhelle, 
freundliche, gut eingerichtete Wohnungen nicht nur dieser, sondern auch 
ihrer Arbeiter und Tagelöhner 1 ), auf gut bestellte Felder u. s. w. hielt 
ein englischer Lord oder sonstiger grosser Grundherr eben so viel, als 
ein französischer Seigneur auf ein schönes Hotel und dessen brillante 
Einrichtung in Paris. 

Sehr natürlich mithin die ungemeine Ueberlegenheit der britischen 
Landwirtschaft 2 ) über die aller Continentalstaaten schon in der ZAvei- 
ten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und ihre fortwährend steigende 
Blüthe, die nicht minder gross, wenn schon weniger bemerkt, weil we- 
niger augenfällig Avar 3 ), als der wachsende Flor des englischen Handels 
und der englischen Industrie. Es ist ein auf dem Continent nur zu ge- 



1 ) Diese wohnten und wohnen noch in der Regel nicht bei den Pächtern, sondern in 
eigenen kleinen Häusern, Cottages genannt, Hütten (Huts) heissen nur die schlechtesten. 
Von diesen englischeu Tagelöhner-Cottages und den Verhältnissen ihrer Bewohner gegen 
Eude des achtzehnten Jahrhunderts gibt Kültner a a.O VII, 91 folgende Schilderung: «Diese 
Häuser sind äusserst kleiu aber reinlich, und ich habe mich oft an dem Glänze ihres hölzer- 
nen, kupferneu und zinnernen Geräthes ergötzt. Mehrentheils findet man denn doch da- 
riune einen Tisch von Eichenholz, eine Wanduhr, eine Schreibkommode yon Ei- 
chenholz, auch wohl tou Mahagony, denn der Engländer, selbst der ärmste, duldet 
wenn es nur immer möglich ist, kein ganz schlechtes Hausgeräthe. Selbst Bodentep- 
piche habe ich in den besseren derselben gesehen Auch sind sie (die Tagelöh- 
ner) eigensinnig in ihrem Brode, und es ist mehrentheils vom schönsten Weiss. 
Braunes Brod wollen sie in vielen Theilen von England durchaus nicht essen, und das 
braune Roggenbrod, das man in Sachsen auch oft auf besseren Tafeln sieht, ist hier so 
Terachtet, dass man gar keins bäckt. Ausserdem dass sie für andere arbeiten, pachten viele 
dieser Leute nebenher ein Stückchen Land von irgend einem Pachter.» 

2 ) — «die seit so langer Zeit ein Gegenstand der allgemeinen Bewunderung und oft 
der verunglückten Nachahmung gewesen,» äusserte schon im J. 1797 Graf Podewils in 
der Vorrede zu seiner deutschen Uebersetzung von Marshalls Beschreibung der Landwirth- 
schaft iu Norfolk 

3 ) Nach der sehr richtigen Bemerkung des ungemein sachkundigen Verfassers des 
trefflichen, im Folgender! viel benützten, Aufsatzes: Progress and Present State of Agri- 
culture in England im zweiundsechzigsten Baude (January 1836) der Edinburgh Review 
p. 319: But how paradoxical soever the assertion may at first sight appear, we are not sure 
that the improvement and extension of mauufactures (since 17(i0) can, all things conside- 
red, be truly said to have materially exceeded the advances made in agriculture. The re- 
sults of manufacturing and commercial improvement — the great towns, the factories, 
warehouses, docks, and other vast etablishments, and the iucrease of population and of 
wealth to which they give birth — arrest the attention of every one, and impress the mind 
with the most exalted ideas of their productive powers and capacities. Compared with them, 
the results of the most improved and skilful agriculture escape the public attentiou. They 
are spread over a wide surface; they have nothing striking or imposing about them; a 
crop of three quarters an acre does not appear very difTerent from one of four quarters; 
and a country imperfectly cultivated, especially if it be well wooded, may seem, to a com- 
mon observer, to be little inferior to, if it do not surpass, one that is cultivated iu the 
most approved and efficient mauner. 



312 

wohnlicher Irrthum, Albions in fast fabelhafter Progression sich fort und 
fort mehrenden Reichthum hauptsächlich von seiner kolossalen Handels- 
und Fabrikthätigkeit herzuleiten. Denn die Mutter dieser war 1 ) die 
Landwirthschaft im weitesten Umfange; dass man dies dort früh- 
zeitig erkannte und über die sorgsame Pflege der Töchter auch später 
die der Mutter nicht vernachlässigte, ist die eigentliche Quelle der an- 
gedeuteten Erscheinung. England ist bis zur Gegenwart mindestens 
eben so bedeutend, wenn nicht noch bedeutender als Ackerbau und Vieh- 
zucht treibender, wie als Handels- und Fabrik-Staat geblieben 2 ). 

Dieser eminente Aufschwung der Landwirthschaft in England, seit- 
dem dasselbe wie der freieste und von gewaltsamen Umwälzungen am 
meisten verschont gebliebene, wie der am besten regierte, so auch 
der Staat in Europa geworden ist, der jedem Eigenthume und je- 
der Arbeit den kräftigsten Schutz gewährte 3 ), erhellt nun ein- 
mal ganz unwidersprechlich aus der stetigen und ausserordentlichen Zu- 
nahme seiner Bevölkerung bereits im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts. 
Während Frankreich z.B., wie oben (S. 1 7 4) erwähnt worden, gegen dessen 
Ende nur ein Viertel mehr Einwohner zählte, als im Beginne dessel- 
ben, lebten in England und Wales (von welchen allein hier die Rede 



x ) Wie schon Thaer, a. a. 0. Bd. II, Abtheil. II, S. 161 sehr treffend bemerkte. «Schon 
von dieser Seite betrachtet,» äussert er unter anderen, «Hesse sich behaupten, dass Land- 
wirthschaft der erste Stamm des englischen National-Reichthums sei. Doch wir wollen den 
Manufactureu, dem Handel und der Seemacht ihren Werth keineswegs absprechen. Aber 
war nicht die Landwirthschaft ihre einzige Mutter, ihre erste Ernährerin? 
Würde sich die Bevölkerung bei dem Zustande, worin sich der Ackerbau vor dieser Epoche 
befand, je so haben vermehren können, dass Manufacturen, Kunstfleiss und Schiffahrt em- 
por gekommen wären? Ackerbauerzeugte, Ackerbau ernährte, Ackerbau er- 
zog das ganze Volk zur Arbeitsamkeit und Ausdauer. Er verschaffte den Städten, 
den Schiffen, den neuen Colonien die Nahrungsmittel zu massigen Preisen. Die Kornaus- 
fuhr gab den Matrosen Beschäftigung und vermehrte die Anzahl der Schiffe, trug also auch 

von dieser Seite dazu bei, die Seemacht zu ihrer gegenwärtigen Höhe zu bringen 

Landwirthschaft und Manufacturen gehen nur Hand in Hand sicher vorwärts. Sie 
müssen mit gleicher Sorgfalt vom Staate gepflegt, in gleicher Höhe und Kraft neben ein- 
ander erhalten werden. Um eins zu heben, das andere niederdrücken wollen, heisst: 
einen Fuss lähmen, damit der andere besser fortschreiten könne.» 

2 ) Wie daraus erhellt, dass nach der Schätzung' eines sehr sachkundigen Beurtheilers 
von 1833 mehr als die Hälfte alles britischen^Capitals, nahe an zwei Milliarden 
Pfund Sterling, est consacre ä l'agriculture. Pebrer T. II, p. 19. Vergl. noch Meidinger, 
das britische Reich in Europa S. 92 (Leipzig 1851). 

3 ) Mit gerechtem Stolze durfte darum auch schon Colquhoun, Ueber d. Wohlstand, d. 
Macht und Hülfsquellen d. britisch. Reichs Bd. I, S. 31 (a. d. Engl. v. Fick, Nürnberg 
1815. 2 Bde 4) bemerken: «In den britischen Besitzungen ist diese Sicherheit (des Ei- 
genthums) vielleicht fester bestimmt, als in irgend einem Lande der Welt. Der Schutz, der 
jeder Art von Eigenthum, im Verlaufe von Menschenaltern erworben, zugesichert ist, hat 
der Industrie einen Antrieb und Schwung gegeben, der gewiss nie bei irgend einer Nation 
oder irgend einem Reiche, in alten oder neuen Zeiten, gefunden worden ist». 



313 



ist) im J. 1700: 5,134,516; im J. 1750: 6,039,684; im J. 1780: 
7,814,827; im J. 1790: 8,540,738 und im J. 1800: 9,187,176 
Menschen 1 ). Eine Zunahme, relativ betrachtet, kaum weniger bedeu- 
tend, als die noch belangreichere, aber in dieser Proportion nicht mehr 
so vereinzelt stehende, der genannten Länder in der ersten Hälfte des 
laufenden Jahrhunders. England und Wales hatten nämlich im J. 1811: 
10,164,256; im J. 1821: 12,000,236; im J. 1831: 13,896,797; im 
J. 1841: 15,914,148 und im J. 1851: 17,927,609 Bewohner 2 ). Die 
beiden Länder zählten also z. B. im J. 1831 fast acht Millionen, d. h. 
etwa Einhundertunddreissig Procent mehr Eimvohner als im J. 1750. 
Höchst Avahrscheinlich bleibt man eher noch unter der Wahrheit, als 
dass man zu hoch greift, wenn man 3 ) annimmt, dass jeder Brite im J. 
1831 durchschnittlich für acht Pfund Sterling Brodfrüchte jährlich con- 
sumirte. Denn der grösste Theil von Albions Kindern, und zwar nicht 
bloss der wohlhabenderen, sondern selbst der ärmeren Klassen, genoss 
damals schon, wie jetzt, nur gutes, festgebackenes Weizenbrod, wel- 
ches man in Deutschland «Kuchenbrod» nennen würde; in Nordengland 
allein war und ist Gersten- oder Haferbrod die Nahrung der ärmeren 
Bevölkerung 4 ). Der beregte Verbrauch allein würde mithin schon eine 
jährliche Steigerung nur der Getreide -Produktion in den fraglichen 
Ländern selbst — denn dass und warum? die Einfuhr aus anderen 
hier nicht in Betracht kommt, werden wir sogleich erfahren, — im Be- 
trage von mehr als sechzig Millionen Pfund Sterling zwischen 
dem Anfangs- und Ausgangsjahre des beregten Zeitraumes, d. h. um 
das Doppelte des gleichzeitigen jährlichen Werthes 5 ) aller brittischen 
Baumwoll-Manufakturen ergeben. 

Allein zu dieser gewaltigen Vermehrung der menschlichen Ge- 
treide-Consumenten war, was von dem eminenten Aufschwung der Land- 
wirtschaft Albions ein zweites sehr sprechendes Zeugniss gibt, noch 
eine ungleich grössere derer aus dem Thierreiche gekommen. So be- 
sessen England und Wales z. B. schon in den ersten Decennien des lau- 
fenden Jahrhunderts mindestens drei bis vier Mal so viel Pferde als 
um die Mitte des vorigen 6 ). Da dieselben nun schon damals, wie jetzt, 



*) Edinburgh Review 1. c. p. 320. Mac Culloch, Account of the British Empire, T. 
I, p. 399. 

2 ) Mac Culloch a. a. 0. I, 400. 

3 ) Mit dem erwähnten Anonymus des Edinburgh Review p. 320 sq. 

4 ) Meidinger a. a. 0. S. 81. Vergl. Anmerkuug 4 auf Seite 314. 

5 ) Nach Baines, History of the Cotton Manufacture in GreatBritain (London 1835) be- 
lief sich dieser im J. 1833 auf 31,338,693 Pfund Sterling. 

6 ) Nach dem erwähnten Edinburgh Reviewer, der p. 322 noch bemerkt: In Lanca- 



314 

zumeist 1 ) mit Hafer und Gerste, Luxuspferde und Renner auch mit 
Weizen gefüttert wurden, da ein Pferd durchschnittlich mindestens zehn 
Quarters Hafer oder Gerste jährlich consumirt 2 ), so resultirt nur aus der 
beregten Vermehrung des englischen Pferdebestandes von der Mitte des 
vorigen bis zum Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts ein jährlicher 
Mehrverbrauch von zehn Millionen Quarters Getreide. Nun war die 
Einfuhr desselben aus fremden Staaten in jedem der vier Jahre vom 
Juli 1831 bis Juli 1835 sogar bei nur theils guten und theils mittel- 
mässigen Ernten so höchst unbedeutend 3 ), dass sie gar nicht in Betracht 
kommen kann, und die aus Irland betrug in der fraglichen Zeit jährlich 
nie über 2,600,000 Quarters. Hieraus folgt, dass schon allein die Ge- 
treide-Produktion in England und Wales so ausserordentlich gestiegen, 
dass dort selbst bei nur theils guten, theils mittelmassigen Ernten, nicht 
nur genug Getreide gewonnen wurde, um den ganzen Bedarf ihrer 
um einhundertunddreissig Procent vermehrten, und ungleich besser als 
früher genährten '*) Bevölkerung, sondern auch um drei Viertel des 
Bedarfs ihres so ausserordentlich erhöheten Reichthums an Rossen selbst 
zu decken. Welches andere europäische Land kann sich noch eines 
solch' eminenten Aufschwunges seiner Agrikultur rühmen? 

Was denselben aber ganz besonders merkwürdig und lehrreich 
macht, ist einmal der Umstand, dass der Boden Altenglands sich 
keineswegs sonderlicher Güte und Fruchtbarkeit erfreut, in 
der Hinsicht nicht nur von dem Italiens, sondern auch von dem Frank- 

shire, the West Riding of Yorkshire, and all the manufacturing districts, the increase in 
the number of horses has been alraost as greai as the increase of mannfactures ; and this 
also has been the case in London and in all the large towns. We are quite sure that we 
are within the mark when we say that there are at this momeut in Edinburgh, Glasgow, 
and Dundee, upwards of tiventy-five horses for every one that belonged to them in 1760. 

1 ) Loudon, Encyclopaedia of Agriculture p. i 005. 

2 ) Mac Culloch 1, 494. 

3 ) Schubert, Handbuch d. allgem. Staatskunde v. Europa, I, 2, 420. 

4 ) Out of the 6,000,000 of people in England and Wales in 1760, Mr. Charles Smith 
teils us that 888,000 were fed on rye. But at present we are quite sure there are not 
50,000 who use that species of grain. The rye eaters have universally almost been chan- 
ged into wheat eaters, and except in the county of Durham, where a mixture ofwheat and 
rye, called maslin, is grown the culture of rye is almost unknown. Nearly the same may 
be said of the consumption of barley. In the northern counties of England, at the middle 
of last Century, and for long after, very little wheat was used. In Cumberland, the princi- 
pal families used only a small quantity about Christmas. The crust of the goose pie, with 
wich every table of the county is then supplied, was, at the period referred to, almost uni- 
forrnly made of barleymeal. But no such thing is now ever heard of eyen in the poorest 
houses. Almost all individuals use wheaten bread, at all times of the year. It is, in fact, 
the only bread ever tasted by those who live in towns and yillages, and mostly, also, by 
those who live in the county. It has been the same every where throughout the Kingdom. 
Edinburgh Review 1. c. p. 323. 



315 

reichs 1 ) und Deutschlands bei weitem übertroffen wird; dann die That- 
sache, dass die Landwirtschaft in keinem andern Reiche der 
Christenheit schon seit lange so schwere Lasten zu tragen 
hatte und noch hat, als in Britannien. Da ist zuvörderst die Ar- 
mentaxe, zum Theil eine schlimme Bescheerung der Reformation. Kö- 
nig Heinrich VIII sah sich nämlich durch die grosse Unzufriedenheit, 
welche die Aufhebung der Klöster und der damit verknüpfte plötzliche 
Verlust der von ihnen ausgefeilten Almosen unter den bisherigen Em- 
pfängern derselben hervorrief, und die daher rührenden Volksaufstä'nde 
in verschiedenen Theilen des Reiches um so dringender aufgefordert, 
mittelst der öffentlichen Wohlthätigkeit ihnen Ersatz zu gewähren, da 
auch die gleichzeitige Steigerung des Preises aller Lebensmittel dazu 
gebieterisch mahnte. Seine diesfälligen , im J. 1536 getroffenen Anord- 
nungen 2 ) sind endlich (1601) von seiner Tochter, der Königin Elisabeth, 
durch eine mit Recht viel gepriesene und in der Hauptsache noch heute 
geltende legislative Massnahme ergänzt, oder vielmehr ersetzt worden, 
welche in jeder Gemeinde des Landes entweder wöchentlich oder in 
sonst passenden Zeiträumen, durch Schätzung eines jeden darin wohnen- 
den Besitzers von Immobilien oder Zehnten, die Sammlung von Geld- 
beiträgen verfügte, die hinlänglich wären, um einen Vorrath von Flachs, 
Hanf, Wolle u. s. w. zur Beschäftigung der noch kräftigen Armen 
anzuschaffen, ferner um denen, die untüchtig zur Arbeit seien, Unter- 
stützung zu gewähren und endlich für den Unterricht der Kinder zu 
sorgen. 

Theils durch die Ungeschicklichkeit der jährlich wechselnden Ar- 
menaufseher, die nicht nach ihrer Tauglichkeit, sondern der Reihe nach 
in den Gemeinden gewählt wurden 3 ), theils wegen der nur zu gewöhn- 
lichen Nachlässigkeit bei einer ungenügend controlirten Verwaltung Öf- 
fentlicher Gelder wurde jene weise Acte der grossen Königin nach und 
nach so modificirt, dass man in ihr die Verpflichtung fand, sowol den 
Armen, die keine Arbeit hatten, solche zu verschaffen, wie auch denje- 
nigen, die Kinder, in theueren Zeiten aber keinen ausreichenden Ver- 
dienst besassen, eine zur Ausgleichung des Missverhältnisses zwischen 
den gestiegenen Brodpreisen und ihren Löhnen genügende Zulage zu ge- 



x ) Eine sehr interessante Parallele des Klimas sowie der Bodenbeschaffenheit Frank- 
reichs und Englands giebt Laiergne in der Re?ue des deux Mondes, 1853, Janyier, p.263 sq. 

2 ) Näheres über diese wie über Englands Armeugesetze überhaupt bei Mac Culloch, 
Account II, 638 sq. und Lowe, England nach sein, gegenwärt. Zustande des Ackerbaues 
u. s. w. S. 335 f., deren Angaben den folgenden durchweg zu Grunde liegen. 

3 ) Schweitzer, Darstellung d. Landwirtschaft Grossbritanniens I, 129. 



316 

währen. Solchergestalt wurde die englische Armentaxe mithin etwas 
ganz Anderes, als das, was die öffentlichen Wohlthatigkeitsanstalten des 
Continents sind. Während diese, selbst in der wegen der Trefflichkeit 
derselben so lange berühmten niederländischen Republik, doch nur mit- 
tellose Alte und Gebrechliche, oder solche, die sich in der äussersten 
Dürftigkeit befanden, unterstützten, schuf die britische Armentaxe nicht 
allein einen Fond für Werke der Barmherzigkeit, sondern auch ein 
Egalisations-Institut des Arbeitslohnes für alle Zeiten und 
Umstände. Sehr natürlich mithin bei der fortwährenden Vermehrung 
der Bevölkerung und öfteren, hohe Kornpreise veranlassenden, Missern- 
ten des Inselreiches das fast stetige Anschwellen des Betrages der Ar- 
mentaxe seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts. So belief sich jener 
hier z. B. in jedem der drei Jahre 1748, 1749 und 1750 durchschnitt- 
lich nicht über 700,000 Pfund Sterling, im J. 1760 aber schon auf 
950,000 und ein Decennium später auf 1,306,000 Pfund. Im J. 
1800 wurde England durch diese Armensteuer mit 3,861,000, und im 
J. 1812 gar mit 6,580,000 Pf. St. belastet; im J. 1815 verminderte 
sich diese Bürde, in Folge bedeutenden Sinkens der Getreidepreise, auf 
5,418,846, erreichte im Jahr 1818 ihr seitdem nie wieder erlebtes 
Maximum von 7,870,801, verminderte sich in jedem der drei Jahre 
1823 bis 1825 durchschnittlich auf beiläufig 5,760,000, im J. 1837 
gar auf 4,044,741 und hat seit dem Anfange der vierziger Jahre des 
laufenden Jahrhunderts fünf Millionen Pfund Sterling jährlich selten über- 
stiegen, häufiger jedoch nicht erreicht (so z. B. 1840 nur 4,576,965; 
1841: 4,760,929). 

Die Wucht dieser Armentaxe lastete nun mit besonderer Schwere 
auf Englands Agrikultur-Distrikten, in weit höherem Grade als auf sei- 
nen Industrie-Bezirken 1 ). Einmal, weil der Verdienst der Feldarbeiter 
ungleich geringer, kaum halb so gross war und ist, als der der Fabrik- 
arbeiter 2 ). Dann, weil die Armenunterstützung besonders von jenen nur 



1 ) Sehr unterrichtend ist hierüber eine in dem gediegenen Aufsatz: Einige Beiträge 
z. Kenntniss des jetzigen Englands, abgedruckt in der (Cotta'schen) deutschen Yierteljahrs- 
Schrift, 1842, Heft I, S. 9 aus den officiellen Berichten der Armen-Commission gegebene 
Zusammenstellung der im J. 1837 in allen englischen Grafschaften bezahlten Armentaxe. 
Man ersieht daraus, dass diese gerade in den fruchtbarsten, in den eigentlichen Korn- 
Landschaften Albions, in Buckinghamshire, Essex, Norfolk u. a. durchschnittlich 8 Schill. 
67 2 Pence (2 Thlr. 28 Silbergr. Preuss.), in allen Agrikultur- Grafschaften zusammen 
durchschnittlich 7 Schill. 8 Pence (2 Thlr. 19 Silbergr. Preuss.) für jedes Individuum be- 
trug, in den Fabrik-Grafschaften durchschnittlich aber nur 5 Schill. l / 2 Pence (1 Thlr. 22 
Silbergr. Preuss.) per Kopf. 

2 ) Auch hierüber a. a. 0. S. 11 interessante Nachweisungen aus den amtlichen Be- 
richten der Armen-Commission ?om J. 1831, aus welchen erhellt, dass damals eine aus 



317 



zu oft ganz abscheulich missbraucht, gleichsam als eine schuldige Staats- 
pension betrachtet f ), und die Arbeit von ihnen nur gelegentlich neben- 
bei, zum Verdienste eines Trinkgeldes im wahren Sinne des Wortes be- 
nützt wurde, welch' argem Unfuge erst durch die seit dem J. 1834 er- 
lassenen strengen Armengesetze wirksam gesteuert worden. 

Dazu kam nun noch, geringerer, wie z.B. der Fenster-, Wege- und 
Milizabgaben nicht zu gedenken, die sehr bedeutende, im J. 1692 von 
König Wilhelm III eingeführte und seitdem permanent gewordene Land- 
taxe, die dem Staate zu bezahlende Grundsteuer und die schwere Bürde 
des an die Kirche meist 2 ) in Natura zu entrichtenden Zehnten, welcher 
auf die LandAvirthe besonders deshalb gar empfindlich drückte, weil der- 
selbe nicht vom Rohertrage, sondern 3 ) selbst nach dem Masse des von 
ihnen in den Boden gesteckten Kapitals, auch von Gründen gegeben wer- 
de® musste, die vorher nicht Ackerland waren, ihnen somit die Früchte 
ihrer Verbesserungen und darum nur zu oft die Lust zu solchen raubte 4 ). 



Tier Köpfen bestehende Feldarbeiter-Familie wöchentlich nicht mehr als 16 Schill. 1 Pen. 
erwarb, der Verdienst der schlechtbezahltesten, aus derselben Personenzahl bestehenden 
Feldarbeiter-Familie aber mehr als das Doppelte betrug. 

1 ) Eine sehr charakteristische bezugliche Anekdote erzählt Glyde, Suffolk in the ni- 
neteenth Century p. 169: In the year 1824 Mr. Gooday, of Sudbury, had undertaken to 
lower a hill, for the improvement of a road in that town, for which he required many ad- 
ditional laborers. As there were no able-bodied laborers out of employ in Sudbury he went 
to a neighbouring agricultural parish and hired several laborers, selecting those with fa- 
milies, to whom he let a certain portiou of the work at a price by which they were enabled 
to earn 2 sh. 6 d. per day, and on the following Saturday he paid the men 15 sh., the 
amount of their week's work. One man afterwards asked Mr. Gooday if he had any objection 
to allow another man to work in his place the next week. Mr. Gooday told him he could 
have no objection, but asked him why he wished to give up the employment, as he had 
selected him because he had a family to maintain. «Why,» said the man, «I have been wor- 
king hard all the week and have only earned eighteenpence\y> «Eighteenpeuce!» said Mr. 
Gooday, «why I have just paid you 15 sh. for your week's work.» «Yes, sir,» replied he, 
«but 1 was entitled to 13 sh. 6 d. for my scale alloivance.» As might be expected, this 
man left the work at 15 sh. per week, and returned to his parish for scale allowance. 

2 ) Denn hie und da war er schon im vorigen Jahrhundert in eine Geldabgabe umge- 
wandelt worden. Thaer, Einleitung Bd. III, S. 87. 

3 ) Nach der Bemerkung Westerns im Unterhause v. 7. Merz 1816: Europäische An- 
nalen 1817, Bd. IV, S. 365. 

4 ) It is clear, that the subjecting of land to so heavy a tax as a tenth part of the gross 
produce, without any deduction for any part of the expense incurred in cultivation, must 
be a very great discouragement to the outlay of capital upon it. All agricultural authorities 
admit that the influence of tithe has been in this way most pernicious. Dr. Paley, who 
cannot be suspected of fayouring any opinion adverse to the real interests of the church, 
has not hesitated to say that. « Of all institutions, adverse to cultivation and improve- 
ment, none is so noxious as that of tithes. A claimant,» he continues, «here enters into 
the produce, who contributed no assistance whatever to the production. When years, per- 
haps, of care and toil have matured an improvement, when the husbandman sees new 



318 

Die deshalb wiederholt und dringend, besonders im J. 1816 , geforderte 
Umwandlung dieses Natural-Zehnten in eine bestimmte Geldabgabe wurde 
indessen erst im J. 1836 durchgesetzt; er lastete mithin noch während 
des ganzen oben verglichenen Zeitraumes in seiner vollen Schwere auf 
Englands Ackerbau, der, Alles erwogen, auch jetzt noch fünfmal so 
hoch besteuert ist als z.B. der Frankreichs. Denn während von einer 
Hectare hier im Ganzen fünf Francs an jährlichen Abgaben zu entrich- 
ten sind, müssen in England und Wales davon nicht weniger als fünf- 
undzwanzig Francs, nämlich acht Schilling vom britischen Acre, be- 
zahlt werden 1 ). In welch' anderm europäischen Staate vermag die Land- 
wirtschaft noch solche Lasten zu tragen und daneben zu immer fröhli- 
cherem Gedeihen sich emporzuschwingen? Kann man einen sprechendem 
BeAveis als diesen erbringen von dem unermesslichen Reichthum, der dem 
Boden selbst eines von der Natur nicht sonderlich begünstigten Landes 
sich abgewinnen lässt, wenn derselbe von freien und intelligenten, 
durch den mächtigsten, durch den Sporn des eigenen Vortheils zur 
möglichsten Anspannung ihrer Kräfte fort und fort aufgestachelten Men- 
schen bewirtschaftet wird? 

Der erwähnten Umwandlung der Natural-Zehnten in eine Geldab- 
gabe 2 ) schloss sich im J. 1841 auch die Ablösung derjenigen Leistungen 
an, die den Copyholders bis dahin gegen ihre Gutsherren obgelegen. 
Diese Erbpächter hatten letzteren nämlich bei Sterbefällen für die Er- 
neuerung des Pachtvertrages eine gewisse Gebühr zu entrichten, und ne- 
ben den Grundzinsen noch manche, wenn schon im Ganzen nicht eben 
erhebliche Lasten zu tragen. Da sie noch ungefähr den achten Theil 
des englischen Bodens bewirthschaften 3 ), und die von ihnen längst leb- 
haft gewünschte Umwandlung in Freeholders bislang immer nur in dem, 
mit vielen Schwierigkeiten verknüpften, Wege partieller Uebereinkünfte 
erlangt werden konnte, schritt das Parlament endlich im genannten Jahre 



erops ripening to his skill and industry; the moment he is ready to put his sickle to the 
grain, he linds himself compelled to divide his harvest with a stranger.» Mac Culloch II, 269. 

1 ) Lavergne in der Revue des deux Mondes, Mars 1853, p. 922. 

2 ) «Es tritt zunächst eine Verwandlung in eine Geldrente ein, welche durch einen 
Werthanschlag des Zehnten nach den letzten 7 Jahren vor Weihnachten 1835 festgestellt 
wird. Der so gefundene Jahresertrag wird in eine feste Kornrente verwandelt, und diese 
wieder nach den Durchschuittskornpreisen der letzten 7 Jahre in Geld abgeführt. Die Ab- 
lösung kann entweder durch freiwilliges Abkommen erfolgen, wobei eine gewisse Quote 
der Interessenten einwilligen und die Commission den Recess bestätigen muss; oder es 
tritt ein Zwangsverfahren ein, bei welchem der Gesammtwerth der Zehnten des Kirchspiels 
ermittelt und die entsprechende Kornrente auf die zehnpflichtigen Grundstücke yertheilt 
wird.» Gneist, das heutige englische Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Bd. I, S. 480. 

3 ) Gneist a. a. 0. I, 244. 



319 



mit einem Gesetze ein, welches die fragliche Umwandlung im Wege 
freiwilliger Vereinigung möglichst zu fördern suchte. Als man aber 
nach Verlauf eines Decenniums noch keine belangreichen Resultate die- 
ser Massnahmen gewahrte, — es waren bis dahin nicht mehr als 445 
freiwillige Regulirungen zu Stande gekommen — , wurde vom Parla- 
mente im J. 1852 auch die zwangsweise Ablösung zugelassen, sowol 
dem Grundherrn wie dem Bauer in einer Reihe von Fällen die Befugniss 
eingeräumt, die Ablösungen zu erzwingen. Sie erfolgen durch Land, 
welches dann wieder zu Zwecken der Bodenkultur verpfändet werden 
darf; kleine Antheile bis zu 4 1 / Pfund Sterling Geldwerth sind auch in 
Geld ablösbar. Seitdem hat dies Ablösungsgeschäft ganz erheblich zuge- 
nommen, wenn schon nicht so bedeutend als die eine Jahrwoche früher 
(1845) vom Parlamente verfügte allgemeine Ablösung auch der Gemein- 
heits-Theilungen, Gemeinde-Servituten und Nutzungsrechte 1 ). 

Der in der beregten Weise erzielten Umwandlung einer Menge frü- 
herer Copyholders in Grundbesitzer ist es denn auch gutentheils bei- 
zumessen, dass England und Wales, die deren, wie oben (S. 303) be- 
rührt Avorden, im J. 1831 kaum noch 20,000 zählten, jetzt mindestens 
zehn Mal so viel 2 ), natürlich meist kleine, wieder aufweisen können. 
Sehr wesentlichen Antheil hieran hatte indessen doch auch die inzwi- 
schen (1849) erfolgte völlige Abschaffung der britischen Kornzölle. 
Da diese schon lange vor ihrem wirklichen Eintritte vorhergesehen wurde, 
und viele Landeigentümer von ihr eine gewaltige Entwertung des Grund 
und Bodens durch förmliches Herabstürzen der Pachtschillinge befürchte- 
ten, waren sie sehr geneigt zur Veräusserung eines Theiles ihres Be- 
sitzes, mitunter wol auch ihres ganzen. Muthige und schärfer blickende 
Speculanten, die diese Besorgnisse nicht theilten, benützten das reichlich 
zu vorteilhaften Güterankäufen, sowol zur Selbstbewirthschaftung, als 
zur spätem Weiterveräusserung an Dritte. 

Es ist überaus merkwürdig und lehrreich zu betrachten, wie sehr 
die in dem seit der beregten Aufhebung der englischen Korngesetze ver- 
flossenen Decennium gemachten Erfahrungen die Verfechter der Letzte- 
ren Lügen gestraft, und wie glänzend sie die Voraussicht der erwähnten 
klugen Güterspeculanten bestätigt haben 3 ). Zuvörderst muss die Thatsache 
hervorgehoben werden, dass in jedem der Jahre 1840 bis 1846 die 



1 ) Gneist, I, 481 f. 

2 ) Mac Culloch I, 451. 

3 ) Das Folgende ganz nach dem trefflichen Aufsatze: Die Erfahrungen der Freihan- 
delsgesetzgebung in Grossbritannien, in der deutschen Vierteljahrs - Schrift 1859, Heft 
II, S. 236 f. 



820 

jährliche Getreideeinfuhr in England durchschnittlich nur etwas über drei 
Millionen, in jedem der Freihandelsjahre 1849 bis 1857 aber durch- 
schnittlich 8,880,000 Quarters, also fast das Dreifache betragen hat. 
Da sollte man nun meinen, bei dieser starken Einfuhr habe Britannien 
selbst weniger Halmfrüchte bauen können, als früher, und doch ist ge- 
rade das Gegentheil der Fall, wie die sachkundigsten Landwirthe 
Albions versichern. Nach ihrer Aussage hat der Weizenbau nur in eini- 
gen Distrikten, wo er bislang auf allzu ungünstigem Boden betrieben 
wurde, an Ausdehnung verloren, im Allgemeinen aber zugenommen. 
Noch denkwürdiger und unerklärlicher auf den ersten Anblick dürfte man 
es finden, dass seit der Abschaffung der Kornzölle die Pachtschillinge 
nicht allein nicht gefallen, sondern sogar gestiegen sind, wie 
ganz unwidersprechlich aus der Thatsache erhellt, dass im J. 1848 die 
grundsteuerpflichtige Rente 46,718,399, im J. 1857 aber 47,109,113 
Pfund Sterling betrug. Das ist freilich nur eine Steigerung von 390,714 
Pf. Sterl., aber man darf nicht übersehen, wie beträchtlich die landwirt- 
schaftlichen Fluren seitdem durch den Anbau von Wohnhäusern und die 
Eisenbahnen an Raum eingebüsst haben. Die Verluste der ersten Art hat 
der Economist, ein anerkannt sehr competenter Beurtheiler, auf eine 
Rente von 703,857, die Verluste der andern Art auf eine Million Pfund 
Sterling jährlicher Rente geschätzt; zuzüglich dieser Veräusserungen von 
1,703,857 Pf. St. Rente hat also das grundsteuerpflichtige Jahresein- 
kommen der englischen Landwirtschaft sich um mehr als zwei Mil- 
lionen Pf. Sterl. erhöht; die Grundeigentümer stehen sich mithin 
nach Aufhebung der Kornzölle besser als zuvor. 

Aber selbst wenn dem nicht so wäre, wenn sie nur den nämlichen, 
nicht einen höheren Pachtschilling bezögen, würden sie durch den in 
Rede stehenden Kaiserschnitt Robert Peels schon als Consumenten 
gewonnen haben, wenn gleich nicht in dem Masse, wie die arbeitenden 
Klassen, bei welchen die Ernährungskosten eine so bedeutende Quote 
des häuslichen Budgets bilden. Denn auch den höheren kommt die Wohl- 
feilheit der Lebensmittel unmittelbar durch die, wenn auch bei ihnen nicht 
so gewichtigen, Ersparnisse im eigenen häuslichen Budget, und mittelbar 
durch das Heruntergehen der Arbeitslöhne zu Gute, deren Höhe doch 
immer abhängig ist von der Höhe der Ernährungskosten der Arbeiter. 

Diese auf den ersten Anblick so befremdlichen Erscheinungen finden 
ihre ganz natürliche Erklärung nun einmal in der Thatsache, dass die 
Abschaffung der Schutzzölle sehr viel neues Terrain für den englischen 
Ackerbau geschaffen hat durch die von ihr gebotene fortschrei- 
tende Lichtung der Wälder. Seit der Aufhebung des Zolles auf 



321 

fremdes Bauholz wurde diese nämlich zu einer wirtschaftlichen Not- 
wendigkeit, insofern der Wald nicht mehr die durch den Schutzzoll erhö- 
hete Rente genoss. Wem die beregte Verminderung der Wälder bedenk- 
lich erscheinen mag, muss sich daran erinnern, dass diese auf einer In- 
sel mit vorherrschendem Seeklima nicht die meteorologischen Dienste als 
Ansammler und Sparer der Feuchtigkeit zu leisten haben, wie im Innern 
der Continentalstaaten; in England fallt nur zu viel Regen, selten zu wenig. 
Daher vornehmlich die berührte Vermehrung des dem Körnerbau ge- 
widmeten Gebietes. 

Zweitens ist durch die Abschaffung der Kornzö'lle, zum Theil schon 
wegen der stetig fortschreitenden bedeutenden Vermehrung der Einwoh- 
nerzahl und des Wohlstandes 1 ), lange kein solches Herabstürzen der Ge- 
treidepreise herbeigeführt worden, wie man glaubte. Während der Durch- 
schnittspreis des Quarters Weizen in der Zeit von 1840 bis 184-8 57 
Schill. 3 Pen. betrug, stellt er sich von 1849 bis 1857 auf 54 Schill. 
5 Pen. heraus, und ebenso verhält es sich mit anderen Halmfrüchten. So 
Avar der Durchschnittspreis der Gerste im ersten der genannten beiden 
Zeitabschnitte 33 Schill. 4 Pen. und im zweiten 32 Schill. 5 Pen.; der 
des Hafers im ersten 22 Schill. 5 Pen. und im zweiten 22 Schill. 

Drittens, und das ist die vornehmste Ursache der fraglichen Er- 
scheinungen, war das seit Abschaffung der Korngesetze verflossene De- 
cennium für die britischen Grundeigentümer wie Pächter eine 
grosse Schule. Sie haben sich überall um Ersparnisse bemüht und 
den Betrieb, namentlich durch Beziehen von Maschinen, viel wohlfeiler 
eingerichtet. Die Pflege des Bodens ist eine viel grössere geworden, und 
die mechanische Bearbeitung der Felder wird in Folge jrrossartiger Ver- 
besserung der Ackerbauwerkzeuge viel energischer betrieben. Daneben 



l ) Von der ausserordentlichen Steigerung des Letztern in der jüngsten Vergangen- 
heit geben besonders zwei Thatsachen ungemein sprechendes Zeugniss. Bekanntlich lässt 
sich die Erhöhung des Nationalwohlstandes am sichersten aus dem Wachsthnm der Kopf- 
antheile an der Verzehruug solcher Gegenstände erkennen, die nicht zu den eigentlichen 
Lebensbedürfnissen, sondern zu den höhern Geuussmitteln zählen. Für England ist da 
nun der Zuck er verbrauch der sicherste Gradmesser des Volkswohlstandes, weil die 
Briten, wenn sie können, narcotische Getränke (Thee und Kaffee) so sehr Torziehen. Nun 
betrug in England der Zuckerverbrauch im J. 1845 17 Pfund, im J. 1858 aber 35 3 / 4 Pfund 
per Kopf! Dabei muss bemerkt werden, dass der Preis des Zuckers nicht sehr bedeutend 
gefallen Avar; der Centner verzollter Zucker kostete im J. 1845 47y 2 und im J. 1858 41 
Schill. Die zweite der fraglichen Thatsachen ist die gewaltige Verminderung der mit- 
telst der oben erwähnten Armentaxe Unterstützten. Diese bildeten noch im J. 1849 
6,2 Procent der Gesammtbevölkerung; damals war der Preis des Weizens sehr niedrig, 
der Quarter kostete nur 44 Schill. Im J. 1855 aber 74 2 / 3 Schill., und trotz dem betrug die 
Zahl der mittelst der Armentaxe Unterstützten in diesem Jahre nur 4,8 Procent der Bevöl- 
kerung! Deutsche Vierteljahrs-Schrift 1859, II, 227 240 

Sagenheim, Gesch. d. Aufh. d, Leibeig. 21 



822 

konnten sie auch neue Entdeckungen benutzen, wie zumal die Entwässe- 
rung des Bodens durch Thonröhren, den Guano und chemische Dungmit- 
mittel. Fragt sich: Wären diese Dinge nun nicht auch erfunden und be- 
nützt worden, selbst wenn man die Kornzölle nicht abgeschafft hätte? 
Erfunden? Vielleicht. Benützt, und namentlich so umfassend be- 
nützt? Schwerlich. Der Mensch entwickelt nämlich einen viel grös- 
seren Aufwand an Scharfsinn und an Thätigkeit, wenn er einen ihm 
drohenden Verlust abzuwenden oder zu ersetzen hat, als wenn 
ihn nur Gewinn lockt. Im letztern Falle lässt er es oft viel lieber bei dem 
sichern Alten, als dass er das unsichere Neue ergreife. Heisst es aber: 
«Friss Vogel oder stirb», so bequemt sich der Vogel schon zum Fressen. 



DRITTES KAPITEL. 

Schottlands bäuerliche Zustände boten noch in der ersten Hälfte 
des achtzehnten Jahrhunderts einen gar unerquicklichen Anblick, trotz 
dem dass auch hier, wie in England, die Leibeigenschaft des Land- 
volkes zwar nicht gesetzlich aufgehoben, aber doch schon längst that- 
sächlich erloschen, obsolet geworden war. Es scheint das die einzige 
gute Folge der fast unaufhörlichen Kämpfe zwischen den, meist kraftlo- 
sen und missachteten, Königen 1 ) und ihrem eben so unbotmässigen wie 
mächtigen Adel, sowie der ewigen Fehden der Grossen dieses überaus 
schwach bevölkerten 2 ) Landes untereinander gewesen zu sein, in wel- 
chen letztere eben deshalb des Armes ihrer Leibeigenen zu dringend 
bedurften, um sie nicht mit Milde zu behandeln, um nicht ihre Umwand- 
lung in hörige Erbpächter, hier früher, dort später, zuzulassen, ne- 
ben welchen noch, besonders seit der durch die Reformation bewirkten 



1 ) Brodie, History of the British Empire from the Accession of Charles I to the Re- 
storation T. I (Introduction), p. 383: The little respect paid to royalty is conspicuous in 
every page of Scottish history. Few of their Kings died a fair death: aud it seems to have 
been a matter of great importance to get a prince into their custody. Sehr charakteristisch 
ist eine gelegentliche Bemerkung yon Chambers, The Life of King James the First T. 1, 
p. 209 (Edinburgh 4830. 2 vols.): In the rüde times under review before standing armies 
were known, it icas often foiind impossible to suppress a rebellions noble by any other 
plan than that of granting a commission to bis chief feudal enemy, empowering him to 
proceed against the obnoxious person with the double prospect of gratified revenge and 
cupidity. James iu prosecuting the Popish Earls was obliged at first to resort to this dan- 
gerous expedient. Denn das geschah noch im J. 1594, kaum ein Decennium vor der Er- 
hebung dieses Monarchen auf den englischen Thron. 

2 ) Mac Culloch, Account I, 427. 



828 

Einziehung der Kirchengüter und Umwandlung ihrer seitherigen Pächter 
in Grundbesitzer 1 ), ein nicht unbedeutender Stamm kleiner bäuerlicher 
Landeigentümer sich herangebildet. 

Für die grosse Mehrheit des schottischen Landvolkes war die im J. 
1603 erfolgte Personalunion Albions und Caledoniens, d. h. die Ver- 
einigung der Kronen beider Reiche auf dem Haupte König Jakobs I, 
ein nichts weniger als glückliches Ereigniss. In noch ungeschmälertem 
Besitze seiner alten Herrenrechte, und namentlich der Patrimunial - 
Gerichtsbarkeit über seine Hintersassen, missbrauchte 2 ) besonders 
der sehr beträchtliche Theil des Adels, der dem Sohne Marien Stuarts 
nach London gefolgt war, seine Gewalt dazu, seine Einkünfte durch 
übertriebene Steigerung der Grundzinsen und Pachtgelder und noch durch 
schlechtere Mittel zu vermehren, da der immer höher steigende Aufwand 
am Hofe des entfernten Königs fort und fort grosse Summen verschlang. 
Noch weniger als Jakob 1 fanden die späteren Stuarte sich bemüssigt, 
des Landmannes gegen jene kleinen Tyrannen sich irgendwie anzuneh- 
men. Sie suchten vielmehr die Unterstützung des schottischen Adels, 
deren sie bei den schweren Kämpfen, die sie in England zu bestehen 
hatten, gar sehr bedurften, vornehmlich dadurch zu geAvinnen, dass sie 
den Bauer, Pächter wie Grundeigentümer, seinen Bedrückungen und 
Vergewaltigungen völlig schutzlos preisgaben. Sehr natürlich mithin, 
dass dessen Lage nur zu bald eine unbeschreiblich traurige ward. Die 
betreffenden, allzu düster scheinenden Schilderungen der Offiziere Crom- 
wells 8 ) werden durch den Vorschlag Fletchers: zur Erleichterung 
des Elendes der schottischen Landleute die Haussklaverei unter 
ihnen einzuführen 4 ), die mit jenen im Wesentlichen übereinstimmen- 
den anderer Berichterstatter 5 ), so wie durch die häufigen Hungerjahre, 



1 ) Lawson. The Episcopal Church of Scotland from the Reformation to the Revolution 
(4559 — 1688) p.437 (Edinburgh 1844): The feuars of churchlands were similarly confirmed 
in their usurped rights, and from tenants they became proprietors. Bythis seizure of the 
church lands the cultivators of the soil and the peasantry were not in the least degree be- 
nefited, or their social condition improved. 

2 ) Loudon, Encyclopaedia of Agriculture p. 45. 

3 ) In the accounts transmitted by Cromwell's army in 1650, then in the riebest dis- 
trict of Scotland, we meet a loathsome picture of wretchedness: «That the countrymen 
were so enslaved to their lords, that they could not get any tbing considerable of their 
own beforehand ; and many of their women were so sluttish, that they did not wash their 
linen above once amonth, nor their hands and faces above once ayear.» Brodie a.a.O. 1,433. 

4 ) Brodie I, 434. 

5 ) Lord Kaimes that excelleut judge of mantind and souud agriculturist declares, in 
strong terms, that the tenantry of Scotland, at the end of the seventeenlh and beginniog 



324 

die noch wahrend des siebzehnten Jahrhunderts Schottland heimsuchten 1 ), 
in der Hauptsache nur zu sehr bestätigt. 

Bessere Zeiten für dieses und seine Agrikultur-Bevölkerung, sollte 
man glauben, hatte die im J. 1707 erfolgte auch legislative Vereini- 
gung Schottlands mit England, d. h. die der bislang noch immer ge- 
trennten Parlamente beider Reiche zu einem einzigen, bringen müssen, 
Dem war jedoch nicht so. Die ungeheuere Opposition, welcher diese, 
für Caledonien nachmals so überaus segensreich gewordene, Massregel 
bei allen Klassen seiner Bevölkerung, selbst bei der dadurch doch sehr 
gewinnenden presbyterianischen Geistlichkeit, sowol zur Zeit, wo sie pro- 
jektirt wurde, wie noch lange nach ihrer Ausführung begegnete 2 ), hatte 
nämlich, um die gefährlichste, die des mächtigen Adels, zu mindern, zu 
dem beklagenswerthen Zugeständnisse genöthigt, dass die Schottländer 3 ) 
noch ihre besonderen privatrechtlichen Gesetze und Gerichtshöfe, und 
folglich auch die Edelleute ihre altherkömmliche Patrimonial-Gerichts- 
barkeit über ihre Hintersassen behalten durften. So lange sie aber im 
Besitze dieser blieben, war an keine Minderung der totalen Abhängigkeit 
der Letzteren 4 ) von ihnen, an keine nur irgend nennenswerthe Verbes- 
serung der Lage des Landvolkes, und damit auch an keinen Aufschwung 
der Landwirthschaft zu denken. Denn gleich den Baronen Neapels und 



of the eighteenth Century, were so benumbed with oppression or poverty, that the most 
able instructor in husbandry would kave made nothing of them. London, Encyclopae- 
dia p. 128. 

1 ) Besonders schrecklich war die letzte Jahrwoche desselben, die Zeit von 1693 bis 
1700, die «seven ill years» genannt. Duriug the «seven ill years» the distress was so 
great that several extensive parishes in Aberdeenshire, and other parts of the country, 
were nearly depopulated; and some farms remained unoccupied for several years after- 
wards. Mac Culloch I, 427. 

2 ) Lawson, History of the Scottish Episcopal Church from the Revolution to the pre- 
sent Time p. 188 (Edinburgh 1843): In 1707 the union was carried into effect amid the 
most riotous Opposition of the Scottisch people, who imagined that their country was be- 
trayed, sold, and prostrated by this important measure, and whose constant theme of com- 
plaint for two succeeding generaüons was the «sorrowful Union», to which they ascribed 
every calamity which yisited the Kingdom... . The Union gave a security to the Presbyte- 
rian Establishment which it did not previously possess. 

3 ) Biener, Das englische Geschwornengericht Bd. II, S. 248. 

4 ) — whilst the subjects do not see the king, either in the benefits they receive, or 
the punishment they feel, hence arises a dangerous and unconstitutional dependence. And 
how can it be otherwise? The people will follow those, who have the power to protect 
or hurt them; and this dependence will operate most strongly in the uncivilized part of 
any country, remote from the seat of government. The ill effects of it in Scotland were 
seen long since, are allowed in the writings of their greatest lawyers. Stelle aus der Rede 
des Lordkanzlers Hardwicke im Oberhause, 17. Febr. 1747, bei Hansard, Parliamentary 
History of England T. XIV, p. 20. 



325 



Siciliens 1 ) besassen auch die schollischen 2 ) nicht nur die Civil- sondern 
selbst die Griminal-Jurisdiction über ihre Grundholden, und thatsäch- 
lich ohne wirksame Controle, konnten also nicht nur körperliche Züchti- 
gungen und schwere Kerkerstrafen, sondern auch Verstümmlungen und 
selbst den Tod nach eigenem Ermessen verhängen. Es ist leicht zu er- 
rathen, wie oft und masslos eine solche Machtvollkommenheit missbraucht 
zu werden pflegte. Deshalb hatte auch schon König Jakob I einen Plan 
zur allmähligen Beseitigung dieser «wahren Calamität» Schottlands, wie 
er das fragliche Verhaltniss nannte 3 ), entworfen und mit dessen Ausfüh- 
rung auch bereits den Anfang gemacht 4 ); allein durch seine Erhebung 
auf Englands Thron gerieth sie ins Stocken und ward von ihm über 
dringlichere Angelegenheiten bald völlig vergessen. 

Darum war für Caledoniens Bauernstand der blu